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KOBUTO Peter Behrbohm

Alles dreht sich. Hinter den langen Fensterbändern fliegt die Stadt vorüber. Von irgendwoher sprühen Funken und dann der Knall. Be­ stuckte Fassaden tanzen von der Bewegung verzerrt Ringelreihe. Überall wirbeln Motorenteile. Fragmente von Blech und Beton – und dazwischen bekritzeltes Papier, wild zerstoben in DIN A4. Noch im­ mer mit beiden Händen das lose Lenkrad umklammernd, gleitet der Fahrer durchs Bild. Ein älterer Herr mit kleiner runder Brille und dunkelblauem Rollkragen. Eben duckt er sich weg vor einem rosa la­ ckierten Pleuel, der ihn beinahe erwischt hätte. Fasziniert blickt er dem Metallteil hinterher. „Viel besser!“, ruft er.1 „Viel besser! End­ lich vollkommen in seine Bestandteile zerlegt, das Auto!“ Unterdes­ sen kollidiert der Scheibenwischer wild gestikulierend mit dem Er­ satzrad und beide machen sich in entgegengesetzte Richtungen davon. „Montiert bewegt es sich, aber zerlegt begeistert es mich!“ Der metallicblau lackierte Motorblock durchbricht eine Häuser­ wand und hinterlässt ein großes Loch in den Ziegelsteinen, die Fas­ sade schaukelt bedrohlich. Ein junger Mann, gebannt in das Okular einer großen Filmkamera schauend, trudelt mit der an ihn gegurte­ ten Rücksitzbank um den gemeinsamen Schwerpunkt und ver­ schwindet langsam in einer großen Staubwolke. Zwei Altbauten hat es wohl erwischt. Wie Spielklötze liegen sie nun auf der Seite. Ge­ rade klettern die ersten Bewohner aus den Fenstern und beginnen noch unsicheren Schrittes auf der Fassade herumzulaufen. Wie durch ein Wunder ist niemandem etwas passiert. Ein paar Personen treiben noch hilflos im Raum. Einer strampelt mit den Beinen und bläst mit aller Kraft in sein Saxophon. Ein anderer klammert sich an die große Planrolle, als wäre sie ein Rettungsboot. Darauf heißt es mit dicken Strichen: „Kobuto“.2 Dabei hatte alles so harmlos begonnen. Berlin-Lichterfelde Süd, ein Tag im Frühling, dreizehn Minuten vor neun. Gebüsch sprießt aus dem Zaun, der den wilden Garten zur Straße hin zu umschließen versucht. Zwischen Gestrüpp und Laub versteckt sich ein Gebäude, nicht besonders groß, aber dafür umso höher. Seitlich an dem drei­ stöckigen Hochhaus ist eine blaue Tür, auf den Klingelschildern steht nichts, nichts, Studio und Wohnung. Vor der Tür warten zwei junge Männer, einer von ihnen hat eine Kamera geschultert. Der Bei­ fahrer blickt auf seine Uhr, dann zum Kameramann. „Zu früh!“,

Abb. 1 Trommelbremse, Gaspedal, Grafiken nach dem Fischer Body Service Manual © Kobuto

1 Der episodenhafte Text basiert auf dem Dreh­ buch von KOBUTO – allem voran der geplanten Fahrt auf der nicht realisierten Stadtautobahn, die eine Grundidee des Films war, mit den Mitteln des Dokumentarfilms aber nicht umgesetzt werden konnte. Auch viele der oft absurden Geschichten fanden nur zum Teil Eingang in den Film. Die im Text erscheinenden Dialoge sind den zahlreichen Interviews mit Johannes Uhl entnommen, zum Teil tauchen sie auch im Film auf. 2 Obwohl das Projekt Neues Kreuzberger Zentrum oder später Zentrum Kreuzberg – Kreuzberg Merkezi getauft wurde, entdeckten wir auf den ver­ gilbten Planrollen im Keller des Architekten das Wort KOBUTO, mit dem er das Projekt am KOtt­ BUsser TOr betitelt hatte. KOBUTO klingt nach einem exotischen Ort in weiter Ferne und wurde schnell zum Titel für unser Projekt, das von diesem Ort erzählt, den in Berlin jeder kennt und den es zugleich doch gar nicht gibt.

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HIATUS.indb 281

11.08.17 11:15

Hiatus. Architekturen für die gebrauchte Stadt  

Strategien zum Bauen im gewachsenen Gefüge der „gebrauchten Stadt" präsentiert, analysiert und diskutiert dieses Buch. Die Stadt ist heterog...

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