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Kampf der Bilder. Vom Ersten Weltkrieg bis 1945

1116/Grossberg, C.: Ein kleiner Hochdruck-Kompressor und eine Hauswasserpumpe, 1930er Jahre 1115/Grossberg, C.: Presse für Karosserieteile in den HansaLloyd-Goliath-Werken, Bremen, 1936

1119/Grossberg, C.: SiemensBetz-Schraubenlüfter als Saugzuglüfter für Kesselbetriebe, 1930er Jahre

1120/Herberholz, W.: Industrie, 1920

Mitte 1121/Anonym: Umschlag zu: Bürgel, Bruno H.: Deutsche Arbeit. Bilder vom Wiederaufstieg Deutschlands. Mit 92 Aufnahmen von E.O. Hoppé. Berlin 1930 1122/Hees, D.v.: Werkzeugmacher, 1940 ca.

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1117/Grossberg, C.: Autogenes Härten, 1930er Jahre

»Deutsche Arbeit« nach 1933 Es wäre zumindest missverständlich, wollte man die Kunst in Deutschland nach 1933 als »nationalsozialistische Kunst« bezeichnen. Das allermeiste gab es davor auch schon (man erinnere sich z.B. an einige Bilder von Arthur Kampf, etwa Abb. 313, 701, 752) und einiges davon danach immer noch. Zwar existiert eine spezielle Staats- und Auftragskunst, im Wesentlichen aber handelt es sich um die repressive Unterbindung bestimmter Stile und Themen; was dann übrig blieb ist für den Nationalsozialismus typisch, aber eben vor allem in seiner Selektivität. Unterbunden, verfemt und diskreditiert werden stilistisch vor allem jeglicher Expressionismus und inhaltlich jegliche Gesellschaftskritik. Alles, was den Machthabern an Gefühlskontrolle zu entgleiten und ihre Herrschaft und Ideologie zu gefährden

1118/Grossberg, C.: Druckprobe einer Hochdruck-Kreiselpumpe, 1930er Jahre

schien, hatte zu unterbleiben, ein tiefer gehendes, systematisches Verbotskonzept ist nicht festzustellen. Jedes Herrschaftssystem baut auf der Arbeit der ihr Unterworfenen auf, ist auf regierbare und nutzbare Arbeit angewiesen, dies gilt für staatliche wie für betriebliche Herrschaft gleichermaßen. Die Herrschaftseliten fördern deshalb bestimmte Bildprogramme bezüglich dieses Bereichs, so dass sich die Bildinventare in den besonders rigiden Herrschaftssystemen der Moderne durchaus ähneln. Die Betriebskunst vieler Firmenfestschriften ist so kaum von der Kunst unter dem Nationalsozialismus oder dem Realsozialismus zu unterscheiden; und große Bereiche der Herrschaftskunst um 1900 haben ähnli-


»Deutsche Arbeit« nach 1933

1123/Grossberg, C.: Zweischarpflüge, Maschinenfabrik Bentzki, Eislingen, 1930

1124/Grossberg, C.: Gebläse für Heu und Stroh, Kyffhäuserhütte, 1938

che Strukturen wie die Kunst der dreißiger und vierziger Jahre. Für Deutschland gilt, dass sich schon seit Mitte des neunzehnten Jahrhunderts der propagandistische und zunehmend nationalistische Topos der »Deutschen Arbeit« durchzusetzen beginnt und als Titel des Fotobandes von 1930 (Abb. 1121) keine Innovation darstellt. Drei Muster lassen sich im Industriebild (nur um dieses geht es hier; zu anderen Bereichen s. vorn die paradigmatischen Arbeiten) nach 1933 ausmachen. Ein Muster stellt die Facharbeit und Qualifikation des deutschen Arbeiters heraus. Der verlässliche, ordentliche und genaue, seinen Beruf hingebungsvoll ausübende Industriearbeiter wird hier beispielgebend bzw. als typisch vorgeführt. Dieses Muster findet man be-

1125/Grossberg, C.: Lackiererei im Grasmäherbau, Maschinenfabrik Fahr, 1938

vorzugt in Grafiken (vgl. z.B. Abb. 1122), vor allem aber in der Fotografie (vgl. nur Paul Wolff: Arbeit! 1937). Ein zweites Muster konstruiert eine rationalistische Industrieästhetik und ist dem dispositiven Ideologem der »Schönheit der Arbeit« verpflichtet, das, wie gezeigt, keine Erfindung der Nazis ist. Fraglos gehört der umfangreiche Bilderzyklus, den Carl Grossberg zur Verwirklichung seines »Industrieplans« in den dreißiger Jahren anfertigte, in diese Kategorie. Von den 45 Werken, die von 1935 bis 1939 in Westermanns Monatsheften veröffentlicht wurden, zeigen wir hier eine kleine Auswahl als dokumentarische Kleinabbildungen. Ein 1937 in derselben Zeitschrift erschienener Aufsatz von Stolper mit dem Titel Schönheit der Arbeit enthält ähnliche Abbildungen, allerdings ohne Nennung des Künstlers, gleiches gilt für das von Hübbenet 1938 in Berlin herausgegebene Taschenbuch der Schönheit der Arbeit. Die »Stätten deutscher Arbeit« erscheinen sauber, klar

1126/Grossberg, C.: Aufsetzen der Karosserie auf das Chassis in den Stoewer-Werken, Stettin, 1936

1127/Grossberg, C.: HochdruckKesselspeise-Anlage mit WeiseKreiselpumpen und Dampfturbinen, 1930er Jahre

1128/Palmowski, E.: Gesteinhauer, 1937 ca.

1129/Pfaehler von Othegraven, R.: Kraft, 1920 ca.

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Kampf der Bilder. Vom Ersten Weltkrieg bis 1945

1130/Sluyterman von Langeweyde, G.: Adel der Arbeit, 1935 >1131/Topel, C.: Die erste Maifeier im neuen Deutschland, 1933

1132/Albrecht, F.: Plakat, 1932 1133/Schmitz-Wiedenbrück, H.: Arbeiter, Bauern, Soldaten, 1940

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gegliedert, hell, farbig und schön anzusehen, der reduzierte neu-sachliche Malstil kommt dem ideologischen Inhalt entgegen (vgl. zu einigen Teilen des Gesamtzyklus, die die Fließbandarbeit betreffen, Schirmbeck 1981). Grossberg verzichtet hier auch auf jede Magie oder Mystik, die z.T. in anderen Werken von ihm zu finden sind. Diese Art von Industrieästhetik weicht aber mit zunehmender Kriegsvorbereitung und Vernichtungspraxis einem dritten Muster, das allerdings von Anfang an schon präsent ist und, wie wir gesehen haben, bereits eine längere Geschichte hinter sich hat: dem Muster der maskulinen Kraft und Gewaltförmigkeit (vgl. die Abb. 1128, 1129, die unsägliche Industrieallegorie von Herberholz schon aus dem Jahre 1920 in Abb. 1120 sowie die Abbildungen auf den Seiten 290-295). Arbeit erscheint hier als Kampf gegen die Natur (vgl. auch Türk 1995b) bzw. als Kriegstätigkeit an der Heimatfront. Das von Müller gestaltete Plakat zur Ausstellung Schönheit der Arbeit (Abb. 1134) verbindet neu-sachlichen Rationalismus (Zahnrad) und militante Kraftmeierei mit dem für den Nationalsozialismus typischen rassistisch-biologistischen Körperkult, auf den auch die Abb. 1130 und 1132 anspielen. Allerdings wird hier versucht, die Arbeiterschaft durch Anspielung auf sozialistische Themen zu gewinnen,

dies vor allem, nachdem sich die Nationalsozialisten nach Zerschlagung der Gewerkschaften den 1. Mai als Tag der Arbeit einverleibt hatten, was auch sogleich in einem Gemälde glorifizierend festgehalten wird (Abb. 1131), um der Massenideologie und -ästhetik zu frönen. Arbeiter, Bauern und Soldaten (Abb. 1133) sollen ein Kämpfendes Volk (so der Titel eines anderen Bildes von Schmitz-Wiedenbrück) bilden, und die industriellen Anlagen werden in den immer wieder reproduzierten und in Ausstellungen gezeigten Gemälden als Symbole der Produktion von Destruktionskraft präsentiert (vgl. die Bilderkollagen auf den beiden folgenden Seiten). Versuche, mit Hilfe des Rekurses auf den kulturell verankerten Rationalitätsglauben Motivation und Legitimation zu fördern, sind hier aufgegeben zu Gunsten von ikonischen Strategien zur Mobilisierung euphorisch-emotionalen Corpsgeistes. Und wo sonst als bei der für alle notwendigen Arbeit lässt sich am besten anknüpfen, um Vertrauen und Stolz und damit einen Arbeitsnationalismus hervorzurufen. Dies ist eine Strategie, die keineswegs auf den Nationalsozialismus


»Deutsche Arbeit« nach 1933

beschränkt ist, vielmehr zeigen sich in den dreißiger Jahren diese Strategien und Tendenzen zu einem Arbeitsnationalismus in fast allen europäischen Ländern und auch in den USA. Die Nationalstaaten werden gleichsam zu Unternehmungen und kämpfen als solche gegeneinander, und zwar nicht nur wirtschaftsfriedlich. Es gibt aber auch andere Bilder der Arbeit im Deutschland dieser Zeit, weil es auch andere Arbeit gibt, Arbeit zum Tode und Vernichtung durch Arbeit. Schon 1935 (!) berichtet Langhoff in seinem Buch Die Moorsoldaten vom niedersächsischen Konzentrationslager Börgermoor, aus dem auch das Blatt der Abb. 1137 stammt. Noch wird hier die auf-

rechte Haltung dem barbarischen Gewaltregime entgegengestellt. Spätere Zeichnungen aus den Konzentrationslagern dokumentieren die grausame Schinderei auf authentische Weise (vgl. Abb. 1135, 1136 aus dem Buch von Constanza 1983). Tief gebückt, niedergeknüppelt von dem rechts stehenden Herrschaftsknecht die Zwangsarbeiter in Theresienstadt bei Leo Hass, am Ende ihrer Kräfte die Lorenzieher des KZ Sachsenhausen bei Pierre Mania. Und Karl Schwesigs Trupp von Zwangsarbeitern (er selbst war einer von ihnen) im zerstörten Düsseldorf wird von einem Militär zur Arbeitsstelle abgeführt. Bilder der Arbeit als Bilder der Apokalypse (so der Titel des Buches von Constanza); geht es in den Bildern der Industriemaler um die Arbeit an Mitteln der Destruktion, so hier um Bilder der Arbeit als Mittel der Destruktion.

1134/Müller, C.O.: Plakat, 1937

1135/Haas, L.: Zwangsarbeit, Theresienstadt, 1943 <1136/Mania, P.: A la Corridre (im KZ Sachsenhausen), 1944 <<1137/Häftlinge des Lagers Börgermoor: Lied der Moorsoldaten, 1933 1138/Schwesig, K.: Zwangsarbeit in Düsseldorf, 1943

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Kampf der Bilder. Vom Ersten Weltkrieg bis 1945

1139/Mercker, E.: Hochofen der Gute-Hoffnungs-Hütte, 1935 ca. >>1140/Mercker, E.: Hüttenwerk der Gute-HoffnungsHütte, 1936 ca.

Literatur zum Abschnitt: Constanza 1983; Fehlemann 1994; Frankfurter Kunstverein 1975; Frommhold 1968; Hinz 1974; Horn 1943; Kivelitz 1997; Mattausch/ Wiederspacher 1979; Neue Gesellschaft für bildende Kunst 1992; Petsch 1987; Reese 1994; Rüdiger 1941; Schirmbeck 1981, 1984; Schroyen 1997; Vollbehr 1938, 1941; Wulf 1983

1141/Mercker, E.: Stahlwerk, 1939

>>1142/Gessner, R.: Hochofen, 1939 1143/Spiegel, F.: Arbeitsmann der Organisation Todt, 1939 ca. 1144/Jorzig, E.W.: Schwerindustrie, 1940 ca.

1145/Breker, H.: Bergmann, 1941

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»Deutsche Arbeit« nach 1933

<<1146/Mercker, E.: Riesen der Arbeit, 1936 <Mitte 1147/Hannebal, W.: Arbeiterkopf aus der Rüstungsindustrie, 1935 ca. 1148/Hemming, W.: Hochofenanlage in Hattingen, 1940er Jahre (s.a. Abb. 1256)

1149/Mercker, E.: Schwerindustrie, 1937 ca.

1150/Mercker, E.: Hüttenwerk bei Nacht, 1935 ca.

<<1151/Gerwin, F.: Hermann-Göring-Werke, Hochöfen im Bau, 1940

<1152/Picco-Rückert, R.: Walzwerk Oberhausen der Gute-Hoffnungs-Hütte, 1937

1153/Thorak, J.: Entwurf für ein Autobahndenkmal, 1938 ca.

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Kampf der Bilder. Vom Ersten Weltkrieg bis 1945

1154/Hoffmann, A.: Tiegelstahlguss, 1942

Mitte 1155/Anonym: NaziKitsch, 1940 ca.

>1156/Schwesig, K.: Les Inutiles (Die Nutzlosen), Nr. 5: Arbeiten, 1948/49 1157/Schwesig, K.: Les Inutiles, Nr. 4: Zur Arbeit, 1948/49

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Nach siebenjähriger Entwurfs- und Planungszeit stellt 1942 Artur Hoffmann für Krupp sein Monumentalrelief Tiegelstahlguss fertig, das in eine leicht rund gebogene Granitmauer eingesetzt wird. 1935 hatte er den Auftrag dazu von Gustav und Hertha Krupp von Bohlen und Halbach erhalten. Gut zwanzig Meter breit mit über zwei Meter hohen martialischen Hüttenarbeitern stellt es einen Höhe-

punkt des Industriebildes unter dem Nationalsozialismus dar und wird entsprechend gefeiert (vgl. z.B. den Textauszug von Horn). Das Werk bedarf wohl keiner weiteren Kommentierung. In diesen sieben Jahren der Arbeit an einem pathologischen Mythos hat Karl Schwesig, Mitglied der KPD, der Künstlergruppe Das junge Rheinland und der ASSO, bereits eine lange Leidenszeit hinter sich. Verhaftet, gefoltert, interniert, emigriert nach Belgien, wieder gefangen genommen. Erst während der Luftangriffe auf Düsseldorf 1944 kann er fliehen und sich bis zum Kriegsende retten. Wolfgang Langhoff berichtet in seinem Buch Die Moorsoldaten von Folterungen in Düsseldorf (wohl im Schlegelkeller) 1933:


»Deutsche Arbeit« nach 1933

Bis zum Morgen ist nichts mehr passiert. Dann ist aber die S.S.-Ablösung gekommen, und da ist es erst recht losgegangen! Sie haben einen neuen Gefangenen mitgebracht, einen kleinen, buckligen Mann mit langen Haaren. Den haben sie an den Haaren hochgerissen und geschrien: „Der da hat Euch verpfiffen! Das kleine Miststück hat Euch verpfiffen! Der singt alles, was wir wollen, nicht wahr, Karlchen?“ Und das Karlchen hat gerufen: „Nicht mehr schlagen, bitte, nicht mehr schlagen!“ In seine langen Haare haben sie dann mit einem Rasiermesser ein Hakenkreuz eingeschnitten, daß er am Kopf geblutet hat, und dann hat er Lieder singen müssen und im Keller herummarschieren. „Karlchen, mach‘ mit die Schuhe zu!“ „Karlchen, bring‘ mir Kaffee!“ Karlchen hier und Karlchen dort! – (Langhoff 1935, S. 103 f.).

Es war Karl Schwesig, der hier als politischer Häftling geschunden wurde; 1936 hatte er 50 Blätter zu diesen Ereignissen gezeichnet. 1948/49 entsteht sein Radierzyklus Les Inutiles, Die Nutzlosen, in dem er auch die Arbeit in den Lagern darstellt. Vier einschlägige Blätter daraus sind hier reproduziert als ein anderes Denkmal deutscher Arbeit.

Horn, W.: Ein Denkmal der deutschen Arbeit. In: Die Kunst im Deutschen Reich, 1943, S. 16

<1158/Schwesig, K.: Les Inutiles, Nr. 6: Feldarbeit, 1948/49 1159/Schwesig, K.: Les Inutiles, Nr. 8: Die Kraft der Wärmeerzeugung, 1948/49

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Deutsche Arbeit nach 1933  

Deutsche Arbeit nach 1933

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