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Reglementierung von Berufsprüfungen und Höheren Fachprüfungen Projektgestaltung

bfb Büro für Bildungsfragen AG Bahnhofstrasse 20 8800 Thalwil T: 043 388 34 00 M: buero@bildungsfragen.ch www.bildungsfragen.ch


1 Übersicht Jeder Beruf, jede Branche und somit jedes Projekt zur Reglementierung einer Berufsprüfung oder Höheren Fachprüfung unterliegt eigenen Rahmenbedingungen. Wir stellen hier einen prototypischen Ablauf vor, wie er sich auf fast alle Projekte übertragen lässt. Insbesondere ist gewährleistet, dass das Projekt • • • • •

mit begrenzten Mitteln durchführbar ist, die Vielseitigkeit der Berufe / Berufsabschlüsse berücksichtigt, praxisorientiert ist und Praxisvertreter einbezieht, ohne diese zeitlich zu überbeanspruchen, zukunftsorientiert ist, bereits Bestehendes mitberücksichtigt.

Wir unterteilen den Ablauf in zwei Projektphasen mit folgenden Schritten (vgl. Abbildung 1):

Abbildung 1: Ablauf Entwicklung von Berufs- und Höheren Fachprüfungen

Nachfolgend werden die einzelnen Schritte beschrieben.

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2 Projektphase 1: „Berufsprofilanalyse“ 1. Detailplanung Zu Beginn des Projekts werden der Auftrag geklärt, Informationen ausgetauscht, konkrete Leistungen vereinbart und die ersten Weichen für die nachfolgenden Schritte gestellt. Das Projekt wird im Detail geplant und die Verantwortlichkeiten werden geklärt. Ergebnis „Detailplanung“: Eine Detailplanung des Projektes als Arbeitsgrundlage für alle Beteiligten liegt vor.

2. Analyse und Kompetenzraster Ein Kompetenzprofil hat eine typische Gliederung, zum Beispiel in Arbeitsprozesse und Kompetenzen, oder Kompetenzbereiche und Kompetenzen. Hierfür erstellen wir im Vorfeld aufgrund eigener Analysen und von Gesprächen mit dem Auftraggeber einen Vorschlag, das Kompetenzraster. Es ist für Praktikerinnen und Praktiker meistens wesentlich einfacher, einen bereits bestehenden Vorschlag auf Tauglichkeit zu überprüfen, gegebenenfalls zu korrigieren und dann mit Inhalt zu füllen, als einen solchen selbst zu erstellen. Hierzu werden drei Schritte durchgeführt: Dokumentenanalyse Dokumente zu bestehenden oder geplanten Berufs- oder Höheren Fachprüfungen werden durchforstet, um eine erste Version des Kompetenzrasters (mögliche Arbeitsprozesse / typische Arbeitssituationen) zu extrahieren. Bereits bestehende Grundlagen werden also geprüft und wenn möglich genutzt. Bewährtes wird somit weitergeführt und das Rad nicht neu erfunden. Screening Ergänzend zur Dokumentenanalyse besuchen wir ausgewählte Betriebe. Hiermit wollen wir einen Einblick in typische Arbeitsorte erhalten und die Anforderungen der Praxis an die Berufspersonen erheben. Das Kompetenzraster wird dann anhand der zusätzlich gesammelten Informationen überprüft und überarbeitet.

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Arbeitssitzung Mit der Arbeitsgruppe besprechen und bereinigen wir das Kompetenzraster. Der Workshop „Arbeitssituationen“ wird vorbereitet. Hierzu werden zwei Arbeitssituationen beschrieben, welche im Workshop als Vorlage dienen. Abbildung 2 zeigt einen Ausschnitt aus einem Kompetenzraster mit drei Abschlüssen. Kompetenzbereiche / Domaines de compétences

Ber BP Glaser – Vorarbeiter / BP Contremaître vitrier

BP "Glasspezialist" / BP "Spécialiste en verre" vitrier

HFP Glasermeister / Ex. Prof. sup. Maîtrise

1 Verkauf, Marketing / Vente, marketing 1.1 Kunden beraten / conseil clientèle

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1.2 Offerten erstellen / calcul de l’offre

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1.3 Verkauf abschliessen - Conclusion de l’affaire

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2 Planung / Planification 2.1 Baustellenaufnahme / Admission de chantier

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... 7 Betriebsführung / Gestion d'entreprise 7.1 Betriebskonzept erstellen (Business Plan) / élaborer le plan d’affaire (business plan) 7.2 Betrieb restrukturieren / Restructurer une entreprise Abbildung 2: Auszug des Kompetenzrasters aus dem Projekt „Strukturierung der Höheren Weiterbildung Glaser“

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Ergebnisse „Analyse und Kompetenzraster“: Das Kompetenzraster mit Arbeitsprozessen und Titeln der zugehörigen Arbeitssituationen ist erarbeitet. Zwei Arbeitssituationen sind beschrieben und dienen als Vorlage für den folgenden Workshop.

3. Workshop „Arbeitssituation“ Der zweitägige Workshop findet mit ausgewählten Expertinnen und Experten aus der Praxis statt. Diese kennen die Anforderungen, die in der Praxis bewältigt werden müssen. Wer über eine Kompetenz verfügt, kann bestimmte Arbeitssituationen meistern. Die Beschreibung der zu erreichenden Kompetenzen beginnt deshalb mit der Beschreibung berufstypischer Arbeitssituationen. Wenn dies durch Praktiker/innen geschieht, haben wir die Gewähr, dass beschrieben wird, was im Berufsalltag wirklich wichtig ist. Sehr wichtig ist es, die Teilnehmerinnen und Teilnehmer so durch den Workshop zu führen, dass sie ihre Erfahrung optimal einbringen können. Dies erreichen wir einerseits durch einen durchdachten methodischen Aufbau der Veranstaltung und andererseits dadurch, dass wir für den wichtigsten Teil, nämlich die Beschreibung berufstypischer Arbeitssituationen, zwei Musterbeispiele 3


aus dem jeweiligen Beruf abgeben. Diese Beispiele werden in der vorbereitenden Arbeitssitzung (siehe oben) erstellt. Zukünftige Entwicklungen, wie sie sich den Workshopteilnehmenden aus deren unterschiedlichem Erfahrungshintergrund zeigen, werden im Workshop gesammelt und fliessen in die Beschreibung der typischen Arbeitssituationen mit ein. So füllt sich im Laufe des Workshops das erarbeitete Kompetenzraster mit Inhalt. Gleichzeitig wird dieses kritisch überprüft, diskutiert und bei Bedarf noch angepasst. Abbildung 3 zeigt ein Beispiel einer Situationsbeschreibung: Elektroden / Sensoren montieren Situation: Die FND bereitet den Patienten für die Messung vor. Sie befestigt die Elektroden gemäss internationalem Standard (z.B. am Kopf 10/20 System) an den richtigen Messpunkten und sorgt für optimale Leitfähigkeit. In der Regel ist sie/er mit dem Patienten allein und verwendet die Zeit für Instruktionen und Beobachtungen. Wichtige Arbeitsschritte: Die FND bestimmt bei der Elektrodenmontage die Messpunkte am Kopf und jene der peripheren Nerven. Den Kopf misst sie nach dem 10/20-System aus und markiert die Messpunkte mit einem Stift. Sie bereitet die Punkte an der Kopfhaut und der peripheren Nerven mit einer Abrasivpaste vor. Sie bringt die Elektroden an und kontrolliert diese. Danach platziert sie die Stimulationselektrode auf dem abzuleitenden Nerv. Wissen und Fähigkeiten: Systemkenntnisse, anatomische Kenntnisse in Bezug auf die für die Messung optimalen Punkte, systematische und sorgfältige Vorgehensweise. Abbildung 3: Situationsbeschreibung aus dem Workshop zur Berufsprüfung Fachfrau/Fachmann für Neurophysiologische Diagnostik (FND)

Ergebnisse Workshop „Arbeitssituationen“: Sämtliche typischen und bedeutsamen Arbeitssituationen sind von Expertinnen und Experten beschrieben. Zukünftige Entwicklungen sind identifiziert und werden berücksichtigt.

4. Dokumentation zuhanden SBFI Um in die nächste Projektphase eintreten zu können, wird dem SBFI eine Dokumentation eingereicht. Hierbei dient uns der „Leitfaden für das Einreichen von neuen und revidierten Prüfungsordnungen“ des SBFI als Richtschnur. Die Dokumentation gibt im Wesentlichen Auskunft über die Trägerschaft der Prüfung sowie über den quantitativen (Mengengerüst) und qualitativen (vom Arbeitsmarkt verlangte Kompetenzen) Bedarf nach einem eidgenössischen Abschluss. Auf der Basis der Dokumentation sowie der Informationen, die das SBFI bereits durch Kontakte mit unserem Auftraggeber hat, entscheidet es darüber, ob es grünes Licht für die Ausarbeitung der Prüfungsordnung und Wegleitung zur Prüfungsordnung gibt. Gelegentlich wird die Dokumentation auch bereits bei Start des Projektes verlangt. 4


3 Projektphase 2: „Erstellen der Prüfungsordnung und Wegleitung zur Prüfungsordnung“ 5. Kompetenzmodellierung Zentraler Bestandteil der Wegleitung ist das Berufsprofil. Dieses setzt sich aus dem Berufsbild und dem Kompetenzprofil zusammen. Zum Berufsbild stellt das SBFI einen Strukturierungsvorgabe zu Verfügung. Basis des Kompetenzprofils bilden die im Workshop erarbeiteten Arbeitssituationen. Im Rahmen von ein bis drei Arbeitsgruppensitzungen werden die Kompetenzen formuliert. Hierbei wenden wir eine systematische und zielführende Methode an, wobei wir die IPREMethode empfehlen. Danach besteht eine Kompetenz aus einer Situationsbeschreibung (bereits erstellt, wird allenfalls noch redaktionell überarbeitet) und einem vollständigen Handlungszyklus (dem IPRE-Zyklus; weiteres dazu vgl. Arbeitsblatt). Elektroden / Sensoren montieren und demontieren Situation: Die FND bereitet den Patienten für die Messung vor. Sie muss die Elektroden/Sensoren gemäss internationalem Standard (z.B. am Kopf 10/20 System) an den richtigen Messpunkten befestigen und für optimale Leitfähigkeit sorgen. Sie verwendet die Zeit für Instruktionen und Beobachtungen (siehe Kompetenz xy). I: Die FND liest die Anmeldung. Sie nimmt den Patienten wahr. P: Sie legt anhand der Fragestellung und unter Berücksichtigung der Patientensituation und der Umstände die anzubringenden Elektroden und Sensoren sowie das Vorgehen fest. R: Sie bestimmt und markiert bei der Elektrodenmontage die Messpunkte. Sie bereitet die Messpunkte vor und bringt die entsprechenden Elektroden und Sensoren an. Sie demontiert nach der Messung die Elektroden und Sensoren fachgerecht und unter Einhaltung der Hygienevorschriften. E: Sie kontrolliert den Sitz der Sensoren und die Leitfähigkeit der Elektroden. Sie vergewissert sich, dass der Patient sich für die Zeit der Messung wohl fühlen wird. Sie kontrolliert nach der Demontage das Material. Wissen und Fähigkeiten: Systemkenntnisse, anatomische Kenntnisse in Bezug auf die für die Messung optimalen Punkte, Kenntnisse über Störeinflüsse auf die Elektroden bzw. Sensoren (z.B. roter Nagelack bei der Oximetrie). Systematische und sorgfältige Vorgehensweise. 10/20 System Abbildung 5: Beispiel einer ausformulierten Kompetenz aus der Berufsprüfung Fachfrau/Fachmann für Neurophysiologische Diagnostik (FND) nach der IPRE-Methode

Ergebnis „Kompetenzmodellierung“: Das Berufsprofil, bestehend aus Berufsbild und Kompetenzprofil, ist ausgearbeitet. Sämtliche Kompetenzen sind ausformuliert.

6. Prüfungsordnung und Wegleitung Die Prüfungsordnung und die Wegleitung zur Prüfungsordnung werden ausgearbeitet und eine interne Vernehmlassung wird durchgeführt. Für die Prüfungsordnung wird der Leittext des SBFI verwendet. Um die Lücken in diesem Leittext korrekt und einfacher ausfüllen zu können, stellt das SBFI zudem Erläuterungen zur Verfügung. Daneben wird die Wegleitung, welche die Prüfungsordnung präzisiert und kommentiert, erstellt. Sie enthält nebst dem Berufsprofil (vgl. oben) alle Informationen, die für die Vorbereitung und 5


Durchführung einer eidgenössischen Prüfung relevant sind. Zur Ausgestaltung der Wegleitung kann auf den Leitfaden des SBFI zurückgegriffen werden. Darin sind eine in der Praxis bewährte Struktur sowie Hinweise zu Inhalten aufgeführt. Die Wegleitung richtet sich nach der jeweiligen Zielgruppe und der künftigen Prüfungskandidatinnen und –kandidaten. Ergebnis „Prüfungsordnung und Wegleitung“: Prüfungsordnung und Wegleitung sind aus Sicht der Trägerschaft fertiggestellt und können beim SBFI eingereicht werden. In den eigenen Reihen besteht Konsens über die Form und die Inhalte der Prüfung.

7. Einreichen beim SBFI Mit dem Einreichen der Prüfungsordnung und der Wegleitung beginnt der eigentliche Reglementierungsprozess des SBFI. Die Dokumente werden vom Rechtsdienst geprüft und im Amtsblatt publiziert. Während dieser Phase ist damit zu rechnen, dass noch kleinere Überarbeitungen gemacht werden müssen, bis schliesslich das SBFI die Prüfungsordnung und die Wegleitung genehmigt. Ergebnis “Einreichen beim SBFI“: Die Prüfungsordnung ist von der Trägerschaft erlassen und vom SBFI genehmig. Zudem liegt die Wegleitung zur Prüfungsordnung vor, die von der Prüfungskommission (oder Qualitätssicherungskommission) in Kraft gesetzt werden kann.

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Reglementierung Berufsprüfung und Höhere Fachprüfung  
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