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Hin gucker Das Talentmagazin

HINGUCKER Frei-Exemplar Das ABO online BESTELLEN www.bildung-undbegabung.de/Hingucker

2013 #1 Alles r u um Bild nd ung & Begabu ng

BEGABUNG Kennt keine GRENZEN Eine Spurensuche, wie Begabungsförderung soziale Grenzen überwinden kann

Talentkick Fussballprofi Julian Draxler und sein leben in zwei Welten

die digitale chance wie neue medien schülern und lehrern helfen


Editorial

worum es uns geht Liebe Leserinnen und Leser, Ein Hingucker ist laut Duden eine Sache oder Person, die aus dem Üblichen heraussticht. Der Titel unseres neuen Magazins bringt damit in mehrfacher Hinsicht auf den Punkt, worum es uns geht. Wir möchten Aufmerksamkeit wecken für ein Thema, das uns alle angeht: die Förderung junger Talente.

© Michael Danner

Wir müssen zu einem Land werden, in dem jeder die gleiche Chance bekommt, das Beste aus seinen Begabungen zu machen, unabhängig von Herkunft oder Hintergrund. Das sind wir den jungen Menschen schuldig, aber vor allem auch uns selbst: Je weniger wir in Deutschland werden, umso wichtiger wird jeder Einzelne von uns. Diese Herausforderung zu meistern, wird uns nur gemeinsam gelingen. Politik, Wirtschaft und Stiftungen sind ebenso gefordert wie Lehrer, Eltern und Bildungspraktiker. Wir müssen selbst zu Hinguckern werden und Talente dort finden, wo wir bislang noch nicht einmal gesucht haben, zum Beispiel in Hauptschulen, und Zielgruppen ansprechen, die wir bisher vernachlässigt haben, etwa junge Menschen mit Migrationshintergrund. Nur 17 von 100 Kindern aus Arbeiterhaushalten betreten jemals eine Hochschule, bei zugewanderten Menschen sieht es noch schlechter aus. Das ist, um es ganz deutlich zu sagen, ein Armutszeugnis für unsere Gesellschaft – und wir alle sind aufgerufen, daran etwas zu ändern. I­hnen, liebe Leser, soll dieses Heft dabei helfen, mit Informationen, Impulsen und Inspirationen für eine nachhaltige Begabungsförderung. Mein Dank gilt allen, die unsere Arbeit und dieses Heft möglich machen, darunter zuvorderst dem Bundesministerium für Bildung und Forschung, das nicht nur Hauptmittelgeber von Bildung & Begabung, sondern dem Stifterverband in vielerlei Hinsicht ein zuverlässiger und langjähriger Partner ist. Gemeinsam können wir Deutschland zu einer echten Chancenrepublik machen, in der jeder seine ganz individuellen Talente und besonderen Fähigkeiten zum Nutzen der Gesellschaft einbringen kann. Arend Oetker

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© istockPhoto / Michael herDlein

iNhAlt

#1 Mit diesem Heft wollen wir zum Hingucken anregen. Zum genauen Blick auf die Begabungen und Potenziale junger Leute. Wer sind wir eigentlich? Bildung & Begabung ist das Zentrum für Begabungsförderung in Deutschland. Mit konkreten Förderprojekten, mit Web-Angeboten und Publikationen sind wir Ansprechpartner für Eltern, Lehrer und Schüler.

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Porträt

Seitenblick

JUsT IN TImE

begabungsförDerung neu Denken

Die Deutsche SchülerAkademie hat Sebastian Mänz’ Mathe-Leidenschaft geweckt. Jetzt errechnet er bei der Deutschen Bahn Fahrpläne. Unsere Autorin Linda Matthey stellt ihn vor

reportage

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Blickpunkt Das schwerPunkttheMa iM hingucker reportage

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TalENTKICK

Julian Draxler hat es geschafft: vom schmächtigen Internatsschüler zum deutschen Nationalspieler. Unser Autor Thorsten Schaar fragt: Talentförderung im Fußball – Role Model für unser Bildungssystem? begabungslotse

bEGabUNG KENNT KEINE GRENzEN

Unser Autor Armin Himmelrath erzählt Erfolgsgeschichten: Wie soziale Grenzen bei der Talentförderung überwunden werden können

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bEGabUNG INTERNaTIoNal

Termine 2013 33

FöRDERUNG KoNKRET

Praxisbeispiel zum Weitersagen: CyberMentor macht talentierten Mädchen Lust auf MINT-Berufe

gespräch

15 editorial

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bEDüRFNIs NaCH oRIENTIERUNG

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woRUm Es UNs GEHT

Arend Oetker über den Hingucker

essay

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Schlaglichter

ClosED sHop bEGabUNGsFöRDERUNG?

Praxisbeispiel

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in kürze

KaHls KolUmNE

Worauf bist du stolz? Unser Kolumnist Reinhard Kahl über „zertifizierte Schulversager“, unglaubliche Töne und erstaunliche Geschichten

gespräch

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Alumni wollen Smartphones verbessern zUKUNFT maCHEN

Stifterverband startet Bildungsinitiative RUHR, bITTE

VorbilderAkademie kommt ins Revier

bREITER FöRDERN. abER wIE?

Wissenschaft und Bildungspraxis sprechen oft über-, aber selten miteinander. Der Hingucker ändert das: Ein Gespräch über Visionen und Fallstricke

app GEHT’s

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Follow mE

Klug eingesetzt können digitale Medien im Unterricht dabei helfen, individuell zu fördern. Ein Plädoyer von Daniel Bernsen

Elke Völmicke fragt, warum sich manche Jugendliche selbst von Begabungsförderung ausschließen

bilDung & begabung unD seine Projekte

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aUs DEm allTaG

... einer psychologischen Beratungsstelle: Das Hoch-BegabtenZentrum Rheinland

Ulrike Leikhof über die neuen Förderformate von Bildung & Begabung

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aUGENblICK

Ein besonderer Moment aus den Förderprojekten von Bildung & Begabung 39

Meinung

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Und sonst

ImpREssUm

so sEHE ICH Das

Über die Bildungswege junger Menschen wird viel diskutiert. Wir lassen sie selbst zu Wort kommen

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los


© privat

Unser Kolumnist Reinhard Kahl ist Journalist und Filme­macher. Er ­arbeitet für zahl­ reiche überregionale Medien, seine TV-

Worauf bist du

stolz? Kahls Kolumne Isa Pinis Klarinette begeistert. 1.600 Menschen eR­ reicht im Festspielhaus Bregenz die Schwerelosigkeit Ihrer Klänge. Die Teilnehmer an der Bildungsbiennale des „Archivs der Zukunft“ verfügen nicht nur über den nötigen Wirklichkeitssinn, sondern auch über jenen Möglichkeitssinn, Den der Dichter Robert Musil vor fast hundert Jahren als Gegenpol verlangte.

Aber was sie von den Umwegen des in Mazedonien geborenen Neu-Hamburgers hören, finden selbst diese Bildungserneuerer und Lernaufwiegler unglaublich. Nicht nur, dass Isa Pini vor Jahren wegen lauter Fünfen keinen Hauptschulabschluss bekommen sollte, selbst in Musik, hieß es damals, sei er „nicht benotbar“. Alles Weitere klingt wie ein Märchen. In die Schule war jemand gekommen, der eine ungewöhnliche Frage stellte: „Worauf bist du stolz?“ Isa Pinis erst zögerliche Antwort: „Auf meine Klarinette.“ Der Schulbesucher war ein Personaler aus der Otto Group. Einer der Gründer – oder sagen wir lieber Erfinder – des „Hamburger Hauptschulmodells“, das später mit dem Carl-Bertelsmann-Preis ausgezeichnet wurde. Kürzlich wurde dessen zehnjähriges Bestehen gefeiert.

Tipp

App ,  geht  s 

Arbeit ist unter anderem mit dem Grimme-Preis aus­ gezeichnet worden. Er ist Gründer des Netzwerks „Archiv der Zukunft“.

In dieser Zeit wurden in der Hansestadt sage und schreibe 3.800 ­Jugendliche in die reguläre Ausbildung gebracht. Richtige Lehrstellen, keine Maßnahmen. Da war zum Beispiel der im Unterricht uninteressierte und fast schon zertifizierte Schulversager, der im Keller Elektromotoren zusammenbaute, oder einer, der tatsächlich im Unterricht über Tische und Bänke ging, aber wenn er angelte, war er ein anderer und er wusste fast alles über Fische. Ein Fischereibetrieb, der eigentlich nicht mehr ausbilden wollte, stellte ihn ein. Mit einer Fluggesellschaft war es ein Kampf, denn Hauptschüler an Flugzeugen, das schien imageschädigend. Er wurde gewonnen, wie viele andere. Wie gesagt, 3.800-mal. Das ist kein Druckfehler. 3.800 Geschichten. Wir müssen solche Geschichten erzählen. Wir müssen mit solchen Geschichten anstecken. Als Gerd Knop, der Personalentwickler von Otto, mit dem Projekt begann, wusste er nicht, worauf er sich einließ. Und von der Frage „Worauf bist du stolz?“ musste er sich selbst erst langsam überzeugen. Wenn er von Pädagogen verlangt: „Achten Sie auf die Stärken und Interessen der Jugendlichen“, gucken sie Knop fragend an und sprechen weiter von den „Stärken und Schwächen“ – vor allem von den Schwächen der Jugendlichen. Auch das ist eine Geschichte. Lauter unmög­ liche Geschichten voller Überraschungen. Und mit vielen Nebenwirkungen. Deren positiven Resonanzen sieht man Gerd Knop, dem inzwischen 70-Jährigen, an. Er beginnt gerade etwas Neues. Aber das ist eine andere Geschichte. Und die von Isa Pini? Zurzeit schließt er am Konservatorium sein Masterstudium Klarinette ab. Mit einem Stipendium Hamburger Firmen.

Wir müssen uns selbst trauen, eine Geschichte zu haben, nein: eine zu sein.

Sie kennen das sicher: Hektisch tippt

man eine SMS auf dem Handy oder eine E-Mail auf dem PC. Aber aufgrund der Au­ tokorrektur oder der automatischen Worter­ kennung schleicht sich der Fehlerteufel ein. Aus „Gute Nacht“ wird „Gute Macht“. Drei junge Männer wollen dieses System verbes­ sern: Rene Pickhardt, Kursleiter der Deut­ schen SchülerAkademie (DSA), hat gemein­ sam mit den DSA-Teilnehmern Till Speicher

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und Paul Wagner eine Methode entwickelt, die Computer oder Smartphones besser vor­aus­­ahnen lässt, was der Nutzer schreiben möchte – und ihm einen passenden Vor­ schlag macht. Ihr Ziel: das Nachrichten­ schreiben zu beschleunigen. Ihr Projekt ist mittlerweile preisgekrönt. Weblog zum Projekt: www.typology.de


schlaglichter

Ruhr, bitte

Das Revier fördert wieder – und zwar Talente: Nach der TalentAkademie bringt Bildung & Begabung auch die Vorbilder­ Akademie ins Ruhrgebiet. Ge­ meinsam mit der Stiftung Mer­ cator laden wir junge Menschen

mit Zuwanderungsgeschichte ein, Potenziale zu entdecken und Bildungswege kennenzu­ lernen. Die Akademie findet in den Sommerferien statt. Infor­ mationen und Anmeldung: www.bildung-und-begabung.de

Zukunft machen! durchlässigkeit und diversitäT

Bis 2020 soll die Studierquote von Nicht­aka­ demikerkin­dern auf

80 % steigen.

der STIFTERVERBAND UND SEINE MITGLIEDSUNTER­ NEHMEN starten die Bildungsinitiative 2020 – und setzen sich für ehrgeizige BILDUNGSZIELE ein.

Mit der Bildungsinitiative 2020 will der Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft sich für mehr akademischen Nachwuchs, eine größere Durchlässigkeit im Bildungssystem und eine neue Lehrkultur engagieren. Zwei der sechs Handlungsfelder beschäftigen sich unmittelbar mit der Frage, wie Talente in Zukunft ganz unabhängig von Herkunft oder Hintergrund gefördert werden können. Dabei geht es erstens um „Chancengerechte Bildung“. Schüler mit Migrationshintergrund und Nichtakademikerkinder schaffen es deutlich seltener an die Hochschule als der Bevölkerungsdurchschnitt

und sie sind im Studium weniger erfolgreich. Die Studierquote von Nichtakademikerkindern soll bis 2020 von 65 Prozent auf 80 Prozent steigen. Zweitens geht es um „Lehrerbildung“: Hier ist unter anderem die Diversität bei den Studierenden ausbaufähig. Bildungsinländer beispielsweise, also Ausländer mit einem deutschen Schulabschluss, sind in Lehramtsstudiengängen unterrepräsentiert. Ihr Anteil soll bis 2020 von zwei auf vier Prozent verdoppelt werden. www.stifterverband.de/ bildungsinitiative

Termine www.bildung-und-begabung.de

[2]

Kontroverse Diskussionen, hoch­ klassige wettbewerbsbeiträge: eine Terminauswahl im Jahr 2013.

[1]

14.03.2013

© istockphoto / kai kremser / sven moschitz

Perspektive Begabung, Bonn Fachtagung für die interessierte Öffentlichkeit [2]

13. –15.06.2013 Sprachenfest, Kiel Finale im Bundeswettbewerb Fremdsprachen [3]

18. – 28.07.2013 [1]

IMO 2013, Kolumbien 54. Internationale Mathematik-Olympiade

[3]

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Gesamtkunstwerk der Zahlen

JUst iN timE TExT Linda Matthey

Š sVen Moschitz

#1

06


scHlaglicHter

sebastian mänz (30) hat 2001 an der Deut­ schen schülerakade­ mie (Dsa) teilgenom­ men, einem Programm von bildung & bega­ bung. seitdem enga­

Alumni Die Begabungsförderung in der Deutschen SchülerAkademie hat Sebastian Mänz’ Leidenschaft für Mathematik geweckt. Heute errechnet er für die Deutsche Bahn die Fahrpläne.

A

uf dem Tisch vor Sebastian Mänz liegen ganze Zahlenkolonnen. Seitenlang codierte Informationen, Zugnummern und Abfahrtszeiten. Für Laien sehen diese Tabellen völlig unübersichtlich aus. Für Sebastian Mänz ist es Arbeitsalltag, über ihnen zu brüten, mit den Zahlen zu jonglieren. Er arbeitet bei der DB Fernverkehr in Frankfurt am Main. „Meine Aufgabe ist es, die Züge der Bahn möglichst effizient einzusetzen. Denn nur wenn sie fahren, verdienen sie Geld“, sagt er. Im Gespräch ist Sebastian Mänz stets auf der Suche nach exakt treffenden Sätzen, präzisen Formulierungen. Leidenschaftlich wird er, wenn es um Zahlen geht – und um die Probleme, die sie manchmal verursachen. „Ein Fahrplan ist ein Gesamtkunstwerk“, sagt er. Als er noch in Bonn Mathematik studierte, hat er begonnen, sich für Dinge zu interessieren, die für Bahn-Fahrgäste unsichtbar bleiben. „Ich wusste schon damals, dass ein Fahrplan viel mehr ist als das gelbe Blatt, das am Bahnsteig aushängt, dass etwas viel Komplexeres dahintersteckt“, sagt er.

giert sich Mänz im „club der ehemali­ gen“, dem alumni­ verein der Dsa, und ist redaktionsmit­ glied der alumni­ zeitschrift „exPuls“.

sEbasTIaN mäNz öFFNET seine Armbanduhr und legt sie vor sich auf den Tisch. Er fängt an zu erklären, wie er seine Züge auf Deutschlandtour schickt. „Ein Zug, der von München nach Hamburg unterwegs ist, tritt nicht sofort wieder den Rückweg an. Stattdessen setze ich ihn direkt für eine andere Strecke ein.“

(Sachsen-Anhalt) teilgenommen. Die Teilnahme an der Akademie und die Faszination, die seine Kursleiter an ihn weitergeben konnten, haben ihn darin bestärkt, Mathematik zu studieren. Sie hat aber vor allem auch seine Persönlichkeit geprägt. „Die zweieinhalb Wochen im Sommer 2001 haben mein Selbstbewusstsein gestärkt und den Optimismus, dass ich meinen berufliSo sind die meisten Züge mehrere Wochen un- chen Weg gehen werde.“ terwegs, bis sie wieder in ihren Ausgangsbahnhof einfahren. Mänz muss für jedes Fahrzeug NaCH DEm maTHEmaTIK-sTUDIUm hat er Zeiten berechnen, in denen es gereinigt werden als Quereinsteiger ein Referendariat abgeschloskann, und Stationen bestimmen, in denen die sen. Der Job an der Tafel passte auf Dauer nicht Bahn-Ingenieure den Zug durchchecken. Kon- so recht zu ihm, meint Mänz heute. „Als Lehkrete Fragestellungen, die aber viel abstraktes rer muss man auch ein wenig Schauspieler und Denkvermögen erfordern. „Was ich im Mathe- Entertainer sein. Aber das bin ich nicht.“ Er Studium gelernt habe, kann ich in diesem Job bewarb sich bei der DB Fernverkehr – die ihn auf Anhieb einstellte. Für seinen Lebensweg hat gut anwenden“, sagt der 30-Jährige. Mänz keinen starren Fahrplan errechnet. „Da In einem komplexen System können Probleme lasse ich mich gerne auch mal treiben“, sagt er. auftreten. Sebastian Mänz’ Aufgabe ist es, sie zu lösen: „Angenommen, irgendwo ist eine Bahn- Das gilt nicht im Arbeitsleben des Fahrplaners strecke unterspült und für mehrere Wochen ge- Sebastian Mänz: Mehr als 30.000 Zugfahrten sperrt – dann überlege ich mir ein Konzept: Wie führt die Deutsche Bahn in einem Jahr durch. In können die Züge so fahren, dass es sich mög- Form von Zahlen, Tabellen, Statistiken landen lichst nicht auf den ausgehängten Fahrplan aus- diese irgendwann mal auf den Schreibtischen wirkt?“ Durch geschicktes Umdisponieren der seiner Abteilung. Und wenn die Arbeit von Fahrzeuge klappe das meistens gut, sagt Mänz. Mänz gut funktioniert, bleibt sie dem Kunden verborgen: Dann läuft alles genau nach Plan. KNIFFlIGER wIRD Es für ihn beim Wagenwww.deutsche­ reihungsplan. Geschäftsleute, die jede Woche schuelerakademie.de von Frankfurt nach Berlin fahren, sollen immer an derselben Stelle in die erste Klasse einsteigen können. Aber wenn der Fahrplaner für genau diese Verbindung einen Ersatz-Zug einsetzt, stimmt die Wagenreihung natürlich nicht mehr. „Um dieses Problem zu lösen, entwickle ich Ideen im Streckenatlas“, sagt er und packt den Atlas aus seinem DB-Rucksack. Mit dem Finger tippt er auf den Frankfurter Hauptbahnhof und zeichnet die Strecke nach. „Wenn ein Zug in umgekehrter Wagenreihung fährt, würde ich ihn am liebsten einfach hochheben und umdrehen. Das geht natürlich nicht. Deshalb schlage ich vor, ihn eine Schleife über Frankfurt-Niederrad fahren zu lassen, sodass er am nächsten Tag richtig herum nach Berlin aufbrechen kann.“ Das hört sich simpel an – ist aber das Ergebnis komplizierter Berechnungen. Sebastian Mänz’ Begeisterung für alles, was mit Zahlen zu tun hat, wurde nicht nur im Schulunterricht gefördert. 2001 hat er in den Sommerferien an der Deutschen SchülerAkademie in Grovesmühle

07

Der Sommer 2001 hat mein Selbst­ bewusstsein gestärkt.


Š Photocase

#2

08


Blick­ punkt Kap #2

Das Schwerpunktthema im Hingucker: BEGABUNGSFÖRDERUNG UND SOZIALE HERKUNFT

Reportage

10 begabung kennt keine grenzen

Bildungserfolg hängt stark von sozialer Herkunft ab – aber es gibt Ideen, das zu ändern. Eine Spurensuche, wie Begabungsförderung soziale Grenzen überwinden kann Gespräch

15 Bedürfnis nach Orientierung

Mit neuen Formaten will Bildung & Begabung herkunftsunabhängig Talente fördern Essay



16 Closed SHOP BegabungsFÖRDERUNG?

Manche Jugendliche sperren sich selbst von Förderung aus, formulieren ihre eigenen Sperrklauseln: „Das kann ich nicht.“ Das sollte sich ändern Gespräch

18 breiter fördern. aber wie?

Die Begabungsförderung soll den Blick auf Potenziale in allen Schulformen richten. Aber wie kann das überhaupt in der Praxis gelingen? Meinung

22 So SehE ich das

Was junge Menschen vom Bildungssystem erwarten

09


Talente finden

10

[1] Š DOMINIK ASBACH

Wo ko m mst du denn h er?


Blickpunkt

EINSTEIGEN, durchsteigen, aufsteigen: BEGABUNG KENNT KEINE GRENZEN

Soziale Herkunft als Risikofaktor: Das muss nicht so bleiben. In Deutschland gibt es mittlerweile zahlreiche Ideen, Talente auch in bildungsfernen sozialen Gruppen zu fรถrdern.

Text Armin Himmelrath

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D

er Sozialwissenschaftler Klaus Hurrelmann war zutiefst erschrocken. 2010 hatte er, zusammen mit seiner Kollegin, der Kindheitsforscherin Sabine Andresen, 2.500 Kinder in Deutschland zu ihrer Lebenssituation und zu ihrem Wohlbefinden befragt. Für die Hilfsorganisation World Vision erstellten die Wissenschaftler zum zweiten Mal eine Kinderstudie. Und dabei waren Hurrelmann und Andresen – mitten in einer der reichsten Gesellschaften Europas – auf zahlreiche Kinder gestoßen, die ihre eigene Zukunft längst abgeschrieben hatten. „Es ist erschreckend zu sehen, wie sich schon in Deutschland eine Vier-Fünftel-Kindergesellschaft herausbildet“, sagt Klaus Hurrelmann: „Die Kinder aus dem benachteiligten unteren Fünftel sehen ihre Zukunft negativ und trauen sich keine erfolgreiche Schullaufbahn zu. Es fehlt ihnen an Rückhalt, an Anregungen und an gezielter Förderung.“ Mit anderen Worten: Kinder haben bereits im Alter von zehn Jahren eine klare und vor allem realistische Vorstellung davon, ob sie zu den Bildungsgewinnern gehören – oder zu den Verlierern. Während Kinder aus der oberen Mittelschicht zu 68 Prozent und Kinder aus der Oberschicht sogar zu 81 Prozent Gymnasium oder Abitur als Bildungsziel nennen, kann sich nur jedes fünfte Kind aus der Unterschicht vorstellen, Abi zu machen. Soziale Herkunft als Risikofaktor für die Bildung – Sabine Andresen kennt die zugrunde liegenden Probleme: „Wir machen uns große Sorgen um Kinder, die von alleinerziehenden Elternteilen aufgezogen werden. Sie werden in unserer Gesellschaft nach wie vor massiv benachteiligt“, nennt die Kindheitsforscherin ein Beispiel, „Armut wird von Kindern sehr konkret wahrgenommen und ist keine abstrakte Größe. Armut grenzt aus und dies erleben die Kinder auch so in ihrem Alltag.“ Damit aber setzt ein fataler Automatismus ein: Reduzierte Bildungsziele führen zu niedrigerer Qualifikation und verfestigen damit wiederum den schwierigen sozialen Status – ganz unabhängig von der individuellen Begabung.

Potenzial bleibt ungenutzt „Viel zu viel Potenzial bleibt auf diese Weise ungenutzt“, sagt Elke Völmicke, Geschäftsführerin von Bildung & Begabung, dem Zentrum für Begabungsförderung in Deutschland. Zahlreiche Initiativen und Stiftungen haben das erkannt und setzen gezielt auf individuelle Förderung: Talente und Begabungen sollen nicht mehr verloren gehen. „Ich war 17, als ich von meiner Französischlehrerin angesprochen wurde“, erinnert sich Victor Warno aus Dortmund. Als Vollwaise lebte er damals bei seiner älteren Schwester; die Lehrerin erkannte sein Potenzial und schlug ihn für das Deutsche Schülerstipen-

dium der Roland Berger Stiftung vor. „Das ist ein bundesweites Förderprogramm, bei dem lern­willige, begabte und engagierte Schüler aus sozial schwächeren Familien mit dem Ziel Abi­tur und Studium gefördert werden“, berichtet Victor. Von der zukünftigen „Verantwortungselite“ spricht die Roland Berger Stiftung selbst. Sie will dafür sorgen, dass mit einem individuellen Förderplan und einem ehrenamtlichen Mentor an der Seite jeder Stipendiat bestmöglich unterstützt wird, um durch Übernahme von gesellschaft­ licher Verantwortung wiederum als Vorbild für nachfolgende Generationen zu dienen. Diesen generationenübergreifenden

[2] © DOMINIK ASBACH

der Knackpunkt ist die persönliche Unterstützung im Netzwerk.

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Ansatz erlebte Victor, heute Mathe-Student an der Humboldt-Universität in Berlin, als Stipendiat auch selbst: „Mit Dirk Gellesch hatte und habe ich einen Mentor an meiner Seite, von dem ich unglaublich viel lernen kann.“ Der Referent im Düsseldorfer Schulministerium wurde zum Ratgeber, Diskussionspartner und Begleiter. Neue Türen seien ihm so geöffnet, neue Perspektiven ermöglicht worden, sagt Victor: „Dabei habe ich zum Beispiel relativ schnell festgestellt, dass ich nicht Lehrer werden möchte.“ Stattdessen schob Victor nach dem Abitur erst mal ein Freiwilliges Soziales Jahr ein, bevor er sich fürs Mathe-Studium entschied. Und noch eine wichtige Erfahrung konnte er erst durch das Netzwerk der Stiftung machen: „Wir haben, zusammen mit anderen Jugendlichen, das Musical ‚Der Zauberer von Oz‘ geprobt und auf die Bühne gebracht.“ Der heute 21-Jährige übernahm die Hauptrolle – „und damit auch Verantwortung“, wie er sagt. „Und ich habe das Theater als Leidenschaft für mich entdeckt.“ Auf der Bühne unter Beobachtung zu stehen und im Team etwas auf die Beine zu stellen, sei eine bereichernde Erfahrung gewesen. Victors individuelle Förderung durch die Roland Berger Stiftung ist vielleicht so etwas wie ein Rezept, um Talente zu gewinnen und zu sichern. Dabei geht es zwar auch um Geld und konkrete finanzielle Unterstützung, „der Knackpunkt aber ist die persönliche Unterstützung im Netzwerk“, sagt Victor – sei es durch Mentoren, sei es durch Mit-Stipendiaten.

Individuelle Hilfe als Erfolgsrezept Darauf setzt auch die Initiative ArbeiterKind.de, die vor fünf Jahren von der Gießener Doktorandin Katja Urbatsch und einigen Mitstreitern ins Leben gerufen wurde. „Wir wollen Schülerinnen und Schüler nicht akademischer Herkunft zum Studium ermutigen“, sagt Katja Urbatsch. Sie hatte sich darüber geärgert, dass in Deutschland vier von fünf Akademikerkindern an der Uni landen, während es von 100 Kindern aus Nichtakademikerhaushalten nur 24 sind, „obwohl doppelt so viele die Hochschulreife errei­ chen.“ Mit persönlicher Beratung durch Stu-


Blickpunkt

Armin Himmelrath ist Journalist, Mode­ rator und Buchautor in Köln. Er beschäf­ tigt sich schon seit vielen Jahren mit

dierende sollten, zunächst nur in Gießen, bei Arbeiterkindern die Hemmungen vor dem unbekannten Studium und der seltsamen Welt der Universitäten abgebaut werden. Doch die simple und zugleich höchst effektive Mentoring-Idee zog innerhalb weniger Wochen solche Kreise, dass heute bundesweit rund 3.000 freiwillige Mentoren an 80 Hochschulstandorten für ArbeiterKind.de aktiv sind. Sie gehen zu Informationsveranstaltungen in Schulen, bieten Sprechstunden für Schüler und Eltern an und helfen durch ihre Beratung beim Studieneinstieg und den Problemen des Uni-Alltags. „Wir sind selber immer noch überwältigt von dem Erfolg“, sagt Katja Urbatsch.

senkirchen ist bundesweite Rekordhalterin: Von den hier eingeschriebenen Studenten hat gerade noch ein Drittel den klassischen Weg über das Abitur am Gymnasium hinter sich – zwei Drittel dagegen kommen auf anderen Wegen an die Hochschule. Sie sind von der Haupt- oder Realschule in eine gymnasiale Oberstufe gewechselt, kommen von Berufskollegs, bringen eine Lehre mit oder haben ihr Abitur auf dem zweiten Bildungsweg erworben. Und trotzdem, sagt Hochschulpräsident Bernd Kriegesmann, gebe es immer noch zu viele Schüler, die aus falschem Respekt einen großen Bogen um seine Hochschule machten: „Wir haben viel zu viele Talente, die wirklich ihren akademischen Weg gehen könnten – die diesen Weg aber nie plaUnd sie stöSSt mit ihrer Initiative auf brei- nen würden, wenn wir uns nicht aktiv um diese te Unterstützung, gerade auch bei Wirtschafts- jungen Menschen bemühen würden.“ vertretern. Denn viele Firmen suchen händeringend nach gutem Nachwuchs – und sind Eigens dafür hat die Fachhochschule Suat dabei dankbar für jede Hilfe bei dem Versuch, Yilmaz eingestellt. Der Sozialwissenschaftler hat Bildungshürden zu überwinden. „Vor dem Hin- einen in Deutschland wahrscheinlich einzigartergrund des demografischen Wandels und dem Fachkräftemangel in Deutschland wird es für Unternehmen immer wichtiger, junge Talente gezielt zu fördern und auszubilden“, sagt Michael Schmidt, Vorstandsvorsitzender der BP Europa SE. Sein Unternehmen engagiert sich unter anderem für die TalentMetropole Ruhr, um junge Leute früh durch den Schulterschluss zwischen Schule und Wirtschaft bei der Berufswahl zu unterstützen. In Zusammenarbeit mit dem Initiativkreis Ruhrgebiet soll die Region „als Schmiede von und als Magnet für Talente“ profiliert werden: „Bis zum Jahr 2030 soll sich das Ruhrgebiet zum Hotspot für Talente entwickeln.“ Ziel sei es, nicht nur die Fachkräftebasis für die Firmen der Region zu sichern, sondern auch neue Chancen zur Teilnahme an sozialen Bildungsaufstiegen zu eröffnen.

Bildungsfragen und arbeitet unter ande­ rem für Spiegel/ Spiegel Online, WDR und Deutschland­ radio.

Dem Autor auf Twitter folgen: @AHimmelrath

tigen Job: Er ist als Talent-Scout für die Westfälische Hochschule unterwegs. „Ich trage die Hochschule in die Realität der Schulen hinein“, sagt er selbst über seine Arbeit, „ich versuche, den Weg von der Schule in die Hochschule so angenehm und so erfolgreich wie möglich für die jungen Menschen zu gestalten.“ Hürden abbauen, Bildungswege aufzeigen und Brücken bauen – so sieht Suat Yilmaz seinen Job. Oder, in seinen Worten: „Einsteigen, durchsteigen, aufsteigen.“ Denn wenn der akademische Stallgeruch fehlt, neigen Lehrer und Eltern, aber auch die jungen Menschen selbst dazu, Bildungsgänge mit niedrigeren Qualifikationen anzustreben. Suat Yilmaz und seine Kollegen gehen deshalb gezielt nicht nur in Gymnasien, sondern auch in Berufskollegs, Real- und Gesamtschulen: „Viele Schülerinnen und Schüler haben das Potenzial und Talent, brauchen aber noch Motivation und vielleicht auch eine Vision davon, wie es in ihrem Leben weitergehen kann.“

[1] T  arkan Sola will Physiker werden –

früher galt er als Problemschüler

[2] D  as Talent von Victor Warno erkannte

seine Französischlehrerin, sie schlug ihn für das Deutsche Schülerstipen­ dium der Roland Berger Stiftung vor [3] D  as Ruhrgebiet soll sich zum Hotspot für Talente entwickeln

[3]

© plainpicture GmbH / Photocase

Mit dem Talent-Scout auf Nachwuchssuche Wie das konkret aussehen kann, darüber machte sich Michael Schmidt bei der TalentAkademie Ruhr im Sommer ein Bild. Dahinter verbirgt sich ein Förderprojekt, das Bildung & Begabung gemeinsam mit der Westfälischen Hochschule, der BP Europa SE, der BP Stiftung und „Schalke hilft!“ 2012 zum ersten Mal angeboten hat. Die Hochschule mit Standort unter anderem in Gel-

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© DoMinik asbach

[4]

bleibt und ständig neue Impulse empfängt: Lucia Esposito belegt immer wieder Sprachkurse und andere VHS-Angebote, steht im „Theater am Fluss“ in Kleve als Schauspielerin auf der Bühne oder engagiert sich ehrenamtlich in der Käte Ahlmann Stiftung als Mentorin für junge Unternehmerinnen. „Dabei komme ich in den Genuss, ein junges Architekturbüro zu unterstützen“, sagt sie: „Ich lebe beim Mentoring meine Talente aus. Und das bereichert mich in meinem Sein.“ Als „völlig veraltet“ bezeichnet sie den Glauben an den Zusammenhang zwischen akademischem Grad und beruflichem Erfolg: „Talente entdecken und entwickeln ist für mich nichts anderes, als sich selbst zu erfahren und zu leben und selbst zu sein.“ Und da gebe es für jede Person einen individuellen Weg. Wenn das Bildungssystem die Vielfalt der Talente fördere, komme es auf den speziellen Bildungsweg nicht mehr an. sEINE HERKUNFT HäTTE möglicherweise

bei Tarkan Sola den Bildungsaufstieg bremsen können. Der 13-Jährige stammt aus BerlinKreuzberg und besucht mittlerweile das Lessing-Gymnasium. Derzeit in der siebten Klasse. „Aber die achte werde ich überspringen“, sagt er. Doch dass bei Tarkan heute Erfolg und Hochbegabung sichtbar sind, war in der Grundschule noch keinesfalls ausgemacht. „Damals war ich kein besonders guter Schüler“, sagt er – mit hörbarer Untertreibung. „Negativ aufgefallen“ sei er damals, vor allem, weil ihm der Unterricht zu langweilig war.

[4] Die emmericher unternehmerin lucia esposito

engagiert sich für das talent­Mentoring

GENaU DIEsE VIsIoNEN will Talent-Scout

Suat Yilmaz fördern – auch aus eigener Erfahrung: Als Gastarbeiterkind wurde er auf die Hauptschule durchgereicht. Erst dort erkannte ein besonders engagierter Rektor das Potenzial des Jungen und sorgte für die Rückkehr aufs Gymnasium. „Oft sind es einfach nur Informationsdefizite, die dafür sorgen, dass Schüler nicht dort landen, wo sie hingehören und wo sie ihr Potenzial ausschöpfen können“, sagt Suat Yilmaz.

Im Netzwerk zum Ziel Dabei muss der Weg zur persönlichen Talententfaltung gar nicht unbedingt über eine Universität oder Fachhochschule laufen. Lucia Esposito ist Unternehmerin mit Migrationshintergrund – aufgewachsen im Sauerland, heute höchst erfolgreich als Geschäftsführerin der AQUAtec GmbH in Emmerich, eines hoch spezialisten und weltweit gefragten Dienstleisters für großflächiges Wasserstrahlschneiden und die sogenannte „CNC-5-Achs-Bearbeitung“. „Talente lassen sich finden und fördern durch den Abbau von talenthemmenden Umständen“, sagt die Kauffrau, die bewusst auf das Studium nach dem Abitur verzichtet hat.

zU DIEsEN HEmmNIssEN zählt sie das Schulsystem: „Das muss viel stärker ausgerichtet werden auf die Entwicklung der Talente und Fähigkeiten von Kindern“, fordert Lucia Esposito. Sie selber geht mit gutem Beispiel voran: „Ich öffne die Pforten meines Unternehmens für Schüler. Da kann etwa bei der Aktion ‚Schüler als Chef‘ eine begabte Schülerin aus Emmerich einen Vormittag Chefin von AQUAtec sein. Sie erlebt, wie es ist, 40 Mitarbeiter zu führen und zu leiten.“ Sie will, sagt die Unternehmerin, „das Denken der Schüler öffnen“ und sorgt auch dafür, dass ihr eigener Kopf wach

Die Folge: Disziplinschwierigkeiten, ein problematisches Image, Streit in der Schule und manchmal auch in der Familie. „Dann kam eine Lehrerin auf die Idee, dass ich vielleicht hochbegabt bin“, sagt Tarkan. Der Test bestätigte den Verdacht – und für Tarkan war damit der Weg ins Deutsche Schülerstipendium der Roland Berger Stiftung frei. „Ohne die Stiftung hätte ich mich bestimmt ganz anders entwickelt“, sagt Tarkan voller Überzeugung. Kampfsport hat er ein paar Jahre gemacht, Volleyball spielt er, „aber mein Lieblingsfach ist Physik – das kann ich mir sogar für später als Beruf vorstellen.“

dER ZUsAm mENhANG ZwischEN AKAdEmischEm GRAd UNd BERUflichEm ERfolG ist VölliG VERAltEt. 14


Blickpunkt

Bedürfnis nach Orientierung Interview Moritz Kralemann

Die VorbilderAkademie ist für jun­ ge Menschen mit Zuwanderungsge­ schichte konzipiert. Wie integrie­ ren Sie das Thema „Vorbild“ ganz konkret in das Programm? Leikhof: Wir fragen die Schüler schon bei der Bewerbung, was für sie vorbildlich ist oder wer für sie ein Vorbild wäre. Die Antworten reichen von Mutter Teresa über Fußballspieler bis hin zu den eigenen Eltern. Viele sagen aber auch, dass sie keine Vorbilder haben oder finden, dass man seinen eigenen Weg gehen muss. Bei der Akademie selber spielt das Leitungsteam eine wichtige Rolle, das aus jungen Menschen mit und ohne Migrationshintergrund besteht. Sie können und sollen den Teilnehmern viel aus ihren eigenen Bildungsbiografien berichten. Außerdem laden Bei der Teilnehmeransprache zu den wir verschiedene Gäste zur Akademie ein – Stuneuen Förderformaten von Bildung dierende und spannende Persönlichkeiten aus & Begabung schreiben Sie: Es kommt ganz unterschiedlichen gesellschaftlichen Bereinicht allein auf gute Noten an. Wer chen. Und am Ende der Akademie beschäftigen darf bei der TalentAkademie und der sich die Teilnehmer mit der Frage, wo sie selbst VorbilderAkademie dabei sein? ein Vorbild sein könnten. Leikhof: Dabei sein kann, wer motiviert ist, an seinen Begabungen zu arbeiten und sich im Haben Sie noch Kontakt zu einigen Hinblick auf seine Bildungslaufbahn zu orien- Alumni? Wie wirken die Akademien tieren und weiterzuentwickeln. Die Interessen- nach? ten schreiben uns dazu eine kleine Bewerbung. Leikhof: Ich habe tatsächlich noch guten KonWir versuchen, die richtige Mischung aus unter- takt zu vielen früheren Teilnehmern. Für fast schiedlichen Talenten und Bildungsbiografien alle Akademien bilden sich entsprechende auszuwählen. Bei der VorbilderAkademie ach- Gruppen in sozialen Netzwerken – und einige ten wir zusätzlich besonders auf den familiären laden mich und die Kursleiter ein, dort dabei Hintergrund der Schüler. Angenommen, zwei zu sein. Die Teilnehmer der VorbilderAkademie Bewerber bringen eigentlich die gleichen Vor- 2012 organisieren derzeit selbst ein Nachtrefaussetzungen mit, bei einem von beiden hat fen; sie wollen im Frühjahr gemeinsam für einiaber noch nie jemand aus der Familie studiert: ge Tage nach Straßburg fahren und sich mit Dann sehen wir hier ein stärkeres Bedürfnis europäischer Politik beschäftigen. Ab 2013 nach Orientierung, das wir in der VorbilderAka- können wir für die Teilnehmer der TalentAkademie Ruhr Nachfolge-Wochenenden anbieten, demie zu adressieren versuchen. worüber ich mich sehr freue. Schön ist es auch, wenn sich Eltern oder Lehrer nach der AkadeViele der Teilnehmer kommen zum ersten Mal mit einem Projekt der Be­ gabungsförderung in Kontakt. Müs­ sen Sie Hemmschwellen abbauen? Leikhof: Bei der letzten VorbilderAkademie hat eine der Projektgruppen eine kleine Umfrage unter den Teilnehmern organisiert. Das Ergebnis war: Viele sind durchaus mit einem mulmigen Ulrike Gefühl angereist. Sie hatten befürchtet, dass sie Leikhof „nur Streber“ treffen könnten – und das ProLeiterin Neue gramm wie in der Schule werden würde. Also ja, Fördermaßes gibt einige Hemmschwellen. Auch bei den ­Eltern, die ja zunächst verstehen müssen, was nahmen Bildung & Begabung wir mit den Programmen wollen.

Bildung & Begabung selbst hat mit der TalentAkademie und der VorbilderAkademie zwei Formate entwickelt, mit denen Begabungen in allen sozialen und kulturellen Herkunftsgruppen entdeckt und gefördert werden sollen. Ulrike Leikhof, Leiterin Neue Fördermaßnahmen, berichtet über ihre Erfahrungen mit den beiden schulformübergreifenden Projekten.

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mie melden und uns erzählen, was sich bei einem Teilnehmer nach der Akademie getan hat. Viele berichten von einem viel größeren Vertrauen in die eigenen Stärken.

Termine TalentAkademie und Vorbilder­Akademie im Jahr 2013 Voraussichtliche Termine und Orte:

13. – 26.07.2013 Berlin TalentAkademie » Für Schüler der 8. und 9. Jahrgangsstufen aller Schulformen aus Berlin und Brandenburg » www.bildung-und-begabung.de/talentakademie

22. –31.07.2013 Gelsenkirchen TalentAkademie Ruhr » Für Schüler der 9. Jahrgangsstufen aller Schulformen aus der Metropole Ruhr » Kooperationspartner: BP Europa SE und Deutsche BP Stiftung, Westfälische Hochschule und Stiftung Schalke hilft! » www.bildung-und-begabung.de/talentakademie_ruhr

10.–17.08.2013 Essen VorbilderAkademie Metropole Ruhr » Für Schüler aus der Metropole Ruhr der 9. und 10. Jahrgangsstufen mit Zuwanderungsgeschichte » Kooperationspartner: Stiftung Mercator »w  ww.bildung-und-begabung.de/vorbilderakademie

31.08. – 07.09.2013 Bayreuth VorbilderAkademie » Für Schüler aus Bayern und Baden-Württemberg der 9. und 10. Jahrgangsstufen mit Zuwanderungs­ geschichte »w  ww.bildung-und-begabung.de/vorbilderakademie


Die Idee, das Talent in die eigene Hand zu nehmen, kann für Kinder aus sozial schwachen Schichten wie ein Befreiungsschlag wir­ ken. Aber noch schließen sich zu viele dieser jungen Menschen selbst von För­ derung aus. Warum ist das so?

c lo s e d

p o h s SPERRZONE ? Förderung

Text Elke Völmicke Geschäftsführerin von Bildung & Begabung

Bildung ­– keine Frage – ist der Schlüssel zu einer erfolgreichen Zukunft. Ebenso richtig ist, dass sich jeder Schlüssel in zwei Richtungen drehen lässt. Der britische Autor Sir Ken Robinson schreibt: “Turn it one way and you lock resources away, even from those they belong to. Turn it the other way and you release resources and give people back to themselves.”

Das zeigt: Das beste Bildungssystem, die besten Förderprojekte bringen nur Teilerfolge – solange viele Kinder nicht wissen, wie der Schlüssel zu drehen ist, um sich die Angebote und Wege des Bildungssystems eigenständig zu erschließen und für die Entwicklung ihrer individuellen Fähigkeiten zu nutzen. In Deutschland betrifft dies vor allem junge Menschen ohne ein privates soziales Beziehungsnetz, das sie früh zu einem selbstbestimmten Denken, kritischer Reflexion und Wertschätzung von Talent anleitet. Kinder aus allen sozioökonomischen Schichten können betroffen sein – konkret trifft es insbesondere Kinder aus Familien, in denen Bildung eine untergeordnete Bedeutung spielt oder Rollenvorbilder fehlen. Sie besitzen häufig weder Selbstvertrauen noch die erforderlichen Grundtechniken beziehungsweise die Selbstkompetenz, um sich ein difrinzipiell steht die Tür zur Bildung weit offen. Trotzdem: ferenziertes Urteil über ihre Potenziale und Lernziele zu bilden und selbst ­Jugendliche nehmen Bildung in Form von (außerschu­ für ihr Talent einzustehen. Sie bleiben darauf angewiesen, von anderen lischer) Talent- und Begabungsförderung nicht selten als gesehen und mit Glück gefördert zu werden. „Closed Shop“ wahr. Sie sperren sich selbst von Förderung aus, formulieren ihre eigenen Sperrklauseln. Eine junge Teilnehmerin aus Die Idee, das Talent in die eigene Hand zu nehmen, kann insbesonSri Lanka hat zum Abschluss einer Akademie gesagt: „Ich hätte nicht ge- dere für diese Gruppe von jungen Menschen wie ein Befreiungsschlag glaubt, dass ich für eine Förderung überhaupt infrage kommen könnte. wirken: „Ich lasse mir nie mehr sagen, dass ich etwas nicht kann!“, hat Ich habe mich nur beworben, um meine Lehrerin nicht zu enttäuschen.“ ein Schüler dem staunenden Publikum auf die Frage entgegengerufen, Häufig ist zudem zu erleben, dass Kinder zwar eine Teilnahmezusage für was ihm denn zehn Tage Talentförderung in einer Sommerakademie ein Förderangebot erhalten – die konkreten Termine dann aber ungenutzt gebracht hätten. Die Chance, sich gemeinsam mit Gleichgesinnten in verstreichen lassen. Was auf den ersten Blick wie Desinteresse aussieht, neuen Lernumgebungen und Lernformen auszuprobieren – sei es als erweist sich bei genauerem Hingucken oft als ein Kinder wie Eltern läh- ­Radiomoderator, Designer oder Lebensmitteltechnologe –, kann einen mender Mix aus der Angst, sozialen Erwartungen oder intellektuellen entscheidenden Impuls geben, mehr zu wollen, sich mehr zuzutrauen Normen nicht zu genügen, und der Unfähigkeit, mit dieser Sorge kon­ und Lernen neu zu verstehen. Die Schlussfolgerung scheint daher kaum gewagt: Bleibt es für eine große Gruppe Kinder eine Frage des glück­ struktiv umzugehen.

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Blickpunkt

Eine junge Teilnehmerin hat zum Abschluss einer Akademie gesagt:

Ich hätte nicht geglaubt, dass ich für eine Förderung überhaupt infrage kommen könnte. Ich habe mich nur beworben, um meine Lehrerin nicht zu enttäuschen. lichen Zufalls, ob sie rechtzeitig auf Menschen treffen, die sie befähigen, Mut zum eigenen Talent zu haben, ist absehbar, dass Talent auch weiterhin in erheblichem Maße eine Frage der Herkunft und nicht des individuellen Potenzials und der individuellen Leistungsbereitschaft sein wird. Das wäre der sichere Weg, Talentpotenziale auch künftig im großen Stil zu verschenken. Keine verlockende Perspektive – weder für das Glück des Einzelnen noch für das Wohl des Ganzen.

entwicklung stärken. Ein Kind zur selbstständigen Entscheidung für das eigene Talent zu befähigen: Das ist der wahre Türöffner einer alle sozialen Schichten und Schulformen übergreifenden Talententwicklung. Mit der nötigen Selbstkompetenz und einer verlässlichen Stärkung durch das Beziehungsumfeld wird jedes Kind immer mehr aus seinen Potenzialen machen, als es zuvor für möglich gehalten hatte. Ein solches Szenario impliziert hohe Anforderungen an das Bildungssystem und seine Akteure. Es verlangt nicht zuletzt eine selbstkritische Reflexion über die Im Interesse des Einzelnen und der Zukunftsfähigkeit der Gesell- Grundannahmen und Grundstrukturen bisheriger schulischer und außerschaft, im Namen der Gerechtigkeit wie auch handfester ökonomischer schulischer Förderpraxis. Motive gilt es deswegen, Sperr­klauseln in den jungen Köpfen gar nicht erst entstehen zu lassen. Wie also weitermachen? Forschung und Förder- Wir müssen etwa fragen: Wie kann die Befähigung zur Selbstbestimmtheit auch dort entstehen, wo das soziale Umfeld sie nicht praxis haben bereits lohnende Anknüpfungspunkte entwickelt. schon früh vermittelt? Wie berücksichtigen wir in der Gestaltung von Wir wissen, dass kognitive wie motivationale Faktoren darüber ent- Lernumgebung und Lernmethoden, dass Talent dynamisch ist und scheiden, inwieweit sich Talent entfaltet. Wir wissen auch, dass Kinder sich nicht linear entwickelt? Wie kann es gelingen, die individuellen ein unterschiedliches Lerntempo haben. Dank Motivationsforschung Entscheidungen zum Talent ernst zu nehmen, also Anerkennungserund neurowissenschaftlicher Erkenntnisse wissen wir außerdem, dass lebnisse auch erfahrbar zu machen, wenn sich Talent außerhalb schuPotenziale und Lernbereitschaft dynamische und nicht etwa statische lischer Fächer, akademischer Disziplinen oder tradierter Kulturformen Größen sind. Demnach können individuelle Potenziale dank Förderung zeigt? Wie lernen wir, die Diversität von Talent als Bereicherung zu sewachsen – oder sie können verkümmern. Wachsen werden sie vor allem hen – und unsere Förderziele und Kriterien entsprechend einzusetzen? dann, wenn ein Kind sich auch selbst dazu entscheiden kann, sie wach- „Ich lasse mir niemals mehr sagen, dass ich etwas nicht kann!“ Auch wenn sen zu lassen. Um zu einer solchen Entscheidung überhaupt in der Lage wir mehr Selbstkompetenz fördern, Orientierungswissen vermitteln und zu sein, benötigen Kinder neben Selbstvertrauen und Lernfreude ganz Sperrklauseln beseitigen, wird es weiterhin Leistungsstreuung und mehr oder weniger ausgestaltetes Talent geben. Dies wäre dann allerdings nicht wesentlich die Fähigkeit zur selbstbestimmten Urteilskraft. mehr Folge einer bestimmten Herkunft, sondern vornehmlich Ausdruck Wer Talent fördern will, muss Kinder deshalb früh darin bestär- individueller Entscheidungen. Kinder, heißt es, haben eine ungebremste ken, ihre Fähigkeiten eigenständig entwickeln zu wollen und zu können, Lust auf Wissen und Sichausprobieren. Geben wir ihnen muss ihnen in Lernkontexten die entsprechenden Motivationserlebnisse den Schlüssel, aus dieser Lust etwas zu machen, und wir vermitteln, ihre allgemeine Intelligenz ebenso wie ihre Persönlichkeits- werden in jedem Fall mehr Talent sehen. Tipp

ZUm nachlesen

OUT OF OUR MINDS: LEARING TO BE CREATIVE. Sir Ken Robinson.

Chichester, West Sussex 2011. Englisch. ISBN 1907312471

BILDUNGSRECHT. LEITFADEN für ...

BILDUNG BRAUCHT BEZIEHUNG. J. Kuhl,

Bildung braucht Persönlichkeit.

Ausbildung, Administra­­tion und Management. E. Luthe. Berlin 2003. ISBN 3899491165

S. Müller-Using, C. Solz­ bacher, W. Warnecke. Freiburg im Breisgau 2011. ISBN 3451324903

Wie Lernen gelingt. Gerhard Roth. Stuttgart 2011. ISBN 3608946551

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Im Gespräch INTERVIEW moderiert von Andreas Block / Angela von Wietersheim

Die Bildungsforscherin Christina Schenz sagt: Begabungsförderung gehört an alle Schulen – nicht nur ans Gymnasium. Nur so könnten soziale Hürden überwunden werden. Aber wie kann das im Schulalltag überhaupt klappen? Wir haben Christina Schenz und die Realschulleiterin Michaela Schabel zum Gespräch zwischen Theorie und Praxis gebeten.

wIssEN sCHaFT & pRaxI s ein diA

frau schenz, sie sPrechen lieber Von begabungsgestaltung statt Von begabtenförDerung. wie Mei­ nen sie Das? schenz: Ich will den Eindruck vermeiden, dass ich nur von einer speziellen Gruppe spreche, die zum Beispiel einen bestimmten IQ-Wert erreicht. Begabungsgestaltung bezieht sich nicht nur auf diese Gruppe. Als Pädagogin gehe ich davon aus, dass jeder Mensch Begabungen und Potenziale hat. Ich möchte nicht nur bereits selektierte Menschen ansprechen.

frau schabel, sinD Das begriffe unD theorien, Die sie in ihrer arbeit als schulleiterin wieDerfinDen? schabel: Leider heißt „begabt sein“ in unserer Gesellschaft oft, es aufs Gymnasium zu schaffen.

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© Michael herDlein

unD waruM lieber gestaltung statt förDerung? schenz: Begabung ist ein Wechselspiel zwischen dem Bildungsprozess des einzelnen Menschen und seiner Umwelt. Ich muss etwas, was ich in mir habe, weiterentwickeln, ihm Zeit einräumen. Dazu brauche ich aber die Umwelt, die mir dabei hilft. Gemeinsam entsteht ein Raum, in dem ich meine Begabung entfalten kann. Förderung ist ein recht passiver Begriff. Aber Begabung betrifft den Einzelnen immer selbst, er muss sie aktiv gestalten. Am Beispiel Schule kann man das gut erklären. Die Schule ist ein solcher Raum, den ein Kind idealerweise für sich nutzen kann. In diesem Raum aber muss die Umwelt, also ein Lehrer, ein Kind begleiten. Zugespitzt formuliert: Ein Kind kann nur Klavierspielen lernen, wenn auch ein entsprechendes Instrument da ist.

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Blickpunkt

BREitER föRdERN. ABER wiE?

neue talente: nach ihrem gespräch spielten christina schenz (l.) und Michaela schabel noch eine Partie am Mini­kickertisch, der in schenz‘ büro an der uni Passau steht

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© Michael Herdlein

Bitte kurz ruhig sein: Michaela Schabel und Christina Schenz in der Bibliothek der Uni Passau

Dadurch entsteht ein riesiger Selektionsdruck. Mir wäre es deshalb lieber, wenn wir von Stärken sprechen würden. Denn der Begriff „Begabung“ ist immer sehr kognitiv, intellektuell geprägt. Stärke hingegen ist etwas, was ich über Förderung, über Lebensprozesse erreichen kann. Stärken sind auch emotionaler, sportlicher oder musischer Natur. Das ganze Bildungssystem ist leider auf das Ziel „Abitur über Gymnasium“ fixiert. Das scheint der allein selig machende Weg zu sein. In der Bevölkerung ist mir ein Gedanke zu wenig verankert: Man kann auf allen möglichen Wegen begabt sein. Wir brauchen nicht nur das akademische Mittelmaß. Wir brauchen einen starken Meister, einen starken Handwerker. Schenz: Ich unterstreiche das. Aber problematisch finde ich häufig diesen Verwertungszusammenhang, wenn man sagt: Wir brauchen das. Schabel: Richtig, wir sind nicht Zulieferer der Wirtschaft. Kinder haben ein Recht darauf, dass man sie fördert – und nicht an bestimmten Maßstäben bricht. Sie beide sprechen davon, Stärken zu fördern. Findet das in der Schulrealität statt? Nehmen wir das Beispiel Elternsprechtage. Eltern werden zu den Fachlehrern bestellt, in denen ihr Kind schwache Leistungen zeigt.

Wie sieht dieser BlumenstrauSS aus, wie sprechen Sie Talente Ihrer Schüler an? Schabel: Mit einem möglichst großen, differenzierten Angebot. Wir haben zum Beispiel einen Literaturabend, das ist für eine Realschule sicher etwas ungewöhnlich. Die Schüler tragen dort ihre Gedichte vor. Und bei allen Schulveranstaltungen haben wir ein ungeschriebenes Gesetz: Die Schüler selbst sind die Moderatoren. Und ich genieße es wirklich zu sehen, wie wohl sich ein Schüler auf der Bühne fühlt, den man vordergründig in die Schublade „Problemschüler“ stecken würde. Wie er seine Begabung entdeckt, Menschen zu unterhalten und zu kommunizieren. Schenz: Lehrer müssen eine professionelle Offenheit entwickeln. Das heißt für den Musiklehrer, eben nicht nur musikalische Potenziale im Blick zu haben. Es gibt ja viele Verbindungen von der Musik zur Mathematik. Vielleicht lassen sich also über den Musikunterricht mathematische Begabungen entdecken oder weiterentwickeln.

Wir haben mit Ihnen, Frau Schabel, eine Realschulleiterin zum Ge­ spräch eingeladen. Denn Sie, Frau Schenz, sagen: Talentförderung gehört nicht nur ans Gymnasium. Schenz: Wichtig dafür sind natürlich die Rahmenbedingungen an einer Schule. Wir dürfen nicht vergessen, dass die Lehrer erst mal das nötige Rüstzeug brauchen. Das sind Kompetenzen, um anreichernde Lernumgebungen zu gestalten und mit Heterogenität umzugehen. Die Lehrer müssen sich davon verabschieden, mit allen Schülern Schenz: In vielen Theorien sprechen wir heute die gleichen Zielvorgaben zur gleichen Zeit mit über Stärken- statt über Defizitorientierung. den gleichen Methoden erreichen zu wollen. Wenn ich also in die Literatur schaue, würde ich sagen, der Perspektivwechsel ist angekommen. Sind Ihre jungen Kollegen zum Schabel: Für die wissenschaftliche Literatur stimmt berufsstart mit diesem Rüstzeug das sicher. Ich versuche auch, diesen Perspektiv- ausgestattet, Frau Schabel? wechsel in die Schule hineinzubringen. Viele Kol- Schabel: Das ist pauschal kaum zu beantworten. legen ziehen sehr gut mit. Ob er in der Breite aber Natürlich unterscheiden sich nicht nur Achtschon angekommen ist, möchte ich bezweifeln. klässler an der Realschule in ihrem Können. Schenz: Es stimmt, zwischen Anspruch und Auch junge Referendare oder Praktikanten haben Wirklichkeit klafft noch eine Lücke. Viele Lehrer unterschiedliche Fähigkeiten. Leider stelle ich bei würden den Ansatz der Stärkeorientierung sofort einigen Praktikanten auf dem Weg ins Lehramt unterschreiben. Es fehlen dann aber die Ideen, fest: Diesen Beruf haben sie gewählt, weil es an diesen umzusetzen. Das heißt ja, dass sich der der Uni keinen Numerus clausus gab oder weil er ganze Unterricht, die ganze Lernumgebung än- für Frauen relativ familienfreundlich ist. In Finndern muss. Davor scheuen manche zurück. land gibt es Eignungsprüfungen für angehende Schabel: Es gibt aber auch positive Beispiele. Ich Lehrer. Aber dort ist der Lehrerjob auch angebin seit acht Jahren Schulleiterin. Unsere Schule sehener. Ich wünsche mir, dass sich das Image vergleiche ich im Hinblick auf individuelle För- unseres Berufs in Deutschland verbessert. derung gerne mit einem Blumenstrauß. Aus ein Schenz: Ich glaube, es ist unmöglich, dass ein paar kleinen Pflanzen ist schon ein beachtlicher, junger Lehrer als Berufsanfänger schon voll ausbunter Strauß geworden. Früher war es doch gebildet ist. Die Professionalisierung einer Lehrso: Es gab Förderkurse für Kinder, die Defizite kraft läuft ein Leben lang. Wenn ein Referendar haben. Jetzt bekommen wir aber auch Stunden an die Schule kommt, blickt er auf die ersten dafür, die Talente unserer Schüler zu fördern. vier, fünf Jahre seiner Professionalisierung zuLeider beziehen sich viele Angebote sehr auf rück. Was ihm aber maßgeblich fehlt, ist die Erden kognitiven Bereich. Ich finde es schade, fahrung. Diese zu sammeln, zu reflektieren und dass schulische Talentförderung häufig den Fo- sich dann weiterzuentwickeln, das macht den kus hat: Die besten Kinder fördern wir, sodass professionellen Lehrer aus. Korrigieren Sie mich, Frau Schabel, aber ein „richtiger“ Lehrer ist man sie es vielleicht aufs Gymnasium schaffen.

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Blickpunkt

Michaela Schabel leitet die ConradGraf-Preysing-Real­ schule in Plattling, zwischen Passau und Regensburg. Ihre Schule wurde

erst nach mindestens fünf weiteren Jahren, oder? Schabel: Es gibt ein Vorurteil bei einigen angehenden Lehrern: Nach dem Referendariat weiß ich alles, habe alles gemacht, dann geht‘s ruhiger zu. Als Schulleiterin sage ich: Dann geht‘s richtig los. Schenz: Ich kann nicht für die gesamte Lehrerausbildung oder für die gesamte Wissenschaft sprechen. Aber an meinem Lehrstuhl versuchen wir, die zukünftigen Lehrer sehr gut auf die Praxis vorzubereiten. Ich fahre mit den Studenten häufig nach Wien. Dort habe ich gute Kontakte zu Schulen, die inklusiv und begabungsadäquat fördern. Meine Studenten werden zuerst in einem Seminar zum Umgang mit Heterogenität geschult. Sie bereiten dann kleine Projekte vor, die sie an den Schulen umsetzen können. Das ist eine doppelte Verzahnung von Wissenschaft und Praxis: Die erfahrenen Lehrer an den Schulen bekommen neue Impulse aus der Wissenschaft. Und die angehenden Lehrer können erproben, wie ihr Uni-Wissen im Alltag ankommt. Ist Begabungsgestaltung nur eine Sache der Schule, Frau Schenz? Schenz: Natürlich nicht allein. An der Gestaltung von Potenzialen ist jeder Mensch selbst, sind Eltern oder Freunde beteiligt. Aber Schule ist ex­ trem wichtig. Vor allem, weil sie ausgleichenden Charakter hat. Zugespitzt: Kinder, die von den Eltern gerade den siebten Reitkurs finanziert bekommen haben, können ihre Begabung im Reiten prima gestalten. Diese Möglichkeiten haben aber nicht alle Kinder. Deshalb brauchen wir professionelle Lehrer. Lehrer, die Potenziale ans Licht bringen, die noch nicht gefördert wurden. Schabel: Für uns ist die Rolle der Eltern natürlich wichtig. Manches läuft gut. Aber ich beobachte auch zwei problematische Phänomene. Zum einen fördern viele Eltern ihre Kinder in der Grundschule wirklich intensiv. Haben die Kinder dann das Etappenziel erreicht und es auf die gewünschte weiterführende Schule geschafft, hört die Förderung schlagartig auf. Zum anderen sind manche Eltern beratungsresistent, was die Schulwahl angeht. Ein Kind kann Begabungen entfalten, wenn es nicht überlastet ist. Wenn es aber eine Schulart besucht, in der es hechelt, die Minimalanforderungen zu erfüllen, dann hat es weder Lebensfreude noch Zeit, um zum Beispiel Fußball zu spielen. Wissenschaftler, Eltern, Politiker, Journalisten: Jeder erwartet et­ was von Ihnen und Ihren Kollegen,

2009 von der Stif­ tung Bildungspakt Bayern mit dem „Innere Schulent­ wicklung Innova­ tionspreis“ (i.s.i.) ausgezeichnet.

Frau Schabel. Haben Sie die Rahmen­ bedingungen, die Sie bräuchten, um breit und individuell zu fördern? Schabel: Ich bin in der glücklichen Situation, Leiterin einer neuen und gut ausgestatteten Schule zu sein. Aber nach nur wenigen Jahren ist auch unser Gebäude schon wieder zu klein, wir unterrichten in vier Containern. Die Konzeption einer Schule müsste eigentlich ganz anders laufen. Ich stelle mir ein flexibles Schulgebäude vor, an das ich Räume andocken kann, das ich flexibel gestalten kann. Schenz: Wissen Sie, woran die ursprünglichen Pläne von Schulen angelehnt waren? An Kasernen. So sehen leider viele Gebäude immer noch aus. Schabel: Wir haben zum Glück ein sehr offenes, lichtdurchflutetes Haus. Im Sommer müssen Sie nicht in den Urlaub fahren, so viel Sonne scheint bei uns rein. Ich glaube, das tut allen gut. Schenz: Um noch einmal das Beispiel Finnland zu bemühen: Es gibt dort viele tolle Schulen, die kommen fast ohne feste Mauern und Räume im Schulgebäude aus. Stattdessen gibt es verschiebbare Wände, die je nach Lernsituation arrangiert werden können. Schabel: Beim Thema Rahmenbedingungen sind natürlich nicht nur Räumlichkeiten wichtig, sondern auch politische Vorgaben. Bildungspolitik ist leider oft ein Instrument der parteipolitischen Profilierung. Das stört mich – und verunsichert die Eltern. Ich würde mir wünschen, dass in der Bildungspolitik konzeptioneller gearbeitet wird. Manfred Spitzer formuliert das so: Jedes Produkt, jedes Medikament wird vor der Markteinführung umfangreich getestet. Aber bei Schulen heißt es oft: „Jetzt macht ihr mal diese oder jene Form von Projektunterricht.“ Was das für unsere Arbeit bedeutet, wird oft nicht bedacht. Schenz: Ich kann da nur an die Autonomie der Lehrkräfte appellieren. Natürlich gibt es einen gesetzlichen Rahmen –­ aber der ist oft gar nicht so eng, wie die Lehrer glauben. Es gibt Schulen, die zum Beispiel beim jahrgangsübergreifenden Lernen diesen Rahmen einfach mal ausreizen. Das finde ich charmant. Wenn Sie auf solche Rahmen gar keine Rücksicht nehmen müssten, Frau Schenz: Wie sähe Ihre ideale Schule aus? Schenz: Ich stelle mir da eine inklusive Schule vor, die begabungsadäquate Module anbietet. Mir ist bewusst, dass das eine Vision ist. Aber warum müssen wir zwingend junge Menschen in einem

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Christina Schenz ist Inhaberin des Lehr­ stuhls für Grund­ schulpädagogik und -didaktik an der Universität Passau. Zuvor hat Schenz an

der PH Karlsruhe das Zentrum für pädagogische Bega­ bungsforschung und Beratung („ZeBra“) gegründet und ge­ leitet.

Jahrgang zusammenfassen, die in ihrer Entwicklung völlig heterogen sind? Begabungsadäquate Förderung nimmt die unterschiedlichen Entwicklungsphasen der Kinder ernst. Ein Kind kann in Mathe sehr gut sein, in Deutsch aber noch Unterstützung brauchen. Für dieses Kind hätte diese Schule passende Module im Angebot. Schabel: Das ist natürlich, wie Sie sagen, sehr visionär. Für eine solche modularisierte Schule fehlen uns allerdings auch personelle Ressourcen. Dazu kommen die täglichen Probleme des Alltags. Ich habe vor Kurzem eine Fortbildung in Berlin besucht. Dort finden Sie Schulen, an denen 70 Prozent der Schüler und mehr einen Migrationshintergrund haben. Diese Schulen sind schon jetzt überfordert, weil die Kinder aufgrund von familiären Strukturen kein Deutsch sprechen. Ich bin mir nicht sicher, ob wir in der Schule diese Strukturen durchbrechen können. Schenz: Aber wo, wenn nicht in der Schule, ­haben wir die Chance dazu? Wenn wir die fa­ miliären Voraussetzungen in die Schule tradieren, heißt das: Wir fördern die Akademiker­ kinder, während das türkische Mädchen auf die Hauptschule geht. Die Schule hat als einzige Institu­tion die Möglichkeit, diese Strukturen zu durchbrechen oder auszugleichen. Wir können doch einem türkischstämmigen Mädchen, das im Übrigen vielleicht ein mathematisches Talent mitbringt, nicht sagen: Du kannst sowieso kein Deutsch, du gehst auf die Hauptschule. Schabel: Dann gehört allerdings auch die entsprechende Frühförderung dazu. Schenz: Natürlich. Wenn ich von institutioneller Bildung spreche, meine ich nicht nur die weiterführende Schule, sondern den Kindergarten und die Grundschule genauso wie ein möglichst durchlässiges System nach der Grundschule.


so sEhE ich dAs. mEiNUNG Über die Bildungswege junger Menschen wird viel geredet. Wir lassen sie selbst zu Wort kommen. Ganz spontan, ohne Zeit zur Vorbereitung haben wir die Frage gestellt: Was wünschst du dir vom Bildungssystem? Was würdest du in der Schule ändern? PROTOKOLLE Ulrike Leikhof / Nina Linnebach / Birgit Lüke

Mine, 16 fehiMe,18

neslihan, 15 aus freiburg im breisgau

teilnehMerin Der VorbilDerakaDeMie

aus bad waldsee und aus schramberg

teilnehMerinnen Der VorbilDerakaDeMie

In Schulfächern wie zum Beispiel Geschichte sollte man den Schülern mehr entgegenkommen. Die Lehrer sollten Stoff auswählen, der uns Schüler auch interessiert. Die Themen sind manchmal etwas trocken und eintönig – und werden dann auch zu lange behandelt. Uns würden oft aktuellere Themen aus Politik und Gesellschaft viel mehr interessieren, wie zum Beispiel Terrorismus oder Weltfrieden.

An meiner Schule gibt es viele Lehrer, die sehr engagiert sind. Das finde ich gut. Sie erklären die Themen gut und anschaulich. Und die meisten interessieren sich wirklich für uns Schüler. mIR pERsöNlICH IsT Es, nicht nur in der Schule, wichtig, dass wir weniger Vorurteile gegenüber anderen Kulturen und Meinungen haben. Und ich finde: Lehrer haben häufig zu wenig Vertrauen in die Jugend. Die Meinung eines Erwachsenen zählt im Zweifelsfall viel mehr als die eines Jugendlichen – das gilt leider für die ganze Gesellschaft.

DER UNTERRICHT sollTE insgesamt abwechslungsreich, spannend und überraschend sein. Der Aufwand für Hausaufgaben und das Lernen für die Arbeiten ist allerdings sehr hoch. Die Zeit reicht einfach oft nicht, besonders wenn man auch noch eine weite Anreise zur Schule hat. Und dann kommen noch die Klausuren hinzu. Da bleibt oft nicht genügend Gelegenheit, Dinge, die man gut kann und gerne macht, weiter zu vertiefen.

louay, 15 aus essen

teilnehMer Der talentakaDeMie ruhr

Ich finde es wichtig, möglichst viel von meinem eigenen Können in den Unterricht einbringen zu können. Das geht natürlich nur, wenn es dafür auch die entsprechenden Räume gibt. In Fächern wie Biologie oder Chemie zum Beispiel sollten die Lehrer mehr Experimente mit uns durchführen. In der Praxis, wenn man selbst aktiv werden kann, lernt man die Themen doch am besten – und man kann eine Verbindung zur eigenen Lebenswelt herstellen. Leider sind die naturwissenschaftlichen Fächer aber oft sehr theoretisch, sodass man sich wenig unter den Themen vorstellen kann.

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Blickpunkt

jan­Malte, 16

christoPh, 15

aus Pritzwalk

aus remscheid

teilnehMer Der talentakaDeMie in berlin

teilnehMer Der talentakaDeMie ruhr

Ich wünsche mir, dass mehr junge Lehrer zu uns in die Schule kommen. Die bringen frischen Wind mit und machen den Unterricht spannender. Es gibt natürlich auch ein paar ältere Lehrer, die das können – aber nicht so viele. Wichtig ist es auch, dass die Lehrer Autorität haben. Wer die Klasse nicht im Griff hat, hat Probleme, den Stoff zu vermitteln. GUT FINDE ICH das Blocksystem, das jetzt bei uns an der Schule eingeführt worden ist. Wir haben 90 Minuten Unterricht am Stück und dann eine halbe Stunde Pause. So kann man sich besser auf ein Thema konzentrieren und muss nachmittags weniger Hausaufgaben machen.

haniM, 15 aus gelsenkirchen

teilnehMerin Der talentakaDeMie ruhr

Die Schulen sollten vor allem für Migranten mehr Deutsch unterrichten, gerne auch in Extra-Kursen.

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Es wäre schön, wenn man seine ganz eigenen Interessen stärker vertiefen könnte. Das heißt für mich auf der anderen Seite auch, früher bestimmte Fächer abwählen zu können, die einen überhaupt nicht interessieren. Bei mir sind das zum Beispiel Kunst und Religion. DaNN HäTTE maN aUCH mehr Zeit für intensivere Kursarbeit in Fächern, die man gut kann und gerne mag. Abseits der Standardfächer wären Workshops oder vertiefende Angebote super. In denen könnte man dann mehr über spezielle Themen erfahren, die sonst selten im Unterricht behandelt werden – zum Beispiel Wirtschaft.


Š Dominik Asbach

#3

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Seitenblick Kap #3

begabungsförderung neu denken

Reportage

26 Talentkick

Begabungsförderung im Fußball: Wie Nationalspieler Julian Draxler gefördert wurde – und welche Rolle seine Schule dabei gespielt hat Tipps, Themen, Termine

32 Begabungslotse

Der Begabungslotse ist das große länderübergreifende Web-Portal zur Talententwicklung. Der Hingucker gibt einen Einblick in das Angebot des Lotsen – von der Buchbesprechung bis zum Veranstaltungstipp Praxisbeispiel

36 Follow me

Viele Menschen reden über die Risiken digitaler Medien. Richtig eingesetzt und dosiert können sie Lehrern aber helfen, Schüler individuell zu fördern

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Begabungsförderung im Fußball

Talentkick Text Thorsten Schaar

© dominik asbach

Kennt sich hier aus: Nationalspieler Julian Draxler im Flur der Gelsenkirchener Gesamtschule Berger Feld. Nicht weit entfernt: das Trainingsgelände des FC Schalke 04

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seitenblick

D

er Schlaks läuft auf die Gesamtschule Berger Feld zu, ein typischer Flachbau aus den 1960er-Jahren. Direkt dahinter erhebt sich der blau-weiße Glaspalast, das moderne Stadion des FC Schalke 04. Entfernung von der Schule: 50 Meter Luftlinie. Es ist ein halbes Jahr her, seit Julian Draxler als Schüler auf diesem Pausenhof

stand und auf dem Handy seine Mailbox abhör- halt: Sportsachen und Schulbücher. Draxler te. Der Bundestrainer hatte ihn nicht erreicht, sagt: „Ich habe in zwei Welten gelebt. Auf der weil er gerade im Geschichtsunterricht saß. einen Seite die neue Welt des Profifußballs und auf der anderen Seite der Schulalltag. Da imJoachim Löw teilte ihm also fernmündlich mer einen kühlen Kopf zu bewahren, ist nicht mit, dass er ihn für den vorläufigen EM-Kader immer leicht. Manchmal war es auch anstrennominiert hatte. Der Jungprofi musste seine gend, denn der Unterrichtsstoff ist ja auch anSporttasche wieder einmal umpacken. Der In- spruchsvoll.“

JULIAN DRAXLE R und se in geschic e hte

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© dominik asbach

[2]

Schalke

04

[1] [1] Konzepttrainer: Wer beim FC Schalke jung ist und talentiert, kommt irgendwann ins Team von Norbert Elgert [2] Andenken: Real-Madrid-Wimpel mit Unterschrift von Mesut Özil

Der Ex-Schüler, 19, kennt sich immer noch bestens aus in seiner Einstellung, die intrinsische Motivation und der einwandfreie Charakter.

alten Schule, geht zielstrebig durch die große Halle, in der gerade das Mittagessen serviert wird, und steuert auf einen großen Glaskasten zu. In dem gläsernen Büro, zwischen Wimpeln und Pokalen, sitzt Arthur Preuß, Fußballbeauftragter der Gesamtschule. „In dem Büro haben ein paar Krisensitzungen stattgefunden“, erinnert sich Draxler. Immer dann, wenn er zu viel in der Schule fehlte, weil er Fußball spielen musste. In der Bundesliga oder im Europapokal. Doch dann haben sie immer eine Lösung gefunden. Draxler bekam am Wochenende schon mal Einzelunterricht von hilfsbereiten Lehrern, die nicht selten auch Schalke-Fans waren. Der Schulleiter selbst übte einmal sonntagmorgens in seiner eigenen Wohnung mit ihm Französisch. Ohne diese Hilfe hätte Draxler die Doppelbelastung wohl nicht geschultert.

Der Stürmer stach bei Jugendturnieren europaweit aus der Masse he­raus, galt unter den Bundesliga-Scouts aber zunächst als zu klein. Es ist heute vielleicht sein großes Plus, dass er sich als Jugendlicher durchbeißen musste. Maximal talentierte Sportler erleben oft einen ungehinderten Karriereweg und scheitern dann im Profigeschäft, wenn es zum ersten Mal Schwierigkeiten gibt. Draxler schoss erst zum Ende seiner B-JugendZeit in die Höhe. Und er traf beim FC Schalke 04 auf eine Infrastruktur, die wie für ihn gemacht war. Er sagt: „Wir haben ein gutes Dreieck ge­ bildet: die Schule, der Verein und ich.“ Der Klub mit den proletarischen Wurzeln setzt seit zwölf Jahren

auf ein duales Modell aus Schule und Fußball. Es ist ein Konzept der kurzen Wege. Die Wichtigkeit der schulischen Bildung wird von allen anerkannt. Jeder Spieler weiß: Wenn es in der Schule läuft, kann er sich voll auf den Fußball konzentrieren. Drei bis vier Trainingseinheiten pro Woche mehr sind dann möglich. Die Probleme fingen für Draxler an, als er als 17-Jähriger einen Profivertrag unterschrieb. Als er zur ersten Mannschaft stieß, hatte er vormittags um 10 Uhr Training. Draxler, der

Julian Draxler gilt in der Saison 2012/13 als eines der größten Talente der Bundesliga. Er hat als erster 19-Jähriger 50 Bundesligaspiele bestritten. Mit 19 Jahren und 13 Tagen wurde er im Oktober beim 2:2 gegen HSC Montpellier zum jüngsten deutschen Torschützen in der Champions League. Es ist kein Zufall, dass er jetzt dort ist, wo er ist. Im EM-Trainingslager in Südfrankreich hat Oliver Bierhoff, der Manager des Nationalteams, angeboten, sich mal mit Draxler hinzusetzen und zu lernen. Draxler hat die Offerte selbstbewusst ausgeschlagen. „Ich wüsste auch nicht genau, wie sehr Herr Bierhoff noch im Stoff gewesen wäre“, sagt er lachend. Er hat dann lieber abends im Hotel allein gelernt.

Mehr Fotos der Reportage „Auf Schalke“ per

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Im Fußball gehört die technisch einwandfreie Behandlung des Spielgeräts zu den Kernkompetenzen. Draxler war immer schon überdurchschnittlich begabt. Was aber genauso zählt im Leistungssport, sind die richtige

www.flickr.com/photos/bildungbegabung

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seitenBlick

Der autor Thorsten schaar lebt in köln, ist au­ tor für „11freunde“ und chefredakteur der kölner Plattform „bolzen­online“.

damals noch ein Gymnasium in Gladbeck besuchte, sagt: „Alle Trainer, also Felix Magath, Ralf Rangnick und Huub Stevens, haben mir angeboten, mich mal für einen Tag aus dem Training zu nehmen.“ Doch weil er wegen der Europa League und Champions League viel unterwegs war, hätte er immer noch jede Menge Stoff verpasst.

Der Fotograf Dominik asbach lebt in Duisburg, hat in Dortmund fotografie studiert und arbeitet u. a. für „neon“.

Kunstlehrer. Sport unterrichtet er gar nicht. Bei ihm an der Wand hängen in friedlicher Eintracht nebeneinander: Joseph Beuys und Hennes Weisweiler. 15 der U19-Spieler, die im Sommer die Bayern besiegten, waren seine Schüler an der Gesamtschule Berger Feld. IN DER saIsoN 2000/01 kam Helmut Schulte, der damalige Leiter der

Schalke-Nachwuchsabteilung, zu Preuß. Eigentlich ein naheliegender Besuch in der Nachbarschaft, den aber noch kein Schalker zuvor gemacht hatte. Er wollte die Gesamtschule näher an den Traditionsverein binden. Im ersten Jahr gingen bereits 20 Spieler auf die Gesamtschule, heute sind es 42. Preuß schaut sich gerne um, welche Ideen anderswo existieren. Er hat schon Fußball-Internate in Frankreich, den Niederlanden und Dänemark inspiziert. Von einer Stippvisite bei der TSG 1899 Hoffenheim hat er ein Mentoren-Modell mit nach Gelsenkirchen gebracht: Seitdem sammelt auch bei ihm immer ein Mitschüler den Lehrstoff und fasst ihn für den abwesenden Kicker zusammen.

Norbert Elgert sitzt im Bistro „Ess Null Vier“ auf dem Klubgelände. Eigentlich Typ Oberstudienrat, Fächer: Mathematik und Sport. Die Wahrheit ist: Er trainiert bei Schalke die wichtigste Nachwuchsmannschaft, das Sammelbecken der Hochbegabten. In den 1980er Jahren hat er als Profi selbst für die Königsblauen gespielt. Sein größter Erfolg als Trainer: Im letzten Sommer ist er mit der U19-Mannschaft Deutscher Meister geworden. Im Endspiel haben sie den FC Bayern München geschlagen. Elgert ist einer dieser Übungsleiter, die in der Bundesliga unter dem Begriff Konzepttrainer geführt werden, Kollegen wie Jürgen Klopp oder Thomas Tuchel gehören dazu. Elgert ist ein überzeugter Theoretiker, der schon mit 16 Jahren als Jugendtrainer gearbeitet hat. Er hat zwei Fachbücher veröffentlicht: „Die Kunst des Angriffsfußballs“ und „Der moderne Angriffsfußball“.

Auch der Deutsche Fußball-Bund nimmt seinen Bildungsauftrag ernst. Zu jedem Jugend-Länderspiel schickt er Pädagogen mit. DER 55-JäHRIGE besitzt die Zuvor müssen die jeweiligen Fähigkeit, einen künftigen SpitKlassenlehrer ein Formular zenspieler bereits im Jugendalausfüllen, welche Themen ter zu erkennen. Mehr als 30 gerade relevant sind. Das seiner ehemaligen Spieler sind Formular hat Arthur Preuß inzwischen in der Bundesliga erfunden, der DFB hat es aktiv. Was Spitzenspieler von adaptiert. Seine Schule läuft anderen Kickern unterscheijetzt als DFB-Eliteschule, det? Sie haben ein exzellentes dafür gibt’s 30.000 Euro Spielverständnis, sagt Elgert, im Jahr aus Frankfurt. Vom und tragen immer den Kopf Land Nordrhein-Westfalen oben. Sie beherrschen den Ball erhält die Gesamtschule weiund sehen alles, was um sie hetere 100.000 Euro. Sonst wären rum auf dem Platz passiert. Sie sind die zusätzlichen Serviceleistunhandlungsschnell, extrem ballverliebt gen nicht möglich. Das Büro von und haben ein klares Ziel. 2005 hat ElHerbergsvater Preuß hat sich im Laugert einen jungen Deutschtürken im Probefe der Zeit in ein Fußballmuseum vertraining gehabt, auf den alle Eigenschaften zuwandelt. Die wertvollsten Stücke: ein altes trafen. Elgert sprach ihn nach dem Training an und Foto der Schulmannschaft mit Torwart Manuel ein Jahr später kickte Mesut Özil auf Schalke. Zusammen Neuer und ein neuer Real-Madrid-Wimpel mit Untermit Nachwuchskoordinator Oliver Ruhnert sorgt Elgert dafür, dass sich schrift von Mesut Özil. Sein wichtigster Job besteht darin, individuelle die Talente nicht nur „aufm Platz“ fortbilden. Er sagt: „Die Gehirnzellen Stundenpläne zu erstellen. Oder auch einmal durchzugreifen, wenn die wollen eben auch bewegt und trainiert werden.“ Leistungen nicht stimmen.

spitZENspiElER BEhERRschEN dEN BAll UNd tRAGEN dEN Kopf immER oBEN.

sIE HabEN IN DER sCHUlE zuletzt sogar Doppelbetten aufgestellt und einen Freizeitraum eingerichtet. Die Möbel hatte Felix Magath angeschafft, als er Trainer auf Schalke wurde. Nach seiner Entlassung wurden sie nicht mehr gebraucht. Die Pädagogen wollen eine Wohlfühlatmosphäre schaffen. Sie machen alles möglich, was ihren Jungs hilft. Kaan Ayhan, Star der aktuellen U19, durfte neulich einen Tag früher von der Klassenfahrt zurück, weil ein wichtiges Testspiel anstand. Preuß führt über alles Tagebuch. Seit der Saison 2000/01 schreibt er jeden Tag auf,

Die Erfordernisse im modernen Fußball sind in den letzten Jahren größer geworden. Je weiter jemand in der Defensive spielt, umso mehr muss er Strukturen erkennen können und mögliche Lösungen flexibel anwenden. Projektleiter Arthur Preuß sagt: „Fußball ist ein Intelligenzspiel.“ Wer sich entsprechend weiterbilde, habe weitaus größere Chancen, den Sprung zum Fußballprofi zu schaffen. Nur Stürmer seien nicht zwingend auf Bildungsinhalte angewiesen, sagt er halb im Scherz. Man mag es kaum glauben: Der Mann, der den Fußball in die Schule brachte, ist eigentlich

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[3] Schlafen in Königsblau: Gelegenheit zur Pause an der Gesamtschule [4] Fast wie früher: Julian Draxler mit seinem Lehrer Arthur Preuß [5] Schalke auf dem Stundenplan: Die Gesamtschule unterstützt den großen Nachbarn S04

was in der Fußballschule passiert, mal eine oder zwei Seiten. Als Schalke-Trainer Felix Magath im Januar 2011 riet, Draxler möge die Schule abbrechen, hat er ein paar Seiten mehr geschrieben. Und einen kritischen Kommentar von WDR-Kultreporter Manni Breuckmann danebengeklebt. Magath, den sie auf der S04-Geschäftsstelle „Besatzer“ nannten, hatte gesagt: „Julian braucht kein Abitur. Ich konnte seine Eltern überzeugen, dass er die nächsten 20 Jahre in Top-Ligen spielen wird.“ Genau genommen hatte Draxler drei Möglichkeiten: auf dem ­ Gymnasium bleiben und wichtige Trainingseinheiten verpassen. Die Schule erst einmal unterbrechen, um zu gucken, wie schnell seine Karriere im Profifußball gehen kann. Und die dritte Möglichkeit, die er letztlich gewählt hat, war die, auf die Gesamtschule Berger Feld zu wechseln. Was sein ehemaliger Lehrer von Magaths Bildungsdefensive hielt? Er braucht es nicht auszusprechen. Sein Bildschirmschoner zeigt bis heute Magath anstelle von Bruno Ganz in „Der Untergang“.

[3]

Draxler steht immer noch vor dem Glaskasten. Tags zuvor hat Schalke in der Champions League 2:2 gegen Arsenal gespielt. Er hat sein Fachabitur seit Sommer in der Tasche, seine Prüfungen während der EM absolviert. Draxlers alter Schülerpass liegt jetzt in der Glasvitrine. Die von Manuel Neuer und Mesut Özil sind schon etwas vergilbt. Als ihn die Schüler auf dem Flur entdecken, muss er seinen Namen auf viele Schulhefte kritzeln. Das Schalker Modell ist ein Erfolgsmodell. Es gibt aber auch Sportler, die es in Gelsenkirchen ohne die Gesamtschule geschafft haben: zum Beispiel Mike Hanke oder Benedikt Höwedes. Die offizielle Empfehlung an Jungprofis auf Schalke lautet, so hat es Norbert Elgert formuliert: Macht ein Fernstudium oder lernt Sprachen.

[4]

[5] © DOMINIK ASBACH

Eigentlich könnte Draxler sich jetzt schrille Designer-Shirts kaufen und ständig riesige weiße Kopfhörer tragen, wie so viele Berufskollegen. Draxler hat erst einmal ein halbes Jahr Lernpause gemacht, ganz bewusst. 2013 kommt dann aber ein Privatlehrer zu ihm nach Hause, so ist es geplant. Er will sein Schulenglisch verbessern und Spanisch lernen. Seine Traumklubs: Real Madrid und FC Barcelona. Lothar Matthäus hat in den USA einmal gesagt, als er bei den New York Metro Stars vorgestellt wurde: „I hope we have little bit lucky.“ Wenn Draxler irgendwann in eine ausländische Top-Liga wechselt, wird er besser vorbereitet sein. Und Arthur Preuß? Der bekommt dann ganz sicher einen Wimpel für sein Fußballmuseum.

 ie der FC Schalke 04 auch ab­ W seits des Rasens Talente fördert: Interview Seite 15.

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seitenblick

Julian Draxler

Ein gutes Dreieck: die Schule, der Verein und ich.

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IM NETZ www.begabungslotse.de

wie finde ich das passende angebot in der Talentförderung? bildung & begabung hilft eltern, lehrern und schülern im inter­ net mit dem begabungslotsen weiter. Der „hingucker“ gibt einen einblick in den lotsen – von der buchbesprechung bis zum Ver­ anstaltungstipp. Partner und förderer des begabungslotsen sind der stifterverband, das bundesministerium für bildung und for­ schung, die kultusministerkonferenz und die Deutsche bank.

Begabungs­ lotse

Der Lotse in Kürze Länder-Specials: BEGABUNG HOCH 16 Die Förderlandschaft in Deutschland ist facettenreich. Viele Bundesländer setzen eigene Schwerpunkte, wenn es darum geht, Talente zu unterstützen und Begabungen weiterzuentwickeln. Mit regelmäßigen „Länder-Specials“ greift die Begabungslotsen-Redaktion diese Schwerpunkte auf – und stellt die Begabungsförderung in jeweils einem Bundesland vor. Ein Experte des Landes steht für Fragen zur Verfügung, ausgewählte Schulen sowie außerschulische Lernorte präsentieren online ihre Best-PracticeAngebote. Die Themenpakete beantworten viele Fragen: Wer bietet professionelle Beratung? Welche Möglichkeiten des Austauschs gibt es? Wo bekommen Lehrer Impulse für einen begabungsgerechten Unterricht? Bislang erschienen und weiter online nachzulesen: Die „Specials“ zu Hessen, Berlin und Schleswig-Holstein.

Zeig dein Talent: DIE FOTOAKTION DES BEGABUNGSLOTSEN Im Web geht die Fotoaktion des Begabungslotsen weiter: Schüler präsentieren mit einem spannenden Schnappschuss, was in ihnen steckt. Musik oder Mathe, schnell mit dem Ball oder Klassenmeister am Kickertisch: Im Begabungslotsen können sie es zeigen. Gemeinsam mit der Deutschen Bank verlost der Begabungslotse attraktive Preise unter den Teilnehmern. Mitmachen und gewinnen auf

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[1] Von berlin bis thüringen: „länder­specials“ im begabungslotsen [2] talent­schnappschüsse: die fotoaktion „zeig dein talent“

Das jeweils aktuelle „länder­special“

www.begabungslotse.de/ laender­special

tERmiNE

[1]

[2]

Begabung international

iM herbst 2012 haben sich wissenschaftler unD talentförDerer aus Der ganzen welt in MÜnster getroffen, uM bei Der echa­konferenz zuM theMa „begabung in Der lebenssPanne“ forschungsergebnisse zu besPre­ chen. auch 2013 gibt es gelegenheiten zuM internationalen austausch:

10. –14.08.2013

25. – 28.09.2013

7. – 9.11.2013

Louisville, Kentucky

Antalya

Salzburg

20. konferenz Des worlD council for gifteD anD talenteD chilDren (wcgtc)

international conference on talent DeVeloPMent & eXcellence 2013 (ictDe)

özbf­kongress 2013: „begabt. lernen. eXzellent. lehren.“

eigentlich sollte die konferenz in neuseeland stattfinden. Dort fehlten allerdings sponsoren, sodass louisville, kentucky, für den größten begabungskongress im jahr 2013 eingesprungen ist. „celebrating giftedness and creativity“ ist das Motto der tagung. als keynote­ sprecher ist unter anderem der franzose todd lubart bestätigt. er wird skizzieren, wie ein kreatives, bega­ bungsförderndes bildungssystem aussehen sollte.

tagen mit blick aufs Mittelmeer. Das versprechen die türkischen organisatoren – genauso wie ein viertägiges Programm rund um die themen talententwicklung, intelligenz und kreativität. ein hauptaugenmerk soll auf der frage liegen: wie können lernpfade gestaltet wer­ den, um Potenziale aus der kindheit ins erwachsenen­ alter zu transformieren? „scientific chair“ der tagung ist die regensburger forscherin heidrun stöger.

Das österreichische zentrum für begabtenförderung und begabungsforschung (özbf) rückt auf seinem achten kongress unter anderem die auseinanderset­ zung mit begabungsfördernden lehr­ und lernformen in den fokus. für lehrende an hochschulen wird ein schwerpunkt „lehren lernen“ angeboten. referenten sind unter anderem elsbeth stern, gabriele weigand und albert ziegler.

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seitenblick

Bücher Ratgeber für Lehrer und Eltern

Gelesen Begabung erkennen – aber wie?

Handbuch: Hochbegabte Kinder

Seit der PISA-Studie und anderen internationalen Schulleistungs­ vergleichen ist der Blick auf eine Frage geschärft: Wie gut sind Lehrer in ihrem pädagogischen Urteilsvermögen?

Für alle Begabungen gilt: Sie wollen gefördert werden, da­ mit sie zur Entfaltung kommen. Eltern werden in diesem Prozess mit vielen Chancen, aber auch mit Herausforderungen konfrontiert.

Mit ihrem Buch „Diagnostik für Lehrkräfte“ wollen die Leipziger Erziehungswissenschaft­ lerinnen Ingrid Hesse und Brigitte Latzko Lehrer darin unterstützen, ihre pädagogisch-psycho­ logische Diagnosekompetenzen zu verbessern – in einem Spektrum, das von Lernschwierigkeiten bis hin zur Hochbegabung reicht. Die Anforderungen an Lehrer, Probleme und Potenziale ihrer Schüler möglichst schnell zu erkennen, sind in den vergangenen Jahren gestiegen. Nicht zuletzt hat die Debatte um die Diagnosekompetenz auch eine ethische Komponente: Lehrer haben schließlich einen entscheidenden Einfluss auf den Verlauf von Bildungskarrieren. Mit ihrem Werk wollen die Autorinnen eine Lücke füllen, die von Fachleuten häufig beklagt wird: Der Bestand an Fachliteratur im Bereich Diagnostik ist gering, in der Lehreraus- und -weiterbildung fehlen häufig qualifizierte Angebote. „Diagnostik für Lehrkräfte“ vermittelt zunächst die theoretischen Grundlagen der pädagogischpsychologischen Diagnostik – und liest sich im Ganzen als Anleitung, die eigenen Kompetenzen zu optimieren. In vier Schritten wird strukturiertes Fachwissen aufgebaut, das die routinierte Lehrpraxis theoretisch fundiert und erweitert. Der klar verständliche Aufbau des Buchs lässt die langjährige Erfahrung der Autorinnen in der Aus- und Fortbildung von Lehrkräften durchblicken. Eine besondere Stärke: Die Autorinnen fordern den Leser zur kritischen Selbstdiagnose auf, indem sie ausgewählte Diagnoseanlässe aus dem Schulalltag nennen und damit gängige Handlungsmuster hinterfragen.

Anlagen und Möglichkeiten eines Kindes offenbaren sich in vielen Fällen zuerst den Eltern, schreibt Autor James T. Webb. Der Psychologe gilt als ein führender Experte zum Thema Hochbegabung in den USA. Gemeinsam mit Co-Autoren aus seinem Heimatland und aus Deutschland gibt er umfangreiche Hinweise und Tipps zu allen wichtigen Fragen rund um die Hochbegabung eines Kindes. Im Ratgeber erfahren Eltern, was Hochbegabung ist, wie man sie erkennen kann und welche Rolle sie für die Entwicklung des Kindes spielt. Das Handbuch ist besonders auch für Themeneinsteiger ohne großes Vorwissen geeignet und beantwortet Fragen wie: Wie spreche ich mit hochbegabten Kindern? Wie gehe ich mit Minderleistung um? Wie finde ich die passende Schule? Wie kann ich mein Kind verstehen, es angemessen fördern und motivieren? Die Themen Motivation und Selbstdisziplin nehmen im Buch von James T. Webb einen wichtigen Platz ein. Auf das eigene Urteil selbstbestimmt vertrauen zu können, so die These der Autoren, ist für begabte Kinder besonders bedeutend. Deshalb sollten Eltern mit Techniken des Selbstmanagements vertraut sein, um diese ihren Kindern näherbringen zu können und ihnen dabei zu helfen, zu lebenslangen Lernern zu werden. Die Autoren unterstützen Eltern darin, die Besonderheiten ihres Kindes wahrzunehmen, zu verstehen und vor allem gelassen damit umzugehen. Dieser optimistische Blickwinkel macht den verständlich aufgebauten Ratgeber zu einem nützlichen Begleiter – und in manchen Fragen zum Entscheidungshelfer.

Ingrid Hesse / Brigitte Latzko: Diagnostik für Lehrkräfte Opladen & Farmington Hills, 2011

James T. Webb: Hochbegabte Kinder – Das große Handbuch für Eltern, Bern 2012

Tipp

Förderung konkret: Praxisbeispiel zum Weitersagen CyberMentor „CyberMentor“ bietet Mädchen die Chance, MINT-Berufe (Mathematik, Informatik, Natur­ wissenschaften und Technik) und -Studien­ möglichkeiten genauer kennenzulernen. Das Ziel der Initiatoren: Junge Frauen, die sich für ein Studium im MINT-Bereich interessieren, so gut wie möglich zu informieren. Das Pro­ gramm „CyberMentor“ überträgt das bewährte Mentorenprinzip dabei in die digitale Welt: Eine erfahrene Person gibt ihr Fach- oder Erfah­ rungswissen an eine weniger erfahrene Per­ son weiter. Wie funktioniert‘s? Schülerinnen ab zwölf Jahren können sich mit Einwilligung ihrer Eltern bei CyberMentor (www.cybermentor.de) anmelden. In einer ­CyberMINT-Community wird jede teilneh­ mende Schülerin gemeinsam mit zwei wei­ teren Schülerinnen für ein Jahr von drei per­ sönlichen Mentorinnen begleitet. Die Mento­ rinnen sind Frauen, die ein MINT-Fach stu­ dieren oder in diesem Bereich arbeiten. Sie geben den Mädchen Einblicke in ihre Berufe, teilen aber auch persönliche Erfahrungen. Der Online-Kontakt ermöglicht allen Teilneh­ merinnen einen zeit- und ortsunabhängigen Austausch. Per E-Mail, Forum oder Chat kön­ nen sich die Teilnehmerinnen untereinander und mit ihren Mentorinnen vernetzen und ihre Interessenschwerpunkte bestimmen. Die Teil­ nehmerinnen sollten etwa 15 Minuten Zeit pro Woche mitbringen, so die Organisatoren. Das Angebot ist kostenlos und wird unter anderem vom Bundesministerium für Bildung und For­ schung gefördert. Projektleiter sind die Wis­ senschaftler Heidrun Stöger und Albert Ziegler. Der Begabungslotse informiert über weitere Möglichkeiten der Studienorientierung für ­talentierte Schüler:

www.bildung-und-bega­ bung.de/begabungslotse. de/frueh-an-die-uni

Publikationen rund um das Thema Begabung:

www.bildung-und-begabung.de/ begabungslotse/datenbank

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AUs dEm AlltAG ... einer psychologischen Beratungsstelle

INTERVIEW Petra Flocke

wohl ist – das lehnen wir ab. Wenn ein Kind in der Schule gut klarkommt und glücklich ist, ist es nicht notwendig, den IQ-Wert zu ermitteln. Erst wenn sich Probleme abzeichnen, raten wir zu einem Test. Natürlich gibt es auch besorgte Eltern, die eine ungünstige Entwicklung befürchten, wenn sie nicht frühzeitig ansetzen. Diese Sorgen kann man ihnen oft bereits am Telefon oder in einem Beratungsgespräch nehmen.

Das Hoch-Begabten-Zentrum (HBZ) Rheinland ist eine von vielen Beratungsstellen deutschlandweit, die im Begabungslotsen verzeichnet sind. Das HBZ berät junge Menschen und deren Familien, unterstützt aber auch zum Beispiel Schulen in der Begabungsförderung. Lisa Bleckmann, Psychologin am HochBegabten-Zentrum Rheinland, erzählt, was den Arbeitsalltag in einer Beratungsstelle ausmacht, welche Beratungsanliegen Eltern haben – und warum Intelligenztests nicht immer sinnvoll sind.

koMMen nur gyMnasiasten zu ihnen – oDer schÜler unter­ schieDlicher schulforMen? bleckmann: Viele Kinder werden uns bereits in der Kindergarten- oder Grundschulzeit vorgestellt. Aus den weiterführenden Schulen bilden die Gymnasiasten den größeren Anteil. Aber zum Glück finden auch Hauptschüler den Weg zu uns, die es vielleicht bisher noch nicht geschafft haben, ihr Potenzial in schulische Leistung umzusetzen. Wir wollen uns nicht nur auf Hochbegabung festlegen, sondern sind generell Ansprechpartner für alle Fragen rund um das Thema Begabung. Selbstverständlich gibt es auch an anderen Schulformen begabte und hochbegabte Kinder und Jugendliche. Unser Förderprojekt „Bildungschance – Get Started“ richtet sich zum Beispiel gezielt an Haupt- und Realschüler, die ihre Begabungen bisher noch nicht vollständig in Leistung umsetzen konnten: sogenannte Underachiever.

als beraterin unterstÜtzen sie eltern iM finDen unD förDern be­ sonDerer begabungen. was Pas­ siert, wenn ich Mich als eltern­ teil an sie wenDe? bleckmann: In der Regel nehmen die Eltern erst mal telefonisch Kontakt zu uns auf. Einer unserer Psychologen versucht dann, das Anliegen zu konkretisieren und das weitere Vorgehen zu erläutern. Meist machen wir zwei Termine aus: einen für das Vorgespräch und die Testdiagnostik mit dem Kind – und einen für die Beratung. Im Vorgespräch werden die Entwicklungsgeschichte des Kindes oder Besonderheiten besprochen. Im anschließenden Test wird das Kind an Denkaufgaben herangeführt. Je nach Alter variiert die Schwierigkeit der Aufgaben. Beim zweiten Termin wird den Eltern das Testverfahren vorgestellt und die Ergebnisse eingeordnet. Anschließend überlegen unser Psychologe und die Eltern gemeinsam, was die Ergebnisse bedeuten – und wie es nun weitergehen kann. Bei Bedarf besteht die Möglichkeit, dass sich der Psychologe mit Erziehern oder Lehrern austauscht.

haben eltern bei ihnen Die Mög­ lichkeit, einen intelligenztest ihres kinDes in auftrag zu geben? bleckmann: Es ist uns wichtig, dass wir nicht ein- wie uMfangreich ist so ein test? fach einen Test durchführen, um dem Kind einen bleckmann: Das hängt vom Alter und der Art des Stempel aufzudrücken. Salopp formuliert: Ein- Testverfahrens ab. Mit den ganz Kleinen arbeitet fach mal zu gucken, wie schlau das Kind denn man ungefähr eine Stunde an den Aufgaben, bei Jugendlichen kann eine Diagnostik schon einmal drei Stunden dauern.

gibt es besonDers tyPische beratungsanliegen? bleckmann: Häufig geht es um Unterforderung in der Schule oder im Kindergarten, verbunden mit Langeweile oder störendem Verhalten. Die Frage nach einer frühzeitigen Einschulung oder einem Klassensprung wird ebenfalls oft gestellt. Auch psychosomatische Beschwerden oder ein ungünstiges Lernverhalten trotz einer vermuteten guten Begabung interessieren Eltern.

Nicht EiNfAch EiNEN stEmpEl AUfdRücKEN

können sich auch lehrenDe an sie wenDen? bleckmann: Lehrer dürfen keine Kinder bei uns anmelden, da hierzu das Einverständnis der Eltern erforderlich ist. Aber häufig raten die Bildungsinstitutionen den Eltern zu einem Termin und arbeiten mit uns zusammen. Gerne können sich Lehrer und Erzieher mit allgemeinen Fragen oder aber in anonymer Form mit spezifischen Fragen zu einem Kind an uns wenden. welche begabungsbereiche kann ein test bei ihnen erfassen? bleckmann: Es gibt natürlich sehr verschiedene Begabungsdomänen. Die intellektuelle Begabung ist eine unter vielen. Auch im musikalischen, künstlerischen und sportlichen Bereich gibt es sehr begabte Menschen. Wir haben uns aber auf die kognitiven Fähigkeiten spezialisiert. Diese unterteilen sich je nach Testverfahren in Bereiche wie verbale, numerische und logischabstrakte Fähigkeiten. Auch das Arbeitsgedächtnis oder die Verarbeitungsgeschwindigkeit werden in einigen Verfahren überprüft.

was kostet ein test – unD wer trägt Die kosten? bleckmann: Die Kosten für Vorgespräch, Diagnostik und Beratungsgespräch betragen für die Eltern 230 Euro. Es ist uns aber wichtig, dass jeder, der Rat braucht, unabhängig von seiner finanziellen Situation zu uns kommen kann. Daher gibt es eine Sozialklausel, nach der Kosten vermindert oder erlassen werden können. beratungsmöglichkeiten in ganz Deutschland:

www.begabungslotse.de/ wer­hilft­mir­weiter

Lisa Bleckmann Psychologin am HBZ Rheinland

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Um

gemeinsam zu

gewinnen, brauchen wir keinen Fußballplatz.

Der FC Schalke 04 ist ein Traditionsverein der Bergleute und Arbeiter. Seit über 100 Jahren verlassen wir uns auf die wichtigste Basis unseres Vereins: die Treue der Menschen aus der Region. Sie hat den Club zu dem gemacht, was er heute ist. Mit der Stiftung Schalke hilft! möchten wir diesen Menschen etwas zurückgeben. In den kommenden drei Jahren werden wir deshalb – neben unseren laufenden Projekten wie „Schalke macht Schule“, „Fußball triff t Kultur“ oder unserem Training für Menschen mit Behinderung – die von „Bildung & Begabung“ initiierte TalentAkademie Ruhr als Sponsor unterstützen. FC Schalke 04. Wir leben dich.


pRaxIsbEIspIE l FÖ r d e r ung digitAl

Computerspiele? Sind gefährlich. Facebook? Lieber nicht.

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analog

Digital

2.0

Viel wirD Über Die risiken gesProchen, auf Die schÜler iM Digitalen zeitalter treffen. Der lehrer Daniel bernsen sagt hingegen: Digitale MeDien iM unterricht helfen Dabei, schÜler inDiViDuell zu förDern. ein PläDoyer.

TExT Daniel Bernsen

B

innendifferenzierung war eines der Zauberworte meines Referendariats. Zumindest erschien es mir so: Unsere Ausbilder sagten, wir sollten das machen. Das sei ganz wichtig. Gezeigt, wie es funktionieren könnte, Schüler entsprechend dem Konzept der Binnendifferenzierung individuell zu fördern, hat uns niemand. Es hatte wohl etwas mit viel Material und vielen Kopien zu tun. Solche „Materialschlachten“ im Unterricht konnte man im Ausnahmefall schon mal an der eigenen Schule beobachten, zum Beispiel, wenn ein Kollege mal ein Stationenlernen angeboten hat. Ein passender Weg für den regulären Unterricht schien das aber nicht zu sein. Die Arbeit mit digitalen Medien vereinfacht diese Differenzierung – und damit die individuelle Förderung und den Umgang mit Heterogenität in einer Lerngruppe. Über die zunehmende Nutzung digitaler Medien haben verschiedene Formen der Differenzierung den Weg in meinen Unterricht gefunden.

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xDIFFERENzIERUNGx xDER lERNINHalTEx

Inhalte im Schulunterricht waren bis vor wenigen Jahren darauf beschränkt, was im Schulbuch stand und was der Lehrer vielleicht noch an zusätzlichen Materialien in seinen Unterricht mitbrachte. Mittlerweile sind Materialien in Überfülle über digitale Endgeräte immer und überall verfügbar. Über 96 Prozent der Jugendlichen besitzen heute ein eigenes Handy, bei den über 18-Jährigen bereits jeder Dritte ein Smartphone (JIM-Studie 2011) – Tendenz steigend. Es bedarf nicht mehr einer Bibliothek, um Themen inhaltlich zu differenzieren. Schüler können ausgehend von ihren Interessen selbst Schwerpunkte setzen und Materialien suchen. Die eigenständige Recherche von Informationen ist nun innerhalb des Unterrichts möglich, kann sogar zum zentralen Teil der Lerneinheit werden. Wollten

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Lehrer und Schüler sich Zugang zu Fachliteratur verschaffen, mussten sie bisher Bibliotheken aufsuchen. Das ist bei schulischen Arbeiten mit einer ganzen Klasse nur in Ausnahmefällen möglich, nun aber auch nur noch selten nötig. Dafür müssen Lernende andere Kompetenzen erlernen und einüben, vor allem in der Online-Recherche und der Bewertung von Internetseiten.

2

xDIFFERENzIERUNGx xDER lERNpRoDUKTEx

Oft steht im Unterricht ein Arbeitsauftrag im Zentrum, der den Schülern ein konkretes Produkt vorschreibt: Das sind im Geschichtsunterricht etwa das Verfassen eines Tagebucheintrags, eines Briefs, eines Protokolls, die schriftliche Beantwortung einer Frage oder das Zeichnen einer Zeitleiste. Die digitalen Medien erweitern diese Ausdrucksmöglichkeiten in erheblichem Maße. Es können Fotogeschich-


Seitenblick

Daniel Bernsen ist regionaler Fachbera­ ter für Geschichte und Studiendirektor am EichendorffGymnasium in Ko­ blenz. Er unterrichtet

ten, Comics oder Kurzfilme erstellt, Zeitungsartikel und xBlogbeiträgex geschrieben, veröffentlicht und kommentiert werden. All das gab es zum Teil auch schon vor dem Web 2.0. Wesentlich einfacher sind nun die Kreation, Veröffentlichung und Vernetzung dieser multimedialen Produkte. Die Voraussetzung für einen gelingenden x„Unterricht 2.0“x ist, dass die Lernenden altersgemäß mit den Eigenheiten einer jeweiligen Erzählform vertraut sind und diese anwenden können. Das zu lernen, ist bereits fester Bestandteil vieler Unterrichtsfächer und muss nun nur um die Besonderheiten digitaler Erzähltechniken ergänzt werden. Die Wahl eines Lernprodukts kann dann zunehmend in die Verantwortung der Lernenden gestellt werden. Die Vergleichbarkeit der in der Form unterschiedlichen Ergebnisse wird durch die Prüfung fachlicher, sprachlicher und narrativer Kriterien geleistet. Die Leistungen sind damit benotbar. Ein weiterer, wesentlicher Unterschied zum vordigitalen Zeitalter besteht darin, dass die Produkte des Lernprozesses veröffentlicht werden können und damit nicht mehr nur in den Grenzen des jeweiligen Klassenraums bleiben müssen. Das birgt viele Potenziale, aber auch Risiken. Daher muss abgewogen werden, welche Ergebnisse in welcher Form einer potenziell weltweiten Öffentlichkeit zur Verfügung gestellt werden sollen. Prinzipiell ist es zu begrüßen, Lernprodukte zu veröffentlichen: Schule wird hierdurch transparenter. Die Veröffentlichung kann motivieren, da nicht mehr bloß für den Lehrer oder die Mitschüler gearbeitet wird. Diese Motivation kann allerdings ins Gegenteil umschlagen – da die Öffentlichkeit eben nur potenziell weltweit ist. Es ist also wichtig zu fragen, wer die schulischen Produkte überhaupt rezipiert. Schüler können in ihren hohen Erwartungen schnell enttäuscht werden, wenn die Klicks auf der eigenen Seite ausbleiben. Es ist wichtig, gemeinsam mit den Lernenden eine Zielgruppe zu benennen und Öffentlichkeit herzustellen, zum Beispiel durch xsozialex xNetzwerke.x Mitschüler, Eltern oder Partnerschulen können zur Rezeption ermuntert werden. Die erarbeiteten Lernprodukte können anderen Lernenden für die eigene Arbeit dienen oder von ihnen korrigiert, weiterverarbeitet und ergänzt werden.

Um Weiterverarbeitungen zu ermöglichen, ist es sinnvoll, mit offenen Lizenzen, sogenannten xCreative Commons,x zu arbeiten. Das setzt sowohl bei der Lehrkraft als auch bei den Lernenden ein grundlegendes Wissen zum Urheberrecht voraus, um Urheberrechtsverletzungen oder sogar Abmahnungen zu vermeiden. Das klingt kompliziert. Ist es zum Teil auch. Die Risiken sollten aber niemanden davon abhalten, sich mit den Chancen digitaler Medien im Unterricht auseinanderzusetzen. Kenntnisse in diesem Bereich sind grundlegend und müssen in der Schule, im Sinne ihres Bildungsauftrags, erlernt werden. Am besten geht dies in der praktischen Auseinandersetzung mit den eigenen Produkten. Nur so lernen Schüler, was ein Zitat, was ein Plagiat ist, welche Bilder sie unter welchen Bedingungen verwenden dürfen und welche nicht.

3

XDifferenzierungX Xder LernwegeX

Folgt man den ersten beiden Punkten, ergibt sich der dritte zwangsläufig. Wählen die Lernenden im Rahmen der normativen Vorgaben für den Unterricht ihre inhaltlichen Schwerpunkte und Lernprodukte selbst, dann werden sie dafür auch unterschiedliche Wege wählen. Dazu müssen sie in die Lage versetzt werden, Werkzeuge und Methoden zu beherrschen und diese selbstständig und zielgerichtet zu verwenden. Auch hier ist das Repertoire an Hilfsmitteln im Zeitalter der digitalen Medien um ein Vielfaches gestiegen: Zur Verfügung stehen

Der Lehrer wird vom Strip­ penzieher zum Lernberater.

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die Fächer Geschich­ te, Französisch und Spanisch. Seit 2009 bloggt er vor allem zum Thema (digitale) Medien im Geschichts­ unterricht unter:

http://geschichts unterricht. wordpress.com Bei Twitter schreibt er als @eisenmed

xSocial Bookmarking, digitalex xMind­maps, Wikis oder Blogs,x die alle

die Möglichkeit bieten, multimediale Materialien einzubinden. Aufgabe der Lehrkraft ist es, den Lernenden mögliche Wege aufzuzeigen, sie vor Gefahren zu warnen und dort zu helfen, wo sie nicht weiterkommen. Im Bild des Lernens als Weg übernimmt die Lehrkraft, wie Aaron Sams schreibt, die Aufgabe eines „GPS-Geräts“. Wenn ein Schüler das Ziel aus den Augen verliert, macht der Lehrer neue Routenvorschläge. Die Lernenden können diesen folgen, aber auch Umwege nehmen und eigene Routen entwickeln. Sie werden aber nicht „per Anhalter“ im „Lehrerauto“ selbst zum Ziel gebracht. Diese Überlegungen führen keineswegs zu Beliebigkeit. Innerhalb der bestehenden Lehrpläne gibt es Spielräume. In der Regel entscheidet der Lehrer innerhalb dieser Spielräume über die Konkretisierung eines Themas im Unterricht. Dazu gilt es, die Klasse zu kennen. Dann entscheidet der Lehrer sich für die exemplarische Behandlung eines Themas. Um beim Geschichtsunterricht zu bleiben: Lehrer wählen etwa das Thema „Fußballgeschichte“, weil sie hoffen, damit das Interesse der sportbegeisterten Jugendlichen wecken zu können. Danach „machen wir ein bisschen Mode“ (als Ausgleich für „die“ Mädchen). Alle Lerner werden mit diesen Ansätzen nie erreicht. Stattdessen besteht die Gefahr, jungen Menschen verschiedene Interessen und Eigenschaften zuzuschreiben, die der Entwicklung einer eigenen Persönlichkeit eher hinder- als förderlich sind. Die skizzierte inhaltliche Differenzierung durch den Einsatz digitaler Medien erlaubt es, den Lernern Autonomie zurückzugeben. An die Stelle der Auswahl von Inhalten und Methoden durch die Lehrkraft werden individuelle Wahlmöglichkeiten gesetzt. Damit kann jeder Einzelne einen persönlichen Zugang zum Lerngegenstand finden und Lernen als bedeutsam erleben. Die Rollen von Lehrern wie von Lernern verändern sich grundlegend: Während Lerner nicht nur mehr Verantwortung für ihre Lernprozesse übernehmen, sondern auch aktiver werden müssen, werden Lehrkräfte keineswegs überflüssig. Sie wandeln sich von allwissenden „Strippenziehern“ im „Puppentheater Klassenzimmer“ zu Lernberatern, die fachlich, methodisch und menschlich in höchstem Maße gefordert und benötigt werden.


augenblick. Sprachenfest in d端sseldorf B端hne frei!

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Impressum Etwa 1.000 Gruppen sind beim Wettbewerb „Team Schule“ im Bundeswettbewerb Fremdsprachen 2012 an den Start gegangen. Die 33 besten standen beim Spra­ chenfest in Düsseldorf auf der Bühne. Mit ihrem Beitrag „The Faceworld“ haben die Schüler des Helene-LangeGymnasiums Hamburg besonders überzeugt. Das Werk, das sich mit dem Thema Cybermobbing auseinander­ setzt, hat mittlerweile Karriere gemacht: Die Schüler führten es auch auf dem „Tag der Talente“ in Berlin und auf der Bildungsmesse „didacta“ in Köln auf. Herausgeber Bildung & Begabung gemeinnützige GmbH Geschäftsführung (V.i.S.d.P.): Dr. Elke Völmicke, Heinz Rüdiger Grunewald Kortrijker Straße 1, 53177 Bonn Tel.: (02 28) 9 59 15-0 E-Mail: info@bildung-und-begabung.de Projektleitung STIFTERVERBAND Moritz Kralemann Projektleitung BILDUNG & BEGABUNG Andreas Block Autoren Daniel Bernsen, Armin Himmelrath, Reinhard Kahl, Linda Matthey, Thorsten Schaar, Elke Völmicke Fotografen Dominik Asbach, David Ausserhofer, Ekkehart Bussenius, Michael Danner, Iris Etienne, Michael Herdlein, Alexander Hofmann, Kai Kremser, Sven Moschitz bildnachweis Fotolia, iStockphoto, plainpicture GmbH, Photocase Addicts GmbH Konzeption, Design und Realisation fischerAppelt, relations GmbH Druck bonnprint.com GmbH Papier Soporset Premium Offset

Der Herausgeber hat sich bis Produktionsschluss intensiv bemüht, alle Inhaber von Abbildungsrechten ausfindig zu machen. Personen und Unternehmen, die möglicherweise nicht erreicht wurden und Rechte an verwendeten Abbildungen beanspruchen, mögen sich nachträglich mit dem Herausgeber in Verbindung setzen. Eine Verwertung des urheberrechtlich geschützten Magazins und aller in ihm enthaltenen Beiträge und Abbildungen, insbesondere durch Vervielfältigung oder Verbreitung, ist ohne vorherige schriftliche Zustimmung von Bildung & Begabung unzulässig und strafbar, soweit sich aus dem Urheberrechtsgesetz nichts anderes ergibt. Insbesondere ist eine Einspeicherung oder Verarbeitung des auch in elektronischer Form vertriebenen Magazins in Datensystemen ohne Zustimmung von Bildung & Begabung unzulässig.

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