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gar nicht springen müssen. Und so strotzt es auf allen Unternehmensetagen nur so von Ausreden: Dass wir den Service ja nicht neu ausrichten können, solange wir nicht wissen, wie sich der Vertrieb die Kundensegmentierung vorstellt. Dass wir erst einmal Klarheit darüber brauchen, wie sich der Wettbewerb genau aufstellt, bevor wir selbst in die Offensive gehen können. Die Liste der unternehmerischen Situationen, in denen wir aus Unsicherheit darüber, was uns nach dem Sprung genau erwartet, denselben verweigern, lässt sich unendlich fortsetzen. In einer Zeit, in der Veränderungen immer schneller vorangehen, Geschäftsmodelle früher als erwartet nicht mehr greifen und neue Produkte im Handumdrehen von der nächsten Innovation abgelöst werden, müssen Unternehmen und Führungskräfte immer wieder aufs Neue und vor allem schneller als bisher den Sprung ins Unbekannte wagen. Um aber entsprechend agil zu sein, was sich viele Unternehmen wünschen, müssen wir selbst wesentlich mutiger werden, als wir es heute vielfach noch sind. Doch Sie können nur dann mutiger werden, wenn Sie sich damit auseinandersetzen, was Sie unter Mut verstehen. Was grenzt diesen Zustand von Naivität oder Fahrlässigkeit ab? Wo ist Vorsicht geboten? Und wo gilt es schlicht die eigene Feigheit zu überwinden? Räumen wir an dieser Stelle mit einem Missverständnis auf: Es ist schon erstaunlich, wie viele Führungskräfte meinen, bereits mutig zu BILDUNGaktuell 10/2017

Was grenzt Mut von Naivität oder Fahrlässigkeit ab? Wo ist Vorsicht geboten? Und wo gilt es schlicht die eigene Feigheit zu überwinden?

handeln, wenn sie mit dem Rücken zur Wand stehend endlich das Heft des Handelns in die Hand nehmen. Doch das hat nichts mit Mut zu tun, das ist schlicht ein verzweifelter Überlebenskampf, dem es an einem wichtigen Kriterium für Mut mangelt: jeder alternativen Handlungsoption und damit jeder Freiwilligkeit. Wenn Sie etwa sich selbst und Ihren Unternehmensbereich zu lange vor der notwendigen Umstrukturierung in Schutz nehmen, im allerletzten Moment mit einer Radikalkur das Ruder noch rumreißen und dafür im Zweifel sogar noch reichlich externe Hilfe herbeirufen, sollten Sie das Wort „Mut” nicht verwenden. Ich spreche nur dann von Mut, wenn bewusst mögliche Chancen oder auch Katastrophen antizipiert werden, um entsprechend zu handeln, obwohl es aktuell noch gar nicht die Notwendigkeit gibt. Denn wer verlässt schon freiwillig die eigene Sicherheit spendende Komfortzone? Dabei sind Sie in solchen Situationen immer noch Herr Ihrer Lage, Sie werden durch keine Umstände gezwungen, niemand schubst Sie

das Zehnerbrett hinunter. Sie können das einzugehende Risiko selbst abwägen, eine Voraussetzung für mutiges Handeln. Ein Beispiel: Wenn Google in eine völlig neue Branche einsteigt und ohne jede Erfahrung das Auto der Zukunft entwickeln will, weil der Konzern darin eine große Chance sieht, aber zugleich von niemandem dazu gezwungen wird, hat das mit unternehmerischem Mut zu tun. Wenn deutsche Autobauer sich dagegen auf den Weg in die Elektromobilität begeben, hat das rein gar nichts mit Mut zu tun, sondern ist eine längst notwendige, vielleicht sogar späte Reaktion auf die Marktentwicklung. Mut, so wie ich ihn definiere, ist das bewusste Eingehen eines Risikos, das mit der hohen Wahrscheinlichkeit eines überdurchschnittlichen Nutzens einhergeht. Wer Roulette spielt, um der persönlichen Finanzkrise zu entkommen, handelt in diesem Sinne nicht mutig. Es geht nie um eine Kamikaze-Aktion, darum, völlig verzweifelt oder naiv unvorsichtig zu han-

deln und alles auf ein Pferd zu setzen. Etwa auf ein einziges, noch in der Entwicklung befindliches Produkt, welches das ganze Unternehmen retten soll. Oder eine Firmenakquisition, die ein gesundes Unternehmen möglicherweise in den Ruin treibt. Wenn Sie mutig handeln wollen, denken Sie darüber nach, woraus Sie Ihre Sicherheit ziehen. Aus Plänen, eingespielten Vorgehensweisen und Methoden? Oder aus einer klaren Vorstellung darüber, was es zu erreichen gilt? Immer wenn Sie es wagen, Neuland zu betreten, sollten Sie an Ihre Idee glauben, insbesondere im Angesicht dessen, was noch unklar ist. Im besten Fall setzen Sie eben nicht alles auf eine Karte, sondern probieren aus, starten Testreihen, tasten sich vor, geben sich ein wenig dem Fluss der Dinge hin. Sie fahren auf Sicht, erzielen Ergebnis um Ergebnis, um sich stückchenweise dem Ziel zu nähern. Wer im Sinne von Umsetzungsmanagement mutig handeln will, achtet darauf, mit Unschärfe und Unklarheit so gut wie möglich zurechtzukommen. Der Alltagstrott aus Plänen und Meilensteinen hilft Ihnen dabei nur bedingt. Der größte Feind Ihres Mutes ist somit auch nicht der fahrlässige Übermut, sondern die Routine, die Performancesteigerung ebenso verhindert wie Innovationen. Wenn Sie nicht mehr hinterfragen, was Sie eigentlich warum machen und ob das richtig ist oder nicht. Versuchen Sie und Ihr Team oft genug, über den eigenen Schatten zu springen? Wie lange ist es her, dass Sie Neues gewagt und dafür auch geSeite 9

Mehr Mut tut gut!  
Mehr Mut tut gut!  

Neue Wege zu gehen, ist immer ein Risiko. Was es braucht, um Hindernisse mutig und klug zu bewältigen.