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Elendiger Zaungast Pferde, Bier und verlorene Wetten

Text: Alex Ortwein, Bastian Eipert Fotos/Layout: Markus Bauer


Der Zug verspätete sich um eine halbe Stunde

eher in ein nächtliches Schmuddel-Metier

und wir verpassten das erste Rennen des Tages.

gepasst. Ihre Männer wirkten wie aufgeplus-

Doch das war nur der Anfang unserer Odysee.

terte Hähne, die ihr Gefieder zur Schau stellen.

Übermüdet, verkatert und ohne einen blassen

Wo blieb die bayerische Bescheidenheit?

Schimmer davon, was uns erwarten würde

Wir folgten der Menge bis zum Eingang wo

hatten wir uns zuvor mit unserem Fotografen

wir feststellten, dass wir vergessen hatten,

Markus am Bahnhof getroffen. Der Auftrag:

uns Presseausweise ausstellen zu lassen. Also

Ein Artikel über den Pferderennsport.

kauften wir uns für jeweils 15 Tacken einen Logenplatz, der einen Wettgutschein in Höhe

Als wir in Riem ankamen, begleitete uns eine

von 10 Euro enthielt. An der Information drehte

Gruppe von vermeintlich traditionell geklei-

uns ein Verkäufer eine Rennzeitschrift mit dem

deten Pärchen zur Rennbahn: Die Frauen

Namen „Turf“ an, in der alle Rennen aufgelistet

trugen Kleider, die im weitesten Sinne als

waren und man außerdem Details über die

Dirndl durchgingen und ihre Schuhen hätten

Pferde und ihre Jockeys erfuhr.


Der Weg zur Tribüne führte an einer überteuerten Wurstbude vorbei, in der fünf Südländer fettige Leckereien grillten. Der Hunger war stärker als die Vernunft und so bestellten wir uns bei einem der Typen drei Bratwurstsemmeln. In seinen Augen lag die Wut eines ungezähmten Rennpferdes. Er schnaufte wie ein wilder Stier. Als wir anfingen, langsam unser Geld für die Bestellung herauszusuchen brach es aus ihm heraus: „Schneller!“, schrie er. „Ich habe keine Zeit!“ Sobald er die Moneten in der Tasche hatte, drehte er sich zu seinen Kollegen um, zog einen Wettschein aus der Tasche und murmelte, er müsse das Rennen sehen.

5 Mexikanische Grenze: Während das Nebengebäude in Glas und poliertem Metall erstrahlt, verrottet die alte Loge vor sich hin.

3 Catwalk: Lackschuhe und Lederhosen sind offensichtlich der Trend der kommenden Trachtensaison.


„Elf Rennen gab es an diesem Tag, mit durchschnittlich sechs Pferden pro Runde. Stattliche, durchtrainierte Tiere voller Pathos, mit den blödesten Namen der Welt.“


5 Typischer Anblick: Manche gewinnen, viele verlieren, wenn es um den Pferderennsport geht. Nur noch eine Wette...

4 Trachtentag: „Irgendwann wurde der Strudel aus Wetten und Bier von einer Trachtenmodenschau unterbrochen. So langsam dämmerte uns, warum hier alle so herumliefen.“

Auch wir spurteten nun los. Eine Mischung aus Pferdekot und Bratfett hing in der Luft, als wir uns den Weg zur Tribüne bahnten. Dort wurden wir von einem schmierigen Typen mit dem Gesicht eines Pandabären zu unserer Loge geführt: Ein quadratischer Holzkäfig mit vier billigen Gartenstühlen aus grünem Plastik. Wo zur Hölle würden Sie hier die Queen hinsetzen? Bevor wir uns richtig setzten konnten, hörten wir wieder die Stimme des Pandas: „Wünschen Sie Sitzkissen?“ nuschelte er. Weil sie im Preis inbegriffen waren willigten wir ein und nahmen die dunkelgrünen Kissen entgegen.


Nun sah unsere Logeneinrichtung endgültig

Wer in Gottes Namen war dafür zuständig,

nach Omas Gartengarnitur aus.

diesen Rennpferden derart würdelose Namen zu geben? „Next T opmodel“, „Ach Was“, „Allek-

Von unserer Loge aus hatten wir einen

einproblem“, „Sensationell“, um nur wenige

perfekten Blick auf die Zielgerade, doch der

zu nennen. Gerade wollten wir der Sache auf

gelb-leuchtende Bier-Pavillion der „Ayinger-

den Grund gehen, als der Startschuss für das

Brauerei“ drückte sich unweigerlich in den

nächste Rennen fiel.

Vordergrund. Wir holten uns drei Gläser Bier und studierten intensiv das Rennprogramm. Elf Rennen gab es an diesem Tag, mit durchschnittlich sechs Pferden pro Runde. Stattliche, durchtrainierte Tiere voller Pathos, mit den blödesten Namen der Welt.


Alles begann so schnell, dass der allgemein

Niederlagen der Tiere, aber die Einschätzungen

abgelenkte Biertrinker kaum eine Chance

waren so sicher wie Kondome im Bett eines

hatte, vom Start Notiz zu nehmen. Lediglich

Fakirs. All die Typen, die dort vorn am Zaun

die nasale Stimme des Kommentators ließ ein

und in den überfüllten Wettbüros standen, mit

wenig Wettkampfstimmung aufkommen. Mit

ihren übergroßen getönten Brillen und ihren

einem Schlag brach in der Loge der irre Wahn-

Schnurrbärten wussten es genau: ihr Fach-

sinn aus: die Pferde erreichten die Zielgeraden,

wissen über Pferd und Jockey würde nur einen

die winzigen Jockeys wurden immer wackeliger

Bruchteil nützten,doch wahrhaben wollten sie

auf den rasenden Tieren und es begann lautes

es nicht.

Kreischen, Jubeln und Schimpfen, dass von

Shaquira gewann. Alex stieß einen Freu-

lautem Stampfen begleitet wurde. Die Tribüne

denschrei aus; der Rest der Crew lehnte sich

verwandelte sich in einen Käfig voller wilder,

enttäuscht zurück. Dieser elendige Zaungast.

unbändiger Tiere, die ihre Zähne fletschten, und wie von Sinnen herumschrien.

Jetzt wollten wir es wissen. Der eine beflügelt von seinen 20 Euro Gewinn, die anderen

Nach dem Rennen leerte sich der Platz vor der

beiden durch den Verlust. Rennen für Rennen

Zielgeraden, die VIP-Trachtenträger strömten

verging, das Bier schmeckte immer besser und

aus ihren Holzkäfigen in Richtung Buchma-

die Wetteinsätze wurden riskanter.

cher und auch wir widmeten uns wieder dem

Irgendwann wurde der Strudel aus Wetten und

Programmheft, um die ersten Wetten abzu-

Bier von einer Trachtenmodenschau unterbro-

schließen:

chen. So langsam dämmerte uns, warum hier

Zwei von uns setzten auf einen Hengst

alle so herumliefen. Eine Gruppe von Möchte-

namens Zaungast, der von einem ungefähr

gern-Models zog eine lächerliche Show vor den

58 Kilo schweren Jockey geritten wurde und

klatschenden Zuschauern ab, und man fragte

dem die Turf gute Chancen auf einen Sieg

sich, was zur Hölle dieser Zirkus sollte. Wir

vorausgesagt hatte. Alex vertraute einer drei-

waren gekommen um Sport zu sehen; geballte

jährigen Stute namens Shaquira. Wir hatten

Kraft, Schnelligkeit, Schweiß - in Verbindung

nicht die leiseste Ahnung, auf was es bei der

mit dem Nervenkitzel des Wettens, der einen

Wahl der Pferde ankam. Die „Turf“ beschrieb

in einen schier unbändigen Sog hinein zog.

die einzelnen Wettkämpfe zwar genau und

Es gab nur eine Lösung: Die Flucht ins düstere

gab eine Übersicht über die letzten Siege und

Wettbüro, die Hölle jeder Rennbahn.


„Wir waren gekommen um Sport zu sehen; geballte Kraft, Schnelligkeit, Schweiß - in Verbindung mit dem Nervenkitzel des Wettens, der einen in einen schier unbändigen Sog hinein zog.“


Als Alex ein Klo suchte, zwängte er sich durch

verspielt. Vor den T oren der Rennbahn dann

die Menge von geifernden, wettsüchtigen

der ernüchternde Kassensturz: Ein Häufchen

Rentnern. Gerade im Begriff sich die Hände zu

Rotgeld und ein Stapel Wettscheine waren uns

waschen schreckte ihn eine Stimme auf, die aus

geblieben.

einer der Klokabinen schallte: In englischem Akzent schrie ein Mann so etwas wie: „Brau-

Elendiger Zaungast.

chen Papieren Bitte“. Keine fünf Sekunden später dann ein wutentbranntes „Fucking Arschlöchers Ihr“ hinterher. Unsere Illusion des feinen und vornehmen Gastes war endgültig dahin. Nach dem vorletzten Rennen wurde uns klar, dass es Zeit war zu gehen. Der Himmel begann sich langsam zu einem Gewitter zu verdunkeln, und unser Budget war

5 Fernstecher: Von der Loge aus, definitiv ein sinnvolles Utensil. Wir hatten keinen.

3 Farblich abgestimmt: Dieser Herr kann mehrere Hunde gleichzeitig ausführen. Liest überhaupt jemand Bildunterschriften?



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