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Impressum Herausgeber: Rosenhof Großhansdorf 2 Redaktion: Volker Diel Gedichtauswahl und zwei Bilder: Dr. Alfred Schenk Umschlag und Satz: Birgit Uhl Druck und Bindung: winterwork Borsdorf Großhansdorf 2012

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Inhalt Vorwort von Sebastian Nimmesgern zum vierten Buch der Biografiewerkstatt im Rosenhof Großhansdorf 2

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Einleitung von Volker Diel

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August Bakkenbüll Immer in Bewegung

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Jakobe Jakstein Mein Leben im Ausland

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Sigrid Kehl Mutter als Beruf 

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Karin Witzmann Ein kämpferisches und turbulentes Leben

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Vorwort

Man sagt, dass ein Vorwort eine kurze Zusammenfassung des ganzen Buches sei. Aber ist es denn möglich, den Inhalt von vier Biographien in wenigen Sätzen zusammenzufassen? Wie sieht es bei den vielen Privatbiographien all jener Menschen aus, die nicht ins Rampenlicht der Öffentlichkeit getreten sind? Die eine Familie gegründet, ihren Beruf mit Leidenschaft und Erfolg ausgeübt haben, Freude und auch tiefe Verzweiflung erfahren, eine eigene Weltsicht entwickelt haben. Die dabei gewesen sind, Zeitzeugen ungeheurer Geschehnisse: des 2. Weltkriegs, der Öffnung der Mauer, aber auch Gefühle des Glücks oder der Angst bei der Geburt ihrer Kinder erlebt haben. Viele Menschen fühlen sich nach der biographischen Arbeit, die sich zumeist über Monate oder sogar Jahre hinzieht, entlastet. Lebenserinnerungen aufgeschrieben zu haben, darin liegt für viele ein enormer seelischer Gewinn und es bleibt ein nachvollziehbarer Beweis für die Nachwelt erhalten. Für die Umsetzung meiner Idee aus dem Jahr 2009 möchte ich danken: Herrn Volker Diel, der die Biografiewerkstatt moderiert und die Autoren motiviert und aktiv unterstützt. Herrn Dr. Alfred Schenk, der als Freund des Hauses die Auswahl der Gedichte übernommen hat. Sowie ganz besonders Frau Birgit Uhl für ihr Engagement, ihre Ideen und deren Realisierung bei der Gestaltung des Buches.

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Selbstverständlich danke ich auch den drei Bewohnerinnen und dem Bewohner, die wir erneut für diese Idee gewinnen und begeistern konnten und die bereit waren, ihre Lebenserinnerungen in diesem Buch zu veröffentlichen. Ihnen allen sage ich meinen herzlichen Dank. Sebastian Nimmesgern Direktor, Rosenhof Großhansdorf 2

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Einleitung

Die vier Menschen, die in diesem Buch einige Episoden aus Ihrem Leben erzählen, hatten „eigentlich“ nicht die Absicht, dies zu tun. Sie waren schon der Meinung, dass sie etwas zu erzählen haben, aber ihre Lebensgeschichten in einem Buch zu veröffentlichen, das vielleicht viele Mitbewohner im Rosenhof lesen? Nein, das muss nicht sein. Warum soll man unbedingt andere Leute langweilen? Und immer wieder hörte ich die Frage: „Wen interessiert denn schon mein Leben?“ Ist es vielleicht Koketterie, wenn jemand sagt, er möchte andere nicht mit Geschichten aus seinem Leben langweilen? Manchmal glaubte ich das. Vor allem, wenn ich schon einiges erfahren hatte, wie bunt und facettenreich ein Leben verlaufen ist. Aber dann spürte ich im Gespräch, wie ernst diese zweifelnde Frage gemeint ist: „Wen interessiert mein Leben?“ Klar, die erwachsenen Kinder, die Enkel und Urenkel mag die eine oder andere Geschichte interessieren, wenn sie endlich einmal aufgeschrieben wird. Vieles haben sie schon oft mündlich erzählt bekommen und manchmal wieder vergessen. Was nicht aufgeschrieben wird, geht verloren. Aber: Erzählen und Aufschreiben ist zweierlei. Das Erzählen fällt vielen leicht, das Schreiben ist mühsamer und langwieriger, und wird deshalb meistens in die ferne Zukunft hinausgeschoben. 6


Was macht man aber mit Erinnerungen an Kindheit und Jugend, die im hohen Alter oft sehr konkret „zur Verfügung stehen“? Jeder geht damit unterschiedlich um. Die eine erzählt ihren Freundinnen und Bekannten eine Episode nach der anderen aus ihrem Leben. „Mit der Frau K. müssen Sie mal reden. Die kann was erzählen!“ So wurde ich auf eine Bewohnerin aufmerksam gemacht. Im Gespräch erkannte ich ziemlich schnell, welchen Schatz an Erfahrungen und Erlebnissen sie zu bieten hatte. Als sie mir dann aber einige Seiten zum Lesen gab, war ich etwas enttäuscht. Warum? Gerade die kleinen, scheinbar unbedeutenden Ereignisse in ihrem Leben, die zukünftige Leserinnen und Leser mit Sicherheit interessieren würden, hatte sie beim Schreiben weggelassen. Zum Beispiel hatte sie einen Urlaub in Riga mitten im Krieg als „schön“ beschrieben. Was war denn 1941 für eine 15-Jährige „schön“? Wie haben wir das Problem gelöst? Ich bin mit meinem Tonbandgerät gekommen, habe die sehr lebendige Erzählung vom Riga-Urlaub der drei Freundinnen aufgenommen und dann im Originalton der Erzählerin in ihren Text eingefügt. So geht auch in einem schriftlichen Text der Charme der mündlichen Erzählung nicht verloren. Eine andere Bewohnerin des Rosenhofs wurde mir von Annegret Schüning, der Beschäftigungstherapeutin, genannt. Bei unserer kurzen Begegnung gab sie mir einige Blätter, auf denen sie „etwas“ über ihr Leben geschrieben hatte. „Schauen Sie mal, ob Sie damit etwas anfangen können“. Über ihre Kindheit und Jugend las ich ein paar Sätze, die bei mir einige Fragen aufwarfen und ihre Zeit als „Biobäuerin in Italien“ war im Telegrammstil geschildert, viel zu kurz, fand ich. Hochinteressantes Leben, dachte ich. Aber auf ein bis zwei Seiten? In einem ausführlichen 7


Gespräch erfuhr ich dann viel mehr Details über ihr Leben und schrieb ihre Erzählungen direkt vom Tonband ab. Als sie das gelesen hatte, bekam ich eine schnelle Antwort: „So geht das nicht, Herr Diel.“ Warum nicht? „Das bin ich nicht. Das sind zwar oft meine Worte, aber Sie haben das mit Ihrem journalistischen Schreibstil verfremdet. Da erkenne ich mich zum Teil nicht wieder.“ In der Gruppe, die sich eine Woche später traf, sagte sie, dass sie durch unser intensives Gespräch seit langem wieder Kontakt bekommen hätte zu einigen wichtigen Phasen ihres Lebens. Sie wolle jetzt selbst zwei Episoden ihres Lebens aufschreiben. Das tat sie und ich war begeistert von ihrem Text. Ich wünsche ihr viele Leserinnen und Leser. Drittes Beispiel. Die jüngste der drei Bewohnerinnen, die an diesem Buch mitgearbeitet haben, gab mir zwei geheftete Broschüren. Eine mit Erlebnissen aus Kindheit und Jugend, die sie „Zeitreise 1942 – 2002“ nannte. Die zweite Broschüre enthielt Episoden aus ihrer Erwachsenenzeit: „Geschichten, die das Leben schrieb. Fatale, dramatische und skurrile Alltagserlebnisse“. Beide Hefte hatten jeweils einen Umfang von 40 Seiten. Geschrieben hatte sie all die Geschichten aus ihrem Leben im Jahre 2008. Wer hatte sie schon gelesen und wie waren die Reaktionen der Leser? Völlig überrascht war ich über ihre Antwort: „Ich habe die beiden Hefte bisher noch niemandem zum Lesen gegeben. Sie sind der erste Leser.“ Kaum zu glauben. Ich las ihre Lebensgeschichten mit wachsendem Vergnügen, fragte mich allerdings auch, wie wir aus diesem reichhaltigen „Patchwork“ einen Text für das vierte Buch „Wege des Lebens“ machen können. Wir sprachen intensiv darüber, welche Schwerpunkte wir setzen wollten, was noch genauer geschildert werden muss, auf welche Episoden sie verzichten sollte. Wir haben es geschafft. Nun ist es ein runder Text 8


geworden. Als Dr. Alfred Schenk einige Passagen daraus in der Biografiegruppe vorlas, wurde der Autorin auch deutlich, dass die anderen sehr aufmerksam zuhörten und interessiert waren, noch mehr von ihrem Leben zu erfahren. „Wen interessiert denn schon mein Leben?“ Nicht wenige werden es sein, die sich für dieses Leben interessieren. Ganz sicher. Wie beim zweiten Band wird auch im vierten Band nur ein Mann dabei sein. Er ist mit 91 Jahren auch der älteste von den vier Mitgliedern der Biografiewerkstatt. In einem Artikel für die „Rosenhofpost“ schrieb ich im Sommer dieses Jahres, dass er fast zum Schreiben seiner Erinnerungen „getragen“ werden musste. „Ich kann nicht so gut schreiben“, meinte er im Frühjahr und zweifelte auch daran, ob irgendjemand an seiner Lebensgeschichte interessiert sei. Eines Tages fing er an zu schreiben und hörte nicht wieder auf. Es ist der längste der vier Texte geworden und er könnte, wie er mir sagte, nochmal „das Doppelte“ drauflegen. Die Reihenfolge der drei Autorinnen und des Autors richtet sich dieses Mal nach dem Alphabet. Deshalb beginnt August Bakkenbüll, es folgen Jakobe Jakstein, Sigrid Kehl und Karin Witzmann. Es fügte sich, dass dies auch die Reihenfolge nach dem Alter ist: Der Älteste beginnt, die Jüngste beschließt das Buch. Weil es nur vier Texte sind, haben wir beschlossen, dieses Mal mehr Fotos und Dokumente aufzunehmen als in den früheren Büchern. Ich wünsche diesem Buch viele Leserinnen und Leser im Rosenhof und darüber hinaus in den Familien und Freundeskreisen der vier Autoren. Volker Diel, Redakteur der „Rosenhofpost“ 9


Immer in Bewegung August Bakkenbüll

Jahrgang 1921

Ich wurde am 24. Januar 1921 in Westerrade, Kreis Segeberg, geboren, und stamme sowohl nach der Seite meines Vaters wie meiner Mutter aus guter Familie. Die Heimat meines Vaters war das deutsch-dänische Grenzgebiet nördlich von Hadersleben. In der Familie Bakkenbüll wurde deshalb hauptsächlich Dänisch gesprochen. Leider wurde durch den frühen Tod seiner Mutter, die an Schwindsucht starb, die Familie aufgelöst. Mit 13 Jahren kam mein Vater auf einen Gutshof in die Lehre, um landwirtschaftlicher Inspektor zu werden. Meine Mutter war die Tochter von August Finnern in Westerrade, der als Kaufmann einen Kolonialwarenladen führte. Aber auch Landwirtschaft betrieb er, mit eigener Viehweide und einigen Kühen. Hier wurde meine Mutter angehalten, die Aufgaben einer Verkäuferin kennenzulernen, und auch die Kühe auf der Weide oder im Stall zu melken. Von der täglichen Hausarbeit bliebt sie natürlich auch nicht verschont.

Aufgewachsen in Geschendorf (Schleswig-Holstein) Mein Vater Niels Bakkenbüll erhielt im Herbst 1912 von der Kaiserlichen Heeresverwaltung einen Gestellungsbefehl für den 10


August Bakkenb체ll als Baby, 1921

Standort Neum체nster. Von hier aus zog er im August 1914 in den Ersten Weltkrieg. Im Verlauf der schweren K채mpfe bei Verdun verlor er 1916 durch einen Granatsplitter seinen linken Arm. Aufgrund dieser schwerwiegenden Verwundung wurde er sp채ter in eine Genesungskompanie versetzt und von dort an die damalige 11


Sparkasse nach Geschendorf, Kreis Segeberg, vermittelt. Geschendorf wurde nun seine neue Heimat. Hier wurde er ab 1917 zum Sparkassenangestellten ausgebildet. Meine Mutter war zu dieser Zeit auf einem großbäuerlichen Lehrhof für den Küchendienst zuständig. Mein Vater hat an diesem Lehrhof zu Mittag gegessen und wurde von ihr bedient. So haben sich meine Eltern kennengelernt! 1920 wurde geheiratet und einige Monate später kam ich zur Welt. In Geschendorf kaufte die junge Familie 1928 ein eigenes Haus. Inzwischen war mein Bruder geboren, sodass wir im Frühjahr 1928 in das Haus einzogen. Geschendorf war im Unterschied zu den anderen umliegenden Dörfern, die hauptsächlich von Ackerbau und Viehzucht lebten, kein reines Bauerndorf, sondern es gab dort auch Handwerk­, Handels- und andere Gewerbebetriebe. In dieser etwa 300 Einwohner zählenden Gemeinde gab es 13 Erbschaftsbauern und ungefähr 10 Handwerks- und Gewerbebetriebe.

Täglich per Fahrrad zum Gymnasium in Bad Segeberg 1927 kam ich mit sechs Jahren in die einklassige Volksschule. Sie führte acht Schuljahrgänge mit Abteilungsunterricht für jeweils zwei Jahrgänge. Stillbeschäftigung wurde in jeder Unterrichtsstunde angeboten. Meinem Vater war dieses Schulsystem aus der eigenen Schulzeit in Hadersleben vertraut. Er meinte ernsthaft: „Ihr sollt es im späteren Leben einmal besser haben, als ich es in meiner Jugend hatte.“ Mein Bruder und ich sollten also eine höhere Schule besuchen. Die nächstgelegene höhere Schule war die Dahlmannschule in Bad Segeberg. Hier fing man als 10-Jäh12


Min Jehann Ich wull, wi weern noch kleen, Jehann, Dor weer de Welt so groot Wi seeten op den Stehen, Jehann, Weest noch, bi Naver’s Sool? An Heben seil de stille Maan, Wi segen wo he leep Un snacken, wo de Heben hoch Un wo de Soot wull deep. Un wo de Soot wull deep. Weest noch wo still dat weer Jehann, Dor röhr keen Blatt an’n Boom So is dat nu nich mehr, Jehann As höchstens noch in’n Droom Och nee, wenn dor de Schäper süng Alleen in’t wiede Feld Ni wohr, Jehann, dat weer een Ton De eenzig op de Welt. De eenzig op de Welt. Mitünner in de Schlummertied Dor ward mi so to Moth Denn löppt mi’t langs de Rügg so hit, As dormols bi den Soot Denn drei hick mi so hastig üm As weer ick nich alleen Doch allens, wat ick finn, Jehann, Dat is, ick stah un ween. Klaus Groth

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riger mit der Klasse Sexta an. Außer mit dem Fahrrad gab es keine Möglichkeit, die Schule rechtzeitig zum Schulbeginn um 8 Uhr zu erreichen. Kein Bus und keine Bahn verkehrten direkt von Ort zu Ort. Um auch den Kindern der Landbevölkerung den Besuch der höheren Schule zu ermöglichen, bot die Dahlmannschule einen Aufbauzug ab Untertertia nach einer Aufnahmeprüfung an. Das hieß für mich, mit 13 Jahren konnte ich die höhere Schule ab Untertertia besuchen, täglich 12 Kilometer hin und zurück mit dem Fahrrad. Das war für mich körperlich gut machbar. Also drei Jahre länger in der Volksschule Geschendorf bleiben und dann nach Bad Segeberg auf die höhere Schule. 1934. Adolf Hitler und die NSDAP hatte seit einem Jahr die Macht in Deutschland übernommen. Unser Volksschullehrer war Ortsgruppenleiter der NSDAP geworden. Er hat uns durch seine Schultätigkeit überzeugt, in das Jungvolk, die Vorstufe zur Hitlerjugend, einzutreten. Ein großer Teil der Bevölkerung, der von der brüningschen Regierungszeit genug negative Erfahrungen hatte, folgte den Ausführungen des Lehrers und Ortsgruppenleiters und trat der machthabenden NSDAP bei. Vor allen Dingen waren es die großen Bauern.

Als Pimpf „flink wie ein Windhund“ und … Mein Vater hatte im Februar 1928 große finanzielle Sorgen. Durch die Notverordnung der Regierung des Reichskanzlers Brüning hatte man ihm das Gehalt gekürzt und auch von der Kriegsrente einen Teil einbehalten. Wie sollte er nun die monatlichen Zahlungen für den Hauskauf begleichen? Durch die Vertrauensarbeit des Lehrers über die kommende finanzielle Zukunft wurde 14


mein Vater am 31. Januar 1933 Mitglied der NSDAP. Denn: „Die Machtübernahme Hitlers sollte ja bessere Zeiten bringen“. Wir Pimpfe liebten den HJ-Dienst mehr als die Schularbeit. Auch brauchten die Pimpfe am Sonnabend nicht mehr zur Schule gehen. Das richtungweisende Motto lautete: „Flink wie die Windhunde, zäh wie Leder, hart wie Kruppstahl“. Trotzdem wurde ich am 18. April 1936 auf Wunsch meiner Eltern in einer evangelischen Kirche konfirmiert. Ich war ein mittelmäßiger Schüler. Kein Streber, aber ein Draufgänger. Meine Schulzeugnisse waren gut, eine Versetzung nie in Gefahr.

Mittlere Reife – das war’s! Im Februar 1938, kurz nach meinem 17. Geburtstag, hatte mein Vater mit dem Direktor der Dahlmannschule einen Besuchstermin vereinbart. Er wollte eine Entlastung bei der Schulgeldzahlung beantragen. Statt der üblichen Zahlung von 40 Reichsmark für meinen Bruder und mich wurde der Betrag auf 30 Mark festgelegt. Vaters anschließende Frage: Und wie sieht es mit den schulischen Leistungen meiner beiden Söhne aus? Der Direktor teilte ihm mit: August hat mit dem guten Weihnachtszeugnis nun die Mittlere Reife erreicht! Er ist jetzt in der Obersekunda. Mein Vater: Aber er sollte doch nur bis zur Mittleren Reife zur Schule gehen! Warum habe ich das denn nicht erfahren, dass er das schon geschafft hat? Durch ein neues Schulgesetz konnte im Jahre 1937 die Oberprima und etwas später auch die Unterprima Abitur machen. Hitler brauchte wohl Offiziersnachwuchs! Ich habe dadurch vorzeitig die Mittlere Reife erreicht und bekam am nächsten Tag mein Reifezeugnis und war ab sofort kein Dahlmannschüler mehr. 15


Nach der Schule zum Fallschirmjäger-Regiment in Stendal Und was nun? So plötzlich nicht mehr in der Rolle des Schülers? Lehrstellen für einen guten Beruf waren kaum vorhanden. Aber es gab doch eine Möglichkeit: Die Parteizeitung „Völkischer Beobachter“ hatte eine bebilderte Annonce des Regimentes Göring aus Berlin geschaltet. Nach einer kurzen Bewerbung erhielt ich nach einigen Tagen einen Musterungstermin für das Wehramt in Neumünster. Später einen weiteren Termin nach Hamburg für neu aufzustellende Luftlandeeinheiten. Nach den ärztlichen Untersuchungen, die ich alle bestand, musste ich nach einem halben Jahr Reichsarbeitsdienst am 1. Dezember 1938 in Berlin zum Dienst antreten. Es war aber nicht das Flakregiment General Göring, sondern ab dem 1. Januar 1939 das Fallschirmjäger-Regiment Nr. 1 in Stendal mit unserer neuen Garnison Gardelegen in der Altmark. Nach kurzer Rekrutenzeit hat man uns an der Fallschirmschule in Stendal die Möglichkeit gegeben, einen Sprungeinsatz der Ausbilder aus der Nähe zu beobachten. Als wir nun in den nächsten Tagen zur freiwilligen Meldung befragt wurden, haben sich viele Männer mit einem klaren „Ja“ gemeldet. Ich natürlich auch! Wir jungen Männer im Alter von 18 oder 19 Jahren haben es als sportliche Herausforderung gesehen. Etwas älter als wir und viel prominenter war einer unserer Kameraden in der Nachbarkompanie. Es war der Boxchampion der 1930er Jahre: Max Schmeling. Ihn traf ich nach dem Krieg ganz überraschend wieder. Dazu später mehr. Nach drei Wochen Fallschirmschule in Stendal habe ich bis Pfingsten 1939 meine sechs Pflichtsprünge erfolgreich absolviert. Ich bekam daraufhin das Fallschirmjäger Schützenabzeichen ver16


liehen und auch eine monatliche Sprungzulage von 60 Reichsmark. Meine Stammeinheit wurde ab Pfingsten 1939 bis 1944 die 12. Kompanie im Fallschirmjäger-Regiment Nr. 1. Mit dieser Einheit habe ich auch verschiedene Kriegseinsätze miterlebt.

Drei Verwundungen und eine segensreiche Armbanduhr Meine sämtlichen Erlebnisse in sechs Kriegsjahren? Das ist Stoff für ein dickes Buch! Hier werde ich mich deshalb mit etwas ausführlicheren Schilderungen auf die Einsätze unseres Fallschirmjäger-Regiments auf der griechischen Insel Kreta im Mai 1941 und in Süditalien im Winter 1944 beschränken. Unser erster Einsatz war in Polen 1939, dann kam Holland Frühjahr 1940, Frankreich Ende 1940 (als Besatzungstruppe) und zweimal „zur Verteidigung des Vaterlandes“ tief in Russland: 1941 bei Leningrad und 1943 im Raum Orel. Dort wurde ich auch zum ersten Mal verwundet, durch einen Pistolendurchschuss im linken Unterschenkel. Später wurde ich noch zweimal verwundet. Meine dritte und letzte Verwundung geschah am 18. März 1944 durch einen Phosphorgranatsplitter am linken Handgelenk, der die natürliche Funktion des Handgelenks einige Zeit stark behinderte. Aber meine Hand blieb durch eine Schicksalsfügung erhalten! Der Stabsarzt, der später den chirurgischen Eingriff durchführte, sagte mir: „Herr Bakkenbüll, der Stahlboden Ihrer Armbanduhr hat Ihnen Ihre Hand gerettet!“

Kommando „Fertigmachen zum Absprung“ Ehe ich auf die Kampfeinsätze in Griechenland und Italien 17


Absprung, 1939

eingehe, möchte ich in einem kleinen Exkurs schildern, wie der Absprung von Fallschirmjägern verläuft. Jeder Fallschirmabsprung verläuft nach einem gewissen Schema und genau nach Vorschrift, wie man sich vielleicht auch als Laie und Nicht-Fall18

Profile for Birgit Linde

Wege des Lebens, Band 4  

Im Rosenhof Großhansdorf 2 entsteht in der Biografiewerkstatt jedes Jahr ein Buch

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