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© 2012 Frank Kürschner-Pelkmann

Umschlaggestaltung, Illustration: Birgit Uhl Verlag: tredition GmbH, Hamburg Printed in Germany

ISBN: 978-3-8491-2037-5 Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.


Inhaltsverzeichnis Geleitwort .....................................................................................................................15 Einleitung .....................................................................................................................17

Die Weihnachtsgeschichte als verheißungsvoller Anfang .................................................... 20 Jesu Geburt und Kindheit in den apokryphen Schriften ........................................................ 20 Die Geburt eines jüdischen Kindes ................................................................................................. 21 Im Angesicht der globalen Macht .................................................................................................... 22 Biblischen Geschichten auf der Spur ............................................................................................. 23 Das Weihnachtsgeheimnis in Theologie, Kunst und Literatur............................................ 23 Weihnachten jenseits der Kommerzialisierung ........................................................................ 26 Danksagung .............................................................................................................................................. 28

Kontext und biblischer Text ............................................. 29

Die jüdische Geschichte in der Zeit vor Jesu Geburt......................................29

Unter dem Einfluss des Hellenismus ............................................................................................. 29 Wer am meisten zahlte, wurde Hohepriester ............................................................................ 31 Der Aufstand der Makkabäer ............................................................................................................ 32 Eine Eroberungspolitik und ihre Folgen ...................................................................................... 35 Wenn zwei sich streiten – freuen sich die Römer .................................................................... 36

Rom – das Zentrum der Macht ..............................................................................40

Ein effizient verwaltetes Weltreich ................................................................................................ 41 Die ökonomische Basis des römischen Weltreiches ............................................................... 43 Das kulturelle Bindeglied in einem Weltreich ........................................................................... 46 Globalisierung in der Antike und heute ........................................................................................ 47 Das Beispiel der heutigen Spekulation mit Kakao.................................................................... 48 Die am Rande sieht man nicht .......................................................................................................... 50 Das Bündnis mit lokalen Eliten ........................................................................................................ 51 Die Unterschiede dürfen nicht übersehen werden .................................................................. 52 Mitentscheidungsmöglichkeiten – ein Privileg in den Machtzentren .............................. 53

Jüdische Antworten auf die römische Herrschaft ..........................................55

Die Sadduzäer .......................................................................................................................................... 57 Die Pharisäer............................................................................................................................................ 58 Die Essener ............................................................................................................................................... 59 Radikale messianische Bewegungen ............................................................................................. 60

Jesus und seine Umwelt im Spiegel neutestamentlicher Texte .................62

Markusevangelium ................................................................................................................................ 63


Lukasevangelium .................................................................................................................................... 68 Matthäusevangelium............................................................................................................................. 73 Johannesevangelium ............................................................................................................................. 76 Paulusbriefe .............................................................................................................................................. 80 Apokryphe Texte .................................................................................................................................... 84 Die Vielfalt biblischer Darstellungen: Reichtum oder Chaos? ............................................. 92

Die Bibel immer wieder neu lesen.......................................................................95

Erfahrungen mit Gott in der Bibel ................................................................................................... 97 Vielfältige, aber keine beliebigen Auslegungen der Bibel ..................................................... 98 Wie die Bibel in der weltweiten Ökumene gelesen wird .................................................... 100 Spannungen aufgrund unterschiedlicher Bibelverständnisse ......................................... 107

Die Geburt und Kindheit Jesu ......................................... 109 Ankündigung der Geburt Johannes des Täufers .......................................... 109

Die Verkündigung im zentralen jüdischen Heiligtum .......................................................... 111

Biblische Gestalten: Engel ............................................................................... 113

Engel, die Furcht und Schrecken verbreiten ............................................................................ 114 Einfach engelhaft: wie Engel aussehen....................................................................................... 115

Die Ankündigung der Geburt Jesu .................................................................... 117

Junge Frau oder Jungfrau? ............................................................................................................... 121

Biblische Gestalten: Maria .............................................................................. 124

Maria in den Paulusbriefen ............................................................................................................. 124 Maria im Markusevangelium .......................................................................................................... 126 Maria im Matthäusevangelium ...................................................................................................... 130 Maria im Lukasevangelium ............................................................................................................. 132 Maria im Johannesevangelium....................................................................................................... 134 Maria in der Offenbarung des Johannes..................................................................................... 139 Maria im Protevangelium des Jakobus ....................................................................................... 140 Maria im Pseudo-Johannesevangelium ...................................................................................... 141 Maria „dogmatisch“ ............................................................................................................................ 142 Martin Luther: Jesus sollte durch Maria nicht „ins Finstere gestellt“ werden ........... 149 Die feministische Theologie entdeckt Maria auf neue Weise............................................ 151 Eva und Maria ....................................................................................................................................... 152 Maria und das kirchliche und gesellschaftliche Engagement heutiger Frauen ......... 156

Marias Besuch bei Elisabeth ............................................................................... 159 Marias Lobgesang ................................................................................................... 164


Ein Lied, in der jüdischen Tradition verwurzelt ..................................................................... 165 Ein Lied der Opfer der antiken „Globalisierung“ .................................................................... 166 Ein Hoffnungstext für Christinnen und Christen im Süden der Welt ............................. 169 Ein Hoffnungslied für wohlhabende Christinnen und Christen in Europa? ................ 172 Ein revolutionäres Lied und der Alltag der Globalisierung ................................................ 175

Die Geburt Johannes des Täufers und der Lobgesang des Zacharias ... 178

Die Rezeption eines verheißungsvollen Textes ...................................................................... 180

Biblische Gestalten: Johannes der Täufer ................................................. 182

Die Botschaft des Predigers in der Wüste ................................................................................. 183 Jesu Taufe und sein Verhältnis zu Johannes ............................................................................. 185

Der Stammbaum Jesu bei Matthäus ................................................................. 187

Vier Frauen in Josefs Stammbaum ................................................................................................ 189 Der Stammbaum und Josef............................................................................................................... 190 Unterschiedliche Verständnisse vom „Sohn Gottes“ ............................................................. 191 Jörg Zink: Der „Gottes Sohn“ als Bevollmächtigter ................................................................ 192

Biblische Gestalten: Josef ................................................................................ 195

Josef – Gedanken über einen gütigen Vater .............................................................................. 195 Josef in den apokryphen Texten .................................................................................................... 198 Josef und Josef – zwei biblische Träumer .................................................................................. 199 Das Bild Josefs in der Kirchengeschichte ................................................................................... 202 Mit Josef gegen Sozialdemokraten und Kommunisten......................................................... 203 Josef und die neue Familie ............................................................................................................... 204

Der Stammbaum Jesu bei Lukas ........................................................................ 207

Für Martin Luther stammen Maria und Josef beide von David ab................................... 209 Widersprechende Stammbäume und eine eindeutige Zielsetzung................................. 210

Die Geburt Jesu im Lukasevangelium .............................................................. 211

Eine Volkszählung stößt auf Widerstand ................................................................................... 213 Ein Zensus als Symbol der verhassten römischen Herrschaft .......................................... 214 Das Kind in der Krippe....................................................................................................................... 217 Gott wählte die Armut........................................................................................................................ 220 Krippe und Kreuz ................................................................................................................................. 222 Die Geburt des Jesuskindes im Protevangelium des Jakobus ............................................ 224 Wie Ochs und Esel in die Weihnachtsgeschichte kamen ..................................................... 225 Der Kaiser und der Anspruch Gottes ........................................................................................... 226 Das „Goldene Zeitalter“ und das Gegenbild die Evangelisten............................................ 226 Ein bewusstes Gegenmodell? .......................................................................................................... 230 Weihnachten – ein Anlass zur Umkehr und zum Engagement für Arme ..................... 232


Ökumenische Kritik am heutigen „Imperium“ ........................................................................ 234

Biblische Gestalten: Augustus ....................................................................... 237

Augustus Herrschaft über die „Peripherie“ des Römischen Reiches ............................. 239 Despotismus reicht nicht – damals wie heute ......................................................................... 240 Augustus als „Friedensstifter“........................................................................................................ 241

Jesu Geburt bei Matthäus ..................................................................................... 245

Menschliche Schuld und göttliche Liebe .................................................................................... 247 Ein jüdisches Kind verheißt das Heil........................................................................................... 249 In Bethlehem geboren ....................................................................................................................... 251

Biblische Orte: Bethlehem ............................................................................. 253

Fast zwei Jahrtausende Kirchengeschichte .............................................................................. 253 Ein Leben, umgeben von Mauern und Checkpoints .............................................................. 255 Ein ökumenisches Programm für die Menschen in Bethlehem ....................................... 257 Ein Licht des Friedens aus Bethlehem ........................................................................................ 258

Hirten: Die Armen stehen im Zentrum............................................................ 260

Lernen von den Hirten ...................................................................................................................... 262 Die heutigen „Hirten“ ......................................................................................................................... 265 Friede auf Erden .................................................................................................................................. 266 Ein friedliches Weihnachten mitten in einem brutalen Krieg .......................................... 268

Die Weisen aus dem Morgenland ...................................................................... 270

Die Magier im Verständnis von Martin Luther........................................................................ 273 Der neue König ist nicht im Palast zu finden ........................................................................... 274 Dem Stern folgen ................................................................................................................................. 277 Die Magier folgen der Botschaft im Traum ............................................................................... 278 Von den Fremden lernen.................................................................................................................. 280

Die Flucht nach Ägypten und die glückliche Rückkehr ............................. 281

Wenn sich die Palme neigt............................................................................................................... 283 „Ägypten“ holte die Menschen immer wieder ein ................................................................. 285

Der Kindermord fand glücklicherweise nicht statt .................................... 287

Hoffnung jenseits der Gewalt ......................................................................................................... 288 Mord und Gewalt gegen Kinder: Auch heute vielerorts eine Realität ........................... 290

Biblische Gestalten: Herodes ......................................................................... 292

Ein Freund der Römer in schwierigen Zeiten.......................................................................... 293 Nicht endende Familienkonflikte ................................................................................................. 294 So groß wie das Reich Davids......................................................................................................... 295 Ökonomische Entwicklung und steuerliche Belastung ....................................................... 298


Mordfälle am Königshof .................................................................................................................... 300

Berechtigte Furcht vor dem brutalen Herrscher von Judäa .................... 304 Jesu Darstellung im Tempel ................................................................................ 308

Die Prophetin Hanna erkennt Gott im kleinen Kind.............................................................. 310

Biblische Orte: Der Tempel ........................................................................... 312

Der Tempel als religiöses und ökonomisches Zentrum ....................................................... 312 Tempelsteuer und Sühneopfer ....................................................................................................... 313 Der fremde Gott auf der Münze...................................................................................................... 315 Jesus und der Tempel in Jerusalem .............................................................................................. 316

Johannes: Am Anfang war das Wort ................................................................. 318

Das Wort ward Fleisch....................................................................................................................... 320 Ökumenisches Nachdenken über einen Bibelvers ................................................................. 321 Das Licht scheint in der Finsternis ............................................................................................... 323

Das Kind voller Weisheit ...................................................................................... 325

Wenn Maria das Jesuskind schlägt ............................................................................................... 325 Jesus und seine Geschwister ........................................................................................................... 328

Biblische Orte: Nazareth ................................................................................. 330

Nazareth heute ...................................................................................................................................... 332

Ein „Wunder“ des fünfjährigen Jesus ............................................................... 333

Ein Wunder „mit Gottes Erlaubnis“ .............................................................................................. 334 Zur Strafe als Baum verdorrt .......................................................................................................... 335 Fantastisch und von großer Wirkung.......................................................................................... 336

Der zwölfjährige Jesus im Tempel .................................................................... 337

Das Passahfest im Tempel ................................................................................................................ 339 Wallfahrten nach Jerusalem ............................................................................................................ 340 Der zwölfjährige Jesus von großer Weisheit ............................................................................ 341 Jesu Bildungsweg ................................................................................................................................. 342

Biblische Orte: Galiläa ...................................................................................... 343

Unter der Herrschaft der Römer ................................................................................................... 344 Jesus und die soziale Wirklichkeit Galiläas ............................................................................... 347 Sepphoris – ein Handelszentrum in der Nähe von Nazareth ............................................. 348

Biblische Gestalten: Herodes Antipas......................................................... 352

Der sinkende Stern eines Königs ................................................................................................... 353

Das Weihnachtsfest, der Sonnenkult und die Christusverehrung ........ 356


Weihnachten feiern – Erinnerungen aus zwei Jahrtausenden ..................................................................... 359 Augustinus von Hippo ........................................................................................... 359

Der Weg zum Glauben ....................................................................................................................... 360 Die vergebliche „Flucht“ vor der Mutter .................................................................................... 360 Der einflussreiche nordafrikanische Bischof ........................................................................... 362 Ein Prediger mit „Langzeitwirkung“............................................................................................ 365 Weihnachtspredigten voller Verheißungen ............................................................................. 367 Die Eroberung Roms als Anfrage an die Christenheit .......................................................... 369

Franz von Assisi ....................................................................................................... 372

Abschied vom familiären Reichtum ............................................................................................. 373 Das Evangelium schlicht und einfach nehmen ........................................................................ 374 Aus der Bewegung wird ein Orden .............................................................................................. 375 Frieden für die ganze Schöpfung................................................................................................... 376 Der Tod eines Heiligen ...................................................................................................................... 378 Ein Weihnachtsfest auch für die Lerchen .................................................................................. 380

Lukas Cranach .......................................................................................................... 381

Der Künstler mit der Schlange ....................................................................................................... 381 Der Maler und Verleger der Reformation ................................................................................. 384 Ein Künstler in Zeiten des Übergangs ......................................................................................... 385 Madonna und das Kind ..................................................................................................................... 387 Das Weihnachtsfest und die Heilige Sippe ................................................................................ 390

Martin Luther ........................................................................................................... 394

Ein wortgewaltiger Kritiker der Mächtigen in der Kirche ................................................. 395 In den Bauernkriegen auf der Seite der Fürsten .................................................................... 399 Die Theologie vom gnädigen Gott................................................................................................. 401 Verhängnisvolle Angriffe auf Juden ............................................................................................. 404 Ökumenisches Nachdenken über Luthers Theologie ........................................................... 405 Luthers Weihnachtspredigten ....................................................................................................... 407 Der Kampf gegen das Böse – nicht nur zur Weihnachtszeit .............................................. 409

Pieter Bruegel .......................................................................................................... 411

Anbetung der Könige ......................................................................................................................... 413 Volkszählung in den Niederlanden .............................................................................................. 415 Der Kindermord zu Bethlehem und die brutale Herrschaft der Habsburger ............ 416

Matthias Claudius ................................................................................................... 419

Ein vergoldeter Apfel für Caroline ............................................................................................... 420


Ein Dichter wird zum Boten ............................................................................................................ 423 „Es sind doch Menschen auch“ ....................................................................................................... 426 Der Weihnachtsglaube des Dichters ............................................................................................ 426

Joseph Mohr .............................................................................................................. 429

Der Henker als Pate............................................................................................................................. 430 Die Erfolgsgeschichte eines Liedes ............................................................................................... 431 In aller Welt gesungen ....................................................................................................................... 435

Charles Dickens ....................................................................................................... 437

Eine Kindheit zwischen Wohlstand und Fabrikarbeit .......................................................... 439 Literarischer Erfolg und finanzielle Sorgen .............................................................................. 441 Nicht nur Weihnachten: Der Glaube an das Gute im Menschen ....................................... 442 Die Weihnachtsgeschichte: ein literarischer, aber kein finanzieller Erfolg................. 444 Ein turbulentes Leben zwischen Ruhm und finanziellen Sorgen .................................... 445 „Das Ende vom Lied“........................................................................................................................... 447

Theodor Storm ......................................................................................................... 448

Aus politischen Gründen fern der Heimat ................................................................................. 448 Ein Anwalt stellt sich gegen die Obrigkeit ................................................................................. 450 „Immensee“: Weihnachten fern der Heimat ............................................................................. 451 Sehnsucht nach der Heimat ............................................................................................................. 452 Die Pädagogik von Knecht Ruprecht............................................................................................ 454 Zurück in der Heimat.......................................................................................................................... 457 Soziale Umbrüche und Unrecht – Themen von Theodor Storm ....................................... 458 Das letzte Weihnachtsfest des Dichters...................................................................................... 460

Max Liebermann ..................................................................................................... 461

Das Interesse an Jesus im Reformjudentum ............................................................................. 462 Ein Ausstellungsskandal ................................................................................................................... 464 Der Maler „der alten Dorfweiber“ ................................................................................................. 467 Die zweite Fassung des Jesusgemäldes....................................................................................... 467 Zu alt, um auszuwandern.................................................................................................................. 469

Thomas Mann ........................................................................................................... 471

Die Buddenbrooks – der Niedergang einer Kaufmannsfamilie ........................................ 472 Weihnachten auf dem „Zauberberg“ ............................................................................................ 479 Die andere Weihnachtsdarstellung: „Weihnachtsstimmung“ ........................................... 481 Der Ruhm und der bittere Weg ins Exil ...................................................................................... 481

Dietrich Bonhoeffer ............................................................................................... 484

Theologische Studien und Krippenspiele .................................................................................. 485 Der konsequente Weg in den Widerstand ................................................................................. 487


Die Theologie der „Zugluft des modernen Denkens“ aussetzen ...................................... 490 Eine Inspiration für die Befreiungstheologie........................................................................... 491 Mord in den letzten Kriegstagen ................................................................................................... 492

Käthe Kollwitz .......................................................................................................... 498

Über ihre Gefühle hat sie selten gesprochen – aber viel geschrieben ........................... 500 „Nie wieder Krieg!“ ............................................................................................................................. 502 Eine Pietà sorgt für Streit ................................................................................................................. 506 Der schwebende Engel ...................................................................................................................... 507

Karl Barth .................................................................................................................. 509

Ein Leben für die Theologie ............................................................................................................ 509 Gott als der ganz Andere .................................................................................................................. 510 Weihnachten in der Theologie Karl Barths in der Vorkriegszeit .................................... 513 Karl Barth im Kirchenkampf ........................................................................................................... 515 „Inmitten der Unordnung der Welt“ ............................................................................................ 516

Karl Rahner ............................................................................................................... 519

Kein Rückzug in den Elfenbeinturm ............................................................................................ 519 Als Berater beim Zweiten Vatikanischen Konzil .................................................................... 520 Der wahre Mensch Jesus................................................................................................................... 523 Das unveröffentlichte Buch über Maria ..................................................................................... 525

Astrid Lindgren........................................................................................................ 526

Eine Kindheit, nicht ganz wie in Bullerbü ................................................................................. 527 Abschied von der Kindheit .............................................................................................................. 530 Für ein anderes Schweden............................................................................................................... 532 Für den Frieden auf der Welt ......................................................................................................... 533 Weihnachtsgeschichten von Astrid Lindgren .......................................................................... 535

Kurt Marti .................................................................................................................. 538

Besoldeter Pfarrer und erfolgreicher Schriftsteller .............................................................. 538 „Gott ist Liebe“ ...................................................................................................................................... 539 Warum der Pfarrer nicht Professor werden durfte .............................................................. 540 „Im Schrei der Geburt“ ...................................................................................................................... 542 Die Weihnachtsgeschichte und die Aufrüstung der 1980er Jahre .................................. 544 Keine neue Weihnachtserzählung ................................................................................................ 545 Kritik an der Globalisierung damals und heute ...................................................................... 546

Uta Ranke-Heinemann .......................................................................................... 548

Griechischunterricht bei Professor Bultmann ........................................................................ 548 Streit um die Jungfrauengeburt ..................................................................................................... 549 Ein langjähriges politisches Engagement .................................................................................. 551


Weihnachten ohne Märchen............................................................................................................ 552

Jörg Zink ..................................................................................................................... 555

Vom Waisenkind zum Theologen und Buchautoren ............................................................. 555 Der theologische Aufbruch .............................................................................................................. 556 Ein Pfarrer in Fernsehen und Film ............................................................................................... 557 Das Hoffen auf Umkehr...................................................................................................................... 558 Der Geist weht, wo er will ................................................................................................................ 560 Weihnachten mit Jörg Zink .............................................................................................................. 561 Umgang mit Flüchtlingen heute ..................................................................................................... 562 Kritische Worte zu bestehendem Unrecht in der Welt ........................................................ 563

Peter Schütt............................................................................................................... 565

Ein religiöser Mensch mit revolutionären Vorstellungen ................................................... 566 Der Schriftsteller mit der echten Maojacke............................................................................... 567 „Ich bezog Prügel von beiden Seiten“ .......................................................................................... 569 Ein Wanderer zwischen den Welten ............................................................................................ 570

Dorothee Sölle.......................................................................................................... 573

Der Weg zu einem radikalen Christentum ................................................................................ 573 Der allmächtige Gott ist tot .............................................................................................................. 575 Das politische Nachtgebet ................................................................................................................ 576 Lernende und Lehrende der weltweiten Ökumene ............................................................... 576 Enttäuschung über die Kirche in Deutschland ........................................................................ 578 Fromm und radikal sein .................................................................................................................... 580 Das Verständnis von Gott ................................................................................................................. 581 Mystik und Befreiung ......................................................................................................................... 582 Die Mystik des Todes .......................................................................................................................... 583 Der Frieden der Weihnachtsgeschichte...................................................................................... 584 Die andere Globalisierung gestalten ............................................................................................ 586

Tissa Balasuriya ...................................................................................................... 588

Eine zunehmende Distanz zur europäischen Theologie...................................................... 588 Das Engagement für eine umfassende Befreiung ................................................................... 589 Konflikt um „Maria und die menschliche Befreiung“ ............................................................ 591 Maria aus einer srilankischen Befreiungsperspektive ......................................................... 592 Auseinandersetzung mit der Vorstellung der Jungfrauengeburt..................................... 594 Für ein neues Marienverständnis ................................................................................................. 596 Alternativen zur vorherrschenden Globalisierung ................................................................ 597

Peter Bichsel ............................................................................................................. 598

Das religiöse Bekenntnis als Emanzipation .............................................................................. 598


Der Meister der kleinen Form ........................................................................................................ 599 Der etwas andere Missionar ........................................................................................................... 601 „Man braucht eine gewisse Traurigkeit“ ................................................................................... 602 Weihnachten: „Ein Fest der Erinnerung“ .................................................................................. 603

Leonardo Boff ........................................................................................................... 605

Ein Leben für die Befreiung ............................................................................................................ 605 Die Theologie der Befreiung lebt .................................................................................................. 607 Der Kampf gegen das globale Unrecht........................................................................................ 609 Weihnachten als Fest der Befreiung............................................................................................ 610

Viola und Mitri Raheb ........................................................................................... 614

Viola Raheb: In Bethlehem geboren ............................................................................................ 615 Mitri Raheb: Inmitten von Mauern leben in Bethlehem...................................................... 617 Das Heilige Land braucht Brücken ............................................................................................... 618 Im Exil in Wien ..................................................................................................................................... 621 Die Bibel aus palästinensischer Perspektive lesen................................................................ 622 Solidarisch sein mit den Menschen in Israel und Palästina ............................................... 624

James Massey............................................................................................................ 625

Das Engagement für die Ausgeschlossenen der indischen Gesellschaft....................... 626 Wissenschaftliche Arbeit und gesellschaftliches Engagement ......................................... 628 Eine Befreiungstheologie der Dalits ............................................................................................ 629 Die Weihnachtsgeschichte als Hoffnungsgeschichte für Indiens Arme ........................ 631

Loriot ........................................................................................................................... 633

„Auf den Hund gekommen“ ............................................................................................................. 634 „Ich glaube, dass der liebe Gott lachen kann“ .......................................................................... 635 Von Weihnachtsbäumen und Weihnachtsgeschenken ........................................................ 637 Zum Weihnachtsbesuch bei den Hoppenstedts ...................................................................... 638 Der Wahnsinn des Alltags ................................................................................................................ 640

Weihnachten lebendig werden lassen ............................................................ 642

Nachdenken über das Woher und Wohin des eigenen Lebens ........................................ 644 Gemeinsam unterwegs nach Bethlehem ................................................................................... 646 Zwölf Orientierungspunkte auf dem Weg zu einem Weihnachtsglauben ................... 648 Jenseits der „Ökonomie des Weihnachtsmanns“.................................................................... 658 Im Zentrum des Weihnachtsgeschehens: Liebe und Frieden ........................................... 659

Bildnachweis ............................................................................................................ 661 Anmerkungen .......................................................................................................... 663


Einleitung Weihnachten – das ist für die meisten Christinnen und Christen in aller Welt das wichtigste und schönste religiöse Fest des Jahres. Mögen auch die Weihnachtstraditionen in den einzelnen Ländern und Kulturen sehr unterschiedlich sein, die Geburt Jesu wird von allen ausgiebig und oft fröhlich gefeiert. Auch viele Menschen, die einen anderen oder gar keinen religiösen Glauben haben, feiern Jahr für Jahr Weihnachten und dies zur Freude der Betreiber von Kaufhäusern und Einkaufszentren. In einer globalen Wirtschaft ist Weihnachten längst zum wichtigsten Konsumfest geworden. Zu keiner Zeit im Jahr wird so viel Umsatz gemacht wie in den Wochen vor Weihnachten, und wenn es heißt, die Erwartungen des Handels seien in diesem Jahr übertroffen worden, herrscht große Freude.

„Die Ware Weihnacht ist nicht die wahre Weihnacht“, erinnert der Schweizer Theologe und Schriftsteller Kurt Marti. Aber auch diese Einsicht wird inzwischen vermarktet, schwarz auf weiß auf einem T-Shirt zu lesen, angeboten zum Beispiel bei Amazon für 15,95 Euro. Und als Alternative ist ein Kleidungsstück mit der Aufschrift „I hate Christmas!“ zu finden, ein Bekenntnis zum gleichen Preis. Zu Weihnachten, scheint es, ist mit allen Botschaften ein Geschäft zu machen.

Und doch ist Weihnachten mehr als ein globales Konsumfest. Die Geschichte von der Geburt des Kindes in einem Stall rührt auch nach zwei Jahrtausenden viele Millionen Menschen an. Maria und Josef, das Jesuskind, die Hirten und die Weisen aus dem Morgenland sind Hauptfiguren in einer Geschichte, die schon viele Mal erzählt worden ist. Und immer wieder wird diese Geschichte in der aktuellen eigenen Situation ganz neu gehört und verstanden. Und da Maria in der Geburtsgeschichte ihr aufrührerisches Magnifikat nicht wiederholt und Jesus seine unbequemen Botschaften noch nicht verkünden kann, wird die weihnachtliche Harmonie nicht gestört.

Wenn dann die Kerzen am großen Weihnachtsbaum in der Kirche strahlen, Kinder gebannt auf die Krippe schauen und die Geschichte vorgelesen wird, wie sie Lukas aufgeschrieben hat, dann stehen alle im Bann des Geschehens in Bethlehem. Am nächsten Tag kommen dann vielleicht Zweifel. Ist diese schöne Geschichte nur ein wunderbares Märchen? Hat sich das, was anrührend von Lukas und Matthäus beschrieben wurde, tatsächlich vor 2.000 Jahren so zugetragen? Bibelfeste Christinnen und Christen wissen, dass es Widersprüche zwischen den Geburtsgeschichten bei Matthäus und Lukas gibt. Sind Maria und Josef in Bethlehem zu Hause gewesen, wie im Matthäusevangelium vorausgesetzt wird, oder haben sie sich auf die mühevolle Reise von Nazareth nach Bethlehem gemacht, wie Lukas es darstellt? 17


Sind sie nach der Geburt des Kindes nach Ägypten geflohen, um dem Kindermord zu entgehen, so Matthäus, oder über Jerusalem auf direktem Weg in ihren Heimatort Nazareth zurückgekehrt, wie uns Lukas überliefert hat? Viele Christinnen und Christen setzen sich solchen Fragen gar nicht erst aus, halten sie für nebensächlich angesichts des Heilsgeschehens im Stall von Bethlehem. Die Bibel ist Gottes Wort und dies Wort für Wort, warum sollten kleingläubige Christen versuchen, Widersprüche zu erkennen? Andere Gläubige bleiben bei ihren Fragen – und gar zu oft bleiben sie mit diesen Fragen allein.

Und die Pastoren und Pastorinnen, die in der hektischen Vorweihnachtszeit ihre Weihnachtspredigt vorbereiten, irgendwann zwischen Seniorenweihnachtsfeier, letzter Kirchenvorstandssitzung des Jahres und dem Kauf von Geschenken für die eigenen Kinder, wie lesen sie die Weihnachtsgeschichte? Im Studium haben die meisten von ihnen die historisch-kritischen Erkenntnisse zu den biblischen Texten kennengelernt. Sie haben erfahren, wie viele Widersprüche es im Neuen Testament gibt, warum viele Texte „legendarisch“ sind und dass gerade die Weihnachtsgeschichte dazu gehört. Aber bei der Formulierung der Weihnachtspredigt scheint all das nicht viel zu helfen. Zwischen „Stille Nacht“ und Krippenspiel, in der überfüllten Kirche, mit all den Menschen, die nur dieses eine Mal im Jahr in die Kirche kommen, da scheint nicht der richtige Zeitpunkt zu sein, die Erkenntnisse über die Weihnachtsgeschichte zu verbreiten. Und wer weiß überhaupt, was damals wirklich geschah? Daher wird auch in diesem Jahr in vielen Kirchen auf eine Weise gepredigt, als hätte es nie eine neuere theologische Wissenschaft und nie eine Erforschung des antiken Palästina gegeben. Und wenn der Pastor auf der Kanzel in der festlich geschmückten Kirche steht, vor sich die vielen erwartungsvollen Gottesdienstbesucher, dann schildert er das Geschehen in Bethlehem so, als hätte ihn nie ein Zweifel geplagt, was sich damals zugetragen hat.

So oder so ähnlich geht es alle Jahre wieder, und wenn es den Predigern und Predigerinnen dann auch noch gelingt, ohne gar zu sehr anzuecken einige Bezüge zum heutigen Leben herzustellen, dann können sie sicher sein, dass viele Gottesdienstbesucher ihnen am Ausgang fest die Hand drücken und sich für diese schöne Weihnachtspredigt bedanken. Warum sollte es nicht so bleiben? Hilft ein „aufgeklärtes“ Verständnis des Geschehens von vor zwei Jahrtausenden den Menschen weiter? Gar eine „Entmythologisierung“? Ist Weihnachten der richtige Zeitpunkt, der Gemeinde das „zuzumuten“, was wir heute über Entstehung und Kontext der Texte der Bibel wissen. Der bekannte Religionspädagoge Hubertus Halbfas hat vor einigen Jahren in einem Vortrag diagnostiziert: „Die herrschende Kluft zwischen gesicherten theologischen Forschungsergebnissen und heutigem Glaubensverständnis ist riesig.“1 18


In diesem Buch soll der Versuch unternommen werden, das, was wir wissen können, in Verbindung zu bringen, mit dem, was wir glauben dürfen. Der christliche Glaube hängt nicht an der Frage, ob Kaiser Augustus wirklich eine reichsweite Volkszählung angeordnet hat. Und auch nicht an der Flucht nach Ägypten. Wenn wir lernen, dass diese Volkszählung in dieser Form nie stattgefunden hat und mit hoher Wahrscheinlichkeit die Familie Jesu nicht nach Ägypten flüchten musste, wenn wir uns intensiv mit dem beschäftigen, was wir heute über die Welt wissen, in der Jesus aufgewachsen ist, dann kann uns das die Augen öffnen für die wirklichen Geheimnisse der Geburt Jesu. Das jedenfalls soll in diesem Buch versucht werden. Biblische Geschichte sind viele Jahrhunderte lang prächtig dargestellt worden: Der Trinitatisaltar in der Hamburger Hauptkirche St. Jacobi erhielt seinen Namen, weil auf der oberen mittleren Darstellung des Altars Gottvater und Jesus gemeinsam auf dem Thronsessel gezeigt werden, darüber die Taube als Symbol des Heiligen Geistes. Alle übrigen Darstellungen sind dem Leben Marias entnommen.

Das Buch soll eine Hilfe für alle sein, die die biblische Weihnachtsgeschichte neu und besser verstehen wollen. Es geht nicht um Beweise dafür, dass sich nicht alles so zugetragen hat, wie es die Evangelisten berichten, das ist schon oft genug bewiesen worden. Und es geht auch nicht darum, die Leserinnen und Leser ratlos in einem Trümmerhaufen sezierter und zerstörter biblischer Geschichten und Bilder zurückzulassen. Ich habe vielmehr versucht, dass zusammenzutragen, was wir heute über das Weihnachtsgeschehen, seinen Kontext und seine Wirkungsgeschichte wissen. Auf diesem Hintergrund wird dann die Weihnachtsbotschaft neu leuchten für Menschen, die vom Baum der Erkenntnis genascht haben und doch wie die Kinder vor dem festlich geschmückten Weihnachtsbaum stehen möchten. 19


Die Weihnachtsgeschichte als verheißungsvoller Anfang Die Geschichten von der Geburt Jesu im Neuen Testament, vor allem bei Lukas, sind ein Prolog für die Heilsbotschaft, die in den weiteren Texten des Neuen Testaments entfaltet wird. Wie in einer Ouvertüre klingen hier bereits die Motive an, die das ganze Werk bestimmen. Es ist beeindruckend, wie viele Themen in den beiden Geburtsgeschichten von Matthäus und Lukas bereits angesprochen werden. In einer Zeit, in der der jüdische Versuch, eine regionale Großmacht zu werden, gescheitert war, in der viele Gläubige auf einen religiösen und gesellschaftlichen Neuanfang hofften, in der Jesus als der erhoffte Messias von den Römern als Terrorist gekreuzigt worden war, in der die kleinen Gruppen der Jesusanhänger zutiefst verunsichert waren und ihnen Verfolgung drohte, haben die Evangelisten das verstreute Wissen über das Leben und die Botschaft dieses Jesus zu klug gestalteten Evangelien komponiert. Und dies gilt besonders auch für die Darstellungen über die Geburt und Kindheit Jesu bei Matthäus und Lukas.

Die Aufgaben, vor denen die Evangelisten und Briefschreiber standen, waren gewaltig. Es galt, sich in die jüdische Traditionslinie zu stellen, Jesus als den in der Hebräischen Bibel angekündigten Heiland zu verkünden, dabei jüdische und nichtjüdische Gläubige einzubeziehen – und eine überzeugende Alternative zur Willkürherrschaft der Kaiser des Römischen Reiches zu entfalten, die unerträglich für die Menschen in Palästina geworden war. Die Verfasser haben das, was sie von Jesus und seinen Predigten und Gleichnissen wussten, nicht nur überliefert, sondern so aufgeschrieben und zu Evangelien zusammengefügt, dass die Menschen daraus Hoffnung und Mut geschöpft haben, inmitten einer Welt von Unrecht, Machtmissbrauch und Gewalt den Weg Jesu mitzugehen. Frieden auf Erden verkünden die Engel in der Weihnachtsgeschichte, und dieser Frieden der Bibel ist der umfassende Friede Gottes. So wie Josef auf das vertraute, wovon er geträumt hatte, vertrauten die ersten Gemeinden der Jesusanhänger auf die göttlichen Verheißungen, wie sie in den Evangelien nachzulesen waren. Diese Gläubigen machten sich wie Maria und Josef auf den Weg und ließen sich selbst durch die brutale Verfolgung durch die römischen Herrscher und ihre Schergen nicht davon abbringen.

Jesu Geburt und Kindheit in den apokryphen Schriften

Wenn wir uns mit der Geburt und Kindheit Jesu beschäftigen, lohnt es sich, zusätzlich zu den Evangelien auch die sogenannten „apokryphen Schriften“ in den Blick zu nehmen, also die Texte frühchristlicher Autorinnen und Autoren, die die Jesusgeschichte oft ganz anders erzählt haben als Matthäus, Markus, Lukas und Johannes. 20


Diese Texte sind aus unterschiedlichsten Gründen nicht in den Kanon der Schriften des Neuen Testaments aufgenommen worden. Aber mehrere apokryphe Schriften, in denen die Geburt und Kindheit Jesu fantasiereich entfaltet wurde, waren bis ins Mittelalter weit verbreitet und haben viel zu dem beigetragen, was heute Weihnachten geglaubt und wie dieses Fest gefeiert wird. Ohne diese Schriften hätten Ochs und Esel keinen Platz im Stall in Bethlehem gefunden (bei Lukas fehlen sie noch!). Und ohne diese Schriften wäre Josef bei der Geburt des Jesuskindes nicht als alter Mann dargestellt geworden, um nur zwei Beispiele zu nennen. Es ist also sinnvoll, den Einflüssen dieser apokryphen Schriften auf unser Weihnachtsverständnis nachzuspüren. Und einige dieser Texte zeichnen sich auch durch eine poetische Schönheit aus und sind lesenswert, auch wenn sie keine historischen Tatsachen wiedergeben.

Die Geburt eines jüdischen Kindes

Es gilt, ernst zu nehmen, dass die Weihnachtsgeschichte eine Geschichte jüdischer Menschen in einer religiös geprägten jüdischen Gesellschaft ist. Es ist deshalb für das Verständnis von Weihnachten und der übrigen Jesusgeschichte unverzichtbar zu ergründen, welche religiösen Entwicklungen und Konflikte es im Judentum zu Lebzeiten Jesu gab und welche Positionen Jesus in dieser Situation vertrat. Dabei ist auch zu berücksichtigen, in welchem Kontext die Gläubigen seine Botschaft nach zwei oder drei Generationen verstanden und die Evangelisten sie aufgeschrieben haben. Die Schriften des Neuen Testaments sind stark davon beeinflusst, wie sich bis zum Ende des 1. Jahrhunderts das Verhältnis der Jesusbewegung zur Mehrheit des Judentums entwickelt hatte. Der Tempel in Jerusalem war damals bereits zerstört, und das Judentum musste ohne ein religiöses Zentrum neue Formen des Zusammenhalts finden. Da konnte eine „Sekte“ wie die Jesusbewegung nur stören, zumal diese auch Nichtjuden in ihre Gemeindegruppen aufnahm.

Die Jesusbewegung betonte umso stärker ihre Verwurzelung im Judentum und wollte nachweisen, dass Jesus wirklich der von allen erwartete Messias war, der von Gott zum jüdischen Volk und zu allen Völkern gesandt worden war. Nur auf diesem Hintergrund sind einerseits die vielen Verweise auf alttestamentliche Bibelstellen und andererseits die Angriffe auf „die Juden“ in einigen neutestamentlichen Texten zu verstehen. Deshalb soll im ersten Teil dieses Buch auch dargestellt werden, in welchem Kontext und mit welchen Intentionen die Evangelisten ihre Schriften verfasst haben und an welche Leserschaft sie sich wandten. Und für das Verständnis der weiteren Abschnitte des Buches ist es dann auch hilfreich zu erfahren, wie diese biblischen Texte in verschiedenen Regionen und Traditionen des Christentums gelesen werden. 21


Im Angesicht der globalen Macht Um mehr von Jesus, seiner Geburt und seiner Botschaft zu verstehen, ist es erhellend, den politischen, sozialen und religiösen Kontext kennenzulernen, in dem das Neue Testament entstanden ist. Erfreulicherweise ist das Wissen über den Alltag in Galiläa und Judäa zur Lebenszeit Jesu und auch zu Lebzeiten der Verfasser der Texte des Neuen Testaments in den letzten Jahrzehnten deutlich gewachsen und ermöglicht ein sehr viel klareres Bild von der damaligen Welt und vor allem von dem Weltreich, das von Rom aus beherrscht wurde.

Sehr spannend ist der Vergleich der biblischen Darstellungen der Jesusgeschichte mit den Heilsankündigungen, die über Kaiser Augustus und das mit ihm angebrochene „Goldene Zeitalter“ verbreitet wurden. Das Römische Reich befand sich unter Augustus in seiner Blüte und war für damalige Verhältnisse eine globale Macht. Dem umfassenden Machtanspruch der römischen Kaiser stellten die Evangelisten den Anspruch Gottes entgegen, der wirkliche Herrscher der Welt zu sein. Der arme Wanderprediger, den die Römer als Aufrührer ans Kreuz geschlagen hatten, wurde von den Evangelisten als Sohn Gottes, des Herrn der Welt, proklamiert, der alle irdischen Mächte überdauert und überwindet. Diese mutige Verkündigung des Evangeliums lässt sich vielleicht nur noch mit der Situation vergleichen, in der einige jüdische Gelehrte im Exil in Babylon die Bücher Mose verfassten und gegen die politisch Mächtigen ihrer Zeit den einen Gott als den Herrn über die ganze Welt verkündeten. Das Reich der Babylonier, wissen wir heute, ging unter, das Römische Reich auch. Haben diejenigen, die den einen Gott verkünden, doch Recht behalten?

Wenn wir das Leben Jesu, sein Handeln und seine Verkündigung vor dem Hintergrund der damaligen „Globalisierung“ betrachten, also der Durchdringung aller Lebensbereiche durch die römischen Herrscher, können wir besser verstehen, was uns Jesus in der heutigen Zeit der Globalisierung zu sagen hat. Dazu müssen wir allerdings möglichst genau verstehen, wie das damalige globale System funktionierte, wie es sich auf Galiläa auswirkte und welche Ähnlichkeiten und Unterschiede zur heutigen Globalisierung bestehen. Der Bischof der damaligen Landeskirche Mecklenburg, Hans-Jürgen Abromeit, ist 2010 in einer Weihnachtspredigt zum Ergebnis gekommen: „In der Analyse unterscheidet sich die Welt heute nicht so sehr von der Welt zur Zeit des ersten Weihnachtsfestes im römisch besetzten Palästina der Zeitenwende, wie wir meinen. Prekäre und überfordernde Lebensbedingungen für eine zunehmende Zahl von Menschen haben auch die Zeitgenossen von Maria, Joseph und den Hirten und die Menschen unter der Herrschaft von Kaiser Augustus geprägt. Auch Jesu Eltern gehörten zu den ‚Armen vom Lande’ … Gott kommt in unsere Welt. Stellen wir uns zu ihm und lassen zuerst uns selbst verändern. Dann fordert Gottes Kommen uns heraus, für gerechte Verhältnisse zu kämp22


fen, Frieden zu suchen, uns der Schwachen anzunehmen und die gute Nachricht von Versöhnung und Neuanfang weiter zu sagen.“2

Biblischen Geschichten auf der Spur

Auf der Grundlage des Wissens über das damalige Judentum, seine römischen Beherrscher, die jüdischen Antworten auf diese Gewaltherrschaft und die neutestamentlichen Texte können wir uns anschließend mit den einzelnen Abschnitten der Weihnachtsgeschichte beschäftigen, mit der Ankündigung der Geburten von Johannes und Jesus, mit den Stammbäumen, mit der Geburt Jesu, mit den Hirten und den Magiern. Für diese Abschnitte des Buches wurden viele Fakten und Analysen zusammengetragen, die helfen können, die biblischen Geschichten in ihrem Kontext zu verstehen und die Bedeutung dieser Geschichten für unser heutiges Leben zu erkennen. Wichtig war mir dabei, einzubeziehen, wie Christinnen und Christen aus unterschiedlichen Kulturen und kirchlichen Traditionen in aller Welt die einzelnen Abschnitte des Neuen Testaments zu Geburt und Kindheit Jesu lesen und interpretieren. Das ist nur in einer Auswahl möglich, aber dennoch wird hoffentlich deutlich, wie bereichernd es ist, Teil einer weltweiten christlichen Gemeinschaft zu sein und sich von anderen Mitgliedern dieser Gemeinschaft beschenken zu lassen mit Einsichten und Erkenntnissen zu biblischen Geschichten. Vordergründig mag auf diese Weise eine verwirrende Vielfalt entstehen, aber bei näherem Hinsehen erkennen wir, dass wir die Bibel mit ganz anderen Augen neu wahrnehmen, wenn wir erfahren haben, wie andere Christinnen und Christen sie lesen.

Das Weihnachtsgeheimnis in Theologie, Kunst und Literatur

In der zweiten Hälfte dieses Buches begeben wir uns auf die Spuren der Wirkung der Weihnachtsgeschichte und der Weihnachtsgeschichten, also der einzigartigen Zuwendung Gottes zu seiner Welt. Das wunderbare Geschehen bei der Geburt Jesu hat Menschen seit der Gründung der ersten Gemeinden beschäftigt. An Beispielen aus mehr als eineinhalb Jahrtausenden wird in diesem Buch gezeigt, wie Theologen und Theologinnen, Malerinnen und Maler, Schriftstellerinnen und Schriftsteller dieses Geheimnis und die Bedeutung der Geburt Jesu verstanden und interpretiert haben. Diese Weihnachts-Lesereise durch die Jahrhunderte kann uns dabei helfen, zu einem eigenen Weihnachtsglauben zu gelangen. Überliefert sind aus der Frühzeit der Christenheit und dem Mittelalter allerdings leider fast ausschließlich Texte und Kunstwerke von Männern. Je weiter wir uns der Gegenwart nähern, desto mehr Frauen konnten berücksichtigt werden. 23


Der Antwerpener Retabel in der Marienkirche in Lübeck zeigt Szenen aus Marias Leben.

Spannend ist, wie die Weihnachtsdarstellungen aller Jahrhunderte immer auch die jeweils aktuellen politischen, sozialen und ökonomischen Verhältnisse und Konflikte ihrer Zeit widergespiegelt haben. Die Heilsbotschaft der Weihnachtsgeschichte wurde immer neu in Beziehung zur jeweils eigenen Situation gesetzt. Das war schon bei dem Kirchenvater Augustinus so, der den beginnenden Niedergang des Römischen Reiches theologisch verarbeitet hat, nachdem die christlichen Gemeinden gerade erst erleichtert und wie ein Wunder erlebt hatten, dass die Herrscher dieses Reiches die Verfolgung beendet hatten und das Christentum zu einer anerkannten und geschätzten Religion geworden war. Franz von Assisi und Martin Luther haben zu ihrer jeweiligen Zeit damit zu kämpfen gehabt, diese Kirche zu erneuern und sich in diesem Zusammenhang auch mit dem Verhältnis dieser Kirche zu den Mächtigen auseinandergesetzt. Das hat auch Konsequenzen für ihr Verständnis von Weihnachten gehabt. Wie die Weihnachtsgeschichte mit der eigenen politischen und sozialen Situation in Verbindung gebracht wird, zeigen besonders eindrucksvoll die Gemälde von Pieter Bruegel. Angesichts der brutalen Unterdrückung der Niederlande durch die Habsburger Herrscher und ihre Truppen hat 24


der Maler die Volkszählung, die Anbetung der Könige und den Kindermord als Ereignisse in seiner Heimat dargestellt.

In den Weihnachtsdarstellungen der Neuzeit wird eine zunehmende Orientierungssuche deutlich, nachdem alte Gewissheiten verlorengegangen waren. Ende des 18. Jahrhunderts war Matthias Claudius noch überzeugt, dass die Beschreibungen der Geburt des Jesuskindes ganz genau das wiedergaben, was in Bethlehem geschehen war, aber schon zu seinen Lebzeiten nahmen besonders unter Gelehrten die Zweifel daran zu. Es begann eine geistliche Suche danach, wie wir zu einem neuen Weihnachtsglauben gelangen können, der Erkenntnisse über die Entstehung der Weihnachtsgeschichten im Neuen Testament ernst nimmt und mit einem Erwachsenenglauben verbindet. Der Schriftsteller Theodor Storm aus Husum, berühmt geworden durch seinen „Schimmelreiter“, hat zeitlebens mit dem Glauben gerungen, und dass ihm das derart schwer fiel, lag sicher auch an der Enttäuschung über die Kirche seiner Zeit.

Das Schwinden des Weihnachtsglaubens und seine Verkümmerung zu Konventionen und Ritualen hat Thomas Mann in seinen Romanen „Buddenbrooks“ und „Zauberberg“ meisterhaft und bedrückend dargestellt. Im Laufe des 20. Jahrhunderts haben dann so unterschiedliche Theologen und Theologinnen wie Karl Barth, Dietrich Bonhoeffer, Karl Rahner, Uta Ranke-Heinemann und Dorothee Sölle um ein neues Verständnis des Glaubens und eben auch der Weihnachtsgeschichte gerungen. In umfangreichen dogmatischen Texten, mit einem provokanten Buch unter dem Titel „Nein und Amen“ oder mit poetischen Texten – immer wieder wurde die Weihnachtsgeschichte zu einem Kristallisationspunkt des theologischen Denkens. Und das mit sehr unterschiedlichen Ergebnissen. Das Bild vom heutigen Verständnis der Weihnachtsgeschichte wird noch vielfältiger, wenn Christinnen und Christen aus dem Süden der Welt zu Wort kommen wie Leonardo Boff aus Brasilien und James Massey aus Indien.

Und wie haben Schriftstellerinnen und Schriftsteller die neueren theologischen Debatten um das Weihnachtsgeschehen und die heutige Weise, Weihnachten zu feiern, in ihren Werken aufgenommen und verarbeitet? Es lohnt sich, in Texte der Schweizer Schriftsteller Kurt Marti und Peter Bichsel hineinzuhören und sie im Rahmen ihrer Biografien und ihrer Beschäftigung mit Glaubensfragen zu verstehen. Am Ende der Darstellungen des Weihnachtsglaubens und seiner Wandlungen im Laufe der Jahrhunderte steht nicht zufällig die Familie Hoppenstedt, wie sie Loriot genial dargestellt hat. Hier ist nichts mehr übrig von den christlichen Inhalten des Weihnachtsfestes. Gemütlich soll das Fest sein, hoffen die Eltern Hoppenstedt, aber der Weg dahin führt in ein Weihnachtschaos. Am Ende explodiert ein SpielzeugAtomkraftwerk, und die Eltern werden von einem Karton- und Weihnachtspapier25


berg begraben. Aber ein Bankrott birgt auch die Chance zu einem Neuanfang in sich, und deshalb bleibt die Hoffnung auf ein Weihnachten, bei dem die Geburt dessen gefeiert wird, der dieser Welt einen neuen Anfang zusagte und sie ermutigte, sich auf einen Weg zu machen, der zum Reich Gottes führt.

Weihnachten jenseits der Kommerzialisierung

Am Ende des Buches werde ich versuchen zu entfalten, wie heute Weihnachten geglaubt und gefeiert werden kann. Die biblische Weihnachtsgeschichte, die heutigen Verständnisse des Wunders der Geburt Jesu, die Übertragung dieses Geschehens auf das eigene Leben und die gnadenlose Kommerzialisierung dieser „Story“ – all das hat Einfluss auf die Weihnachts“kultur“ gehabt. Das wahre Weihnachten erweist sich aber als erstaunlich widerstandsfähig gegen die Versuche einer totalen Kommerzialisierung. Das Fest zur Erinnerung an die Geburt Jesu ist weiterhin mehr als eine Verkaufsschlacht, gepaart mit einigen sentimentalen Liedern und gefühlvollen Augenblicken.

Damit das so bleibt, ist es wichtig, immer neu darüber nachzudenken und zu sprechen, welche Richtung wir in der Nachfolge Jesu einschlagen wollen. Die Christinnen und Christen sind häufig vom Weg Jesu abgekommen. Dieser Weg war ganz anders, als viele ihn erwartet hatten und heute erwarten. Immer aufs Neue sind die Kirchen der Versuchung erlegen, sich mit den Mächtigen zu arrangieren und Teil des herrschenden Machtsystems zu werden. Dass Kaiser Konstantin im 4. Jahrhundert den christlichen Glauben und die christliche Kirche in seine Politik der Vereinheitlichung und Stabilisierung des römischen Weltreichs einbezog, hat der Kirche nicht gut getan, wissen wir heute. Aber auch die heutigen Kirchen stehen vor der Aufgabe, ihr Verhältnis zu den politisch und wirtschaftlich Mächtigen in der Nachfolge Jesu zu gestalten. Vielleicht für manche überraschend bieten gerade die biblischen Texte über die Geburt und Kindheit eine klare Orientierung für das Christsein und Kirchesein in der heutigen Welt.

Für mich selbst war die Arbeit an diesem Buch eine Reise zu den Wurzeln und Grundlagen des eigenen Glaubens – und zu einem „erwachsenen“ Glauben, der das Staunen und die Frömmigkeit des „kindlichen“ Glaubens bewahrt. Ich möchte Sie mit diesem Buch zu einer Weihnachtsreise mitnehmen. Es geht nicht nur um Maria, Herodes und das Römische Reich, sondern dieses Buch soll auch eine Einladung zu einem Glauben sein, der wissenschaftliche Erkenntnisse nicht beiseite schiebt, sondern als Hilfe versteht, um dem Leben und der Botschaft des Jesus von Nazareth näher zu kommen. Neu entdecken können wir, dass die Weihnachtsgeschichten des Neuen Testaments für die ersten Christinnen und Christen Geschichten voller Hoffnung waren – und dass sie dies bis heute geblieben sind. 26


Der Bildhauer Fritz Fleer hat die T端r der Bethlehemkirche im Hamburger Stadtteil Eimsb端tttel nach sechs Motiven aus der Weihnachtsgeschichte gestaltet. Heute befindet sich in der Kirche ein evangelischer Kindergarten.

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Zum Schluss noch ein Hinweis: Lassen Sie sich von den über 1.800 Anmerkungen nicht erschrecken. Sie sollen die Quellen der Zitate und Belege für Aussagen in diesem Buch denen zugänglich machen, die sich näher mit einzelnen Aspekten der Weihnachtsthematik beschäftigen möchten. Andere Leserinnen und Leser können diese Anmerkungen getrost ignorieren. Sie enthalten ausschließlich Literaturverweise und keine inhaltlichen Erläuterungen.

Danksagung

Dieses umfangreiche Buch wäre ohne die Unterstützung vieler Menschen nicht entstanden. Besonderer Dank gebührt Birgit Uhl, die das Buch schön gestaltet, zahlreiche gelungene Fotos bereitgestellt und von einem ersten Layoutentwurf über das Korrekturlesen bis zur Gestaltung der Buchseiten und Umschlags viele Arbeiten übernommen hat. Meine Frau hat dankenswerterweise das gesamte Manuskript Korrektur gelesen und es ermöglicht, viele kleine Fehler auszumerzen, die sich eingeschlichen hatten.

Eine ganze Reihe von Freundinnen, Freunden und Bekannten hat Fotos für dieses Buchprojekt zur Verfügung gestellt, wofür ich ihnen ganz herzlich danken möchte: Georg Evers, Eberhard von der Heyde, Ingrid Lehmann, Helga Reisenauer, Kurt Riecke und Christa Schick. Auch mehrere Museen, der Evangelische Pressedienst, die Bildagentur für Kunst, Kultur und Geschichte sowie die JerusalemAkademie haben Fotos geliefert. Ramona Hedtmann von der Vereinten Evangelischen Mission in Wuppertal hat eine große Auswahl von Weihnachtsmotiven zusammengestellt, die es unter anderem möglich gemacht hat, Weihnachtsdarstellungen aus verschiedenen Teilen der Welt in dieses Buch aufzunehmen. Viele von ihnen stehen im Museum „Forum der Völker“ in Werl. Fotografiert wurden die in dieses Buch aufgenommenen Krippen von Theo Daubenberger. Schnitzereien aus Tansania hat Reinhard Elbracht fotografiert. Auch allen anderen Fotografinnen und Fotografen ist hier zu danken. Eine Übersicht über alle Fotoquellen finden Sie am Ende des Buches.

Dass in dieses Buch so viele katholische Beiträge zu biblischen Themen einbezogen werden konnten, ist vor allem der Dokumentationsstelle „Mikado“ des Missionswissenschaftlichen Instituts Missio in Aachen und der Zeitschrift „Welt und Umwelt der Bibel“ des Katholischen Bibelwerks in Stuttgart zu verdanken.

Dank gebührt schließlich der Jerusalem-Akademie in Hamburg mit ihrem Direktor Dr. Hans-Christoph Goßmann, die zu einem unverzichtbaren Partner bei diesem Buchprojekt geworden ist. Frank Kürschner-Pelkmann

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Kontext und biblischer Text Die jüdische Geschichte in der Zeit vor Jesu Geburt Ein kurzer Blick auf die jüdische Geschichte in der Zeit vor der Geburt Jesu kann uns helfen, besser zu verstehen, in welchem politischen, sozialen und religiösen Kontext das neugeborene Kind das Licht der Welt erblickte. Es war eine Welt, die durch Gewalt geprägt war. Schon damals galt, was heute Friedensforscher an vielen Beispielen belegen: Wenn die Großen kämpfen, leiden die Kleinen am meisten. Das war bereits einige Jahrhunderte vor Jesu Geburt die Erfahrung der Völker des heutigen Nahen Ostens. Das Gebiet rechts und links des Jordan wurde in der Antike immer wieder durch die Kämpfe zwischen Großmächten am Nil, im Zweistromland von Euphrat und Tigris und in Griechenland verwüstet. Die kleinen Völker der Region konnten sich nur kürzere Zeiten politischer Selbstständigkeit erfreuen, die weitaus meiste Zeit waren sie von der jeweils stärksten Großmacht beherrscht. Und wenn das Kriegsglück wieder einmal wechselte, war es eine neue Macht, die die kleinen Völker ausplünderte.

Unter dem Einfluss des Hellenismus

Im 4. Jh. v. Chr. wurde Palästina wieder einmal erobert und dieses Mal zu einem Teil des makedonischen Weltreiches von Alexander dem Großen gemacht. Als „der Große“ ist Alexander in die Geschichtsbücher eingegangen, sicher nicht in die Erinnerung der Menschen in Palästina, deren Heimat zum Schlachtfeld wurde. Die Eingliederung in Alexanders Reich, das von Ägypten bis Indien reichte, war der Beginn einer Hellenisierung der Region zwischen Mittelmeer und Jordan, deren Spuren sich bis ins Neue Testament verfolgen lassen. Es entstanden nicht nur vielerorts Städte griechischer Einwanderer, schreibt Walter Klaiber im Buch „Die Geschichte Israels“: „War es zunächst die Überlegenheit griechischer Waffentechnik und Militärstrategie, auf die die Reiche Alexanders und seiner Nachfolger sich gründeten, so strömten nun weitere Errungenschaften griechischer Kultur nach. Griechische Waren, handwerkliche Technik und Wissenschaft werden importiert; vor allem aber verdrängt die griechische Sprache sehr bald das Aramäische als allgemeine Verkehrssprache. Nur wer das Griechische beherrschte, konnte in der neuen Gesellschaft vorwärtskommen, und gerade die einheimischen Eliten der neu hellenisierten Gebiete scheinen sich sehr schnell den Erfordernissen einer Anpassung an die neuen Gegebenheiten gefügt zu haben.“3 29


Auch die jüdische politische Elite orientierte sich an der griechischen Lebensweise und zum Beispiel auch dem griechischen Baustil, wobei versucht wurde, auf die religiösen Empfindungen des strenggläubigen Teils der Bevölkerung Rücksicht zu nehmen. Das schloss aber den Besuch von Rennbahnen, Zirkussen und Theatern nicht aus.4 Ein kleines Indiz für die „Internationalisierung“ des ganzen Lebens in Palästina war, dass auch fromme jüdische Eltern ihren Kindern nun Namen aus anderen Religions- und Kulturkreisen gaben, zum Beispiel „Isidora“, ein griechischer Name, der „Tochter der Göttin Isis“ bedeutete, und diese Isis war eine ägyptische Göttin.5 Dennoch lebten die Menschen aus verschiedenen Kulturen oft mehr nebeneinander als miteinander, und dies galt besonders für das Verhältnis der Angehörigen des jüdischen Volkes zu anderen Bevölkerungsgruppen. Die Begegnungen und das Nebeneinander nahmen aber zu, denn in die Zeit der Hellenisierung wuchs die Mobilität der Menschen, und damit verbunden entstand ein großer Wirtschaftsraum rund um den östlichen Teil des Mittelmeers. Die spätere „Globalisierung“ durch das Römische Reich nahm auf diese Weise ihren Anfang.

Nach dem Tod Alexanders 323 v. Chr. in Babylon zerfiel sein Reich so rasch, wie es entstanden war. In den Kämpfen um die Vorherrschaft in der Region brachen die „Diadochenkämpfe“ aus. Drei Dynastien konnten sich schließlich durchsetzen und den größten Teil des Reiches unter sich aufteilen. Die Antigoniden herrschten in Griechenland und Makedonien, die Seleukiden in Syrien, Mesopotamien und Persien und die Ptolemäer in Ägypten und Teilen des heutigen Libyen. Alle drei Reiche waren hellenistisch geprägt.6 Es gelang den ptolemäischen Herrschern Ägyptens, in Palästina die Oberhand gegenüber den Konkurrenten in Syrien zu gewinnen, sodass Jerusalem von ägyptischen Truppen besetzt wurde. Jüdische Flüchtlinge entzogen sich dieser Herrschaft, indem sie nach Syrien und dort vor allem nach Antiochia flohen.

Das war eine von mehreren jüdischen Fluchtbewegungen vor fremden Tyrannen, und die Flüchtlinge in vielen Städten rund um das Mittelmeer gründeten jüdische Diasporagemeinschaften. Anders als die Phönizier waren die Juden nie ein Volk von Seefahrern, wenn sie in irgendeinem Hafen am Mittelmeer an Land gingen, dann als politische Flüchtlinge oder „Wirtschaftsasylanten“. Die ökonomische Prosperität vieler Städte im östlichen Mittelmeerraum lockte jüdische Migranten an. Und je mehr jüdische Familien bereits in einer Stadt lebten, desto leichter wurde es für die Hinzukommenden, hier Fuß zu fassen. Allein im ägyptischen Alexandria sollen zu Lebzeiten Jesu mehr als 300.000 Jüdinnen und Juden gelebt haben.7 Wegen der Anpassung dieser Menschen an ihren neuen Lebensraum wurde es bald notwendig, die biblischen Texte und insbesondere die fünf Bücher Mose ins Griechische zu übersetzen. In Alexandria entstand deshalb die Septuaginta, die auch 30


von Verfassern der Texte des Neuen Testaments verwendet wurde, um Aussagen aus der Hebräischen Bibel in die eigene Argumentation einzubeziehen.

Die ägyptische Herrschaft in Judäa wurde dadurch erträglicher, dass der jüdischen Bevölkerung weitgehende Glaubensfreiheit gewährt wurde und dass ein Jahrhundert lang kein neuer Krieg ausbrach. Allerdings hatten die „kleinen Leute“ nicht viel von diesem Frieden. Hubertus Halbfas beschreibt die Situation in seinem Buch „Die Bibel“ so: „Die Aristokratenfamilien, die sich bereitwillig in das neue System einbeziehen ließen, hatten ihren Gewinn davon, während sich für die Kleinbauern die antiken Finanzstrukturen weiterhin nachteilig auswirkten. Und da die ptolemäischen Könige darauf bedacht waren, möglichst hohe Profite aus ihren Ländern zu ziehen und nahezu alle Arbeits- und Wirtschaftsabläufe einer strengen Besteuerung unterwarfen, traf dies insbesondere die kleinen Leute.“8

Um 200 v. Chr. gelang es den Herrschern Syriens, den Seleukiden, ihren Machtbereich nach Süden auszudehnen und Palästina zu erobern. Auch die neuen Herrscher wollten die jüdische Bevölkerung nicht gegen sich aufbringen, um Aufstände an der gefährdeten Südgrenze zum ägyptischen Machtbereich zu vermeiden. Deshalb wurden die religiösen Vorstellungen der Juden zunächst respektiert. Der Hohepriester Simon II. wurde wegen seiner Treue zu den seleukidischen Herrschern zum Ethnarchen ernannt. Während sich die religiöse und wirtschaftliche Führungsschicht auch mit den neuen Herrschern arrangierte, verbesserte sich die Situation der Armen nicht, was immer wieder zu Unruhen führte.

Wer am meisten zahlte, wurde Hohepriester

Das politische Machtgefüge veränderte sich erneut, als der Einfluss des Römischen Reiches im östlichen Mittelmeerraum zunahm. 190 v. Chr. fügten die römischen Legionen den Truppen der Seleukiden eine empfindliche Niederlage zu. Die syrischen Herrscher verloren die Kontrolle über Kleinasien und mussten hohe Reparationszahlungen an Rom leisten. Die Folge war, dass auch im abhängigen Palästina die Steuerlast wuchs. In Jerusalem gab es heftige Konflikte darüber, wie man auf die neue Situation reagieren sollte. Anpassung oder Widerstand lautete wieder einmal die Frage. Das Amt des Hohepriesters (des „großen Priesters“) wurde in diesen Konflikten geschädigt. Es gelang nämlich Jason, dem Bruder des amtierenden Hohepriesters, sich beim syrischen König anzubiedern und diesen durch eine hohe Zahlung zu überzeugen, ihn als neuen Hohepriester einzusetzen. Der von seinem Amt enthobene Hohepriester floh nach Ägypten. Der neue Hohepriester, stellte sich bald heraus, hatte als Preis für seine Einsetzung in das Amt neben hohen Zahlungen auch zugesagt, den ohnehin voranschrei31


tenden Hellenisierungsprozess in Palästina nach Kräften voranzubringen. Deshalb wurde zum Beispiel ein Gymnasium in Jerusalem eröffnet, eine Sportstätte, in der junge Männer nackt verschiedene Sportarten wie Laufen und Ringen ausübten. Auch plante Jason die Einsetzung eines Stadtrates in Jerusalem nach griechischem Vorbild. Die Religion wäre dann weitgehend vom politischen Bereich getrennt worden. Die Hellenisierung war vor allem deshalb brisant, weil die syrischen Herrscher bemüht waren, mit der griechischen Kultur auch ihre eigenen religiösen Vorstellungen zu verbreiten, einer Mischung der griechischen und orientalischen Götterwelt. Durch die Einheitsreligion sollte eine größere Kohärenz in dem von außen bedrohten Vielvölkerreich der syrischen Herrscher entstehen. Zwar waren viele Mitglieder der jüdischen Oberschicht in Jerusalem und Umgebung gegenüber dem Hellenismus recht offen, aber die Vorbehalte gegenüber einer Religionspolitik, die auf religiöse Vereinheitlichung abzielte, wurden immer größer.9

Und wieder nahm das Amt des Hohepriesters Schaden. 171 v. Chr. kaufte der Tempelbedienstete Menelaos das Amt durch die Zahlung einer hohen Summe an den syrischen König und verdrängte Jason. Außerdem ließ Menelaos einen potenziellen Rivalen, den beim vorangegangenen Amtswechsel nach Ägypten geflüchteten Hohepriester, im Exil ermorden. Die Konflikte wurden noch dramatischer, als der Bruder des neuen Hohepriesters sich immer dreister am Tempelschatz bereicherte. Daraufhin wurde er von den aufgebrachten Gläubigen gelyncht. Es kam noch schlimmer. Das Gerücht, der syrische König sei gestorben, veranlasste 170 v. Chr. den entmachteten Hohepriester Jason, seinen Nachfolger aus dem Tempel zu jagen. Aber der syrische König lebte, und schon um seine Autorität zu beweisen, befahl er eine Strafaktion gegen Jason und seine Anhänger. Jerusalem wurde erobert und verwüstet, der Tempel besetzt und nun dem Gott Zeus geweiht. Der syrische König wollte durchsetzen, alle Völker seines Reiches zu einem einzigen Volk zu verschmelzen. Jüdische Rituale wie die Beschneidung, die Einhaltung des Sabbats und die religiösen Feste wurden unter Androhung der Todesstrafe verboten. Als Beweis der Einhaltung der seleukidischen Anordnungen wurden Juden dazu gezwungen, öffentlich Schweinefleisch zu essen.10

Der Aufstand der Makkabäer

Die Entweihung des Tempels und die gegen die eigene Religion gerichteten Anordnungen lösten einen massiven Widerstand der jüdischen Bevölkerung aus, und die strenggläubigen Juden wehrten sich auch gegen den ganzen Prozess der Hellenisierung. Der Priester Mattatias und seine Familie organisierten von Verstecken in den Bergen aus dem Widerstand gegen die militärisch zunächst weit überlegenen Besatzungstruppen. Von 166 v. Chr. an wurde ein Sohn des Priesters, Judas, ge32


Die Weisen aus dem Morgenland (Matthäus 2,1-12) 1 Als Jesus geboren war in Bethlehem in Judäa zur Zeit des Königs Herodes, siehe, da kamen Weise aus dem Morgenland nach Jerusalem und sprachen: 2 Wo ist der neugeborene König der Juden? Wir haben seinen Stern gesehen im Morgenland und sind gekommen, ihn anzubeten. 3 Als das der König Herodes hörte, erschrak er und mit ihm ganz Jerusalem, 4 und er ließ zusammenkommen alle Hohenpriester und Schriftgelehrten des Volkes und erforschte von ihnen, wo der Christus geboren werden sollte. 5 Und sie sagten ihm: In Bethlehem in Judäa; denn so steht geschrieben durch den Propheten (Micha 5,1): 6 »Und du, Bethlehem im jüdischen Lande, bist keineswegs die kleinste unter den Städten in Juda; denn aus dir wird kommen der Fürst, der mein Volk Israel weiden soll.« 7 Da rief Herodes die Weisen heimlich zu sich und erkundete genau von ihnen, wann der Stern erschienen wäre, 8 und schickte sie nach Bethlehem und sprach: Zieht hin und forscht fleißig nach dem Kindlein; und wenn ihr’s findet, so sagt mir’s wieder, dass auch ich komme und es anbete. 9 Als sie nun den König gehört hatten, zogen sie hin. Und siehe, der Stern, den sie im Morgenland gesehen hatten, ging vor ihnen her, bis er über dem Ort stand, wo das Kindlein war. 10 Als sie den Stern sahen, wurden sie hocherfreut 11 und gingen in das Haus und fanden das Kindlein mit Maria, seiner Mutter, und fielen nieder und beteten es an und taten ihre Schätze auf und schenkten ihm Gold, Weihrauch und Myrrhe. 12 Und Gott befahl ihnen im Traum, nicht wieder zu Herodes zurückzukehren; und sie zogen auf einem andern Weg wieder in ihr Land.

Nachdem Matthäus von der Geburt Jesu berichtet hatte, führte er die Magier aus dem Morgenland in die Geschichte ein. Dass es drei waren, steht nicht im biblischen Text. Das wurde in der christlichen Tradition erst später daraus geschlossen, dass die Weisen oder Magier drei Geschenke oder genauer formuliert drei Arten von Geschenken überreichten. Deshalb ist in Gottesdiensten und vor allem Kindergottesdiensten bei uns von drei Königen die Rede. In anderen christlichen Traditionen wird hingegen von bis zu einem Dutzend Magiern ausgegangen. Die bei uns gebräuchlichen Namen von Kaspar, Melchior und Balthasar lassen sich zuerst auf einem Mosaik in Ravenna aus dem 6. Jahrhundert nachweisen. Vermutlich ist diese Tradition aber älter. Wie die Magier zu diesen Namen kamen, lässt sich nicht mehr zweifelsfrei klären. Die Geschichte von den Weisen oder Magiern gehört zu den schönen, fast märchenhaften Beschreibungen im Neuen Testament. Ist sie zu schön, um wahr zu sein? Fest steht, dass die Weisen nicht zufällig in das Evangelium des Matthäus geraten sind. „Mit den Gaben, die sie bringen, symbolisieren sie die Völker auf ihrer endzeitlichen Wallfahrt zum Zion (vgl. Jes 60, besonders 60,6)“, schreibt Professor Tobias Nicklas in einem Zeitschriftenbeitrag zur „Karriere der Weisen“.641 270


Die Anbetung des Jesuskindes durch die Weisen. Der Bildhauer Fritz Fleer hat sich für eine Darstellung ohne königlichen Pomp entschieden, Tür der Bethlehemkirche in Hamburg.

Es muss überraschen, dass Matthäus hier die Bezeichnung der Magier gewählt hat, die ansonsten sowohl im Alten als auch im Neuen Testament ausgesprochen negativ besetzt ist. Das an dieser Stelle verwendete griechische Wort hatte in der Antike überwiegend einen negativen Klang, auch wenn es in Persien einen Lehrer von Prinzen bezeichnete.642 Es ist also kein Zufall, dass in der heutigen Lutherbibel 271


der Begriff Magier vermieden wird und man sich für die Übersetzung „Weise“ entschied. In anderen Übersetzungen ist von „Sterndeutern“ die Rede. In der „Bibel in gerechter Sprache“ wird von „königlichen Magiern“ gesprochen.

In der westlichen Tradition wurden etwa im 9. Jahrhundert die Sterndeuter und Magier zu Königen, und dafür schien es sogar einen biblischen Anknüpfungspunkt zu geben, heißt es doch bei Jesaja im 60. Kapitel, Vers 3: „Und die Heiden werden zu deinem Lichte ziehen und die Könige zum Glanz, der über dir aufgeht.“ Vom 15. Jahrhundert an stellten europäische Maler die Anbetungsszene mit Königen aus Asien, Afrika und Europa dar, die seit dem Mittelalter bekannten Kontinente. Über Hieronymus Bosch und Albrecht Dürer fand der „Mohr“ endgültig Eingang in die Tradition der heiligen drei Könige.643 Die drei Könige sind heute zu Symbolen dafür geworden, dass Menschen in aller Welt Jesus nachfolgen. Und mit den „Sternsingern“, die von Haus zu Haus gehen und singen, um Spenden für Projekte zugunsten von Kindern im Süden der Welt zu sammeln, ist auch die Dimension des weltweiten ökumenischen Teilens in eine Tradition aufgenommen worden, die mit drei Magiern begann.

Heribert Prantl, Redakteur der „Süddeutschen Zeitung“, hat im März 2011 in einem Rundfunkbeitrag über ein heutiges Verständnis der Magier nachgedacht: „Es ist Fastenzeit, Weihnachten ist vorbei, die Krippe weggepackt. Aber die klassische christliche Krippe hat Figuren parat, die zeigen, wie man kulturelle Spaltung überwindet, sie gehören nicht weggepackt. Es sind die Heiligen Drei Könige. Der Stattlichste, Jüngste und Schönste ist der Fremdeste – der Schwarze. Das könnte heißen: Eine Gesellschaft muss Fremdes annehmen, sich bereichern lassen können, muss offen sein für das Ungewohnte und Neue.“644 Für Herbert Prantl stehen die drei Könige in einer heutigen Interpretation für Judentum, Christentum und Islam, und er zieht aus der biblischen Geschichte den Schluss: „Man findet Gott nicht im Wettlauf, nicht im religiösen Wettkampf, man findet ihn miteinander.“645

Dass drei heidnische Magier die Ersten waren, die nach Matthäus den neugeborenen Heiland anbeteten, ist ein früher Hinweis darauf, dass sich die Botschaft von Jesus von Nazareth auch (!) an die Heiden richtete. Der indische katholische Theologe Joseph Titus, der in Bangalore unterrichtet, hat dies in einem Aufsatz so hervorgehoben: „Am Anfang von Jesu Leben brechen die trennenden Mauern zwischen den Rassen und Kulturen nieder. Diese Geschichte unterstreicht die universalistische Öffnung des Evangeliums.“646

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Die Magier im Verständnis von Martin Luther Wer die Vorstellung von drei Königen in das Reich der Legenden einordnet, der kann sich auf Martin Luther berufen, denn der schrieb 1522: „Diese Weissager nennt man gemeinlich die drei Könige, vielleicht nach der Zahl der drei Opfer. Das lassen wir so gelten bei den Einfältigen; denn es ist nicht viel dran gelegen. Aber es ist nicht bekannt, ob ihrer zwei, drei oder wieviel ihrer gewesen sind … Und es wird ihrer ein Häuflein (eine größere Schar) gewesen sein, unter welchen etliche Herren waren, gleichwie noch jetzt ein Fürst oder eine Stadt etliche Vornehme aus ihrer Mitte als Botschafter mit Geschenken zum Kaiser schicken könnten. Also ist’s auch hier zugegangen.“647

Bei gleicher Gelegenheit hat Luther sich auch mit der Frage auseinandergesetzt, wer diese Fremden waren: „Die der Evangelist hie nennt Magier, heißen wir auf Deutsch die Weissager, nicht wie die Propheten weissagen, sondern durch schwarze Kunst, wie die Tartaren und Zigeuner pflegen. Daher spricht man von weisen Männern und weisen Frauen, die den Leuten allerlei Dinge sagen können, viel heimliche Kunst wissen und Abenteuer treiben. Und ihre Kunst heißt Magia und geht mit Teufelskraft zu, jedoch nicht immer so, wie’s die Hexen und Zauberinnen tun. Denn der Magier ahmt die rechten Propheten nach und weissagt wie die rechten Propheten, aber doch nicht aus Gottes Geist.“648 Die Magier, von denen der Evangelist berichtet, war Martin Luther überzeugt, verließen sich nicht allein auf ihre Vernunft, sondern waren offen für Wunderzeichen. „Hie lehren uns nu diese Magier den rechten Glauben. Nachdem sie die Predigt und das Wort aus dem Propheten gehört, sind sie nicht faul noch langsam gewesen, zu glauben. Und beachte auch ihre Anstöße und Hindernisse! Der erste Fehlschlag ist: Sie kommen nach Jerusalem in die Hauptstadt und finden ihn nicht, der Stern ist auch verschwunden …“649 Auch durch weitere Hindernisse ließen sie sich nicht von ihrem Weg und ihrem Glauben abbringen. Sie sind nach Überzeugung des Reformators deshalb beispielhaft für Gläubige, die ihren Gefühlen vertrauen sollen und nicht nur der Vernunft. Solche Menschen können sich darauf verlassen, dass Gott sie behütet: „Denn so genau hat er Acht auf diese Magier, dass er auch für ihre Heimfahrt Sorge trägt und sie im Schlaf drüber belehret.“650

Nach Luthers Verständnis ist es also kein Irrtum des Evangelisten und auch kein Zufall, dass ausgerechnet die Magier zu Zeugen der Geburt des Heilands geworden sind. Für den Reformator sind sie Zeugen dafür, dass die Vernunft allein nicht zum Glauben führt: „Aber Gott hat nicht alle Natur offenbart. Drum ist nu die Vernunft neugierig und will immer mehr wissen, daher hat sich das Studieren und Erforschen der Natur erhoben. Nu ist’s nicht möglich nach Adams Fall, der die Vernunft verblendet hat, dass die Natur von der Vernunft weiter erkannt werde, als es die 273


Erfahrung oder göttliche Erleuchtung gibt. Da kann die unruhige Vernunft nicht still bleiben und sich genügen lassen, will’s alles wissen und sehen, wie ein Affe. Darum hebt sie an und dichtet und forschet weiter als ihr befohlen ist und verachtet, was ihr die Erfahrung oder Gott gegeben hat, und ergreift doch auch so nicht, was sie sucht. So wird all ihr Studieren und Wissen eitel Irrtum und Rattenwerk.“651 Martin Luthers Interpretation macht deutlich, dass es neue Perspektiven eröffnet, wenn man die Bezeichnung „Magier“ oder „Wahrsager“ im Matthäusevangelium ernst nimmt.

Der neue König ist nicht im Palast zu finden

Die Magier hatten vom neugeborenen König der Juden gehört, berichtet Matthäus, und waren gekommen, ihn anzubeten. Sie folgten einem Stern und gelangten nach Jerusalem, wo sie König Herodes aufsuchten und ihn fragten, wo der neugeborene König zu finden wäre. Diese Frage an den König hatte in der Erzählung von Matthäus weitreichende Folgen. Denn sie machte Herodes auf das neugeborene Jesuskind aufmerksam und war bald darauf Anlass für einen schrecklichen Kindermord. Aber wir müssen über diesen Massenmord nicht erschrecken, denn die Magiergeschichte ist eine Legende, und deshalb können wir uns darauf beschränken, zur Kenntnis zu nehmen, dass es für den weiteren Erzählungsverlauf für Matthäus wichtig war, dass die weitgereisten Fremden am Hofe des Königs erschienen. Herodes erschrak „und mit ihm ganz Jerusalem“. Der König befragte Hohepriester und Schriftgelehrte, wo der Messias geboren werden sollte.

Ausschnitt aus dem Gemälde „Anbetung des Jesuskindes“ von Gottfried Liebald (1649), St. Petri, Hamburg 274

Dass die Magier den neugeborenen König in der Darstellung des Evangelisten Matthäus im Palast von König Herodes suchten, kann nicht überraschen. Und angesichts der vielen prophetischen und messianischen Bewegungen im Judentum zur Zeit des Herodes war es durchaus nicht unwahrscheinlich,,dass die-


ser von den Römern eingesetzte und im Volk unbeliebte König mit der Möglichkeit der Geburt eines endzeitlichen Messias-Königs rechnete, als die Magier ihm von dem Stern erzählten, der ihnen den Weg zu dem neugeborenen König der Juden wies. Es hat innerhalb der Geschichte also eine innere Logik, dass Herodes die bedeutendsten Fachleute in religiösen Fragen herbeirief, um zu erfahren, wo dieser König geboren werden sollte.

Bei Matthäus ist dies Anlass für eine sehr negative Darstellung der damaligen Vertreter des Judentums. Hubertus Halbfas schreibt dazu in seinem Standardwerk „Die Bibel“: „Zweifelsohne ist es eine kühne Konstruktion, den ungeliebten König Herodes zusammen mit ‚allen Hohenpriestern und Schriftgelehrten’ in eine unheilige Front zu stellen. Diese Koalition hat nie existiert. Ebenso wenig lässt sich ‚ganz Jerusalem’ unter die Feinde Jesu einordnen. Die aufgebotene Allianz entspricht der theologischen Konzeption des Matthäus, der bereits hier das böse Spiel ansetzt, das zur Verwerfung des Messias, zu seiner Verurteilung und Hinrichtung führen wird.“652 Unter „allen Hohenpriestern“ sind im Zusammenhang des Matthäusevangeliums der Hohepriester und seine Verwandten zu verstehen, im weiteren Sinne auch diejenigen, die Ämter am Tempel innehatten. Es handelt sich hier um die Spitze der sadduzäischen Bewegung des Judentums (siehe den Abschnitt über die Sadduzäer), während die Schriftgelehrten für die Pharisäer stehen, einer Laienbewegung im Judentum zu Jesu Zeiten. Matthäus verwendet die Formulierung „Hohenpriester und Schriftgelehrte“ erneut in Zusammenhang mit Jesu Passion. Auf dem Weg nach Jerusalem kündigte Jesus seinen Jüngern an, er werde den „Hohenpriestern und Schriftgelehrten“ ausgeliefert werden (Matthäus 20,18). Im Tempel angekommen, tat Jesus Wunder, und Hohepriester und Schriftgelehrte entrüsteten sich (Matthäus 21,15). Und noch einmal begegnen sie uns, beim Tod Jesu, als sie den Gekreuzigten verhöhnten (Matthäus 27,41-42).653 Warum hat Matthäus die Sadduzäer und Pharisäer als gemeinsam Handelnde erwähnt, obwohl sie doch jüdische Bewegungen bildeten, die tiefe theologische Differenzen trennten und sie zu Jesu Lebzeiten miteinander im Streit lagen? Vermutlich hat Jesus, und dies besonders im Tempel, Konflikte mit den Sadduzäern gehabt, die den Hohepriester stellten und für den Tempelkult verantwortlich waren. Demgegenüber verbanden Jesus und die Pharisäer viele Überzeugungen, angefangen bei der Auffassung, dass das Judentum erneuert werden müsste. Das schloss Streitgespräche zwischen Jesus und Pharisäern nicht aus, und häufig waren es Dispute um religiöse Grundfragen, wie sie im damaligen Judentum häufig geführt wurden. Als Matthäus sein Evangelium schrieb, hatte sich die religiöse Situation grundlegend verändert. Der Tempel in Jerusalem war zerstört worden, und damit hatten 275


die Sadduzäer die Grundlage ihres großen Einflusses verloren. In den Synagogen der Diaspora befand sich die Jesusbewegung vor allem in Konflikt mit der pharisäischen Bewegung innerhalb des Judentums, die auch dafür gesorgt haben dürfte, dass die „Sektierer“ des Wanderpredigers aus Nazareth aus den Synagogen ausgeschlossen wurden. Aus dieser verschärften Konfliktsituation heraus, können wir annehmen, hat Matthäus die Sadduzäer und Pharisäer gemeinsam als Gegner Jesu verstanden und gewissermaßen in einem Atemzug genannt (siehe Abschnitt über die jüdischen Antworten auf die römische Herrschaft).

Die Hohepriester und Schriftgelehrten, die Herodes zurate zog, um den Geburtsort des neuen Königs herauszufinden, verwiesen auf Bethlehem und beriefen sich dabei auf Micha 5,1. Im Matthäusevangelium wird unter Bezugnahme auf Micha gesagt, du Bethlehem „im jüdischen Lande, bist keineswegs die kleinste unter den Städten in Juda“. Bei Micha hingegen steht „die du klein bist unter den Städten in Judäa“. Bei Matthäus wird also eine Formulierung gewählt, die nicht so stark herausstellt, dass es sich bei Bethlehem um einen kleinen Ort handelte. Dies mag ein Detail sein, es macht aber deutlich, dass die Jesusbewegung den Eindruck vermeiden wollte, Jesus sei in einem „Kaff“ auf die Welt gekommen.

Irritierender ist, was bei Micha über den erwarteten Herrscher aus dem Geschlecht David steht: „Denn deine Hand wird siegen gegen alle deine Widersacher, dass alle deine Feinde ausgerottet werden.“ (Micha 5,8) In Vers 14 kündigt Gott an: „Und ich will mit Grimm und Zorn Vergeltung üben an allen Völkern, die nicht gehorchen wollen.“ Der Fürst, der hieran mitwirken soll, wird sicher jemand anderes als Jesus sein, der als Friedensfürst in die Geschichte eingegangen ist. Angesichts der Magier im Matthäusevangelium hat Micha 5, Vers 11 einen eigenartigen Klang: „Und ich will die Zauberer bei dir ausrotten, dass keine Zeichendeuter bei dir bleiben sollen.“ Aus diesem Grunde legte es sich umso mehr nahe, im Laufe der Kirchengeschichte aus den Magiern drei Könige zu machen. Aber Micha eignet sich so oder so schwerlich als Nachweis, dass im Alten Testament die Ankunft von Jesus Christus angekündigt wurde.654 Der Verweis auf Micha ist lediglich als alttestamentlicher Anknüpfungspunkt zu verstehen für all jene, die ohnehin überzeugt waren und sind, dass Jesus der erwartete Messias ist. Die biblischen Verweise auf die Priester und Schriftgelehrten in Jerusalem, die den Magiern oder Königen den Weg wiesen, lassen sich auch positiv werten, hat der damalige Kardinal Joseph Ratzinger und heutige Papst im Februar 1994 in einem vielbeachteten Vortrag in Jerusalem betont. Er bezeichnete die sternkundigen Männer als Suchende auf dem Weg zur Wahrheit: „Ihr Kommen bedeutet, dass die Heiden nur dann Jesus entdecken und ihn als Sohn Gottes und Heiland der Welt 276


anbeten können, wenn sie sich an die Juden wenden und von ihnen die messianische Verheißung empfangen, wie sie im Alten Testament enthalten ist.“655

König Herodes forderte die Weisen auf, nach Bethlehem zu reisen und dort nach dem neugeborenen Kind zu forschen. Wenn sie es gefunden hätten, sollten sie in den königlichen Palast zurückkehren, damit auch Herodes das Kind anbeten könnte. Dass die Schriftgelehrten sich nicht selbst auf den Weg machten, kann im Kontext des Matthäusevangeliums als Hinweis darauf verstanden werden, dass die religiösen Führer des eigenen Volkes kein Interesse an dem neu geborenen Messias zeigten, während heidnische Gelehrte von weither kamen, um ihn anzubeten. Dass Herodes die Magier auf der kurzen Strecke nach Bethlehem nicht heimlich überwachen oder ganz offiziell begleiten ließ, sondern darauf vertraute, sie würden zurückkommen und ihm von dem neuen König berichten, muss angesichts des übrigen Verhaltens des Königs als äußerst unwahrscheinlich angesehen werden. Wer einen derart umfassenden Sicherheits- und Spitzelapparat aufgebaut hatte wie Herodes, der hätte sich nicht gescheut, in einer so wichtigen Angelegenheit die Magier auf den wenigen Kilometern von Jerusalem nach Bethlehem beobachten zu lassen. Man kann diese Problematik auch diplomatischer formulieren, wie es Rudolf Pesch, katholischer Professor für Neues Testament, in seinem Buch über die Weihnachtsgeschichte im Matthäusevangelium getan hat: „Wieso Herodes nicht selbst nach dem Kind forscht oder seine Häscher gleich hinter den Magiern herschickt, ist eine Frage, die den Erzählduktus überfordert.“656

Dem Stern folgen

Den Weisen, lesen wir bei Matthäus, erschien erneut der Stern und wies ihnen den Weg nach Bethlehem. Der Stern, der den Weg zeigt, war in der antiken Welt des Matthäus nicht nur ein probates Mittel, um die Magier endlich zum Jesuskind im Stall zu führen, sondern auch ein weiteres Zeichen dafür, dass hier eine bedeutende Persönlichkeit geboren worden war. Es wurde erzählt, dass bei der Geburt von Alexander dem Großen eine bestimmte Konstellation der Sterne erkennen ließ, dass ein Weltherrscher geboren worden war.657 Auch soll Aeneas bei der Fahrt von Troja nach Latium von einem Stern geführt worden sein, und – ein näher liegendes Beispiel – beim Herrschaftsantritt von Kaiser Augustus erschien der Legende nach ein Komet.658 Mochten andere Sterne und Sternkonstellationen auf die zukünftigen Herrscher von Weltreichen weisen, der Stern, der über Bethlehem stand, war in der Darstellung des Evangelisten Matthäus ein unübersehbares Zeichen dafür, dass hier der Messias geboren worden war. Es hat immer wieder Versuche gegeben nachzuweisen, dass zu der Zeit von Jesu Geburt tatsächlich ein Stern den Weg nach Bethlehem gewiesen hat. Aber sie sind 277


alle gescheitert, und sie lenken auch vom Kern der Geschichte ab. Tobias Nicklas, Professor für Neues Testament an der Universität Nijmegen, schreibt dazu: „Dass die Erzählung uns nicht in erster Linie mit historischen Ereignissen konfrontieren möchte, zeigt sich schon daran, dass das Matthäusevangelium den Stern ausdrücklich als vor den Magiern von Norden nach Süden ziehenden Wunderstern (2,9) zeichnet. Dies jedoch ist astronomisch nicht denkbar.“659 Für Tobias Nicklas steht der aufgehende Stern dafür, „dass der Messias-König nun eine Herrschaft antritt, die jede irdische Macht ablöst“.660 Es spricht also alles dafür, die Erforschung der Sternkonstellationen zur Zeit der Geburt Jesu zu beenden und sich ganz auf die wunderbare Geschichte einzulassen, dass damals ein Mensch geboren wurde, der uns den Weg zu Gott gewiesen hat – wahrscheinlich ohne Stern, aber aus einer tiefen Liebe zu den Menschen.

Die Magier folgen der Botschaft im Traum

Die Magier fanden in Bethlehem das Kind mit Maria und Josef. Sie fielen nieder, beteten das Kind an und schenkten ihm Gold, Weihrauch und Myrrhe. Mit diesen Geschenken wird an das priesterliche Verständnis des Messias in Texten des Alten Testaments angeknüpft.661 In Jesaja 60, Vers 6 lesen wir über die Völkerwallfahrt: „Sie werden aus Saba alle kommen, Gold und Weihrauch bringen und des Herrn Lob verkündigen.“ Dieser Vers ist Teil eines Jesaja-Abschnitts über die zukünftige Herrlichkeit Zions. „Dann wirst du deine Lust sehen und vor Freude strahlen, und dein Herz wird erbeben und weit werden, wenn sich die Schätze der Völker am Meer zu dir kehren und der Reichtum der Völker zu dir kommt.“ (Jesaja 60,5) Matthäus knüpft an diese Prophezeiungen von Jesaja an, ohne dass der Reichtum an Gold oder Weihrauch in den Mittelpunkt gestellt wird. Die Geschenke sind in der Geschichte nur Symbole dafür, dass nun alle Völker auf das Heil hoffen können. Die Völker verehren den neugeborenen Heiland, lautet die Botschaft, die materiellen Geschenke sind dafür nur von symbolischer Bedeutung.

Auch Martin Luther hat davor gewarnt, die Geschenke als zu wertvoll anzusehen: „Es ist klar: Diese Gaben kann jeder Christus bringen, der Arme nicht weniger als der Reiche, eher noch mehr. Gold, Weihrauch und Myrrhe können wir äußerlich nicht bringen, aber Glauben (Hebr. 11,1), d.h. ein wahres Vertrauen auf Dinge, die man nicht sieht, das können wir bringen.“662

Gott befahl den Magiern im Traum, nicht zu Herodes zurückzukehren, sondern auf einem anderen Weg zurück in ihr Land zu reisen, lesen wir im Matthäusevangelium. Und so, wie Josef das tat, wozu er in Träumen beauftragt wurde, taten es auch die Magier. Sie kehrten in ihre Heimat zurück, was aber Helena, die Mutter von Kaiser Konstantin, im 4. Jahrhundert (um das Jahr 326) nicht daran gehindert hat, 278


deren Gebeine bei einer Palästinareise zu entdecken, ausgraben zu lassen und mit nach Konstantinopel zu nehmen. Von dort gelangten die Reliquien nach Mailand, wo ihnen zu Ehren die „Basilika zu den Heiligen Drei Königen“ errichtet wurde.

Diese Verehrung hatte ein abruptes Ende, als Kaiser Barbarossa Mailand erobern und zerstören ließ. Nun wurden die Gebeine als Kriegsbeute in einer Prozession von Mailand nach Köln überführt. Dort trafen sie 1164 ein, und es wurde in drei Jahrzehnten Arbeit von Goldschmieden ein kirchenförmiger Dreikönigsschrein aus Gold und über 1.000 Edelsteinen gestaltet, der die Gebeine aufnahm und außen unter anderem die Geburt Jesu, die Propheten und die Jünger Jesu zeigt. Die prächtig präsentierten Reliquien be- Anbetung Jesu durch die Magier, Makonde-Schnitzerei aus gründeten die Bedeutung Tansania im Zentrum für Mission und Diakonie, Bielefeld Kölns als kirchlichem Zentrum Deutschlands, zu dem jedes Jahr viele Tausend Menschen pilgerten, was den wirtschaftlichen Aufstieg der Stadt erst ermöglichte. Auch der große Einfluss der Erzbischöfe von Köln beruhte auf den Reliquien und ihrer Verehrung, und das zeigte sich selbst bei Kaiserwahlen. Die deutschen Kaiser wurden nach ihrer Wahl traditionsgemäß in Aachen gekrönt und huldigten danach den biblischen Königen in Köln, natürlich auch, um sich selbst in deren Tradition zu stellen. Noch heute ruhen die Gebeine aus Palästina im Kölner Dom und werden von vielen Gläubigen verehrt. 663 279


Von den Fremden lernen Der bekannte evangelische Theologe Jörg Zink fordert uns anhand der Geschichte von den Magiern zum Umdenken im Blick auf Menschen anderen Glaubens auf: „Mir scheint, es spiegele sich in dem harten Anspruch auf die alleinige und einzige Wahrheit des christlichen Glaubens eben doch das Muster der europäischen Kolonial- und Industriezivilisation, die sich berufen wusste, der Welt das Heil, die Kultur, das Wissen und eben auch den Glauben beizubringen. Ich meine, wir täten gut daran, mit fremdem Wissen, fremder Erfahrung und fremden Glaubensweisen behutsamer umzugehen, ehrfürchtiger, freundlicher und weniger rechthaberisch. Wir gäben damit nicht die Wahrheit preis, wohl aber gestünden wir ein, dass die Wahrheit weder an den kirchenamtlichen Lehrsätzen zu messen sei noch an den provinziellen Maßstäben, mit denen man sich in allerlei christlichen Zirkeln der eigenen Wichtigkeit versichert ... Was immer seit der Steinzeit an religiösem Verstehen und Erfahren geschehen ist, das geschah nicht ohne Gott. Das sagt die Geschichte von den Weisen aus dem Morgenland.“664 Jörg Zink schreibt weiter über die heutige Bedeutung dieser biblischen Geschichte: „Die Magier brachten die Gaben ihres Landes. Und ich bin überzeugt, dass die Menschen der Dritten Welt uns Europäern viel bringen können, das uns neu ist und über dem wir unseren eigenen Glauben besser verstehen können.“665 Der Dreikönigstag, der jedes Jahr am 6. Januar gefeiert wird, ist ein guter Anlass, über die Geschenke, die uns Fremde mit ihrem Glauben bringen, immer wieder neu nachzudenken.

Mit dem katholischen Missionswissenschaftler Ludwig Bertsch können wir die Geschichte von den Magiern und ihrem Weg als Anstoß nehmen, uns als Teil einer weltweiten Gemeinschaft selbst auf den Weg zu machen: „Es ist nicht derselbe Weg für jede und jeden, aber doch ein gemeinsamer Weg aller, denn er steht unter dem guten Stern von Bethlehem, der jedem leuchtet, der sich seiner Führung anvertraut, auch dann, wenn der Stern sich vorübergehend verbirgt.“666

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Von Herodes bis Hoppenstedt  

Auf den Spuren der Weihnachtsgeschichte, Frank Kürschner-Pelkmann, Gestaltung: Birgit Uhl, 2012

Von Herodes bis Hoppenstedt  

Auf den Spuren der Weihnachtsgeschichte, Frank Kürschner-Pelkmann, Gestaltung: Birgit Uhl, 2012

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