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Elke Peters

Leicht war es nicht


Redaktion: Volker Diel Umschlaggestaltung und Satz: Birgit Uhl Druck und Bindung: winterwork Borsdorf

Hamburg, Februar 2013

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Inhalt Mutters tapferer Umgang mit „Perthes“

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Ausbildung in der Mädchenschule von Doktor Pfannenstiel

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Trotz Krankheit – Mutter war keine Außenseiterin

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Unsere Ferien auf Gut Westensee

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Verhaftung: Vater in Handschellen abgeführt! 

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Makaber: Pfeife mit der Zyankalikapsel gestopft…

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Familien-Ferien auf Sylt mit der „Knorke-Kinderkarre“

41

Als „Fahrschülerin“ oft zwischen den Stühlen

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Bomben auf Lübeck sprengten unsere „Knutschparty“ in Reinfeld

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Mitten im Chaos: Erste Tanzstunde in Lübeck

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Vaters Urlaubsbesuch und unser verunglücktes Wiedersehen

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Januar 1945 – die ersten Flüchtlinge aus dem Osten

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Schottische Soldaten im Haus – „Lilly Marleen“ auf der Mundharmonika68 Bittere Kälte: Wände im Treppenhaus mit Eisschicht überzogen!

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Diagnose: Tuberkulose

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Eigene Wohnung in Groß Gerau – Start ins Berufsleben

90

Totogewinn und das Luxuskleid aus Frankfurt

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Der Tag, an dem ich erwachsen wurde

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Erst auf den zweiten Blick erkannt - Mutter war ganz weiß geworden105 Der große Indien-Auftrag und ein neuer Export-Chef

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Geständnis im „Zigeunerkeller“

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„Sagen Sie mal, wollen Sie den Peters heiraten?“

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I

ch bin 1928 in Hamburg geboren, in Reinfeld aufgewachsen und in Lübeck zur Schule gegangen. So antworte ich, wenn ich gefragt werde, warum ich nach fast 50 Jahren in Westdeutschland in den Norden zurückgekehrt sei. Auf die Eintragung „Hamburg“ in meinen Pass war ich immer ein bisschen stolz, obwohl er eigentlich nur besagt, dass meine Mutter zur Entbindung in die Hamburger Klinik gegangen ist, die ihr Vater mit einem Kollegen in der Papenhuder Straße leitete. Die Verhältnisse in Reinfeld waren damals, Ende der 1920er Jahre, doch gar zu primitiv: kein fließendes Wasser, keine Kanalisation, Holztreppen und -böden. Wir wohnten damals noch in dem Haus Bahnhofsstraße 6, das einer Frau Rosemann gehörte, die ein bisschen in der Welt herumgekommen war. Mutter wie Großmutter ließen sich ihre Kleider bei ihr nähen. Ich ging gern mit zu den Anproben. Während ich auf dem staubigen Fußboden mit Stoff-Fetzen spielte, gab Frau Rosemann Ratschläge zum Verhalten im Falle eines Erdbebens, das sie in der Türkei erlebt hatte. Aber das war viel später, als wir schon im Nachbarhaus Bahnhofstraße 4 wohnten.

Heimweh nach Hamburg Und doch ist Hamburg kein zufälliger Geburtsort. Der Name dieser Stadt behielt während meiner Kindheit seinen Zauber. Meine beiden Eltern stammten aus Hamburg. Besonders für meine 4


Mutter schwang wohl in den ersten Reinfelder Jahren immer auch Heimweh nach dieser Stadt, in der sie eine behütete Kindheit verbracht hatte, doppelt behütet, weil sie seit ihrem fünften Lebensjahr unter einer Behinderung litt. Nach dem großen gutbürgerlichen Haushalt in der Lübecker Straße muss ihr der ländliche Rahmen in Reinfeld trotz Mädchen und Waschfrau recht mühselig vorgekommen sein. Deshalb fuhr sie bei jeder sich bietenden Gelegenheit mit uns Elke, Mutters zweijähriger Sonnenschein Kindern zu ihren Eltern nach Hamburg, wo die große Wohnung im Hochparterre mit dem breiten Rund um den Lichtschacht für uns ein herrlicher Spielplatz war. Viel Lärm durften wir aber nicht machen, weil der Großvater an manchen Tagen seine Privatpatienten zu Hause empfing. Dann saß vor der Tür seines Sprechzimmers an einem kleinen Tisch unsere „Tante Titi“, öffnete den Damen die Haustür und begleitete sie auch wieder hinaus. Um nicht müßig zu sein, putzte sie Messing-Leuchter und -schalen und erzählte uns mit ihrer altjüngferlichen Stimme aus ihrem bescheidenen Leben. Wir liebten unsere Tante Titi sehr. Ich mochte auch die breiten Fensterbänke zur Lübecker Straße, auf denen man bequem sitzen und den Straßenbahnen zuschauen konnte. Ganz besonders aufregend wurde es aber, als eine Zentralheizung 5


eingebaut wurde und zu diesem Zweck hinter dem Haus ein großer Kran stand. Es muss wohl in der Osterzeit gewesen sein, denn eines Morgens hing ein Säckchen voller Ostereier an seinem Seil.

Einkaufen? Nur in Hamburg! Etwa 1932 beendete mein Großvater seine Tätigkeit in der Klinik. Die Großeltern zogen nach Reinfeld in eine Wohnung am Zuschlag. Auch wenn nun unsere Besuche bei ihnen in Hamburg vorbei waren, blieb diese Stadt doch in unserem Leben präsent. Alle größeren Einkäufe, ob Schuhe oder Wäsche, wurden in Hamburg getätigt. Vor allem gab es dort eine Schneiderin, die nach dem Vorbild der „Hamburger Kinderstube“ Matrosenkleider für uns nähte. Blaue Anzüge, blaue Wintermäntel mit weißen Tollkragen und karierte Wollkleider, alle immer schön mit Abnähern zum Auslassen für mindestens zwei Jahre. Aber auch wenn diese praktischen Anlässe nicht gewesen wären, so zog es doch Mutter und Großmutter immer wieder in die Stadt, etwa zu Hagenbecks Tierpark oder an die Elbe. Nicht zu vergessen das Spielzeuggeschäft Rasch, dessen Inhaberin eine Patientin von Großvater war und uns freudig begrüßte, wenn wir ihr Geschäft betraten. Später gingen wir in der Adventszeit auch zum „Dom“, und immer wieder auch zum Hafen. Hamburg war und blieb die Wunschadresse von Mutter und Großmutter. Von Lübeck und gar Reinfeld sprachen sie immer ein bisschen geringschätzig – bis wir selber täglich zur Schule nach Lübeck fuhren.

Besuche bei Großmama in Wandsbek Hamburg beherbergte ja auch noch die Großmama – Betonung auf der dritten Silbe. 6

Elke Peters - Leicht war es nicht  

Biographie

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