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Redaktion: Volker Diel Umschlaggestaltung und Satz: Birgit Uhl Druck und Bindung: winterwork Borsdorf

Hamburg, Februar 2014

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Inhalt

Anf채nge unseres gemeinsamen Lebens

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Schlosserz채hlung47 Historischer Exkurs: Die Geschichte von Schloss Amerongen

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Vorwort Im letzten Abschnitt meines ersten Buches schrieb ich: „Heute empfinde ich es so, dass mein Leben bis Ende 20 die Vorbereitung auf ein neues, zweites Leben ohne die Fessel der Krankheit war. Das Leben an der Seite meines Mannes Erhard öffnete mir fast von einem Tag auf den anderen eine sehr weite und hochinteressante Welt, die ich bis dahin nicht kannte“. Auf den ersten Seiten dieses Buches berichte ich aus den Anfängen unseres gemeinsamen Lebens. Irgendwann erzählte mir Erhard von einer Tante, die in einem holländischen Schloss wohnt, und dass seine Eltern jedes Jahr einige Wochen dort verbringen. Im größten Abschnitt des Buches schildere ich meine Eindrücke vom ersten Besuch auf Schloss Amerongen und beschreibe das Leben in dieser mir anfangs noch sehr fremden Welt. Dem Leser wird deutlich werden, dass die Schlossbewohner einerseits ganz normale Menschen sind, aber auch durch ihre Erziehung und ihre besonderen Lebensumstände Zwängen und Ritualen unterworfen sind, die zu ihren Gewohnheiten gehören. Für Onkel John, einem Grafen, der sowohl Holländer als auch Deutscher war, brachte der Zweite Weltkrieg und die deutsche Besatzung Hollands ganz spezielle Probleme mit sich, die ihn persönlich jahrelang bedrückten. Seine Geschichte und die seiner Frau Anni, die aus bürgerlichen Kreisen stammte, stehen im Mittelpunkt meiner „Schlosserzählung“. Im Schlusskapitel möchte ich auf die Geschichte des Schlosses Amerongen eingehen, das im November 1918 ganz unerwartet ins grelle Licht der Weltöffentlichkeit geriet. Der am Ende des Ersten Weltkriegs aus Deutschland geflohene Kaiser Wilhelm II. stand plötzlich vor den Toren des Schlosses und blieb bis Mitte 1920 als Gast dort! Dieses Ereignis war noch 50 Jahre später ein beliebtes Thema in den Gesprächen der Schlossbewohner. Aufgrund von Tagebuchaufzeichnungen eines Adjutanten des ehemaligen deutschen Kaisers konnte ich mich auf sehr konkrete Schilderungen dieses spektakulären Ereignisses stützen. Elke Peters 5


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Anfänge unseres gemeinsamen Lebens

1957 Erhard und ich im Waldsanatorium SchĂśmberg

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„ en willst Du heiraten?“ Das hatte mein Bruder Holmer mich entgeistert gefragt und mir eine Ausgabe des Nachrichtenmagazins „DER SPIEGEL“ vor die Nase gehalten. Ich kannte diesen „SPIEGEL“ vom 15. Oktober 1952 natürlich. Auf Seite 6 waren mein zukünftiger Ehemann Erhard Peters zusammen mit Paul Lüth auf einem Foto zu sehen. Ich kannte auch seinen Freund Paul Lüth schon. Erhard hatte mich einmal in ein Frankfurter Krankenhaus mitgenommen, wo Dr. Paul Lüth damals als Arzt arbeitete. Die „Affäre BDJ“ hatte damals vor allem in Hessen große Wellen in der Öffentlichkeit geschlagen. Auch Erhards erste Bewerbung als Personalchef bei der Firma Faulstroh war daran gescheitert. Bereits ein Jahr später scherten sie sich nicht mehr darum.

Die „Affäre BDJ“ – Vorbereitung auf den „Tag X“ Nicht nur der SPIEGEL berichtete in großer Aufmachung über eine mysteriöse Partisanenorganisation, auch DIE ZEIT, das seriöse Hamburger Wochenblatt, sprach mit Paul Lüth und brachte am 23. Oktober 1952 einen großen Artikel unter der Überschrift: „Kleiner Partisan, armer Partisan“. Es ging, so die Autoren, um „Geheimnisse“, die sich allmählich lüfteten. Man hatte sich in Hamburg mit Paul Lüth, dem Vorsitzenden des „Bundes Deutscher Jugend“ getroffen. Obwohl in der Presse gemeldet worden war, er sei verhaftet, oder geflüchtet, nein, er sei nur für eine Zeitlang verschwunden gewesen. Und auch das stimmte nicht, denn Paul Lüth reiste „unbehelligt durchs Bundesgebiet“. Und als er in Hamburg war, „ergab sich mühelos die Gelegenheit, bei einigen Zigaretten mit ihm zu plaudern.“ Geheimnisse, Flucht, Verhaftung? Was war da los, wenige Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges? Paul Lüth hatte 1950 eine antisowjetische „Denkschrift“ mit dem Titel „Bürger und Partisan“ herausgegeben. In dieser Schrift propagierte er eine konspirative, also heimliche Partisanentätigkeit. Lüth gründete den „Bund Deutscher Jugend“ (BDJ), in den einige Tausend deutscher 8


Jugendlicher eintraten. Das Durchschnittsalter betrug etwa 30 Jahre. Der BDJ vertrat eine Doppelstrategie: Nach außen wollte man sich durch eine Anbindung an die bündische Jugendbewegung der 1920er Jahre vom Rechtsextremismus abgrenzen. Nach innen, also heimlich und verdeckt, bereitete man sich durch eine quasi-militärische Ausbildung auf den „Tag X“, den damals befürchteten Einmarsch sowjetischer Truppen in Westdeutschland vor.

Partisanen gegen den Einmarsch der Roten Armee? Zu diesem Zweck gründete der ehemalige Luftwaffenoffizier der Deutschen Wehrmacht, Erhard Peters, den „Technischen Dienst“ (TD), eine Untergrundorganisation. Ihr Zweck: Sie sollte eine bewaffnete Widerstandsbewegung gegen den russischen Bolschewismus werden. Diese Organisation wurde parallel zum BDJ aufgebaut, mit Erhard Peters an der Spitze. Binnen weniger Wochen entstand bundesweit eine paramilitärische Struktur mit Partisanen-Schulung. Unterstützt wurde die Organisation von Mitgliedern der US-amerikanischen Besatzungsarmee. Am 9. September 1952 wurde die bis dahin geheime Organisation aufgedeckt. Die US-Armee erklärte, dass sie während der Korea-Krise diese Partisanengruppe gebildet hätte, um sie bei einem Angriff der Sowjetunion auf die Bundesrepublik einsetzen zu können.

US-Offiziere als Unterstützer der Partisanenausbildung In der ZEIT wurde ein Mr. Garwood, amerikanischer Offizier, genannt. Er zahle viel Geld an eine Tarnfirma, die sich angeblich mit Holz beschäftigte und in der Nähe von Frankfurt ihren Sitz hatte. Der „Teilhaber“ dieser Holzfirma, Erhard Peters, mietete in Waldmichelbach im Odenwald ein Haus. Dorthin fuhren nun ständig „Angestellte der Holzfirma“, angeblich „zur Erholung“. Was machten sie dort aber tatsächlich? Schießübungen. Ein Schuppen neben dem Haus war zum Schießstand umgebaut worden. Man übte mit amerikanischen Pistolen, die mit Schalldämpfern ausgerüstet waren. Die Masse der „Partisanen“ trainierte auf amerikanischen Truppenübungsplätzen, besonders in Grafenwöhr. Laut ZEIT trugen sie „Drillich, hantierten mit deutschen und russischen Gewehren, amerikanischen Minenwerfern und mit Sprengstoffen aller Art. Und in den Rucksäcken waren amerikanische Konserven …“ 9


„Geht nach Hause, Partisanen!“ – Verbot des BDJ Wenige Monate nach diesen großen Zeitungsberichten wurde der BDJ und der Technische Dienst in fünf Bundesländern verboten. Federführend war der hessische Innenminister. Die führenden Männer, besonders Paul Lüth und Erhard Peters, wurden von Dienststellen des Verfassungsschutzes tagelang verhört. Der Wind hatte sich gedreht, wie es ja oftmals im Leben ist. Plötzlich ist etwas schlecht und verdammenswert, was gestern noch lobenswert und fortschrittlich war. Ironisch-bissig schrieb die ZEIT: „Uniform passé, Krieg verloren, törichte Amerikaner locken: ‚Komm, german boy, mach schön! Mach Partisan!‘ Aber währenddessen bauten vernünftige Amerikaner, die gottlob weitaus in der Mehrzahl sind, und die wissen, dass der militärische Wert solcher Partisanenorganisationen sehr klein und dass der moralische Unwert solcher Unternehmen sehr groß ist, eine fundierte europäische Verteidigung auf, und dann – kam, was kommen musste: Man sagte den Partisanen: ‚Geht nach Haus!‘“ Erhard wurde nach dem Verbot des BDJ sogar verhaftet und nach Karlsruhe zum Bundesgerichtshof gebracht. Dort blieb er zwei Tage in sogenannter „Schutzhaft“ und führte auf langen Spaziergängen mit dem damaligen Bundesrichter Gespräche. Dann stellte er sich dem amerikanischen Geheimdienst in Bad Homburg und verbrachte auch dort ein paar Tage im Gewahrsam, bis die Presse sich ausgetobt hatte (und die Spuren verwischt waren). Dann erst durfte er nach Hause gehen. Diese Episode hat tiefe Spuren in Erhards Leben hinterlassen. Seine erste – erfolglose – Bewerbung bei Faulstroh war kein Einzelfall. Er war eine Zeit lang arbeitslos und fand nirgendwo eine Beschäftigung. Und nun kehrten Paul Lüth und Erhard Peters, mein späterer Ehemann, ins ruhige Privatleben zurück und gingen getrennte Weg, aber sie blieben Freunde. Paul Lüth war ein Schulkamerad von Erhard auf dem Gymnasium. Paul war der intelligenteste Schüler der Klasse. Er lernte ganz nebenbei Althochdeutsch und übersetzte Haiku-Gedichte, eine traditionelle japanische Gedichtform. All dies imponierte dem jungen Erhard aus Karstädt sehr. Seiner Mutter wiederum imponierten vor allem die sechs Schaufenster, die das Geschäft von Pauls Eltern hatten. Wo die beiden sich nach dem Krieg wiedergetroffen haben, weiß ich nicht.

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Paul Lüth – vom Partisanenchef zum Landarzt Ich habe Paul Lüth sehr bald kennengelernt. Er war Assistenzarzt in einem Frankfurter Krankenhaus und Erhard brachte mich zu ihm. Ich mochte ihn und seine permanent ironische Art nicht. Er war ein mittelgroßer Mann mit einem bleichen und aufgeschwemmten Gesicht. Er hat sofort gemerkt, dass ich ihn nicht mochte und die spätere Entfremdung zwischen den beiden alten Schulfreunden mir zur Last gelegt: „Deine Frau mag mich nicht, Erhard“. Nach dem medizinischen Staatsexamen hatte er sich mit seiner Frau und zwei Kindern in Hessen niedergelassen, führte dort eine gutgehende Landarztpraxis und schrieb populärwissenschaftliche Bücher. Wir haben bis zu seinem frühen Tod Verbindung zu ihm gehabt.

So sahen wir auf unseren Passbildern 1955 aus, als wir uns näher kennenlernten.

Zu Ostern erschien der ältere Sohn Eike von Erhard bei uns in Groß Gerau. Er war von der Schule geflogen, weil er jeden Tag zu spät kam oder ganz die Schule schwänzte. Dieses Verhalten ließ man sich am Münchner Gymnasium nicht lange gefallen. Es blieb nichts anderes übrig, als ihn in einer Frankfurter Privat11

Elke Peters, Mein zweites, buntes Leben  

Ein Schloss als große Überraschung, Biographie

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