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Redaktion: Volker Diel Umschlaggestaltung und Satz: Birgit Uhl Druck und Bindung: winterwork Borsdorf

Hamburg, Juli 2013

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Inhalt „Achim, was willst Du werden? Ingenieur oder Revolutionär?“

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Meine Welt in Ordnung: Kostenlose Schiffsreise zum Kap der Guten Hoffnung

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Erster Job in Johannesburg – bei „meiner“ AEG

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Mein Glück und der Beginn meiner Karriere: Der Optikerladen in der St.-George-Street in Kapstadt

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… und auch Mikroskope reparieren lernte ich!

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Unsere Männer-WG in Sea Point

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Du musst selbst brennen, wenn Du jemanden anzünden willst

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Zweiter Besuch vom Vater: „Ich bin sehr stolz auf Dich, Achim!“

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Scheidung vor Gericht im Rekordtempo von 80 Sekunden

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Wir Immigranten und die Apartheid

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Die schwarze Kinderrevolution machte mir Angst

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… Start zu einer Karriere in München bei SHANDON

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In 20 Jahren SHANDON Umsatz von zwei auf 20 Millionen gesteigert74 9. November 1989 morgens: Besuch in der Charité in Ostberlin

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Meine Tour quer durch die DDR – ganz anders als früher!

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Abschied von SHANDON mit „goldenem Handschlag“

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„Achim, heute ist Dein letzter Tag“ …

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Tharmac im Aufwind – Gegenwind im Privaten 

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„Wer immer glücklich sein will, muss viel verändern“

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Langeweile – mein Feind und mein „Antriebsmotor“

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Tharmac in Deutschland Marktführer für Zyto-Zentrifugen

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Heute ist der 12. Dezember 2011. Ich liege hier in der Loader Street 17 in einem Bett, starre auf die Decke und freue mich auf die Woche in Kapstadt, die noch vor mir liegt. Ich denke zurück und erinnere mich, dass der 12. Dezember 1975 (heute vor 36 Jahren) mein letzter Abend in diesem Zimmer und in diesem Haus war, und ich am nächsten Tag aus dem Haus ausgezogen bin. Am 13. Dezember 1975 bin ich morgens früh aufgestanden, zum Gericht gegangen und habe die Scheidungspapiere abgeholt. Ich wurde von meiner ersten Frau Elsie geschieden. Dann bin ich zurückgekommen und habe die Möbel, die sie mir gegeben hatte, in einen LKW verpacken lassen. Mit diesem LKW bin ich dann in mein neues Haus gefahren, in das ich an diesem Tag eingezogen bin, dem Tag der Scheidung. Dieses neue Haus hatte ich im letzten Vierteljahr bauen lassen, eigentlich mit dem Gedanken, dass Elsie und ich dort wohnen würden …

Malay-Quarter – ein ganz spezielles Kap-Viertel Kurz vor Weihnachten 2011 wohne ich in Kapstadt im Malay Quarter, das jetzt auch „De Waterkant“ genannt wird. Es ist ein historisch und kulturell interessantes Viertel mit vielen kleinen, sehr attraktiven Wohnhäusern in einem ganz speziellen Baustil, und man findet hier auch viele Boutiquen und Restaurants. „Bo Kaap“ heißt das Viertel und ist das älteste Stadtviertel Kapstadts. Es entstand im 17. Jahrhundert, als die Holländisch-Ostindische Handelskompanie Sklaven zum Kap schiffen ließen, als Arbeitskräfte für den weiteren Aufbau der Region im Süden Afrikas. Viele der dort lebenden Bewohner sind Nachfahren dieser verschleppten Sklaven aus Indonesien, Sri Lanka (früher Ceylon), Indien und Malaysia. Die Kap-Muslimen brachten ihre eigene Religion ans Kap und schlossen sich nicht der vorherrschenden Niederländisch Reformierten Kirche an. So wurde die erste Moschee, erbaut 1794, Mittelpunkt der Muslim Gemeinschaft und ist es noch heute. In Bo Kaap leben heute etwa 2.000 Malaien. Während des Apartheidregimes kämpfte die muslimische Gemeinschaft erfolgreich um den Erhalt ihrer kulturellen Identität und die Bewahrung ihres Glaubens. 4


Straße im Malay Quarter. Foto: Wendy Hartmann, Juni 2013

Das traditionelle Wohnviertel wurde saniert, und erst in den letzten 20 Jahren erhielt es seine farbenfrohe Gestaltung aus einem Modegag heraus. Der Baustil der Wohnhäuser verbindet den kapholländischen und den englischen Stil miteinander. Die Kap-Malaien spielten auch eine wesentliche Rolle bei der Entwicklung von Sprache und Kultur der Kap Kolonie. Afrikaans, eine der elf offiziellen Sprachen Südafrikas, hat sich zu einer eigenständigen Sprache aus einer Vereinfachung des Holländischen entwickelt, um eine Verständigung für die Menschen aus den vielen verschiedenen Ländern und Sprachräumen, die sich am Kap ansiedelten, zu ermöglichen.

„Coon Carnival“ im malayischen Viertel von Kapstadt In diesem interessanten und lebendigen Stadtviertel von Kapstadt hatte ich als junger Mann zeitweise gelebt. Jetzt, über 30 Jahre später, wollte ich hier eine Woche lang Urlaub zu machen. Das Fantastische war, dass an diesem Wochen5


Erste Moschee im Malay Quarter. Foto: Wendy Hartmann, Juni 2013

ende, einen Tag nach Neujahr, in Kapstadt eine große Party im Rahmen des „Coon Carnival“ stattfand. Dieses bunte Straßenfest wurde ursprünglich von Sklaven ins Leben gerufen und galt während der Apartheid als Sprachrohr der Nicht-Weißen. Heute ist dieser Karnevalsumzug für alle Kapstädter ein beliebtes Ereignis mit bunten Kostümen und natürlich viel Musik – und lockt Menschen 6


aus aller Welt nach Bo Kaap. Man erwartete rund 10.000 Leute und das Thema war „Maid in China“, klingt wie „made in China“, bedeutete aber: Hausmädchen in China. Auch tausende von Schwulen und Lesben waren angereist und übernachteten in dem Viertel, in dem ich jetzt wohnte. Meist sympathische und lockere Menschen, die sich verkleidet hatten und abends dann an meinem Haus vorbei- Drei amüsieren sich beim „Coon Carnival“ zogen zur Party in der Stadt. Man hatte Spaß und rief sich lustige Sprüche zu. Tage später ging ich in die City, in die Long Street, eine der interessantesten Straßen Kapstadts, eine Mixtur aus Bourbon Street-New Orleans wegen der gußeisernen Gitter an den Balkonen, und afrikanischer Straße, weil es dort von Schwarzen nur so wimmelt. Dort gibt es Nachtclubs, Geschäfte und es ist viel Betrieb auf der Straße. Ein Laden interessierte mich besonders: „Women´s craft from africa“, also Kunstwerke von afrikanischen Frauen. Kunstgewerbe würde man bei uns sagen. Ein großer Laden, der sich über zwei Stockwerke und einen Keller erstreckte und viele kleine Stände umfasste, in denen Frauen afrikanische Ware feilbieten. Vor allem ein Platz für Touristen. Ich fand es dort immer ganz aufregend, weil man die verschiedensten Leute treffen konnte.

Die Long Street in Kapstadt – hier quirlt das Leben Ich ging dort gerne hin, wenn ich in Kapstadt war. Auch diesmal schlenderte ich an den Ständen vorbei, blieb hier und da stehen und wurde laufend angequatscht: „Willste nicht das kaufen, willste nicht dies kaufen?!“ Ich hatte kein Interesse, war absolut nicht in Kauflaune. Bei der einen oder anderen, die auf mich einen netten Eindruck machte, antwortete ich: „Weißt du was, meine Frau erschlägt mich, wenn ich Dir was abkaufe und damit nach Hause komme“, „Das sind alles nur Staubfänger, die ihr für teures Geld verkaufen wollt“ oder aber: „Ich habe mehr davon zu Hause, als ihr hier im Laden habt“. Und so ergab sich manche Unterhaltung, bis ich zu einem bestimmten Laden kam. Ich weiß noch, gegenüber war ein Friseursalon, in dem gerade ein weißer Friseur einem 7


Schwarzen die Kopfhaut polierte. Auf der anderen Seite stand eine Frau um die 30 mit langen, geflochtenen Haaren, deren strohfarbene Verlängerungen ihr bis auf den Hintern reichten. Sie kam auf mich zu und fragte mich freundlich, ob ich nicht etwas kaufen wolle. Da ich leicht genervt war, starrte ich ihr mit einem langen Blick tief in die Augen, wie es meine Art ist, und sagte: „Baby, Du bist so eine attraktive Frau! Hast du vielleicht noch was anderes außer diesem Plunder anzubieten?“

„Alice, was kannst Du noch außer Plunder verkaufen?“ Daraufhin schaute sie mich an und meinte: „Na klar, ich kann dir eine super Massage verpassen.“ Ich fragte: „Okay, wo?“ und sie antwortete: „Hier, gleich hier“. Sie nahm einen Stuhl aus dem Fri­ seursalon, sagte „Na gut, setz dich rein, ich massier dir den Nacken, den Rücken, die Arme.“ Ich zog mein Hemd aus und ließ mich von ihr massieren. Ob das eine speziell-afrikanische Art der Massage war, kann ich nicht sagen. Sie war aus Togo und machte ihren Job sehr gut. Ich fühlte mich wirklich wohl nach ihrer Massage und Die freundliche Alice meinte: „Weißt Du was, das ist doch genau das, was hier fehlt“, zahlte ihr 200 Rand (20 Euro) und ging weg. Einen Moment später schaute ich mich um und dachte mir: Das ist doch eine Gelegenheit, hier etwas aufzubauen. Wenn irgendwo etwas nicht rund läuft und ich habe eine gute Idee, dann verspüre ich oft ziemlich schnell eine Lust, zu helfen und etwas Neues anzuschieben. Ich ging also zu ihr zurück und fragte nach ihrem Namen. Sie sagte: „Alice“. Ich: „Mein Name ist Achim. Du hast mir 8


Longstreet, typisches Haus

so eine tolle Massage gemacht, vielleicht kann man hier einen Laden aufmachen. Hast du schon mal daran gedacht?“ Da bekam sie einen ganz traurigen Blick und meinte: „Ja, ich habe hier schon einmal einen Laden gehabt.“ „Ja und?“ Sie: „Der ist leider zugemacht worden, ich hatte persönliche Probleme, es ging nicht!“ Ich fragte sie: „Hättest du nicht Lust, wieder so einen Laden aufzumachen?“ Ja, hätte sie gerne, aber das wäre mit Problemen behaftet und das Hauptproblem sei natürlich das Geld. Ich sagte: „Was kostet so etwas?“ und sie meinte: „So mit 4.000 bis 5.000 Rand (400 bis 500 Euro) müsste man schon rechnen“. Ich fragte: „Wer ist hier der Boss?“

Neues Geschäft mit 500 Euro Startkapital Ich ging zu Hendrik, dem Besitzer des Ladens, und habe ihn gefragt, was ich machen müsste, um ein Massagestudio zu eröffnen. Dort erfuhr ich, dass ich eine Monatsmiete als Kaution hinterlegen und eine Monatsmiete im Voraus 9


bezahlen müsse. Ich sprach noch einmal mit Alice: „Pass auf, Alice, du schreibst mir genau auf, was du brauchst, um so ein Massagestudio aufzumachen, und ich sehe dich dann in zwei Tagen.“ Zwei Tage später kam ich wieder in den Laden und Alice berichtete mir, dass es sicher ganz toll werden würde, aber wir müssten schon ein Massagebett und einige andere Dinge haben, die insgesamt um die 5.000-6.000 Rand kosten würden. Ich gab ihr das Geld und sagte: „Leg los!“ Seit dem 1. Februar 2012 läuft das Massagestudio. Inzwischen ist das ganze schöne Projekt leider schon wieder gestorben. Das Problem war, Eine tolle Massage! dass Alice es ablehnte, mit jedem Mann, dem sie eine Massage machte, auch Sex zu haben. Ich habe in Gesprächen mit anderen herausgefunden, dass dies auch schon bei ihrem ersten Versuch mit solch einem Massagestudio ihr Problem war. Sie hat zwar nichts gegen Sex, aber jede Massage mit „happy ending“, so nennt man das dort, das wollte sie nicht. Hinzu kam, dass sie eine sehr gläubige Christin war. Sie sagte mir bei einem späteren Besuch: „Nein, Achim, das mache ich nicht, ich höre auf.“ Ich hatte volles Verständnis für sie. Andere erzählten mir, dass man dies hätte voraussehen können. Afrikanische Männer wollen von Frauen Sex und nichts anderes … Alice verkauft jetzt Masken, um sich ihren Lebensunterhalt zu verdienen.

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„Achim, was willst Du werden? Ingenieur oder Revolutionär?“ Zurück zum Beginn meines Südafrika-Abenteuers. Vor 44 Jahren kam ich auf die Idee, meinem jungen Leben eine ganz neue Wendung zu geben. Im August 1967 traf ich auf einer Party eine Freundin meiner Schwester. Sie reiste viel durch die Welt und erzählte mir strahlend und voller Begeisterung, wie wunderschön Südafrika sei, wie interessant es dort sei und dass man dort auch relativ leicht arbeiten könne. Ich ließ mich von ihrer Begeisterung anstecken, und ihre Schwärmerei von Südafrika spukte mir von jetzt ab im Kopf herum. Etwa eine Woche später wurde ich vom Direktor der Gauß-Akademie in Berlin – das ist eine Ingenieursakademie, wo ich damals im dritten Semester Fertigungstechnik studierte – in sein Büro gerufen und er stellte mir folgende Frage: „Achim,“ (er nannte mich Achim, weil er ein Freund meines Vaters war und mich kannte) „was möchtest du werden, Ingenieur oder Revolutionär?“ Dem Leser sei mitgeteilt, dass die berühmte 68er-Revolution schon 1967 angefangen hatte und ich auch meine klare Meinung dazu hatte, die ich in lautstarken Worten auf Demonstrationen auch in unserer Akademie zum Ausdruck brachte. Meistens waren die angehenden Ingenieure auch während der 1968er Rebellion ziemlich ruhig geblieben, aber nicht in West-Berlin. Dort gingen viel mehr Studenten auf die Barrikaden als anderswo. Hier war das Zentrum der studentischen Revolte. Bestimmt hatte der Direktor die Absicht, mich mit dieser Frage zur „Vernunft“ zu bringen. Nach einigen Sekunden des Nachdenkens hatte ich eine sehr einfache Antwort für ihn:

„Nein, weder Ingenieur noch Revolutionär. Ich will nach Südafrika!“ „Weißt du was, ich will weder Revolutionär noch Ingenieur werden, ich will auswandern und mir Südafrika anschauen. Basta“. Daraufhin nahm ich meine Sachen, verließ die Akademie und ging nach Hause. Immo, meine Stiefmutter, war am nächsten Tag überrascht, mich in meinem Bett liegend vorzufinden, und fragte, ob ich denn nicht vorhabe, zur Akademie zu gehen. Schließlich gehöre es doch zum Leben, sich fortzubilden. Ich erwiderte ihr, dass ich keine Lust dazu hätte, mir reiche es, ich wolle nicht mehr. Ich erzählte ihr, dass ich nicht mehr studieren wollte, sondern für mich zu 100 Prozent feststünde, dass 11


ich nach Südafrika auswandern würde. So schlimm fand sie das nicht. Ich glaube, eigentlich fand sie das ganz in Ordnung – zumindest, dass man sich andere Alternativen anschaute. Trotzdem rief sie gleich meinen Vater an, der gerade in Saulgrub bei Oberammergau weilte, und dort sein Ferienhaus bauen ließ, das er dann später auch gerne als Ruhesitz nutzen wollte. Er war dabei, die Arbeiten zu kontrollieren. Wir erwarteten ihn in einigen Tagen zurück. Er kam jedoch schon am selben Tag zurück und wollte natürlich von mir wissen, warum ich mich denn so überraschend entschieden hätte. Viele alte Dinge kamen wieder hoch: er erzählte mir, schon früher eine Arztpraxis seines Professors Vogler am Kurfürstendamm geleitet zu haben, die er dann eigentlich übernehmen und an mich weitergeben wollte. Da ich aber kein Interesse am Medizinstudium zeigte oder zumindest kein Abitur machen und somit auch kein Arzt werden wollte, musste er den Traum aufgeben. Also hatte er sich seinen Herzenswunsch nicht erfüllen können.

„Achim, Du musst was Vernünftiges lernen …“ Nun war er ganz überrascht, dass ich auch nicht Ingenieur werden wollte, obwohl ich das doch zugesagt hatte. Ich will dem Folgendes vorausschicken: Nach meiner Mechaniker Lehre bei der AEG, die ich mit „Sehr gut“ abgeschlossen hatte, machte ich ein halbjähriges Praktikum bei der AEG. Bei der AEG war ich übrigens der beste Lehrling meines Jahrgangs. Ich bekam deshalb das doppelte Gehalt. In meiner Lehrzeit wurde ich auch Mitglied der Gewerkschaft, der IG Metall. Während des Praktikums spielte ich in Gedanken verschiedene berufliche Varianten durch. Eine Idee war, Kameramann zu werden. Dieser Wunsch hing ein bisschen mit Immo, der zweiten Frau meines Vaters zusammen, die die verschiedensten künstlerischen Berufe ausgeübt hatte: Regisseurin, Schauspielerin, Dramaturgin. Ich rechnete allerdings damals nicht mit dem Widerstand meiner ganzen Familie, einer Ingenieurfamilie: meine Mutter war technische Zeichnerin, mein Onkel war Ingenieur, „Achim, du musst doch was Vernünftiges lernen, du musst doch was Vernünftiges aus dein Leben machen, sonst wird es doch alles nichts. Achim, du musst, du musst.“ Damals war ich noch nicht stark genug, das zu tun, was ich für richtig hielt, und fühlte mich unsicher. Meine Familie passte mir zu dieser Zeit überhaupt nicht. Ich passte da gar nicht hinein. 12

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