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gegen burschentage Bundnis gegen den Burschentag in Eisenach

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März 2011

Burschentag in Eisenach zum Desaster machen Männerbünde auflösen Seit der Wiedervereinigung findet jährlich am Wochenende nach Pfingsten der sogenannte Burschentag der Deutschen Burschenschaft (DB) auf der Wartburg in Eisenach statt. Das erste Wartburgfest 1817 ist wichtiger Bestandteil burschenschaftlicher Geschichte: Neben Reden zur Zukunft der „Deutschen Nation“ stand auch Bücherverbrennung auf dem Programm. Auch heute noch findet ein Fackelzug zum Burschenschaftsdenkmal statt. Hunderte Männer, meist in Anzug und Farben tragend, kommen an diesem Wochenende aus Deutschland und Österreich zusammen. Die örtlichen Unterkünfte sind belegt, die Kneipen sind voll, das Bier fließt in Strömen. Fast könnte man in der touristischen Idylle vergessen, dass es sich hierbei um ein Treffen rechts-konservativer bis neo- nazistischer Männerbünde handelt, das in seinen Grundfesten abzulehnen ist. Aber der Reihe nach:

„Arierparagraphen“ aus dem Jahr 1920 gegeben. Dieser beinhaltete nur noch „deutsche Studenten arischer Abstammung, die sich offen zum Deutschtum bekennen“ aufzunehmen. Konflikte zwischen

Die Nazis von der Deutschen Burschenschaft Die DB vereint jene Studentenverbindungen unter ihrem Dach, die offen nazistische Positionen vertreten. Schon vor dem Nationalsozialismus fanden sich in der DB die Bünde zusammen, die dann auch mit ihrem völkischen Nationalismus, Antifeminismus und glühenden Antisemitismus zu den stärksten Unterstützern der NSDAP gehörten. Die inhaltliche Übereinstimmung war schon im Vorfeld durch Beschlüsse der DB wie dem

werden, drehten sich lediglich um die Führungsansprüche; inhaltlich war man sich einig. In guter Tradition finden sich heute in der DB all jene Bünde wieder, die HolocaustleugnerInnen, GeschichtsrevisionistInnen und AbtreibungsgegnerInnen auf ihre Häuser einladen, Neonazikader und NPD-Abgeordnete stellen. Ihr nationalistisches Deutschlandbild beruft sich auf ein „deutsches Volk“ mit gemeinsamen kulturellen und geistigen Werten, dessen kollektive Basis die deutsche Volksabstammung sein soll. Es werden nur Männer dieser Abstammung in die DB aufgenommen, die durch das Leisten des Kriegsdienstes bewiesen haben müssen ihr „Vaterland“ verteidigen zu können. „Ehre – Freiheit – Vaterland“ ist der Wahlspruch unter den Männern der sich als explizit politisch verstehenden DB, die ihr rechtes Weltbild in der Gesellschaft verbreiten wollen: Unter dem Stichwort „deutsche Teileinheit“ (DB) wird hierbei den heutigen Grenzen der BRD die Anerkennung versagt und sich positiv auf die Grenzen vor 1945 bezogen. Migrant_innen und alles „Fremde“ werden mit rassistischer Hetze bedacht und das „deutsche Volk“ als Schicksalsgemeinschaft der Opfer alliierter Gräueltaten inszeniert.

Ungleichheit auf allen Ebenen

dem Nationalsozialistischen deutschen Studentenbund und den Korporierten, die heute gern als „Widerstand“ verkauft

Hohe berufliche Positionen, Einfluss und Macht sind Ziele der Erziehung von Verbindungen. So entwickeln sich Seilschaften, über die sich Männer mittels Kontakten zu „Alten Herren“ (berufstätige Verbindungsmitglieder) Positionen in hoch angesehenen und

Den Burschentag in Eisenach zum Desaster machen 18. Juni 14 Uhr Hauptbahnhof Eisenach


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relevanten Bereichen der Gesellschaft verschaffen. Verbindungsstudenten sehen sich in einer besonderen gesellschaftlichen und politischen Rolle. Sie verstehen sich als Elite, „Gestalter“ des gesellschaftlichen Lebens und geistige Vorhut. Dieses elitäre Selbstverständnis gepaart mit den hierarchischen und autoritären internen Strukturen der Verbindungen beruht auf Ungleichheitsvorstellungen. Passend zu diesem rechten Weltbild besticht die DB darüber hinaus mit äußerst reaktionären Vorstellungen, was Geschlechterverhältnisse angeht. Frauen haben in den Männerbünden außer als „schmückendes Beiwerk“ nichts verloren. Schließlich seien sie nicht für die harten Ansprüche der Öffentlichkeit und ihrer Gestaltung im nationalen Sinne geschaffen. Ihre Aufgabe bestehe außerdem darin, sich um den Nachwuchs der „deutschen Nation“ zu kümmern. Wer dem Geschlechterdualismus und der Heteronormativität nicht entspricht, bzw. nicht entsprechen will, hat bei Burschen einen schweren Stand. Alternativkonzepte jenseits der vermeintlich „natürlichen“ Ordnung werden nicht akzeptiert. Als Männerbünde stehen Burschenschaften in einer Tradition, die sowohl vermeintlich weibliche Regungen, als auch Schwule unter ihren Mitgliedern nicht duldet. Ihrer Vorstellung zufolge ist die Sexualität rein natürlich und solle sich somit nur zwischen Männern und Frauen abspielen. Männerbünde begrei-

fen sich als „zivilisatorischen Motor“ der Gesellschaft. Ihren Vorstellungen zufolge wird diese Aufgabe durch ausgelebte Homoerotik und Homosexualität gefährdet. Demnach sind Burschenschaften schwulen- und lesbenfeindliche Organisationen.

Die Nazis und ihre guten Freunde im Rest der Gesellschaft Der Opfermythos des „deutschen Volkes“ ist nicht erst seit Guido Knopps Geschichtsklitterei im ZDF ein Dauerbrenner. Somit stehen die zu „Alten Herren“ herangewachsenen Burschen mit ihrem rechten Weltbild nicht alleine da. Das „Gedenken“ in Dresden und die Debatte um die Stiftung „Flucht, Vertreibung, Versöhnung“ sind nur einige Beispiele. Menschenverachtende Einstellungen sind fester Bestandteil der hiesigen Gesellschaft. Ob nun die Sarrazin-Debatte, die von Westerwelle losgetretene Diskussion zu Sozialschmarotzern, rassistische Stereotype oder die Überschneidung von reaktionären heteronormativen Geschlechtervorstellungen und allgemeiner Familienpolitik – es zeigt sich deutlich, dass die DB-Männer zwar äußerst folkloristisch, aber keineswegs vereinzelt oder gar ausgegrenzt daher kommen. Vielmehr passen sie wunderbar in diese Gesellschaft und speisen sich aus ihr.

Editorial Verehrte Leser_innen, in den Händen haltet ihr die Mobilisierungszeitung des Bündnisses gegen den Burschentag in Eisenach. Auch dieses Jahr wird vom 17. - 19. Juni auf der Wartburg in Eisenach der Burschentag der Deutschen Burschenschaft (DB) stattfinden. Unter der Ilumination des alljährlichen Fackelmarsches trifft sich die „Creme de la Creme“ der „großdeuschen“ Studenten-Nazis-Szene. Die Mitgliedsbünde der DB kommen zusammen, um den üblichen Kleinkram zu erledigen, der bei so einem traditionell deutsch-nationalen Verein anfällt: Das Wiederkäuen der eigenen elitären und ach so ruhmreichen Vergangenheit ab 1815. Die Leugnung der Unterstützung der NSDAP, bereits vor 1933. Das Beharren auf „deutsche Ostgebiete“. Kompetente deutsch-nationale Kommentare zum aktuellen Tagesgeschehen. Und freilich das übliche Socialising junger Nazi-Füchse mit den Alten Herren, die ihre Positionen bei NPD, CDU oder Ähnlichem gefunden haben. Genaueres über all dies und was die Deutsche Burschenschaft sonst noch so ausmacht lest ihr diesen sechzehn Seiten. Auf Seite drei hat Jörg Kronauer die Beziehungen zwischen Burschenschaften und der extremen Rechten untersucht und festgestellt, dass die häufig von Burschen beschworene Abgrenzung von konservativen und extrem rechten Burschen mit Vorsicht zu genießen ist. Welche Rolle das Lebensbundprinzip im reaktionären Weltbild der deutschnationalen Korporation spielt, zeigt die Basisgruppe Geschichte aus Göttingen ab Seite vier auf. Auf den darauf folgenden Seiten lest ihr, warum die

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Männerbünde auflösen – die Restscheiße angehen Aus diesem Grund gilt es dem Burschentag der DB in Eisenach exemplarisch für den gesamten gesellschaftlichen Zustand etwas entgegen zu setzen. Mit der Mobilisierung wollen wir an vergangene Proteste anknüpfen und diese neu beleben. Der Burschentag in Eisenach ist ein Paradebeispiel dafür wie sich rechte Inhalte und Strukturen problemlos in die Gesellschaft einfügen: Kaum wer stört sich in Eisenach an dem Burschentag, vielmehr stellt er eine nicht zu verachtende ökonomische Ressource dar; fast alle verdienen am Burschentag. Dann ist es auch egal, dass sich die selbsternannte akademische Elite der völkischen Rechten einfindet. Dies werden wir nicht unkommentiert stehen lassen. Darüber hinaus wollen wir ein klares Zeichen gegen den rechten Konsens dieser Gesellschaft setzen. Reaktionäre Einstellungen sind an jeder Ecke anzutreffen. Deshalb darf sich der Protest nicht mit der Kampagne gegen den Burschentag in Eisenach erschöpfen, sondern muss stets auf eine emanzipatorische Gesellschaftskritik ausgerichtet sein.

Inhalt studentischen Männerbünde Angst vorm Knutschen haben und warum es Sinn macht, am dritten JuniWochenende ins thüringische Eisenach zu fahren und dabei auch die Restgesellschaft im Auge zu haben. Über die Rolle der DB im Nationalsozialismus, die österreichischen Verhältnisse und den aktuellen Geschichtsrevisionismus der DB erfahrt ihr auf den Seiten zehn bis vierzehn Näheres. Auf der letzten Seite findet ihr zur Übersicht nochmal ein Glossar und die Termine unserer Mobi-Veranstaltungen. Mit einer kreativen und kraftvollen Demonstration am Samstag den 18. Juni wollen wir ein klares Zeichen gegen den Burschentag und die deutschen Zustände setzen. Kommt um 14 Uhr zum Hauptbahnhof in Eisenach! Genaueres über das Aktionskonzept wird in nächster Zeit diskutiert. - Organisiert euch und seid kreativ. Falls ihr Mobi-Material oder Mobi-Veranstaltungen in eure Stadt holen wollt, erreicht ihr das Bündnis unter gegenburschentage.blogsport.de. Ansonsten sehen wir uns am 18.06.2011 um 14 Uhr in Eisenach. Eure Redaktion Impressum: V.i.S.d.P.: Elke Fischer Friedrich-Ebert-Straße 10 35039 Marburg Auflage: 20.000

Mit freundlicher Unterstützung vom AStA:Marburg

Peter Ramsauer und die NPD Jörg Kronauer über Gemeinsamkeiten zwischen konservativer Elite und extremer Rechten Die Deutsche Burschenschaft – Elitendünkel und Seilschaften Basisgruppe Geschichte über das Lebensbundprinzip Männer eng verbunden? Burschis kuscheln nicht sub*way über Männlichkeitsideal und Homophobie bei Burschis Eisenach!? ...warum eigentlich nicht. lisa:2 über Sexismus, Nationalismus, Rassimus und Antisemitimus Die Deutsche Burschenschaft im Nationalsozialismus Mareike Berguld über burschenschaftliche und nationalsozialistische Weltsicht zwischen 1918 und 1936 Vienna calling antifa[w] über die Deutsche Burschenschaft in Österreich und deren Ball Wie die Deutsche Burschenschaft mit der Geschichte umgeht Geschichtsrevisionismus der Deutschen Burschenschaft „Die Speerspitze des Antifeminismus...“ Interview mit dem communistischen Kollektiv sub*way Glossar / Termine

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Peter Ramsauer und die NPD Gemeinsamkeiten zwischen der konservativen Elite und der extremen Rechten? Was haben Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer (CSU) und der sächsische Landtagsabgeordnete Jürgen W. Gansel (NPD) gemein? Beide gehören einer Studentenverbindung aus dem Dachverband Deutsche Burschenschaft (DB) an. von Jörg Kronauer

In der DB sind gegenwärtig etwas mehr als 110 Burschenschaften zusammengeschlossen. Sie nehmen ausschließlich Männer auf und fechten mehrheitlich Mensuren. Mitglied kann nur werden, wer Deutscher ist; dies bedeutet in der DB, dass man deutsche Vorfahren haben muss. Männer mit Migrationshintergrund haben, auch wenn sie die deutsche Staatsbürgerschaft besitzen, gewöhnlich nichts in einer Burschenschaft verloren. Das völkische Ab-

1996 ein Teil des konservativen Flügels von der DB abgespalten und die Neue Deutsche Burschenschaft (NDB) gegründet. Das hat die DB personell empfindlich geschwächt. Trotzdem gehören ihr immer noch etwa 1.300 studentische Mitglieder und rund 10.500 Alte Herren an. Auch gibt es bis heute einen konservativen Restflügel in der DB, der öffentlich erklärt, gewisse Probleme mit den NPD-Kontakten so mancher Burschenschaften zu haben. Allerdings ist

immer wieder geäußert. In einem Flugblatt der Alten Breslauer Burschenschaft der Raczeks zu Bonn hieß es im Jahr 2006 über die Wiedergründung Polens im Jahr 1918, „der erste polnische Griff nach deutschen Ostgebieten, bereits während des 1. Weltkriegs und in den Jahren danach“, sei heute für die politische Debatte „kein Tabuthema“ mehr. Im Handbuch der DB vertritt ein Burschenschafter die Ansicht, „die territoriale Souveränität über die Ostgebiete“ liege „weiterhin bei Deutschland“, während Polen sich lediglich „einer geduldeten Nutzung“ erfreue.

Gemeinsamkeit NPD

DB-Burschen feiern sich beim Marktfrühschoppen in Marburg.

stammungsprinzip prägt die gesamte DB in hohem Maße. Deutlich wird das unter anderem darin, dass dem Verband auch Burschenschaften aus Österreich angehören. Das ist möglich, weil Österreicher der völkisch geprägten DB eigentlich als Deutsche gelten - zumindest in kulturellem Sinn. Burschenschaften unterscheiden sich darüber hinaus dadurch von anderen Studentenverbindungen, dass sie sich als politische Organisationen verstehen. Das Verbandsmotto, aus dem die Burschenschaften ihre Politik ableiten, lautet: „Ehre, Freiheit, Vaterland“. Freilich lässt sich die DB nicht auf eine parteipolitische Linie festlegen. Sie zählt unter anderem Politiker von SPD, FDP, CDU, CSU und NPD zu ihren Mitgliedern.

Abspaltungen der NeuenDB Wegen der notorischen Rechtsaußen-Aktivitäten einer ganzen Reihe von Burschenschaften hat sich im Jahr

dieser Restflügel spätestens seit der Gründung der NDB in den 1990er Jahren in der Minderheit und verliert weiter an Einfluss, da immer wieder einzelne konservative Bünde frustriert die DB verlassen. Der rechte Flügel der DB hingegen befindet sich seit den 1990er Jahren in der Offensive. Fest organisiert ist ein bedeutender Teil dieses Flügels in der Burschenschaftlichen Gemeinschaft (BG), einem innerverbandlichen Zusammenschluss von rund 40 Bünden, der in Auseinandersetzungen in der DB ziemlich geschlossen auftritt und sich regelmäßig durchsetzen kann. Die Ansichten, die die BG vertritt, kann man ihren „Standpunkten“ entnehmen. Darin heißt es unter anderem, es habe „keine freiwillige Abtretung der Ostgebiete“ des Deutschen Reiches stattgefunden; in der Tatsache, dass diese heute zu anderen Ländern gehörten, liege „eine einseitige Verletzung des Völkerrechts“. Kritik an den bestehenden europäischen Staatsgrenzen wird auf dem rechten Flügel der DB

Für Diskussionen sorgen in der DB in der letzten Zeit Bestrebungen aus der NPD, mit Hilfe von Studentenverbindungen stärkeren Einfluss an den Hochschulen zu erlangen. Ende 2009 druckte das Verbandsorgan Burschenschaftliche Blätter ein Gespräch zwischen einem NPD-Burschenschafter und zwei Verbandsbrüdern, die der Partei nicht mit Sympathie gegenüberstehen. Die beiden wiesen auf ein NPD-Rundschreiben hin, in dem Jürgen Gansel (Burschenschaft Dresdensia Rugia, NPD) geäußert habe, die Partei hoffe nach ihren Wahlerfolgen in Sachsen nun auf eine „Sogwirkung im rechtsgerichteten Studenten- und Verbindungsmilieu“. Zugleich habe NPD-Chef Udo Voigt erklärt, er sei für Parteibeitritte aus den neonazistischen Freien Kameradschaften offen. „Können Sie ein Unbehagen bei der Vorstellung verstehen“, war in den Burschenschaftlichen Blättern zu lesen, „daß Burschenschaften und militante Skinhead-Gruppierungen über die ‚gemeinsame Klammer NPD‘ in einem Atemzug genannt werden können?“ Die politische Bedeutung der NPD-Kontakte erschließt sich bei einem Blick auf die Mitglieder der Burschenschaften, die sich auch dieses Jahr zum Burschentag in Eisenach versammeln. So gehören der Burschenschaft Dresdensia Rugia zu Gießen die sächsischen NPD-Landtagsabgeordneten Arne Schimmer und Jürgen Gansel an. Die Münchener Burschenschaft Franco-Bavaria zählt mit Peter Ramsauer den deutschen Verkehrsminister zu ihren Mitgliedern, die Münchener Burschenschaft Arminia-Rhenania mit Hans-Peter Uhl den innenpolitischen Sprecher der CDU/CSU-Fraktion im Deutschen Bundestag. Uhl forderte jüngst, die Bundesmittel für den Kampf gegen rechts müssten zugunsten der Bundesprogramme gegen den sogenannten Linksextremismus „umverteilt werden“. Den Burschenschaftern in der NPD kann es nur recht sein, wenn ihr Verbandsbruder im Bundestag den zivilgesellschaftlichen Initiativen gegen rechts die Mittel stutzt.

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Die Deutsche Burschenschaft - Elitendünkel und Seilschaften Das Lebensbundprinzip: Alt und ge�ährlich? Die Deutsche Burschenschaft (DB) ist ein Dachverband 120 rechtskonservativer Burschenschaften, die in den letzten Jahren vor allem durch ihre immer wieder offen gelegten Verbindungen zu neofaschistischen Kräften auffielen. Diese Männerbünde, generationsübergreifend durch das Lebensbundprinzip verbunden, waren eine wichtige gesellschaftliche Stütze im militärisch geprägten Deutschen Kaiserreich, eine entschieden antidemokratische Kraft in der Weimarer Republik und ihre Mitglieder unterstützten zur Zeit des Nationalsozialismus ideologisch und organisatorisch das faschistische Regime. Heutzutage finden sich, entsprechend dieser Tradition, immer wieder Burschenschafter der DB in den Reihen der NPD-Funktionäre und der rechten Presse. Des Weiteren versuchen die Alten Herren durch den regen Gebrauch von Seilschaften den jüngeren Verbandsmitgliedern in gesellschaftliche Führungspositionen zu verhelfen, entsprechend ihrem Selbstbild als akademische Elite der deutschen Nation. von Basisgruppe Geschichte, Göttingen

Mitgliedsverbände der Deutschen Burschenschaft befinden sich in Deutschland und Österreich. Nach eigenen Angaben ist sie in 50 Hochschulstädten vertreten, womit die Deutsche Burschenschaft mit 1.300 Aktiven und 10.000 Alten Herren der zweitgrößte Korporiertenverband Deutschlands wäre. Die meisten von ihnen werden sich auch dieses Jahr wieder vom 17. - 19. Juni in Eisenach zum Burschentag der Deutschen Burschenschaft treffen. Doch was ist nun so schlimm an diesem studentischen Männerbund? Wie ist er historisch einzuordnen? Wie trägt das in den Statuten der Deutschen Burschenschaft fest verankerte Lebensbundprinzip und die daraus resultierenden Seilschaften konservativer deutschnationaler Männer in Politik, Wirtschaft und Medien zur Reproduktion und Verstärkung gesellschaftlicher Ungleichheit bei? Und welche reaktionären und diskriminierenden Wertvorstellungen stecken dahinter?

tums-Politik zu den Charakteristika vieler Korporationen und so verwundert es auch nicht, dass viele Burschenschafter begeistert in den Ersten Weltkrieg zogen. Nach dem Scheitern der deutschen imperi-

Eine kurze Entstehungsgeschichte Die Deutsche Burschenschaft entstand im Jahr 1881 zunächst als Allgemeiner Deputierten-Convent und wechselte zu ihrem jetzigen Namen im Jahr 1902. Wie die meisten deutschen Studentenverbindungen gingen die unter der DB vereinigten Burschenschaften aus den Kämpfen der deutschen Königreiche und Fürstentümer gegen das napoleonische Frankreich hervor, das damals in Europa eine Vormachtstellung inne hatte. Nach dem Krieg schlossen sich viele der von der Idee einer deutschen Nation begeisterten Studenten der 1815 gegründeten Jenaer Urburschenschaft an, um den Kampf für ein geeinigtes Deutschland auch in Friedenszeiten weiterzuführen. Zu diesem Zweck trafen sich viele deutsche Burschenschafter im Jahr 1817 zum ersten Wartburgfest in Eisenach. Bei antisemitischen Bücherverbrennungen und anti-französischen Hetzreden wurde dort die „deutsche Nation“ beschworen. Das völkische und ausgrenzende Verständnis des „deutschen Vaterlandes“ und die völkische Ideologie, welche die DB mit ihrem „volkstumsbezogenen Vaterlandsbegriff“ auch heute noch explizit vertritt, waren also schon in der Gründungsphase der Burschenschaften angelegt. Stand das zweite Wartburgfest im Jahr 1848 noch im Zeichen der bürgerlichen Revolution, verschwanden nach ihrem Scheitern allerdings die „progressiven“ Kräfte aus den Reihen der Burschenschafter, und nationalistische und konservativ-reaktionäre Einstellungen gewannen die Oberhand. Während der wilhelminischen Ära gehörte eine aggressive Deutsch-

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Verschönertes Burschenschafterdenkmal am Marburger Rudolphsplatz

alistischen Großmachtstrebens durch die Niederlage im Ersten Weltkrieg und den Zusammenbruch des deutschen Kaiserreichs spielten Burschenschafter und andere Korporierte eine entscheidende Rolle bei der


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Bekämpfung der Novemberrevolution und der von ihr vermeintlich ausgehenden Gefahr des Bolschewismus. Denn sie stellten einen wesentlichen Teil der sich formierenden Freikorps, eben jenen antikommunistischen, republikfeindlichen und antidemokratischen Paramilitärs, welche die Novemberrevolution militärisch niederschlugen und zum Beispiel an der Ermordung Rosa Luxemburgs und Karl Liebknechts beteiligt waren. Offener Antisemitismus und Rassismus wurde schon früh in den Statuten der Burschenschaften festgeschrieben. So fasste die DB im Jahr 1920 den Beschluss: „Die Burschenschaft steht auf dem Rassestandpunkt, deshalb dürfen nur deutsche Studenten arischer Abstammung, die sich offen zum Deutschtum bekennen, in die Burschenschaft aufgenommen werden.“ Ab Mitte der 1920er Jahre arbeiteten viele Studentenverbindungen mit NS-Organisationen zusammen und die DB fasste konsequenterweise im Jahr 1932 den Beschluss: „Die Deutsche Burschenschaft bejaht den Nationalsozialismus als wesentlichen Teil der völkischen Freiheitsbewegung.“ Im Jahr 1935 löste sich zwar die Deutsche Burschenschaft auf, die meisten ihrer Mitglieder fanden jedoch im Nationalsozialistischen Deutschen Studentenbund (NSDStB) eine neue Heimat. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden Studentenverbindungen aller Art zunächst auf Grund ihrer Unterstützung des Nazi-Regimes verboten, konnten sich jedoch in der Folgezeit schnell wieder neu gründen, da sich in der Bundesrepublik Deutschland Burschenschafter in gesellschaftlichen Führungspositionen bei den westlichen Alliierten im Kampf gegen die „kommunistische Gefahr“ als nützlich erwiesen. Die antisemitischen Bücherverbrenner und nationalsozialistischen Studentenführer von damals nahmen nun also weiterhin als Alte Herren Einfluss auf gesellschaftliche Vorgänge und gaben ihre Sichtweisen und politischen Einstellungen an ihre Nachfolger in den Verbindungen weiter.

eine Beibehaltung der Werte und Normen. Es bietet auch die Grundlage dafür, dass sich Seilschaften in allen Bereichen des öffentlichen Lebens herausbilden können, indem Alte Herren ihre Verbandsbrüder unterstützen und ihnen zu einflussreichen Stellungen in Politik, Wirtschaft und staatlichen Behörden verhelfen. Korporierte sind heutzutage, trotz tendenziell sinkender Mitgliederzahlen, immer noch überdurchschnittlich stark in gesellschaftlichen Führungspositionen vertreten: Obwohl sie nur rund 1% aller Studierenden ausmachen, sind 20% aller Vorstandsvorsitzenden Mitglied in der einen oder anderen Verbindung. Auch die Deutsche Burschenschaft ist bei der Rekrutierung

Die Deutsche Burschenschaft heute Die Verbindungen der Deutschen Burschenschaft sind Männerbünde, die nach innen straff hierarchisch und autoritär organisiert Ein Männerbund - ein Bund fürs Leben sind. Im ersten Jahr, in dem ein Student einer Bur- von deutschnationalen Konservativen bis rechtsradischenschaft beigetreten ist, muss er als Fuchs das kalen Nationalisten in gesellschaftliche FührungspoRegelwerk, den so genannten Comment, und die da- sitionen erfolgreich. Mit Arne Schimmer und Jürgen mit einhergehenden Verhaltensweisen verinnerlichen. Gansel entstammen gleich zwei Abgeordnete der Ihm übergeordnet ist dabei der Fuchsmajor, ein neofaschistischen NPD im sächsischen Landtag der älteres Verbindungsmitglied, der ihm am Ende dieser Burschenschaft Dresdensia-Rugia zu Gießen. Auch Probezeit eine Prüfung abverlangt. Auf ihren Zusam- in den Reihen der rechtskonservativen CSU sind menkünften, den Conventen, wählen die Verbindung- Deutsche Burschenschafter zu finden. Zu nennen sangehörigen aus ihrer Mitte so genannte Chargen, wären hier Hans-Peter Uhl, innenpolitischer Sprecher die ihre Burschenschaft auf überregionalen Conventen der CDU/CSU Fraktion im Bundestag, in seiner vertreten. Wie in allen Studentenverbindungen gilt in Studienzeit teil der Activas der Burschenschaft Arder DB das Lebensbundprinzip. Demzufolge endet minia-Rhenania München, und Bundesverkehrsminister eine Mitgliedschaft nicht mit dem Verlassen der Peter Ramsauer (CSU), Alter Herr der Münchner Hochschule, sondern man(n) bleibt idealerweise ein Burschenschaft Franco-Bavaria. Weiter wäre noch Leben lang Mitglied und nimmt, einmal im Berufsle- Kai Diekmann, Chefredakteur der Bild-Zeitung, zu ben angekommen, im Altherrenverband durch finan- nennen, der während seines Studiums Mitglied in der zielle Zuwendungen Einfluss auf die Geschicke der Burschenschaft Franconia in Münster wurde. Die von Verbindung. Das Lebensbundprinzip garantiert nicht ihm geleitete Boulevardzeitung erregte zum Beispiel. nur einen geringen Wechsel der Personen und damit im September 2010 Aufsehen, als sie unter dem

Titel „Das wird man doch noch sagen dürfen“ das rassistische und menschenverachtende Werk eines Thilo Sarrazin verteidigte und diesem mit einer fünfteiligen Serie eine Plattform bot.

Elitendenken und die Ideologie der Ungleichheit Burschenschaften verstehen sich selbst als Ausbildungsstätten der gesellschaftlichen Elite von morgen. Bei der Rekrutierung neuer Verbandsbrüder werben sie mit beruflichen Vorteilen, die aus einer Mitgliedschaft resultieren können, und bieten häufig Stipendien oder Hilfe beim Einstieg in das Berufsleben an. Abheben möchten sie sich dabei von dem Rest der Studierendenschaft, der ihrer Meinung nach abzuwertenden ungebildeten Masse. Erklärtes Ziel ist es, die einflussreichen und herrschenden Kreise in dieser Gesellschaft mit eigenen, sprich rechtskonservativen Leuten zu besetzen. Zu den Voraussetzungen einer Mitgliedschaft in der DB schreibt die Deutsche Burschenschaft beispielsweise auf ihrer Homepage: „Es bedeutet vor allem die freiwillige Verpflichtung, sich für die ideellen Ziele einzusetzen, die im Wahlspruch der Deutschen Burschenschaft ,Ehre – Freiheit – Vaterland‘ umrissen werden.“ Diese Besetzung der gesellschaftlichen „Elite“ mit ideologisch gleichgesinnten deutschen Männern ist ein höchst undemokratisches Verfahren. Sie verurteilt z.B. Migrant_innen oder Frauen zu sozialen Randgruppen und führt dazu, dass sich konservative Wertvorstellungen in der öffentlichen Meinungsbildung immer weiter wiederholen. Burschenschafter stützen die bestehenden kapitalistischen Strukturen und prägen sie dabei in nicht unbedeutender Weise mit ihren reaktionären und autoritären Werten wie Sexismus, Rassismus und Nationalismus. Im Endeffekt versucht eine einheitliche soziale Gruppe die gesellschaftlichen Führungspositionen zu besetzen und ideologisch zu dominieren. Einem solchen Anspruch der exklusiven Förderung einer Minderheit muss im Umkehrschluss eine Missachtung oder gar Verachtung der außerhalb der Eliten stehenden oder ihr Elitendenken ablehnenden Rest-Gesellschaft zugrunde liegen. Dementsprechend hebt sich die Deutsche Burschenschaft auf ihrer Homepage als Verein explizit von der Universität ab, die dort als „Massenausbildungsstätte“ herabgesetzt wird. Die humanistische Forderung nach uneingeschränkter Bildung für alle und den damit verbundenen Chancen zur freien Lebensgestaltung aller Menschen wird untergraben: Von einer privat finanzierten, elitär gesinnten Gruppe, deren gesellschaftlicher Aufstieg zudem an die autoritäre Anforderung geknüpft ist, sich den Prinzipien der jeweiligen Verbindung unhinterfragt unterzuordnen. Diese Ideologie der Ungleichheit wird mit anderen Studentenverbindungen geteilt. So formulierte in den 1990er Jahren der ehemalige Innenminister Manfred Kanther (MItglied des Corps Guestphalia et Suevoborussia, KSCV) sehr treffend: „Wir wollen auch weiterhin national gesinnte Menschen in alle führenden Berufe unserer Gesellschaft entsenden.“

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Männer eng verbunden? Burschis kuscheln nicht! „Nur mal unter sich sein wollen...“ Warum Burschis nicht kuscheln, obwohl sie so eng miteinander verbunden sind, was sie gegen Schwule haben, wie stattdessen ein „richtiger“ Mann aussehen soll und weshalb sie sich in reinen Männerbünden organisieren... von sub_way (communistisches kollektiv), Göttingen

Immer zu Semesterbeginn kann man sich über seltsame Anzeigen wundern: Da werden für billige Zimmer mit Billardtisch und eigener Hauskneipe explizit männliche Studenten gesucht. Klar, da handelt es sich um Studentenverbindungen. Nur ein Bruchteil der Verbindungen ist gemischt und es gibt nur eine sehr kleine Anzahl von Frauenverbindungen. Sämtliche in der DB organisierten Burschenschaften jedoch sind reine Männerbünde. „Ganz einfach, es gibt ja auch keine gemischten Fußballmannschaften. Das soll nichts Ausgrenzendes sein, sondern etwas Integrierendes für jene, die dabei sind. Wir sagen ja nicht: Frauen dürfen hier nicht herkommen. Sie dürfen nur kein Mitglied werden.“ So oder so ähnlich begründen den Ausschluss von Frauen wohl die meisten der Korporierten, die Mitglied einer DB-Burschenschaft sind. Das ist nicht so harmlos, wie es vielleicht klingt. Denn der Ausschluss von Frauen ist keine Laune, sondern das Wesen von Männerbünden. Das zeigt sich auf verschiedene Weise: Wie die Burschis sich gegenseitig zu „echten Männern“ mit all der dazugehörigen Härte erziehen, was sie über Frauen und Schwule denken und wie sie sich „Geschlecht“ vorstellen. Auch wenn sie äußern mögen, dass sie doch ziemlich tolerant seien und „Abweichungen von der Norm“ akzeptieren, ist eben bereits diese Auffassung diskriminierend. Und sie arbeiten nicht etwa daran, Diskriminierungen zu mindern, sondern feilen weiter an der Norm, indem sie versuchen eine ideale Männlichkeit auszubilden. Dies ist in den burschenschaftlichen Strukturen und Traditionen zentral.

Wo keine Kehle und kein Auge trocken bleibt... Was einen „richtigen Mann“ ausmacht, davon haben die Burschenschaften ziemlich genaue Vorstellungen, die sie in Ritualen einüben. So beschwören sie in ihren Liedern zentrale Merkmale der von ihnen angestrebten männlichen Gemeinschaft: Der Mann soll Ehre, Treue, Leistung, Disziplin mitbringen. Elementare Ausdrucksformen davon sind auch Mensur und Saufen: „Schwenkt der Schläger blanke Klingen, Hebt die Becher, stoßet an! Unser Streben, unser Ringen, aller Welt sei‘s kundgetan. Laßt das Burschenbanner wallen, haltet‘s hoch mit starker Hand, Brausend laßt den Ruf erschallen: Ehre, Freiheit, Vaterland!“ (Burschenschafterlied)

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Das gemeinsame Schmettern deutschen Liedguts schweißt die Männerrunde eng zusammen: Das Gemeinschaftsgefühl und das Gefühl, Teil von etwas Höherem zu sein, wird auch über emotionale Ergriffenheit hergestellt. Dazu trägt unter anderem das ritualisierte Besäufnis bei: In Trinkspielen und hierarchisierten Abläufen findet das absolute Aufgehen in der Männergemeinschaft statt. Schon die Existenz des „Bierpapstes“ (des Kotzbeckens) deutet darauf hin, worum es hier geht: Über die eigenen Grenzen hinaus zu gehen. Es bedarf großer Härte gegen sich selbst, bis zum Kotzen (und darüber hinaus) bedingungslos weiterzutrinken, weil es so gefordert wird. Auch wenn Gäste mittrinken dürfen: Weibliche dürfen es nie – selbst dann nicht, wenn sie selber korporiert sind. Denn das Ausleben enthemmter Emotionen kann nur in der sicheren Geborgenheit heterosexueller Männerrunden stattfinden. Um diesen Kontrollverlust auszugleichen, gibt es die Einrichtung der Mensur. Diese dient den Burschen dazu, Hingabe an die Gemeinschaft, also die Aufgabe der Individualität ohne Rücksicht auf Befindlichkeiten, einzutrainieren. Die Bereitschaft, Schmerzen für das Ganze auf sich zu nehmen, entspricht der Bereitschaft, sich zu opfern. Nur wer Schmerzen und Härte aushalte, also zu Selbstbeherrschung und Disziplin fähig sei, könne einen starken Charakter ausbilden. Nur wer charakterstark sei, könne Leistung erbringen. Nur wer dies kann, ist männerbundfähig. Hier herrscht die Vorstellung vor, Männlichkeit bestünde aus einem Höchstmaß an Ertragen-Können, aus einer Gleichgültigkeit gegenüber dem Schmerz: „Dabei wird zwischen dem eigenen und dem anderer nicht einmal so sehr fest unterschieden. Wer hart ist gegen sich, der erkauft sich das Recht, hart auch gegen andere zu sein, und rächt sich für den Schmerz, dessen Regungen er nicht zeigen durfte, die er verdrängen musste.“ (Theodor W. Adorno: Erziehung nach Auschwitz) In dieser Logik steckt schon der Kern der Ausgrenzung: „Ich kann Schmerz aushalten, also musst du es auch können. Wenn du es nicht kannst, gehörst du nicht dazu.“ Und nicht dazu gehören heißt, den Anforderungen von Männlichkeit nicht zu entsprechen. Denn die Burschenschaften sehen die Mensur auch als Treuebeweis und Selektionskriterium: „Wer nicht auf seine eigene Leistung vertrauen kann, wer die Feigheit dem Mut vorzieht, wer lieber bequem als diszipliniert ist, wer persönliche Vorteile höher bewertet als die Gemeinschaft, ist nicht dazu geeignet, Teil einer solchen Gemeinschaft zu werden.“ (Burschenschaftliche Gemeinschaft in der DB)

Und sie kuscheln doch...

Um selbst jedoch diesen Anforderungen Genüge zu tun und nicht etwa an den „Selektionskriterien“ zu scheitern, muss eine Menge verdrängt werden. So werden all diejenigen ausgegrenzt, bei denen Feigheit, Bequemlichkeit und Schwäche vermutet werden. Historisch wurden diese Merkmale bei Frauen, sowie „verweiblichten“ Juden und Schwulen ausgemacht. Auf sie wurden die verdrängten Regungen projeziert. So konnte sich der Männerbund von ihnen abgrenzen. Nicht von ungefähr verstärkte sich der Männerbundgedanke, als sich Frauenemanzipation, Homosexualität und „Perversionen“ zu Beginn des 20. Jahrhunderts ausbreiteten.

Warum Burschis nicht mit Burschis knutschen... Der Schwäche der „Verweiblichten“ wird das burschenschaftliche Männlichkeitsideal entgegengesetzt. Nur durch den starken Willen, die Fähigkeit „Herr


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über sich selbst“ sein zu können, die Kontrolle nicht aufzugeben, das übergeordnete Ziel im Auge zu haben und Leistung zu erbringen, können die Einzelnen im Männerbund zu Trägern gesellschaftlicher Entwicklung werden. So verstehen sie sich, wenn sie sich in der Rolle der formenden, gesellschaftlichen Elite sehen. Wie in Bezug auf Mensur und Trinkspiele erwähnt, müssen die Burschenschafter so Einiges verdrängen. Aggression hilft dabei im Kampf gegen die eigenen „weiblichen Züge“. Die männliche Homosexualität widerspricht burschenschaftlichen Idealen, weil hier Kontrolle aufgegeben wird und einer „passiv“ sein muss, „verweiblicht“. Sexualität im Allgemeinen wird als Gefahr für die Produktivität des Männerbundes empfunden, da hier Energien

gem Geschlecht in Szenen germanischer Mythologie. Das entspricht einer Dramatisierung der Männerrolle, die zugleich die verdrängte Homoerotik offenbart und die Verquickung mit Esoterik und der Aura des Geheimnisvollen offenlegt. Die männliche Verschworenheit kann kaum besser ausgedrückt werden, als in dieser Höhlenmalerei ähnelnden Darstellung.

Von „Genderwahn“ und „Gender – Totalitarismus“ Alle Versuche die Geschlechterordnung aufzubrechen gefährden die männliche Rolle des Burschenschafters. So halluziniert er sich „Genderwahn“ und „GenderTotalitarismus“ als Bedrohung der Gesellschaft herbei.

Deckengemälde im Burschenschaftsdenkmal in Eisenach

verschwendet würden, die sich eigentlich in Leistung umsetzen ließen: Deshalb die Angst vor „Beziehungsdramen“ oder „Verführung“, wenn Frauen auf den Häusern wären, wie von Burschen immer wieder angeführt. Nur so lässt sich die emotionale Bindung auf die Gemeinschaft, die Kameradschaft beziehen, dem „Höheren“ huldigen, was nicht selten in Opferbereitschaft gipfelt – siehe die Selbstverletzung in der Mensur. In dieser emotionalen Gemeinschaft, dem Männerbund, soll der Mann seine Fähigkeiten voll ausschöpfen können. Deshalb die panische Angst vor offener homoerotischer Annäherung: Das gesamte homosoziale Gefüge würde durch Sexualität unter Männern zerbrechen. Knutschen verboten! Durch phallische Darstellungen - wie das Burschenschaftsdenkmal in Eisenach - ist das verdrängte Schwul-Sein dennoch permanent gegenwärtig. Auch das Mosaik an der Decke des Denkmals offenbart die homoerotische Anziehungskraft: abgebildet sind kraftstrotzende nackte männliche Körper mit mächti-

Denn sein Weltbild ist ein biologistisch-evolutionistisches. Er braucht den Rückgriff auf Natur, um seine Ordnungsvorstellungen festzuschreiben. Den Glauben an die Naturhaftigkeit anzukratzen, gefährdet demnach auch andere Bereiche des Burschi-Weltbildes. Die Geschlechterordnung in Frage zu stellen, verunsichert die eigene Identität: „Bei Problemlösungen ist bei Männern hauptsächlich nur eine Gehirnhälfte in Verwendung, bei Frauen aber fast immer beide. Das heißt, stammesgeschichtlich können Männer besser abstrahieren, was etwa in Kampfsituationen lebenserhaltend sein kann. Frauen denken dagegen meistens „ganzheitlich“, was etwa für die Mutterschaft von besonderer Bedeutung ist.“ Frauen und Männer werden für ewig auf bestimmte Stereotype und Fähigkeiten festgeschrieben – Emanzipation erscheint der Natur entgegengesetzt und damit schädlich: „Und Gender-Mainstreaming ist eine solche schädliche Entwicklung. Es wird versucht (denn gelingen kann es nicht), stammesgeschichtlich über viele

Millionen von Jahren gewachsene Eigenschaften „intellektuell abzutrainieren“. Das ist (...) Unfug, der (...) enormen Schaden anrichtet, wenn man ihn nicht einbremst. (...) Wir Burschenschafter müssen, so meine ich, mitwirken, diese Fehlentwicklung einzubremsen und der Alltagsvernunft, dem Hausverstand der Mehrheit der Bevölkerung wieder zur Geltung verhelfen.“ Hier spricht die paranoide Furcht vor einem allgegenwärtigen Angriff auf ihre Geschlechtsidentität, die deshalb umso krampfhafter aufrecht erhalten wird. Es braucht diese Vorstellung einer feministischen Übermacht, um das Festhalten am Männerbund rechtfertigen zu können. Zudem stellt man sich eine linke Hegemonie vor, die in allernächster Zeit den „geschlechtslosen Menschen“ etabliert. Deshalb die ritualisierte Versicherung der eigenen Männlichkeit und die Abwertung des Weiblichen. Auch die Deutungsmacht darüber, was eine Frau ist, was ihre gesellschaftliche Rolle ist, sowie das Bestimmen über den Frauenkörper, trägt dazu bei. Davon zeugen etwa Vorträge wie der eines „Lebensschützers“ in der Burschenschaft Hannovera in Göttingen 2009 unter dem Titel „Ein Volk entsorgt seine Kinder. Die Normalität der Abtreibung und das Recht auf Leben im real existierenden Liberalismus“. Insgesamt kann eine Frau als entweder respektabel oder nur als verfügbar angesehen werden. Auch die Frauen aus dem eigenen Lager haben einen schweren Stand. Obwohl „Damenverbindungen“ weder emanzipatorisch sind, noch eine wirkliche „Gefahr“ für die Burschenschaften darstellen, wird auch am Umgang mit ihnen die Frauenfeindlichkeit deutlich. Sie gründeten sich als Reaktion auf männliche Vorherrschaft, um ebenfalls elitäre Seilschaften hervorzubringen. Der geschätzte Gesamtanteil von Frauen in Verbindungen (inklusive Damenverbindungen) beträgt jedoch gerade einmal ein bis fünf Prozent. Obwohl im Zuge der 68er teilweise Verbindungen für Frauen geöffnet wurden, bleiben diese eine Bastion der Männer. Die reaktionärsten von ihnen sind die Burschenschaften in der DB, in der sich nur schlagende Männerbünde organisieren. Insgesamt werden „Damenverbindungen“ von Männerverbindungen lediglich als Freundinnen ernst genommen – an der Kneiptafel sitzen dürfen sie nicht. Doch zum Glück gibt es tatsächliche Bedrohungen für Männerbünde. Ihre maßlose Überschätzung des eigenen Geschlechts wird durch feministische Bestrebungen in Frage gestellt. Das gelingt bei den antiquiert und patriarchal daherkommenden Burschenschaften noch ganz gut. Um die restlichen Männerbünde der Gesellschaft – Fußballmannschaften, katholische Kirche, Unternehmensvorstände, Bundeswehr und so weiter – zu knacken, müssen wir wahrscheinlich noch wesentlich hartnäckiger sein.

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Eisenach!? ... warum eigentlich nicht Kein Applaus �ür Scheiße Der Fackelmarsch der Burschenschaften in Eisenach ist ein besonders leuchtendes Beispiel für ihre reaktionär Einstellungen und Verhaltensweisen. Dass von Burschenschaftern keine Erleuchtung zu erwarten ist, sollte klar sein. Aber genau die gleichen Muster sind auch in allen anderen Teilen der Gesellschaft zu finden. Diese Zusammenhänge sollen hier etwas erhellt werden, um ein wenig Licht ins Dunkel zu bringen. von lisa:2, Marburg

Jedes Jahr eine Woche nach Pfingsten treffen sich in Eisenach die Burschenschafter der Deutschen Burschenschaft (DB) um ihr Verbandstreffen abzuhalten. Sie versammeln sich auf der Wartburg halten dort Reden und marschieren bei Anbruch der Dunkelheit in einem Fackelumzug zum Burschenschafterdenkmal. Die militärische Wirkung eines uniformierten Fackelmarsches ist kein Zufall. Dass das Burschenschafterdenkmal mit einem Denkmal zur „Ehrung der Gefallenen Burschenschafter der beiden Weltkriege“ verbunden ist, zeigt den engen Bezug der Deutschen Burschenschaft zum Nationalsozialismus. Noch deutlicher wird das in ihren Reden und Mitteilungen: Die DB lehnt die heutigen Grenzen der Bundesrepublik Deutschland ab und viele ihrer Mitglieder feiern den 3. Oktober als „Tag der Deutschen Teileinheit“. Dies soll wohl sagen, dass noch Gebiete für ein vereintes Deutschland fehlen. Dass damit unter anderem Teile von Polen gemeint sind, ist dann nicht mehr schwer zu erraten. In ihrem täglichen Leben als Burschenschafter lassen sich viele Meinungen, Einstellungen und Verhaltensweisen erkennen, die schlicht abzulehnen sind. Dies bezieht sich allerdings nicht nur auf Verbindungsstudenten, sondern findet sich in der gesamten Gesellschaft wieder. Bei einigen Einstellungen sind die Gemeinsamkeiten und Überschneidungen besonders deutlich.

bringt sie auf „natürliche“ Weise zu der Rolle der fürsorglichen Mutter und der begleitenden Dame, die sich um den Mann kümmert. Demgegenüber seien „Männer“ die starken Personen, die nach Macht streben und wehrhaft sind. Alles, was davon abweicht, wird als unmännlich empfunden. Die Norm ist „der Mann“. Beziehungen zwischen Männern müssen nach diesem Rollenverständnis auf einer freundschaftlich kumpelhaften Ebene bleiben. Wird dies nicht „eingehalten“, drohen gesellschaftliche Strafen. Nationalismus bedeutet für uns jegliche Form von positivem Bezug auf die Nation. Dabei kann es keine Unterscheidung zwischen vermeintlich „gutem“ Patriotismus und bösem Na-

ein vermeintlicher Zusammenhang hergestellt, dem sich alle und alles unterzuordnen hat. Wer da nicht dazu gehört, wird als Fremdkörper angesehen und ist damit außen vor oder zumindest „exotisch“. Außen vor ist man auch, wenn man nicht zufällig deutsche Vorfahren hat. Zur Feststellung der Staatsangehörigkeit wird nach deutschem Recht Bezug auf die Blutsverwandtschaft genommen – es muss „deutsches Blut“ geben, das in den Adern fließt und wohl irgendwie anders ist als beispielsweise „polnisches Blut“. Auf diese Weise wird eine Volksgemeinschaft konstruiert, zu der man von Geburt an dazu gehört oder eben nicht. Auch dies ist eine Form von Nationalismus – ein völkischer Nationalismus. Hartnäckig hält sich auch die Vorstellung, es gebe verschiedene menschliche „Rassen“, denen einzelne Personen anhand körperlicher Merkmale wie Haar-, Haut- oder Augenfarbe zugeordnet werden könnten. Diesen

Einige -ismen Sexismus findet sich in der DB und seinen Mitgliedsbünden an allen Ecken und Enden, aber auch in anderen Teilen der Gesellschaft braucht man nicht lange zu suchen. Es existieren bestimmte Rollenbilder mit denen „Frauen“ und „Männer“ verbunden werden. So werden „Frauen“ bestimmte Verhaltensweisen und Eigenschaften zugeschrieben: Sie könnten besser zu hören, seien einfühlsamer und emotionaler. Dies

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tionalismus geben. Es folgt beides derselben Logik, egal ob man zur Fußball-WM der Männer seine Deutschlandfahnen schwenkt oder ob man „Deutschland Deutschland über alles“ singt. Auch eine deutsche Leitkultur hängt der selben Idee an. Hier wird

v e r meintlich neutralen Einteilungen werden angeborene Eigenschaften zugeschrieben wie zum Beispiel „südländisches Temperament“. Dabei ist es egal, ob diese Zuschreibungen positiv oder negativ gemeint sind, denn auch positive Klischees sind rassistisch. Wenn an deutschen Flughäfen einige Menschen kontrolliert werden und andere wiederum nicht, folgt dies auch einer rassistischen Einteilung. Und das im Grundgesetz verankerte Asylrecht, das im Jahr 1992 von einem rassistischen Mob in Lichtenhagen faktisch abgeschafft wurde, macht den Rassismus deutlich, auf denen Gesetze dieser Bundesrepublik aufbauen. Auch Antisemitismus finden wir nicht nur ganz platt in der Ablehnung und Bekämpfung von Jüd_innen oder deren Zurückschlagung


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ins Meer, sondern auch viel versteckter, aber damit nicht weniger schlimm: Wenn Menschen meinen, dass Jüd_innen irgendwie komisch seien oder im Hintergrund die Fäden in der Hand hielten, ein bestimmtes Gen in sich trügen oder ihnen angeblich „typisch jüdische“ Merkmale zuschreiben, handelt es sich um antisemitische Vorurteile. Ganz deutlich wird dies wiederum, wenn es zu Holocaustleugnungen kommt oder „den Juden“ eine Mitschuld am Zweiten Weltkrieg und der Shoa gegeben wird.

Das alles und noch viel mehr Aus all diesen Konzepten von unterschiedlicher Wertigkeit entwickelt sich ein Elitedenken, welches in den Verbindungen als Karrierenetzwerk zur gegensei-

Von Verbindungen sind daher auch keine emanzipatorischen Entwicklungen zu erwarten. Für uns sind Burschenschaften sexistisch, nationalistisch, rassistisch und antisemitisch. Dies äußert sich zum Beispiel in dem Ausschluss von Frauen bei vielen Anlässen des Verbindungswesens und in den Rollen, die Frauen und Männern in der Gesellschaft zugeschrieben werden. Das Ideal des starken soldatischen Mannes, der Wehrdienst geleistet haben muss, um voll anerkannt zu werden, spiegelt sich auch in den Aufnahme-, Trink- und Fechtritualen wieder. Auch der unkritische Umgang mit der eigenen Geschichte im Nationalsozialismus und die Heroisierung der gefallenen deutschen Burschenschafter macht den völkischen Bezug der Deutschen Burschenschaft deutlich. Denn Aufnahmekriterium ist nicht der deutsche Pass, sondern

Plakat der Marburg Burschenschaft Germania

tigen Förderung „Gleichgesinnter“ genutzt wird. Ziel ist, gesellschaftliche Führungspositionen mit möglichst vielen „eigenen“ Bundesbrüdern zu besetzen. So werden diese Ideen von Generation zu Generation weitergegeben und halten sich als althergebrachte Denkmuster. Aufgrund autoritärer und undemokratischer Strukturen kann dies ungehindert geschehen.

„deutsches Blut§. Ihr glühender Antisemitismus war nicht nur mit dem Ausschluss von Jüd_innen bereits vor 1933 historischer Fakt, auch heute noch laden DB Verbindungen HolocaustleugnerInnen und AntisemitInnen, zum Beispiel von der Pius Bruderschaft, auf ihre Häuser ein.

Warum wir kämpfen Diesen Verhaltensweisen und Einstellungen begegnen wir nicht nur, wenn wir diese Männer in der Stadt mit ihrem herablassenden und elitären Gehabe treffen, sondern auch in unserem alltäglichen Leben, sei es in der Schule, auf der Arbeit, in der Kneipe oder beim Einkaufen. Diese Einstellungen gibt es überall. Von Sarrazins Antisemitismus und Rassismus über das nationalistische Fähnchengeschwenke bei Lena Meyer-Landruts Grand-Prix-Sieg, bis hin zur sexistischen Werbekampagne von Mediamarkt. Dabei sind die Namen und Ereignisse austauschbar. - Irgendeine_n Idiot_in wird sich schon finden. Letztlich ist egal, wer oder was diese Einstellungen und Muster in der Gesellschaft bedient. Eben weil wir diese überall wiederfinden, müssen wir gegen Events kämpfen, auf denen ihnen eine Plattform geboten wird. In Eisenach lässt sich das gute Zusammenspiel der verschiedenen reaktionären und rechten Ideologien und deren EntscheidungsträgerInnen besonders gut beobachten. Es sind einerseits die Nazis von der DB vor Ort und andererseits machen alle mit: Vom Bürgermeister bis zu Hotels, Kneipen und Gaststätten. Nationalistische, sexistische, rassistische und antisemitische Einstellungen treffen auf Stammtischparolen, Grußworte, Reden und Fackelmärsche – was da von wem kommt und wer was sagt, würde sich ohne die bunten Bändchen kaum noch auseinander halten lassen. Dies ist aber nicht unbedingt typisch für Eisenach. Es könnte sich in jeder anderen größeren oder kleineren Stadt so oder so ähnlich abspielen. Wir müssen daher immer wieder solche Events kritisieren, seien es nun Naziaufmärsche, Treffen von Evangelikalen oder eben Besäufnisse von Burschenschaftern. Sie alle sind zu bekämpfen, damit ihre Ideologien nicht noch größeren Raum in unserer Gesellschaft einnehmen. So können wir uns die Möglichkeit zur Veränderung erhalten. Denn dass diese Kämpfe gegen rechte Strukturen und Ideologie kein Mittel für eine emanzipatorische und befreite Gesellschaft sind, ist klar. Aber nur durch diese Kämpfe erhalten wir uns die Chance diese Gesellschaft zu verändern. Wir dürfen jedoch nicht bei den Kämpfen gegen den Burschentag stehen bleiben oder uns lediglich auf das nächste Großevent stürzen. Unser Ziel als emanzipatorische Kräfte muss sein, die Gesellschaft zu verändern, um allen Menschen die Möglichkeit zu geben, sich gleichberechtigt an der Gestaltung ihrer Umwelt zu beteiligen.

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Die Deutsche Burschenschaft im Nationalsozialismus Ähnlichkeiten burschenschaftlicher und nationalsozialistischer Weltsicht zwischen 1918 und 1936 Immer wieder stellen sich Burschenschafter als Opfer des Nationalsozialismus dar, indem sie darauf hinweisen, dass ihre Strukturen im Jahr 1936 aufgelöst worden seien. Dass dies nicht mal die halbe Wahrheit ist, sondern die studentischen Verbindungen vielmehr als Wegbereiter der völkischen und antisemitischen Einstellungen anzusehen sind, soll im Folgenden aufgezeigt werden. von Mareike Berguld, Göttingen

Vor dem Ersten Weltkrieg stellte das Bildungsbürgertum, unter ihnen viele Korporierte, den Hauptteil aller Studierenden und Lehrenden an deutschen Universitäten. Entsprechend groß war ihr Einfluss auf die politische Ausrichtung an den Hochschulen. In Anknüpfung an die schon vor 1914 vorherrschende militärisch-monarchistische Weltsicht hielten die Korporationen nach dem Ersten Weltkrieg weiterhin an den Werten des Kaiserreichs fest. Die Situation an den Universitäten änderte sich allerdings zusehends. Die Zahl der Studierenden des Bildungsbürgertums ging zugunsten von Studierenden aus dem mittleren Beamtentum zurück. Die politische Situation in Deutschland wandelte sich von der Monarchie vor dem Ersten Weltkrieg hin zu einer demokratischen Republik. Daher ließ sich die kaisertreu-konservative Grundhaltung nicht mehr ohne Weiteres in den Alltag überführen. Der Einfluss der Korporationen an den Hochschulen war immer noch ähnlich weitreichend wie vor dem Ersten Weltkrieg. Allerdings nahm die Zahl der nichtkorporierten Studierenden an den Hochschulen stark zu. Nicht nur unter den Studierenden, sondern auch auf Akademikerseite war die Furcht vor „Überfremdung der deutschen Hochschulen durch jüdische Lehrkräfte“ und der „Flut des Bolschewismus“ weit verbreitet. Schon Anfang der 1920er Jahre kam es zu einer Abwendung der Burschenschaften und der Vereine Deutscher Studenten (VDSt) weg vom wilhelminischen Konservatismus hin zum „völkischen Denken“.

schen Studierenden und jüdischen Korporationen fand nicht nur verbal, sondern auch in tätlichen Übergriffen ihren Ausdruck. In den Burschenschaftlichen Blättern wurden Jud_innen schon frühzeitig wahlweise als „Drückeberger“, „Kapitalisten“, „Linke“ oder „Lenker der öffentlichen Meinung“ betitelt. Eine Verwehrung der Mitgliedschaft jüdischer Studenten in einer Korporation, wie in Österreich seit 1919 praktiziert, wurde von der DSt jedoch nicht umgesetzt. Dies hätte eine Aufgabe der staatlichen Anerkennung und somit Verlust des staatlich legitimierten politischen Einflusses an den Hochschulen bedeutet. Eine zunehmend antirepublikanische Haltung und grundsätzliche Ablehnung der Weimarer Demokratie lässt sich in dieser Zeit ebenso unter den Burschenschaften ausmachen. Die

lobenden Artikel in den Burschenschaftlichen Blättern gewürdigt: „Wir bekennen mit Stolz, daß auch in diesen Verbänden sich Burschenschafter befinden.“ Das „großdeutsche Ideal“, alle deutschstämmigen und deutschsprachigen Menschen Europas unter deutscher Vorherrschaft zu vereinen, wurde seitens der Burschenschaften schon frühzeitig angestrebt. Im „Handbuch für den Deutschen Burschenschafter“ aus dem Jahr 1922 findet sich folgender Absatz: „Die politischen Grenzen des kommenden Reiches sollen dieselben sein wie die naturgegebenen Grenzen des Volkes deutschen Geblüts: Der völkische Gedanke trifft, sozusagen von außen betrachtet, mit dem großdeutschen Gedanken zusammen. (...) Vor allem muß es sich darum handeln, die verlorenen Landesteile

Auch die Burschenschafter der DB zogen in den Zweiten DB distanzierte sich auf dem ersten ordentlichen Burschentag, der vom 3. bis 8. August 1919 in Eisenach stattfand, von der „neuen Republik“, in der sie die Werte und Traditionen des Kaiserreichs nicht länger verwirklicht sah. Korporationsstudenten beteiligten sich maßgeblich am Kapp-Putsch gegen die Weimarer Republik im März 1920. In verschiedenen Bünden wie der „Organisation Escherich“ oder dem Bund „Schwarze Reichswehr“, die deutlich anti-republikanisch ausgerichtet waren, waren Korporierte vielfach vertreten. Im Jahr 1923 waren Burschenschafter auch am Hitler-Putsch beteiligt. Das „Engagement“ dieser Bundesbrüder wurde mit einem

Weltkrieg. im Osten und Westen beim Deutschtum zu halten, um ihren Rücktritt in den deutschen Staat vorzubereiten und den Anschluß Österreichs vollziehen zu helfen.“ Wie aggressiv die Deutschen nach Ansicht der Burschenschaften der Vormachtsstellung in Europa entgegenstreben sollten, wird in einem weiteren Artikel deutlich, der im Jahr 1925 in den Burschenschaftlichen Blättern veröffentlicht wurde: „[E]in Volk kann seine Art nur erhalten, wenn es zu jedem Opfer dafür bereit ist. (...) Deshalb ist keine Gemeinschaft möglich zwischen dem Willen zur deutschen Freiheit und Einheit und dem Pazifismus.“

Die Urburschenschaft Die völkische Ideologie, also die auf Abstammung begründete und „natürlich gegebene“ Einheit des deutschen Volkes, wurde von den Korporationen als Fortführung der Urburschenschaftsbewegung vom Beginn des 19. Jahrhunderts betrachtet und entsprechend als logische Kontinuität der eigenen Geschichte angesehen. 1920 wurde, unter reger Beteiligung der DB und des VDSt, der Deutsche Hochschul-Ring (DHR) gegründet, der als Sammelpunkt für „national“ und „völkisch“ gesinnte Studenten gesehen werden kann. Der DHR etablierte sich in den Allgemeinen Studentenausschüssen (AStA) und dessen Dachverband, der Deutschen Studentenschaft (DSt). Er prägte zu Beginn der 1920er Jahre die Hochschulpolitik maßgeblich mit. Einhergehend mit der zunehmenden Verbreitung des völkischen Gedankens von der „naturgegebenen“ Überlegenheit des „deutschen Volkes“ verstärkte sich auch der Antisemitismus an den deutschen Hochschulen. Die Diskriminierung von jüdi-

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Zusammenarbeit von DB und nationalsozialistischen Kräften In den Jahren 1923/24 setzte sich der völkische Flügel des DSt durch und bestimmte seither die klar anti-demokratische Linie des DSt. Viele Verbände hatten durch die Einführung des „Arierparagraphen“ den Ausschluss von Juden aus ihren Verbindungen festgeschrieben. Der preußische Kultusminister forderte für die Aufrechterhaltung der staatlichen Anerkennung von Korporationen von ihnen die Aufgabe des „arischen Prinzips“. Da diese sich weigerten den Grundsatz aufzugeben, entzog das preußische Kultusministerium ihnen im Dezember 1927 die staatliche Anerkennung. Daraufhin gründeten sich die Korporationen als „freie Studentenschaften“ neu und setzten ihre Arbeit unverändert fort. Im Jahr 1926/27 wurde der Nationalsozialistische Deutsche Studentenbund (NSDStB) gegründet. Viele der Mitglieder des DHR traten in den NSDStB über. Gegen Ende der 1920er Jahre gab es gemeinsame Wahllisten von NSDStB und völkisch ausgerichteten Korporationen, gemeinsame Besuche nationalsozialistischer Politikveranstaltungen, gemeinsames Vorgehen von DB und NSDStB gegen „den Parlamentarismus“ und „die Parteiendemokratie“. Obwohl es wiederholt Spannungen zwischen den Korporationen mit ihrem elitären Selbstverständnis und dem NSDStB als Verfechter der „Volksnähe“ gab, betonten die Korporationen immer wieder offen ihre volle Unterstützung der nationalsozialistischen Ideologie. Dieses Bekenntnis wurde auch während der Auseinandersetzungen um die Führung des NSDStB nicht zurück genommen. Die personellen Überschneidungen zwischen Korporationen und dem NSDStB waren enorm: Im Jahr 1929 war der NSDStB in 170 Korporationen vertreten.

Überführung in den Nationalsozialismus Bei den Wahlen der Studentenvertretungen im Jahr 1930/31 erlangte der NSDStB lokale Wahlsiege, was das politische Gerangel zwischen den Korporationen und dem NSDStB erneut verstärkte. Doch auch hier wurde wieder in Einzelpersonen betreffende Konflikte einerseits und grundsätzliche programmatische Übereinstimmung andererseits unterschieden. Im Jahr 1932 wurde auf dem Deutschen Studententag, der jährlich stattfindenden Mitgliederversammlung der Deutschen Studentenschaft, in Königsberg die Einführung des Führerprinzips, das schon im Jahr 1926 in den Burschenschaftlichen Blättern gefordert wurde, und die Abschaffung der Studentenschaftswahlen beschlossen. Seitens der Korporationen gab es daran nur am Rande und nur sehr verhaltene Kritik. Das politische Erstarken der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei (NSDAP) seit den Reichstagswahlen 1930 und schließlich die Ernennung Hitlers zum Reichskanzler am 30. Januar 1933 wurde von den Korporationen begrüßt und insbesondere von der DB als Vollendung des eigenen Strebens nach „einer großen freien deutschen Nation“ angesehen. Die Korporationen waren sehr bemüht, der neuen Regierung ihre Ergebenheit und ihren Anpassungswillen zu demonstrieren. In vorauseilendem Gehorsam initiierte die DSt die Bücherverbrennungen vom 10. Mai 1933. Die DB sah diese „Aktion wider den undeutschen Geist“ als

direkte Fortführung der eigenen Traditionen, waren doch schon im Jahr 1817 bei Eisenach von den Urburschenschaftern ebenfalls Bücher verbrannt worden. Durch das „Reichsgesetz zur Bildung der Studentenschaften“ vom April 1933 wurde die DSt wieder staatlich anerkannt. Im Mai 1933 wurde Otto Schwab

„Plauener Abkommens“ zwischen dem Vorsitzenden der DB und dem der GStV im Oktober 1936 wurde die DB schließlich aufgelöst und ihre Korporationen in Kameradschaften des NSDStB überführt. Die offizielle Eingliederung der DB in den NSDStB wurde am 18. Oktober 1936 in einer Feierstunde auf der

Burschenschafter der DB gedenken gefallenen Wehrmachtssoldaten.

(Germania Darmstadt) zum „Führer der DB“ stilisiert, indem ihm alle Amtsbefugnisse in Personalunion zugesprochen wurden. Schwab nahm eine Neugliederung der DB vor. Diese umfasste unter anderem die Durchsetzung des Führerprinzips, die Einrichtung von „Bundeswohnungen in soldatischem Stil“, um die „Wehrhaftigkeit des Mannes“ zu stärken, die rigorose Anwendung des Ariernachweises und den verpflichtenden Eintritt der Studenten in den NSDStB, sowie ihre verstärkte Anbindung an SA, SS, Stahlhelm oder den Bund ehemaliger Freikorpskämpfer. All diese Änderungen bedeuteten eine Aufgabe des lang tradierten Konventsprinzips. Nennenswerten Widerstand gegen diese Neuregelungen gab es seitens der Korporationen keinen. Personelle und politische Fehlentscheidungen führten in den folgenden Jahren zu einer immer stärkeren Isolation der DB innerhalb der Korporationen und an den deutschen Hochschulen. Nichtsdestotrotz hoffte die DB immer noch eine ähnliche Position innerhalb der Hochschulen zu erlangen wie sie die NSDAP im Staat inne hatte. Noch nach der Auflösung des Allgemeinen Deutschen Waffenrings im Oktober 1935 und der Gründung der Gemeinschaft Studentischer Verbände (GStV) als alleinige Gesamtvertretung der studentischen Korporationen versuchte die DB ihre Position im hochschulpolitischen Rahmen wenn schon nicht zu verbessern, so doch zumindest zu verteidigen. Ab 1935 gab es mehrere vertrauliche Gespräche zwischen dem Bundesführer der DB, Hans Glauning, und dem Bundesführer des NSDStB, Albrecht Derichsweiler. In diesen wurde vereinbart, dass DB und NSDStB verschmolzen werden sollten, wobei alle Mitglieder des NSDStB künftig auch Mitglieder einer DB-Kameradschaft sein sollten. Mit Abschluss des

Wartburg bei Eisenach durchgeführt. Mit Fahnenniederlegung, Abnehmen der Mützen und Bänder und der Erklärung, „daß die Burschenschafter in Zukunft nichts anderes sein wollten als Nationalsozialisten“, endete die Existenz der DB vorläufig.

Gemeinsame Ideen und Werte Eine Betrachtung des Verhältnisses der Deutschen Burschenschaft zu nationalsozialistischen Gruppierungen in den späten 1920er Jahren bis zur Auflösung der Deutschen Burschenschaft im Jahr 1936 lässt sich losgelöst von den Ereignissen des vorangegangenen Jahrzehnts kaum vornehmen. Die Übereinstimmungen zwischen nationalsozialistischer Weltanschauung und den von den Burschenschaften vertretenen Werten waren deutlich. Bemerkenswert ist, dass die Korporationen schon zu Beginn der 1920er viele Punkte vertraten, die später von den Nationalsozialisten propagiert wurden. Die nationalsozialistische Ideologie wurde den Korporationen also weder aufgezwungen, noch neu an sie herangetragen. Vielmehr festigte und bündelte sie die sowieso schon in der Studentenschaft verbreiteten völkischen, antisemitischen, antirepublikanischen und aggressiv expansionistischen „Ideen“. Die Mitglieder der DB-Korporationen trugen aktiv dazu bei, dass die nationalsozialistische Ideologie an deutschen Universitäten Fuß fasste. Im Jahr 1945 untersagten die Alliierten den Korporationen aufgrund ihrer Nähe zum Nationalsozialismus jegliche Aktivitäten. Dennoch konnten sich bereits ab 1947/48 die weniger belasteten konfessionellen Verbände und kurz darauf auch die schlagenden Verbindungen neu gründen.

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Vienna calling Warum es die Deutsche Burschenschaft auch in Österreich gibt und der größte deutsche Burschenschafterball ausgerechnet in Wien stattfindet. Deutschtümelnde Großmachtsträumereien finden sich auch unter österreichischen Burschenschaftern. Eines der größten Events der burschenschaftlichen und rechten Szene findet jedes Jahr in Wien statt: Der Ball des Wiener Korporations-Rings (WKR). von autonome antifa [w], Wien

In keiner anderen Stadt im deutschsprachigen Raum gibt es so viele Korporationen wie in Wien. Mehr noch: Die akademischen Männerbünde aus der Donaumetropole stellen die stärkste Fraktion innerhalb der rechtsextremen Deutschen Burschenschaft. Dies zeigt sich vor allem Jahr für Jahr zum WKR-Ball, einem der festlichen Highlights der Burschenschafterszene und der europäischen Rechtsparteien. Die Zeiten, in denen Deutschnationalismus in Österreich „anschluss-“ und mehrheitsfähig war, sind vorbei. Die Generation „heim ins Reich“ stirbt langsam aus. Und wenn es um Identifikation und Bekenntnis geht, schlagen heutzutage die meisten Herzen in der Alpenrepublik rot-weiß-rot. Doch lebt der völkische Deutschnationalismus in einem kleinen, aber umso einflussreicherem Milieu ungebrochen fort: den Burschenschaften. Wenn wir im Folgenden verallgemeinert von „den Burschenschaften“ schreiben, meinen wir damit die pennalen und akademischen Korporationsformen, welche sich im nicht-katholischen Spektrum bewegen. Zwar wären die katholischen Verbindungen ebenso für Sexismus, Elitedenken und ihre Verstrickung in den Austrofaschismus zu kritisieren, doch soll es hier primär um das völkisch-deutschnationale Verbindungswesen gehen. Anschlussturm mit DB-Zirkel in Linz

Know your enemy Das Burschenschafterwesen organisiert sich in Österreich in knapp 60 Korporationen mit insgesamt etwa 4.000 Mitgliedern inklusive Alte Herren. Während manch andere Verbindungen mittlerweile das Männerbundprinzip aufgegeben haben, halten die deutschnationalen Korporationen weiterhin am Ausschluss von allem „Nichtmännlichen“ fest: Damit sind in ihrer Logik Frauen*, Juden und Kriegsdienstverweigerer gemeint. Zwar besteht für Frauen* die Möglichkeit einer Damenverbindung beizutreten, jedoch nur bei rollen-

konformem Verhalten und gleichzeitiger Unterordnung unter die „echten“ Verbindungsstudenten. Politisch fungieren die Burschenschaften zum einen als Kaderschmiede für die österreichischen Rechtsparteien FPÖ und BZÖ: So waren zum Beispiel in der letzten Parlamentsperiode von 19 männlichen FPÖAbgeordneten 15 Mitglieder einer deutschnationalen Verbindung. Dies veranlasste das Wochenmagazin „Report“ vom ORF festzustellen, dass noch nie „eine so kleine Gruppe einen so großen Einfluss in einer Parlamentspartei“ hatte. Und auch die Burschenschaftlichen Blätter rühmen ihre Verbindungen „das akademische Rückgrat der FPÖ“ zu sein.Blickt mensch

andererseits auf den organisierten Neonazismus nach 1945, lässt sich feststellen, dass sich kaum ein österreichischer Neonazi-Kader findet, der in seiner (Hoch-)Schulzeit nicht Mitglied einer deutschnationalen Verbindung war. Dies verwundert nicht: „Arierparagraph“, Holocaustglorifizierung und Täter_innen-Opfer-Umkehr gehören in der Zweiten Republik ebenso zum burschenschaftlichen Repertoire wie „Heldenverehrung“ und Hetze gegen „rassefremde Ausländer“. Politisch nehmen Burschenschaften in Österreich also eine Scharnierfunktion zwischen der parlamentarischen Rechten einerseits und dem Neonazismus andererseits ein. Hier zeigt sich ein Unterschied zur BRD: Während es in Deutschland durchaus auch liberale oder liberal-konservative Verbindungen gibt, befinden sich die „Ostmärker“ politisch in einem Spektrum von „national-freiheitlich“, völkisch-deutschnational bis offen rechtsextrem. Österreichweit sind mit 21 Bünden vergleichsweise viele Burschenschaften in der Deutschen Burschenschaft (DB) organisiert. Innerhalb der DB sticht Wien als die Stadt mit den meisten Mitgliedsbünden hervor. Dass der akademische Deutschnationalismus in der Hauptstadt besonders ausgeprägt ist, zeigt sich deutlich am Wiener KorporationsRing (WKR), dem lokalen Dachverband.

Der WKR und sein Ball Der WKR deckt mit seinen mehr als zwanzig Mitgliedsbünden in etwa den akademisch-korporierten Deutschnationalismus in Wien ab. Seit den 1950er Jahren veranstaltet der Dachverband jährlich den WKR-Ball in der Wiener Hofburg, der alten Kaiserresidenz. Der Ball hat sich mit etwa 2.000 Besucher_innen nach eigener Angabe „zum größten couleurstudentischen Gesellschaftsereignis im deutschsprachigen Raum“ entwickelt. In der Hofburg zeigt sich die schon erwähnte Scharnierfunktion der

Begriffsproblematik

Wir sind uns der Problematik, die mit dem Begriff des „Rechtsextremismus“ zusammenhängt, bewusst. Zum einen führt er dazu, dass Nazis nicht mehr Nazis genannt werden und stattdessen ein harmloser klingender Oberbegriff verwendet wird. Zum anderen impliziert er ein Gesellschaftsmodell, das von einer „guten“ Mitte ohne rassistische und antisemitische Einstellungen ausgeht. Wir halten den Begriff aber für notwendig, um unterschiedliche Strömungen gemeinsam begrifflich fassen zu können. Wir beziehen uns hier auf den Rechtsextremismusbegriff, den das Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstands (Dö–W) verwendet und der von Willibald I. Holzer ausformuliert wurde. (Willibald I. Holzer (1993): Rechtsextremismus. Konturen, Definitionsmerkmale und Erklärungsansätze. In: Dö–W (Hrsg.): Handbuch des österreichischen Rechtsextremismus. Wien) Holzer verwendet den Begriff nicht im Sinne einer totalitarismustheoretischen Gegenüberstellung von Rechts- und Linksextremismus, sondern als Terminus in dem sich unterschiedliche Definitionsmerkmale bzw. Ideologeme zu einem Idealtypus (Max Weber) verdichten. Rechtsextreme Einstellungen werden so nicht als das ganz andere der „guten“ Mitte begriffen, sondern als extreme Steigerungsform ´bürgerlicher Wertevorstellungen.

autonome antifa [w]

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Burschenschaften einmal mehr: Es treffen dort hohe Funktionsträger_innen von FPÖ und BZÖ auf Vertreter_innen etlicher rechter und rechtsextremer Parteien aus ganz Europa. Als da waren in der Vergangenheit: Pro Köln, Pro NRW, DVU (Deutschland), Dänische Volkspartei, Schweizer Volkspartei, Front National (Frankreich), Vlaams Belang (Belgien) und Ataka (Bulgarien). Der WKR-Ball ist somit ein Event von europaweiter politischer Relevanz. Aus diesem Grund regte sich im Jahr 2011 zum vierten Mal in Folge antifaschistischer Widerstand gegen den Ball in der Hofburg.

Doch es geht um mehr... So notwendig eine antifaschistische Intervention gegen den WKR-Ball ist, die Kritik darf nicht bei der „Spitze des Eisbergs“ aufhören – also bei der

Tatsache, dass sich Europas rechte Elite in der Hofburg trifft. Es geht um mehr: Natürlich sind Burschenschaften für ihr Männerbundprinzip und ihre überhöhte heterosexistische Männlichkeit zu kritisieren. Dabei muss aber klar sein, dass die benannten Phänomene nur eine besondere Zuspitzung eines herrschenden Geschlechterverhältnisses sind, das alltäglich sexistischen, homophoben und transphoben Ausschluss produziert, sowie einen patriarchalen Dominanzanspruch legitimiert. Hier also muss die Kritik ansetzen. Und natürlich ist der rechtsextreme Charakter des WKR-Balls anzugreifen. Doch darf dabei nicht vergessen werden, dass Rechtsextremismus als Phänomen eine militante Steigerungsform bürgerlich-kapitalistischer Werte und Ideologien darstellt. Alles worauf sich die extreme Rechte beruft – Volk, Nation, Sozialdarwinismus, Militarismus, Kernfamilie etc. – ist in der bürgerlichen Gesellschaft angelegt.

Wer also den Rechtsextremismus bei der „Wurzel“ packen will, muss die bürgerlichen Kategorien, die als Kehrseite Antisemitismus und Rassismus hervorbringen, ins Visier der Kritik nehmen. Dabei muss die antinationale Kritik zum WKR-Ball auf zweierlei abzielen: Zum einen auf den Deutschnationalismus der Burschis und ihren damit verbundenen positiven Bezug zum historischen Nationalsozialismus und Vernichtungsantisemitismus. Zum anderen auf Österreich als aktuelle nationale Identifikation und realen Sachwalter des alltäglichen Ausschlusses und Elends. Denn nur wenn sich in der formulierten Kritik sowohl der historische Nationalsozialismus als auch der bürgerlich-kapitalistische Normalbetrieb in all seiner alltäglichen Jenseitigkeit wiederfinden, können wir uns Hoffnung darauf machen, uns der Emanzipation und einem menschenwürdigen Dasein inhaltlich ein Stück zu nähern.

Wir möchten noch kurz auf unser neues Thesenpapier hinweisen, welches wir Ende Januar veröffentlicht haben. Das Paper ist im Zuge der antinationalen Mobilisierung gegen den WKR-Ball 2011 entstanden und kann unter antifaw.blogsport.de heruntergeladen werden.

Wie die DB mit der Geschichte umgeht Geschichtsrevisionismus der Deutschen Burschenschaft Seit ihrer keineswegs unumstrittenen Wiedergründung nach der Zerschlagung des Nationalsozialismus (NS) machen Burschenschaften immer wieder durch ein eigenwilliges Verständnis der deutschen und ihrer eigenen Geschichte auf sich aufmerksam. Tatsächlich haben sie es diesbezüglich auch nicht leicht. Schließlich berufen sie sich einerseits auf eine konsequente deutschtümelnde Tradition und müssen andererseits die deutsche Schuld am Geschichtsbruch des Dritten Reich offiziell zumindest teilweise anerkennen. Sie biegen ihre Rolle darin zurecht, um nicht als das zu erscheinen, was sie größtenteils sind, und zwar dank genau jener konsequenten Tradition: Aktive Wegbereiter des NS bereits lange vor 1933 und durchaus auch bis heute noch verbunden mit dem (Neo-)Nazismus. von campusantifa, Frankfurt/Main

Ein altbekannter Trick, um diesen Spagat zu schaffen, ist es, die Tatsachen zu verdrehen, bis man selbst als Leidtragender dasteht und diese Opferlüge stets zu wiederholen, bis sie zur Wahrheit geworden ist. Dies tun Burschenschaften, indem sie behaupten, Verbindungen seien im NS verboten worden, was bis auf ganz wenige Ausnahmen glatt gelogen ist. Und dass sie in Wahrheit sogar Gegner des Regimes

Kriegerdenkmal am Hamburger Dammtordamm

gewesen seien. Tatsächlich gab es Streit zwischen Korporationen und der NSDAP. Der Grund waren jedoch keineswegs sich entgegenstehende Ideologien oder gar der besondere Antifaschismus von Verbindungsstudenten. Vielmehr warfen diese dem Regime Undankbarkeit vor, hatten sie in den Jahren zuvor doch tatkräftige Unterstützung bei der Machtübernahme geleistet. Burschenschafter waren es gewesen, die in Freikorps die Münchener Räterepublik brutal niedergeschlagen hatten, am Hitlerputsch von 1923 beteiligt waren und mit den Eisenacher Beschlüssen des Dachverbandes Deutsche Burschenschaft (DB) von 1920 bereits die „Rassenhygiene“ in den eigenen Reihen durchgeführt hatten. Und nun sollte dem parteieigenen Nationalsozialistischen deutschen Studentenbund die Vorherrschaft an den Hochschulen übertragen werden. Letztendlich fügte man sich und löste sich freiwillig in Kameradschaften auf, die als Kompromiss unbehelligt die burschenschaftlichen Gepflogenheiten weiter ausüben konnten. Die Unterstützung, welche die aufstrebende NSDAP von den Burschenschaften erhielt, speist sich aus einer weitestgehenden ideologischen Übereinstimmung, die ihre Wurzel bereits in der Zeit der Gründung der Studentenverbindungen 1815 hat. Seit jeher waren die Burschenschaften mehrheitlich völkisch orientiert.

Bereits 1817 kam es in Eisenach zu einem antisemitischen Ausbruch. Beim Wartburgfest, das im Geschichtsunterricht an deutschen Schulen als durchaus positives Ereignis gelehrt wird, wurden die Schriften des jüdischen Autors Saul Ascher mit dem Ruf: „Wehe über die Juden!“ ins Feuer geworfen.

Alles Opfer, auch die Mutti Zu der Erfindung, man sei bloßes Opfer der Nazis gewesen, passt die Darstellung, das NS Regime sei wie eine Naturkatastrophe unvermittelt über das arme deutsche Volk hereingebrochen, das daraufhin in stillem Leid zwölf Jahre des Grauens tapfer zu ertragen wusste. Eine Lüge, die auch im deutschen Mehrheitsdiskurs sehr verbreitet ist, wie sich beispielsweise an den Diskussionen um die Bombardierung Dresdens durch die Alliierten zeigt. Besonders deutlich wird diese Methode in einem Text der Burschenschaftlichen Gemeinschaft (BG), die in der DB organisiert ist, über das Verhalten der Deutschen während der Novemberpogrome von 1938: „Die Reaktion der Bevölkerung war unterschiedlich. [...] Die große Mehrheit sah eingeschüchtert und angewidert von den pöbelhaften Gewalttätigkeiten schweigend zu. […] Die deutsche Bevölkerung hatte sich von der

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Propaganda nicht zu billigen Werkzeugen machen lassen. Das war sicherlich mit der tiefen Abneigung der Deutschen gegen Gewaltaktionen und körperliche Misshandlungen von wehrlosen Menschen zu erklären, aber auch mit dem Auseinanderdriften der Werte und Verhaltensweisen von Partei und Bevölkerung.“ Doch damit nicht genug: Zugespitzt wird die Umdeutung der Deutschen und somit auch der Burschenschaften in Opfer des NS durch das beliebte Gefasel von einem „Schuldkult“, von welchem es „endlich runterzukommen“ gelte. Diese Aussage stammt von Ex-CDU Mitglied und Holocaustrelativierer Henry Nitzsche, bekannt geworden vor allem durch sein Engagement bei der rassistisch-antiislamischen Bürgervereinigung Pro Köln. Auf einem Symposium der BG sprach er im April 2010 zusammen mit dem bekennend rassistischen „Wissenschaftler“ J. Philippe Rushton.

„Von der Maas bis an die Memel...“ Vor allem die BG fällt seit ihrer Gründung im Jahr 1961 immer wieder durch Geschichtsrevisionismus und teils offene Kontakte zu Neonazis auf. Ein großes Problem hat sie mit den Grenzen der Bundesrepublik Deutschland (BRD). So betont sie, es habe „keine freiwillige Abtretung der Ostgebiete stattgefunden“ und die Übertragung sei „somit eine einseitige

singen, was auf den entsprechenden Websites auch mitnichten verschwiegen wird. Aus gutem Grunde inklusive der Zeile der ersten Strophe „Von der Maas bis an die Memel, von der Etsch bis an den Belt“, worin politische Grenzen bezeichnet sind, von denen heute keine mehr aktuell ist. Auch Burschenschaften, die sich, wie ernst auch immer gemeint, von solch offensichtlichen Bestrebungen und der DB insgesamt distanzieren, teilen oft deren Verständnis von Volk. Die Neue Deutsche Burschenschaft erkennt in ihren Grundwerten zwar die territorialen Grenzen der BRD an, sehen sich aber in der Verantwortung auch für „Deutsche, die ihre Heimat außerhalb dieser Grenzen haben“. Großmachtfantasien

Verletzung des Völkerrechts“. Den Vorsitz der BG hat im Geschäftsjahr 2010/11 die Alte Breslauer Burschenschaft der Raczeks zu Bonn, die im Jahr 2006 behauptet hatte, der „erste polnische Griff nach deutschen Ostgebieten, bereits während des 1. Weltkriegs und in den Jahren danach“, sei heute „kein Tabuthema“ mehr. Notgedrungen „respektiert“ die BG zwar die Grenzen der BRD, ihr „volkstumsbezogener Vaterlandsbegriff“ funktioniert allerdings „ohne Rücksicht auf „staatliche Gebilde und deren Grenzen“. Bis heute gehört es zum Brauchtum vieler Burschenschaften, alle drei Strophen des Deutschlandliedes zu

Konsequent traditionell Die von Anbeginn völkischen Burschenschaften reihten sich freudig ein zuerst in Freikorps und schließlich in die Kameradschaften des NS. Von der Ideologie, die dazu führte, sind die Burschenschaften bis heute nicht abgerückt. So ist es kaum verwunderlich, dass sich in vielen DB Burschenschaften Neonazis tummeln und darüber hinaus gute Kontakte zu deren Szene bestehen. Da hilft auch ein noch so schön erzähltes Opfermärchen nicht: Das ist tatsächlich mal eine konsequente Tradition!

Die Speerspitze des Antifeminismus... Interview mit dem communistischen Kollektiv sub*way Das communistische Kollektiv sub*way aus Göttingen hat derzeit einen Fokus seiner politischen Arbeit auf Burschenschaften und deren Männerbundprinzip gelegt. Im Interview sprachen sie mit GEGENBURSCHENTAGE über die Bedeutung der selbsternannten Kaderschmieden der konservativen Elite für die bürgerliche Gesellschaft. mit sub*way communistisches Kollektiv, Göttingen

Ihr setzt euch gerade sehr stark mit dem männerbündischen Charakter von Burschenschaften auseinander. Was ist denn das Besondere an diesen burschenschaftlichen Männerbünden? Es wurde vielfach auf den nationalistischen, geschichtsrevisionistischen und meistens auch frauenfeindlichen Gehalt von Burschenschaften hingewiesen, aber selten das Männerbundprinzip als Grundlage kritisiert. Wir denken aber, dass sich ohne diese Auseinandersetzung der Kern von Burschenschaften gar nicht erklären lässt. Deshalb konzentrieren wir uns erstmal darauf - wobei die anderen Ideologien damit ja auch eng zusammen hängen. Naja und zur Besonderheit: Erst einmal ist ihre Organisationsform wesentlich expliziter und stabiler im Gegensatz zu anderen männlichen Netzwerken, zum Beispiel Unternehmensvorständen oder sonstigen Seilschaften. Denn die Burschen verstehen sich als Lebensbund und schaffen sich so eine umfassende Ordnung, die bewusst nur auf das Männliche ausgerichtet ist. Der rituelle Charakter, also die Kneipe, die Mensur, die Kleidung und so weiter, ist vielleicht

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darüber hinaus noch etwas, das ins Auge springt und erstmal einen Unterschied zu anderen Männerklüngeln darstellt. Aber auf der anderen Seite sind sie gar nicht so besonders: Vielleicht lassen sich an Burschenschaften ganz einfach Tendenzen des Normalzustandes ablesen. Sie sind schließlich so alt wie die bürgerliche Gesellschaft selbst. Seitdem prägen sie beispielsweise den Nationalismus mit und da, wo sich Emanzipationsbewegungen formierten, standen sie auf der anderen Seite: So während der ersten Welle des Feminismus um 1900.

Warum hebt ihr den Sexismus bei Burschenschaften so hervor? Vertreten sie nicht Vorstellungen der Mehrheit? Der Sexismus bei Burschenschaften ist schon krasser als bei vielen anderen Menschen. - So kritisieren sie zum Beispiel „Gleichstellungsprogramme“ der europäischen Regierungen, die zwar auch nicht wirklich super, aber ja schon relativ etabliert sind. Andererseits sind die Burschen aber auch ganz „normal“: Sie gehen davon aus, dass es zwei Geschlechter

gibt und dass die einen natürlicherweise fürsorglicher sein sollen, die anderen besser abstrakt denken könnten und so was. So sehen das bekanntlich viele, sonst gäbe es nicht diese ganzen komischen Annahmen, die mit „Jägern und Sammlern“ argumentieren. Tatsächlich aber braucht es diese Vorstellung zweier entgegengesetzter Geschlechter, damit der Kapitalismus funktioniert.

Das heißt, ihr seht einen Zusammenhang zwischen der Art und Weise wie die Gesellschaft Reichtum produziert und der Geschlechtereinteilung? Dass von zwei - und nur zwei - Geschlechtern ausgegangen wird, hat sich historisch erst nach und nach so durchgesetzt. Und das fiel nicht zufällig mit der Entstehung des Kapitalismus in eins. Denn während die einen dem Leistungsdruck und der Konkurrenz standhalten sollten, sollten die anderen genau das ermöglichen, indem sie sich zu Hause um Verpflegung und Nachwuchs kümmern mussten. In Wirklichkeit machten Frauen aber seit der Indus-


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trialiserung beides. Doch das passte nicht ins bürgerlich-konservative Weltbild, weshalb früh angefangen, wurden Frauen aus dem Arbeitsmarkt zu drängen. Männer wurden hingegen so gedacht, dass sie zivilisatorisch und arbeitsproduktiv seien, was eine krasse Härte abverlangt: Jeden Tag acht oder mehr Stunden malochen zu müssen, ist eine Zumutung, die irgendwie aufgefangen werden muss. Dafür sind dann in dieser Logik die Frauen zuständig...

Und was haben Burschenschaften damit zu tun? Naja, die waren immerhin eine der ersten Organisationen, die genau dieses bürgerlich-konservative Weltbild in Anschlag gegen die unterschiedlichsten Emanzipationsbestrebungen brachten. Um 1900 bekamen die Männerbünde in Abgrenzung zur Frauen- und ersten Homosexuellenbewegung eine immer wichtigere gesellschaftliche Bedeutung. Das ging aber übrigens auch grundsätzlich mit einer Abwehrhaltung gegen die Moderne einher. Es festigte sich ein aggressiver Nationalismus, Fortschrittsfeindlichkeit und ein autoritärer Charakter - also kurz: Das Unterwürfige, das den Druck von oben nach unten weiter gibt. Das geht auch heute noch alles zusammen: Da werden Männer erzogen, die, wie sie ja selber sagen, die Gesellschaft formen und einem bestimmten Weltbild entsprechen sollen, das auch die konservative Geschlechterordnung umfasst. Sie sind damit nach wie vor eine Speerspitze des Antifeminismus.

Diese Tendenzen sind ja kein Alleinstellungsmerkmal von Burschenschaften, oder?

Nein, die gibts überall. Aber bei denen ist das Ganze auf ´ne besondere Art organisiert. Dadurch, dass sie sich als Männerbund zusammenschließen und da keine Frauen „stören“, können sie sich ganz der Nation hingeben. Im Männerbund, der keine Frauen braucht, kann alle Liebe auf die Kameradschaft und die Nation ausgerichtet werden. Aber die Sehnsucht nach nationaler Identität umfasst in der Tat mehr Leute als die paar Burschen. In Sachen Nationalismus stehen ihnen viele in Nichts nach. Die Burschenschafter erleichtern es dem Großteil der deutschen Gesellschaft allerdings noch: Denn als selbsternannte Elite führen sie sich gern als Tabubrecher auf, die sich für die nationale Sache einsetzen, wenn es zum Beispiel um Vertriebene oder auch schon mal um die ostdeutsche Grenzziehung geht.

Und warum gibt es heute überhaupt noch Burschenschaften? Sind die nicht längst überholt? Die Burschenschaften können durch ihre Netzwerke Einfluss nehmen: Als Richter, Betriebsvorstände oder Politiker bekleiden sie wichtige Positionen in der Gesellschaft. Das ist ja das selbst erklärte Ziel. Naja und wenn die mit diesen Vorstellungen einen medialen oder irgend einen anderen öffentlichen Raum kriegen, erhalten diese Eliten die Möglichkeiten, die sie brauchen, um bei bestimmten Themen den Ton anzugeben. Wenn ein Konservativer über Gerechtigkeit oder Gleichheit redet, ist das nun mal immer was anderes, als wenn jemand mit emanzipatorischen Vorstellungen das tut. Diese Netzwerke eignen sich daher auch heute noch wunderbar um gesellschaftliche Prozesse zu beeinflussen. Und das,

obwohl die kapitalistische Herrschaft abstrakt ist und erstmal nicht von Einzelpersonen abhängt. Trotzdem muss sie irgendwie organisiert werden. Sie sind ja nicht von ungefähr eine Kaderschmiede des Konservatismus, leisten die Burschen doch einen wesentlichen Beitrag zur Organisation des Kapitalismus. Die Härte, der Leistungsgedanke, die Vorstellungen von Ungleichheit... All das sind wichtige Faktoren, die das Überleben in der kapitalistischen Gesellschaft extrem erleichtern.

Warum dann gegen Burschenschafter, wenn der Rest auch scheiße ist? Sie treten erstmal offensichtlicher auf. Dadurch kann eine Kritik, die gleichzeitig auf den Rest der Gesellschaft zielt, gut bei ihnen ansetzen. Eigentlich sind Burschen mit ihren Vorstellungen gar nicht so besonders, aber dadurch, dass sie ein explizit antiemanzipatorisches Programm verfolgen, sollte man sie immer auch als das kritisieren, was sie sind: In Form einer Institution schließen sie sich zusammen und versuchen durch ihr politisches Sendungsbewusstsein Einfluss zu erlangen. Sie spitzen die in der Gesellschaft weit verbreiteten Ideologien wie Rassismus, Sexismus, Homophobie, Antisemitismus, sowie Konkurrenz und Nationalismus zu. Außerdem - und das darf man nicht vergessen - sind sie bestens mit Nazis vernetzt und pflegen zum Teil auch freundschaftlichen Kontakt. Aber die Frage ist schon berechtigt: Wenn man das Augenmerk zu sehr auf die „krassen Burschenschaften“ legt, dann verliert man die „ganz normalen Männerbünde“ und den Rest der Gesellschaft allzu schnell aus den Augen.

In Volksfestmentalität beim Bier vereint: Burschen und Bürger_innen beim Marktfrühschoppen in Marburg

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Glossar akademische Verbindung: Verbindung im Hochschulbereich, die ausschließlich Studierende aufnimmt Aktive/Aktivitas: bei akademischen Verbindungen Angehörige einer Korporation während ihrer Studienzeit; nach einer Mindestaktivitätszeit können sie sich inaktiv erklären Alter Herr: Mitglied einer Männerkorporation nach (erfolgreicher) Beendigung des Studiums Burschenschaftliche Gemeinschaft (BG): Rechtsaußen-Fraktion und mittlerweile hegemoniales Kartell innerhalb der DB (Deutsche Burschenschaft) Bierpapst: Kotzbecken, das auf vielen Verbindungshäusern und eindeutigen Verbindungskneipen in den Toiletten fest installiert ist Bundesbruder: Mitglieder derselben Verbindung bezeichnen sich als Bundesbruder, Mitglieder zweier Verbindungen, die demselben Dachverband angehören, firmieren als Verbandsbrüder Bursch(e): vollberechtigter Angehöriger einer Burschenschaft (im Gegensatz zum Fux/Fuchs) Burschenschaft: häufig völkisch eingestellte und zumeist pflichtschlagende, politisch aktive Männerkorporationsform Comment (französisch ausgesprochen): Regelwerk, das Abläufe in und zwischen Verbindungen regelt; entsprechend dem Bedürfnis von Korporierten nach höchstmöglicher Reglementierung ihres Lebens existieren Comments für unterschiedliche Bereiche: Ein Paukcomment für das Fechten, ein Biercomment für das Trinken und Feiern

März

Mädelschaft/Mädchenschaft: Korporationsform, der ausschließlich Frauen angehören; grundsätzlich nichtschlagend Mensur: Ritual in Männerkorporationen, bei dem zwei Angehörige unterschiedlicher Verbindungen mit Hiebwaffen aufeinander treffen, um sich ihrer „Ehrhaftigkeit“ zu versichern; dabei geht es nicht um die Ermittlung eines „Siegers“, sondern um die Vermeidung jedes als unehrenhaft und feige geltenden Zurückweichens Neue Deutsche Burschenschaft (NDB): Dachverband von Burschenschaften die sich Jahr 1996 von der DB abspalteten Ring Freiheitlicher Studenten (RFS): Vorfeldorganisation der Freiheitlichen Partei Österreichs (FPÖ) und de facto Vertretung der völkischen Studentenverbindungen in der Hochschulpolitik Österreichs Schlagende Verbindung: Korporationen bei denen die Mitglieder eine Mensur schlagen müssen, um vollwertig zu werden Turnerschaft: Verbindungstyp, welcher der Leibesertüchtigung in der Tradition des Jahn’schen Turnens besondere Bedeutung beimisst; oft auch „akademischer Turnverein“ Verein Deutscher Studenten (VDSt): spezifische Korporationsform, in der Regel nicht schlagend und nicht farbentragend, jedoch farbenführend Wiener Korporationsring (WKR): lokaler Dachverband deutschnationaler Studentenverbindungen in Wien und Umland, richtet jedes Jahr den WKR-Ball aus

Den Burschentag in Eisenach zum Desaster machen 18. Juni 14 Uhr Hauptbahnhof Eisenach Termine

Freitag / 11. März / 22 h / Kassel / KAROSHI (Gießbergstraße 41-47): Bündnis-Soli-Party mit Shura „Der Fuchs“ Trannel, Moe Die Ente, und Robin „Der Kater“ Mosco - [Electro/Techno], karoshi-kassel.de

April

Samstag / 2. April / 22 h / Kassel / KAROSHI (Gießbergstraße 41-47): Bündnis-Soli-Konzert + Party mit Björn Peng, Ab.Out, Granate Müller und Inglorious Bassnerds [Antifa-Jumpstyle / Kirmestechno / Electronica] karoshi-kassel.de Montag / 18. April / 19:30 h / Marburg / HavannAcht (Lahntor 2): Veranstaltung: „Verbindungswesen in Marburg“ lisa2.blogsport.de Freitag / 29. April / 21 h / Göttingen / Juzi (Bürgerstraße 41): Soli-Konzert mit Sookee und Schlagzeilen

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(persönliche) Contrahage: auch Verabredungsmensur; Nachfolgeform des klassischen Duells, bei der Ehrenhandel zwischen Korporierten ausgetragen werden; siehe auch Mensur Corps (französisch ausgesprochen): Männerverbindungstyp; in der Tendenz politisch pluralistischer als Burschenschaften, dafür aber noch stärker elitär ausgerichtet Deutsche Burschenschaft (DB): größter Dachverband akademischer Burschenschaften mit Mitgliedsbünden in Deutschland und Österreich Fux oder Fuchs: erste Stufe der ordentlichen Mitgliedschaft in einer Männerverbindung, die nicht zur vollen Teilnahme am bündischen Geschehen berechtigt; in Burschenschaften steigen Füxe/Füchse nach einer Probezeit und erfolgter „Burschung“ (Aufnahmeprüfung) zu Burschen auf Kartell: Zusammenschluss ähnlich gesinnter Verbindungen innerhalb eines Dachverbandes Korporation: Überbegriff für schulische (pennale) und universitäre (akademische), in aller Regel getrenntgeschlechtliche und farbentragende Verbindungen Korporierte_r: Angehörige_r einer Korporation Landsmannschaft: Männerverbindungstyp, dem – jedenfalls historisch – Studenten aus derselben Herkunftsregion an einem auswärtigen Studienort angehören, nicht zu verwechseln mit völkischen „Vertriebenenverbänden“ wie der Sudetendeutschen Landsmannschaft

Mai

Juni

Donnerstag / 26. Mai / 19:30 h / Kassel / KAROSHI (Gießbergstraße 41-47): Mobilisierungs-Veranstaltung: „Den Burschentag in Eisenach zum Desaster machen“

Samstag / 18. Juni / 14 h / Eisenach / Hauptbahnhof: Demonstration gegen den Burschentag der Deutschen Burschenschaft

Donnerstag / 5. Mai / 20:30 h / Marburg / Café Am Grün (Am Grün 28): Veranstaltung: „Studentenverbindungen - eine kritische Betrachtung“ mit Gruppe Gegenstrom, lisa2.blogsport.de

Freitag / 27. Mai / 21 h / Marburg / Alte Mensa (Reitgasse 11): Mobilisierungs-Veranstaltung: „Den Burschentag in Eisenach zum Desaster machen“ | vorher Vokü

Wenn es auch in eurer Stadt eine Infound Mobilisierungsveranstaltung geben soll, dann schreibt dem „Bündnis gegen den Burschentag in Eisenach“ eine E-Mail: bgbe@riseup.net

Donnertag / 16. Juni / 20:30 h / Marburg / Café am Grün (Am Grün 28): Info-Veranstaltung: „Letzte Infos zur Demo plus Antirepressions-Tipps“ mit Bunte Hilfe, Marburg, lisa2.blogsport.de

Gegen Burschentage  

Eine Zeitung die übe die Proteste und deren Gründe gegen den Burschentag der Deutschen Burschenschaft in Eisenach berichtet.