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Das bfu-Magazin für Präventionspartner

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VERKEHRSINSTRUKTION Seit 20 Jahren fördert die bfu den Austausch

bfu-FORUM Blick nach Schweden: Vision Zero im Strassenverkehr

SICHERHEITSKULTUR IM BETRIEB «Drive Safely Week» bei Coca-Cola


Inhalt

EDITORIAL

DIE ZAHL Sprung ins Ungewisse

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FOKUS VERKEHRSINSTRUKTION Erfahrungsaustausch seit 20 Jahren

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Verkehrsinstruktion im Kindergarten: Geduldig warten, bis die Strasse frei ist

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Standpunkt von Isabelle Chassot, Präsidentin EDK: «Das Ergebnis einer engen Zusammenarbeit»

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Verkehrsinstruktion in Berufs- und Mittelschulen: Sicherheit geht auch Junge etwas an

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NETZWERK Partner bfu-Forum 2011: Weniger Fussgängerunfälle mit Vision Zero

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Betriebe «Drive Safely Week» bei Coca Cola

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Polizei Vermehrt Prävention statt nur Repression

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KAMPAGNE Liebeserklärung an Velo – und Helm!

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IMPRESSUM Herausgeberin: bfu – Beratungsstelle für Unfallverhütung, Hodlerstrasse 5a, CH-3011 Bern, info@bfu.ch, www.bfu.ch, Tel. + 41 31 390 22 22 Adressänderungen: abo@bfu.ch Redaktion: Ursula Marti (wortreich gmbh) , Magali Dubois (bfu) , Rolf Moning (bfu), Tom Glanzmann (bfu) Redaktionsadresse: Ursula Marti, wortreich gmbh, Maulbeerstrasse 14, 3011 Bern, ursula.marti@wortreich-gmbh.ch, Tel. + 41 31 305 55 66 Korrektorat: Hedy Rudolf (bfu) Bildnachweise: Seiten 1, 2, 4, 5, 16: bfu; Seiten 6, 8, 11: Iris Andermatt; Seiten 7, 12, 13, 15: zVg Layout: SRT Kurth & Partner AG, Ittigen Druck: UD Print AG, Luzern, klimaneutral gedruckt Auflage: Deutsch: 9200, Französisch: 3300, Italienisch: 1100. Das Magazin erscheint vierteljährlich. © Wiedergabe von Artikeln nur mit Genehmigung der Redaktion und unter vollständiger Quellenangabe.

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Hand in Hand in der Verkehrserziehung

Unfälle mit Kindern im Strassenverkehr verdeutlichen es: Kinder brauchen jemanden, der sie in Sachen Verkehrserziehung an die Hand nimmt. Diese wichtige Rolle kommt unter anderem den Verkehrsinstruktoren zu. 270 sind in der Schweiz aktiv. Ihnen ist in dieser Ausgabe von sicher leben das FokusThema gewidmet. Vielleicht kommen Ihnen Erinnerungen an die eigene Kindergartenund Schulzeit hoch? Das Üben am Fussgängerstreifen, der Nachmittag im Verkehrsgarten oder die Ermahnung des Polizisten, mit Licht am Velo zu fahren. Das sind nach wie vor wichtige Tätigkeitsfelder der Verkehrsinstruktorinnen und -instruktoren. Einiges mehr ist jedoch dazu gekommen. Waren sie früher Einzelkämpfer, sind sie heute «Netzwerkmanager». Sie arbeiten mit Lehrpersonen, Schulleitungen, Eltern und Behörden zusammen. Nur Hand in Hand kann Verkehrssicherheit für die Kinder erfolgreich sein. Die Sensibilität für Sicherheit im Strassenverkehr ist allgemein gestiegen, entsprechend steigen die Ansprüche an die Verkehrsinstruktoren. Die bfu reicht ihnen auch in Zukunft die Hand, damit sie diesen Ansprüchen gerecht werden können. Sie ist daran, ein Massnahmenpaket für die künftige Sicherheit in Schulen zu schnüren. Darin spielen die Verkehrsinstruktoren eine wichtige Rolle. Etwa bei der Gestaltung des Schulwegs oder bei Querungen. Dazu gibt die bfu den Verkehrsinstruktoren die nötigen Hilfsmittel in die Hand. Tom Glanzmann


DIE ZAHL

Sprung ins Ungewisse ZAHLENVERGLEICH Sind 7 tödliche Base-Jumping-Unfälle in 2 Jahren viel oder wenig? Ein Vergleich zeigt, dass das Todesrisiko beim Base-Jumping pro Tag 2000-mal höher ist als jenes beim Ski- und Snowboardfahren auf der Piste.

Unter Base-Jumping versteht man das Fallschirmspringen von Objekten wie Gebäuden (building), Sendemasten (antenna), Brücken (span) oder Felsen (earth). Dabei wird nach einer Phase im freien Fall für die Landung der Fallschirm geöffnet. Sogenannte Wingsuits (Fledermaus-Anzüge) erlauben den Springern das Vorwärtsfliegen. BaseJumping ist auch bei vorsichtigem Verhalten mit grossen Risiken verbunden. Versicherungen betrachten es als Wagnis und kürzen bei einem Unfall ihre Leistungen um die Hälfte oder verweigern sie sogar. In einem Zeitungskommentar (Der Bund vom 29.06.2011) unter dem Titel «Ein seltener Todessprung» nimmt Markus Wyler, Pressesprecher der

Swiss Base Association, Stellung zu einem tödlichen Unfall, der sich im BaseJumper-Mekka Lauterbrunnen ereignet hat. Gemäss seinen Aussagen waren in

2000 2 Jahren 7 tödliche Unfälle zu verzeichnen, bei jährlich rund 15 000 Sprüngen von 500 Base-Jumpern. Base-Jumping sei «sicherer, als viele meinen», steht im Untertitel des Beitrags. Die Base-Jum-

per seien schliesslich keine «todeslustigen Spinner» und gewillt, das Restrisiko zu tragen, betont Wyler. Schauen wir genauer hin: Bei 7 Toten auf rund 30 000 Sprünge, unter Berücksichtigung der Expositionszeit (die Sprünge dauern meist kaum 1 Minute), schneidet Base-Jumping im Vergleich mit andern Sportarten definitiv schlecht ab. Auch wenn man das Todesfallrisiko pro Base-Jumping-Tag ausrechnet und von 2 Sprüngen pro Tag ausgeht, ergibt das 1 Todesfall auf gut 2000 Base-Jumping-Tage. Zum Vergleich: Beim Ski- und Snowboardfahren gibt es zusammen 1 Todesfall auf 4 000 000 Pisten-Tage. Das Todesrisiko pro Tag ist damit ca. 2000-mal kleiner als beim Base-Jumping! wamo

ZOOM

Unaufmerksamkeit und Ablenkung im Strassenverkehr Unaufmerksamkeit und Ablenkung sind bei 23 % der tödlich verunglückten Verkehrsteilnehmenden mögliche Mitursache eines Unfalls. Zu den bedeutendsten Ablenkungen am Steuer gehören vor allem Gespräche mit dem Handy oder über die Freisprechanlage. Daneben spielt auch das Schreiben von Textnach-

richten, etwa per SMS, eine zunehmend gefährliche Rolle. Bei jungen Lenkerinnen und Lenkern sind häufig die mitfahrenden Personen der Grund für die Ablenkung. Im neuen bfu-Faktenblatt Nr. 07 «Unaufmerksamkeit und Ablenkung» sind die Hintergründe beschrieben. Das Faktenblatt beinhaltet statistische Daten,

rechtliche Aspekte und eine Betrachtung aus psychologischer Sicht. Zudem werden mögliche Sicherheitsmassnahmen aufgezeigt. Das bfu-Faktenblatt ist in deutscher Sprache als PDF erhältlich auf www.bfu.ch/bestellen (Bestell-Nr. 2.085). um

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FOKUS VERKEHRSINSTRUKTION

Erfahrungsaustausch seit 20 Jahren VERKEHRSINSTRUKTOREN-TAGUNG Zum 20. Mal trafen sich die Verkehrsinstruktorinnen und -instruktoren auf Einladung der bfu. «Am Puls der Zeit» hiess das Motto der Tagung – im Mittelpunkt standen zeitgemässe Massnahmen für die Sicherheit von Kindern und Jugendlichen im Strassenverkehr.

Brigitte Buhmann, Direktorin der bfu, war stolz, die 20. Verkehrsinstruktoren-Tagung in Bern zu eröffnen. 1992 hatte die bfu die erste Tagung in Luzern durchgeführt. Der seither jährlich stattfindende Anlass ist die einzige Plattform, an der Verkehrsinstruktorinnen und -instruktoren der Polizeien aus der ganzen Schweiz teilnehmen. Erfreut war Brigitte Buhmann auch über die Erfolge bei der Sicherheit von Kindern im Strassenverkehr. Von 1990 bis 2010 ging die Zahl der schwer verletzten Kinder bis 14 Jahre im Strassenverkehr von 980 auf 262 zurück, jene der Getöteten von 48 auf 8. Die Unfallzahlen bei Kindern sanken damit über-

durchschnittlich – nicht zuletzt dank dem Engagement der Verkehrsinstruktoren. Die Verkehrsinstruktoren besuchen die Kindergärten und Schulen. Sie sensibilisieren für Gefahren im Strassenverkehr und lehren das richtige Verhalten. Weit mehr noch: Sie beraten Behörden, Schulleitungen, Lehrpersonen und Eltern. Strassenverkehrsunfälle bei Kindern zwischen 5 und 14 Jahren sind aber nach wie vor die häufigste UnfallTodesursache. Welche Massnahmen braucht es heute wie morgen? Massnahmen am Puls der Zeit

Über 250 Verkehrsinstruktorinnen und Verkehrsinstruktoren strömten am 16.

Die jährliche Tagung ist für die Verkehrsinstruktorinnen und -instruktoren ein wichtiger Vernetzungsanlass.

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November 2011 in die Bernexpo – Teilnehmerrekord! Bereits um 9 Uhr stand einer der wichtigsten Punkte auf dem Programm: Erfahrungsaustausch. Bei Kaffee und Gipfeli wurden aktuelle Probleme diskutiert und Kontakte gepflegt. Dies schätzt Chef-Verkehrsinstruktor Marcel Abplanalp der Stadtpolizei Winterthur besonders: «An einem Tag im Jahr treffen wir uns an einem Ort. Ein Anlass, der kaum mehr wegzudenken ist.» Seit 14 Jahren nimmt Abplanalp teil. War es damals noch eine überschaubare Gruppe, so hat er heute kaum mehr Zeit, mit allen zu sprechen. Jedes Jahr kommen neue Verkehrsinstruktoren dazu – und selbstverständlich auch Verkehrsinstruktorinnen. Über 45 Frauen nahmen an der Jubiläumstagung teil. Eine von ihnen ist Lilian Kempf von der Kantonspolizei Uri. Sie schätzt den Austausch besonders: «Ich bin erst seit 3 Jahren dabei. Ich erfahre jedes Jahr mehr, wie andere ans Thema Verkehrserziehung herangehen.» Beim «Wie» setzte der nächste Teil des Programms zwischen 10.00 und 12.30 Uhr an: Unter dem Motto «Verkehrserziehung am Puls der Zeit» beleuchteten Referentinnen und Referenten moderne Massnahmen der Verhältnis- und Verhaltensprävention. Für wirkungsvollen Verkehrsunterricht braucht es beides. Denn: Je besser die Verhältnisse im Strassenraum sind, desto einfacher fällt den Schülerinnen und Schülern das sichere Verhalten.


Ein Beispiel: Kinder können Fussgängerstreifen mit Mittelinseln leichter überqueren als solche ohne. Dank der Mittelinsel müssen sie den Verkehr nur aus einer Richtung aufs Mal einschätzen. Auch das bfu-Modell 50/30 ist eine wirkungsvolle Massnahme der Verhältnisprävention. «Gerade in Quartieren mit Schulhäusern sorgt Tempo 30 für eine Reduktion der Anzahl und Schwere von Unfällen», erklärt Claude Morzier, Verkehrsingenieur bei der bfu. Herausforderungen nehmen zu

«Für Kinder ist das Verkehrsgeschehen komplexer geworden – es hat mehr Verkehr und mehr Signale», stellt Abplanalp fest. Entsprechend sind die Herausforderungen an die Verkehrsinstruktoren gestiegen. Sicherheitsförderndes Verhalten zu vermitteln ist nicht einfach. «Dafür verantwortlich ist unter anderem auch das Gehirn oder die Gehirnreifung», wie Lutz Jäncke, Professor an der Universität Zürich, erläutert. Die wichtigste Botschaft aus Sicht der Hirnforschung: «Wiederholen, wiederholen, wiederholen. Und: Vorbild sein.» Hierzu müssen natürlich auch Eltern beitragen. Gerade sie sind in der Erziehung gefragt. Darauf wies «Ein Anlass, der kaum mehr wegzudenken ist.»

Rita Dünki-Arnold hin. Sie ging auf Kinder mit auffälligem Verhalten ein. Den Instruktoren zeigte sie auf, wie der Verkehrsunterricht mit einfachen Massnahmen zum Erfolg wird. Schliesslich braucht es auch ganz neue Ideen für den Verkehrsunterricht. Einen besonderen Weg beschreitet das Puppentheater tiramisü. In ihrem Referat erklärten die Puppenspielerinnen ihre Arbeitsweise und machten Appetit auf ihr Austauschseminar (siehe Kasten), eines von sechs Seminaren, das die Verkehrsinstruktoren am Nachmittag besuchen konnten. Doch erst stand das Mittagessen auf dem Programm – Zeit für weiteren Erfahrungsaustausch. Tom Glanzmann

Verbunden mit einem interaktiven Puppentheater bleiben die Präventionsbotschaften bei den Kindern haften.

Verkehrserziehung der besonderen Art «Guten Nachmittag miteinander, schön, seid ihr alle hier. Ich heisse Kari Odermatt und heute sprechen wir von der Strasse.» So begrüsste die PolizistenPuppe in den Händen von Regina Bosshard rund 40 Kinder. Bosshard ist Mitglied der Theatergruppe tiramisü. Seit über 12 Jahren arbeitet die Gruppe mit Verkehrsinstruktoren zusammen. An der Tagung zeigte sie den Ablauf ihres Verkehrsunterrichts, der sich in 3 Teile gliedert. Im ersten Teil mussten die Kinder zeigen, wie sie einen auf dem Boden ausgerollten Fussgängerstreifen überqueren. Dies hatten sie bereits vorgängig mit einem Verkehrsinstruktor eingeübt. Alle kamen sicher an und nahmen auf den Stühlen vor einer Bühne Platz. Dort zeigte die Theatergruppe nochmals, worauf es beim Überqueren ankommt. Mit dem Merk-

spruch «Ich kann das!» wurde das Verhalten gefestigt. Dann tauchten die Kinder im zweiten Teil in eine magische, emotionale Welt ein, die auf den ersten Blick nicht direkt mit Strassenverkehr zu tun hat: ein Märchen, in dem der Held über das Böse siegt. Hier liegt das Besondere an der Unterrichtsform: Durch die aktive Teilhabe an der Geschichte werden die Sinne und die Möglichkeiten zur Einflussnahme der Kinder geschärft und gestärkt. Über das Märchen wird ein positives Gefühl erzeugt. Das Kind überträgt dieses auf den Alltag, also z. B. auf den Strassenverkehr. Das fliesst in den dritten Teil ein. Hier übernahm der Polizist wieder die Führung. Er wiederholte den Merkspruch und bedankte sich bei den Kindern für ihre Mitarbeit. tg sicher leben 1 / 2012

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FOKUS VERKEHRSINSTRUKTION

Geduldig warten, bis die Strasse frei ist KINDERGARTEN Dank den Verkehrsinstruktoren werden Kinder von klein auf für die Verkehrssicherheit sensibilisiert. Im Kindergarten Staufen, in der Aargauer Gemeinde Lenzburg, ist Polizist Stephan Roth ein gern gesehender Gast. sicher leben durfte beim Besuch dabei sein.

Der erste Teil der Verkehrsinstruktion findet im Kindergarten statt. «Warte, luege und lose – und erscht denn laufe» üben die Kinder mit «Stoppli», der bfuPuppe, im Chor. Vor ihnen liegt ein Strassenteppich. Die Kinder sagen Stoppli, wo er die Strasse überqueren darf. Ein Koffer mit Rädern und Beleuchtung simuliert das heranfahrende Auto. Die Kinder ermahnen Stoppli zu warten, obwohl der Autolenker ein Lichtzeichen gibt und Handzeichen macht. Doch Stoppli darf erst gehen, wenn die Räder stillstehen. Danach bespricht der Verkehrsinstruktor Stephan Roth mit den Kindern, wie sie sich im Strassenverkehr gut sichtbar machen können. Die älteren Kinder der Klasse kennen Stephan Roth, Fachlehrer für Verkehr und Verkehrsinstruktor der Regionalpolizei Lenzburg, bereits von seinen früheren Besuchen. Für die kleineren Kinder ist es der erste Kontakt. Bereits seit Wochen haben sich die 21 Kinder auf den Besuch des Polizisten gefreut, erzählt die Lehrerin des Kindergartens 2 in Staufen bei Lenzburg. Sie schätzt den regelmässigen Besuch des Verkehrsinstruktors sehr: «Es ist etwas anderes, wenn der Polizist mit den Kindern übt, als wenn wir mit ihnen über Verkehrssicherheit sprechen.» Nach der gemeinsamen Znünipause geht es auf einen Rundgang durchs Dorf. Beim ersten Fussgängerstreifen wird nochmals die Theorie wiederholt. Zuerst zu zweit, später einzeln üben die Kinder 6

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bei verschiedenen Strassen das sichere Überqueren. Geduldig warten sie, bis die Strasse frei ist oder ein Auto anhält. «Ab heute sagt ihr euren Eltern, wann es richtig ist, die Strasse zu überqueren – auch wenn sie es eilig haben», gibt der Verkehrsinstruktor den Kindern mit auf den Weg. Schon bald ist die zweite Lektion beendet. Zurück im Kindergarten wird ein letztes Mal die Theorie wiederholt. Zum Abschluss erhalten alle vom Polizisten ein kleines Malbüchlein mit Stoppli, das verschiedene Verkehrssituationen zeigt. Bereits vor Beginn des Schuljahres machte Stephan Roth die Eltern der neuen Kindergärteler am Elternabend

auf die Gefahren des Strassenverkehrs aufmerksam. Er forderte sie auf, mit ihrem Kind den sichersten Weg in den Kindergarten zu finden und dafür zu sorgen, dass das Leuchtdreieck immer getragen wird. In Staufen gilt zwar überall Tempo 30, aber es gibt einige enge Strassenabschnitte mit unübersichtlichen Einmündungen. Wichtig ist dem Verkehrsinstruktor auch, dass nicht einfach «Taxi Mama» fährt, sondern dass die Kinder lernen, ihren Schulweg selbstständig zurückzulegen. Denn der Schulweg soll auch zusammen mit den anderen Kindern zum Erlebnisweg werden. Beatrice Suter

Das Üben mit dem Verkehrsinstruktor Stephan Roth ist für die Kinder ein eindrückliches Erlebnis.


FOKUS VERKEHRSINSTRUKTION

Das Ergebnis einer engen Zusammenarbeit STANDPUNKT zur Verkehrserziehung in der Schule. Von Isabelle Chassot, Präsidentin der Schweizerischen Konferenz der kantonalen Erziehungsdirektoren EDK.

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erkehrserziehung ist ein wichtiger Pfeiler der Unfallprävention. Es besteht kein Zweifel, dass die Kinder durch einen frühzeitigen und wiederholten Verkehrsunterricht für die Gefahren im Strassenverkehr sensibilisiert werden. Dabei wird ihnen von klein auf verantwortungsbewusstes Verhalten vermittelt – eine wichtige Grundlage für eine respektvolle und sichere Nutzung des öffentlichen Raums. In allen Kantonen findet die Verkehrserziehung ab dem Kindergarten nicht nur auf theoretischer, sondern auch auf praktischer Ebene statt. Denn ein nachhaltiger Lerneffekt ist nur möglich, wenn die Kinder auf ihrem Schulweg mit realen Verkehrssituationen konfrontiert werden. Bei praktischen Übungen haben sie die Möglichkeit, sich in einem sicheren Rahmen damit vertraut zu machen. Dies geschieht unter Anleitung von Verkehrsinstruktoren der Polizei, die eigens für den Umgang mit dem jungen Zielpublikum geschult wurden. Verkehrserziehung in der Schule ist letztlich das Ergebnis einer engen Zusammenarbeit zwischen Lehrkräften, Polizei und verschiedenen Partnern, die ihre pädagogische Unterstützung einbringen. Es sei jedoch daran erinnert, dass Verkehrserziehung nicht nur in der Schule stattfindet: Auch die Familie spielt eine wesentliche Rolle in diesem Lernprozess – vielleicht sogar die wichtigste. Ich begrüsse deshalb Initiativen wie den Pedibus, also Projekte von engagierten El-

Isabelle Chassot: «Eine nachhaltige Verkehrserziehung ist nur möglich, wenn die Kinder mit realen Situationen konfrontiert werden.»

tern, die ihre Kinder auf dem Schulweg zur Eigenverantwortung erziehen möchten. Die Kinder lernen so schrittweise, sich im Strassenverkehr selbstständig zu bewegen. Damit der Schulweg Sicherheit bietet und auch Spass macht, sind entsprechende Raumplanungs- und Verkehrsmassnahmen nötig. Die Strasseninfrastruktur ist bislang nicht genügend auf Fussgänger und Radfahrende ausgerichtet. Während die Strassen für motorisierte Personen ein zusammenhängendes Netz bilden, werden die Fussgängerwege immer

wieder durch den Verkehr unterbrochen. So gehören zum Beispiel Verkehrsberuhigungsprojekte und Fussgängerinseln zu den Massnahmen, mit denen das Nebeneinander aller Verkehrsteilnehmenden entscheidend erleichtert werden kann. Zum Schluss möchte ich betonen, dass all diese Massnahmen und Bemühungen ohne das aktive Zutun jedes und jeder Einzelnen nutzlos bleiben, denn im Verkehr braucht es das rücksichts- und verantwortungsvolle Verhalten aller, um die Sicherheit auf den Strassen zu gewährleisten. s sicher leben 1 / 2012

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FOKUS VERKEHRSINSTRUKTION

Sicherheit geht auch Junge etwas an BERUFS- UND MITTELSCHULEN Das Amt für Strassenverkehr und Schifffahrt (ASS) des Kantons Freiburg hat die Aufgabe, Jugendliche und junge Erwachsene für Verkehrssicherheit zu sensibilisieren. Wie schwierig ist es, dieser Zielgruppe Sicherheitsbotschaften zu vermitteln? Ein Gespräch mit Pierre-André Singer, Leiter des Sektors Prävention im ASS.

Pierre-André Singer mit einer Freiburger Handelsklasse.

sicher leben: Pierre-André Singer, in verschiedenen Kantonen haben die Schüler schon früh keine Verkehrserziehung mehr, manchmal bereits ab der 7. Klasse. Im Kanton Freiburg ist die Situation offensichtlich anders … 8

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Pierre-André Singer: Tatsächlich kommen in Freiburg gemäss einem kantonalen Beschluss alle Kinder während der obligatorischen Schulzeit in den Genuss von Sensibilisierungskursen. Dafür ist die Polizei zuständig. Für die

Sekundarstufe II hat der Staatsrat den Auftrag ans ASS vergeben; entsprechend bieten wir eine Reihe von Ausbildungen an, die auf unser Zielpublikum zugeschnitten sind. Dieses kann sehr unterschiedlich sein, je nachdem,


ob wir es z. B. mit Lehrlingen der Autobranche, Pharmazieassistentinnen oder Gymnasiastinnen und Gymnasiasten zu tun haben. Die Angebotsvielfalt ist uns sehr wichtig, denn die Mittel- und Berufsschulen sind für verschiedene Themen sehr empfänglich. 2010 bildete unser Amt etwa 2000 Jugendliche in Verkehrssicherheit aus. Welches sind die wichtigsten Botschaften, die Sie den Jugendlichen vermitteln? Wir wollen ihnen bewusst machen, dass sie nicht nur Nutzen aus der Sicherheit ziehen, sondern auch ihren Beitrag dazu leisten müssen. Unser Ziel ist, ihnen die nötigen Informationen zu liefern, damit sie die richtigen Entscheidungen treffen und sich selber schützen können, um nicht auf der Strasse zu sterben. Fahren ist kein Grundrecht, sondern eine komplexe Tätigkeit, die vielen Gesetzen unterliegt. Um das zu illustrieren, zeigen wir auf, welche Folgen ein Unfall strafrechtlich, administrativ und persönlich nach sich zieht. Bleibt das nicht alles sehr theoretisch? Kommt diese Botschaft an? Die Folgen der Unfälle, insbesondere die physischen und finanziellen, machen den Jugendlichen grossen Eindruck. Sie realisieren, dass zum Beispiel ein feuchtfröhlicher Abend lebenslang schwere Auswirkungen auf das soziale Leben haben kann. Das ist auch das Thema des Films «Raser Bänz», den wir regelmässig vorführen. Dieser erzählt die wahre Geschichte von Martin Bänz, der gern und schnell fährt. An einem Sommernachmittag kommt der junge Mann in einer 80-km/hZone mit 140 km/h von der Strasse ab. Die Folge: 2 Monate Koma, 37 Brüche, das rechte Bein kaputt, Schulden ohne Ende, 3 Jahre Wartefrist für eine IV-Rente usw. Ganz zu schweigen vom Leiden der Angehörigen. Der Film zeigt eindrücklich die dramatische Wende, die ein Leben (oder sogar mehrere) nach einem Unfall – in diesem Fall

selbst verschuldet – nehmen kann. Wir hoffen, dass diese Botschaft bei den Jungen hängen bleibt. Heisst das für Sie, dass man mit Schockbildern arbeiten muss? Nein, wir zeigen auch keine besonders brutalen oder blutigen Bilder. Zudem weisen wir deutlich darauf hin, dass in unserem Kanton beispielsweise 2010 nur 1 % der Fahrausweise in der Probezeit wieder eingezogen wurde. Die grosse Mehrheit verhält sich also korrekt. Wir versuchen realistisch zu sein und an die Verantwortung zu appellieren. Das ASS bietet diese Kurse seit 1995 an. Hat sich Ihr Publikum in dieser Zeit verändert? Kommen die Botschaften besser oder schlechter an als früher? Die Jungen scheinen mir heute anspruchsvoller als früher, aber nicht weniger offen für unsere Anliegen. Ich würde sogar sagen, die Mentalität im Bereich der Verkehrssicherheit entwickelt sich positiv. Die Jungen sehen die Sache sehr klar und betrachten ihre Umwelt kritisch. Viele sind sich bewusst, dass die «Auto-über-alles-Mentalität» vorbei ist. Sie merken, dass das Einhalten von Regeln im Strassenverkehr unabdingbar ist für die Mobilität jedes Einzelnen. Natürlich gibt es immer auch solche, die das Risiko lieben. Wir dürfen uns also keineswegs zurücklehnen. Sie haben es mit intensiven Nutzern von neuen Technologien zu tun. Wird das in Ihrem Amt berücksichtigt? Die Erwartungen werden diesbezüglich immer höher. Soweit möglich setzen wir einen Fahrsimulator der neusten Generation ein. Damit können wir Risikosituationen in Echtzeit simulieren. Es gibt viele Wege, unsere Ziele zu vermitteln. Der direkte Kontakt und Dialog ist dabei aber zentral und darf nicht vernachlässigt werden. Interview: Magali Dubois

Ein aktives Amt Das Amt für Strassenverkehr und Schifffahrt des Kantons Freiburg (ASS) mit ungefähr 80 Mitarbeitenden ist eine selbstständige öffentlich-rechtliche Anstalt, die verschiedene selbst finanzierte Präventionstätigkeiten durchführt: Sensibilisierung auf der Sekundarstufe II, Auffrischungskurse für Senioren, Kurse für Alkohol-Erstdelinquenten und Verkehrserziehungskurse für Rückfällige oder im Hinblick auf die Wiedererlangung des Fahrausweises. Daneben arbeitet das ASS punktuell mit Partnern zusammen. So unterstützte es 2010 die Kampagne «Slow Down. Take it easy», indem ein Engel auf Freiburger-Strassen zu angepasster Geschwindigkeit aufforderte. 2011 organisierte das ASS zusammen mit der albanischen und der portugiesischen Gemeinschaft eine Tagung zur Prävention von Verkehrsunfällen. www.ocn.ch

ANGESAGT

Lehrmittel für die Verkehrserziehung Auf www.verkehrserziehung.ch finden Eltern, Lehrpersonen und Verkehrsinstruktoren eine Übersicht aktueller Lehrmittel für die Verkehrserziehung auf allen Altersstufen. Der Vorteil: Auf der Plattform sind nicht nur die Lehrmittel der bfu abrufbar, sondern auch aller übrigen Anbieter wie z. B. TCS, Pro Velo oder AXA Winterthur. Die Lehrmittel können über die Plattform direkt bei den Anbietern bestellt werden.

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NETZWERK PARTNER

Weniger Fussgängerunfälle mit Vision Zero BLICK NACH SCHWEDEN Am 13. bfu-Forum stand die Sicherheit der Fussgängerinnen und Fussgänger im Zentrum. sicher leben sprach mit der Hauptreferentin, der schwedischen Forschungsleiterin Astrid Linder, über ihre Erfahrungen mit dem Präventionsansatz «Vision Zero».

sicher leben: Als Schweden 1997 sein ambitiöses Verkehrssicherheitsprogramm «Vision Zero» zum Ziel erklärte, war das der Beginn einer neuen Denkhaltung. Von da an sollten die Sicherheitssysteme so ausgestaltet sein, dass schwere Unfälle gar nicht mehr geschehen können. Wie haben Sie diese Startphase damals erlebt? Astrid Linder: Als Vision Zero eingeführt wurde, reagierten viele Akteure skeptisch und sogar ungläubig. Reaktionen wie «die Gesellschaft wird stillste-

«Vision Zero beruht auf geteilter Verantwortung.»

hen, wenn wir Vision Zero umsetzen» waren an der Tagesordnung. Andere wiederum liessen sich inspirieren und erkannten die Parallelen zu den Errungenschaften zum Beispiel im Bereich Arbeitssicherheit. Sie glaubten daran, dass im Strassenverkehrssystem ein solcher Wandel auch möglich wäre. Vision Zero geht davon aus, dass Menschen nicht perfekt sind, also hin und wieder Fehler machen, und das System diese auffangen muss. Wie weit geht diese «Vorsorge» und ab welchem Punkt beginnt die Eigenverantwortung? Vision Zero beruht auf dem Prinzip der geteilten Verantwortung. Die Be10

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nutzenden des Verkehrssystems sind immer für ihr Tun verantwortlich. Fehlerhaftes Verhalten sollte in der Ausgestaltung des Systems jedoch eingeplant und absichtliche Verstösse gegen rechtliche Bestimmungen müssen geahndet werden. Der Systemanbieter (Anmerkung Redaktion: z. B. Strasseneigentümer, Gesetzgeber usw.) sowie die Entwickler – z. B. von Fahrzeugen – stehen in der Verantwortung. Sie müssen ein System gestalten, das die Konsequenzen von menschlichem Versagen auffängt und schwere oder gar tödliche Verletzungen verhindert. Wie gehen Sie in Schweden vor, um die bis 2020 gesetzten Ziele von Vision Zero auch tatsächlich zu erreichen? Wir hatten uns bereits für 2007 Ziele gesetzt, diese dann aber nicht erreicht. So mussten wir in Schweden auf die harte Tour lernen, dass eine kontinuierliche Überwachung der Fortschritte notwendig ist. Aus diesem Grund haben wir 15 Indikatoren für die Verkehrssicherheit eingeführt, die wir messen und anhand derer wir die jährlichen Fortschritte überprüfen können. Das geschieht in einem offenen Forum mit Beteiligung aller Akteure. Wo gab es bis jetzt «Sicherheitslücken» im System Strassenverkehr? Jedes Land ist mit spezifischen Herausforderungen konfrontiert. In Schweden hatten und haben wir noch immer Pro-

bleme mit Geschwindigkeitsübertretungen. Rasen ist in der schwedischen Gesellschaft akzeptiert, solange dabei nichts schief geht. Diese Akzeptanz beruht auf fehlendem Wissen über den Zusammenhang zwischen Tempoüberschreitungen und Unfällen. Dem wirken wir nun auf unterschiedliche Art und Weise entgegen. Welches sind die wichtigsten Massnahmen, die zurzeit in Schweden im Rahmen von «Vision Zero» getroffen werden, um diese Sicherheitslücken zu schliessen? Das Thema «Rasen» gehen wir mit verschiedenen Massnahmen und Ansätzen an. Wir haben Geschwindigkeitskameras eingeführt – das geschah phasenweise mit Pilotversuchen und Evaluationen. Wir haben die Tempolimiten einer vollständigen Überprüfung un-

«Wo Fahrzeuge und Fussgänger zusammentreffen, sollte die Tempolimite 30 km/h sein.»

terzogen und eindeutigere Zusammenhänge zwischen dem Sicherheitsniveau der Strassen und den darauf gültigen Tempolimiten hergestellt. Unter zahlreichen Sensibilisierungsmassnahmen haben wir auch solche getroffen, die der Gesellschaft die Bedeutung des Themas


Dr. Astrid Linder ist Forschungsleiterin Verkehrssicherheit beim Schwedischen Verkehrsforschungszentrum VTI. Sie sprach am bfu-Forum vom 29. November 2011 in Bern.

vor Augen führen, wie z. B. verschärfte Strafen für Raser und vermehrte Polizeikontrollen. Mit welchen Massnahmen kann man insbesondere die Sicherheit der Fussgängerinnen und Fussgänger verbessern? Wenn es um die Sicherheit von Fussgängern geht, gilt für alle Menschen weltweit das Gleiche: Aufgrund der biomechanischen Voraussetzungen werden bei einem Aufprall mit 30 km/h rund 10 % der Fussgänger getötet, je nach Art des Aufpralls und Verletzlichkeit der betroffenen Person. Bei 50 km/h liegt der entsprechende Wert bereits bei rund 80 %. Das heisst, dass bei einer Tempolimite von 50 km/h keine Interaktion zwischen Strassenverkehr und Fussgängern stattfinden sollte. Dort, wo Fahrzeuge und Fussgänger zusammentreffen, müsste die Tempolimite 30 km/h betragen.

In Göteborg sind viele Dinge gut gemacht worden. Man hat viel Energie darauf verwendet, um herauszufinden, wo es bei Unfällen zu schweren oder gar tödlichen Verletzungen kommt und welche Faktoren dazu beitragen. Und man hat konsequent Massnahmen getroffen, informiert und die Durchführung der Massnahmen ständig überwacht. Das und noch vieles mehr ist notwendig, um die Anzahl der Todesfälle und Verletzungen in unserem Strassenverkehrssystem nachhaltig zu verringern. Wie ist Ihre Zwischenbilanz heute, 11 Jahre nach dem Start von Vison Zero? Wir profitieren enorm davon, dass alle Akteure ein gemeinsames Ziel haben. Es tut gut zu wissen, dass wir die Sicherheit nicht nur verbessern sollten, sondern es auch können. Interview: Ursula Marti

In Ihrem Vortrag erwähnen Sie Göteborg als erfolgreiches Beispiel, wo die Unfallzahlen dank dem Datenaustausch zwischen Polizei und Spitälern massiv abgenommen haben. Was hat man dort besonders gut gemacht?

ANGESAGT

bfu an der ArbeitsSicherheitSchweiz Vom 6. bis 8. Juni 2012 findet in Bern die 4. Fachmesse für Arbeitssicherheit und Gesundheitsschutz am Arbeitsplatz statt. Die bfu informiert an einem gemeinsamen Stand mit ArbeitsSicherheit Schweiz sowie in Praxisforen, wie Betriebe erfolgreich die Prävention von Nichtberufsunfällen ihrer Mitarbeitenden fördern können. Informationen: www.arbeits-sicherheit-schweiz.ch

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NETZWERK BETRIEBE

«Drive Safely Week» bei Coca-Cola FIRMENKULTUR Der Umgang mit Sicherheit ist Teil der Firmenkultur von Coca-Cola HBC Schweiz AG. In einer Aktionswoche, der «Drive Safely Week», wird zu sicherem Verhalten im Strassenverkehr angeregt. Die Geschäftsleitungsmitglieder stehen voll hinter der Aktion.

Die Figur Franky Slow Down motiviert die Mitarbeitenden von Coca-Cola HBC Schweiz AG, sich im Rahmen der «Drive Safely Week» mit dem eigenen Verkehrsverhalten auseinanderzusetzen.

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«Bip bip» quittieren rund 600 Handys von Vertriebsmitarbeitenden, Staplerfahrern und Lastwagenchauffeuren den Empfang eines SMS. Es erinnert sie an den Start der «Drive Safely Week» der Coca-Cola HBC Schweiz AG. Während dieser Aktionswoche motiviert das Unternehmen rund 1200 Mitarbeitende in der ganzen Schweiz, sich im Strassenverkehr sicher zu verhalten. Pro Jahr legen die Mitarbeitenden beruflich rund 16 Millionen Kilometer zurück. Den Vielfahrern gilt denn auch das Hauptaugenmerk. Die Verantwortlichen von Coca-Cola HBC Schweiz AG haben in Zusammenarbeit mit der bfu ein abwechslungsreiches Programm zusammengestellt. Täglich erhalten alle Mitarbeitenden Aufrufe per E-Mail oder SMS und werden am Schwarzen Brett über das aktuelle Sicherheitsthema informiert. An verschiedenen Standorten kommen Infomodule zum Einsatz. Diese regen die Mitarbeitenden an, sich Gedanken zu ihrem eigenen Verhalten im Strassenverkehr zu machen. Angesprochen werden der Umgang mit Alkohol / Drogen, Ermüdung und Telefonieren am Steuer, der Sicherheitsgurt sowie die angepasste Geschwindigkeit. In den Pausenräumen liegen neben bfu-Broschüren speziell für die Aktion gestaltete Karten sowie heiss begehrte Give-aways auf: Kleber der Geschwindigkeitskampagne «Slow Down. Take it easy», Leuchtbänder für bessere Sichtbarkeit, Türhän-


ger aus der Turboschlaf-Kampagne und Gummibonbons in Cola-FläschchenForm aus der Alkoholkampagne. Aha-Erlebnis mit dem Fahrsimulator

Eine besondere Attraktion steht vor der Kantine des Werks Bolligen (BE): ein Alkohol-Fahrsimulator. Ein ehemaliger Lastwagenchauffeur will dieses eigenartige Gefährt mit 3 Bildschirmen ausprobieren. Nach einer kurzen Instruktion durch Iwan Fuchs von der Fachstelle ASN, beschleunigt er auf 80 km/h. Plötzlich taucht ein Hindernis auf dem Bildschirm auf und er bremst kräftig ab. 0,72 Sekunden ist seine Reaktionszeit – ein guter Wert. Dennoch ergibt das einen Bremsweg von 23 Metern und er touchiert das Hindernis leicht. Der Instruktor zeigt ihm anschliessend am Monitor, welche Sichteinschränkungen er mit einem Alkoholpegel von 0,5 Promille hätte. Und er simuliert auf dem Bildschirm, wie viele Meter er aufgrund der eingeschränkten Reaktionsfähigkeit über die Mauer hinausgeschossen wäre. Iwan Fuchs ist mit der Aktion sehr zufrieden: «Die Leute hier sind gut informiert und kommen von sich aus vorbei, um ihre Reaktion zu testen. Sie sind immer wieder erstaunt, welchen Einfluss Alkohol auf die Reaktionsfähigkeit und auf den Bremsweg hat.» Und schon kommt der nächste Mitarbeiter, der das Testgerät ausprobieren will. Der Startschuss zur Aktion fiel an einem Kick-off-Meeting im November 2011. Vor rund 200 Managern und Franky Slow Down gaben die 6 anwesenden Geschäftsleitungsmitglieder ihr Versprechen, sich im Strassenverkehr verantwortungsvoll zu verhalten. Sie unterzeichneten Poster, die anschliessend an einem gut sichtbaren Ort platziert wurden, worauf auch viele andere Mitarbeitende ihr Commitment abgaben. Damit nimmt das Unternehmen eine Vorreiterrolle in der Sicherheitskultur wahr. Beatrice Suter

«Die Fahrsicherheit war in aller Munde» Patrick Wittweiler, Country Operational Sustainability Manager der Coca-Cola HBC Schweiz AG, zur «Drive Safely Week».

sicher leben: Herr Wittweiler, Sie sind bei der Coca-Cola HBC Schweiz AG auch für das Thema Sicherheit verantwortlich und tragen mit Ihrem Commitment diese Präventionskampagne mit. Was gab den Anlass, an den verschiedenen Standorten in der Schweiz eine «Drive Safely Week» durchzuführen? Patrick Wittweiler: Die Kampagne haben wir im Rahmen einer internationalen Fahrsicherheits-Initiative der CocaCola Hellenic Gruppe durchgeführt, zu der unser Unternehmen gehört. Ziel war, das Sicherheitsbewusstsein unserer Mitarbeitenden im Strassenverkehr zu stärken. Viele von ihnen sitzen schliesslich täglich hinter dem Steuer – zum Beispiel die Aussendienst-Mitarbeitenden oder die LKW-Fahrer. Ob wir nun selber fahren oder als Beifahrer oder Fussgänger am Strassenverkehr teilnehmen – wir alle können etwas dafür tun, um Unfälle zu vermeiden. Die Botschaft ist denkbar einfach: vorsichtig fahren, auch als Fussgänger umsichtig sein, darüber nachdenken, wie man seine Sicherheit erhöhen und sich verantwortungsvoller verhalten kann.

serem Unternehmen und wir führen gezielt zahlreiche Programme im Bereich Arbeitssicherheit durch. Dazu gehören zum Beispiel regelmässige Fahrtrainings für unsere LKW-Fahrer. Angesichts des Erfolgs der «Drive Safely Week», überlegen wir uns, die Aktion im nächsten Jahr zu wiederholen oder auch das Konzept auf weitere Themen im Bereich der Arbeitssicherheit auszudehnen. bs

Welche Erfahrungen machen Sie damit? Sehr gute: Die rege Teilnahme an den gemeinsam mit der bfu geplanten Aktionen und das schriftliche Bekenntnis vieler Coca-Cola-Mitarbeitenden während der Aktionswoche zeigen die breite Akzeptanz und die Bereitschaft, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen. Die Fahrsicherheit war während der «Drive Safely Week» in aller Munde. Wie verfolgt Ihr Unternehmen das Thema weiter? Die Sicherheit unserer Mitarbeitenden ist eines der wichtigsten Themen in un-

Patrick Wittweiler vor dem signierten Poster mit Geschäftsleitungsmitgliedern und Franky.

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NETZWERK POLI ZEI

Vermehrt Prävention statt nur Repression POLIZEILICHE KAMPAGNENARBEIT Viele Kantonalpolizeien sind äusserst aktiv in der Präventionsarbeit. Neben der Verkehrsinstruktion führen sie auch zahlreiche Aktionstage und Sensibilisierungskampagnen durch. Dank guter Zusammenarbeit untereinander und mit der bfu ergeben sich Synergien.

Aktionstag in Sedrun: Töfffahrende machen Pause und informieren sich über Sicherheitsfragen.

Die Polizei ist längst nicht nur Hüterin des Gesetzes, sie ist auch ein wichtiger Akteur in der Unfallverhütung. Um die polizeiliche Präventionsarbeit schweizweit zu koordinieren, treffen sich die Verantwortlichen aus den verschiedenen Regionen regelmässig in 14

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der Arbeitsgruppe Verkehrsprävention. Das Fachgremium wird präsidiert von Franz-Xaver Zemp von der Luzerner Polizei. Die Aufgaben umschreibt er wie folgt: «Wir beobachten und analysieren das Verkehrsgeschehen und ziehen die Konsequenzen für die Präventionsar-

beit.» Bei Handlungsbedarf werden Lösungsvorschläge vorgelegt. Oft einigen sich die Kantonalpolizeien und regionalen Konkordate darauf, gleichzeitig einen Schwerpunkt zu setzen mit Kontrollen und dazu passenden Präventionsaktivitäten, etwa zur Alkohol- oder


Geschwindigkeitsproblematik. Gemäss Zemp ist das aber nicht immer möglich oder sinnvoll: «Nicht alle haben die gleichen Ressourcen und je nach Gegend bestehen andere Herausforderungen.» Gebirgskantone sind beispielsweise mit Töffunfällen auf Passstrassen konfrontiert, vor allem am Anfang und am Ende der Fahrsaison, wie Damian Meier von der Kantonspolizei Uri erläutert: «Anfangs haben die Töfffahrenden noch wenig Routine und vor der Winterpause wollen sie oft nochmals richtig aufdrehen.» Der Polizei sei wichtig, dem Problem nicht nur mit Repression, sondern auch mit Prävention zu begegnen. Deshalb organisieren sie regelmässig Infokampagnen und -anlässe. Zum Beispiel die Aktionstage in Sedrun, am Fusse des Oberalppasses (siehe Bild), die von den Urner und Bündner Kapos gemeinsam durchgeführt werden. Die Töfffahrenden werden eingeladen, auf dem grossen Parkplatz eine Pause zu machen, alkoholfreie Drinks zu geniessen, sich über das sichere Fahren, die Ausrüstung usw. zu informieren oder mit den

«Wir haben ein gemeinsames Ziel: das Vorbeugen von Unfällen.»

Polizeiangehörigen, die oft auch selber Töff fahren, zu fachsimpeln. Die Kantonspolizei Graubünden geht noch weiter und hat 2011 erstmals einen Töfffahrer des Jahres gekürt. Um diesen Titel zu gewinnen, musste ein Parcours absolviert werden. Der Wettbewerb fand anlässlich der «Biker-Prävi-Days» im Fahrsicherheitszentrum «Driving Graubünden» in Cazis statt. Auch dieses Jahr, am 3. Juni, wird der Event wieder abgehalten (siehe www.bikerpraevi-days.ch). «Mit solchen Anlässen möchten wir erreichen, dass die Polizei für die Leute greifbar wird», sagt Roger Padrun von der Kapo Graubünden,

«denn wir haben ein gemeinsames Ziel: das Vorbeugen von Unfällen.» Im Kanton Zürich werden die Schwerpunkte etwas anders gesetzt. Die Verkehrsinstruktion in den Schulen ist dort besonders gut ausgebaut, mit Power-Point-Lektionen, eigens hergestellten Arbeitsblättern und ande-

«Mit solchen Anlässen möchten wir erreichen, dass die Polizei für die Leute greifbar wird.»

ren Lehrmitteln. «Das Budget erlaubt es uns, auch einmal einen Lehrfilm herzustellen», sagt Jakob Müntener von der Kantonspolizei Zürich. Die 16 vollamtlichen Verkehrsinstruktoren besuchen jede Schulklasse jährlich und unterrichten auch an Berufsschulen. Daneben führen sie Elternabende durch und referieren an Seniorenveranstaltungen und andern Anlässen. Auf der Strasse Infomaterial verteilen – solche Aktionen sind gemäss Müntener nicht üblich für die Kapo Zürich. Dafür werden regelmässig Kampagnen mit Plakaten, TVund Radiospots durchgeführt zu Themen wie Alkohol, Schulanfang, Abstand halten, Tag des Lichts usw. Über den Verkehrsbereich hinaus engagiert sich die Kapo Zürich auch gegen Kollisionen zwischen Schwimmenden und Schiffen auf den Zürcher Seen. Peter Matthys, Leiter Kampagnen/ Marketing bei der bfu, begrüsst es, dass die Polizeikorps derart aktiv sind: «Die bfu stellt einen Kampagnenplan sowie dazugehörende Einsatzmittel wie Plakate, Give-Aways usw. zur Verfügung. Wir freuen uns, wenn die Polizeistellen rege Gebrauch davon machen oder uns konsultieren, wenn sie eigene Aktionen planen.» Informationen zu den bfu-Einsatzmitteln finden Sie auf: www.bfu.ch (unter Strassenverkehr, Kampagnen). Ursula Marti

EINFACH GENIAL

Velolicht-Kontrolle durch die Schulkollegen Der bfu-Sicherheitsdelegierte von Sursee, Marcel Büeler, hat eine besonders gelungene Form gefunden, um die Schülerinnen und Schüler für die Sicherheit beim Radfahren zu sensibilisieren und gleichzeitig zu gewährleisten, dass jedes Kind funktionierende Lichter an seinem Velo hat. Zusammen mit Lehrpersonen und Polizisten organisierte er die Aktion «Schüler kontrollieren Schüler». Eine Oberstufenklasse wurde vorgängig geschult, wie die Velos zu begutachten und die Resultate auf einem Kontrollschein einzutragen sind. Danach wurden in der Turnhalle Teststationen eingerichtet und während eines ganzen Vormittags durchliefen alle 33 Klassen des Schulhauses bei ihren älteren Kolleginnen und Kollegen den Velolichttest. Insgesamt wurden etwa 700 Fahrräder kontrolliert. Wer nicht bei allen Lichtern und Rückstrahlern ein «in Ordnung» eingetragen bekam, sondern ein «fehlt» oder «defekt», wurde aufgefordert, zusammen mit den Eltern die Mängel zu beheben. Der von den Eltern unterschriebene Kontrollschein musste danach der Klassenlehrperson abgegeben werden. Die Aktion konnte ohne grosses Budget organisiert werden und band die Jugendlichen geschickt in die Arbeit mit ein – einfach genial! um

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KAMPAGNE

Liebeserklärung an Velo – und Helm! Passionierte Velofahrerinnen und Velofahrer lieben ihren «Drahtesel» heiss – in diese Liebe soll auch der Helm eingeschlossen werden. Das vermittelt die neue Kampagne der bfu und ihrer Partner VCS und Swiss Cycling. Sie startet am 19. März mit dem neuen Plakat «LOVE-VELO». Neben der Liebeserklärung an Velo und Helm soll auch kommuniziert werden, wie der Helm korrekt getragen wird: 2 Fingerbreit über der Nase und mit straffen Bändern. Nur so kann er seine schützende Wirkung richtig entfalten. Als Botschafter für die Kampagne konnte Radrennprofi Fabian Cancellara aus Bern gewonnen werden. Der mehrfache Weltmeister und Olympiasieger ist ein überzeugter Helm-

www.lovevelo.ch

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träger, auch wenn er ausserhalb von Training und Rennen mit dem Velo unterwegs ist. Auf www.lovevelo.ch (ab 19.03.12) gibt er Tipps zum sicheren Velofahren. Auf dieser neu aufgebauten Website findet sich übrigens auch ein attraktiver Wettbewerb: Helmträgerinnen und -träger können ihr Bild posten. Danach wird elektronisch abgestimmt, wer Mister oder Miss Velohelm wird. Gleichzeitig wie die Kampagne findet die jährliche Vergünstigungsaktion für Velohelme statt. Dank der Finanzierung des Fonds für Verkehrssicherheit FVS können bis zu 30 000 neue Helme mit einem Rabatt von Fr. 20.– gekauft werden. Eine Liste mit entsprechenden Velofachgeschäften finden Sie auf www.velohelm.ch. um

Das neue Helmplakat wird in der ganzen Schweiz zu sehen sein.


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