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Das bfu-Magazin für Präventionspartner

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SICHERHEITSDOSSIER SPORT SCHWEIZ Die neue wissenschaftliche Grundlage für die Sportunfallverhütung

SMILE-DIALOG Ein neues Instrument für die Präventionsarbeit im Betrieb

IM WERKRAUM Weiterbildungskurs für Lehrpersonen


Inhalt

Editorial

DIE ZAHL Begehrt bei jungen Eltern: bfu-Kinderpost

Mehr Prävention im Sport!

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FOKUS SICHERHEIT IM SPORT «In 10 Jahren werden wir deutlich weiter sein»: Interview mit Othmar Brügger und Fränk Hofer, bfu

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Wichtiger Austausch mit Partnern: Standpunkt von Edith Müller, Suva

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Moritz Schwery sorgt für sichere Pisten

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NETZWERK Betriebe SMILE-Dialoge bei Endress+Hauser Flowtec AG: 5 Minuten Aufmerksamkeit für die Sicherheit

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Gemeinden bfu-Sicherheitsdelegierter für das Oberwallis Michel Cina: «Den Langsamverkehr nicht vergessen»

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Schulen Kursleiter Jean-Claude Sahli: «Im Werkraum muss man von A bis Z alles im Griff haben»

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KAMPAGNE Alkoholkampagne «Fit für die Strasse?»

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impressum Herausgeberin: bfu – Beratungsstelle für Unfallverhütung, Hodlerstrasse 5a, CH-3011 Bern, info@bfu.ch, www.bfu.ch, Tel. + 41 31 390 22 22 Adressänderungen: abo@bfu.ch Redaktion: Ursula Marti (wortreich gmbh) , Magali Dubois (bfu) , Rolf Moning (bfu), Tom Glanzmann (bfu) Redaktionsadresse: Ursula Marti, wortreich gmbh, Maulbeerstrasse 14, 3011 Bern, ursula.marti@wortreich-gmbh.ch, Tel. + 41 31 305 55 66 Korrektorat: Hedy Rudolf (bfu) Bildnachweise: Seiten 1, 3, 16: bfu; Seite 2: Daniel Rihs; Seiten 4, 6, 9, 10, 11, 12, 13: Iris Andermatt; Seite 7: Suva; Seite 12 (einfach genial): balancer school; Seite 14, 15: Giovanni Antonelli Layout: SRT Kurth & Partner AG, Ittigen Druck: UD Print AG, Luzern, klimaneutral gedruckt Auflage: Deutsch: 9200, Französisch: 3300, Italienisch: 1100. Das Heft erscheint vierteljährlich. © Wiedergabe von Artikeln nur mit Genehmigung der Redaktion und unter vollständiger Quellenangabe.

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Höhere Lebensqualität, bessere Integra­ tion, persönliche Weiterentwicklung: Der soziale Nutzen des Sports ist unbe­ stritten. Auch die nackten Zahlen zei­ gen, wie wichtig der Sport für viele ist. 22 500 Sportclubs in unserem Land mit mehr als 2  Millionen Sporttreibenden sprechen für sich. Mit der geplanten To­ talrevision des Sportförderungsgesetzes will der Bund nun auch zeigen, dass er diesen Trend weiterhin unterstützt und fördert. Seit einigen Jahren ist jedoch auch zu beobachten, dass sich die sportlichen Vorlieben und Verhaltensweisen än­ dern: Das Angebot wird immer breiter und wer es nutzt, ist immer weniger gut darauf vorbereitet. Anfang 2011 wird die bfu ihr neues Sicherheitsdossier Sport Schweiz ver­ öffentlichen. Sie hat dabei alle Aspekte berücksichtigt: das Sportverhalten der Schweizerinnen und Schweizer, die Un­ fälle, die Risikoanalyse und die Mass­ nahmen, die nach ihrer potenziellen Wirksamkeit beurteilt wurden. Das Ziel ist einfach: Sport treiben ja, aber mit dem kleinstmöglichen Risiko. Auf den Seiten 4 bis 9 dieser Nummer erfahren Sie mehr über das Grundlagenpapier und verschiedene bereits umgesetzte Schritte im Bereich der Sportsicherheit. Der Ständerat wird sich bald mit der Totalrevision des Sportförderungsgeset­ zes befassen. Dabei hofft die bfu, dass die Unfallprävention den Platz in der Gesetzgebung erhält, der ihr auch ge­ bührt. Mit dem Sicherheitsdossier stellt sie eine wichtige Wegleitung zur Verfü­ gung. Sportförderung lässt sich durch­ aus mit Prävention verbinden. Hoffen wir, dass die Politik das ebenso sieht. Magali Dubois


Die Zahl

Begehrt bei jungen Eltern: bfu-Kinderpost KINDERUNFÄLLE 2010 feiert die bfu-Kinderpost ihr 30-jähriges Bestehen! Mehr als 200 000 Familien in der Schweiz erhalten regelmässig die bekannten Broschüren mit Sicherheitstipps. Ein Rückblick in Zahlen auf eines der erfolgreichsten bfu-Kapitel.

Mit dem Ziel, Unfälle von Kindern in Verkehr, Sport, Haus und Freizeit zu verhüten, wird die 16-seitige bfu-Kin­ derpost halbjährlich an Eltern von Ba­ bys und Kindern bis 8 Jahre verschickt. Jede Ausgabe ist genau auf das jeweilige Alter des Kindes zugeschnitten. Dank Vereinbarungen mit etwas mehr als 800 Schweizer Gemeinden, aber

bfu-Kinderpost 1. bis 6. Monat

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auch dank Adressen von einer Direkt­ marketing-Firma, können über 200 000 Familien von dieser bfu-Dienst­ leistung profitieren. Die Kinderpost hat sogar jenseits der Landesgren­ zen Nachahmer gefunden: Orga­ nisationen in Ita­ lien und im Ti­ rol haben die Idee aufgenommen. Und noch viel erstaunlicher: Afghanis­ tan, die Volksrepublik China oder gar Katar gehören zu den 90 Ländern, in welche die bfu-Kinderpost regelmässig verschickt wird!

Wie jedes Produkt hat sich auch die Kinderpost im Lauf der Zeit gewandelt, zum letzten Mal 2008. Bei dieser jüngs­ ten Auffrischung wurde sie um 4 Nummern erweitert und schliesst seither auch die 7- und 8-jährigen Kinder mit ein. Die – wie Umfragen zeigen – allseits ­beliebte und begehrte Kin­ derpost wird auch im Rahmen von Kur­ sen für Eltern oder Pflegepersonal ein­ gesetzt. Interessierte können auf der Website www.bfu.ch (Rubrik Service) die bfu-Kinderpost gratis abonnieren. md

200 000

zoom

bfu – Beratungsstelle für Unfallverhütung

Die bfu-Kinderpost heute

Faktenblatt zu Vortrittsregelung 35 % aller schweren Personenschäden bei Innerortsunfällen sind auf Missachtung der Vortrittsregeln zurückzuführen. Obwohl diese Regeln in Gesetz und Verordnungen ausführlich beschrieben sind, werden sie oft nicht korrekt umgesetzt. Die bfu geht nun diesen Unfällen wegen Vortrittsmissachtung genauer auf den Grund. In einem neuen Faktenblatt werden die rechtlichen Grundlagen zusammengefasst und eine Analyse der Unfälle wird präsentiert. «Wir wollen darle-

gen, in welchen Situationen es Probleme mit der Gewährung des Vortritts gibt, aber auch welche Verkehrsteilnehmenden – Autos, Velos, Fussgänger – in welcher Weise beteiligt sind», erläutert Projektleiter Gianantonio Scaramuzza, Mitarbeiter der Abteilung Forschung. Zudem werden Vorschläge für Präventionsmassnahmen gemacht. Die Publikation des neuen Faktenblattes ist für Mitte Dezember geplant, abrufbar unter www.bfu.ch (Forschung, Forschungs­ergebnisse). um

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FOKUS SICHERHEIT IM SPORT

«In 10 Jahren werden wir deutlich weiter sein» SICHERHEITSDOSSIER SPORT SCHWEIZ Die bfu hat eine umfangreiche wissenschaftliche Grundlage für die Sicherheit im Sport erarbeitet. Die Schlussfassung soll bis im Frühjahr 2011 vorliegen. Damit wird der Grundstein für ein neues Massnahmenpaket für die Sportunfallverhütung der nächsten 5 bis 10 Jahre gelegt.

Fränk Hofer (links), Abteilungsleiter Sport, und Othmar Brügger, wissenschaftlicher Mitarbeiter Forschung und Projektleiter des Sicherheitsdossiers Sport Schweiz, im Gespräch mit sicher leben.

sicher leben: Was gab in der bfu den Anstoss, erstmals ein so umfassendes und wissenschaftlich breit ­abgestütztes Sicherheitsdossier für den Sport zu ­lancieren? Othmar Brügger: Wir wollten eine Ba­ sis für unsere weitere Arbeit schaffen. Unser Ziel war, den Handlungsbedarf in der Sport-Unfallverhütung zu do­ kumentieren und Klarheit darüber zu 4

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erhalten, welche Massnahmen in Zu­ kunft notwendig sein werden – und welche nicht. Fränk Hofer: Es ging auch darum, das gesamte Wissen, das wir Sportpräven­ tions-Fachleute in unseren Köpfen ha­ ben, zusammenzutragen und auf Pa­ pier zu bringen. Dabei sollte nach der bewährten wissenschaftlichen Metho­ de der bfu vorgegangen werden, die be­

reits beim VESIPO-Bericht (Verkehrs­ sicherheitspolicy) angewendet wurde, jedoch mit Anpassungen. Welche Funktion hat ein Sicherheitsdossier? Othmar Brügger: Im Sicherheitsdossier wird die Strategie der bfu für einen be­ stimmten Bereich der Unfallpräventi­ on festgelegt. Das neue Sicherheitsdos­


sier Sport Schweiz beinhaltet als Erstes einen Überblick über das Sportverhal­ ten der Schweizer Bevölkerung sowie das Unfallgeschehen im Sport. Danach folgt eine ausführliche Risikoanaly­ se und eine Interventionsplanung mit konkreten Empfehlungen für Präventi­ onsmassnahmen. Der Bericht konzentriert sich auf die 5 Schwerpunkte Ski und Snowboard, Fussball, Radsport, Bergsport und Wassersport. Weshalb gerade diese 5? Fränk Hofer: Die Analyse des Unfall­ geschehens ergibt klar, dass in diesen 5 Bereichen – und zwar in der genannten Reihenfolge – der grösste Handlungs­ bedarf besteht. Wie sind Sie vorgegangen, um eine solch breite Palette an Themen zu bewältigen und schlussendlich zu einem einheitlichen Gesamtbericht zusammenzufügen? Othmar Brügger: Wir haben ein Kern­ team aus je 3 Personen aus der Sportsowie der Forschungsabteilung der bfu gebildet. Für alle Schwerpunkte gibt es eine/n Hauptautor/-in, ich als Pro­ jektleiter koordiniere das Ganze. Wir gehen alle nach der gleichen Methode vor. Einfach gesagt, beantworten wir die folgenden Fragen: Was für Unfälle passieren? Wie passieren sie? Wie kön­ nen sie verhindert werden? Mit welchen Partnern können Präventionsmassnah­ men realisiert werden?

Fussball: Präventionsprogramm für Kinder und Jugendliche Kinder und Jugendliche sind aufgrund ihrer körperlichen Entwicklung anderen Belastungen ausgesetzt als ­Erwachsene. Die Trainingsgestaltung soll stärker auf die koordinativen und kognitiven Fähigkeiten dieser Altersgruppe Rücksicht nehmen.

Ski & Snowboard: Leitfaden für sichere Parkund Pipe-Anlagen In den letzten Jahren sind in den Wintersportorten viele Park- und Pipe-­ Anlagen entstanden. Ein Leitfaden für Planung, Bau, Betrieb und Unterhalt solcher Anlagen, der gemeinsam mit den Erbauern und Betreibern erarbeitet wird, soll die Anbieter bei ­ihren S ­ icherheitsbemühungen unterstützen.

In der bfu ist bereits ein grosses Wissen zur Unfallprävention im Sport vorhanden. Welche neuen Erkenntnisse hat Ihnen das Sicherheits­dossier ­gebracht? Fränk Hofer: Etwas komplett ­Neues kam nicht heraus. Neu ist vielmehr, dass nun dokumentiert ist, welche Prä­ ventionsmassnahmen sich in wissen­ schaftlichen Studien als wirksam er­ wiesen haben, aber auch, zu welchen Aspekten man keine wissenschaftli­ chen Aussagen machen kann. Neu ist ebenfalls, dass wir jetzt mehr über die Unfallverhütung bei Kindern wissen. Othmar Brügger: Ein Gewinn ist zu­ dem, dass die Autorinnen und Auto­ ren in ihrem Fachbereich eine grosse Kompetenz erworben haben, diesen überschauen und klar strukturiert ha­ ben, so dass das Wissen auch für ande­ re nachvollziehbar wird.

Wassersport: Kampagne gegen Ertrinkungs­ unfälle bei 0 bis 9-Jährigen Bei jedem Kind, das ertrinkt, hat die Erwachsenenwelt versagt. Die Anzahl Unfälle von Kindern könnte stark reduziert werden, wenn klare Regeln für die Beaufsichtigung kommuniziert sowie bauliche und organisatorische Massnahmen ergriffen würden. Die Kampagne startet 2011.

Radsport: Kommission definiert Standards für Mountainbike-Trails Handlungsbedarf im Radsport besteht vor allem abseits der Strasse, wo es eine grosse Bandbreite von einfachen Mountainbike-Trails bis hin zu schwierigen Downhill-Abfahrten gibt. Eine neue, breit abgestützte Fachkommission soll rechtswirksame Standards für die Trails definieren, an die sich Betreiber halten müssen.

Sind Sie auf neue oder überraschende Massnahmen gestossen? Othmar Brügger: Wir haben 200 Mass­ nahmen zusammengetragen und auf ihre mögliche Wirksamkeit hin bewer­ tet. Dabei haben wir den Fächer aufge­ tan und auch visionäre oder sogar pro­ vokative Massnahmen einbezogen, ohne gleich zu fragen, ist das politisch oder finanziell machbar. Danach haben wir eine engere Auswahl von 50 – 60 be­ sonders geeigneten Massnahmen defi­ niert. Fränk Hofer: In der engeren Wahl sind Massnahmen, von denen wir erwarten, dass sie auf das nötige Mass an Akzep­ tanz stossen, und welche die bfu mit ih­ ren Kompetenzen – Forschung, Bera­ tung, Ausbildung, Kommunikation und Kooperation – auch tatsächlich beein­ flussen kann (Beispiele siehe Kasten). Können Sie Beispiele von eher visionären Massnahmen nennen? Othmar Brügger: Zum Beispiel ein Al­ koholverbot für Bootsfahrende. Ur­ sprünglich haben wir dafür die Ak­ zeptanz und Realisierbarkeit nicht sehr hoch eingeschätzt – nach dem schwe­ ren Unfall auf dem Bielersee hat sich die Einstellung dazu aber möglicherweise geändert und die Massnahme ist des­ halb auf die Auswahlliste gekommen. Fränk Hofer: Ebenfalls zu den visionä­ ren Massnahmen gehört diese: Eine Art Airbag für Personen, die allein in offe­ sicher leben 4 / 2010

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nen Gewässern schwimmen. Bei Er­ trinkungsgefahr geht die Airbag-Ret­ tungsweste auf und hält die Person über Wasser. Würde ein solcher Airbag systematisch eingesetzt, könnten schät­ zungsweise 20 Todesfälle pro Jahr ver­ hindert werden. Wie gross schätzen Sie das Präventionspotenzial insgesamt ein, wenn die im Sicherheitsdossier vorgeschlagenen Massnahmen alle umgesetzt würden? Fränk Hofer: Dann wäre die Sportun­ fallverhütung der Schweiz auf einem deutlich höheren Niveau angelangt. Die quantitativen Ziele der bfu könn­ ten damit erreicht werden, nämlich jährlich 10 % weniger Schwerverletzte und eine Reduktion der Anzahl Todes­ fälle von durchschnittlich 140 auf 130 bis im Jahr 2015.

Fränk Hofer: «Wichtig ist uns, die P­ artner mit ins Boot zu holen. Auf die Zusammenarbeit mit ihnen sind wir ­angewiesen.»

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Othmar Brügger: «Wir wollen Klarheit darüber erhalten, welche Massnahmen in Zukunft notwendig sein werden – und welche nicht.»

Othmar Brügger: Wesentlich für den Erfolg ist, dass verschiedene Präventi­ onsformen – aus der Verhaltens- sowie der Verhältnisprävention – kombiniert werden. Sie arbeiten derzeit noch an der Fertigstellung des Dossiers, im Frühjahr 2011 wird die Arbeit beendet sein. Was geschieht danach? Fränk Hofer: Danach ist es an der Ab­ teilung Sport der bfu, auf dieser Basis ein Langfristprogramm für die Spor­ tunfallverhütung zu erstellen, d. h. die Massnahmen zu konkretisieren und zu etappieren. Ebenso wichtig wird sein, unsere verschiedenen Partner – zum Beispiel SLRG, SAC, Fussballverband, BASPO, J&S, kantonale Sportämter und viele mehr – von den Massnahmen zu überzeugen und mit ins Boot zu ho­ len. Auf die Zusammenarbeit mit ih­ nen sind wir angewiesen. Wie wird sich die Sportunfallprävention Ihrer Ansicht nach in den nächsten 10 Jahren entwickeln? Fränk Hofer: In 10 Jahren werden wir deutlich weiter sein. In der Lehrer­ aus- und -weiterbildung findet zurzeit eine verstärkte Sensibilisierung statt, die Lehrpersonen werden also zukünf­ tig über mehr Präventionswissen verfü­ gen und dieses weitergeben. Auch un­ sere Instrumente verändern sich: Wir legen mehr Wert darauf, Grundüberle­ gungen für präventives Handeln zu ver­ mitteln. So können wir die Multiplika­ toren befähigen, die Unfallverhütung

selber in ihre Arbeit zu integrieren. Da­ für brauchen sie vor allem das entspre­ chende Gedankengut, nicht unbedingt fertige Rezepte. Othmar Brügger: Ich denke, in 10 Jah­ ren ist die gesellschaftliche Diskussion weiter und die Bevölkerung sensibili­ sierter und eher bereit, neue Sicherheits­ massnahmen zu akzeptieren, wie dies bereits beim Schneesporthelm der Fall war. Neben der «vernünftigen» breiten Masse werden wir aber vermehrt «Sen­ sation-Seekers» haben, die ihren Kick suchen – etwa bei extremem Biking, Base-Jumping oder Speed-Flying – und die gegenüber Präventionsbemühungen resistent sind. Interview: Ursula Marti

Bergsport: Gemeinsames Massnahmen­ paket mit Partnern Das Risiko im Bergsport hängt weniger von der Infrastruktur oder der Ausrüstung, sondern vor allem vom richtigen Verhalten jedes Einzelnen ab. Eine realistische Einschätzung des eigenen Könnens, Gefahren erkennen und richtig darauf reagieren sind die entscheidenden Faktoren. Das zu vermitteln – auch den vielen ausländischen Feriengästen – ist nur zusammen mit Partnern möglich.


FOKUS SICHERHEIT IM SPORT

Wichtiger Austausch mit Partnern STANDPUNKT zum neuen Sicherheitsdossier Sport Schweiz. Von Edith Müller Loretz, Leiterin Kampagnen bei der Suva Freizeitsicherheit.

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eit Jahren engagieren sich verschiedene Institutionen für die Unfallprävention im Sport. Diese Anstrengungen wurden bis anhin nur teilweise koordiniert; zudem wurden die Massnahmen selten auf ihre Wirkung hin überprüft. Da die Expositionszeiten in den diversen Sportarten und deren Veränderung im Laufe der Zeit nicht bekannt sind und weil die sich wandelnden Rahmenbedingungen im Sport zu wenig systematisch erfasst werden, kann auch nichts über die Veränderung des Risikos ausgesagt werden. Wenn zudem die Vorgehensweise bei Präventionsmassnahmen nicht koordiniert ist, ist kaum abzuschätzen, welchen positiven Wert die Prävention als Ganzes generiert und ob die vorhandenen Mittel sinnvoll eingesetzt werden. Mit dem Sicherheitsdossier Sport Schweiz sind einige dieser Probleme im Ansatz behoben: Der Präventionskreislauf der bfu ist nachvollziehbar dokumentiert und umgesetzt. Basierend auf einem Grundlagenbericht mit Risikound Interventionsanalyse wurden innerhalb der Schwerpunktthemen Experten an einen Tisch gerufen; sie konnten ihr wertvolles Wissen in so genannten Ateliers einbringen. Dieses Wissen wurde mit den Erkenntnissen aus der Unfallforschung zusammengebracht und potenzielle Präventionsmassnahmen wurden herausgearbeitet. Als Vertreterin der Suva war ich im Atelier der Schneesport-Experten dabei. Da habe ich 1:1 miterlebt, wie unterschiedlich die Meinungen zu Unfallursachen sein können und wie wertvoll dieser

Edith Müller Loretz: «Wir werden die Erkenntnisse aus dem Sicherheitsdossier auf jeden Fall in unsere Arbeit einfliessen lassen.»

Austausch für die Ausarbeitung von zukünftigen Massnahmen ist. Nicht immer waren sich die Experten einig, wo genau die Unfallursachen zu suchen sind und wie viele Unfälle auf die einzelnen Risikofaktoren zurückzuführen sind. Dieser Prozess ist mit dem Grundlagenpapier abgeschlossen, jetzt kommt die grosse Herausforderung: Unfälle verhindern. Ich bin überzeugt, dass unter Einbezug der verschiedenen Partner viele Unfäl-

le verhindert werden können – die Suva als mögliche Partnerin nimmt hier gerne Verantwortung wahr und setzt Programme im Bereich der Schwerpunkte Ballsport, Schneesport, Velo und Sturzunfälle um. Das Sicherheitsdossier liefert die nötigen Informationen und zeigt auf, wo und wie interveniert werden kann. Wir werden die Erkenntnisse aus diesem Papier auf jeden Fall in unsere Arbeit einfliessen lassen. • sicher leben 4 / 2010

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FOKUS SICHERHEIT IM SPORT

Moritz Schwery sorgt für sichere Pisten PISTENABNAHME Neu müssen alle Mitgliedunternehmen des Seilbahnenverbands ihre Schneesportabfahrten auf Qualität und Sicherheit prüfen lassen. Bis anhin war das freiwillig. Um die Mehrarbeit zu bewältigen, hat der Verband eine neue Beratungsstelle geschaffen – Moritz Schwery ist ihr Leiter.

«Beratungsstelle zur Optimierung der Sicherheit von Schneesportabfahrten»: So heisst die neue Stelle, die der Ver­ band Seilbahnen Schweiz SBS seit April 2010 betreibt. Dies, nachdem die Mit­ glieder des Verbands beschlossen hat­ ten, die bewährte Sicherheitsprüfung der Pisten für die Betreiber obligato­ risch zu erklären und weil zur Bewäl­ tigung dieser Mehrarbeit eine Vollzeit­ stelle nötig wurde. Zum Leiter der neuen Stelle wur­ de Moritz Schwery gewählt – ein bes­ tens ausgewiesener Praktiker. Er war zuvor während 32 Jahren Pisten- und Rettungschef bei der Belalp Bahnen AG und arbeitete bereits seit einigen Jah­ ren nebenamtlich als Pistenabnahme­ experte und Kursleiter für den SBS.

Das Qualitäts- und Sicherheitslabel Seit 1982 prüfen Experten der Pistenabnahmekommission die Wintersportgebiete nach über 150 Beurteilungskriterien. Bei der eingehenden Prüfung werden Aspekte wie Verantwortlichkeits- und Organisationsstrukturen, Sicherheit, Markierung und Signalisation, Pistenqualität, Pisten- und Rettungsdienst, Rettungsorganisation sowie Ausbildungsstand der Pistenund Rettungsfachleute geprüft. Aktuell sind 117 Wintersportgebiete mit dem Qualitäts- und Sicherheitslabel

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«Ich habe schon vorher pro Jahr in 4 bis 5 Wintersportgebieten Pisten abge­ nommen – jetzt ist diese Tätigkeit zu meiner Hauptaufgabe geworden.» Für

«Ich freue mich, wenn ich mit meiner Erfahrung und meinem Rat andere unterstützen kann.»

den Jobwechsel hat sich der charisma­ tische Walliser entschlossen, weil er sich nochmals einer neuen beruflichen Herausforderung stellen wollte und das Stellenprofil gut zu ihm passt. «Ich mag den Kontakt mit Leuten, arbeite gerne draussen und es freut mich, wenn ich

«Geprüfte Pisten» ausgezeichnet. Alle drei Jahre finden Nachkontrollen statt. Über 85 Prozent der Pistenflächen der Schweiz genügen bereits den hohen Ansprüchen des Qualitätslabels von Seilbahnen Schweiz. Neu sind die Prüfungen für alle dem Verband angehörigen Unternehmen obligatorisch. Seit April 2010 ist die neue Beratungs­ stelle tätig.

mit meiner Erfahrung und meinem Rat andere unterstützen kann.» Moritz Schwery hat die neue Stel­ le im April 2010 angetreten. Als Erstes nahm er mit den 157 noch nicht geprüf­ ten Unternehmungen Kontakt auf und fragte nach, über wie viele Kilometer Pisten, Schlittelwege und andere Anla­ gen sie verfügten. «Ich muss ja wissen, wie viel Arbeit auf mich zukommt», sagt er. Da die grossen Wintersportge­ biete schon vorher ihre Pisten auf frei­ williger Basis geprüft und homologiert haben, ist schon viel Vorarbeit geleistet. «85 % der Pistenkilometer sind bereits abgenommen. Jetzt sind die kleinen Ge­ biete an der Reihe», erläutert Schwery. Und so läuft das Verfahren ab: Die Be­ triebe machen zuerst eine Selbstdeklara­ tion ihrer Abfahrten. Danach schaut der Experte die Pisten an und gibt Rück­ meldung, was gut ist und was verbes­ sert werden muss. «Meine Werkzeuge für die Prüfung sind die SKUS1-Richtli­ nien und die Richtlinien der Kommissi­ on für Rechtsfragen auf Schneesportab­ fahrten», so Schwery. Zum Beispiel wird geschaut, ob die Markierungen einheit­ lich, Absturzstellen gut gesichert und Hindernisse wie Bäume oder Gebäude markiert sind oder auch, ob die Markie­ rung dem Schwierigkeitsgrad der Pisten entspricht. 1

S chweizerische Kommission für Unfallverhütung auf Schneesportabfahrten SKUS


«Sehr viele Betreiber machen das gut – das ist vor allem der stetigen Aus- und Weiterbildung der Rettungschefs und Patrouilleure zu verdanken. Am einen oder andern Ort braucht es etwas mehr Überzeugungsarbeit», weiss Schwery. Dabei kommt ihm die langjährige Er­

«Es wäre schön, wenn die Gäste die Arbeit der ­Pistendienste etwas besser wahrnehmen und ­respektieren würden.»

fahrung zugute: «Ich habe selber in ei­ nem Betrieb gearbeitet und weiss, dass der finanzielle Rahmen eng ist und man nicht einfach alles Mögliche anschaffen kann. Aber ich kann den Leuten hand­ feste Tipps geben, wie sie mit gezielten Massnahmen die Piste sicher gestalten können.» Auf diese Art liessen sich die Verantwortlichen in der Regel überzeu­ gen. Nach der Besprechung erstellt Mo­ ritz Schwery den Abnahmebericht für die geprüften Abfahrten. Sind die Richt­ linien eingehalten, wird das Label «Ge­ prüfte Pisten» erteilt. Alle drei Jahre sind Nachkontrollen vorgesehen. Gut präparierte, markierte und sig­ nalisierte Pisten sind eine wichtige ­Voraussetzung, um Unfälle zu verhü­ ten. Davon ist auch die bfu überzeugt und befürwortet die Schaffung der neuen Beratungsstelle sehr. Sie beab­ sichtigt sogar, diese in Zukunft subs­ tanziell zu unterstützen. Als Mitglied der «Abnahmekommisson Pisten- und Rettungsdienst» hilft die bfu auch mit, die Beurteilungskriterien für die Prü­ fungen festzulegen. Doch mit sicheren Pisten allein, kön­ nen längst nicht alle Unfälle verhü­ tet werden. Auch die Pistenbenützen­ den müssen ihren Teil beitragen. Sie fahren grundsätzlich auf eigenes Risi­ ko und müssen ihre Fahrweise dem ei­ genen Können sowie den Gelände- und Wetterverhältnissen anpassen. Und sie

Moritz Schwery, Leiter der neuen Beratungsstelle Pistenabnahme, ist ein erfahrener Praktiker.

müssen sich an die Signalisationen hal­ ten: «Es wäre schön, wenn die Gäste die Arbeit der Pistendienste etwas bes­ ser wahrnehmen und respektieren wür­ den», sagt Moritz Schwery, «denn wenn eine Abfahrt gesperrt ist, ist das nur zu ihrer Sicherheit.» Die Pistendienste sei­ en stets bemüht, so viele und attraktive Pisten wie möglich offen zu halten. Auch bei Moritz Schwery steht das Wohl der Wintersportgäste im Zent­ rum der Arbeit. Seine Ziele als Leiter der neuen Beratungsstelle formuliert er wie folgt: «Wir wollen den Gästen in der ganzen Schweiz einheitliche Standards bezüglich Qualität und Sicherheit bieten und von unserer Seite her alles tun, um die Unfallzahlen tief zu halten.» Schon bald wird hoffentlich in jedem Skigebiet – auch den kleinen – die Tafel mit dem Gütezeichen «Geprüfte Pisten» stehen. Ursula Marti

ANGESAGT

Gemeinsam gegen Alkoholunfälle Während den Festtagen am Jahresende sind die freiwilligen Fahrerinnen und Fahrer von Nez Rouge im Grosseinsatz. Sie führen Automobilisten, die sich wegen Müdigkeit, Alkoholkonsum oder aus anderen Gründen nicht mehr selber ans Steuer setzen wollen, in deren Fahrzeug wohlbehalten nach Hause. Der Dienst ist unentgeltlich, zudem wird Infomaterial der bfu mit Tipps zur Alkoholprävention abgegeben. www.nezrouge.ch um

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NETZWERK BETRIEBE

5 Minuten Aufmerksamkeit für die Sicherheit SMILE-DIALOG Bei der Endress+Hauser Flowtec AG hat Unfallverhütung einen hohen Stellenwert. Dafür sorgt ihr Sicherheitsbeauftragter Beat Rüegg mit grossem Engagement. Manchmal mit ganz unspektakulären Massnahmen wie den SMILE-Dialogen während den monatlichen Lehrgesprächen.

Das Produktionsteam trifft sich zum monatlichen Lehrgespräch. Dabei wird jedesmal ein Sicherheitsthema diskutiert.

Beat Rüegg ist in seinem Element, wenn es um die Sicherheit geht. Ob es sich dabei um die Sicherheit am Ar­ beitsplatz oder in der Freizeit handelt, sein Ziel bleibt das Gleiche: Die An­ zahl der Ausfalltage der Mitarbeiten­ den zu senken. Mit Erfolg: Es ist ihm 10

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gelungen, die Nichtsberufsunfälle bei Endress+Hauser Flowtec AG markant zu reduzieren. SMILE-Dialoge als neues I­nstrument

Die Sicherheit am Arbeitsplatz ist in der Produktion ein wichtiges Thema. Be­

reits vor 10 Jahren hat Rüegg dies an­ gepackt: Ergonomie, Hilfsmittel zum Heben und Tragen sowie die persönli­ che Schutzausrüstung sind heute selbst­ verständlich. Deshalb fokussiert Rüegg nun auf die Freizeitunfälle. Er schreibt Artikel für die Mitarbeiterzeitung, or­


«Der Präventionsgedanke soll selbstverständlich werden»

ganisiert Präsentationen zu Nicht­ berufsunfall-Themen und hat Bewe­ gungsangebote auf die Beine gestellt. Es braucht aber noch mehr, wie die Statistik der Freizeitunfälle belegt. Ab­ senzen wegen Unfällen in Sport, Stra­ ssenverkehr, Haus und Freizeit kommen bei den Mitarbeitenden der Produktion deutlich häufiger vor als beim Per­ sonal der Administration oder der For­ schung und Entwicklung. Deshalb hat Rüegg für die Produktionsteams vor 5 Jahren zusammen mit der bfu ein neues Instrument eingeführt: die SMILE-­ Dialoge. Dieser Begriff steht für «Sicherheit monatlich im Lehrgespräch erleben». Einmal pro Monat unterhalten sich die Mitarbeitenden im Rahmen ih­ rer Teamgespräche 5 Minuten lang über Freizeitunfälle. Mit einem Lächeln durchs Leben

Aurélie Fellet gehört einem Produk­ tionsteam an. Als Einstieg in das Lehr­ gespräch projiziert der Teamleiter Un­ fallbilder an die Wand: Ein Motorrad, beinahe vollständig mit der Karosse­ rie eines Autos verschmolzen. Die Au­ tolenkerin telefonierte und übersah den herannahenden Motorradfahrer, 2 Menschen starben. Sofort kommt die Diskussion in Gang. «Jeder denkt, beim Telefonieren am Steuer kann mir nichts passieren», outet sich Fellet. Die ande­ ren stimmen zu. Gemeinsam halten sie in einer ­Tabelle fest, was sie aufgrund ihrer ­Erfahrungen

Beat Rüegg, Sicherheitsbeauftragter der Endress+Hauser Flowtec AG, setzt sich mit grossem Einsatz für die Freizeitsicherheit der Mitarbeitenden ein.

sicher leben: Die SMILE-Dialoge haben Sie zusammen mit der bfu eingeführt. Wie wurden Sie unterstützt? Beat Rüegg: Vor 5 Jahren hatten unsere Produktions-Mitarbeitenden vermehrt Freizeitunfälle. Deshalb zogen wir die bfu bei. Diese analysierte die Unfälle und führte Gespräche mit Mitarbeiten­ den und dem Personalchef. So komplex die Situation war, so einfach war die Lö­ sung: SMILE-Dialoge. Die bfu schulte in der Folge die Teamleiter und war bei den ersten Gesprächen dabei, um Feed­ back zu geben. Seither führen wir die Dialoge in der gleichen Art und Weise durch. Was erachten Sie als wichtig für den Erfolg der Dialoge? SMILE muss regelmässig durchgeführt werden, die Gespräche müssen also in­ stitutionalisiert sein. Es braucht Team­ leiter, die ihre Mitarbeitenden motivie­

ren können. Selbstverständlich muss die Massnahme von der Firmenleitung ge­ tragen werden. Zudem muss der Dialog gut strukturiert sein, er sollte nicht län­ ger als 5 Minuten dauern und das Team darf nicht zu gross sein. Es braucht auch Respekt. SMILE ist nicht dafür da, über andere zu lachen. Ziel ist es, unfallfrei und somit mit einem Lächeln durchs Leben gehen zu können. Angesichts des Erfolgs von SMILE haben Sie bald nichts mehr zu tun … Nach wie vor haben wir deutlich über 100 Freizeitunfälle pro 1000 Mitarbei­ tende. Ich möchte unter diese für uns magische Zahl 100 kommen. Denn das rechnet sich. Und mir ist wichtig, dass ich alle Mitarbeitenden für die Unfall­ prävention sensibilisieren kann. Der Präventionsgedanke soll selbstverständ­ lich werden und sie sollen sich selbst­ ständig damit auseinandersetzen. tg sicher leben 4 / 2010

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Aurélie Fellet findet die SMILE-Dialoge eine nützliche Sache.

künftig besser machen können. Die Er­ kenntnisse aller Teams sind später für die ganze Produktionsabteilung über den Computer abrufbar. Beim HandyBeispiel sind sich alle einig: In Zukunft werden sie an die gezeigten Bilder zurückdenken, bevor sie während der Fahrt zum Handy greifen. In die SMILE-Dialoge fliessen auch eigene Unfälle oder Beinahe-Unfäl­ le ein. Oft sind Stürze ein Thema. Ein ­Mitarbeiter erzählt beispielsweise, wie er unter Zeitdruck hastig die Treppe hi­ nunter lief und prompt über herumlie­ gende Gegenstände stolperte. Er stürzte und fiel für längere Zeit aus. Lösungs­ vorschläge sind in der Gruppe schnell gefunden: sich mehr Zeit nehmen und den Handlauf konsequent nützen. Mitunter betreffen die Themen auch die Privatsphäre der Mitarbei­ tenden. Es braucht Überwindung, vom nicht vorbildlichen Verhalten zu be­ richten – andere könnten darüber la­

Endress+Hauser Flowtec AG Die Firma gehört zur Endress+ Hauser Gruppe und stellt Geräte her, die im industriellen Bereich den Durchfluss von Flüssigkeiten, Gasen und Dampf messen. Sie hat ihren Hauptsitz in Reinach BL. Dort arbeiten rund 800 Mitarbeitende in der Forschung und Entwicklung, Produktion sowie Administration.

chen. «Man schmunzelt zwar. Aber oft, weil man sich selbst nicht anders verhält», meint Fellet dazu. Sie sieht die SMILE-Dialoge durchwegs posi­ tiv. Diese lockerten die Teamgespräche auf, regten zum Nachdenken an und einige der Themen habe sie sogar auch schon im privaten Umfeld wieder auf­ gegriffen. Sie ist überzeugt: Durch die Gespräche konnten schon Unfälle ver­ hindert werden. 20 Prozent weniger ­Nichtberufsunfälle

Dies kann Beat Rüegg bestätigen. Die SMILE-Dialoge tragen offensichtlich zu einem sichereren Verhalten bei, hat sich doch die Zahl der Nichtberufsun­ fälle bei den Produktions-Mitarbeiten­ den innert 5 Jahren um 20 Prozent re­ duziert. Bedenkt man, wie einfach und kostengünstig die Massnahme ist, er­ staunt es nicht, dass die Geschäfts­ leitung voll und ganz dahinter steht. Durch diese Unterstützung konnten sich die Dialoge denn auch bestens eta­ blieren und sind heute nicht mehr weg­ zudenken. Doch damit nicht genug. Neuerdings sagt Beat Rüegg den Sturz­ unfällen den Kampf an. Ein in den Ar­ beitsalltag integriertes Koordinations­ training für die Belegschaft sorgt für besseres Gleichgewicht. Damit einem nicht durch einen Sturz das Lachen ­vergeht. Tom Glanzmann

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Teamleiter Martin Keilwerth zeigt zum Einstieg in die ­Diskussion ein Unfallbild.

EINFACH GENIAL

Balancer – das neue Pistenvergnügen Der Pistengleiter «Balancer» ist eine Weiterentwicklung der selbst gebauten «Skiböcke». Die bfu hat ihn ausprobiert und ist begeistert. Fränk Hofer, Leiter Sport: «Der Balancer vermittelt ein grosses Sicherheitsgefühl, da man beide Füsse nahe am Boden hat und aufrecht sitzt.» Zudem bleibt das Gerät bei einem Sturz sofort stehen. Der gefederte Sitz erzeugt ein berauschendes Fahrgefühl und fängt viele Schläge auf, was den Rücken schont. Auch von der einfachen Handhabung waren die bfu-Testerinnen und -Tester beeindruckt. Der Pistengleiter ist handlich, wendig, schnell und sicher. Mit ihm umzugehen ist leicht und für alle Altersstufen sofort erlernbar. Er ist nur auf Schlittelbahnen und speziell markierten Strecken erlaubt. Informationen: www.balancer.ch und www.balancer-school.ch. um


NETZWERK GEMEINDEN

«Den Langsamverkehr nicht vergessen» SIGNALISATION Der immer komplexer werdende Verkehr überfordert heute viele. Klarheit verschaffen sollen die über 2,5 Mio. Verkehrsschilder, die es in der Schweiz gibt. Michel Cina, Technischer Inspektor der Kommission für Strassensignalisation für das Oberwallis und gleichzeitig kantonaler bfu-Sicherheitsdelegierter, berichtet über seine Arbeit.

«Auf Platz bin ich gleichzeitig bfu-Si­ cherheitsdelegierter sowie Technischer Inspektor der Kantonalen Kommission für Strassensignalisation für das Ober­ wallis», hält Michel Cina zu Beginn fest. «Ich beurteile Gefahrensituationen und berate Gemeinden, die oft keinen eige­ nen Sicherheitsdelegierten haben. Ich zeige ihnen auf, worauf sie bei der Bau­ eingabe für Signalisationen achten müs­ sen, damit ihr Gesuch den gesetzlichen Anforderungen entspricht.» Gehe es hingegen um die konkrete Projektarbeit, stehe er nur noch beratend zur Verfü­ gung, denn dafür müssten die Gemein­ den Ingenieure und Architekten beizie­ hen. «Die anschliessende Kontrolle in Zusammenarbeit mit der Polizei gehört aber wiederum zu meiner Arbeit», er­ läutert Cina sein Aufgabengebiet. Auf einer Besichtigungstour zeigt Cina auf eine typische Situation, bei der er interveniert hat: In der Nähe eines Bankomaten wurde immer wieder auf dem Längsstreifen für Fussgänger par­ kiert. Diese mussten auf die viel befah­ rene Strasse ausweichen. Heute stehen dort zwei mobile Abschrankungen und die Fussgänger haben ihren sicheren Gehweg wieder. Zur Schneeräumung im Winter können die Metallbügel übrigens einfach entfernt werden. Eine andere – unvermutete – Gefah­ rensituation können sorgfältig arran­ gierte Blumenrabatten sein. Wenn sie zu hoch und zu üppig wachsen, können sie zu einer Falle werden. Gerade kleine­

Michel Cina, bfu-Sicherheitsdelegierter für das Oberwallis, erläutert die komplexe Signalisation auf der grossen Baustelle in Naters.

re Kinder können so verdeckt und von anderen Verkehrsteilnehmenden über­ sehen werden. Cina hat diesen Sommer schon verschiedene Gemeinden auf die Gefährlichkeit ihrer Blumenpracht hin­ gewiesen – insbesondere wenn die Ra­ batten bei Fussgängerschutzinseln, bei Abzweigungen oder im Bereich von Fussgängerstreifen angelegt sind. Besonders intensiv beschäftigt sich Cina mit Baustellen-Signalisationen. Mitten in Naters beherrscht zurzeit die Sanierung einer Hochwasser-Bachver­ bauung den knappen Raum. Kinder auf dem Schulweg, Mütter mit Kinderwa­ gen, Velo- und Autofahrende sowie die Baustellenfahrzeuge müssen sich die wenige Meter schmale Fahrbahn tei­

len. Und alle paar Monate wechselt die Verkehrsführung. Das überfordert viele Verkehrsteilnehmende – da helfen auch noch so klare Signalisationen oft nicht weiter. Cina achtet deshalb bei seinen Empfehlungen für Baustellensignalisa­ tionen besonders darauf, dass der Lang­ samverkehr genügend Platz hat. Privat ist Michel Cina oft mit dem Velo im Oberwallis unterwegs und kann somit die Signalisationen und Markie­ rungen in den verschiedenen Gemein­ den immer im Auge behalten. Egal, wel­ che konkrete Arbeit gerade ansteht: Oberste Priorität hat für ihn stets die Si­ cherheit aller Verkehrsteilnehmenden. Beatrice Suter

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NETZWERK SCHULE

«Im Werkraum muss man von A bis Z alles im Griff haben» SICHERHEIT IN DER SCHULE Unfälle bei handwerklichen Arbeiten sind – ­obwohl eher selten – ein Schreckgespenst für Lehrkräfte. Auf Basis der bfu-Unter­ richtshilfe Safety Tool gibt es deshalb eine Weiterbildung zur Sicherheit beim ­Technischen Gestalten, die seit kurzem auch in der Westschweiz angeboten wird.

An diesem Septembermorgen findet sich rund ein Dutzend Waadtländer Lehrkräfte in der Primar- und Sekun­ darschule Mont-sur-Lausanne ein. Als Fachkräfte für Werken gehören sie zu den ersten Lehrpersonen des ­PIRACEF 1 (Interkantonales Westschweizer Pro­ gramm für den Unterricht in kreati­ ven Fächern und in Hauswirtschaft), die eine Weiterbildung zur Sicherheit im Werkraum erhalten. Grundlage da­ für ist eine neue Zusammenarbeit zwi­

schen der bfu und den Pädagogischen Hochschulen Waadt, Wallis, Bern, Jura und Neuenburg. Die richtigen Handgriffe einüben

Eine Duftmischung aus Holz und Leim steigt uns in die Nase, sobald wir den Werkraum betreten. «Willkommen in meinem Paradies!», begrüsst uns Leh­ rer Jean-Claude Sahli, der die Wei­ terbildung leitet. Ein paar schwache Sonnenstrahlen beleuchten die zwölf

grossen und sauberen Arbeitsplätze, die perfekt hergerichteten Maschinen und das qualitativ wie quantitativ äu­ sserst beeindruckende Material. Das Staunen der Teilnehmenden ist fast mit Händen zu greifen. Ein rascher Blick auf die grössten Maschinen – Bohrer, Dekupiersäge, Schleifmaschine – lässt erahnen: Ein Unfall kann hier für das Opfer weitreichende Folgen haben und auch der Lehrkraft bzw. der Schule gro­ sse Probleme bereiten. So gab es in der Vergangenheit in schweren Fällen auch schon mal ein Strafverfahren. Nun sind zwar Unfälle in den Werkräumen zum Glück nicht allzu häufig, indes zeigt die Heimwerker-Statistik Erstaunliches: Jährlich gibt es um die 35 000 Unfälle mit Verletzungen, die eine ärztliche Be­ handlung erfordern. Und da die Schü­ ler von heute auch die Heimwerker von morgen sind, sollen sie die richtigen Handgriffe möglichst früh lernen. Das Schlüsselwort: Einfachheit

Kleine Aufwärmrunde für alle Teil­ nehmenden: Mit Post-its «bewaffnet» gehen sie durch den Raum und kle­ ben dort Fragen und Bemerkungen an, wo es ihnen angebracht erscheint. So entdecken sie die vielen Finessen, mit denen Jean-Claude Sahli die Sicher­

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Der sichere Umgang mit den Maschinen im Werkraum ist ein wichtiger Teil der Weiterbildung.

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P IRACEF (programme intercantonal romand pour l’enseignement des activités créatrices et de l’économie familiale)


heit in seinem Werkraum erhöht hat. Oberstes Prinzip ist die Einfachheit. Da der Raum beschränkt ist, muss al­ les gut zugänglich sein, nichts darf im Weg stehen. Die Werkzeuge liegen griff- und einsatzbereit bei den ent­ sprechenden Maschinen. Das Materi­ al ist in korrekt angeschriebenen Ab­ lagefächern versorgt, die gefährlichen Zonen sind rot markiert, das richtige Verhalten wird auf Zeichnungen dar­ gestellt, die für sich selbst sprechen: Keine Ringe, Halstücher oder Haare, die in die Maschine geraten könnten, denn diese schaltet sich nicht von selbst aus … Auch an die kleineren Schüle­ rinnen und Schüler wurde gedacht: Dank Schemeln können sie immer in der richtigen Position zur Maschine stehen. Die Beleuchtung ist gut, jeder Arbeitsplatz hat seinen eigenen klei­ nen Staubsauger. «Im Werkraum muss man von A bis Z alles im Griff haben», betont Jean-Claude Sahli. Jean-Claude Sahli stellt den Lehrerinnen und Lehrern die Unterrichtshilfe Safety Tool vor.

Das Safety Tool schafft Vertrauen

Nach diesem Rundgang lernen die Teilnehmenden die Unterrichtsblät­ ter «Technisches Gestalten» der Rei­ he Safety Tool kennen. Das didaktische Hilfsmittel der bfu zeigt nicht nur die optimalen Bedingungen für handwerk­ liches Arbeiten im Schulzimmer auf, sondern bietet auch eine Fülle von wei­ tergehenden Informationen. Ein Werk­ raum muss – wie der heute besuchte Ort – gut beleuchtet, durchlüftet und eingerichtet sein. Es braucht aber noch mehr: Das sicherheitsmässig richtige Verhalten der Schülerinnen und Schü­ ler und die unerlässliche Schutzausrüs­

Safety Tools Die bfu bietet Safety Tools zu zwölf verschiedenen Themen an, um 6- bis 18-jährige Schülerinnen und Schüler für die wichtigsten Sicherheitsfragen auf der Strasse, im Sport, zu Hau-

tung (Helm, Brille usw.) machen die Differenz aus. Die Lehrkraft muss sich um beide Aspekte kümmern, damit al­ les rund läuft. Die Pausenglocke ertönt, Schüler­ geschrei erfüllt die Gänge. Auch für die Weiterbildungsteilnehmenden ist nun Schluss. Während den Vorfüh­ rungen und Diskussionen haben eini­ ge Notizen oder mit den Handys Fotos gemacht. Mit guten Ratschlägen und neuen Ideen im Kopf sowie dem Safety Tool unter dem Arm kehren sie heim, um die Sicherheit zum selbstverständ­

se und in der Freizeit zu sensibilisieren. Die Unterrichtshilfen stehen den Schulen gratis zur Verfügung und können unter der Adresse www.bfu.ch/ safetytool bestellt oder herunter­ geladen werden.

lichen Bestandteil ihres Alltags zu ma­ chen. Sie wissen, dass ohne Vertrauen ins Material und in die Benutzenden keine Freude an der Sache aufkommen kann. Weder bei der Lehrkraft noch bei den Schülerinnen und Schülern. Magali Dubois

ANGESAGT

bfu-Kurse 2011 Ab sofort können sich Sicherheitsfachleute von Betrieben und weitere Interessierte für die NBU-Kurse 2011 anmelden. Das reichhaltige Angebot umfasst Einstiegskurse, Weiterbildungen zu Fach­themen und Umsetzungsmethoden sowie Möglichkeiten zur Vertiefung und zum Erfahrungsaustausch. Informationen unter www.bfu.ch (Rubrik «Prävention in Betrieben»). um

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kampagne

Alkoholkampagne «Fit für die Strasse?» 16 % aller tödlichen Verkehrsunfälle sind auf Alkohol am Steuer zurückzu­ führen. Bei nächtlichen Unfällen ist gar bei jeder dritten schwer verletzten oder getöteten Person Alkohol als Ursache mit im Spiel. Die Präventionskampagne «Fit für die Strasse?» erinnert mit Plakaten, Ki­ nospots, Internetbannern und weiteren Kommunikationsmitteln an die Gefahr von Alkohol am Steuer. Auch verschie­ dene Aktionen werden durchgeführt: Firmen sensibilisieren ihre Mitarbei­ tenden mit dem Einsatz eines Fahrsi­ mulators, der das Lenken eines Autos unter Alkoholeinfluss simuliert. Oder

sie zeigen ihnen mit der «Funky-­ApéroBar», wie man auch ohne Alkohol gute Drinks mixen kann. Diverse ÖV-Betriebe beteiligen sich mit Gratis-Fahrkarten, die sie an aus­ gewählten Wochenenden an das Party­ volk verteilen. Auch die Polizei ist aktiv und ver­ teilt Kampagnenmaterial der bfu. Bei­ spielsweise werden ein Rezeptbüch­ lein für alkoholfreie Drinks (Art.-Nr. 5.118) sowie ein praktischer Alkohol­ rechner (Art.-Nr. 5.114) kostenlos ab­ gegeben. Die beiden Artikel sind auch über www.bfu.ch (Bestellen/Shop) er­ hältlich. um

San Orange 1,6 dl Orangensaft 0,4 dl San Bitter Eiswürfel

In ein Glas giessen und mit Eiswürfeln servieren.

Bitter Mint 1 dl Grapefruitsaft 0,6 dl Bitter Lemon 0,2 dl Mineralwasser 0,1 dl Zitronensaft Pfefferminzsirup Eiswürfel

Grapefruitsaft, Bitter Lemon, Mineralwasser und Zitronensaft in ein Glas giessen, einen Spritzer Pfefferminzsirup dazugeben und mit Eiswürfeln servieren.

Funky Kir Royal 2 dl alkoholfreier Schaumwein 3 TL Cassissirup 0,2 dl Zitronensaft Eiswürfel

Cassissirup und Zitronensaft mischen, Eiswürfel dazugeben und den gekühlten Schaumwein vorsichtig darüber giessen.

Virgin Mary 2 dl Tomatensaft 0,1 dl Zitronensaft Tabasco Worchestersauce Salz und Pfeffer

Tomaten- und Zitronensaft in einem Glas gut mischen, mit Tabasco, Salz und Worchestersauce abschmecken und etwas Pfeffer darauf streuen.

Diese und 11 weitere Rezepte für alkoholfreie Drinks sind im kostenlosen Rezeptbüchlein zu finden. 10BFU94.7_Rezeptbüchlein_d.indd 4-5

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18.5.2010 8:59:09 Uhr


Sicher Leben  

Das bfu-Magazin für Präventionspartner

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