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IMPRESSUM 1. Auflage Originalausgabe Copyright © 2012 Bettina Flitner, Köln/Berlin www.bettinaflitner.de Gestaltung: Silvia Kretschmer Lithografie: Viabild, Köln Druck: Passavia, Passau Printed in Germany

Dieses Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Sämtliche Arten der Vervielfältigung oder der Wiedergabe dieses Werkes sind ohne vorherige schriftliche Zustimmung der Autorin unzulässig und strafbar. Dies gilt für alle Arten der Nutzung, insbesondere für den Nachdruck von Texten und Bildern, deren Vortrag, Aufführung und Vorführung, die Übersetzung, die Entnahme von Schaubildern, die Verfilmung, die Mikroverfilmung, die Sendung und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Medien. Zuwiderhandlungen werden verfolgt. No part of this book may be reproduced in any form or by any means, electronic or mechanical, including photocopying, without permission in writing from the author.

ISBN 978-3-00-036772-4


BOATPEOPLE Fotografien von Bettina Flitner


BOATPEOPLE Photographs by Bettina Flitner


Das Boot auf dem Inle See in Burma. The boat on Lake Inle in Birma.

WERKSTATTBERICHT

WORKSHOP REPORT

von Bettina Flitner

by Bettina Flitner

Januar 2005. Ich sehe das Boot zum ersten Mal auf dem Inle See in Burma. Der nur etwa ein Meter tiefe, schlammige See auf dem Hochplateau nahe der chinesischen Grenze ist im Norden eine weite ruhige Fläche, die sich zum Süden zu mäandernden Schilfarmen verengt. Hier leben die Intha, die „Menschen vom See“. Sie wohnen jedoch nicht am, sondern auf dem See. Ihre Häuser, ihre Pagoden und Schulen sind auf Holzpfählen mitten ins Wasser gebaut. Ihre schwimmenden Gärten werden von der Barke aus bewirtschaftet. Ihr schwimmender Markt bietet einmal in der Woche Waren von Boot zu Boot. Lebensnotwendig für die Intha: das Boot. Die Intha fischen, kochen oder halten einen Mittagsschlaf im Boot. Kurzum, in der Barke findet das ganze Leben statt.

January 2005. I see the boat on Lake Inle in Birma for the first time. The muddy lake, just about one meter deep and located on the elevated plateau in the Shan mountains near the Chinese border forms to the north a wide, quiet surface which to the south becomes narrower, turning into meandering branches of reeds. This is where the Intha live, the “Lakepeople”. But they do not live at the lakeside, they live on the lake. They build their houses, their pagodas and schools on wooden posts right into the water. And they run their floating gardens by barque. Once a week their floating market offers goods from one boat to the other. A vital necessity for the Intha: the boat. The Intha do their fishing, their cooking and take their siesta inside their boat. To put it briefly: they live their life on the barque.

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Eine Idee keimt in mir auf. Ich will eine dieser burmesischen Urbarken kaufen, und sie nach Deutschland transportieren. Ich möchte sehen, ob sie auch in Deutschland die Basis für Szenen des Lebens sein kann, eine Barke von der Wiege bis zur Bahre.

I have an idea. I want to buy one of these Burmese archetypes of a barque and transport it to Germany. I want to find out if it can be the basis for scenes of life even in Germany, a barque from the cradle to the bier.

Ich erstehe die 5,90 Meter lange Barke bei der kleinen Werft am See. Es ist schön, den Bootsbauern zuzusehen, wie sie die Boote per Hand aus einem großen Teakholzstamm sägen und ohne einen einzigen Nagel mit Baumharz verleimen. Auf dem Dach eines überladenen Busses fährt die Barke, zusammen mit vielen Burmesen und ein paar Hühnern, in die 400 Meilen entfernte Hauptstadt Rangun. Deutsch-burmesische Freunde, die hier eine Reiseagentur betreiben, und einmal im Jahr einen Container mit Rattan-Möbeln und Vasen nach Deutschland schicken, haben mir angeboten, das Boot mit reinzuschieben. Doch in Burma brauchen die Dinge ihre Zeit.

I buy the barque of 5,90 meters at the small boatyard by the lakeside. It is nice to watch the boatyard workers sawing the boats by hand from a big stem of teakwood and glue it together by treeresin, without using a single nail. On the rooftop of an overloaded bus the barque goes to the capital of Rangoon, 400 miles away, together with quite a number of Burmese people and some chickens. Some GermanBurmese friends of mine, who operate a travel agency over here and who send a container with rattan furniture, as well as some vases, to Germany once a year, have offered to put my boat in there. But things need their time in Birma.

Juli 2006. Die Barke kommt am Hamburger Hafen an. Der Container wird auf einen LKW umgeladen und zu seinem Bestimmungsort am Starnberger See gebracht. Ein Tag später bin ich da, schnalle die Barke auf den Dachgepäckträger meines Autos und fahre vom Starnberger See nach Köln am Rhein. Ich finde, im Süden von Köln, ein Bootshaus direkt am Fluss, das bereit ist, die Barke für ein Jahr aufzunehmen.

July 2006. The barque arrives at Hamburg harbor. The container is put on a truck and taken to its place of destination on Lake Starnberg. One day later I am there, too, strap the barque on to the luggage rack on top of my car and drive to Cologne, from Lake Starnberg to the river Rhine. In the south of Cologne I find a boathouse on the Rhine where people are willing to house the barque for a year.

Februar 2008. Endlich der erste Fototermin. Das Dreigestirn der Gemeinde Rodenkirchen. Ich habe mit Hilfe meines Assistenten Wasja ein Steinpodest ins seichte Rheinwasser gebaut und die Barke fest darauf verankert. Ein Brett führt vom Ufer zum Boot. Das Dreigestirn hat genau noch eine Stunde frei im voll bepackten Sessionskalender: Karnevalssamstag von 11 bis 12 Uhr, zwischen dem Empfang in der Aula des Gymnasiums und der traditionellen Aufwartung in der Metzgerei Wagner. Prinz Martin I, Bauer Kajo und die Jungfrau Heidi erscheinen pünktlich und leicht angeheitert. Die drei Jungs sind Profis, in zehn Minuten ist das Foto im Kasten. Wir heben das Boot wieder an Land. Der Prinzenführer Herr Dickel will auch mal und springt auf die Barke. Sie bricht in der Mitte entzwei.

February 2008. Finally the first photo session. With the three of the most important people of the Carnival in Cologne. With the help of my aid, Wasja, I have built a platform of stone into the shallow water of the Rhine and safely anchor the barque on top of it. A wooden plank is leading from the riverside to the boat. The three men have only one hour. Their schedule is busy. At 11 o’clock, they are in the highschool auditorium, at 11.30, they have the annual reception at Wagner’s butchershop. For my photo shooting they appear on time and slightly tipsy. The three guys are professionals; in not more than ten minutes the photo is taken. We lift the boat back to the riverside. The man, who organizes all these appointments also wants his photo taken and jumps on the boar. It breaks into two pieces, right in the middle.

15. Mai 2008. Wir haben das Boot endlich repariert. Und ich kenne mich inzwischen in der Rodenkirchener Gesellschaft aus: Der Lokal-

May 15, 2008. Finally, we have managed to repair the boat. And I know by now the socially relevant people of Rodenkirchen: The local

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journalist vom „Rodenkirchener Bilderbogen“ versorgt mich mit Tipps und Telefonnummern von Bootsexperten, die Pfarrer der katholischen und der evangelischen Gemeinde machen mir Kontakte zu potentiellen Models. Und Andy und Andreas, die beiden Obdachlosen mit der Adresse „Rheinufer, hinter der Trauerweide“ helfen jederzeit aus, wenn wir Jemanden zum Schleppen brauchen.

journalist from “Picture Magazine of Rodenkirchen” provides me with hints and telephone numbers of boat experts. The pastors of the Catholic and the Protestant community arrange contacts with potential models and Andy and Andreas, the two homeless men with their address “Riverside of the Rhine, behind the weeping willow”, are always ready to help when we need somebody to carry things.

Verena kommt mit ihrem Hund Moritz vorbei. Sie hat ihn aus Indien mitgebracht. Die LTU wollte ihn nicht in das Flugzeug lassen, daraufhin hat Verena die Geschichte vom singenden Hund erzählt. Ja, wissen Sie denn nicht, dass dieser Hund bei „Wetten dass“ auftreten wird? Er ist schon überall angekündigt, in der Bild-Zeitung, auf der Titelseite – und das schon seit Wochen. Und wenn LTU den jetzt nicht reinlässt… Sie haben den Hund durchgelassen. Ich verstehe bis heute nicht, warum er nicht Vorsingen musste.

Verena comes along with her dog, Moritz. She brought him over from India. LTU did not want to allow him aboard the plane, whereupon Verena told them the story of the singing dog. Well, don’t you know that this dog is going to appear at the tv-show “Wetten, daß” (Let’s make a bet)? He has already been anounced everywhere, in BildZeitung, on the front page – for several weeks now. And if LTU do not allow him to board the plane ... They did let the dog pass through. To this day I don’t understand why they did not make him demonstrate his singing.

Ein Gewitter zieht auf. Wir lassen den Hund zu Wasser und Verena geht auf die Steinmole. Sie steht Moritz jetzt gegenüber. Wenn ich rufe „Ich brauche mehr Profil“ hebt sie nur den Finger und führt ihn weiter nach rechts. Der Hund folgt mit dem Kopf dem Finger und zeigt Profil. Ich drücke ab.

A thunderstorm is coming up. We make the dog sit in the boat and Verena goes to the pier. She is now standing in front of Moritz. When I shout: “I need more profile!”, she just raises her finger and moves it further to the right. The dog follows her finger with his head and shows his profile. I push the button.

16. Mai, 19 Uhr. Ein schwarzer Leichenwagen fährt durch die Rheinwiesen, jedes Gespräch am Strand erstirbt. Und als die Bestatter Andy und Frank den schwarzen Sarg herausheben, sammelt sich eine erschrockene und sensationsgierige Menschentraube am Ufer. Ein paar Wochen zuvor hatte mich der liebenswürdige Herr Engelmann vom Bestattungshaus Engelmann durch das Sarglager geführt. Es gab rote und blaue Särge, aber keinen schwarzen. „Kein Thema“ sagte Herr Engelmann. „Ich lass’ den hier einfach umspritzen. Schwarz, geht immer weg.“

May 16, 7 pm. A black funeral car is driving across the meadows of the Rhine, any conversation on the riverside dies down. And as the undertaker Andy and Frank lift take the black coffin out, an amazed crowd of people, seeking for sensation, gather at the bank of the river. A few weeks earlier nice Mr. Engelmann from Engelmann Funeral Home had shown me through the storage room of coffins. There were red and blue coffins, but not a black one. “No problem”, said Mister Engelmann. “I’ll just have this one painted black. Black always sells.”

Andy und Frank balancieren den frisch lackierten Sarg über den Steg auf das Boot. Sie ziehen ihre weißen Handschuhe über und nehmen eine angemessene Haltung ein. Ich beginne zu Fotografieren. Aber die Szene stimmt nicht. Etwas fehlt … Ein Trauernder! Ich frage einen zufälligen Passanten, ob er mit ins Boot will. Benjamin aus Ghana springt ein.

Andy and Frank are balancing the newly painted coffin across the plank onto the boat. They put on their white gloves and adopt an appropriate posture. I start to take pictures. But something is missing on this stage ... A person in mourning! I ask somebody who is just passing by if he wants to cooperate. Benjamin from Ghana jumps on the boat.

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Bettina Flitner am Rhein mit den BewohnerInnen des Altenheims „Haus Manila“. Bettina Flitner on the riverbank with inhabitants of the retirement home “Haus Manila”.

Juli 2008. Es ist der heißeste Sommer seit Jahren. Der Rheinpegel ist auf einem historischen Niedrigstand. Jeden Tag müssen wir unser Podest stärker ins Flussbett hinein bauen. Jeden Morgen informiere ich mich über Wetterprognosen, Windstärken und Pegelstand. Wir kämpfen mit Hoch- und Niedrigwasser, mit Regen, Sturm und 40 Grad Hitze. Manchmal müssen lang geplante Termine verschoben werden und die ganze Organisation beginnt von vorne. Dann dauert es oft Wochen, bis der nächste Fototermin zustande kommt.

July 2008. This is the hottest summer in years. The level of the Rhine is on its lowest level for ages. Every day we have to build our platform further into the river bed. Every morning I get information about the weather forecast, the wind force and the water level. We fight against forces of nature, high and low water, rain, storm and a heat of 104 degrees. Sometimes, appointments that have been planned for a long time before have to be changed and the organisation starts again. It often takes weeks until the next photo session.

August 2008. Seit Monaten versuche ich, eine japanische Reisegruppe zu kriegen. Köln soll die Stadt mit den meisten japanischen Reisegruppen in Europa sein. Und trotzdem gelingt es mir nicht, denn das Reiseprogramm der Japaner ist eng getaktet. Genau eine Stunde ist eingeplant für Dombesichtigung und Mittagessen im Big China Restaurant Lei Jingwen. Dann geht’s ab nach Düsseldorf ins Hotel.

August 2008. For months I have been trying to get contact to a Japanese tourist group. Cologne is supposed to be the city with the highest amount of Japanese tourists in Europe. And yet I do not succeed because the travel program of the Japanese is strict. One hour exactly for a visit to the Cathedral and lunch at the big Chinese Restaurant Lei Jingwen. Then, off they go to their Düsseldorf hotel.

Als ich es schon fast aufgeben will, finde ich eine Studentengruppe aus Tokio. Sie bleiben drei Wochen in Trier und sagen zu. Nach der obligatorischen Dombesichtigung soll ich in den Bus steigen und ihn nach Rodenkirchen dirigieren. Eine Stunde all included.

When I am just about to give up, I find a student group from Tokyo. They have been staying at the city of Trier for three weeks, and they agree to cooperate. After the obligatory visit to the Cathedral I am supposed to get on the bus and guide it to Rodenkirchen. One hour, all inclusive.

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Der Bus steht im Schatten des Doms. Alle haben Platz genommen. Der Reiseleiter drückt mir das Mikro in die Hand. Ich soll mich vorstellen und das Projekt beschreiben. Der Bus fährt los. Ich puste ins Mikro, 30 japanische Augenpaare sind auf mich gerichtet. „Hello“ sage ich. „I would like to tell you something about the project“. Die ersten Augenpaare schließen sich langsam. „I bought a boat in Birma … in Asia“, schiebe ich nach. Die Köpfe kippen nach hinten, die Münder öffnen sich. „Machen Sie sich nichts draus“ tröstet mich der Reiseleiter „Sie schalten um in den Reisemodus.“ Der Bus braust das Rheinufer entlang. Ich stehe neben dem Fahrer und halte einen 10-minütigen Vortrag vor 30 vor sich hindämmernden japanischen Jugendlichen. Mit einem Ruck hält der Bus am Rodenkirchener Strand. Mit einem Ruck sind alle wach. „Please take all your mobile phones and cameras with you!“, rufe ich, recke den kleinen rosa Sonnenschirm in die Luft und gehe voran.

The bus is standing in the shadow of the Cathedral. Everybody is seated. The travel guide puts the microphone into my hand. I am supposed to introduce myself and to describe the project. The bus starts. I tap on the mike. All eyes are directed towards me. “Hello”, I say. “I would like to tell you something about the project.” The first eyes are slowly closing. “I bought a boat in Birma ... in Asia.” I add. Heads are dropping back, mouths are opening. “Never mind!”, the travel guide comforts me. “They switch into the travelling mode.” The bus is roaring alongside the Rhine. I am standing next to the driver and give a ten minutes’ presentation to thirty young Japanese people dozing. With a jolt the bus comes to a stop at Rodenkirchen riverside. With one jerk they are all awake. “Please, take all your mobile phones and cameras with you!” I shout, waving with my small pink parasol and walk ahead.

Mein Knie hat bei der Schlepperei des Bootes gelitten. Ich muss zur Krankengymnastik. Als ich eines frühen Morgens aus der Praxis komme, sehe ich eine mittelalterlich gewandete Nonne über die Straße schreiten. Und dahinter ein altes Backsteinkloster aus dem 19. Jahrhundert. Ich klingele an der hohen Holztür. Die Pfortenschwester lässt mich wissen, dass ich mich bei der Oberin, Schwester Johanna, melden soll.

My knee has suffered when I was hauling the boat. I have to go to the physiotherapist. When I leave the medical office early one morning, I see a nun crossing the street, dressed in medieval clothing and behind her an old monastery from the nineteenth century, built of brick. I ring the doorbell at the high wooden door. The sister at the entrance informs me that I have to get into contact with Sister Johanna, the Mother Superior.

Schwester Johanna lehnt ab, sie seien nur 28 Schwestern, hätten viel zu viel Arbeit und für so etwas gar keine Zeit. Ich berede sie, sich doch wenigstens paar Fotos anzusehen: „Nur so.“ Ich lege die Bilder im Gemeinschaftsraum auf dem Steinboden aus. Sie überzeugen die Oberin. Und nun fängt das Gefeilsche an. Sie bietet mir eine Nonne. Ich verlange fünf, sie bietet mir zwei Nonnen, ich verlange vier. Wir einigen uns auf drei.

Sister Johanna refuses: they are only 28 sisters, have much too much work to do and no time for such a thing. I convince her at least to look at a few of the photographs. “Just like that.” I put the pictures down on the stone floor of the communal room. They convince the Mother Superior. And now the bartering starts. She offers me one nun. I ask for five, she offers me two nuns, I ask for four. We settle for three.

18. August. Ich hole die drei Nonnen im Kloster ab, „aber bitte erst nach dem letzten Gebet“ also abends, viertel nach acht. Da wird es schon knapp mit dem Licht. Wir fahren zum Ufer. Schwester Lucia stellt sich ruhig und konzentriert auf das Heck. Schwester Odilia hält in der Mitte die Stellung, in der Hand die rote Positionslampe. Und die 82-jährige Schwester Benedikta, die aus einer holländischen Reedersfamilie kommt und im früheren Leben Frachtschiffkapitänin

August 18. I pick up the three nuns at the monastery, “but please, only after the last prayer”, which means in the evening, at a quarter past eight. At that point in time the light is already getting scarce. We drive towards the riverside. Sister Lucia places herself quietly and with concentration at the rear end of the barque. Sister Odilia keeps the position in the middle, the red position light in her hand. And the 82 year old Sister Benedikta who comes from a Dutch shipowning family and

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auf dem Rhein war, bestimmt die Fahrt. Die Luft ist kühl und es dunkelt, und ruhig fließt der Rhein. Doch just als die Nonnen auf dem Boot stehen, bricht noch einmal die untergehende Sonne durch die Wolken und taucht die ganze Szenerie in einen unwirklich goldenen Abendsonnenschein.

who has been a lady freightboat captain in her former life, she is the one who decides about the journey. The air is cool in the gloaming and gently flows the Rhine... But just as the nuns are standing on the boat, the sinking sun breaks once again through the clouds and immerses the entire scene in unreal fading rays of sunshine.

Ein Jahr lang bin ich in die unterschiedlichsten Welten eingetaucht. Ich sprach mit der Schornsteinfegerinnung in St. Augustin, mit der Obdachlosenhilfe in Köln, ich saß in der jüdischen Gemeinde am Tisch und im Frauenhaus auf dem Sofa. Der Bibelkreis der St. Maternus Kirche fragte mich nach der christlichen Botschaft, der Unternehmertreff lud mich zum Sommerfest und in der Ballettschule Ginny Greiner wohnte ich einer Aufführung von Vierjährigen in Zwergenkostümen bei. Nicht jeder, den ich ansprach, und nicht jeder, den ich fotografierte, fand Eingang in das Projekt. Aber die Geschichten, die sind alle eingeflossen in diese Reise, stromauf- und stromabwärts.

For one year I have lived in the most diverging worlds. I have talked to the chimneysweepers’ guild at Sankt Augustin, to the managers of the hostel for homeless people in Cologne, I was invited to sit at the table of the Jewish community and on the sofa of the women’s shelter. The bible circle of Sankt Maternus Church asked me about the Christian message, the employers’ association invited me for their summer party, and at the ballet school “Ginny Greiner” I saw a stage performance of four-year-olds in dwarfs’ costumes. You may not find a photo of everybody whom I asked and who I photographed. But all their stories are present in this journey, up- and downstream the river.

Modell Philip und Bettina Flitner. Model Philip and Bettina Flitner.

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Boatpeople No. 1 12


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Danksagung / Acknowledgment Ich danke allen Portraitierten für ihr Vertrauen und die Zeit, die sie mir geschenkt haben. Für ihre Unterstützung danke ich im Besonderen: Many thanks to the people who participated at this project for their confidence and openness. And to all those who have contributed to this project: Andreas und Andy vom Rheinufer, den Benediktinerinnen Köln, Mirek Bertelsmann von der Kölner Rudergesellschaft 1891, Josef Beule von der Schornsteinfegerinnung Köln, Petra Buda, Sabine Burg von Attilas Horde, Oliver E Soe Thet, Walter Engelmann vom Bestattungshaus Engelmann, Peter Faust vom Verein „Knobelbröder e.V.“, Ginny Greiner von der Ballettschule Ginny Greiner, Thomas Haubner vom Kölner Unternehmertreff, Ako Hintzen, Petra Hennicke, Gabriele Honsberg von der Heilsarmee, Carsten Kluger von der Universität Trier, Aaron Knappstein von der Jüdischen Liberalen Gemeinde Köln, Winni und Nicola Landgrebe, den vielen hilfsbereiten MitarbeiterInnen der Diakonie Michaelshoven, Verena Rudolph, Editha Schack, Kalayar und Gerald Schreiber, Alice Schwarzer, Noni Siauw, Peter Sörries, Oliver Sperling vom Mädchenchor des Kölner Doms, Helmut Thielen vom Rodenkirchener Bilderbogen, Hans Dieter Voss, Pfarrer Wind von der Pfarrgemeinde St. Joseph Rodenkirchen. Ganz besonders danke ich Kit Piehler. Und meinem unermüdlichen Assistenten Wasja Fussy.

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Nr. 1 Die Travestiestars Angie und Swanny. Sie traten u.a. im Hotel Timps auf.

Nr. 2 Der Physikprofessor Lionel Magloire. Der gebürtige Haitianer lebt in Deutschland.

Nr. 3 Die Benediktinerinnen Schwester Lucia, Odilia und Benedikta vom Kloster Köln.

Nr. 4 Mitglieder des Kölner Unternehmertreffs.

Nr. 5 Petra Wirtz, Mutter und Vielfachjobberin.

Nr. 6 Der Bildhauer Herm Barner und sechs Elevinnen der Ballettschule Ginny Greiner.

Nr. 7 Der italienische Pizzabäcker Paolo mit Bär.

Nr. 8 Das Rodenkirchner Dreigestirn: Bauer Kajo Wirtz, Jungfrau Hans Dieter Kauz, Prinz Martin van Duiven.

Nr. 9 Der Hund Moritz der Filmemacherin Verena Rudolph, einst Strassenhund in Indien.

Nr. 10 Asylbewerberinnen aus der Ukraine, Jamaika, Kolumbien, Bosnien, Äthopien, Ruanda.

Nr. 11 Pierre Hausmann, der zwischen Berlin und Paris lebt.

Nr. 12 Drei Ritter mit Dame vom „Ritterorden vom Heiligen Grab zu Jerusalem“, Köln.

Nr. 13 Der Obdachlose Micha, ehemaliger Polsterer und Tierpfleger.

Nr. 14 Die Messdiener Tobias und Leonard von St. Joseph in Köln-Rodenkirchen.

Nr. 15 Elza Behrend aus Köln, die von ihrer Heimatstadt Antwerpen träumt.

Nr. 16 Mutter und Kind, beide Mitglieder des Kölner Karnevalsvereins „Attilas Horde“.

Nr. 17 Eine Studentengruppe aus Tokio auf Europatour.

Nr. 18 Didi Jünemann, Anne Rixmann und Biggi Wanninger von der Kölner Stunksitzung in „Die weisse Massai“.

Nr. 19 Herr Bousendörfer und die Damen Kabisch, v. Bozyskowski, Steinbach, Klemm aus Haus „Manila“.

Nr. 20 Die Architektin Elena Navarini als Napoleon.

Nr. 21 Die Schützenbruderschaft St. Sebastianus, Köln-Stammheim.

Nr. 22 Drei Sängerinnen vom Mädchenchor des Kölner Doms in Begleitung der Bodyguards Ako und Didi.

Nr. 23 Der Karnevalsverein „Knobelbröder e.V.“ aus Köln Rodenkirchen.

Nr. 24 Die Familie Rautenstrauch, Ludwig, Marion und Kit.

Nr. 25 Alexandra Kassen, Prinzipalin des Kabaretttheaters „Senftöpfchen“.

Nr. 26 Hans und Henni, Menschen mit Down-Syndrom.

Nr. 27 Die Familie Misini, Asylbewerber aus dem Kosovo.

Nr. 28 Zwei Soldaten und eine Majorin der Kölner Heilsarmee.

Nr.29 Pierre Hausmann, der zwischen Paris und Berlin lebt.

Nr. 30 Die Bestatter Frank und Andy Engelmann, sowie Passant Benjamin.

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BETTINA FLITNER Bettina Flitner ist Fotografin und Filmemacherin, ihre Filmerfahrungen haben ihre Fotoarbeit geprägt. Nach einer Ausbildung zur Cutterin beim WDR studierte sie an der „Deutschen Film- und Fernsehakademie“ in Berlin, ihre ersten Filme wurden vielfach ausgezeichnet. Seit 1990 setzt Flitner den Hauptakzent auf die Fotografie, seit 1992 ist sie assoziiertes Mitglied der Fotografenagentur laif. Ihre Fotoessays haben meist einen seriellen Charakter, sie arbeitet häufig mit der Kombination von Bild und Text. Erstes Aufsehen erregte sie mit ihrer „Reportage aus dem Niemandsland“, ihrer Fotoserie über Menschen aus West und Ost bei Mauerfall 1989. Seiter stehen die Menschen, häufig Frauen, im Zentrum ihrer Arbeit. Bettina Flitner veröffentlichte bis dahin formal traditionell in Ausstellungen und Büchern. Ab Beginn der 1990er Jahre ging sie mit ihren Arbeiten in den öffentlichen Raum, ihre Porträts wuchsen zu überlebensgroßen Fotoskultpuren. So ihre vielbeachtete Trilogie „Mein

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Bettina Flitner is a photographer and filmmaker, whose experience in film has shaped her photographic work. After training as a film editor at WDR (West German Broadcasting Corporation), she enrolled at the German Film and Television Academy in Berlin, garnering many awards for her first films. Since 1990, Ms Flitner has focused on photography, and in 1992 became an associate member of the laif photo agency. Her photo essays evince a serial character, and she frequently works with a combination of text and image. She first came to public attention with her “Reportage aus dem Niemandsland” (“Report from No Man’s Land”), featuring photos of people from East and West Germany at the time of the fall of the Berlin Wall in 1989. From this period on, people, primarily women, have taken centre stage in her work. Up until this juncture, Bettina Flitner had published in the formal tradition of exhibitions and books. However, in the early 1990s, she began taking her work out into the public sphere, and her portraits grew into


Feind – Mein Denkmal – Mein Herz“ aus den Jahren 1992–1995, mit der sie „den Kunstbetrieb infiltrierte und seine Grenzen sprengte“ (Klaus Honnef). Ihre Installationen im öffentlichen Raum provozieren immer wieder kontroverse und heftige Debatten bei Menschen wie Medien. So auch ihre preisgekrönte Arbeit „Ich bin stolz, ein Rechter zu sein“ über rechtsradikale Jugendliche (die Jury der „Rückblende 2000“ über die Arbeit: „Aus den Bildern spricht genau das, was Hannah Arendt vor Jahrzehnten die ‚Banalität des Bösen’ nannte“). Mit dieser Arbeit ging Flitner aus dem öffentlichen Raum in den traditionellen Kunstbetrieb und schockierte auf der ART Cologne 2001 in der Förderkoje für junge KünstlerInnen mit einer beklemmenden Rauminstallation (Galerie von Loeper). „Der größte Medienrummel wurde Förderkünstlerin Bettina Flitner zuteil, die als einzige mit ihrer Fotoinstallation „Ich bin stolz, ein Rechter zu sein“ eine Arbeit mit politischem Bezug zeigte“ (ART (1/02).

larger-than-life photo sculptures, as evidenced by her highly acclaimed trilogy “Mein Feind – Mein Denkmal – Mein Herz” (“My Enemy – My Monument – My Heart”) from 1992–1995, with which she “infiltrated the art scene and breached its boundaries” (Klaus Honnef). Her outdoor installations such as her award-winning “Ich bin stolz, ein Rechter zu sein” (“I Am Proud To Be a Nationalist”) on young right-wing extremists, frequently fuel controversy and fierce debate among the public and the media alike. (Commenting on this piece, the jury of “Rückblende 2000” stated that: “Her images accurately capture what Hannah Arendt once described as the ‘banality of evil’”). This work marked Flitner’s move away from the public arena and into the traditional art scene where she created a furore in the booth for young artists at the ART Cologne 2001 with a haunting spatial installation (von Loeper Gallery). “Generating the greatest media attention was the young artist Bettina Flitner, whose photo installation "I Am Proud To Be a Nationalist” was the only exhibited work with a political reference” (ART, 1/02).

2004 erschien Bettina Flitners Portraitband „Frauen mit Visionen“ (Knesebeck Verlag). Sie bereiste dafür ganz Europa und portraitierte Frauen, die den Kontinent über ihr eigenes Land hinaus geprägt haben. Staatschefinnen wie Menschenrechtlerinnen, Künstlerinnen wie Schriftstellerinnen. „Es scheint fast so, als sei sie wie durch ein durchsichtiges Band auf magische Weise mit den Persönlichkeiten verbunden“ (Süddeutsche Zeitung). Das Porträtieren weiblicher „Vorbilder“ setzte Flitner mit ihrer Arbeit „Frauen die forschen“ fort, für die sie 25 deutsche Spitzenforscherinnen fotografierte (Collection Rolf Heyne, 2008).

Bettina Flitner’s album of portraits “Frauen mit Visionen” (Knesebeck Verlag) was published in 2004. In compiling this collection, she travelled across Europe portraying women whose influence has extended across the Continent, far beyond the borders of their own country: heads of state and human rights activists, artists and writers. “It almost seems as if she is magically connected to her subjects by an invisible bond” (Süddeutsche Zeitung). Flitner followed up her portrayal of female “role models” with her work “Frauen, die forschen” for which 25 top German female scientists were photographed. (Collection Rolf Heyne, 2008).

Die Arbeit an dem Projekt „Boatpeople“ ging über ein Jahr. Im Frühjahr, Sommer, Herbst und Winter 2008 fotografierte Bettina Flitner in der Barke aus Burma Menschen und Menschengruppen am Rhein. „Mit theatralischem Gespür gestaltet Bettina Flitner Szenarien, die eine Flut von Assoziationen auslösen. In ihren neuen Arbeiten aus dem Zyklus ‚Boatpeople’ bewegt sie sich elegisch zwischen Abschied und Ankunft.“ (Capital/Kunstkompass).

Work on the project “Boat People” lasted for over one year. In the spring, summer, autumn and winter of 2008, Bettina Flitner photographed individuals and groups aboard a Burmese fishing boat on the River Rhine. “With a sense of high theatre, Bettina Flitner conjures scenarios which trigger a flood of associations. In her new works from the “Boatpeople” cycle, she moves elegiacally between departure and arrival” (Capital/Kunstkompass).

Die Arbeiten von Bettina Flitner werden seit 1989 international ausgestellt und sind in zahlreichen Sammlungen vertreten. Der Band „Boatpeople“ ist ihre achte Buchveröffentlichung.

Bettina Flitner's works have been exhibited internationally since 1989 and are represented in numerous collections.The volume “Boatpeople” is her eighth publication.

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Bettina Flitner wird vertreten durch / is represented by: laif Agentur für Photos & Reportagen, Köln, www.laif.de / Galerie Heinz Holtmann, Köln, www.galerie-holtmann.de / Galerie Zellermayer, Berlin, www.zellermayer.de – www.bettinaflitner.de 78


Weitere Veröffentlichungen von/more books by Bettina Flitner

Collection Rolf Heyne, 2008

EMMA Verlag, 1995

Knesebeck Verlag, 2004

Zweitausendeins, 1993

Éditions de la Martinière, 2004

Elefanten Press, 1990

Edition Braus, 1998

EMMA Verlag, 1988

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Boatpeople  

Eine urzeitliche Barke aus Burma auf dem Rhein. Die Fotografin Bettina Flitner kaufte das hölzerne Fischerboot am Inle See, gelegen auf eine...

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