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LOKALES Puschtrarisch leicht gemacht Pössl

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Meine alte Freundin Anna ist ein häuslicher Typ. Am liebsten ist sie in ihrer Wohnung und wühlt und stöbert in ihren Sachen und Kisten herum. Sortiert Krimskrams, flickt was hier, bastelt dort was zusammen. „Dei pösslt geang umanondo“, würde ein Ahrntaler dazu sagen. Pössl ist ein altes Wort für spielen. Mit „Gipössle“ oder „Pösslzeug“ ist einerseits eine Spielsache gemeint, es kann aber auch noch was anderes bedeuten: Ein Gerät, von eher minderwertigerer Qualität und ohne großen Nutzen. Meine Tante kommentierte meine Absicht, ein angeblich wunderbares Universalschneidegerät für die Küche zu kaufen mit den Worten „des isch la a Gipössle“. Shoppingsender bieten jede Menge „Gipössle“ an. Eine andere Bezeichnung für „pössl“ ist „kriesn“ – auf Deutsch in etwa: herumtun. Benutzt man etwa dann, wenn jemand minutenlang versucht einen Faden in die Nadel zu fädeln und es will einfach nicht gelingen. Nicht in Ordnung ist es, wenn jemand in den Sachen anderer herumspioniert, wenn er „schtrielt“. Eine Vielzahl an Beschreibungen haben die Talbewohner außerdem für schlampiges Essverhalten oder den nachlässigen Umgang mit Lebensmitteln. Beispiel: Ich esse eine Wassermelone. Trage ich die saftige Frucht von der Ablage zum Tisch und tropfe dabei den Boden voll, dann nennt sich das „trebon“. Wenn ich die Melone unkonzentriert schlingernd herumtrage, dann ist das „schnagon“ („Net umanondoschnagon“, mahnt die Mama ihr Kind). Und beim Essen der Melone: Wenn ich vom großen Stück herunterbeiße und es schlürfend in den Mund befördere, nennt sich das „sulfton“- so wie Kühe das Wasser aus dem Trog heraussaufen. Das geht gar nicht. Schlussendlich noch das sabbern, bei den Pusterern „pofn“ genannt. Kleine Kinder dürfen das, deswegen tragen sie ja auch ein „Pofale“ (Lätzchen). (NO)

FOLGEN DES LEICHTSINNS

Geschlechtskrankheiten sind auch im Pustertal nicht ausgerottet Lust kann bisweilen unangenehme Folgen mit sich bringen: Geschlechtskrankheiten. Das Bewusstsein dafür ist in den letzten Jahren gesunken, daher haben die Fälle von sexuell übertragbaren Krankheiten zugenommen – auch im Pustertal.

„Die fehlende Information ist ein nationales Problem“, meint Dr. Carla Nobile, Primaria für Dermatologie in Bruneck. „Viele glauben, AIDS sei die einzige Krankheit, die sexuell übertragbar sei. Das ist eine riskante Wissenslücke, denn Gonorrhoe, Clamydien, PapillomaViren sind auch gefährlich. Im Pustertal beobachte ich eine deutliche Zunahme bei der Hepatitis C und der Syphilis in den letzten Jahren. Syphilis ist eine sehr gefährliche Krankheit, die unbehandelt bleibende körperliche Schäden verursachen kann.“ Durch die gesteigerte Mobilität und Fernreisen werden immer wieder Infektionen „importiert“. So ist die „Durchseuchungsrate“ in den Ländern Osteuropas

bis zu hundertmal höher als bei uns – Sexualkontakte dort also auch hundertmal riskanter. Dr. Nobile wird mit Patienten jeder Altersstufe konfrontiert, sowohl unter zwanzig als auch über 55 Jahren. Sie führt das auf eine mangelnde Aufklärung der Jugendlichen über die Gefahren eines ungeschützten Geschlechtsverkehrs zurück und darauf, dass ältere Menschen auch bei uns ungeschützten Geschlechtsverkehr mit wechselnden Partnern haben können. „Wir hatten durchaus schon Patienten über 60 mit einer HIV-Neuinfektion“, sagt sie. Der Hauptrisikofaktor sei ungeschützter Geschlechtsverkehr – der wirksamste Schutz die Verwendung eines Kondoms. „Andere Verhütungsmittel verhindern nur eine Schwangerschaft. Ein Kondom hingegen ist eine Barriere auch gegen Krankheitserreger – nur benutzen es recht wenige“, sagt Dr. Nobile. Fehlt es, kann ein regelrechter Ping-Pong-Effekt eintreten, z.B. bei Clamydien: „Der eine Partner steckt den anderen an, wird vielleicht geheilt und steckt sich wieder durch den mittlerweile erkrankten Partner an.“ Verkompliziert wird die Behandlung auch dadurch, dass viele der sexuell übertragbaren Krankheiten Sekundärinfektionen nach sich ziehen, die geschädigte Schleimhäute oder ein zerstörtes Immunsystem überwinden können. Geschlechts-

krankeiten seien ein Tabuthema und mit viel Scham besetzt, auch wenn die Behandlung absolut anonym sei: „Oft genug erlebe ich, dass sich jemand über seinen Partner ansteckt, der seine Erkrankung – oder einen Verdacht – verschwiegen hat.“ Selbst die wenigen Impfmöglichkeiten werden kaum genutzt. „Das HPV – das humane PapillomaVirus – z.B. ist die Hauptursache für Gebärmutterhalskrebs. Es gäbe eine sehr wirksame kostenlose Impfung, die aber vor dem ersten Geschlechtsverkehr erfolgen sollte – viele Eltern weigern sich aber, ihre Tochter impfen zu lassen.“ Hat jemand den Verdacht, sich mit einer sexuell übertragbaren Krankheit angesteckt zu haben, so wird er anonym behandelt. (MW) Daten über sexuell übertragbare Krankheiten werden nur für ganz Südtirol erhoben und nicht auf Bezirke oder Gemeinden aufgeschlüsselt, da sie anonym sind. In Südtirol gibt es pro Jahr an Neuinfektionen - ca. 20 AIDS-Fälle (Versagen des Immunsystems, Tod durch Folgekrankheiten, Behandlung in Bozen) - 28 Fälle von Syphilis (kann das Nervensystem schädigen bis hin zum Tod führen) - 180 Fälle von PapillomaViren (können Krebs auslösen) - allein in Bruneck über 100 Fälle von Clamydien. - Die Dunkelziffer neben diesen „offiziellen“ Fällen dürfte aber deutlich höher sein.

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Puschtra Nr. 16 vom 27. August 2014  

Puschtra Nr. 16 vom 27. August 2014  

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