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Arthur W. Pink

Was ist rettender Glaube?


Verwendete Bibelausgaben: Elberfelder Bibel, revidierte Fassung Elberfelder Bibel, nichtrevidierte Fassung Schlachter-Bibel 1951 Schlachter-Bibel, Revision 2000 Lutherbibel 1912

1. Auflage 2002 2. Auflage 2003 3. Auflage 2010 Titel der Originalausgabe: Studies on Saving Faith © der deutschen Ausgabe: Betanien Verlag, 2001 Postfach 14 57 · 33807 Oerlinghausen www.betanien.de · info@betanien.de Übersetzung, Satz: Hans-Werner Deppe Umschlaggestaltung: Lucian Binder Druck und Bindung: Bercker, Kevelaer ISBN 978-3-935558-51-8


Inhalt Vorwort des deutschen Herausgebers Teil 1: Zeichen der Zeit

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Teil 2: Rettender Glaube . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Kapitel 1: Attrappen echten Glaubens . . . . . . . . . . . Kapitel 2: Das Wesen rettenden Glaubens . . . . . . . . . Kapitel 3: Rettender Glaube ist schwierig . . . . . . . . . Kapitel 4: Wie bekommt man rettenden Glauben? . . . . Kapitel 5: Die Erkennungsmerkmale rettenden Glaubens

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Teil 3: Zu Christus kommen . . . . . . . . . . . . . Kapitel 6: Zu Christus kommen: Hindernisse . . . Kapitel 7: Zu Christus kommen: mit dem Verstand Kapitel 8: Zu Christus kommen: mit den Gefühlen Kapitel 9: Zu Christus kommen: mit dem Willen Kapitel 10: Auf Echtheit prüfen . . . . . . . . . .

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. 73 . 77 . 86 . 95 . 101 . 108

Teil 4: Heilsgewissheit . . . . . . . . . . . . . . . Kapitel 11: Lektionen aus der Kirchengeschichte Kapitel 12: Heilsgewissheit: ihr Wesen . . . . . . Kapitel 13: Heilsgewissheit: ihre Grundlage . . Kapitel 14: Heilsgewissheit: wie sie erlangt wird Kapitel 15: Heilsgewissheit: wer sie hat . . . . . Kapitel 16: Heilsgewissheit: Hindernisse . . . . Kapitel 17: Heilsgewissheit: wie sie bewahrt wird Kapitel 18: Heilsgewissheit: ihre Früchte . . . .

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21 23 32 43 53 62

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Anhang: Gespräche über Heilsgewissheit . . . . . . . . Dialog 1: Herr Fleischliche Zuversicht beim Autor . . Dialog 2: Herr Demütiges Herz beim Autor . . . . . . Dialog 3: Der Autor bei Demütiges Herz . . . . . . . Dialog 4: Demütiges Herz hilft Schwester Furchtsam

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Anhang

Gespräche über Heilsgewissheit

Angesichts der Irrtümer, die heute so weit verbreitet vorherrschen, und aufgrund der Verwirrung, die so viele Sinne vernebelt, kann man wohl kaum erwarten, dass ein Leser innerhalb weniger Stunden umdenkt und umlernt von dem, was ihm irrigerweise jahrelang als Gottes Wahrheit beigebracht worden ist. Vermutlich wünschen einige Leser, sich persönlich mit dem Autoren über dieses Thema zu unterhalten, sodass sie ihre Schwierigkeiten darlegen und alles fragen könnten, was ihnen noch unklar ist. Deshalb haben wir einige Dialoge verfasst mit verschiedenen Charakteren als Gesprächspartnern, die zu diesem Thema Rat und Auskunft suchen.

Dialog 1: Herr Fleischliche Zuversicht beim Autor Herr Fleischliche Zuversicht: Guten Tag, Herr Autor, ich möchte mit Ihnen über Ihre Ausführungen über Heilsgewissheit sprechen, die Sie in Ihrem Buch »Was ist rettender Glaube?« veröffentlicht haben. Der Autor: Nehmen Sie bitte Platz. Ich bin gern dazu bereit, alles in meiner Kraft Stehende zu tun, um einer Hilfe suchenden Seele zu dienen. F. Z.: O, ich suche keine Hilfe; ich möchte mit Ihnen reden, weil ich einige Dinge in Ihrem Buch ansprechen möchte, wo ich mir sehr sicher bin, dass Sie sich irren. Autor: Es steht geschrieben, lieber Freund: »Wenn jemand meint, er habe etwas erkannt, so hat er noch nicht erkannt, wie man erkennen soll« (1Kor 8,2). Deshalb hoffe ich, dass Gott mir stets die Gnade geben wird, die Ansichten anderer bereitwillig zu prüfen und abzuwägen und dadurch womöglich das zu empfangen, was er mir zeigen will. Doch andererseits bin ich nicht bereit, mit jemanden über göttliche Dinge zu debattieren. F. Z.: Nun, ich bin mir sicher, dass ich Recht habe und Sie Unrecht, und ich sehe es als meine Pflicht an, Ihnen dies zu sagen. Autor: Das ist sehr gut; ich bin bereit Ihnen zuzuhören, möchte Sie


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Anhang: Gespräche über Heilsgewissheit

nur noch einmal erinnern, dass ich mich auf keine Debatte einlassen kann, denn die Dinge Gottes sind zu heilig, als dass man darüber Wortstreit führen könnte. Doch ein freundliches Gespräch in der rechten Gesinnung kann für uns beide hilfreich sein. Bevor wir beginnen, sollten wir die Hilfe Gottes suchen, dass er in seiner Gnade unser beider Fleisch unterwerfe und unser Gespräch so leite, dass die Worte aus unserem Mund und die Gedanken unserer Herzen in Gottes Augen »wohlannehmbar« sein mögen (Psalm 19,14). Wir wollen ja bedenken, dass wir für jedes unnütze Wort Rechenschaft ablegen müssen (Mt 12,36). F. Z.: Ich denke, dass Sie in Ihrem Buch aus einer eigentlich sehr simplen Sache eine äußerst schwierige und komplizierte gemacht haben. Ihrer Auffassung nach muss ein Mensch zunächst durch viele Schwierigkeiten gehen, um zu entdecken, ob er errettet ist oder nicht. Aber wenn man Gottes Wort glaubt, kann man augenblicklich sicher sein. Autor: Aber sind denn alle, die Gottes Wort glauben, wirklich errettet? Glaubten die Juden zur Zeit Jesu nicht klar an die göttliche Autorschaft des Alten Testaments? Behaupten nicht auch Zeugen Jehovas und dergleichen, an die göttliche Inspiration der Bibel zu glauben? Glauben das nicht sogar die Dämonen? F. Z.: Darum geht es mir nicht; ich meine dies: Wenn ich auf einen Vers der Heiligen Schrift als Gottes Verheißung an mich vertraue, dann weiß ich, dass er mich nicht enttäuschen kann. Autor: Das ist doch prinzipiell dasselbe: Vertraut nicht auch der Katholik mit ganzer Zuversicht auf Christi Worte: »Dies ist mein Leib«? Rettender Glaube ist nicht Glaube an die Echtheit irgendeines Bibelverses, sondern vielmehr Glaube an die Person dessen, der uns die Bibel gab; Glaube an Christus, der in der Bibel geoffenbart wird. F. Z.: Ja, das weiß ich, und ich glaube an Gott und seinen Sohn, und ich weiß, dass ich errettet bin, weil er es sagt. Autor: Wo in der Bibel sagt Gott, dass Sie errettet sind? F. Z.: In Johannes 5,24, in Apostelgeschichte 16,31 und vielen anderen Stellen. Autor: Schlagen wird diese Bibelstellen doch bitte einmal auf. In Johannes 5,24 beschreibt der Herr Jesus jemanden, der »aus dem Tod in das Leben übergegangen« ist. Er sagt uns zwei kennzeichnende Dinge über diese Person. Erstens: »Wer mein Wort hört.« Das ist ausdrücklich genug. Aber natürlich bedeutet das viel mehr, als nur mit dem äußerlichen Ohr seinem Wort zuzuhören.


Dialog 1: Herr Fleischliche Zuversicht beim Autor

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F. Z.: O, hier wollen Sie etwas mystifi zieren, was eigentlich simpel ist, und die Seelen mit etwas verwirren, was doch ganz klar ist. Autor: Entschuldigen Sie, da irren Sie sich. Ich möchte nur die Worte, die Gott verwendet hat, richtig verstehen, und dazu ist es nötig, Schriftstelle mit Schriftstelle zu vergleichen und zu entdecken, wie der Heilige Geist jedes einzelne Wort verwendet. F. Z.: Dem widerspreche ich; das mag für Sie so sein, aber gewöhnliche Menschen haben nicht die Muße für so viel Studium. Gott weiß das und hat sein Wort in einfacher Sprache geschrieben, damit das einfache Volk es verstehen kann. »Hören« bedeutet hören, und mehr ist nicht dabei. Autor: Ich denke, Sie sagen das ganz aufrichtig und drücken damit die Ansicht aus, die heute von sehr vielen vertreten wird. Aber erlauben Sie mir zu sagen, dass das eine sehr falsche Auffassung ist. Gott verleiht keinen Preis für Trägheit. Gott hat die Dinge so verordnet, dass ohne Fleiß und Eifer nichts erreicht wird. Auch in einen Garten muss man viel Arbeit und Pflege investieren, um Ertrag von ihm zu gewinnen. Dasselbe gilt überall: Welche Zeit und Mühe ist nötig, um unseren Körper funktionstüchtig zu halten! Können dann die ewigen Belange unserer Seelen leichtfertiger abgetan werden oder lässt sich die Ewigkeit einfacher erlangen? Hat Gott uns nicht aufgefordert: »Kaufe Wahrheit« (Spr 23,23)? Hat er uns nicht klar gesagt: »Wenn du um Verstand betest und um Einsicht flehst, wenn du sie suchst wie Silber und nach ihr forschest wie nach Schätzen, so wirst du die Furcht des HERRN verstehen und die Erkenntnis Gottes erlangen (Spr 2,3-5)? Schauen Sie in 2. Mose 16, wie die Israeliten in der Wüste ernährt wurden. Gott versorgte sie nicht mit gebackenen Broten, die zum Verspeisen bereitlagen. Nein, vielmehr gab er ihnen Manna vom Himmel, das »fein« und »körnig« war. (V. 14). Mühe und Geduld waren nötig, um es aufzusammeln (V. 17). Beachten Sie auch: »Wenn die Sonne heiß wurde, so zerschmolz es« (V. 21), sodass sie früh aufstehen mussten, um es sicherzustellen! Außerdem war das Manna nicht haltbar: »Niemand lasse davon übrig bis an den Morgen … da wuchsen Würmer darin, und es ward stinkend« (V. 19.20), als sie versuchten, es für den nächsten Tag aufzubewahren. Nachdem es dann gesammelt worden war, musste es intensiv behandelt werden: Sie »mahlten es mit Handmühlen oder zerstießen es in Mörsern; und sie kochten es in Töpfen, auch machten sie Kuchen daraus« (4Mo 11,8). All das veranschaulicht: Wenn eine Seele das


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Anhang: Gespräche über Heilsgewissheit

Brot des Lebens essen will, muss sie, wie der Herr Jesus sagte, mit Hingabe »wirken«: » Wirket … für die Speise, die da bleibt ins ewige Leben« (Joh 6,27). Dieses Prinzip gilt für das richtige Verstehen jedes Bibelverses: Man muss sich Mühe geben, Geduld aufbringen und unter Gebet intensiv studieren. Doch kommen wir zu Johannes 5,24 zurück: Wer vom Tod zum Leben hinübergegangen ist, wird von Christus beschrieben als jemand, der »mein Wort hört«. Schlagen wir nun andere Schriftstellen auf, wo dieser Ausdruck vorkommt: »Sie sind zurückgekehrt zu den Missetaten ihrer ersten Väter, die sich geweigert haben, auf meine Worte zu hören« (Jer 11,10); »Weil ihr auf meine Worte nicht gehört habt, siehe, so sende ich hin und hole alle Geschlechter des Nordens …« (Jer 25,8.9); siehe ferner Jeremia 35,17; Sacharja 1,4; Matthäus 7,24; Johannes 8,43.47 und 10,27. In allen diesen Versen und in vielen anderen, die ich anführen könnte, bedeutet »hören« auf das zu hören, was Gott sagt, ihm zu gehorchen und nach seinen Worten zu handeln. Daher gilt: Wer die Stimme Christi »hört«, gehorcht seinem Gebot, wendet sich von allem ab, was gegen Gott gerichtet ist und unterwirft sich ihm. F. Z.: Nun, kommen wir zu Apostelgeschichte 16,31; dieser Vers ist nun wirklich einfach und eindeutig. Er lässt keinen Raum für irgendwelche Ausflüchte. Gott sagt: »Glaube an den Herrn Jesus, und du wirst errettet werden«. Gott sagt das zu mir; ich habe mich zum Glauben an Christus entschieden und deshalb muss ich errettet sein. Autor: Nun mal langsam, lieber Freund. Wie können Sie beweisen, dass Gott dies zu Ihnen sagt? Diese Aussage wurde unter ungewöhnlichen Umständen getroffen und an eine bestimmte Person gerichtet. Dieser Mensch war in tiefe Verzweiflung gestürzt, er war zutiefst von seiner Sünde überführt, er hatte schreckliche Seelenangst, er hatte seinen Platz im Staub eingenommen, denn wir lesen, dass er »zitternd vor Paulus und Silas niedergefallen« war (Apg 16,29). Kann man nun mit Recht die Worte der Apostel nehmen und sie ohne Unterschied auf jeden anderen anwenden? Tun wir Recht, wenn wir den Vers aus seinem Zusammenhang reißen und ihn solchen Menschen vorstellen, die nicht die Charakteristiken aufweisen, die den Kerkermeister auszeichneten? F. Z.: Ich lasse nicht zu, dass Sie mich einschüchtern und mich von der Einfalt des Evangeliums abbringen. In Johannes 3,16 steht: »Denn so hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht verloren geht, sondern ewiges


Dialog 1: Herr Fleischliche Zuversicht beim Autor

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Leben hat.« Nun, ich glaube an den Sohn Gottes und deshalb bin ich völlig gewiss, dass ich ewiges Leben habe. Autor: Sind Sie sich der Tatsache bewusst, dass im selben Evangelium steht: »Als er aber zu Jerusalem war, am Passa, auf dem Fest, glaubten viele an seinen Namen, als sie seine Zeichen sahen, die er tat. Jesus selbst aber vertraute sich ihnen nicht an, weil er alle kannte« (Joh 2,23.24)?« Es gab viele, die an Christus »glaubten«, aber dennoch nicht errettet waren; siehe dazu Johannes 8,30.59 und Johannes 12,42.43! Es gibt einen Glauben an Christus, der rettet, aber es gibt auch einen Glauben an ihn, der nicht rettet. Deshalb sollte jede aufrichtige und ernsthafte Seele fleißig ihren Glauben an der Schrift prüfen und sich vergewissern, welcher Glaube der ihrige ist. Es steht zu viel auf dem Spiel, als dass etwas als selbstverständlich angenommen werden könnte. Wenn es um das Sicherstellen des ewigen Schicksals geht, ist sicherlich keine Mühe zu groß. F. Z.: Ich habe Gewissheit, und niemand wird mich zum Zweifeln bringen. Autor: Haben Sie denn einen solchen Glauben, der Ihr Herz reinigt (Apg 15,9)? Ist die Echtheit Ihres Glaubens an den Werken erkennbar, die Gott erfordert (Jak 2,17)? Überwinden Sie durch Ihren Glauben die Welt (1Jo 5,4)? F. Z.: O, ich behaupte nicht, vollkommen zu sein, aber »ich weiß, wem ich geglaubt habe, und bin überzeugt, dass er mächtig ist, mein anvertrautes Gut bis auf jenen Tag zu bewahren« (2Tim 1,12). Autor: Ich fragte nicht, ob Sie vollkommen sind, aber sind Sie zu einer neuen Schöpfung in Christus geworden, ist das Alte vergangen und ist alles neu geworden (2Kor 5,17)? Wandeln Sie auf dem Weg des Gehorsams? Denn Gottes Wort sagt: »Wer sagt: Ich habe ihn erkannt, und hält seine Gebote nicht, ist ein Lügner, und in dem ist nicht die Wahrheit« (1Jo 2,4). F. Z.: Ich blicke nicht auf mich selbst, sondern ich blicke auf Christus; ich mache mir keine Sorgen über meinen Wandel, sondern beschäftige mich mit dem, was er für arme Sünder getan hat. Autor: »Auf Christus blicken« ist ein sehr vager Ausdruck. Blicken Sie auf seine Autorität, haben Sie sich ihm als Herrn unterworfen, haben Sie sein Joch auf sich genommen, folgen Sie dem Beispiel, das er seinem Volk hinterlassen hat? Christus kann nicht zerteilt werden: Er ist nicht nur der Priester, dem man sich anvertraut, sondern er ist auch der Prophet, auf den man hören, und der König,


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Anhang: Gespräche über Heilsgewissheit

dem man sich unterwerfen muss. Bevor man ihn wirklich »annehmen« kann, muss dass Herz von all jenen Götzen befreit werden, die ihm den Rang streitig machen. Er will nicht so sehr die Verehrung durch unsere Lippen, als vielmehr die Liebe unserer Seelen; es geht nicht um ein theoretisches Zustimmen, sondern um das Ausliefern des Herzens an ihn, der rettet. F. Z.: Sie verlassen die Einfalt des Evangeliums; Sie fügen der einzigen Bedingung des Evangeliums etwas hinzu. Gott verlangt vom Sünder nichts anderes, als dass er an den Herrn Jesus Christus glaubt. Autor: Da irren Sie sich. Der Herr Jesus sagte: »Tut Buße und glaubt an das Evangelium!« (Mk 1,15). F. Z.: Das war vor dem Kreuz, aber in dieser Haushaltung ist keine Buße erforderlich. Autor: Dann hat Ihrer Ansicht nach Gott seinen Heilsplan geändert. Aber darin irren Sie sich. Nach dem Kreuz beauftragte der Herr Jesus seine Jünger, »in seinem Namen Buße zur Vergebung der Sünden zu predigen allen Nationen, anfangend von Jerusalem« (Lk 24,47). Wenn wir die Apostelgeschichte aufschlagen, entdecken wir, dass die Apostel in dieser Haushaltung Buße predigten. Am Pfingsttag forderte Petrus die Juden auf: »Tut Buße« (Apg 2,38). Paulus erklärte rückblickend auf seinen Dienst in Ephesus, dass er »sowohl Juden als auch Griechen die Buße zu Gott und den Glauben an unseren Herrn Jesus Christus bezeugt« hat (Apg 20,21), während wir in 17,30 lesen, dass Gott »jetzt den Menschen gebietet, dass sie alle überall Buße tun sollen.« F. Z.: Meinen Sie also, wenn jemand keine Buße getan hat, sei er nicht errettet? Autor: Christus selbst sagt es: »Wenn ihr nicht Buße tut, werdet ihr alle ebenso umkommen« (Lk 13,5). Wenn also jemand nicht bekehrt ist, ist er noch unerrettet: »So tut nun Buße und bekehrt euch, dass eure Sünden ausgetilgt werden« (Apg 3,19). Der Blick muss in die richtige Richtung gekehrt werden, man muss sich vom Teufel ab- und Gott zuwenden, von der Welt weg zu Christus hin, von der Sünde zur Heiligkeit. Wo das nicht stattgefunden hat, wird aller Glaube der Welt nicht retten. Christus rettet niemanden, der noch die Sünde liebt; aber er ist bereit, jene zu retten, die sich ihrer Plage durch die Sünde bewusst sind und sich sehnen, von ihrer abscheulichen Verderbtheit gereinigt zu werden, die danach schmachten, von ihrer tyrannischen Macht befreit zu werden. Christus kam auf die Erde, um sein Volk von ihren Sünden zu retten.


Dialog 1: Herr Fleischliche Zuversicht beim Autor

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F. Z.: Sie reden mit mir, als sei ich hilflos dem Alkohol oder andern Dingen versklavt, aber ich möchte, dass Sie wissen, dass ich niemals Opfer von etwas Derartigem war. Autor: Im gefallenen Menschen gibt es noch andere Lüste außer jenen, die in schweren äußeren Sünden zum Vorschein kommen, wie z. B. Stolz, Habgier, Selbstsucht und Selbstgerechtigkeit, und solange diese nicht abgetötet werden, werden sie den Menschen genauso sicher in die Hölle bringen wie Gotteslästerung, Unmoral oder Mord. Es reicht auch nicht aus, diese ungezügelten Lüste abzutöten: die Frucht des Geistes, die Gnadengaben der Gottseligkeit müssen ebenfalls aus dem Herzen hervorkommen; denn es steht geschrieben: »Jagt dem Frieden mit allen nach und der Heiligung, ohne die niemand den Herrn schauen wird« (Hebr 12,14). Und deshalb sind wir alle unbedingt verpflichtet, die göttliche Ermahnung zu beherzigen: »Prüft euch, ob ihr im Glauben seid, untersucht euch! Oder erkennt ihr euch selbst nicht, dass Jesus Christus in euch ist? Es sei denn, dass ihr etwa unbewährt seid« (2Kor 13,5). Beachten Sie aufmerksam, lieber Freund, dass den Korinthern dieser eine Punkt mit Nachdruck klargemacht wurde: Es kam darauf an, ob »Christus in euch ist«, und nicht auf ihr Vertrauen darauf, dass er für sie starb. Ein Christ kann nur feststellen, ob sein Name vor Grundlegung der Welt im Buch des Lebens aufgeschrieben wurde, indem er entdeckt, dass Gott sein Gesetz auf sein Herz aufgeprägt hat (Hebr 10,16), und ebenso kann ich mich nur vergewissern, dass Christus für mich starb, indem ich sicherstelle, dass er jetzt in mir lebt. Und es ist offensichtlich: Wenn der Heilige in mir wohnt, muss seine Gegenwart eine radikale Änderung sowohl im Charakter als auch im Verhalten bewirkt haben. Das ist das, was wir in unseren Kapiteln über Heilsgewissheit allem voran deutlich machen wollten: die unbedingte Notwendigkeit, sicherzustellen, dass der Herr Jesus in unserem Herzen auf dem Thron sitzt, dass er den obersten Platz in unseren Zuneigungen einnimmt und dass er über die Einzelheiten unseres Lebens bestimmt. Solange das nicht der Fall ist, ist unser Bekenntnis leer und all unser Gerede vom Vertrauen auf Jesu vollbrachtem Werk ist nichts als eitle Worte. F. Z.: Ich betrachte alle Ihre Aussagen als nichts anderes als Worte eines Pharisäers. Sie sind eingenommen von Ihrer eigenen vermeintlichen Güte und rühmen sich Ihrer eigenen wertlosen Gerechtigkeit. Autor: Entschuldigen Sie, aber ich rühme mich vielmehr dessen, was der Geist Christi an mir getan hat, und ich bete, dass er dieses


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Anhang: Gespräche über Heilsgewissheit

Werk der Gnade zur Ehre seines Namens fortsetzen möge. Aber wir müssen unser Gespräch beenden. Ich möchte Sie in aller Achtung bitten, auf die Ermahnung zu hören, die sich an alle bekennenden Christen richtet: »Befleißigt euch um so mehr, eure Berufung und Erwählung fest zu machen!« (2Petr 1,10). F. Z.: Ich werde nichts dergleichen tun; ich hasse das Wort »Erwählung«. Ich weiß, dass ich errettet bin, wenn ich auch nicht den unmöglichen Maßstab erfülle, den Sie gern aufrichten möchten. Autor: Leben Sie wohl, möge es dem Herrn gefallen, Ihre Augen zu öffnen, Ihnen seine Heiligkeit zu offenbaren und Sie in Gottesfurcht und Zittern zu seinen Füßen zu bringen.

Dialog 2: Herr Demütiges Herz beim Autor Herr Demütiges Herz: Guten Tag, Herr Autor. Darf ich eine Stunde Ihrer wertvollen Zeit in Anspruch nehmen? Autor: Kommen Sie herein und nehmen Sie Platz. Was kann ich für Sie tun? D. H.: Ich bin schmerzlich im Geist betrübt. Ich sehne mich so danach, imstande zu sein, Gott meinen Vater zu nennen, aber ich fürchte, ich mache mich des Lügens schuldig, wenn ich das tue. Manchmal habe ich ein wenig Hoffnung, dass er ein gutes Werk in mir begonnen hat, aber meistens finde ich eine solche Menge von Verderbnis in mir am Werke, dass ich sicher bin, dass ich niemals zu einer neuen Schöpfung in Christus geworden bin. Mein Herz ist so kalt und hart gegenüber Gott, dass es mir unmöglich erscheint, dass der Heilige Geist Gottes Liebe in mein Herz ausgegossen haben könnte. So oft werde ich von Unglauben und Zweifel beherrscht, dass es anmaßend wäre zu meinen, dass ich den Glauben der Auserwählten Gottes besitze. Doch ich möchte ihn lieben, ihm vertrauen, ihm dienen; aber anscheinend kann ich das nicht. Autor: Ich bin sehr froh, dass Sie gekommen sind. Heute trifft man solch aufrichtige Seelen wie Sie leider selten. D. H.: Entschuldigen Sie, aber ich möchte nicht, dass Sie einen falschen Eindruck von mir bekommen. Ein aufrichtiges Herz ist ja gerade der Segen, den ich ersehne, aber ich bin mir schmerzlich bewusst, dass ich ein solches Herz nicht habe. Mein Herz ist trügerisch über alles, und ich bin voller Heuchelei. Ich habe Gott oft gebeten, mich zu heiligen, und direkt danach zeigte mein Verhalten, dass ich


Dialog 2: Herr Demütiges Herz beim Autor

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nicht das gemeint habe, was ich sagte. Ich habe Gott oft für seine Barmherzigkeiten gedankt, und kurz darauf habe ich mich gegrämt und gemurrt, wenn seine Vorsehung meinem Willen in die Quere kam. Ich musste sehr darum ringen, heute zu Ihnen zu kommen. Die Frage war: Suche ich wirklich Hilfe oder war es mein geheimer Wunsch, Ihre Wertschätzung zu gewinnen; und ich bin auch jetzt nicht sicher, welches mein wahres Motiv war. Aber erlauben Sie mir, zum Punkt zu kommen: Ich habe Ihre Kapitel über Heilsgewissheit mehrmals gelesen. Einiges daraus scheint mir ein wenig Trost zu geben, andere Dinge trieben mich förmlich in Verzweiflung. Ihre Beschreibung einer wiedergeborenen Seele stimmte manchmal mit meiner eigenen Erfahrung überein, aber bisweilen schien ich so weit von diesen Maßstäben entfernt zu sein wie der Nordpol vom Südpol. Deshalb weiß ich nicht, wo ich stehe. Ich habe versucht, 2. Korinther 13,5 zu befolgen und mich »selbst zu prüfen«, und wenn ich das tat, konnte ich nichts anderes sehen als nur eine Menge von Widersprüchen, oder genauer gesagt: Auf jede Übereinstimmung meines Zustand mit diesem Maßstab, die auf eine Wiedergeburt schließen lässt, kamen zehn Gegensätze, die das Gegenteil beweisen. Und nun gräme ich mich Tag und Nacht, denn ich fühle mich als der schlechteste aller Menschen. Autor: Heuchler sind weder besorgt über ihre Motive noch beunruhigt über die Falschheit ihrer Herzen! Jedenfalls bin ich dankbar, dass Sie so tief besorgt über das ewige Schicksal Ihrer Seele sind. D. H.: O nein, ich bin nicht halb so besorgt, wie ich es sein sollte. Auch das bereitet mir große Angst. Wenn der Herr Jesus uns sagt, dass die Seele des Menschen mehr wert ist als die ganze Welt zusammen (Mk 8,36), wird mir klar, dass ich vom Teufel völlig verblendet und von der Sünde vollständig beherrscht sein muss, da ich so sorglos bin. Es stimmt, dass ich manchmal über meinen Zustand erschreckt bin und fürchte, mich bald in der Hölle wiederzufi nden; und manchmal suche ich Gott ernsthafter und lese sein Wort fleißiger; aber dann wird mir klar, dass meine »Güte wie die Morgenwolke ist und wie der Tau, der früh verschwindet« (Hos 6,4). Die Sorgen dieser Welt verdrängen schon bald wieder die Gedanken an das künftige Leben. Ich wünsche mir so sehr Echtheit statt Anmaßung; ich möchte sicher sein, aber ich kann es nicht. Autor: Das ist auch nicht so einfach, wie manche uns weismachen wollen.


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Anhang: Gespräche über Heilsgewissheit

D. H.: Gewiss nicht. Ich habe mit mehreren Bibellehrern gesprochen, aber nur festgestellt, dass sie nichts als »Kurpfuscher« (Hi 13,4) sind. Ich habe mich auch mit Christen unterhalten, die niemals einen Zweifel haben, wozu sie einfach auf Apostelgeschichte 16,31 verweisen. Wenn ich ihnen dann sagte, dass ich auch »glaube«, dann riefen sie »Frieden, Frieden – aber da war kein Frieden« in meinem Herzen (Jer 8,11). Autor: Ja, lieber Freund, Gott fordert uns nicht ohne Grund auf: »Befleißigt euch um so mehr, eure Berufung und Erwählung fest zu machen!« (2Petr 1,10). Und auch nachdem wir diesen Fleiß aufgewendet haben, brauchen wir den Heiligen Geist, denn er »bezeugt zusammen mit unserem Geist, dass wir Kinder Gottes sind« (Röm 8,16). Außerdem kann geistliche Heilsgewissheit leicht wieder verloren gehen oder zumindest beeinträchtigt werden. Das wird am Beispiel Davids deutlich, der einst den 23. Psalm schrieb, später jedoch zu Gott flehte: »Lass mir wiederkehren die Freude deines Heils« (Ps 51,14). Sollen wir nicht lieber, bevor wir fortfahren, die Hilfe des Herrn erbitten? Sein heiliges Wort sagt: »Auf all deinen Wegen erkenne nur ihn, dann ebnet er selbst deine Pfade!« (Spr 3,6). Und nun lieber Bruder – denn ich bin sicher, dass Sie ein Bruder sind –, was veranlasst Sie am meisten zu bezweifeln, dass Sie vom Tod zum Leben hinübergegangen sind? D. H.: Meine inneren Erfahrungen, die Verderbtheit meines Herzens, die Niederlagen, die ich täglich erlebe. Autor: Vielleicht meinen Sie, schon im Fleisch vollkommen sein zu müssen. D. H.: Nein, wohl kaum, denn ich weiß, dass das Fleisch oder die alte Natur dem Christen immer noch anhaftet. Aber ich habe Christen kennen gelernt, die behaupten, ein »siegreiches Leben« zu führen und angeblich niemals Zweifel haben und niemals Zorn, Unzufriedenheit oder böse Gefühle und Wünsche in ihnen aufsteigen. Angeblich sind sie so von Christus beherrscht, dass sie allezeit ungetrübten Frieden und reine Freude genießen. Autor: Sehen Sie es mir nach, wenn ich mich unmissverständlich ausdrücke, aber solche Leute sind entweder vom Teufel hypnotisiert oder sie sind schlimme Lügner. Gottes Wort sagt: »Wenn wir sagen, dass wir keine Sünde haben, betrügen wir uns selbst, und die Wahrheit ist nicht in uns« (1Jo 1,8). Und: »Kein Mensch auf Erden ist so gerecht, dass er nur Gutes täte und niemals sündigte« (Pred 7,20).


Dialog 2: Herr Demütiges Herz beim Autor

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Und wiederum: »Wir alle straucheln oft« (Jak 3,2). Der geliebte Apostel Paulus erklärte noch als reifer Christ: »Ich fi nde also das Gesetz, dass bei mir, der ich das Gute tun will, nur das Böse vorhanden ist. Denn ich habe nach dem inneren Menschen Wohlgefallen am Gesetz Gottes. Aber ich sehe ein anderes Gesetz in meinen Gliedern, das dem Gesetz meines Sinnes widerstreitet und mich in Gefangenschaft bringt unter das Gesetz der Sünde, das in meinen Gliedern ist« (Röm 7,21-23). D. H.: Das erleichtert mich etwas, aber es trifft nicht die Wurzel meines Problems. Was mich so sehr betrübt, ist dieses: Wenn Gott an einem Menschen die Wiedergeburt bewirkt, wird er zu einer neuen Schöpfung in Christus Jesus; die an ihm bewirkte Veränderung ist so enorm, dass sie beschrieben wird als ein Hinübergehen »vom Tod zum Leben«. Wenn Gott, der Heilige Geist, in einem Menschen wohnt, muss offenbar ein gravierender Unterschied zum vorherigen Zustand entstehen. Und diesen Unterschied finde ich in mir nicht. Anstatt festzustellen, dass ich irgendwie besser wäre als vor einem Jahr, merke ich, dass ich sogar noch schlimmer bin. Anstatt dass mein Herz voller Demut ist, wird es so oft von Stolz beherrscht; anstatt dass ich mich in Gottes Hände füge wie der Ton in die Hand des Töpfers, bin ich wie ein Wildesel; anstatt mich stets am Herrn zu freuen, bin ich immer wieder von Bitterkeit und Hader erfüllt. Autor: Solche Erfahrungen sind tatsächlich sehr traurig und demütigend, und wir müssen sie vor Gott bedauern und bekennen. Wir dürfen solche Zustände niemals leichtfertig abtun oder darüber hinweggehen. Dennoch sind sie nicht unvereinbar mit echtem Christsein. Vielmehr gibt es viele biblische Beweise dafür, dass jemand, der durch solche Erfahrungen vertraut ist mit der »Plage seines Herzens« (1Kö 8,38), jemand ist, der die Erfahrungen der berühmtesten Gläubigen teilt. Abraham erkannte an, »Staub und Asche« zu sein (1Mo 18,27). Hiob sagte: »Ich verabscheue mich« (Hi 42,6). David betete: »Sei mir gnädig, HERR, denn ich bin welk; heile mich, HERR, denn meine Gebeine sind bestürzt« (Ps 6,2). Jesaja rief aus: »Wehe mir, denn ich bin verloren. Denn ein Mann mit unreinen Lippen bin ich« (Jes 6,5). Jeremia fragte in der Angst seines Herzens: »Wozu nur bin ich aus dem Mutterleib hervorgekommen? Um Mühsal und Kummer zu sehen? Und dass meine Tage in Schande vergehen?« (Jer 20,18). Daniel bekannte einmal: »Es blieb keine Kraft in mir, und meine Gesichtsfarbe veränderte sich an mir bis zur Entstellung, und ich behielt keine Kraft« (Dan


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Anhang: Gespräche über Heilsgewissheit

10,8). Paulus rief aus: »Ich elender Mensch! Wer wird mich retten von diesem Leibe des Todes?« (Röm 7,24). Einen der wichtigsten Unterschiede zwischen einem Wiedergebornen und einem Unerretteten kann man mit zwei Zimmern vergleichen, bei denen in beiden nicht staubgewischt ist; durch das Fenster des einen scheint das Sonnenlicht, das andere ist durch Jalousien verdunkelt. In dem Zimmer, das vom Sonnenlicht durchleuchtet wird, sieht man den Staub auf den Möbeln liegen. Bei dem anderen geht man durchs Zimmer, ohne dessen wahren Zustand zu erkennen. So ist es auch bei jemanden, der durch den Heiligen Geist erneuert ist: Seine Augen sind geöffnet worden, sodass er sehen kann, welch schrecklicher Schmutz in jedem Winkel seines Herzens steckt. Doch der Unerrettete hat zwar manchmal ein beklommenes Gewissen, wenn er etwas falsch gemacht hat, doch im Großen und Ganzen weiß er nicht, dass er in den reinen Augen des dreifach heiligen Gottes eine einzige Ansammlung von Schmutz ist. Es stimmt: Ein natürlicher Mensch kann die Lehre der völligen Verdorbenheit gelernt haben und kann sogar daran »glauben«, aber sein Glaube hat ihn weder gedemütigt noch sein Herz mit Sorge erfüllt. Er verabscheut sich nicht selbst und ist sich nicht im Klaren, dass die Hölle der einzige Ort ist, der ihm als ewige Wohnstätte gebührt. Doch bei jemanden, der in Gottes Licht das Licht sieht (Ps 36,10), ist es ganz anders: Er wird nicht so schnell seine Augen zum Himmel erheben, sondern sich an seine aussätzige Brust schlagen und flehen: »Gott sei mir, dem Sünder, gnädig« (Lk 18,13). D. H.: Wären Sie so freundlich und würden noch etwas über die positive Seite sagen, und mir kurz beschreiben, was einen echten Christen charakterisiert? Autor: Jeder wahre Christ hat, unter anderen Gnadengaben, ein Mindestmaß an Erkenntnis Gottes in Christus und an Werken der Liebe. Diese Gnadengaben motivieren ihn, ernsthaft nach dem Willen Gottes zu suchen und Gottes Wort zu studieren, um diesen Willen zu erfahren. Er hat den aufrichtigen Wunsch und bemüht sich ernstlich, im Glauben zu leben und ihn zu praktizieren. D. H.: Ich kann mich meiner Erkenntnis Gottes in Christus nicht rühmen, doch durch die Gnade Gottes kann ich dieses sagen: Ich ersehne keinen anderen Himmel auf Erden, als Gottes Willen zu kennen und zu tun, und gewiss zu sein, dass ich sein Wohlwollen habe. Autor: Das ist in der Tat ein gutes Zeichen dafür, dass Ihre Seele wirklich erneuert worden ist, und zweifellos wird der, der ein Werk


Dialog 2: Herr Demütiges Herz beim Autor

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der Gnade an Ihrem Herzen begonnen hat, diese große Veränderung in Ihrem Leben und Handeln offenbar machen. Was ein Unerretteter auch denken und sagen mag, so wird er niemals wirklich wünschen, ein Gott wohlgefälliges Leben zu führen. D. H.: Gott bewahre, dass ich mir selber schmeichle, aber ich hoffe, oft Freude daran zu haben, wenn ich Gottes Wort lese oder verkündigt höre, und ich sinne ernstlich darüber nach und wünsche mir, »in der Gnade zu wachsen«. Doch manchmal werde ich von nichtigen und bösen Gedanken versucht, und ich muss kämpfen, um sie zu verbannen und muss mein Herz gegen sie richten, aber manchmal gebe ich ihnen nach. Ich verabscheue es, zu lügen und zu fluchen, und kann nicht die Gemeinschaft solcher ertragen, die praktische Gottesfurcht hassen. Doch wenn ich mich von ihnen absondere, scheint das nichts als pharisäische Heuchelei zu sein, da ich selber ein so miserabler Versager bin. Ich bitte Gott, mich aus Versuchungen zu retten und mir Gnade zu geben, dem Teufel zu widerstehen. Aber ich fürchte, bei ihm kein Gehör zu finden, denn ich werde öfter von Sünde und Teufel überwältigt, als dass ich Sieg über sie habe. Autor: Wenn Sie so versagen oder in Sünde fallen, was denken Sie dann von sich selbst und Ihrem Verhalten? Wie wirkt sich das auf Sie aus? D. H.: Wenn ich in diesem beklagenswerten Zustand bin, ist meine Seele betrübt und die Freude und der Frieden meines Herzens sind dahin. Doch wenn ich ein wenig von dieser sündigen Lethargie genesen bin, zerfließt mein Herz vor Besorgnis über meine Torheit, und ich wende mich in großer Furcht und Beschämung an Gott und bitte ihn unter Berufung auf 1. Johannes 1,9, mir zu vergeben und flehe ihn an, »einen festen Geist in mir zu erneuern«. Autor: Und warum sind Sie so betrübt, wenn Sie von Sünde überwältigt werden? D. H.: Weil ich wirklich dem Herrn gefallen möchte, und es ist mein größter Kummer, wenn ich sehe, dass ich ihn verunehrt und betrübt habe. Seine Gnade hat mich bisher vor offenen und offenkundigen Sünden bewahrt, aber es gibt so viel in mir, von dem ich weiß, dass er es hasst. Autor: Nun, mein lieber Bruder und Gefährte auf dem Weg der Trübsale – Gott hat verordnet, dass das Passahlamm »mit bitteren Kräutern« gegessen werden sollte (2Mo 12,8). So war es auch bei Paulus: »… als Traurige, aber allezeit uns freuend« (2Kor 6,10) ist eine Zusammenfassung seiner zweifachen Erfahrung: Er trauerte


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Anhang: Gespräche über Heilsgewissheit

über sein sündiges Versagen in Form von Tat- und Unterlassungssünden, doch freute er sich über die Vorkehrungen, die die Gnade Gottes für uns getroffen hat, solange wir in dieser trostlosen Wüste leben: der Gnadenthron, zu dem wir stets Zugang haben dürfen und zu welchem wir freimütig hinzutreten und unsere beladenen Herzen ausschütten können, die »Quelle gegen Sünde und Befleckung«, die für uns geöffnet wurde (Sach 13,1) und an der wir uns reinigen dürfen. Ich bin wirklich dankbar zu hören, dass Ihr Gewissen das bestätigt, was Ihre Zunge bekannt hat. Sie haben zur Genüge zum Ausdruck gebracht, dass der Heilige Geist ein gutes Werk an Ihrer Seele begonnen hat. Aber ich hoffe, dass Sie auch an den Herrn Jesus als Mittler glauben, durch den allein ein Sünder Gott nahen kann. D. H.: Durch die Gnade Gottes wünsche ich mir, den Herrn Jesus zu den Bedingungen anzuerkennen und anzunehmen, zu denen er im Evangelium verkündet wird: all seiner Belehrung als mein Lehrer zu glauben, auf das Sühneopfer zu vertrauen, das er als großer Hoherpriester darbrachte, und von diesem abhängig zu sein und sich seiner Herrschaft als König zu unterwerfen. Doch bei letzterem Punkt muss ich leider bekennen: »Das Wollen ist bei mir vorhanden, aber das Vollbringen des Guten nicht« (Röm 7,18). Autor: Kein Christ erreicht dieses Ideal jemals in seinem Leben; niemals erlangt er diese Vollkommenheit, die Gott uns in seinem Wort vorstellt und für die wir im Leben Jesu ein so glorreiches Beispiel haben. Selbst der Apostel Paulus musste gegen Ende seines Lebens sagen: »Nicht, dass ich es schon ergriffen habe oder schon vollendet bin; ich jage ihm aber nach, ob ich es auch ergreifen möge, weil ich auch von Christus Jesus ergriffen bin« (Phil 3,12). Doch darf ich fragen, wie Sie zu den erwähnten guten Wünschen gekommen sind? Meinen Sie, dass eine solche Veranlagung Ihnen von Natur angeboren sei oder dass sie aus Förderung Ihrer Fähigkeiten resultiert? D. H.: Nein, Herr Autor, ich schreibe doch nicht das meiner Natur zu, was die Wirkung und Frucht der Gnade Gottes ist! Wenn ich in irgendeinem Maße geheiligt bin (wonach ich mich sehne), dann kann das nur durch die Gabe und das Wirken Gottes geschehen sein. Dafür kenne ich mein verdorbenes Ich zu gut und weiß, dass ich von Natur aus nur für Nichtigkeit und Sünde leben würde. Ich wäre tot für Gott und für alles wirklich Gute, meine Seele wäre von Torheit ergriffen und mein Verstand von Finsternis umhüllt. Von Natur bin ich gänzlich außerstande, das zu wollen oder zu tun, was Gott wohlgefällt, und mein natürliches Herz ist dem biblischen Weg


Dialog 2: Herr Demütiges Herz beim Autor

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des Heils abgeneigt. Ich sehe, ich weiß, ich merke, dass in mir, »das ist in meinem Fleisch, nichts gutes wohnt« (Röm 7,18). Autor: Dann sind Sie sich darüber im Klaren, was geschehen würde, wenn Gott Sie sich selbst überließe? D. H.: Ja, in der Tat. Ohne die Hilfe seines Heiligen Geistes würde ich im Glauben sicherlich Schiffbruch erleiden. Mein tägliches Gebet ist: »Stütze mich, dass ich gerettet werde« (Ps 119,117). Ich wünsche ernstlich, dass ich mich vor jeder Versuchung hüte. Nichts fürchte ich mehr, als abzufallen, meine Pfl icht zu versäumen und zurückzukehren, um mich im Dreck zu suhlen. Autor: Das sind alles klare Anzeichen für die rettende Gnade Gottes, die in Ihnen wirkt. Ich bitte Gott, damit fortzufahren, damit Sie mit einem zarten Gewissen bewahrt bleiben, Ihr »eigenes Heil bewirken mit Furcht und Zittern« (Phil 2,12) und eine volle Gewissheit von Gottes Liebe zu Ihnen erlangen. D. H.: Ich danke Ihnen vielmals für Ihre Geduld und Hilfe. Was Sie gesagt haben, erleichtert mein Herz, aber ich möchte daheim unter Gebet darüber nachdenken, denn ich wage nicht, bloßes Menschenwort anzunehmen. Ich möchte, dass Gott selbst »zu meiner Seele spricht: Ich bin deine Rettung!« (Ps 35,3). Würden auch Sie bitte beten, dass es ihm gefalle, so zu tun? Autor: Sie werden sicherlich einen Platz in meinen schwachen Fürbitten haben. Der Herr möge Ihnen reichlich seine Gnade gewähren.

Dialog 3: Der Autor bei Demütiges Herz Gott hat es gefallen, bei der Übermittlung seines Wortes zu verschiedenen Zeiten und »auf vielerlei Weise« zu sprechen (Hebr 1,1). Im Wort der Wahrheit haben wir eindeutige lehrmäßige Anweisungen und klare Verhaltensvorschriften, aber wir finden dort auch »dunkle Gleichnisse«, und geheimnisvolle Symbole. Geschichte und Allegorie stehen Seite an Seite, ebenso Loblieder und praktische Sprichwörter, kostbare Verheißungen und drohende Prophezeiungen. Alle Wege und Werke Gottes sind von abwechslungsreicher Vielfalt geprägt. Das verdeutlicht ein Prinzip, zu dem die vom Herrn berufenen Lehrer des Wortes Gottes aufgefordert sind: Sie sollen variieren sowohl in den Themen ihrer Botschaften als auch in der Art und Weise, wie sie diese vermitteln. Viele Zuhörer können keine abstrakten Aussagen erfassen, relativ wenige sind geistig trainiert, um einem logischen Ge-


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Anhang: Gespräche über Heilsgewissheit

dankengang zu folgen. Deshalb sollte sich der Lehrer auf die Fähigkeit seiner Zuhörer einstellen. Der Herr Jesus lehrte oft durch Fragen und Antworten. Wenn wir dies bedenken, halten wir es für weise, unsere Kapitel über Heilsgewissheit mit weiteren Dialogen zu ergänzen. Autor: Guten Tag, werter Freund Demütiges Herz. D. H.: Guten Tag, Herr Autor. Das ist eine angenehme Überraschung, denn ich hätte nicht erwartet, dass Sie mich besuchen würden. Autor: Wie versprochen, habe ich mich bemüht, am Thron der Gnade an Sie zu denken, und während ich heute morgen betete, kamen mir die Worte in den Sinn: »Darum richtet auf die erschlafften Hände und die gelähmten Knie« (Hebr 12,12). Ich war beeindruckt von dem wunderschönen prophetischen Bild Christi in Jesaja 40,11: »Er wird seine Herde weiden wie ein Hirte, die Lämmer wird er in seinen Arm nehmen und in seinem Gewandbausch tragen, die säugenden Muttertiere wird er fürsorglich leiten.« Der Heiland widmet sich in seiner Fürsorge und Liebe besonders den Schwachen der Herde und hat uns darin ein Beispiel hinterlassen, welches seine Unterhirten befolgen sollen. D. H.: Das ist sehr freundlich von Ihnen, sich um eine so armselige, wertlose Kreatur zu kümmern wie ich es bin. Ich hätte gedacht, Sie könnten Ihre Zeit besser nutzen, wenn Sie solchen dienen, die die Wahrheit rasch auffassen können und schnell darin wachsen, aber ich bin so unbegabt und voller Zweifel und Ängste, dass ich denke, Sie verschwenden mit mir nur Ihre Zeit. Autor: Nein, mein Freund, nicht alles, was glänzt, ist Gold. Die meisten von denen, die »die Wahrheit schnell auffassen«, tun das nur mit dem Verstand und geben der Wahrheit keine Macht über ihre Herzen. Und jene, die »so schnell wachsen«, wachsen zu schnell, als dass es echt oder von irgendeinem geistlichen Wert sein könnte. Wahrheit muss gekauft werden (Spr 23,23): gekauft durch regelmäßiges Nachsinnen darüber, durch Aneignen, tiefe Gewissensübungen, durch Ringen mit Gott im Gebet, damit er die Wahrheit in Macht auf unsere Seelen anwendet. D. H.: Ja, das leuchtet mir ein, aber es lässt mich erschaudern, weil auf meinem Herzen Gottes Wort noch nicht aufgeschrieben worden ist. Ich habe mehrfach über alles nachgedacht, was Sie bei unserem letzten Gespräch gesagt haben, und ich bin sicher, dass ich nicht wiedergeboren bin. Autor: Wie kommen Sie zu einer solchen Schlussfolgerung?


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D. H.: Wenn ich wiedergeboren wäre, würde der Heilige Geist in mir wohnen, und dann würde er seine Frucht in meinem Herzen und Leben hervorbringen. Es steht geschrieben: »Die Frucht des Geistes aber ist: Liebe, Freude, Friede, Langmut, Freundlichkeit, Güte, Treue, Sanftmut, Enthaltsamkeit (d. h. Selbstbeherrschung)« (Gal 5,22-23); und bei meiner Selbstprüfung habe ich in mir genau das Gegenteil dieser himmlischen Gnadengaben gefunden. Autor: Gottes Gnadenwirkungen haben viel gemeinsam mit seinem Handeln im natürlichen Bereich, und wenn wir letztere gut beobachten, können wir viel über erstere lernen. In der Natur entsteht Frucht oft nur sehr langsam. Schauen Sie sich im Winter die Bäume an, wie sehen sie aus? Sie sind leblos und erscheinen wie abgestorben. Doch das sind sie nicht, der Lebenssaft ist immer noch in ihren Wurzeln, auch wenn wir keine Anzeichen dafür erkennen. Aber in einiger Zeit, wenn die Sonne wieder etwas mehr Wärme spendet, werden diese Bäume in voller Blüte stehen. Ein paar Tage später sind diese schönen Blüten verschwunden, vom Winde verweht. Aber wenn man näher hinschaut, sieht man, dass anstelle der Blüten nun kleine grüne Knospen von den Zweigen sprießen. Viele Wochen müssen vergehen, bis der Besitzer jener Bäume verfolgen kann, wie sich diese Knospen zu reifenden Früchten entwickeln. In unseren Gärten können wir eine weitere Lektion lernen. Von Gemüsegärten und Obstbäumen lernen wir, dass Geduld nötig ist: man muss mit Enttäuschungen rechnen und diese überwinden. Man hat ein Beet sorgfältig kultiviert und die Saat im Boden platziert. Später geht die Saat auf und die Pflanzen kommen zum Vorschein, und aus ihnen wachsen die Blüten hervor. Doch rundherum sprießt auch viel Unkraut auf. Der unerfahrene Gärtner hat damit nicht gerechnet und wird leicht entmutigt. Bevor er den fruchtbaren Samen säte, meinte er, er hätte sorgfältig alle Nesseln, Disteln und störenden Unkräuter samt ihren Wurzeln entfernt, aber nun wuchert auf dem Beet mehr Unkraut als Fruchtpflanzen. So ist es auch mit dem Herzen des Christen. Obwohl dort der unverwesliche Same des Wortes Gottes eingepflanzt wurde (1Petr 1,23), wird doch das Herz – das über all die Jahre des unerretteten Zustands verwahrloste – von Unkraut überwuchert (die Lüste des Fleisches). So sieht es für das geistliche Auge mehr nach einer »Unkraut-Attacke« des Teufels aus (Mt 13,25) als nach königlichen »Wonnegärten« (Hl 4,13). D. H.: Ihre Beschreibung des natürlichen Bereichs leuchtet mir ein, aber die geistliche Anwendung verstehe ich nicht. Vermindert Ihre


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letzte Illustration nicht das Werk und die Macht des Heiligen Geistes? Sie haben in Ihrem Buch oft zitiert, dass der Herr Jesus die Seinen »von ihren Sünden« errettet (Mt 1,21); wie kann sich dann jemand als errettet betrachten und sich gleichzeitig bewusst sein, dass noch viele Sünden Macht über ihn haben? Autor: Ich bin froh, dass Sie diesen Punkt ansprechen, denn viele echte Christen sind deswegen oft betrübt. Was das Werk und die Macht des Heiligen Geistes betrifft: Hier verschaffen die verschiedenen Begriffe Klarheit, die Gott in seinem Wort dafür verwendet. Beispielsweise lesen wir in 2. Korinther 1,22 (vgl. Eph 1,13.14), dass Gott »das Unterpfand des Geistes in unsere Herzen gegeben hat«. Ein Unterpfand ist nun nicht das Ganze, sondern nur ein Teil davon, eine Anzahlung sozusagen. Die Fülle der Macht und des Segens des Heiligen Geistes wird in diesem Leben keinem Christen zuteil. So lesen wir es auch in Römer 8,23: »… auch wir selbst, die wir die Erstlingsgabe des Geistes haben« – damit ist ein Pfand gemeint, ein Auszug und Teil künftiger größerer Fülle. Ich möchte Sie noch auf die Worte aufmerksam machen, wie der Vers unmittelbar fortfährt: »… wir selbst seufzen in uns selbst«. Das ist sehr aufschlussreich, denn dasselbe sehen wir in 2. Korinther 5,4.5. Diejenigen, in denen der Heilige Geist wohnt, »seufzen«! Es stimmt, dass auch die Unerretteten manchmal seufzen: z. B. wenn sie unter großen körperlichen Schmerzen oder einem schweren Verlust leiden, aber das »Seufzen« des Christen wird von etwas ganz anderem verursacht: Er seufzt über die Überreste der Verdorbenheit, die ihm immer noch anhaften, über das Fleisch, das so oft erfolgreich gegen den Geist aufbegehrt und darüber, dass er um sich herum so viel sieht, was Christus verunehrt. Das wird deutlich aus Römer 7,24 und dem dortigen Zusammenhang, sowie aus Philipper 3,18 und vielen anderen Schriftstellen. D. H.: Aber erst vor ein paar Tagen verwies ich jemanden auf diese Bibelstellen, den ich für einen vorbildlichen Gläubigen halte, und er sagte mir, er habe schon lange »Römer 7 hinter sich gelassen« und »lebe nun in Römer 8«. Autor: Aber wir haben ja gesehen, dass der Christ in Römer 8 »seufzt« (V. 23)! D. H.: Der besagte Christ lachte über meine Zweifel und Ängste und sagte mir, dass ich Gott verunehre, indem ich auf den Teufel höre. Autor: Es ist sehr zu befürchten, dass ihm die Herzensübungen völlig fremd sind, durch die jede wiedergeborene Seele geht, und dass er


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nichts von dieser Herzensangst und Seelenqual weiß, die auf dem Weg zu geistlicher Heilsgewissheit stets durchlebt werden müssen. Der Herr Jesus hat niemals über furchtsame Seelen gelacht, sondern gesagt: »Selig sind die Trauernden.« Offenbar versteht Ihr Bekannter Ihre Situation nicht. D. H.: Aber wollen Sie damit sagen, dass alle Kinder Gottes sich in ihrer Seele so elendig fühlen wie ich? Autor: Nein, das will ich nicht sagen. Der Heilige Geist gibt weder immer allen Gläubigen gleich viel Licht über die außerordentliche Sündhaftigkeit der Sünde, noch offenbart er allen das Vollmaß ihrer inneren Verdorbenheit. Außerdem: So wie Gott verschiedene Jahreszeiten verordnet hat, so ergeht es keinem wahren Christen immer gleich in seiner Seele; es gibt sonnige Frühlingstage und düstere Herbstzeiten, sowohl im natürlichen als auch im geistlichen Bereich. »Aber der Pfad der Gerechten ist wie das glänzende Morgenlicht, heller und heller erstrahlt es bis zur Tageshöhe« (Spr 4,18). Und dennoch gilt: »Wir müssen durch viele Bedrängnisse in das Reich Gottes hineingehen« (Apg 14,22). Beides ist wahr, obgleich wir uns nicht immer beider Wahrheiten bewusst sind. D. H.: Ich kann mir nicht vorstellen, dass irgendein wahrer Christ jemals so geplagt wurde wie ich: so oft von einem Geist der Rebellion geplagt, von Unglauben, Stolz, niederträchtigen Gedanken und Begierden, die zu nennen ich mich schämen würde. Autor: Nun, lieber Bruder, nur wenige unerrettete Seelen wären ehrlich genug, um so etwas zuzugeben. Allein die Tatsache, dass Sie diese inneren Wirkungen der Sünde als Plage empfinden, beweist, dass Sie wiedergeboren sind. In Ihnen gibt es ein Prinzip bzw. eine Natur der Heiligkeit, die alles Unheilige verabscheut. Das ist es, was den Christen »seufzen« lässt; dennoch führt ihn das in Gemeinschaft mit den Leiden Christi. Während seines Lebens auf der Erde war der Herr Jesus der »Mann der Schmerzen« (Jes 53,3), und diese Schmerzen wurden ihm durch Sünde zugefügt – nicht durch eigene, denn er war ohne Sünde und kannte keine Sünde, sondern durch die Sünden anderer. Das ist ein Grund, weshalb Gott die sündige Natur auch nach der Wiedergeburt noch in den Gläubigen bestehen lässt: damit sie durch Seufzen unter der Sünde ihrem leidenden Herrn gleichgestaltet werden. D. H.: Aber wie ist das damit vereinbar, dass der Herr Jesus die Seinen »von ihren Sünden errettet«? Autor: Matthäus 1,21 widerspricht in keiner Weise dem, was ich


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gerade erklärt habe. Christus rettet die Seinen von der Schuld und der Strafe ihrer Sünden, weil diese Schuld und Strafe in seinem stellvertretenden Tod auf ihn gelegt wurde und er sie erlitten hat. Er rettet uns auch von der Verunreinigung der Sünde: Sein Geist bewirkt in uns, dass wir unsere Sünden sehen, darüber seufzen, sie bekennen und das kostbare Blut Jesu dafür in Anspruch nehmen. Wenn das im Glauben geschieht, wird das Gewissen gereinigt. Christus rettet uns auch vor der beherrschenden Macht der Sünde, sodass der Gläubige nicht mehr der völlige Sklave der Sünde und des Teufels ist. Außerdem liegt die Erfüllung dieser Verheißung (wie vieler anderer) zum Teil noch in der Zukunft: Die Zeit wird kommen, wenn der Herr Jesus sein Volk völlig von der Gegenwart der Sünde errettet, sodass sie nie wieder etwas mit ihr zu tun haben werden. D. H.: Wo wir bei diesem Thema sind – könnten Sie mir erklären, was die Aussage bedeutet: »Die Sünde wird nicht über euch herrschen (Röm 6,14)? Autor: Gern. Schauen wir zuerst, was dieser Vers nicht sagt: Es heißt nicht: »Die Sünde wird euch nicht mehr bedrängen oder heimsuchen«, und nicht: »Die Sünde wird euch nicht zu Fall bringen und niemanden mehr versagen lassen.« Wenn das dort stünde, müsste jeder Christ verzweifeln. »Über etwas herrschen« bezeichnet die rechtmäßige Befehlsgewalt, die Berechtigung, jemandem etwas zu befehlen, so wie die Eltern das Recht haben, ihren Kindern vorzuschreiben, was sie tun und lassen sollen, oder wie ein Land ein anderes beherrscht, welches es im Krieg erobert hat. Die Sünde hat keine solche rechtmäßige Herrschaft mehr über den Christen: Jetzt ist allein der Herr Jesus Christus sein rechtmäßiger Herr. Doch die Sünde rebelliert oft und beansprucht wiederum Befehlsgewalt über uns, doch auch in der Erfahrung hat sie keine völlige Herrschaft über uns. Sie kann keinen Christen zum Abfallen bringen, d. h. dahin, dass er die Nachfolge Jesu gänzlich und endgültig aufgibt. Sie kann niemals so über den Gläubigen dominieren, dass er die Sünde völlig liebt und keine Buße tut, wenn er gesündigt hat. D. H.: Vielen Dank, aber darf ich noch eine weitere Frage stellen: Wie kommt es, dass manche Christen nicht so sehr von Sünden geplagt sind, wie ich es bin? Autor: Wie können Sie so sicher sein, dass die anderen nicht so geplagt sind? Es steht doch geschrieben: »Das Herz kennt sein eigenes Leid« (Spr 14,10).


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D. H.: Aber ich entnehme ihren friedevollen Gesichtern, ihren Gesprächen und ihrer Freude am Herrn, dass es bei ihnen anders sein muss. Autor: Manche sind mit einer fröhlicheren natürlichen Veranlagung gesegnet als andere. Manche bekennen Sünden stets unverzüglich Gott und gehen prinzipiell mit jeder ihnen bewusst gewordenen Sünde sogleich zum Herrn. Manche gebrauchen fleißiger die Gnadenmittel: Wer das Wort Gottes vernachlässigt, zu wenig darüber nachsinnt und nur gelegentlich und formal zum Thron der Gnade kommt, kann nicht erwarten, eine vor Gesundheit strotzende Seele zu haben. D. H.: Ich gebe zu, dass ich gegen Ihre Argumente nichts einwenden kann. Was Sie sagen, gilt zweifellos für Gottes Volk, aber meine Situation ist viel schlimmer, als Sie denken: In mir ist ein solcher Abgrund der Boshaftigkeit, und so oft habe ich keine Lust auf alles, was geistlich ist, dass ich sehr befürchte, dass ich keine Heilsgewissheit haben kann. Wie kann ich unterscheiden zwischen einerseits den lästigen Zweifeln, die vom Teufel kommen, und andererseits der Überführung von Sünde und dem Alarm des Gewissens, bewirkt vom Heiligen Geist? Autor: An der Frucht, die daraus hervorgeht. Der Teufel wird Ihnen sagen, dass es sinnlos sei, noch Widerstand gegen die innewohnende Sünde zu leisten; er will Sie in Verzweiflung stürzen und sagt vielen bedrängten Seelen, sie sollten sich besser umbringen und ihrem Elend ein Ende machen. Aber wenn der Heilige Geist einen Christen überführt, bewirkt er im Herzen eine gottgemäße Betrübnis und bewegt den Gläubigen zum Bekennen seiner Übertretungen vor Gott. Er führt zum Thron der Gnade und richtet den Blick wieder auf das reinigende Blut Christi. Das tut er nicht nur ein- oder zweimal, sondern immer wieder bis ans Ende unseres irdischen Lebens. »Denn siebenmal fällt der Gerechte und steht doch wieder auf« (Spr 24,16). Wenn das mit Ihrer Erfahrung übereinstimmt, müssen Sie wiedergeboren sein. D. H.: Ich kann mir nicht helfen; ich bin bestürzt darüber, dass Ihr Rat und Ihre Lehre genau das Gegenteil ist von dem, was mir bisher gesagt wurde, wenn ich mit jemanden über meine Sorgen sprach. Ich habe mit jemanden gesprochen, der sich sehr gut in der Bibel auskennt. Er sagte mir, ich könne meine Zweifel nur auf die Weise loswerden, indem ich an das Wort Gottes glaube, und wenn ich mich elendig fühlte, sollte ich an den Verheißungen festhalten.


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Anhang: Gespräche über Heilsgewissheit

Autor: Ich vermute, ich kenne die Gemeinschaft, welcher dieser Seelsorger angehört. Sie glauben lediglich an einen natürlichen Glauben, zu dem das Geschöpf von Natur aus fähig ist. Ein solcher Glaube ist lediglich das Produkt unserer eigenen Willenskraft. Aber das ist nicht »der Glaube der Auserwählten Gottes«. Geistlicher Glaube ist eine Gabe Gottes, und nur das unmittelbare Eingreifen des Heiligen Geistes kann diesen Glauben in einem Menschen bewirken. Meiden Sie solche, die so etwas lehren, mein Bruder. Gehen Sie allen aus den Weg, die dem Heiligen Geist nicht wirklich Raum geben, sondern Ihnen weis machen wollen, das Heilmittel sei Ihr eigener »freier Wille«. Suchen Sie um so mehr die Gemeinschaft mit Gott selbst und bitten Sie ihn um Christi willen, Ihren Glauben zu mehren und stützen Sie Ihr Denken auf Gott selbst.

Dialog 4: Demütiges Herz hilft Schwester Furchtsam D. H.: Guten Tag, Herr Autor, ich hoffe, ich störe nicht. Autor: Nein, keineswegs, Sie sind mir sehr willkommen, Bruder Demütiges Herz, und ich bin dankbar, an Ihrem heiteren Gesicht zu erkennen, dass Ihr Herz erleichtert ist (Spr 15,13). D. H.: Ich bin froh, das bestätigen zu können, denn der Herr war sehr gnädig zu mir. Das muss wirklich eine Gebetserhörung sein. Autor: Ihm sei Lob und Dank dafür! Erzählen Sie mir doch, wie Sie seine Güte erlebt haben. D. H.: Der Herr möge mich dabei leiten. Meine Geschichte ist recht lang, aber ich möchte mich so kurz fassen wie möglich. Eine arme Frau, die im Volk Gottes als Schwester Furchtsam bekannt ist, wurde vor einigen Monaten Witwe, und da auch alle ihre Kinder gestorben sind, wusste ich, dass niemand ihren Garten umgräbt. Deshalb besuchte ich sie und fragte, ob sie mir erlaube, diese Arbeit für sie zu tun. Autor: Ich freue mich, das zu hören. Wenn sich Gottseligkeit nicht äußerst praktisch auswirkt, dann ist sie nur ein Name ohne Realität. Es steht geschrieben: »Ein reiner und unbefleckter Gottesdienst vor Gott und dem Vater ist dieser: Waisen und Witwen in ihrer Bedrängnis zu besuchen, sich selbst von der Welt unbefleckt zu erhalten« (Jak 1,27). Und hat diese arme Schwester Ihr freundliches Angebot angenommen?


Dialog 4: Demütiges Herz hilft Schwester Furchtsam

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D. H.: Ja, die Tränen rannen über ihre Wangen, als sie sagte, wie dankbar sie sei. Später sagte sie, dass es nicht mein Angebot war, welches sie so sehr bewegt hatte, sondern die kleine Hoffnung, die sie dadurch schöpfte, dass Gott sie doch nicht im Stich gelassen hat. Ich fragte sie, warum sie jemals gedacht habe, dass Gott sie im Stich gelassen haben sollte. Sie erklärte mir, sie fühle sich meistens so niederträchtig und unrein, dass ein heiliger Gott nicht mit der geringsten Anteilnahme auf sie blicken könnte. Sie sagte, sie werde ständig von solchen Zweifeln und Ängsten gequält, dass sie dachte, Gott habe sie einem bösen Herzen des Unglaubens preisgegeben. Sie fügte hinzu, ihre Situation sei trotz ihres Lesens im Worte Gottes und ihres Flehens zum Herrn um Kraft anscheinend nur noch schlimmer geworden. Ihr kam es vor, als sei der Himmel für sie mit Eisen verschlossen. Autor: Und was entgegneten Sie ihr auf ihre betrübte Wehklage? D. H.: Mir fiel ein Vers ein, und mir wurde klar, dass er vom Herrn kam. Ich bat ihn innerlich um Weisheit und Sanftmut und sagte zu dieser liebenswürdigen Seele: »Schwester Furchtsam, ich denke, Sie sind in Ihrer Schlussfolgerung zu voreilig. Ich habe etwas Ähnliches durchlebt wie Sie. Ich las in Gottes Wort: ›Das Reich Gottes besteht nicht im Wort, sondern in Kraft‹ (1Kor 4,20), und ich folgerte: Wenn Gott sein Reich in meinem Herzen aufgerichtet hat, dann ist die Macht der Sünde gebrochen; doch oje – ich stellte fest, dass die Sünde in mir stärker war denn je. Ich las: ›Wer in der Liebe bleibt, bleibt in Gott und Gott bleibt in ihm‹ (1Jo 4,16), aber ich konnte nicht glauben, dass er in mir wohnte, während ich von solcher Furcht geknechtet war. Ich las: ›Einen Geist der Sohnschaft habt ihr empfangen, in dem wir rufen: Abba, Vater!‹ (Röm 8,15), aber ich konnte nicht ›Abba, Vater‹ rufen, und so befürchtete ich, Gott habe nichts mit mir zu schaffen. Ich las: ›Jeder, der aus Gott geboren ist, tut nicht Sünde‹ (1Jo 3,9), und obwohl ich davor bewahrt wurde, öffentliche Schande über den Namen Christi zubringen, wurde ich dennoch ständig von innerer Sünde überwältigt. Mein schuldiges Gewissen verurteilte mich täglich, und Frieden war mit völlig fremd.« (D. H. setzt seine Erzählung in Dialogform fort). Schwester Furchtsam: Sie haben tatsächlich mein eigenes trauriges Los beschrieben; aber fahren Sie bitte fort. D. H.: Erlauben Sie mir bitte, dass ich Ihnen einige ehrliche Fragen stelle. Sind Sie für Ihre Sünden gezüchtigt, getadelt, gedemütigt und


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verwundet worden? Und nachdem Sie Gottes züchtigende Hand verspürt hatten, wurde Ihr Geist dann unter dem Wort Gottes belebt und erquickt, sodass Sie auf bessere Zeiten hofften? S. F.: Ja, ich war mir der Zuchtrute Gottes auf mir bewusst, und ich habe mit David gesagt: »Ich habe erkannt, HERR, dass deine Gerichte Gerechtigkeit sind und dass du mich in Treue gedemütigt hast« (Ps 119,75). Und es gab Zeiten – leider viel zu kurz –, als es schien, als würde ich erweicht und erweckt. Da schöpfte ich etwas Hoffnung, doch schon bald verbarg sich die Sonne wieder hinter dunklen Wolken. D. H.: Nun, das beweist, dass Gott tatsächlich in Ihnen wohnt, denn er sagt: »So spricht der Hohe und Erhabene, der in Ewigkeit wohnt und dessen Name der Heilige ist: In der Höhe und im Heiligen wohne ich und bei dem, der zerschlagenen und gebeugten Geistes ist, um zu beleben den Geist der Gebeugten und zu beleben das Herz der Zerschlagenen« (Jes 57,15)! S. F.: Ja, ich kenne diesen Vers, aber er ist gegen mich gerichtet, denn wenn Gott mich wirklich »belebt« hätte, dann hätte das bleibende Auswirkungen. Aber stattdessen bin ich ausgedörrt, leblos und unfruchtbar. D. H.: Auch hier sind Sie zu vorschnell darin, »Bitteres über sich zu verhängen« (Hi 13,26). Solche »Erweckungen« von Glauben, Hoffnung und Liebe in der Seele sind tatsächlich Erkennungszeichen für den innewohnenden Heiligen Geist. Aber lassen Sie mich Ihnen den Vers zeigen, der mir zu Beginn unseres Gesprächs in den Sinn kam. Er trifft exakt auf Ihre Situation zu: »Und nun ist uns für einen kleinen Augenblick Gnade von dem HERRN, unserem Gott, zuteil geworden. Er hat uns Gerettete übriggelassen und uns einen Zeltpflock gegeben an seiner heiligen Stätte. Unser Gott hat unsere Augen hell gemacht und uns ein wenig Belebung geschenkt in unserer Knechtschaft« (Esra 9,8). Sehen Sie nicht, liebe Schwester, dass diese kleine »Belebung«, wenn sie auch nur kurz währte, ein Erweis dafür ist, dass Gott in einem zerbrochenen und zerschlagenen Herzen wohnt? (Die Szene wechselt wieder zu D. H.’s Besuch beim Autor.) Autor: Das war wirklich ein Wort zur rechten Zeit, offensichtlich vom Heiligen Geist geleitet. Viele werden durch unnötige Ängste an der Freude der Heilsgewissheit gehindert. Weil die Sünde in ihnen als ruhelos aktives Prinzip wirkt, meinen sie, ihnen fehle das entgegengesetzte Prinzip der Heiligkeit, und weil sie zum Teil fleischlich sind, urteilen sie, dass sie nicht geistlich seien. Weil die Gnade nur so we-


Dialog 4: Demütiges Herz hilft Schwester Furchtsam

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nig in diesen Gläubigen wirkt, folgern sie, diese Gnade fehle ihnen gänzlich, und da sie seit langer Zeit keinen Trost empfangen haben, meinen sie, sie hätten kein Anrecht darauf. Sie unterscheiden nicht zwischen den Regungen des Fleisches und den Regungen des Geistes: So sicher, wie die Sünde sich im Fleisch in uns offenbart, so zeigt unsere Betrübnis darüber, unser Kampf dagegen, unsere Buße deswegen und unser Bekennen der Sünde vor Gott, dass der Geist bzw. die neue Natur in uns wohnt. Die Seufzer und Tränen des Christen gehören zu den besten Beweisen, dass er wiedergeboren ist. D. H.: Darf ich Sie fragen, was Sie genau damit meinen, wenn Sie sagen: Viele werden durch unnötige Ängste an der Freude der Heilsgewissheit gehindert? Ich frage deshalb, weil Gott die Seinen in Philipper 2,12 auffordert, ihr Heil mit Furcht und Zittern zu bewirken. Autor: Ihre Frage ist sehr berechtigt. Wir müssen sorgfältig unterscheiden zwischen der Furcht göttlicher Eifersucht und der Furcht aufgrund von Unglauben; die erstere ist ein Misstrauen gegen sich selbst und die andere ein Zweifeln an Gott; die eine wirkt gegen Stolz und fleischliches Selbstvertrauen, die letztere ist der Feind wahren Friedens. Die elf Apostel zeigten die Furcht göttlicher Eifersucht, als der Heiland erklärte, dass einer von ihnen ihn verraten werde. Alle elf fragten sich: »Ich bin es doch nicht, Herr?« David hingegen gab der Furcht aufgrund von Unglauben Raum, als er sagte: »Nun werde ich doch eines Tages durch die Hand Sauls umkommen!« (1Sam 27,1). Aber ich habe Ihre Erzählung unterbrochen; erzählen Sie doch weiter, wie Schwester Furchtsam reagierte, als Sie ihr Esra 9,8 genannt hatten. D. H.: Der Vers schien sie wenig zu beeindrucken. Sie seufzte tief und sagte eine Weile nichts. Dann fuhr sie fort: S. F.: Ich fürchte, es wäre anmaßend für mich, wenn ich sage, dass ich jemals erweckt worden bin, denn eine tote Seele kann nicht erweckt werden – sie muss zuerst auferweckt werden. Wahrscheinlich war das erhebende Gefühl beim Lesen und Hören des Wortes Gottes nichts weiter als die Freude derer, »bei denen es auf das Steinige fiel« (Mt 13,20.21). D. H.: Aber wer niemals geistlich auferweckt worden ist, sehnt sich nicht nach Gott, sucht ihn nicht, sondern versucht, den wahren Gott ganz aus seinen Gedanken zu verbannen. Er mag zwar zur Gemeinde gehen, anderen eine Form der Gottseligkeit vorspielen, aber er sucht nicht Gott durch persönlichen Fleiß und sehnt sich nicht nach Gemeinschaft mit ihm.


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Anhang: Gespräche über Heilsgewissheit

Vielleicht, liebe Schwester, ist es für Sie ein »Tag kleiner Dinge« (Sach 4,10). Auch wo keine Kraft ist, gibt es oft Leben. Ein Säugling kann atmen und weinen, aber nicht sprechen oder gehen. Wenn Gott der Gegenstand Ihrer Liebe ist, dann hat ein »gutes Werk« in Ihnen begonnen (Phil 1,6). Wenn es die innewohnende Sünde ist, die Ihnen täglich so zu schaffen macht, wenn Sie lechzen nach Befreiung von den verunreinigenden Auswirkungen der Sünde und darum beten, wenn Sie gegen die Lüste des Fleisches kämpfen, dann kann das nur daran liegen, dass ein Prinzip der Heiligkeit in Ihrem Herzen eingepflanzt worden ist. Solche geistlichen Übungen durchleben wir nicht mit unserer alten Natur; diese Erfahrungen beruhen auf der innewohnende Gnade. Verzweifeln Sie nicht, denn vom Herrn Jesus heißt es: »Ein geknicktes Rohr wird er nicht zerbrechen, und einen glimmenden Docht wird er nicht auslöschen« (Mt 12,20). S. F.: Ja, es ist eine Sache, diese Dinge theoretisch zu verstehen, aber es ist etwas ganz anderes, wenn Gott diese Wahrheit vollmächtig auf das Herz anwendet. Danach sehne ich mich, und das ist es, was mir fehlt. Meine Wunde ist zu tödlich, als dass ein Mensch sie heilen könnte. O, wenn ich doch nur sicher sein könnte, ob meine Abneigung gegen die Sünde auf rein natürliche Gewissensbisse beruht, wie jeder natürliche Mensch sie mehr oder weniger hat, oder ob sie Eingebungen des Teufels sind, um mich irrezuführen, oder ob es sich tatsächlich um das Streben der neuen Natur gegen die alte handelt. Ich muss nichts weniger in meinem Herzen erkennen können als die persönliche, vollmächtige und rettende Macht des Heiligen Geistes, um echte Erleichterung zu fi nden. D. H.: Ich bin dankbar, dass Sie das sagen. Menschlicher Trost mag einem leeren Bekenner helfen, aber ein solches Trostpflaster wird einen Erwählten nicht heilen, wenn er von Gott geschlagen ist. Gott zielt darauf ab, bei den Erwählten jeden Arm des Fleisches abzutrennen, und zu entblößen und sie in ihrer Hilflosigkeit als Bettler mit leeren Händen vor den Thron seiner Gnade zu bringen. Ob das Leben Gottes tatsächlich in die Seele eingepflanzt wird, darin liegt das große Geheimnis: das ist der Dreh- und Angelpunkt, um den es beim ewigen Schicksal gehen muss. Und kein menschlicher Entschluss kann diesen Punkt befriedigend klären. Nur der Herr selbst kann ein solches Zeugnis geben, das einen seiner Erwählten zufrieden stellt. Aber wenn er in der Seele aufstrahlt, wenn er sein Wort in Kraft anwendet, wenn er sagt: »Deine Sünden sind


Dialog 4: Demütiges Herz hilft Schwester Furchtsam

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vergeben, gehe hin in Frieden«, dann braucht kein Prediger mehr ein Wort zu sagen. Der Herr bewahre Sie zu seinen Füßen, bis er Ihnen dies gewährt. Bis vor kurzem ging auch ich durch schwere Übungen, weil ich die große Gefahr fürchtete, der Teufel könne mir einen falschen Frieden vortäuschen und mir weis machen, alles sei in Ordnung, während das Gegenteil der Fall ist. Auch ich wünschte zu gern zu wissen, wie man unterscheiden kann zwischen natürlichen Gewissensbissen und den Übungen eines erneuerten Gewissens. Aber der Herr hat mir gezeigt: Wie ein Baum an seinen Früchten erkannt wird, so wird die Natur einer Ursache am Charakter ihrer Wirkungen erkannt. Solche, die sich von den Friedensvortäuschungen des Teufels irreleiten lassen, sind voller Einbildung, Anmaßung und fleischlicher Zuversicht: Sie bitten Gott nicht, sie zu erforschen, da sie sich des Himmels so sicher sind, dass sie das für gänzlich unnötig halten. Die natürlichen Regungen des Gewissens verhärten den Sinn, verhindern Gebet und führen ins Verderben. Die Sündenerkenntnis eines erneuerten Gewissens führt zu Buße und Bekenntnis, hin zu Christus und zu Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit vor Gott. Deshalb rate ich Ihnen ernstlich, liebe Schwester, nichts mit denen zu schaffen zu haben, die vorgeben, nur Frieden und Freude zu erfahren und die lachen, wenn man sie fragt, ob sie von der Plage ihres Herzens gepeinigt werden oder ob sie gemerkt haben, dass das Blut Christi auf ihr Gewissen angewendet worden ist, und die sagen, sie hätten nichts mit Gefühlen zu tun, sondern lebten unabhängig von Gefühlen. Solche verirrten Kreaturen können einem seufzenden Gläubigen ebenso wenig weiterhelfen wie ein sogenannter »Christlicher Wissenschaftler«1 jemanden helfen kann, der unter starken körperlichen Schmerzen leidet, indem dieser Irrlehrer ihm sagt, die Schmerzen seien nur eine mentale Einbildung und er solle nur an Gesundheit und Glück denken: beides sind nutzlose Ärzte und »Kurpfuscher« (Hiob 13,4). Werfen Sie stattdessen Ihre Sorgen auf den großen Arzt der Ärzte, schütten Sie Ihr Herz ihm aus, und zu seiner rechten Zeit wird er Öl und Wein auf Ihre Wunden gießen und ein neues Lied in Ihren Mund legen. (Die Szene wechselt wieder zu D. H.’s Besuch beim Autor.) 1

Die Sekte der »Christlichen Wissenschaft« lehrt, alles Böse und Negative, einschließlich Schmerz, sei nur Einbildung.


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Anhang: Gespräche über Heilsgewissheit

Seitdem habe ich ihr nichts weiter mehr zu diesem Thema gesagt, da ich es für das Beste halte, sie allein mit Gott zu lassen. Autor: Ich bin froh, das zu hören, denn nur blinde Eiferer würden versuchen, dem Heiligen Geist sein Werk aus der Hand zu nehmen. Oft wird Seelen großer Schaden zugefügt, indem man ihnen Dinge aufzuzwingen versucht: Wenn Gott ein Werk beginnt, können wir es getrost seinen Händen überlassen, es fortzusetzen und zu vollenden. Und wie freue ich mich, lieber Bruder, den Tau des Heiligen Geistes auf Ihrer eigenen Seele zu erkennen! Mir scheint, auf Sie trifft das Schriftwort zu: »Siehe, der Winter ist vorbei, die Regenzeit ist vorüber, ist vergangen. Die Blumen zeigen sich im Lande, die Zeit des Singens ist gekommen, und die Stimme der Turteltaube lässt sich hören in unserm Land« (Hl 2,11.12). D. H.: Dank sei Gott dafür, dass er Mitleid hatte mit einem so armen Wesen wie mir; nun geht es mir viel besser. Seltsam ist nur, dass ich so wenig oder gar keine echte Heilsgewissheit hatte, als ich mit Schwester Furchtsam zu sprechen begann, doch als sie erzählte, was sie so sehr bedrückte, legte Gott mir anscheinend die nötigen Worte in den Mund, und als ich zu ihr sprach, versiegelte er diese Erkenntnis in meinem Herzen. Autor: Ja, es ist so, wie wir in Sprüche 11,25 lesen: »Wer gern wohltut, wird reichlich gesättigt, und wer andere tränkt, wird auch selbst getränkt.« Beim Mitteilen des Wortes Gottes an andere werden unsere Herzen erquickt und unser Glaube gestärkt. Wer das gibt, was er hat, dem wird umso mehr gegeben werden. Es stimmt, was der Apostel in 2. Korinther 1,4 über Gott sagt: »… der uns tröstet in all unserer Bedrängnis, damit wir die trösten können, die in allerlei Bedrängnis sind, durch den Trost, mit dem wir selbst von Gott getröstet werden.« Es ist Gottes Weg, die Seinen, und insbesondere seine Diener, durch prüfende und schmerzliche Erfahrungen zu führen, damit sie den Trost, mit dem er sie getröstet hat, zu seiner Ehre gebrauchen und weitergeben. Wer »die Plage seines Herzens« am besten kennt, eignet sich auch am besten dazu, bedrückten Seelen ein Wort zur rechten Zeit zu geben. Aus der Fülle des Herzens redet der Mund, und wer durch den Feuerofen gegangen ist, kann am besten denen helfen, die im Feuer leiden. Beten wir, dass es Gott gefallen möge, zu Schwester Furchtsam ebenso gnädig zu sein.


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Pink: Gespräche über Heilsgewissheit  

Anhang aus "Was ist rettender Glaube?"

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Anhang aus "Was ist rettender Glaube?"

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