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Aufgebaut

Der neue altar

Vorgestellt

Das neue Dommuseum

Restauriert

textilien aus dem godehardschrein

VERBORGENE

SCHÄTZE

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Zukunft für das Erbe


Liebe LESERINNEN UND Leser,

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„Endspurt“ heißt die Phase, in der wir uns hier am Domhof befinden. Kaum zu glauben: In weniger als sieben Monaten wird der Mariendom nach vier Jahren wieder eröffnet! Noch gibt es eine Menge Arbeit, aber es hat sich auch schon wieder viel getan. So sind die eigens für den Dom neu gebaute Chororgel und der neue Altar des Künstlers Ulrich Rückriem im Dom aufgestellt worden. Verhüllt harren sie der Dinge bis zum Sommer – es sind also verborgene Schätze. Während ich Ihnen dies schreibe, wird bereits die große Dom­orgel aufgebaut und auch im Dommuseum gehen die Arbeiten fleißig voran. Was mich aber sehr ins Staunen versetzt hat, war die komplexe und diffizile Arbeit, die seit über drei Jahren in der Abegg-Stiftung (Schweiz) geleistet wird. Dort werden die Textilien aus dem Reliquienschrein des heiligen Godehard Stück für Stück restauriert und wie ein Puzzle wieder zusammengefügt. Das sind die wirklichen „verborgenen Schätze“, denen wir diese Ausgabe widmen.

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brücke Zur schöpfung 120 Millionen Jahre alt ist der Anröchter Dolomit, aus dem Ul­ rich Rückriem den neuen Altar für den Dom geschaffen hat. Eine Zahl, die für einen Menschen gar nicht zu begreifen ist. Doch man spürt instinktiv, was in diesem Stein steckt: Weltgeschichte, Natur­ geschichte, Menschheitsgeschichte. Generalvikar Dr. Werner Schre­ er schlägt die Brücke zwischen Vergangenheit, Gegenwart und den zukünftigen Eucharistiefeiern an diesem Altar: „Dieser steinerne Altar drückt aus: Unser Glaube Ein Bindeglied zu Gottes Schöpfung greift viel weiter als die 2000 Jah­ und zugleich modernste sakrale re, seit Jesus als Mensch auf die­ ser Welt lebte. Unser Glaube sagt Kunst ist der neue Altar. Das etwas über die ganze Schöpfung, Meisterwerk des renommierten die Gott in seinen Händen hält.“ Bildhauers Ulrich Rückriem ist Der Stein erinnere aber auch dar­ jetzt aufgebaut worden. an, dass Jesus auf dem Steinhügel Golgotha gekreuzigt wurde. „Und wir feiern ja diese Kreuzigung – Tod und Auferstehung – in der Eucharistie auf diesem Altar“, sagt Schreer. Acht Stunden hat die Spezialfirma Karner Kunstbau für die Auf­ stellung des fünf Tonnen schweren Steins benötigt. Zuerst wurde das Fundament gelegt, in das der Altar haargenau eingepasst wer­ den konnte. Dann wurden mit einem Gerüst die Teile hochgezogen und bewegt. Der Altar ist zwar aus einem einzigen Block gearbeitet, besteht aber aus drei Teilen. Zunächst wurden die beiden wuch­ tigen Fußsockel an den richtigen Stellen aufgestellt. Dann mit einem Seilzug und viel Muskelkraft die Deckplatte aufgelegt, die millimetergenau platziert werden musste. Sie allein wiegt schon 2,5 Tonnen. Der Altar umfasst eine Fläche von 1,10 mal 1,90 Meter. Die In­ nenseiten der beiden Fußsockel sind vergoldet – als Zeichen für den Schrein des heiligen Bischofs Godehard, der in der Krypta ge­ nau unter dem Altar steht. Für den in Köln und London lebenden Künstler hat man sich bewusst entschieden, berichtet Schreer. Die mittelalterlichen Schätze wie die Bernwardstür, die Christussäu­ le oder der Heziloleuchter sollen durch zeitgenössische sakrale Kunst ergänzt werden. „Kunst ist immer auch ein Ausdruck von Religion“, meint Schreer. Und weil das heute sehr viel schlichter und reduzierter als in früheren Zeiten sei, passe der Altar hervorra­ gend in den neu gestalteten Dom. Bei seiner Wiedereröffnung am 15. August wird der Altar dann von Bischof Norbert Trelle geweiht.

Ich freue mich schon sehr auf die Wiedereröffnung und hoffe, Sie alle als Gäste begrüßen zu dürfen.

Petra Meschede Leiterin der Öffentlichkeitsarbeit

IMPRESSUM >2015 DAS MAGAZIN ZUR DOMSANIERUNG wird herausgegeben von der Hauptabteilung Kommunikationsund Öffentlichkeitsarbeit des Bischöflichen Generalvikariats Hildesheim, Domhof 24, 31134 Hildesheim Verantwortlich für den Inhalt: Dr. Petra Meschede Konzept, Redaktion und Gestaltung: Bernward Medien GmbH, Hildesheim Text: Hildegard Mathies, Köln Druck: Fischer Druck GmbH, Peine Fotos: Titel, S. 6/11 oben, Mitte Dommuseum Hildesheim; S. 2–3/10–11 unten Jens Schulze; S. 4–5 Schilling-Architekten Köln; S. 5 rechts Abegg-Stiftung, CH-3132 Riggisberg (Photo: Christoph von Viràg); S. 7/12 oben Hildegard Mathies, Köln; S. 8 Edmund Deppe; S. 9 Jörg Donecker/jodo-foto Karlsruhe; S. 12 unten Roman Seifert Kevelaer „>2015“ wird umweltfreundlich auf FSC®-zertifiziertem Papier und Co2-kompensiert gedruckt.

Ein Kraftakt war das Aufstellen des neuen Altars.

> Einen Zeitrafferfilm zur Aufstellung des Altares finden Sie unter: www.domsanierung.de/aufbau-domaltar


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DaS PRojekt

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ein erster eindruck, wie hell und großzügig das neue Dommuseum werden wird (animation).

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diese Menschen erinnert und daran, dass „er für sie beten sollte“, erläutert Museumsdirektor Professor Dr. Michael Brandt die ur­ sprüngliche Funktion der Grabplatten. Endlichkeit und Ewigkeit ziehen sich wie ein roter Faden durch die neue Präsentation des Schatzes. Es geht um mehr als um Schauwerte und mittelalterliche Kunstfertigkeit. Auch wenn das Museum unter anderem über die weltweit größte Sammlung von Kruzifixen des Früh­ und Hochmittelalters verfügt, werden diese nicht „wie eine Schmetterlingssammlung“ aufgereiht, wie Brandt salopp formuliert. Vielmehr sind die Objekte in ihrem Zu­ sammenhang zu sehen. Der Besucher erkennt die Bedeutung der Exponate in der Liturgie: Kreuz, Kelch, Weihrauchfass, Leuchter. Und er kann entschlüsseln, was ihre Schöpfer mit diesen Werken bezweckten: den Abglanz Gottes auf der Erde sichtbar machen; den Menschen zeigen, dass dereinst das himmlische Reich Gottes auf sie warte, in dem Überfluss für alle herrsche. Brandt: „Die Ur­ sehnsucht des Menschen ist die Sehnsucht nach dem Heil, nach der Überwindung der Endlichkeit.“ Diese Sehnsucht spiegelt sich in den Schätzen des Domes. Ausgewählte Objekte wie das Kopfreliquiar des heiligen Bern­ ward oder das Gründungsreliquiar des Bistums finden ihren angestammten Platz wieder im Dom selbst. So werden der Dom und das Museum räumlich eng miteinander verbunden. Noch ist viel zu tun, bis das neue Dommuseum im April 2015 eröffnet werden kann. Derzeit dauern noch die Trockenbauar­ beiten an. Vitrinen sind noch zu entwerfen und zu bauen, allen klimatischen, lichttechnischen und den Anforderungen der Be­ sucher müssen sie genügen. Ab Sommer soll das Museum dann eingerichtet werden. Zu den vielen Höhepunkten zählt ein eigener Saal für den mo­ numentalen Domlettner, auf dem die Heilsgeschichte erzählt wird. Früher stand er im Dom und zuletzt in der angrenzenden St.­Antonius­Kirche. Am anderen Ende der Raumflucht wird ein modernes Werk von Gerd Winner hängen, dem internatio­

nal renommierten und im Bistum beheimateten Künstler. Fast schwarz ist das Bild. Nur in der Mitte leuchtet wie auf einem Ver­ kehrsschild „End“. Da sind sie wieder, die Pole Endlichkeit und Ewigkeit.

Die restaurierten gobelins bekommen einen eigenen Saal.

auch das tuch aus dem godehardschrein findet Platz im neuen Museum.

> Das Dommuseum wird am 17. april 2015 um 11 Uhr eröffnet. führungen durch das neue Dommuseum können unter folgender adresse gebucht werden: Dom-information helga Weilkes Domhof 18–21, 31134 hildesheim telefon 0 51 21 / 1 79 16 49 dom-information@bistum-hildesheim.de

eNDLichkeit UND eWigkeit Das Dommuseum Hildesheim beherbergt einen der weltweit bedeutendsten und best­ erhaltenen mittelalterlichen Kirchenschätze. Im Zuge der Domsanierung wird auch das Museum vollkommen neu gestaltet und erweitert. Sie glauben, Sie kennen den Hildesheimer Domschatz? Das Bern­ wardkreuz, die Goldene Madonna, die Reliquiare, die kostbaren Tapisserien, Gewänder, Evangeliare? Oder all die anderen golde­ nen, silbernen, elfenbeinfarbenen, juwelenbunten Objekte? Im künftigen Dommuseum und im Dom selbst werden Sie die ver­

meintlich Vertrauten in buchstäblich neuem Licht und – wenn Sie wollen – auf ganz andere Weise erleben. Einige Objekte des Domschatzes werden noch heute in der Liturgie verwendet. Das macht ihn so besonders, denn damit ha­ ben diese Kunstwerke ihren ursprünglichen Sinn behalten und reichen weit über den Status eines Museumsstückes hinaus. Nun verschmelzen Dommuseum, Domschatz und Dom architekto­ nisch und inhaltlich noch enger miteinander. Der obere Kreuz­ gang des Domes etwa wird Teil des Museums sein. Der dann teil­ weise verglaste Gang gibt Einblicke in die Geschichte des Domes und des Bistums: Hier werden historische Grabmonumente prä­ sentiert, erzählen von Stiftern und Wohltätern, von den Mächti­ gen und Gläubigen früherer Jahrhunderte. Der Besucher wird an

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Vorsichtig müssen die jahrhundertealten fragilen Textilien aus dem Godehardschrein auseinandergefaltet werden.

Akribische Detektivarbeit

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nur Exaktheit und Sorgfalt, sondern auch interpretatorische Fähigkeiten und die Offenheit, diese Einschätzungen wieder zu revidieren, erläutert Schorta. Dazu braucht es Mut. Denn nicht al­ les, was die Restauratorinnen in Händen halten, können sie erhal­ ten. „Manchmal müssen wir entscheiden, ob ein Stück überhaupt eine Überlebenschance hat“, sagt Regula Schorta – und ob es tat­ sächlich etwas bringt, jedes kleine Fragment wieder ans größere Stück anzusetzen. Daher die braunen Brösel. Aber keine Sorge: Nichts, was nicht zu retten ist, wird weggeworfen. Denn alles, was einmal mit den Reliquien des Bischofs in Berührung kam, muss erhalten bleiben, weil es dadurch selbst zu einer (Sekundär-)Reli­ quie wird. Es wird dann zumeist neu verpackt wieder mit in den Schrein gegeben. Bevor die Textilien überhaupt bearbeitet werden können, müssen sie vorsichtig gereinigt werden. Mit einem Sauger ent­ fernen die Mitarbeiterinnen des Restaurierungsateliers sorgfäl­ tig Schmutz und Staub. Auch der Staub darf nicht entsorgt wer­ den, denn auch er gilt als Sekundär-Reliquie. In der Abegg-Stiftung werden alle Textilien aus dem Gode­ hardschrein restauriert, darunter ein vollkommen erhaltenes, weißes, gemustertes Altartuch – ein sehr seltener Fund, wie Dr. Schorta betont. Es wird voraussichtlich künftig im neuen Dom­ museum ausgestellt. Ein weiterer Höhepunkt ist ein Stück blaugrundiger Seiden­ stoff mit goldfarbenem, schimmerndem Muster. Er zeigt einen doppelköpfigen Pfau mit erstaunlich überdimensionalen Kral­

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len. Von dem Gewebe mit einst roten Pfauen haben sich im Gode­ hardschrein zwei Abschnitte gefunden. Es scheint, dass in Hildes­ heim einst eine ganze Bahn dieser prunkvollen Seide vorhanden war. Wann und warum? Darauf gibt es keine Antworten. „Bei so einem Fund ist man plötzlich mitten im Mittelalter“, sagt Regula Schorta. Dann fühlt man sich versetzt in Godehards Zeit. Die Direktorin zeigt auf zwei Wachsflecken unten auf dem Textilstück. Auch hier müssen die Restauratorinnen wieder ent­ scheiden: Nimmt man die Flecken weg – oder bleiben sie als Zeit­ zeugnis erhalten? „Das Ziel ist ja nicht, eine schöne Wirkung zu erzielen, sondern der Erhalt des Stoffes. Wenn das Wachs keinen Schaden verursacht, werden wir es wohl nicht entfernen.“

> Im Rahmen einer Sonderausstellung zeigt die Abegg-Stif­ tung vom 27. April bis 9. November 2014 die Textilien aus dem Hildesheimer Godehardschrein. Die Aus­stellung trägt den Titel „Hülle und Zier. Mittelalterliche Textilien im Reliquienkult“ und zeigt zudem das Messgewand des heiligen Bischofs Bernward. Mehr Informationen unter www.abegg-stiftung.ch

Ein verborgener Schatz wird von Dr. Regula Schorta enthüllt: ein vollkommen erhaltenes,

In unvorstellbar präziser Kleinarbeit untersucht und restauriert die Abegg-Stiftung im schweizerischen Riggisberg die Stoffe aus dem Schrein des heiligen Godehard. Die Luftfeuchtigkeit ist deutlich spürbar hier drin, 58 Prozent bei 21,6 Grad. Wir sind im Nassraum der Restaurierungswerkstatt der Abegg-Stiftung. Restauratorin Anja Bayer beugt sich konzentriert über einen Tisch, auf dem ein ledriges, lehmbraun aussehendes Stück Stoff liegt. Davor zwei Schälchen mit braunen Bröseln. Aber Moment: ein Stück Stoff? Als wir näher hinsehen, sehen wir die fragmentarische, fragile Struktur. Fast hat man Angst, der Stoff könne vom bloßen Hinsehen zerfallen. Und tatsächlich ist höchste Achtsamkeit gefragt: Bei jeder Bewegung „wird der Stoff etwas weniger“, erläutert Anja Bayer. Das Textilstück aus dem Godehardschrein wird befeuchtet, damit es sich glättet. Auch hier wird ganz vorsichtig gearbeitet: Grad um Grad wird die Feuchtigkeit intensiviert, bis die Res­ tauratorin erkennt, wie viel der Stoff aufnehmen kann. Bis auf 85 Prozent kann die Luftfeuchtigkeit im Nassraum erhöht wer­

den. Mit Glasplättchen, wie man sie unter Mikros­kope legt, wird das Textil dann Abschnitt für Abschnitt leicht beschwert, damit es sich in Form legen kann. Die seit Jahrhunderten gefalteten und geknüllten Stoffe versuchen immer wieder, sich in die Form zu­ rückzulegen, die sie im Schrein hatten. Das ungeübte Auge muss lange hinsehen, doch Anja Bayer kennt sich aus, zeigt hier ein Stück Naht, dort die Andeutung ei­ nes Medaillonmusters. „Das Muster auf der Rückseite zeigt ver­ mutlich einen Greifvogel“, sagt Dr. Regula Schorta, die Direkto­ rin der Abegg-Stiftung. Wahrscheinlich ist dies das Gewand, in dem der schon wenige Jahrzehnte nach seinem Tod im Jahr 1038 als Heiliger verehrte Bischof Godehard bestattet worden ist. Ur­ sprünglich war es wohl ungefärbte Seide. Die Arbeit der Restauratorin ist eine Mischung aus Puzzle und Detektivarbeit. Sie erfordert neben dem fachlichen Können nicht

weißes Altartuch.

Zunächst werden die Textilien mit einem Pinsel ein erstes Mal gereinigt.

Mit Sauger und Pinzette befreit Friederike Leibe den Stoff von Staub und Dreck.


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Menschen für den Dom

Dombauverein Hohe Domkirche Hildesheim E.V. > Helfen Sie mit, die Zukunft des Welterbes zu sichern! Werden Sie Mitglied im Dombauverein Hohe Domkirche Hildesheim e.V. Kontakt Dombauverein Hohe Domkirche Hildesheim e.V. Domhof 2 · 31134 Hildesheim Telefon 0 51 21 / 307-216 Fax 0 51 21 / 307-214 dombauverein@domsanierung.de www.dombauverein-hildesheim.de Mitgliedsbeiträge 100,- Euro für institutionelle Mitglieder 50,- Euro für Einzelpersonen 25,- Euro für Schüler und Studenten Spendenkonto Volksbank Hildesheim BIC GENODEF1HIH IBAN DE87 2599 0011 4019 7573 00 Sparkasse Hildesheim BIC NOLADE21HIK IBAN DE96 2595 0130 0099 0634 14

Sponsoren >2015 Herzlichen Dank für die Unterstützung der bisherigen Ausgaben des Magazins zur Domsanierung. > BWV, Beamten-Wohnungs-Verein zu Hildesheim eG > EVI, Energieversorgung Hildesheim GmbH & Co. KG > DKM, Darlehnskasse Münster eG > Autohaus Dobbratz, Lamspringe > Bauunternehmen Kubera, Hildesheim > gbg, Gemeinnützige Baugesellschaft zu Hildesheim AG > Schilling Architekten, Köln

In enger Nachbarschaft zu Hildesheim und dem Dom liegt das Kloster Marienrode. Schwester Maria Elisabeth Bücker (67) steht der Gemeinschaft der Benediktine­­r­innen vor, seit das Kloster 1998 eigen­ ständig wurde. Was bedeutet Ihnen der Dom? Der Dom ist für mich DIE Bistums-Kirche. Im Laufe der Jahre habe ich in der Mitfeier verschiedenster Gottesdienste in unserem Dom zugleich eine sehr lebendige Verwurzelung in unser Bistum hinein erfahren. Was zeichnet den Dom als spirituellen Ort aus? Er ist ein Ort der Sammlung im doppelten Sinn: Er sammelt den Einzelnen, und er sammelt die Menschen, die dort miteinander Gottesdienst feiern. Ich bin gespannt darauf, wie und wo das im renovierten Dom erfahrbar wird. Wenn Sie sich eine Begegnung zwischen dem heiligen Benedikt und dem heiligen Bernward vorstellen: Worüber würden die beiden sprechen? Was würden sie wohl gemeinsam bewegen wollen?

Grosse Ehre Das 1200-jährige Jubiläum des Bistums Hildesheim sorgt weit über die Diöze­ sangrenzen hinaus für Aufsehen: Das Bundes­finanzministerium würdigt dieses Ereignis mit einer eigenen Sonderbrief­ marke. 500 Vorschläge gab es für die 52 Marken des Jahres 2015. Das Bistumsjubiläum gehört zu den ausgewählten Themen. Wie die Briefmarke aussehen und welchen Wert sie haben wird, ent­

Sie würden gewiss ihre Freude darüber teilen, auf welch vielfältige und sich er­ gänzende Weise Gott in unserem Bistum gesucht und gefunden werden konnte und gefunden wird. Und sie würden sicher auch ihren tiefen Wunsch und ihre Hoffnung teilen, dass es den Menschen in den Aktivitäten des Jubiläums geschenkt wird, GOTT zu feiern, IHM zu begegnen. Und was würden Sie den beiden gerne sagen oder sie fragen, wenn Sie bei dem Gespräch dabei sein könnten? „Wo liegen aus der Sicht jeweils eurer Berufung die Stärken und Schwächen der Kirche von Hildesheim und was ratet ihr uns?“ Worauf freuen Sie sich bei der Wieder­ eröffnung am meisten? Auf das Wiedersehen mit dem Kreuz in der Bischofsgruft und der Pietà in der Andachts­kapelle. Beide durften wir in den Jahren der Domsanierung in unserem Kloster Marienrode beherbergen. Mit diesem Kreuz und der Pietà war und bleibt wohl auch weiter ein Stück des Domes im Geiste bei uns zu Hause. Was raten Sie einem unruhigen, suchenden Menschen, der im Dom oder in Ihrem Kloster zur Ruhe kommen will, um seinen Weg zu finden? Suche und finde einen Platz, an dem du dich eingeladen fühlst, so wie du jetzt bist, und nimm dir dort Zeit, für dich und für den, der dich dort erwartet. Bitte vollenden Sie den Satz: Der Dom und das Kloster Marienrode sind … … Nachbarn in Gebet und Gastfreundschaft.

ein heiliges

ExpErimEnt

1.200 Jahre Bistum Hildesheim scheidet sich erst in diesem Jahr. Doch darauf wartet man gern angesichts der Ehre, die so eine eigene Briefmarke be­ deutet. Ausgewählt werden nur denk­ würdige Ereignisse, bedeutende Persönlichkeiten oder Bauwerke, außergewöhn­ liches gesellschaftliches Engagement oder eben große Jubiläen. www.bistumsjubilaeum-hildesheim.de

Schutzkleidung für die Arbeiter, Sicherheitsabstand für die Besucher waren notwendig beim Guss der neuen Domglocken.

Spannender als jedes Fussballspiel Ergreifend und spannend – so erlebten rund 100 Gläubige aus dem Bistum Hildesheim den Guss der sechs neuen Domglocken. Eine helle Flamme lodert über dem Schmelzofen. 1100 Grad heiß ist die flüssige, brodelnde Bronze. Vorsichtig wird sie durch gemauerte Rinnen in Lehmformen geleitet, die vier Meter tief im Boden stecken. Ohne Schutzanzug kann sich niemand der rotgoldglühenden, gleißenden Masse nähern. Bei der Arbeit ist durchgehend höchste Präzision und Umsicht gefordert. Ein einziger Fehler – ob beim Fertigen der Formen oder beim Guss – macht die Glocke unbrauchbar. Dann müsste sie noch einmal vollkommen neu gegossen werden. Keine halbe Stunde dauert es, bis alle sechs Formen gefüllt sind. Das Ergebnis sehen die Hil­ desheimer an diesem Tag nicht mehr – die Glocken müssen erst aushärten und abkühlen. Mehrere Wochen werden vergehen, bis die Lehmformen geöffnet und die Glocken begutachtet werden. Doch das macht den Gãsten nichts aus. Ergriffen sind sie, tief be­ wegt und glücklich, den Guss miterlebt zu haben. „Diese Glocke

wird noch in 500 Jahren läuten“, sagt Godehard Höweling, der Bä­ cker des traditionellen Domstollens. „Und ich war dabei. Das ist toll!“ Eine Teilnehmerin freut sich: „Wenn ich künftig über den Domhof gehe und die Glocken läuten, dann werde ich immer an diesen Moment denken.“ Auch Weihbischof em. Hans-Georg Koitz und Domdechant Wolfgang Osthaus sind gerührt. „Ich habe die Dom­glocken in Freud und Leid gehört“, sagt Domkapitular Osthaus. „Dass sie jetzt um sechs Glocken ergänzt werden – das ist für mich eine große Ehre.“ Und der Weihbischof findet den Glockenguss „total ergreifend – und spannender als jedes Spiel der Fußball- oder Handball-Nationalmannschaft“. Über der Weltkulturerbe-Stadt Hildesheim erklingt der feier­ liche und fröhliche Glockenklang erstmals zur Wiedereröffnung des Domes am 15. August. Danach sind alle Glocken nur bei be­ sonderen Gelegenheiten gemeinsam zu hören: bei den Hochfes­ ten wie Weihnachten und Ostern, bei besonderen Bischofsmes­ sen, bei der Wahl eines Papstes oder wenn Hildesheim einen neuen Bischof bekommt. Weil diese Gelegenheiten eher selten sind, sollten die Hildesheimer und ihre Gäste also immer dann, wenn das volle Geläut erklingt, besonders aufmerksam die Oh­ ren spitzen und den Moment auskosten.

> Die Glockenweihe der sechs neuen Glocken ist für den 14. Mai 2014 vorgesehen. Die Uhrzeit wird in der Presse bekanntgegeben.


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Dr. Carsten Witzel positioniert den Knochen für die Untersuchung.

Rüstig bis ins hohe alter Der heilige Bischof Godehard, der zu den Bistumspatronen gehört, wurde jetzt im Hildesheimer St. Bernward Krankenhaus untersucht. Genauer gesagt: einige Reli­ quien des 1038 gestorbenen Heiligen.

In einer quadratischen Metallbox liegen die Knochen des heiligen Godehard sicher verpackt und mit viel Schaumstoff geschützt. Zwei Fragmente vom Oberschenkel und ein Stück Fersenbein wer­ den heute im Computertomographen untersucht. Ganz vorsichtig nimmt sie Dr. Carsten Witzel, Paläo-Anthropologe an der Universi­ tät Hildesheim, aus der Transportkiste und legt sie auf die lange Lie­ ge. Auf den ersten Blick könnte man denken, da liegt ein Stück Holz, so dunkel wirken die Knochen. Aber auf den zweiten Blick erkennt man, wo das Knochenmark im Oberschenkelknochen gewesen ist. Nun müssen alle den Raum verlassen, denn die Strahlen des CT sollen die anwesenden Gäste nicht unnötig belasten. Langsam steu­ ert Daniela Uhde, Gruppenleiterin CT, die Liege unter den Bogen des Gerätes, um das erste Stück zu scannen. Bis zu 100 Bilder vom Fersenbein und 300 bis 400 von den Oberschenkelknochen entste­ hen in wenigen Sekunden, erläutert Uhde. Sie werden dann vom Computer übereinandergelegt und ergeben ein dreidimensionales, bewegliches Bild vom Knochen. Der Bildschirm ist zunächst einmal schwarz. Denn die Knochen sind in der Breite beziehungsweise Län­

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ge nur zwischen fünf und zehn, vielleicht zwölf Zentimeter groß. Dann lässt Uhde wie aus einem Nebel durch die Anpassung der Computereinstellungen die erste Reliquie sichtbar werden: „Das sieht ja noch gut aus“, ist der erste Eindruck von Witzel, der die Reliquien des heiligen Godehard gemeinsam mit einem Kollegen untersucht, seit der Godehardschrein im Zuge der Domsanierung den Dom verlassen hat und seinerseits ebenfalls umfassend res­ tauriert wird. Auch Oberarzt Dr. Axel Wisotzki ist beeindruckt und berichtet den Gästen, dass der heilige Godehard vermutlich ziemlich alt ge­ worden ist. „Wenn er etwa einen Tumor gehabt hätte oder Metas­ tasen, dann könnte man das an dem Knochen noch sehen.“ Dies ist jedoch nicht der Fall. Die umfassende Auswertung der Untersuchung erfolgt in den kommenden Wochen und fließt in den Abschlussbericht ein. Doch bereits jetzt steht fest, dass die überlieferte Vita des Heili­ gen stimmt: Godehard – sein Geburtsjahr wird um 960 vermu­ tet – ist ziemlich alt geworden und er war „noch sehr rüstig“, sagt Dr. Carsten Witzel. So ungewöhnlich war das auch im Mittelalter nicht, erklärt der Paläo-Anthropologe. „Wenn jemand sein Leben lang körperlich tätig war, ohne sich zu überlasten, und sich gut und gesund ernährt hat, konnte er sehr alt werden.“ Von Gode­ hard ist überliefert, dass er schon als junger Klosterschüler jeden Tag eine Stunde zur Klosterschule marschierte und eine Stunde zurück. Und bis ins hohe Alter war der umtriebige Reformator vieler Klöster und beliebte Bischof von Hildesheim aktiv. Das Bistum Hildesheim wurde bei der Untersuchung ver­ treten durch Weihbischof em. Hans-Georg Koitz, Professor Dr. Michael Brandt, Direktor des Dommuseums, und Dr. Thomas Scharf-Wrede, Direktor des Bistumsarchivs, der für das Protokoll darauf achtete, dass mit den Reliquien sorgsam und fachmän­ nisch umgegangen wurde und am Ende alle wieder sicher in der Transportbox verstaut wurden. Weihbischof Koitz zeigte sich sehr interessiert an der CT-Untersuchung: „Es ist beeindruckend, welche technischen Möglichkeiten die Wissenschaft und Medizin heute haben. Den heiligen Godehard, so über eine Brücke von 1000 Jahren, zu erleben, hat mich sehr berührt.“ Durch die neuesten Untersuchungen lassen sich viele Fragen rund um den heiligen Godehard beantworten und viele schon bekannte Erkenntnisse vertiefen. Zur Wiedereröffnung des Hil­ desheimer Domes wird auch der Godehardschrein wieder in die Bischofskirche gebracht. Er wird derzeit in einer Werkstatt am Domhof umfassend restauriert. Ermöglicht wird dies mit Spen­ den durch den Hildesheimer Dombauverein.

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Restaurator Uwe Schuchardt öffnete 2009 den Godehardschrein.

Der Knochen verrät einiges über Godehards Gesundheit.

Dr. Wisotzki erklärt Weihbischof em. Koitz die Untersuchung.


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Musikalische Vorfreude Zwei Orgeln wird der neue Dom haben: eine kleine Chororgel im Kirchenschiff und die große Domorgel, die wie ein Schwalbennest über der Bernwardstür schweben soll. Dass beide perfekt klingen, liegt in den Händen der Orgelbaufirma von Roman Seifert in Kevelaer. Orgelbauer Roman Seifert (li.) prüft die Dichtungen der Stockbretter.

Wohin man auch blickt: Hildesheimer Orgelteile. Auf langen Regalen. Auf Arbeitstischen. In den Ecken und an den Wänden. Pfeifen, Windladen, Wellenbretter, Trakturen. Und was nicht alles noch, unzählige Einzelteile – über 100.000. Rund 80 Prozent der alten Domorgel werden für die neue große Domorgel wiederver­ wendet – aber generalüberholt. Jedes einzelne Teil geht durch die Hände von Roman Seifert und seinem Team. Die Domorgel wird erweitert und umgebaut. Technisch wird sie fast komplett neu gebaut und an die neue Akustik im sanierten Dom angepasst. In der Halle von Orgelbau Seifert steht bereits das Gehäuse der neuen, kleineren Chororgel für den Dom. Gut sechs Meter hoch und noch ohne Pfeifen darin, sieht die Chororgel wie ein kleines Holzhaus aus. Und tatsächlich können Dommusikdirektor Tho­ mas Viezens und Domkantor Dr. Stefan Mahr, beide auch Or­ gelsachverständige des Bistums, bei einem Werkstattbesuch ins Innere des Orgelbaus klettern und sich davon überzeugen, dass alles einwandfrei und planmäßig ge- und verbaut worden ist. Das Gehäuse der Chororgel besteht aus hellem Eichenholz. Es wird auch für die große Domorgel verwendet. Eiche und Fichte sind die Hölzer, mit denen Seifert am liebsten arbeitet. Nicht nur wegen ihrer guten Klangeigenschaften, sondern weil sie nicht so leicht von Schãdlingen befallen werden, wie er erläutert. Und weil die Hölzer so traditionsreich sind, dass es gut zur Qualität der wertvollen Instrumente und zu ihrer Bedeutung passt. In einem Teil der Werkstatt ist der Spieltisch aufgebaut. In ei­ nem anderen Raum ist die Arbeit am Klang der Pfeifen – die Into­ nation – in vollem Gange. Einige stehen schon spielbereit da. Die beiden Dommusiker lassen sich die Gelegenheit nicht entgehen, ihnen schon einmal ihre Töne zu entlocken, auch wenn der klang­ liche Feinschliff, die endgültige Intonation der Orgel, erst nach dem Aufbau im Dom erfolgt. Beiden huscht ein Strahlen übers Gesicht, als sie die ersten Notenfolgen spielen. Schon jetzt freuen sie sich darauf, wenn die Orgel endlich im Dom steht: „Jeder erste Ton an einem neuen Instrument und im neuen Raum wird beju­ belt“, sagt Viezens. Die Chororgel ist im Dezember 2013 schon im Dom aufgebaut worden. Und auch die Hauptorgel wird inzwischen im Dom in­ stalliert.

Während der Montage der Chororgel ist die Technik noch sichtbar.

> Einen Zeitrafferfilm zur Aufstellung der Chororgel finden Sie unter: www.domsanierung.de/aufbau-chororgel

Das Magazin zur Domsanierung (1/2014, Nr. 13)  

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