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69. Jahrgang, 3. Folge, 2016

Dlnsp. ROL Cäcilia Kaltenböck

Kann man Religion lehren/unterrichten?

„Lehren“ = „wissen machen“ – Kann man das im Religionsunterricht? Was „richten“ wir im Unterricht? (= „Regelmäßiges Vermitteln von Kenntnissen“) Wenn diese Deutungen von „lehren“ und „unterrichten“ auch nicht nur für den Religionsunterricht gelten, so sind sie doch wert, näher betrachtet zu werden. Der Religionsunterricht an unseren Schulen ist Teil der Wissensvermittlung, die zur Bildung des Menschen unerlässlich ist. Und deshalb ist der Anspruch an den Religionsunterricht (nicht nur den katholischen!) zur demokratischen Entwicklung unserer Schule unerlässlich. Es erscheint uns in dieser Ausgabe unseres CLEForums nötig, dass wir als christliche LehrerInnen den Religionsunterricht und die ReligionslehrerInnen näher betrachten. Basierend auf dem Auftrag Jesu: „Geht [...] und verkündet allen Völkern [...] und dem Grundsatzparagraphen der Schule: „Die österreichische Schule hat den Auftrag [...] nach den Werten des Wahren, Guten und Schönen [...]“ haben wir zu unterrichten. Was bedeutet dies für uns LehrerInnen? Lehren kann man nur, was man selber weiß. Nun ist beim Religionsunterricht noch mehr gefordert: ReligionslehrerInnen geben nicht nur ihr Wissen von Gott und Seiner Geschichte mit den Menschen weiter, sie bezeugen auch ihren Glauben. „Glauben“ hat mit „für lieb halten“, „gutheißen“ zu tun: ReligionslehrerInnen sollen gläubig sein, d. h. vertrauensvoll, vom Glauben erfüllt sein. Dies zu sein, zu werden, ist eine Lebensaufgabe, zu der – auch christliche LehrerInnen und ErzieherInnen berufen sind! Ich wünsche Ihnen, dass Sie erfüllt seien von der Gnade und Liebe unseres Gottes, sodass Sie in diesem neuen Schuljahr Seine Liebe, Kraft und Barmherzigkeit an Ihre SchülerInnen weiter geben können!

Christlich

Religionsunterricht als Wegweisung

Lebensnah Werteerziehung

Engagiert

Religionslehrerausbildung

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Religionsfreiheit Religion ist Privatsache. Das klingt eingängig. Denn Religion ist natürlich etwas Privates und Intimes. Doch Religion lebt auch von der Gemeinschaft. Glaube wird gemeinsam praktiziert. An öffentlichen Orten, die für alle frei zugänglich sind. Es ist keine Selbstverständlichkeit, dass Religion auch in der Öffentlichkeit gelebt werden darf. Der evangelische Glaube wurde in Österreich erst nach dem kaiserlichen Patent von 1781 toleriert. Zuvor mussten die evangelischen Bauern ihren Glauben gänzlich privat, ja im Geheimen leben und ihre Bibeln in den Stuben verstecken. Erst die Französische Revolution brachte die Religionsfreiheit für alle als Menschenrecht. Jede und jeder soll seine Religion frei leben kön-

nen, keine Religion soll über der anderen stehen. Und Religionsfreiheit heißt auch, seiner religiösen Überzeugung öffentlich Ausdruck geben zu können, ohne dafür verfolgt oder gemaßregelt zu werden. Deshalb ist der Staat allen Religionen gegenüber neutral. Nichts anderes bedeutet der Gedanke der Trennung von Kirche und Staat. Wer Religion nur mehr im Privaten sehen will, verschämt gelebt in den eigenen vier Wänden, der vergisst, dass die öffentliche Präsenz Religionen auch ins Gespräch zwingt, in dem sie gegenüber der Öffentlichkeit rechtfertigen müssen, was sie bewegt. Religion als Privatsache ist kein Mittel gegen Fanatismus und Radikalisierung, denn die gedeihen am Besten in geheimen Hinterzimmern.

Michael Chalupka (geb. 1960) ist evangelischer Pfarrer und seit 1994 als Direktor der Diakonie Österreich tätig. Er ist einer der Mitinitiatoren der Armutskonferenz (1995) und des Wiener Spendenparlaments (1998). Seit 2000 ist er als Präsident des Österreichischen Komitees für Soziale Arbeit (ÖKSA) tätig und war zwischen 2003 und 2006 Vorstand der Stiftung „Nachbar in Not“. Seine wöchentliche Kolumne „Von Gott und der Welt“ erscheint in der Samstags-Krone. Quelle: http://blog.diakonie.at/tags/kolumne-von-gott-und-der-welt

Herzensbildung Frage: Was ist das Wichtigste, was man Kindern als Rüstzeug mitgeben kann? „Das Wichtigste ist Herzensbildung!“ (Mag. Dr. Eveline Steinberger-Kern, globale Unternehmerin; ihre „Blue Minds Company“ arbeitet in den Bereichen Energietransformation, Innovation)

„Jemand kann auf seinem Fachgebiet eine innovative Koryphäe sein und auf vielen anderen wichtigen Gebieten eine absolute Null und lassen Sie mich noch sagen, dass Bildung überhaupt erst wirklich etwas wert ist, wenn sie auch Herzensbildung beinhaltet.“ (André Heller im Kurier-Interview am 19.6.2016)


Grüß Gott … liebe Leserinnen und Leser!

Ich erinnere mich an die Reaktion des Kaplans meiner Heimatpfarre, als ich ihm mitteilte, Religionslehrer werden zu wollen: „Fritze, bist du wahnsinnig, das willst du dir antun?!“ 40 Jahre später, kann ich mit gutem Gewissen sagen: Der „Wahnsinnige“ hatte richtig gehandelt, diese Entscheidung, trotz auch erlebter Tiefs, niemals bereut. – Auch nicht im Wissen darum, dass „in der Kirche nicht alles Gold ist, was glaubt, hier unbedingt glänzen zu müssen.“ Der gegenwärtig ideologische „Seitenwind“ einiger Parteifraktionen und Gruppierungen gegen den Religionsunterricht und auch aus den eigenen Reihen ist total fehl am Platz. Einerseits werden die Integration von Kulturen und deren Bekenntnisse in unserem Land von Politik und Kirche großartig betont und eingefordert, andererseits von Partei-Ideologen als Behinderung im Schulalltag hingestellt. Wenn die auch aus eigenen Reihen forcierte „Rückzugstaktik“ so weitergeht, spielen wir den Ideologen genau das in die Hände, was sie erreichen wollen. – Wir schießen uns selbst ins Knie und sind verwundert, nur mehr daher- bzw. hinterherzuhinken und beklagen „nebenbei“ zusätzlich noch den Glaubens-Analphabetismus… Ideologische Argumente gegen den Religionsunterricht sind leicht widerlegbar – vorausgesetzt, man will es! „Der Religionsunterricht verursacht Probleme beim Stundenplan und mit einem ‚feiertagsbedingten Abteilungsunterricht’.“ Diesbezügliche Probleme verursachen auch Fächer wie Hauswirtschaft, Textiles Werken, etc. deren LehrerIn ebenso an Zweit- bzw. Drittschulen unterrichten. Die Einführung der NMS verschärft die Situation aufgrund der Einbindung mehrerer PartnerlehrerInnen aus einem weiteren Schultyp zusätzlich. – Dieses Problem kann nicht alleine dem Religionsunterricht angelastet werden. Mit welcher Berechtigung wird die Verschiedenheit religiöser Feiertage der Konfessionen kritisiert, deren Integration wir letztlich wollen? „Feiertagsbedingter Abteilungsunterricht“ lässt sich mit etwas Improvisations- und Pädagogen-Geschick ohne den geringsten Lernverlust bei den einzelnen SchülerInnen verwirklichen. „Die pädagogische Relevanz des Religionsunterrichts ist zweifelhaft.“ Diese Behauptung müsste konsequenterweise dann alle Pflichtgegenstände betreffen. „ReligionslehrerInnen leiden unter einem Legitimationsdruck.“ Pädagogische Relevanz und Unterrichtserfolg sind in jedem Pflichtgegenstand von der Persönlichkeit der ihn unterrichtenden Lehrkraft abhängig. „Die Forderung einer Trennung von Staat und Kirche.“ Dem widerspricht das Gutachten des Staatsrechtsexperten Wolfgang Böckenförde: „Der weltanschaulich neutrale demokratische Staat, ... lebt von Werten, die er selbst weder schaffen noch garantieren kann. Er ist auf die großen Werte-Spender angewiesen, die jene Werte, die er zu seinem Leben und Überleben braucht, verlässlich und nachhaltig einbringen. Das sind vor allem die Religionen. Staat und Gesellschaft sind gut beraten, den Religionen einen vorrangigen Platz überall dort einzuräumen, wo

es um Vermittlung bzw. Aneignung von Werten geht. So gesehen hat konfessioneller Religionsunterricht seine Stärken, nämlich die Abschätzbarkeit seiner Inhalte.“ Demzufolge ist es nicht egal, welche religiösen Werte oder ob es zunehmend politische Ideologien sind, die in die staatliche Gesetzgebung einfließen. Von Negativfolgen für das demokratische Staatsgefüge, bis hin zur Scharia, wären alle Wege offen, würde der Staat Religion(en) und deren Unterrichtstätigkeit in den „Privatbereich“ verbannen. Medienberichte zeigen weltweit solche Folgeerscheinungen auf. „Es gibt ja das Unterrichtsfach Soziales-Lernen.“ Grundsätzlich beinhaltet jede pädagogische Tätigkeit in allen Unterrichtsfächern auch „Soziales-Lernen“. Wo dies nicht der Fall ist, fehlt tatsächlich „pädagogische Relevanz“. – Der elterliche Erziehungsauftrag miteingeschlossen! – Vor dem Gesetz gibt es zwar Erziehungs-Berechtigte, aber häufig sind es eher ErziehungsVermeintliche. Wer die Evangelien genauer liest, wird feststellen, dass Jesu Botschaft und sein Wirken immer mit „sozialem Lernen“ in Verbindung stehen. – Zu biblischen Zeiten gab es diese ministerielle Wortschöpfung halt noch nicht. Den Höhepunkt bilden hier die Bergpredigt (Mt 5,1–7,29) und „Goldene Regel“ (Mt 7,12), der wir mit anderen Worten, in allen Weltreligionen begegnen. Als grundlegendes Ethikprinzip formulierte Immanuel Kant (1724–1804) den Kategorischen Imperativ: „Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde.“ Es ist inakzeptabel, ja paradox, wenn einzelne LokalpolitikerInnen zwecks (eigener?) Profilierung meinen, unser christliches Kulturerbe ignorierend, Religion zur Privatsache degradieren zu können. Parallel dazu wird über orientierungsloses Verhalten Jugendlicher in Schule und Gesellschaft fern aller effektiver Problemlösungsangebote lamentiert. HR Mag. Franz Asanger: „Eine Religionskunde oder ein Ethikunterricht für alle“ würde [...] ohne wesentliches Zutun der Kirchen und Religionsgemeinschaften auskommen [...] wollen. Fällt der konfessionelle Religionsunterricht, wären die Religionen als Gesprächspartner für Staat, Parteien und PolitikerInnen weitgehend unerheblich: Kirche und Staat würden sich nicht mehr auf der institutionellen Ebene treffen, sondern nur mehr auf der informellen. [...] Letztlich ist der konfessionelle Religionsunterricht aber nicht für den Staat die größte Herausforderung (wegen der unbestritten hohen Kosten, die er verursacht) und auch nicht für die Schul-Organisation (wegen der diversen Parallelgruppen, die es zu organisieren gilt), sondern für jede einzelne/n ReligionslehrerIn und damit für die Kirchen und Religionsgemeinschaften.“ Mit ansteigender Zahl von Nachmittagsbetreuungen wäre ein „neuer“ SEEL-SORGE-Bereich außerhalb des Unterrichtsgeschehens (auch) für Diakone, Pastoralassistenten denkbar ... Russland, von dem es kaum zu erwarten gewesen wäre, führte mehr als 90 Jahre nach dessen Abschaffung das Fach Religionsunterricht mit mehreren religiösen Wahlfächern sowie den Ethikunterricht an allen Schulen ab dem Schuljahr 2012/13 landesweit ein. – Warum wohl? 1) meint SR Friedrich Lawitzka CLE-NÖ-Landesobmann Homepage: www.cle-noe.at 1)

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Büro: office@cle-noe.at Privat: fritz.lawitzka@gmx.at


Thema

Wenn Gott in die Schule geht Religiöse Bildung als Beitrag zur Entwicklung einer demokratischen Schule So lautete der Titel der Antrittsvorlesung von Univ.-Prof. MMag. Dr. Andrea LehnerHartmann, Professorin für Religionspädagogik und Katechetik und Vorständin des Instituts für Praktische Theologie im Kleinen Festsaal der Universität Wien am 21. Juni 2016. In der Zeitschrift des Erzbischöflichen Antes für Unterricht und Erziehung „Im Dialog“ (ehemals: „Von uns für Sie“) wurde Frau Dr. Lehner-Hartmann unter anderem auch die Grundsatzfrage gestellt: „Was soll/kann der Religionsunterricht heute leisten?“ Ihre Antwort – kurz zusammengefasst: „Der Religionsunterricht ist vielfältig herausgefordert. Er soll im Fächerkanon mit all den Neuerungen – Stichwort Kompetenzorientierung – mithalten und mit den Fragen an Religion offensiv und kreativ umgehen.“ Für mich als langjährige Fachinspektorin und als solche Begleiterin der ReligionslehrerInnen an APS ist diese Antwort genau das, was ich jahrelang beobachten konnte: eigentlich die Quadratur des Kreises. Der Religionsunterricht – ich spreche nicht nur vom katholischen – ist durch das Religionsunterrichtsgesetz (übrigens das erste Gesetz nach 1945!) in unseren Schulen verankert. Die Novellen haben eine Anpassung an die gesellschaftlichen Veränderungen gebracht. Näheres ist nachzulesen, ich möchte hier vorwiegend die Stellung der ReligionslehrerInnen und der ihnen anvertrauten SchülerInnen beleuchten. Wie sieht also die Praxis in unseren Pflichtschulen aus? Schule spiegelt immer schon sehr deutlich Strömungen und Tendenzen unserer Gesellschaft. So haben wir deutlich zu unterscheiden, wo – nicht nur der Religionsunterricht – angeboten wird: in Kleinschulen in wenig strukturierten ländlichen Gegenden oder im Schulcampus in oder nahe der Großstadt. Niederösterreich hat beides: 2 Diözesen (ED Wien und St. Pölten), Großraumschulen und Kleinschulen. Wenn in den Städten der Prozentsatz der praktizierenden Christen kaum an die 10 % herankommt, finden wir in kleineren Orten – noch – fast 100 % der Bevölkerung in den Sonntagsmessen. Dementsprechend verteilt sich das ehrliche Interesse an Religion und religiöser Erziehung der – weniger werdenden – Kinder. Wenn heute in den Schulen der Bezirksstädte nicht nur der katholische Religionsunterricht in den Stundenplänen „unterzubringen“ ist, sind die Stundenplan-Ersteller gefordert, die erste „Quadratur des Kreises“ zu schaffen: Die Platzierung der Religionsstunden innerhalb der Unterrichtsfächer ist mitentscheidend für die Qualität der Religionsstunde. Die zweite „Quadratur des Kreises“ stellt die Tatsache, dass ReligionslehrerInnen trotz ihres Glaubens an die Drei-

faltigkeit Gottes nicht der Bilokation oder sogar Trilokation fähig sind. Ein großes Lob sei hier allen DirektorInnen und KollegInnen gesagt, die dies bei der Stundenplanerstellung bedenken. ReligionslehrerInnen haben oft lange Wege zur Zweitoder Drittschule auf sich zu nehmen. (Ich kenne ReligionslehrerInnen, die an vier, ja fünf Schulen unterrichten, um ihre volle Lehrverpflichtung erfüllen zu können!) Die Stundenplan-Ersteller dieser Schulen sind wahre Meister der Koordination! Die dritte „Quadratur des Kreises“ ergibt sich aus den vorher genannten: SchülerInnen sind begrenzt aufnahmefähig, LehrerInnen auch! Wir wissen, dass 90 % unseres Denkens nicht von Logik, sondern von Wahrnehmung und Erfahrung abhängen. Wie sieht der Religionsunterricht – und nicht nur dieser – in unseren Schulen aus? Wann und wie oft dürfen SchülerInnen Erfahrungen mit ihrer Religion – und vielleicht gar auch mit anderen Religionen – machen? Damit komme ich zur vierten „Quadratur des Kreises“: Nachhaltigkeit des Gelernten bedarf nicht nur der Wiederholung, sondern auch der Weiterentwicklung, der Offenheit für Neues. Ein hohes Lob all jenen – auch hier nicht nur den ReligionslehrerInnen – die in den uns anvertrauten SchülerInnen immer wieder das Interesse am Nächsten, am Neuen, am Anderen, an Gott und Seiner Geschichte mit den Menschen zu wecken vermögen! Alle diese Herausforderungen (die „Quadraturen“ ließen sich noch lange fortsetzen) gelingen nur gemeinsam! LehrerInnen, Eltern und SchülerInnen haben in Beziehung zueinander zu kommen – wie der Dreifaltige Gott Beziehung, Liebe, Einigkeit ist. Nur wenn wir alle zueinander schauen, aufeinander hören, miteinander leben und feiern, werden wir – auch nicht nur durch den Religionsunterricht, egal welcher Konfession, an einer sinnvollen, friedlichen Zukunft unserer SchülerInnen mit bauen können! Diözesaninspektorin ROL Cäcilia Kaltenböck

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Thema

Werteerziehung Man liest und spricht heute oft von „wertfrei“ und darf sich nicht wundern, wenn wertfrei mit wertlos gleichgesetzt wird. Es ist üblich geworden, Leistungen zu bewerten, Chancen zu bewerten, eine Währung (aber auch Menschen) auf- oder abzuwerten. Gibt es noch Werte, die in unserem Unterricht, im Miteinander von LehrerInnen und SchülerInnen, von LehrerInnen untereinander, im Umgang mit unseren Vorgesetzten, im Umgang mit den Eltern, also in der Schulgemeinschaft, allgemeine Geltung haben? Im Grunde sind Werte etwas sehr Persönliches, denn jeder entwickelt im Laufe seines Lebens seine subjektive Wertskala. In Analysen von Meinungsforschern wird auf das „Selbstbewusstsein“ der gegenwärtigen Gesellschaft verwiesen und auf den herrschenden Pluralismus. Der freie „mündige“ Bürger bedient sich am Markt der Werte und verfügt je nach Lust und Laune. Aber streben die Menschen wirklich nur noch an Selbstverwirklichung oder gibt es etwas über diesen Egoismus hinaus? Jede funktionierende Gesellschaft braucht als Fundament einen einigermaßen stabilen Konsens über Grundwerte. Die Entrüstung etwa bezüglich Kindesmissbrauch und die allgemeine gesellschaftliche Ablehnung zeigt, dass wenigstens minimale moralische Standards noch konsensfähig sind. So wie wir langsam begreifen, dass wir unsere materiellen Ressourcen überstrapaziert, dass wir über unser Verhältnisse gelebt haben, genauso sollte uns bewusst werden müssen, dass unsere geistigen Ressourcen, unsere Kultur, unser mitmenschlicher Umgang miteinander auf eine neue Basis gestellt werden müssen. Wie gesagt, eine pluralistische Gesellschaft bezeichnet sich selbst (besonders in den Medien) gerne als „wertfrei“, jeder einzelne Bürger aber stöhnt auf, wenn der Wert seiner Person in Frage gestellt wird, ja sogar bedroht wird: wenn seine „Würde“ angetastet wird! Denn die Würde ist Bedingung des Wertens, sie setzt die Anerkennung des Werts der Freiheit voraus, sie postuliert die freie und redliche Meinungsäußerung wie die Anerkennung der Freiheit des Anderen und dessen Recht auf eigene Meinung und Überzeugung. Es geht heute daher mehr denn je um die Unterscheidung von Notwendigem und Überflüssigem. Und es geht um einen möglichst breiten Konsens bezüglich jener Wert-

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vorstellungen, die das Notwendige, also das was Not zum Besseren wendet, zu sichern.

Wie sehen wir unser Zusammenleben? Die Probleme von heute erfordern ein höheres Maß an Gemeinschaft, an Zusammenarbeit, an Solidarität, an Verantwortlichkeit. Eine fragmentierte Gesellschaft mit einsamen Individuen wird auf Dauer nicht leistungsfähig sein. Eine Demokratie besteht nicht nur aus „Rechten“, sie braucht unglaublich viele „Tugenden“. Noch nie hat es eine Gesellschaft gegeben, die in der Lage war, der nächsten Generation solche Chancen zu bieten. Aber wenn Familien in der traditionellen Form etwa in den Ballungsräumen bald in der Minderzahl sind, bedeutet das Versagen von Normalität, Alltagsroutine (Ordnungsrahmen), Geborgenheit, Ruhe, Zuwendung, Vor- und Leitbildern und Tradition. Diese Gesellschaft zelebriert eine Sensibilität und versteckt dahinter eine beträchtliche Brutalität gegenüber ihren Kindern. Sie lebt den jungen Menschen schließlich auch den entsprechenden Lebensstil vor! Aktuell stellt sich die Frage, wie man den zumeist jungen Flüchtlingen und MigrantInnen möglichst rasch „unsere“ Werte bekannt machen kann und soll. Entsprechende Wertekurse wurden eingerichtet und Unterrichtsmaterialien dazu erarbeitet. Auch anlässlich des Brexit beginnt das Nachdenken darüber, ob Europa nicht mehr ist als die regulatorische EU. Doch was sind „europäischen Werte“? Und wie sollen sie vermittelt werden? In TV-Serien europäischer Sender sind Scheidungen, Patchworkfamilien und kinderlose Frauen wesentlich häufiger als in der Realität. Die Darstellung einer traditionellen Familie sichert keine Quoten, möge man einwenden. Aber die Außenwirkung, das Signal an Menschen aus anderen Kulturen, ist fatal. Österreich ist ein Land, das sehr viel Geld für Familienförderung ausgibt. Gleichzeitig sinkt die Geburtenrate und steigt die Kinderfeindlichkeit. Um Frauen für den Erwerb voll zur Verfügung

zu haben, begraben so manche die Träume vom eigenen Nachwuchs. Sind mittlerweile nur noch Geldverdienen und Shoppen, also Konsum zu einer Art Ersatzreligion geworden? Die Gleichstellung und die persönliche Freiheit der Frau sind eine große Errungenschaft, lautet der Konsens. Allerdings ist die Frau auch beliebtes (Sex-)Objekt in der Werbung und in vielerlei Hinsicht benachteiligt. Wie sieht es mit der Würde der Frau wirklich aus? Gibt es die Gleichstellung auch in der Praxis? Und wie weit reicht die Selbstbestimmung? Ist sie mehr wert als das Leben eines Ungeborenen? Der Wert des Lebens an seinem Anfang und an seinem Ende ist ein Thema, bei dem in europäischen Gesellschaften noch großer Diskussionsbedarf herrscht. „Aufklärung, Trennung von Religion und Staat, Toleranz – auf all diese Errungenschaften und Werte sind wir in Europa sehr stolz. Zu Recht, wenn man sich unsere Geschichte oder aktuell das Grauen im Nahen Osten vor Augen hält. Mittlerweile ist es, zumindest in Österreich, mit dem Motto „Religion ist Privatsache“ jedoch so weit gediehen, dass man alles Religiöse aus Schule und öffentlichem Raum verdrängen will, man über das, was anderen „heilig“ ist, gern spottet – zumindest, wenn es ums Christentum geht.“ (Gudula Walterskirchen, Die Presse, Juli 2016)

LehrerIn als MoralerzieherIn Zumindest im Religionsunterricht wird alles unternommen, dieses Werte-Chaos zu ordnen. Wenige Stunden in der Woche sind aber nicht zufriedenstellend, bedenkt man die enormen Einflüsse durch geheime Miterzieher, allen voran seien die sozialen Medien genannt. PädagogInnen berichten aber laufend, dass gerade deshalb sich Kinder hilfesuchend an sie wenden, eben weil sie (nur) zu ihnen Vertrauen haben. Alle LehrerInnen betätigen sich permanent als Moralerzieher: Sie geben Anweisungen, bewerten das Verhalten der Kinder, sie steuern die Sozialbeziehungen innerhalb der Klasse. Oft tun sie die unbewusst – ihre


Thema SchülerInnen registrieren es aber! Kinder bilden sich genauso wie Erwachsene ihre eigene Meinung über Werte, dies geschieht spontan und wird erst langsam zu einem Gedankengebäude zusammengefügt. Jede pädagogische Anleitung in diesem Sinne kann helfen diese Werturteilskompetenz zu fordern und zu fördern, etwa durch gezielte Denkanstöße, wie sie im Religionsunterricht permanent geschieht.

Nicht die Werte sind zu lehren, sondern das Werten Pädagogik ist also ohne Werterziehung gar nicht möglich. Wo man es versucht, da wird Erziehung nicht norm- oder wertfrei; vielmehr entartet sie zu willkürlichen Normsetzungen. Der Hinweis auf ein pluralistische Gesellschaft, auf Demokratie und demokratische Freiheit rechtfertigt nicht wertfreie Erziehung, sondern im Gegenteil, sie fordert sie nachdrücklich! Der Sinn jeder gesellschaftlichen Verfassung besteht doch gerade darin, dem Menschen als eigenständige Person von ihm selbst zu verantwortende Werte zu ermöglichen. Das schließt die Frage nach Werterziehung ausdrücklich ein. Denn der mündige Mensch definiert sich durch sinngebendes Werten. Allerdings muss Werterziehung als pädagogische Führung ohne Zwang gesehen werde und als Ziel aller Bemühungen die verantwortungsvolle Selbstbestimmung auf begründetes Werten sieht. Richtige Erziehung setzt somit auf das Gewissen des Menschen, das nötigt auf dieses zu hören, denn SchülerInnen sollen eine Werturteilsfähigkeit aufbauen, die ihnen hilft, mit ihrer Vernunft Werte anzunehmen – Werte als Ziele richtigen Wollens und Handelns! Durch das Begründen und Argumentieren ist der/die LehrerIn Vorbild und Beispiel für eine positive Werthaltung, indem er den jungen Menschen jederzeit respektiert, also ernst nimmt. Das Wort allein überzeugt nicht, es überredet möglicherweise nur! Das Vorbild, das Wirken, die Tat, das gemeinschaftliche Erleben überzeugt! Es gibt keine Strategien, die Erfolg versprechen. Gefordert ist der persönliche Einsatz durch Vorbild und Haltung und ein Umgang zwischen Erzieher und den zu Erziehenden unter dem Prinzip eines dialogischen Umgangs miteinander. Daher sind neben der Persönlichkeit von LehrerInnen Tugenden einer besonderen pädagogischen Haltung gefordert, die sind:

Verantwortung, Glaube, Hoffnung, Liebe, Geduld Dr. Gerhard Vörös

Herzlich willkommen im Schuljahr 2016/17 sage ich allen Kolleginnen und Kollegen, vor allem jenen, die neu im niederösterreichischen Schuldienst stehen oder überhaupt zum ersten Mal ihren gewählten Beruf – der zu den schönsten zählt – ausüben. Ich wünsche Ihnen allen viel Erfolg, Zufriedenheit und Freude für die kommenden Wochen und Monate und darf in diesem Zusammenhang auf unser umfassendes Serviceangebot, vor allem auf die persönliche Betreuung durch unsere Personalvertreter im Bezirk und auf Landesebene, hinweisen. Alle Informationen finden Sie unter www. noe-landeslehrer.at Dazu erhalten alle Kolleginnen und Kollegen unsere Service Card mit allen Regional- und Bezirkssprechtagen der Regionalbetreuer.

Erstmalig ab diesem Schuljahr wird unser bekannter PV-Newsletter als aktuelles Infomedium jeder Lehrerin/ jedem Lehrer über die Dienstemailadresse zur Verfügung stehen. Zusätzlich ergeht ein Erinnerungsmail an die persönliche Dienstemailadresse. Zwanzig interessante Themen zum Berufsbild und aus aktuellen Anlässen sind für dieses Schuljahr vorbereitet. Wenn Sie Fragen, Anregungen haben: post.za-aps@noel.gv.at

ZA-APS-FCGVorsitzender Helmut Ertl

Handbuch für ethische Bildung und Werteerziehung Publikation mit Beiträgen u. a. zu den Themen: Philosophieren mit Kindern, Sokratische Methode, Kritisches Denken in der ethischen Bildung und Werteerziehung, Strategien zur Konfliktprävention sowie verschiedene Praxisbeispiele von Kooperationspartnern. Die Publikation ist an Lehrkräfte, KindergartenpädagogInnen, ErzieherInnen und alle weiteren interessierten LeserInnen gerichtet und stellt einen umfassenden Leitfaden für ethische Bildung und Werteerziehung (EBW) an europäischen Schulen und Kindergärten dar. Das Handbuch ist wie folgt aufgebaut: Nach einer kurzen Einleitung erhalten LeserInnen eine allgemeine Einführung in Konzepte und Ansätze ethischer Bildung und Werteerziehung. [...] Anschließend finden LeserInnen zentrale Theorien und Erkenntnisse über die Moralentwicklung von Kindern, gefolgt von Überlegungen zu Beziehung und Kommunikation im Bereich der ethischen Bildung und Werteerziehung. Den Hauptteil des Handbuchs bilden Beschreibungen und Beispie-

le verschiedener Methoden, die Sie im Unterricht für ethische Bildung und Werteerziehung nutzen können. [...] Der Leitfaden schließt mit hilfreichen Tipps, wie Sie Ihre eigenen Unterrichtsmaterialien entwickeln können. Curko, Bruno; Feiner, Franz; Gerjolj, Stanko; Juhant, Janez; Kreß, Kerstin; Pfeil, Thomas; Pokorny, Svenja; Schlenk, Evelyn; Strahovnik, Vojko: Ethische Bildung und Werteerziehung – Handbuch für Lehrkräfte und ErzieherInnen an europäischen Schulen und Kindergärten. Graz, LogoMedia Verlag 2015, S. 72

Die Publikation wird kostenlos zum Download angeboten (eBook, PDF): http://ethik-unterrichten.de/?p=159

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Thema

Religionsunterricht als Wegweisung … …in einer zunehmend pluralen Weltordnung und transzentendale Sinn-Gebung unseres Lebens a) Religionsunterricht im Wandel der Zeit Bis in die späten 60er-Jahre waren es vorwiegend die Kapläne, die an den Schulen des Pfarrgebiets Religionsunterricht erteilten. Viel zu sehr wurde von Schuld, Leid, Sünde, Strafe ... gesprochen! Falls Gott mich gewollt hat, was ist da schiefgegangen? Der Wegbegleiter damaliger SchülerInnen-Generationen war der „Bichler-Katechismus“ mit eindrucksvollen Zeichnungen zu biblischen Texten, die wir ohne exegetischen oder literarischen Gattungshintergrund und kaum einer Möglichkeit zur Hinterfragung vermittelt bekamen und nacherzählen konnten. Ebenso die darin enthaltenen katechetischen Merksätze: „Die Gebote der Kirche“ – „In Gott sind drei Personen ...“ – „Gott ist ein gerechter Richter ...“ usw., die wir so auswendig zu lernen hatten, um sie „auf Knopfdruck“ aufsagen zu können. Die Grundgebete konnten wir bereits vor Schuleintritt, weil von unseren Eltern gelernt. Beim Lernen des tridentinischen Messablaufs konnten wir Ministranten einen gewissen Vorteil verbuchen. Ebenso, wenn der Kaplan zum Stundenbeginn den Katalog zur Hand nehmend den sonntäglichen Messbesuch erfragte und falls zutreffend, ein Plus eintrug. – Das verfügbare Glaubens-WISSEN war allzeit abfragbar und (äußerlich) kontrollierbar ... Ob dieses Wissen bei uns auch als „Sitz im Leben“ seinen Platz fand oder eine nachgesprochene „theologische Worthülse“ darstellte, mit der wir nichts anzufangen wussten – wie es Univ.-Prof. Dr. Edgar Korherr Jahre später im Rahmen meiner Ausbildung an der Religionspädagogischen Akade-mie (RPA) und bei Lehrübungen zu sagen pflegte – war während meines Schülerdaseins nicht relevant. Zugegeben, er nervte uns Studenten bisweilen damit, aber rückblickend gesehen zwang er uns dazu, theologische Inhalte auch persönlich zu reflektieren und im Unterricht so darzulegen, dass – wie man so schön sagt – „ma a wos damit anfongan konn!“ – Diese Grundintention wurde weiter entfaltet und fand Einzug in Neufassungen der Lehrpläne, die gleichzeitig auch dem/die ReligionslehrerIn mit ihren Kern- und Erweiterungsbereichen in der Themenauswahl mehr Eigenverantwortlichkeit übertrugen. ReligionslehrerIn von heute können keine anderen Bibeltexte und Glaubensinhalte verkünden, als wir SchülerInnen der 50er Jahre sie vermittelt bekamen, nur die Wege zum Ziel – das Füllen „theologischer Worthülsen“ – sind aufgrund religionspädagogischer Erkenntnisse, heutiger didaktisch-methodischer Möglichkeiten, gefälliger Religionsbücher (im Vergleich zum „Bichler-Katechismus“) und schülergerechter Arbeitsunterlagen vielfältiger geworden. – Mit Sicherheit ein nicht unbedeutendes Mit-Verdienst des II. Vaticanums. Zwecks Bekämpfung des generationsübergreifenden „Schüler-Vergesserrithis-Virus“ mit seiner Dauerausrede „Des ham ma nia g’lernt!“ wurden die Hefte meiner Schüler jährlich weiterverwendet und wenn nötig, ein neues dazu

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geklebt. Am Ende von vier Jahren hielten sie eine Sammlung unserer gemeinsamen Arbeit im Religionsunterricht in Händen. – Daher mein Slogan: „Des hama net g’lernt‘, stimmt net! – DU host nix g’lernt, muss das heißen! – Schau einmal ins Heft.“ b) Religionsunterricht als transzendentale Sinn-Gebung des Lebens Was schenke ich 14-Jährigen, die bisher nur materiell „ruhiggestellt“ wurden, auch seelisch? Fragt sich das heute noch irgendwer? – Die Wirtschaft und der Handel sicher nicht ... In einer pluralistischen Gesellschaft ist ein Werte-Fundament mit Orientierungsmöglichkeit notwendig, wollen wir unsere Jugend auf dem Weg ihrer Identitätssuche nicht den Manipulationen einer Konsumgesellschaft aussetzen. – Die Folgen des ständigen Rufes nach Qualitäts- und Kompetenz-Steigerung machen sich seit Jahren bemerkbar – „Burnout“ wurde zur seelischen Volkskrankheit und verschont auch nicht den Schulbereich. Junge Menschen stehen vor den Fragen: Braucht mich die Welt, wenn ja, wofür? Werde ich auch wertgeschätzt? Wozu soll ich gut sein? Will mich überhaupt jemand? Welche Gemeinschaft kann mir Halt geben? Ist die Kirche dieser Ort? Lohnt sich (m)ein Engagement? Soll ich nicht bei Lebzeiten trachten, möglichst viel an mich zu raffen, denn was ist nachher? – Oder darf ich daran glauben, dass das nicht alles im Leben ist, dass mehr dahintersteckt, eine Kraft, die für jeden von uns letztendlich eine Berufung und ein Lebens-Ziel vor Augen hat – Gott. Religionsunterricht kann junge Menschen hinführen zu dieser Quelle des Lebens, es in neuem Licht erscheinen lässt, ihm neue Dimensionen erschließt. So, als würde man aus dem Lebensalltag hinausschlüpfen auf eine Ebene darüber, um sich in Geborgenheit wiederzufinden, denn „Unruhig ist unser Herz, bis es ruht in Dir, o Gott.“ Der horizontal-materiell fixierte Blickwinkel auf Machbarkeiten verdunkelt die Sicht auf die sinnstiftende Antwort des vertikal-spirituellen Horizonts mit seinen Antworten auf die Grundfragen unseres Lebens „Woher komme ich?“ – „Wohin gehe ich?“ – „Was ist der Sinn meines Lebens?“ – Religion ist oft die einzige Stunde, wo SchülerInnen ihre Fragen und Sorgen zur Sprache bringen können. Petrus zum Gelähmten im Tempel: Silber und Gold besitze ich nicht. Doch was ich habe, das gebe ich dir. Im Namen Jesu Christi, des Nazaräers, [steh auf und] geh umher! (Apg 3,6) Wieso in unserer Gesellschaft und persönlichen Lebensbereich „Lähmungserscheinungen“ eintreten, sollte einer persönlichen Gewissenserforschung wert sein. … Die am Häufigsten ignorierte Forderung Jesu: „Bei euch soll es nicht so sein, …“ (Mt 20,26) 80 % der SchülerInnen kommen heute erstmals durch den Religionsunterricht in Kontakt mit Christus und der Kirche. Der Religionsunterricht, vergleichbar mit dem Gleichnis vom Sämann (Mt 13,3-9), kann sicher keine „ParadeChristen“ am Fließband „erzeugen“, aber eines muss – von den Bischöfen abwärts – allen bewusst sein: ReligionslehrerInnen sind oft (noch) die einzigen Kirchenvertreter, die mit jenen Personen- und Milieu-Schichten in Kontakt kommen, ihnen die Botschaft Jesu und religiöse Werte nahebringen können, zu denen sie kaum (mehr) Zugang finden.


Engagiert

Ich erlebte die letzten Jahrzehnte im wahrsten Sinn des Wortes an der Front in den Klassen der ASO, HS (NMS), PTS und in der Pfarrarbeit und wurde mit vielen Alltagsproblemen, -sorgen und -meinungen konfrontiert. Zu den Tiefs zählen nicht Schwierigkeiten und Probleme mit pubertären SchülerInnen. Die fallen bei mir unter den Sammelbegriff „Berufsrisiko“, wie eben ein KFZ-Mechaniker ölige Finger bekommt oder sie sich bei der Auspuffmontage einklemmt, sondern die massenhaft bekannt gewordenen Missbrauch-Affären etc. diverserer „Würden“-Träger, die den ihnen Anvertrauten massiv-seelische Bürden aufluden und folglich auch Jesus und dessen Botschaft und jedwede Glaub-Würdigkeit mit Füßen traten. – Jahrzehnte einer von höchster Stelle verordneten Verheimlichung trug das Ihre dazu bei. Sie betrieben nicht „Seel-Sorge“, sondern „Seelen-Vertreibung“ mit Folgen auch für den Schulalltag: Die Unterrichtsbemühungen vergangener Wochen wurden bei den SchülerInnen mit einem Schlag auf „Werkeinstellung“ zurückgestellt. – Mein vorhandener eigener Argumentationsnotstand sollte nicht unerwähnt bleiben. Unser „oberster Chef“ kann sich von „Gebeten um geistliche Berufe“ (als solches ist auch der des/der Religionslehrers/in anzusehen) und des konträren Auftretens eines Teils seines Bodenpersonals nur massiv gepflanzt fühlen. – Ich denke, Franziskus ist SEIN Zeichen dafür, dass auch IHM bereits einiges echt zu blöd geworden ist ... Bei DirektorInnen und Priestern meiner Schulpfarren fand ich immer volle Unterstützung, weiß aber, dass dies nicht überall so selbstredend der Fall ist. Es ist ermutigend zu wissen, dass sich bereits Jesus selbst und in der Nachfolge die Apostel mit ähnlichen Problemen herumschlagen mussten. Um dies zu erkennen, müssen wir nur das Neue Testament – ohne Weihrauch und Kerzenbegleitung – genauer durchlesen. Warum soll es uns in der Jesus-Nachfolge besser ergehen? Eine (Kirchen)-Gemeinschaft ohne Probleme und menschliche Fehler gibt es nicht, es kommt aber darauf an, wie Christen mit positivem Bemühen damit umzugehen trachten. Wir schauen primär auf äußerlich wahrnehmbare (auch medial forcierte) Negativa und vernachlässigen den Haus-HERRN: Jesus Christus, der einen klaren Auftrag erteilte „Geht hinaus in die ganze Welt und verkündet das Evangelium!“ (Mk 16,15) – Er sagte nicht „Wartet auf alle Welt ...!“. Würde der Heilige Geist im Denken und Handeln sowie in unserem Herzen öfter seine „Lande-Erlaubnis“ erteilt bekommen, würde auch viel mehr gelingen ... Ich gebe Gegnern des Religionsunterrichts mit ihrer Feststellung „Religion ist zusehends eine Plage für den Schulalltag“ insofern Recht, weil hier Botschaften und Werte vertreten und gelehrt werden, die gegenwärtig nicht mehr alltagstauglich zu sein scheinen und der Gesellschaft damit einen Spiegel vorhaltend, schlechtes Gewissen erzeugen und ein Umdenken im Handeln am Nächsten zur Verwirklichung einfordern. – Stichwort: Das Apostolische Schreiben von Papst Franziskus „Evangelii Gaudium“ – Die Freude des Evangeliums. SR ROL Friedrich Lawitzka Dipl.-Päd. für röm.-kath. Religion

ReligionslehrerInnenbildung NEU Wer wird künftig (noch) Religion unterrichten? Es klingt ja auf den ersten Blick recht gut: Die Klassenlehrerin wählt im Rahmen der neuen Primarstufenausbildung aus dem Schwerpunktangebot den Schwerpunkt Religion und hat damit die Lehrbefähigung für Religion in der Volksschule. Für künftige ReligionskollegInnen scheint damit eine berufliche Absicherung unabhängig von z. B. ReligionSchülerInnenzahlen gegeben. Der Haken dieses neuen Modells liegt allerdings in der Praxis: das größte Kontingent an allgemeinen PrimarstufenAbsolventInnen stellen die staatlichen PHs, wie viele dieser Studierenden werden dann an eine kirchliche PH pendeln, um dort den Religions-Schwerpunkt zu absolvieren – abgesehen von Stundenplankollisionen? Und wieviele KPHStudierende werden gerade den Schwerpunkt Religion wählen, wenn in den Schulen andere Schwerpunkte wie Inklusion oder Fächer wie Deutsch als Zweitsprache sehr gefragt sein werden? Die hohe Zahl an Schwerpunkt-Wahlmöglichkeiten fördert ja auch nicht unbedingt die Wahl von Religion. – Auch wenn die berufliche „Absicherung“ für die „neuen“ Religions-KollegInnen zu begrüßen ist, werden mit diesem Ausbildungsmodell wohl künftig viele Klassen nicht besetzt werden können, oder falls viele Nicht-Ausgebildete eingesetzt werden, könnte die mangelnde Qualität des Religionsunterrichtes dessen Existenz überhaupt gefährden. Weiters: Österreichweit bildeten bisher die BerufstätigenStudierenden das Hauptkontingent an RL, bei dieser Studienform konnten Familie, Studium und sogar Beruf miteinander vereinbart werden. Diese bisherige Gruppe fällt künftig völlig aus! Wie sieht nun das Berufsleben der neuen nicht-mehrhauptamtlichen RL aus? Diese neuen RL erwartet eine Doppelbelastung: klassenführende LehrerIn UND Vorbereitung von Schulgottesdiensten, („ehrenamtliche“) Kooperation mit der Pfarre bei der Erstkommunion UND Landschulwoche. Weiters: wenn es keine „hauptamtlichen“ RL gibt: wer koordiniert die RL der Schule inkl. religiöser Aktivitäten? Hoffnungsschimmer? Nun, in Graz, Linz und Salzburg ist man zumindest um eine Option reicher: es gibt dort weiterhin den „Nur“-Religionslehrer, allerdings wird dort von der gesetzlich vorgesehenen Variante von Religion für die Sekundarstufe ausgegangen, wobei an Stelle des „Zweitfaches“ die Spezialisierung „Religion Primarstufe“ tritt (inkl. weiterer Akzente wie z. B. Soziales Lernen u. dgl.). Dabei wird das Lehrveranstaltungsangebot in/für Religion-Primarstufe weitgehend an den KPHs zu absolvieren sein. Dieses Modell vereint die Stärken der PH mit den Stärken der UNI, und es ermöglicht also von der Primarstufe bis zur Matura zu unterrichten – möglicherweise ist dies künftig nicht unattraktiv – in den Ballungsräumen entstehen viele „Schulzentren“ (vgl. auch die „Schulzentren“ der kath. Privatschulen). Nebenbei: Bezahlung wie Berufstitel „Professor“ gelten ab 2019 von der Volksschule bis zur Matura! (red.)

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cle Forum 3/2016


Spektrum

Hinter den Kulissen Vorschläge für eine besser gelingende Integration 1. Sprachprobleme: Werden in eine Volksschulklasse 40 % DAZ-Kinder (Deutsch als Zweitsprache) und 60 % Kinder mit Deutsch als Erstsprache eingeschult, kann man nicht mehr von Integration sprechen. Um dabei niemanden ungerecht zu behandeln, sollte bei der Einschulung eine mündliche Sprachstanderhebung für alle einzuschulenden Kinder durchgeführt und die Klasseneinteilung entsprechend vorgenommen werden. In Klassen mit Kindern mit mangelnden Deutschkenntnissen sollten die notwendigen Fördermaßnahmen vorgenommen werden. Da es sich um einen Rahmenlehrplan handelt, könnte man dort vermehrt Deutschstunden anbieten, die vor allem das mündliche Sprachvermögen dieser Kinder stärkt. Im späteren Berufsleben wäre diese Zweisprachigkeit ein Vorteil. In den anderen Klassen wäre eine andere Schwerpunktsetzung möglich – etwa ein vermehrter Englischunterricht. So würden auch deutschsprachige Kinder gut gefördert.

2. Fehlen in der Schule: Zur Überprüfung des regelmäßigen Schulbesuches könnte die Behörde jederzeit auf das elektronische Klassenbuch zurückgreifen. Fehlen Kinder unentschuldigt, so müsste ein Teil der Familienbeihilfe einbehalten werden. Dies würde den regelmäßigen Schulbesuch drastisch erhöhen, denn über Geld sind die meisten Eltern erreichbar. 3. Verwendung der Familienbeihilfe: Es muss klar sein, dass der Staat mit Förderungen ein bestimmtes Ziel verfolgt – die Familienbeihilfe dient primär der ordnungsgemäßen Versorgung (Kleidung, Nahrung etc.) des Kindes und auch der Einhaltung der Bildungspflicht. Somit impliziert die Beihilfe auch eine gewisse Leistung der Eltern.

U. B. (Name der Redaktion bekannt)

Zum Nach-Denken… Anleitung zum Krieg-Spielen Das, was sich die Jugendlichen an Kampfund Kriegsspielen derzeit am Computer herunterladen können, ist schon hinterfragenswert. So werden Amokläufer gezüchtet, denn was am Computer spielerisch geht, wollen dann einige in der Praxis halt ausprobieren, und daher gehören solche Spiele verboten. Die Spieleentwickler, die damit ein Vermögen verdienen, gehören mit Verboten belegt. Da unsere

Jugend leider von diesen Leuten manipuliert wird, werden solche Amokläufe, wie einer in München passiert ist, immer wieder vorkommen, und das darf nicht Schule machen. Man sieht ja an der derzeitigen Pokémonhysterie, wie die Menschheit ihre Intelligenz zu Grabe trägt.

Terminvorschau Do, 24. November 2016 16:00 Uhr

CLE-

Gedenkgottesdienst für die verstorbenen KollegInnen des Bezirks in der Pfarrkirche Hollabrunn mit anschließender Agape und Referat zu aktuellen Ereignissen von Sr. Katharina

Liebe Leser! Die Redaktionsleitung wünscht allen Kolleginnen und Kollegen ein erfolgreiches Schuljahr 2016/17!

Redaktionsschluss für die nächste Ausgabe:

Asyl – und jetzt?

Friedrich Travnicek, Wien „Das freie Wort“, Mi, 27. 7. 2016.

15. November 2016

Impressum

Herausgeber, Medieninhaber (Verleger) und Redaktion: Christliche Lehrer und Erzieher Niederösterreichs, 1070 Wien, Kandlgasse 7. Redaktionsteam: Dlnsp. ROL Cäcilia Kaltenböck, ROL SR Friedrich Lawitzka, Dr. Gerhard Vörös. Layout: MBC, 2020 Hollabrunn. Hersteller: Jordan Digital Ges.m.b.H., 2020 Hollabrunn.

P.b.b.

Erscheinungsort Hollabrunn GZ 02 Z 030 343 Verlagspostamt 1070 Wien Grundlegende Richtung des Mediums: Kommunikationsorgan für die Mitglieder der Christlichen Lehrer und Erzieher Niederösterreichs.

Cle forum 03 2016 (2)  
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