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FRENETISCHE STILLE


Ron Winkler

Frenetische Stille Gedichte

BERLIN VERLAG


Der Autor dankt der Stiftung Preußische Seehandlung für die Förderung der Arbeit an diesem Band.

© 2010 BV Berlin Verlag GmbH, Berlin Verlag Alle Rechte vorbehalten Umschlaggestaltung: Nina Rothfos und Patrick Gabler, Hamburg Typografie: Birgit Thiel, Berlin Gesetzt aus der Minion durch Greiner & Reichel, Köln Druck und Bindung: buch bücher.de GmbH Printed in Germany isbn 978-3-8270-0920-3 www.berlinverlage.de


DIE SATZZEICHEN DER STEWARDs


Fächer: von den Jahren der Reise an einem einzigen Tag

wir bewegten uns. winzig. du sprachst von einer Sprengwolkenwetterlage. und davon dass die, die sie betrachten, die Haut von Priestern haben, die wahrscheinlich eben noch unter Psalmen gelegen hatten. und dass andere sich mittels Aufrufen zu Pixeln zu unterhalten schienen. zu erhalten­. einander.

und fragtest, was ich denn denke. ob das Geräusch ­unserer Fahrt nicht klinge wie von Nebelzikaden. ob es nicht wie Verschwinden klinge. das Geräusch

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dieser Bewegung … in Nichtgeräusche hinein … das Geräusch eines achten Ozeans am neunten Schöpfungstag. ähnlich dem Geräusch, das von der Poesie verübt wird.

wir saßen da, in dieser massiv ätherischen Landschaft aus Augenaufschlägen, saßen da und saßen zugleich: in unseren Träumen. als noch nicht begonnene Bräutigame. und fühlten uns angesprochen bei den Durchsagen auf ihrer Suche nach empfänglichen Ichs. es war unsere Suche. und Suche war unser Empfang.

ich konnte das Klima mittlerweile aus deinen Gesten lesen. und dass sich neben uns nicht nur Punkpraktikanten befanden mit beruhigend hündischen Tieren, 8


sondern auch Lichtschaffende und Lichtdistributoren, ­versunken in die Pfauenflora, die als kinetischer Horizont an uns vorüberzog, während die Stadt im Norden zu einer Stadt im Süden wurde, geworden war.

und Identifiziererinnen, identisch mit den von ihnen Infizierten. Passivträumer, die dich im Geheimnisse-Raum hinter deiner Stirn zu berühren­versuchten. Männer mit nur einer einzigen Eigenschaft. möglicherweise ­einstige Hamlets. möglicherweise hofften sie auf Exegeten, die zusteigen würden wie von leichten Präfixen aus in die Substanz von Subs­tantiven. sammelten sie, wie es auf andere wirken musste, wirklich 9


für einen zweiten Mond?

ganze Waggons angefüllt mit diesem So, mit diesem Irgendwie. dann und wann unterbrochen von einer einen Monat langen Schönheit. vor den Feldern aus den Fehlern ihrer Betrachter. durchfahren von einem Ort. von einem guten Licht für die enzephalische Bucht und ihre propositionalen Kapseln.

kapitulier nicht zu mittelmäßig, sagst du, das Eigentliche gehe zwei Stunden später auf als die Sonne. also unter. ich bin dir noch in jedes Nichts gern gefolgt. wenn der Weg null war. aber im Zeitbaum jetzt. und an Petrol­kinos vorbei führte, an Stirnwaschanlagen

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kurz vor der Rohschnittabnahme. an uns.

man fragte sich (fragtest du dich?), welche Satzzeichen galten neunhundert Meter 체ber dem Meeresspiegel. dem eigenen Herzen. (Meeresboden.) und ob es die eigenen Satzzeichen waren. die zwischen dir und den (so ausstewardisierten) Stewardeurinnen standen. und den Derwisch-Lolitas, von denen wir wussten, dass sie ber체hrten.

wir wussten wir trugen Regenbrillen. (wie) Kaplane einer bestimmten Himmelsrichtung. um nicht ausgetrocknet zu werden von denen mit Junkermaterial in ihren H채nden. die die B채ume,

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die an uns vorbeialterten, dunkler aussprachen. dunkler als uns selbst. als unser Selbst. als selbst uns.

das rief diese auf den Feldern angebaute Ger채uschlosigkeit hervor.

du dachtest: Kasernen der nihilistischen Kohorte. aber sagtest: erz채hl mir von den Kindern in deinen Fingern.

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zu Besuch bei Citoyens

seien wir ehrlich, wir liebten die, die sich so kämmten, wie sie waren. osmotisch begabte Moseskuriere, die mit Ballen von Regenschirmen zum Missionieren in die Sahara zogen. und wiederkamen, als gewesene Präteriumaner. wir liebten, seien wir ehrlich, jene seltsamen Stürme, die das Wort Blatt zu Laub machen konnten. wir liebten. selbst vor den Discountern mit einer nur dürftigen Auswahl an Schnee. liebten die Asphaltinhos und Asphaltinhas, die uns Ichs anboten, die sie selbst nicht besaßen. nicht mehr. nicht innerhalb ihrer niedergefilmten Städte. wir liebten sie, um ehrlich zu sein, mehr als die fiction victims, aber weniger als die verschiedenen obdachlosen Sloterdijks am Rand der Straße des schönen Luzifers. sie, in ihrem Chassis aus Unauffälligkeit, waren das wahre Manga.

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weil es New York ist

New York ist nicht die Stadt, die nie schläft. New York ist die Stadt, in der es fast niemanden gibt. in der also fast niemand Angst hat. New York ist eine Manie aus zweiundzwanzig automatischen Brooklyns. aus 5,2 hoch 1,3 Manhattans. aus gasförmigem Hudson. die Leute picknicken in Picknickdocks, Fahrstühlen, Parks, in Ruhe, im Obdachloswerden, in ihren Handtaschen postindustrielles Öl. New York Öl. New York Spraydosen. New-York-sich-verlaufen. Häuser, als hätte man sie mit Country beschallt. Gehwege wie aus Amphetamin. Eisengrimassen, Wolkenberührer – Jesus in Wonderland! hier lebten und wirkten Jungs, die das College abschlossen, um Schnurrbärte zu haben. hier leben und wirken Mädchen mit geometrisch sich auswirkender Arroganz. New York, das sind nicht nur die Mieter und Mietermörder, sondern auch die geschlossenen Augenlider der Elevatoren auf Ebene Null. Yankeesex in broad daylight. New York ist nicht ein York, das neu ist. New York sind die Batterien in den Ablichtgeräten der Flughafenbenutzer. New York ist die Stadt, in der unter anderem Gott nur geschrien werden kann. du begegnest New York, wenn du von New York nach New York fährst. oder von Neon aus in die Bronx. die Stadt gehört zur Familie der Museen für moderne Verzweiflung. man sieht es ihr an. man sieht es ihr nicht an. New York liegt press zu sich selbst. und ist nicht das Geheimnis von Frisco. kann es nicht sein. das Klima gleicht zu sehr dem Futur. manche glauben, New York schlafe wie ein Amboss spielender Kolibri. schlafe sich in einen Zustand von Wachheit. you know. höchst blaues New York und 14


zutiefst rotes. und grünes Dollar-New-York. gelb blühendes Taxi-Pop-up-New-York, Reminiszenz an die Maismaler hinten (draußen) im ersten Amerika. die Arzneitroubadoure von Utica. war ihr Geschlecht wirklich New York? geh nur einmal eine der Torpedoalleen entlang, auf denen das Land tatsächlich in die Stadt transportiert wird. bewege dich dabei wie eine Mischung aus unstringenter Lebenswolf und Introsekt. weil es New York ist.

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zweites urbanes Panneau für Tom Schulz

sag über, sag unter, sag Stadt. sag, was du gesehen hast. sag die rundum verspiegelten Taxis, die zwischen dem Bauen gewidmeten Bauten hin und her Luft verschieben. sag ziemlich schnell Kinder, die unter Aufsicht von auf verschiedene Personen verteilten Hermaphroditen Elementarteilchen zu löschen haben. sag Kinder, denen man ansieht, dass ihre Eltern oder übrig gebliebenen Elternteile Francis Bacon verehren. sag Francis Caspar Bacon Kahlo. sag die Kassiererinnen, die während ihrer Pausen in den Hinterzimmern der Supermärkte tanzen wie balinesische Göttinnen ohne näher spezifizierten Aufgabenbereich. sag die zu unfreiwilligen Klienten gewordenen Opfer der Eindrucksfarmer. sag sie auch zu ihnen selbst. sag, dass wir Symbolsex hatten am Nordweststern, den man auch Halbgelbplanet nennt oder nannte. sag, dass wir gleichzeitig aus drei Kontinenten stammen. sag, dass fast jeder von Geburt an ein Telefon bewohnt. und nicht über das Viertel der Zölibanten spricht. das eine Mandelform hat. fast wie der Park, den du in meinem Park angelegt hast. ein Überpark, in den man nur von wenigen Referenzgebäuden aus blicken konnte. kann. sag die Gebetsgemeinschaft XYZ , die unser Sein zu dromedarisieren versuchte. sag die Bacchusbrüste der Geliebten in lauen Sommernächten. sag Herbst minus zwei Türme. sag Beamte, sag Winter, mit Leinwand auf Öl gemalt. sag, wie wir überzogen sind von Digitallack. und dass es keinen Angora-Beton gibt. nur Liebe, geregelt durch 16


den Schnee der Gefühle. und Teufel, aus Mangel an Teufeln. sag, dass man nach hundert Vorlesungen im Sozialamt einen Besuch gratis erhält. sag: die Wolken beginnen immer zuerst am Himmel. sag: jeder zweite Odysseus hält sich eine Sirenenmaschine ans Ohr. sag auch die Ballerinen, die insgesamt und einzeln alle Eurydike heißen. weil sie an den Ausfallstraßen die Fensterscheiben der Fluchtfahrzeuge streicheln. weil es so ist. weil es so determiniert ist. weil das die Sinusseite der Gegenwart zeigt. sag das. vielleicht.

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Somnia

einige Bilder, in die ich geriet: Himmelskörper, die fast performativ Bedeutung abstrahlten. schmerzhafte Götter, ihre geballten Fäuste rot wie Mundhöhlen in der Hand von Katarrh. Meteoritenhändler, die, um ihren Horizont zu erweitern, halbe Tage in Psychotomografen verbrachten und auf Basis der Protokolle Lieder improvisierten. und Messen besuchten, auf denen neue Formen des Streichelns vorgestellt wurden. abstrakte Träume über das Zeitalter der Papillonarchitektur. Peruanerinnen (Aszendent Mao), die aus Peru ein Peru machen wollten. Protodidakten mit Bärten wie Liebeserklärungen an englischen Rasen, amerikanische Vorgärten, norwegisches Moos: sie erweckten den Eindruck, aus der Zeit gezupft worden zu sein. Schatten der Schatten ihrer selbst. Träume. wie Gallerinas aus dem Metier derer, die die Schwäne der Großmütter zur Vollendung brachten. in Wäldern voller Emissionen von Träumen, in denen ich auf einem hundertspurigen Weg von Atheismus nach Eden lief. flankiert von Gegenträumern, die sich glücklich in der Einzigartigkeit der Uniformität verloren hatten. und knisterten und schwaches Licht verströmten – wie wunderschöne Wörter. sie blickten nervös zu Boden, als hätte man ihnen die Avatare geraubt. bevor ich aufwachte, dann, schneite es lange Zeit Luft.

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vereinzelt Pulp Fiction

wir wussten nicht, dass die 140 000 Batmans keine eigenen Städte mehr bauten. wir wussten nicht ihnen zu helfen und nicht uns, dem Hauptbestandteil des archaischen Schlamms. wir wussten nicht, welche Funktion der Traumpäpste die beste war. oder inwiefern Sprache eine Vorschau auf Sprache sein konnte. wir ahnten nichts von den Tierblickimitatoren. kannten weder Phonisten noch Seelenführer. noch Seefahrer, die wirklich Meere geladen hatten. ganz durchschnittliche Psychogogen bevölkerten unsere Märzchicagos und Sadomasoberlins. mit einem Zionblick sah man sie in ihre katatonischen Kirchen gehen, wo sie auf die Kongregation der Gartenbauskinheads trafen, deren draußen angeschirrte Dienstrehe weithin sichtbar grasten. wir spürten die Mischung aus Revolte und Parkplatz. spürten das Potential der Geisha-Chicas so, wie wir ihre angeborenen Schmauchspuren spürten. tief in uns selbst, wo 17-Fronten-Kriege tobten. und die wir mit einer Art Communismo zu überspielen versuchten. Pulp-Fiction-Frisuren tragend. um gewappnet zu sein gegen die so genannte Sogenanntheit.

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Freud

in uns gab es Varianten, welche die schönsten Geliebten bekamen, weil sie sie auszusprechen wagten. und Varianten, die sich aus Langeweile nur noch jovial durch die Straßen bewegten. manche in uns hielten Rotierer in ihren Händen. wie Märchenwesen. einige lebten in bereinigten Staaten. andere in uns wuchsen erst noch heran, als neunte oder zehnte Kraft in uns. jede ihrer Berührungen ein Obdach im Sinne von Obdach. sie liebten die, aus denen Raum heraustrat. oder von der Syntax abhängige Alphabeten. Bewohner der Zukunft. elfisch fremde Borderline-Primaten.

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Ron Winkler: Frenetische Stille  

Vom hymnisch mäandernden Großstadtgedicht bis zum aphoristischen Zweizeiler — auch in den neuen Gedichten Ron Winklers finden sich immer wie...