Issuu on Google+

23 000


Vladimir Sorokin

23 000 Aus dem Russischen von Andreas Tretner

BERLIN VERLAG


Da klumpt das Fleisch Die Apfelsine lag immer noch unter dem Küchenschrank. Der Junge legte sich flach auf den Fußboden, fuhr mit dem Arm unter den Schrank und versuchte, die Apfelsine zu erreichen. Doch sein Arm war zu kurz. Die Finger er­ tasteten nur Staub und einen vertrockneten Kirschkern. »Katzenhund!«, fauchte der Junge erbost in das Dun­ kel unter dem Schrank. Er schleuderte den Kirschkern weg und drohte der Apfelsine mit der Faust. Ging auf die Knie. Hockte eine Weile so da, den Finger in der Nase. Dann stand er auf und blickte sich um. Auf der Ablage des Küchenschranks, in einer Reihe mit Zuckerdose, Ketchupflasche und der Büchse Instantkaffee, lag die von Mama vergessene rosasilberne Puderdose. Der Junge nahm sie in die Hand, drehte sie, klappte sie auf. Aus dem kleinen runden Spiegel wurde er angeschaut von einem weißblonden Jungen mit großen, leicht glupschenden lichtblauen Augen, großen abstehenden Ohren, einer kleinen abgeplatteten Nase und dem immerfeuchten, fragend offen stehenden kleinen Mund eines geistig zurückgebliebenen Kindes. »Guten Morgen, Mickey Rourke«, sprach der Junge, klappte die Puderdose zu und legte sie wieder hin. Zog die Schublade des Küchenschranks auf. Dort lag das Besteck. Der Junge nahm einen Löffel, streckte sich wieder auf dem 5


Fußboden aus und versuchte, die Apfelsine mit dem Löffel zu erreichen. Es klappte nicht. »Du bist verhaftert, Tschetschene!«, knurrte der Junge das staubige Linoleum an und klopfte mit dem Löffel gegen die Unterseite des Küchenschranks. »Kommon! Kommon! Kommon!« Unerreichbar lag die Apfelsine im Halbdunkel. Der Junge setzte sich auf. Betrachtete den Löffel. Knall­ te ihn gegen den Schrank. Beim Aufstehen streifte er mit dem Kopf die offen stehende Schublade. »Aua-a … Katzenhund!«, fauchte der Junge und rieb sich missmutig den Kopf. Schmiss den Löffel zurück in den Kasten. Als Nächstes griff er nach einem Messer. Drehte es in der Hand. Hielt es an den Löffel, verglich. »Genauso Katzenhund.« Er warf das Messer in den Kasten. Schob die Lade zu, ging hinüber zum Elektroherd. An der Wand darüber hin­ gen ein Durchschlag, eine zweizinkige Gabel, ein Schaum­ löffel, eine Schöpfkelle und ein Nudelholz. An ihm saugte der Blick des Jungen sich fest. »Ha!« Er ging auf die Zehenspitzen, reckte sich nach der Rolle. Konnte den rauen Holzgriff gerade so mit den Fingern berühren. Das Nudelholz schaukelte. Der Junge sah gebannt hin. Rückte einen Stuhl vor den Herd und stieg darauf. Richtete sich auf. Packte das runde Holz. Doch dessen oberes Ende mit dem Loch und der Schlaufe darin blieb außer Reichweite. »Wart’s ab, Katzenhund …« Ohne das Nudelholz loszulassen, hob der Junge den 6


nackten linken Fuß vom Stuhl und setzte ihn auf einen der Herdringe. Wieder zog er an der Rolle. Doch die kurze Schlaufe wollte nicht vom Holzhaken rutschen. Schnaufend ver­ suchte der Junge, den rechten Fuß nachzuziehen. Das war schwierig. Er packte das Nudelholz fester. »Appgräd, dickes Ding, du!«, feuerte er seinen rechten Fuß an. Riss ihn vom Stuhl hinauf auf den Herd, geriet ins Schwanken. Um das Gleichgewicht wiederzuerlangen, packte der Junge das Nudelholz mit beiden Händen. Die Schlaufe straffte sich. Sprang vom Haken. Der Junge pupte und kippte mit dem Nudelholz in den Händen langsam nach hinten. »Hoppla!«, sagte da jemand. Sanft ergriffen den Jun­ gen ein Paar kräftige Hände und stellten ihn zurück auf den Stuhl. Der Junge drehte den Kopf. Hinter ihm stand ein frem­ der Mann. »Mischa, Mischa!«, sagte der Mann und wiegte vor­ wurfsvoll den Kopf. »Was sollte das denn werden?« Der Mann war groß und breitschultrig, er hatte ein gut­ mütiges braun gebranntes Gesicht. Seine smaragdblauen­ Augen blickten freundlich. Die kräftigen Hände hielten den Jungen immer noch vorsichtig fest. Von ihnen ging ein angenehmer Duft aus. »Möchtest du Stuntman werden, oder was?«, fragte der Mann und lachte, dass man seine gesunden weißen Zähne sah. »Wie…so?«, brummte der Junge misstrauisch, seine Hände umklammerten das Nudelholz. 7


Der Mann hob ihn vom Stuhl und setzte ihn auf den Boden. Ging neben ihm in die Hocke. Nun hatte der Junge das lachende Männergesicht direkt vor sich. Am Jochbein eine kleine Schramme. Das rotblonde Haar zu einem Igel geschoren. »Wenn du die Apfelsine unter dem Küchenschrank hervorholen willst, solltest du den Schrubber nehmen und nicht das Nudelholz. Weißt du, warum?« »Wie…so?«, brummte der Junge und sah den Mann mit seinen wasserblauen Augen von unten her an. »Weil mit dem Nudelholz deine Oma den Pastetenteig ausrollt. Mit dem Schrubber schrubbt deine Mama den Fußboden. Du magst doch Pasteten? Mit Ei?« Der Junge nickte. »Und Fleischklopse.« »Aha. Siehst du, und das Nudelholz ist dazu da, den Teig auszurollen.« Der Mann nahm dem Jungen das Holz aus der Hand und hängte es an seinen Platz. »Und jetzt kümmern wir uns um deine Apfelsine.« Der Fremde schien sich auszukennen. Zielstrebig ging er hinaus, öffnete die Tür zur Toilette, ergriff den Schrub­ ber und kam mit ihm in die Küche zurück. Er beugte sich tief hinunter und angelte die Apfelsine mit Leichtig­ keit unter dem Schrank hervor. Ging zum Waschbecken, wusch die Apfelsine, rieb sie mit dem Küchentuch trocken und reichte sie dem Jungen. »Da hast du, Mischa. Iss! Und dann zieh dich an. Deine Mama wartet schon.« »Wo ist sie?« »Bei Tante Vera. In der Pjatnizkaja. Weißt du noch, wer Tante Vera ist? Die dir den Dino geschenkt hat.« 8


»Ja.« »Den Dino hab damals ich gekauft. Im Kinderkauf­ haus.« »Und wer … bist du?« »Ich bin der Mann von Tante Vera. Michail Paw­ lowitsch!« Der Mann streckte dem Jungen seine große Hand hin. »Freut mich, dich kennenzulernen, Namens­ vetter!« Der Junge schlug ein. Behutsam schlossen sich die kräf­ tigen braunen Finger um die schmale Kinderhand. Von unten erklang Hundegebell. Der Mann trat zum Fenster, schob die Gardine ein wenig beiseite und lugte hinaus. Der Junge machte sich daran, die Apfelsine zu schä­ len. »Ziehst du dich schon selber an oder hilft die Mama?«, fragte der Mann, den Blick aus dem Fenster gerichtet. »Selber.« »Das ist gut!«, sagte der Mann und zog die Gardine wieder vor das Fenster. »Mit sechs hab ich das auch ge­ konnt. Damals konnte ich auch schon Fahrrad fahren. Hast du ein Fahrrad?« »Yo. Bei der Oma auf der Datscha. Aber Tolik hat eine Acht reingemacht. Jetzt hopst es«, berichtete der Junge und polkte in der Apfelsine herum. »Und wer ist Tolik?« »Tolik klettert bei Mochnatschs immer übern Zaun und klaut alles.« »Aha«, sagte der Mann und atmete tief durch. »Weißt du was, Mischa, lass mich die Apfelsine schälen. Und du ziehst dich inzwischen an.« 9


»Fahrn wir jetzt zu Tante Vera auf die Datscha?« »Genau!«, sagte der Mann und nahm dem Jungen die Apfelsine aus der Hand. »Und darum sollten wir keine Zeit verlieren. Damit wir bald miteinander ins Wasser springen können. Bei der Hitze draußen … Nicht dass wir noch in einen Stau geraten. Also, mein lieber Mischa. Hopp, hopp!« Der Junge flitzte ins Schlafzimmer. Im Flur neben der Wohnungstür stand ein großer blauer Koffer. »Ist das dein Koffer?«, rief der Junge. »Jawohl«, antwortete der Mann. »Und was ist da drin?« »Nix!«, lachte der Mann. »Mach hin, Stuntman, zieh dich an!« Im Schlafzimmer nahm der Junge die Shorts von der Stuhllehne und stieg hinein. Dabei fiel sein Blick auf den halb zugedeckten Plüschdino auf seinem Kopfkissen. Da­ neben lag das Bröckchen Eis. Um es herum ein feuchter Fleck. »Ach du dickes Eis!«, rief der Junge und stolperte, sich in den Hosenbeinen verheddernd, zum Bett, schmiss das Eisbröckchen auf den Fußboden. »Eis, du hast ins Bett gemacht! Apgräd, Apgräd!« Der Junge zog die Shorts hoch, schlüpfte ins Hemd und in die Sandalen. Dann hob er das Eis wieder auf und rannte damit in die Küche. »Das Eis hat ins Bett gemacht!« Der Mann saß am Küchentisch und schaute dem he­ reinstürmenden Jungen lächelnd entgegen. Neben ihm auf dem Tisch lag die ungeschälte Apfelsine. Der Junge warf das Eis ins Spülbecken. 10


»Bist du schon angezogen?«, fragte der Mann, stand auf und sah an dem Jungen hinunter. »Fein!« Er holte ein Handy hervor, wählte eine Nummer. »Ja!«, sprach er in das Handy, dann steckte er es wieder in die Tasche. »Wir müssen los, Mischa.« »Und die Apfelsine?«, fragte der Junge, den Kopf in den Nacken gelegt. »Die kann warten. Alles kann warten«, sagte der Mann, zog ein winziges Sprayfläschchen aus der Tasche und sprühte, sich mit der anderen Hand schnell die Nase zuhaltend, dem Jungen einen Nebel ins Gesicht. Der Junge schüttelte heftig den Kopf, kniff die Augen zusammen. Drehte sich weg und riss die Hände vors Ge­ sicht, japste. Rannte aus der Küche. Auf dem Flur knickten ihm die Beine weg, er taumelte und fiel – einem zweiten Mann, der eben zur Tür hereinkam, in die Arme. Der fing ihn auf und trug ihn sogleich ins Schlafzimmer. Der andere Mann kam, immer noch die Finger an der Nase, aus der Küche gelaufen. Gemeinsam beugten sie sich über den Jungen. Der erste Mann war einen Kopf größer als der andere. Die Geschwister des Lichtes nannten ihn Dor. Der Hinzugekommene, ein Blondschopf mit Kinnbärtchen, hieß Jasto. Beide hatten muskulöse, braun gebrannte Arme, mit denen sie nun energisch zur Sache gingen: Eine kleine Spritze mit einer bräunlichen Flüssigkeit wurde auf­ gezogen, der Junge bekam eine Injektion in die Schulter, wurde nackt ausgezogen und in eine Wegwerfwindel ge­ packt. Dor brachte den großen blauen Koffer herein, klappte ihn auf. In dem Koffer lag eine Kamelhaardecke. Der Jun­ ge wurde behutsam hineingewickelt, der Kopf blieb frei. 11


So legten sie ihn in den Koffer. Jasto hob vorsichtig ein Lid des Jungen. Das blaue, zu den Rändern hin wasserklare Auge blickte reglos und versonnen. »Er schläft«, murmelte Jasto. »Sind die beiden noch unten?«, fragte Dor flüsternd. »Ja.« »Was ist mit dem Fahrstuhl?« »Geht immer noch nicht.« »Dann musst du ihn tragen.« »Klar.« Jeder ergriff eine der schlaffen, blutleeren Hände des Jungen. So blieben sie, die Augen halb geschlossen, einen Moment lang in der Hocke. Dann wurden sie wieder rege: Der Deckel wurde geschlossen, Jasto hob den Koffer mühelos an, trug ihn zur Tür und stellte ihn dort ab. Sie öffneten die Tür einen Spalt, horchten hinaus. Im Treppenhaus war alles still. Dor und Jasto sahen einander in die Augen: zwei türkisblaue und zwei graublaue. Und sie fielen sich in die Arme, schmiegten sich Brust an Brust. Tiefe gurrende Laute entrangen sich ihren Kehlen; die Armmuskeln waren angespannt, die Finger verkrallt, so verharrten sie. Nur die Köpfe zitterten noch. Und ihre Herzen begannen zu sprechen. »Dor«, röchelte Jasto. »Jasto«, seufzte Dor. Stöhnend ließen sie voneinander ab, taumelten zur Seite. Hatten sich im nächsten Augenblick wieder in der Gewalt. Wurden ruhig. Atmeten tief ein und ohne zu sto­ cken wieder aus. Dor trat vor die Tür und wandte sich der Treppe zu. Jasto folgte ihm mit dem Koffer. Dor hastete nicht, sein 12


starker, geschmeidiger Körper schwebte locker dahin, die Stufen hinunter. In diesem Sechzehngeschosser, auf dem Treppenabsatz zwischen Parterre und erstem Stock, nächtigte von Zeit zu Zeit der Obdachlose Valera, genannt Rotzohr. Die letzte Nacht hatte er hier mit seiner Freundin Sulfia zugebracht. Gerade erst war er von ihr geweckt worden, es verlangte sie nach Bier. Darum kniete Rotzohr jetzt da und kramte heiser fluchend in seinen schmutzigen Taschen, kratzte die paar Münzen zusammen, die vom Vortag übrig geblieben waren. Als er hörte, dass jemand die Treppe herunterkam, hob Rotzohr den Kopf und stimmte den üblichen Sing­ sang an. »Leute, gebt einem alten Taucher was ab, dass er seinen Durst löschen kann!« Kurz bevor Dor den Treppenabsatz erreicht hatte, fuhr er mit der Hand in die Tasche. Die Obdachlosen wurden seiner ansichtig. »Komm, Landsmann, sei kein Knauser, ich hab doch auch …«, hob Rotzohr an, brachte den Satz jedoch nicht zu Ende, denn Dor schlug ihm blitzschnell und mit furcht­ barer Wucht einen Schlagring auf den Kopf. Man konnte den Schädel leise knacken hören. Sulfia prallte zur Seite, riss den zahnlosen Mund auf. Dor trat vor sie hin, ver­ setzte ihr einen Schlag gegen das Nasenbein. Ihr Kopf knallte heftig gegen die graffitiübersäte Wand. Rotzohr war lautlos zu Boden gesackt. Über ihn hinwegschreitend, wickelte Dor den Schlagring ins Taschentuch, bevor er ihn wieder einsteckte und weiterging. Jasto, auf den Koffer achtgebend, lief langsamer. Er bahnte sich einen Weg zwischen den am Boden liegenden Obdachlosen, warf 13


einen Seitenblick auf Sulfias zuckende, im Urin schwim­ mende Beine, hob den Koffer instinktiv höher, brachte so die Treppe zum Erdgeschoss hinter sich und lief, vorbei am Fahrstuhl und der Anschlagtafel, hinaus auf den Hof, wobei er sich die linke Hand am Grat des stählernen Tür­ rahmens schrammte. Draußen war es sonnig und heiß. Vor dem Eingang stand ein staubiger alter Shiguli. Ein Mann im grauen T-Shirt saß hinter dem Lenkrad, blauäugig, mit schütte­ rem blondem Haar, den Blick auf drei streunende Hunde gerichtet, die ihn böse anknurrten. Als Jasto sich näherte, gingen die Hunde auf Abstand, knurrten jedoch noch mehr. Er legte den Koffer auf die Rückbank, nahm neben dem Fahrer Platz. Der Shiguli fuhr an, rollte durch die Hofeinfahrt. »Alles gut?«, fragte der Fahrer. »Alles gut«, sagte Jasto. »Diese Hunde …«, murmelte der Fahrer. »Sie wittern uns, was?« Jasto lachte nervös. »Das ist mir neu.« »Weil du von Herzen jung bist, Mocho«, sagte Jasto, hob den zerkratzten Handrücken an seine Lippen und sog den hervorgetretenen Blutstropfen ab. Als der Shiguli in die Ostoshenka bog, setzte sich sogleich ein massiver dunkelblauer Geländewagen, Typ Lincoln Navigator, hinter sie. Am Steuer der hagere Irä, neben ihm Dor. »Wohin?«, fragte Irä. »Das entscheiden sie.« Dor, total erschöpft, knetete mit den Händen sein kantiges Gesicht. Der Shiguli bog in die Profsojusnaja, fuhr noch ein 14


kleines Stück, dann stoppte er. Der Geländewagen hielt knapp dahinter. Dor sprang hinaus, öffnete die hintere Tür. Jasto stieg aus dem Shiguli, übergab ihm den Koffer. Dor schob ihn auf die Rückbank, setzte sich daneben, Jasto schlug die Tür von außen zu. Der Lincoln fuhr sofort los, zog scharf an dem Shiguli vorbei. Augenblicklich startete auch ein schwarzer Mercedes S 500 mit getönten Scheiben und blauem Polizeinummernschild, in dem Obu, Tryw und Merog saßen, alle drei in Polizeiuniform. Obu hielt sein Handy ans Ohr. »Ich höre.« »Kann losgehen«, antwortete Irä in seines und ließ den Mercedes vorbei. Dor entriegelte das Zahlenschloss des blauen Koffers, hob den Deckel. Der Junge, in die Decke gehüllt, schlief. Sein Gesicht hatte eine leichte Röte wiedergewonnen. Dor ergriff eine Hand des Jungen. Sie war kühl und schlaff. Dor beugte sich über den Jungen, legte sich dessen Hand an die Brust und schloss für einen Moment die Augen. Plötzlich kollidierten auf der rechten Spur zwei Autos, eines davon streifte den Geländewagen. Der Lincoln be­ kam einen Stoß, geriet ins Schleudern. Dor umfasste den Koffer mit beiden Armen, hielt ihn auf dem Sitz. »Boah-h-h!«, brüllte Irä, der das Handy fallen gelassen und nach dem Lenkrad gegriffen hatte. »Nicht anhalten!«, befahl Dor, nach hinten schauend. »Wer sind die?« »Fleisch, nichts als Fleisch«, beruhigte ihn Dor, die zum Stehen gekommenen Autos im Blick. »Ein ganz nor­ maler Unfall.« Der Geländewagen raste davon. Sein hinterer Kotflügel 15


stand ab. An der nächsten Ampel hielt er neben dem Mercedes. Dor öffnete die Tür und übergab den Koffer an Merog, der ihn neben sich auf die Rückbank packte. Daraufhin fuhr der Mercedes los, noch bei Rot. Merog klappte den Koffer auf, betrachtete den schlafenden Jun­ gen. Schloss seine kastanienblauen Augen. Augenblicklich schien sein Gesicht zu versteinern. Sie fuhren auf die Ringautobahn. Plötzlich geriet der Mercedes in Schieflage. Man hörte ein leises Klopfen: Reifenpanne. Obu lenkte nach rechts und hielt auf dem Randstreifen. Der Mercedes hatte Schlagseite nach rechts. Die Männer im Auto wechselten angespannte Blicke. Merog klappte den Koffer zu und entnahm seiner Sport­ tasche eine Pistole mit Schalldämpfer. Tryw holte unter dem Sitz eine MPi mit kurzem Rohr hervor und entsicher­ te sie. Obu sah aus dem Fenster. »Beide Reifen rechts. Das ist kein Zufall.« »Haben wir zwei Reserveräder dabei?«, fragte Merog. »Ja. Dem Licht sei Dank«, erwiderte Obu und nahm Tryw die Waffe aus der Hand. »Mach du den Radwechsel.« Als Nächstes rief er Dor an. »Wir stehen. Zwei Reifen platt. Das kann kein Zufall sein. Wir brauchen Verstärkung.« »Ich komme«, sagte Dor. »Nein, nicht du, das ist zu gefährlich, mit dem auf­ gerissenen Kotflügel.« »Das macht nichts.« »Es zieht das Fleisch an.« »Ich vertraue dem Herzen, Obu. Bin gleich bei euch.« 16


»Dor, wir brauchen normale Verstärkung. Da klumpt das Fleisch. Ich spüre es.« »Dann rufe ich den Schild.« »Zu gefährlich! Das Fleisch wittert ihn. Wir brauchen unsere Brüder!« »Gut. Ich rufe sie.« Tryw stieg aus und ging daran, das erste Rad zu wech­ seln. Der Geländewagen mit dem klaffenden Kotflügel fuhr vorüber und hielt in zehn Metern Entfernung. Obu ließ das getönte Seitenfenster herunter. Ein weißer Toyota der Verkehrspolizei näherte sich mit Blaulicht, hielt an. Ein fülliger Leutnant mit griesgrämigem, aufgedunsenem Gesicht stieg aus, zwischen den molligen Fingern eine nicht brennende Zigarette. Er legte die freie Hand ans Mützenschild. »Mahlzeit!« Tryw hob den Kopf, ohne die Kurbel des Wagenhebers loszulassen. »Mahlzeit.« »Gleich zwei auf einmal? Nette Bescherung! Mit dem blanken Arsch in die Nesseln, wie man so sagt. Braucht ihr Hilfe?« »Hilf uns ruhig, wenn du nichts Dringenderes vor­ hast«, gab Merog anstelle von Tryw zur Antwort, wäh­ rend er die dunkle Scheibe herunterließ und die Pistole bereithielt. »Ich hab mir gestern die Hand verbrüht, musst du wissen, und der Oberleutnant Warennikow«, er nickte zu Obu hinüber, »der hat sich einen Bruch ins linke Ei gehoben von sexueller Überanstrengung.« Obu, Merog und Tryw brachen in einträchtiges Ge­ lächter aus. »Soll vorkommen in unserem harten Job«, sagte der 17


Leutnant grinsend, und seine Mundwinkel zuckten ner­ vös, während er sich auf die Taschen klopfte. »Dann werden wir euch mal beispringen, Jungs. Den Kollegen helfen, das gehört sich doch! Mensch, wo hab ich denn … ach, im Auto, wie immer …« Er wandte sich zu seinem Wagen um. »Ljocha, schmeiß mal das Feuer rüber!« Die Tür des Toyotas ging auf, heraus sprang ein Ser­ geant der Verkehrspolizei mit einer Kalaschnikow im An­ schlag. In der Hand des Leutnants klappte ein schmales Messer auf. »Ha!« Im selben Moment hatte er es auch schon geworfen. Auf Tryws Hals gezielt, traf es die Schulter, da Tryw aus­ gewichen war. Zugleich schoss Merog aus dem Fenster des Mercedes dem dicken krebsroten Leutnant zielsicher ein Loch in den Kopf. Auch der Sergeant eröffnete das Feuer. Die Kugeln prallten von der Panzerung des Mercedes ab, Tryw wurde von mehreren Streifschüssen getroffen. Dor hatte die Kofferklappe des Geländewagens geöffnet und feuerte eine lange Salve auf den Toyota. Die Frontscheibe zersprang, der Leutnant ging, von Kugeln durchsiebt, zu Boden. Wie aus dem Nichts schleuderte ein silberner Jeep heran, aus dem eine Kalaschnikow mit angesetztem Granatwerfer ragte. Die Granate wurde auf den blauen Geländewagen abgefeuert. Eine Explosion zerfetzte den Wagen, schleuderte den davonrennenden Dor zur Seite. Obu feuerte durch das hintere Fenster anhaltend auf den Jeep. Dieser rammte einen Gasel-Transporter; aus den Fenstern des Jeeps, dessen Scheiben zerschellten, wurde zurückgeschossen. Mehrere Fahrzeuge auf der Überhol­ 18


spur rasten ineinander, eines ging in Flammen auf. Obu und Merog aus dem Mercedes sowie Dor, der wieder stand, von draußen nahmen den Jeep ins Kreuzfeuer. Ein heranrasender Milchlastzug bremste, umkurvte die brennenden Autos, doch da traf ein Querschläger den Fahrer in die Kehle, der Milchzug schleuderte nach rechts und rammte den schwarzen Mercedes. Der gelbe Tank mit den blauen Buchstaben MILCH wurde eingedellt und platzte. Durch die offenen Fenster schwappte die Milch ins Innere des Wagens. Milch spuckend und hustend, versuchten Obu und Merog, den Koffer mit dem Jungen aus dem Auto zu zerren. Obu war am Hals verwundet, ihm schwanden zusehends die Kräfte. Im Nu war das Auto bis oben hin voll mit Milch, Merog tastete nach dem Türgriff, fand ihn und öffnete, fiel mitsamt dem Koffer aus dem Wagen. Obu verschluckte sich endgültig an der Milch und blieb drinnen liegen. Aus der hinteren Tür des Mercedes ergoss sich die Milch auf den Asphalt. Merog, den Koffer fest im Griff, setzte sich auf, schaute sich um. Der Verkehr war zum Erliegen gekommen. Zwei Autos und der explodierte Geländewagen standen in Flammen. Aus dem silbernen Jeep drangen keinerlei Lebenszeichen. Vom brennenden Geländewagen her kam Dor auf Merog zugewankt. Die Explosion hatte ihn schwer getroffen, er tat seine letzten Schritte auf Erden. Seine Linke umgriff die MPi, die Rechte hielt die Gedärme zurück, die aus dem zerfetzten Bauch quellen wollten. Das verbrannte, blut­ überströmte Gesicht war nicht wiederzuerkennen. »Bilde du den Kraftkreis«, röchelte Dor und fiel um. Sein Blut mischte sich in die Milch. Merog, zähneknirschend und am ganzen Körper 19


schlot­ternd, ergriff die MPi, die Dors blutiger Hand ent­ glitten war, hob den Koffer und schwang ihn über die Leitplanke, sprang dann selbst, vor Milch triefend, die Böschung hinab und von da ins Gras und ins Gebüsch, auf die in der Nähe aufragenden Plattenhochhäuser von Tjoply Stan zu. Inzwischen wagten die Leute in den stehenden Autos, die Köpfe aus den Fenstern zu stecken. »Da! Da ist er!« »Haltet ihn, Männer!« »Bleib stehen, du Hund!« »Nicht zu fassen!« »Nikita, ruf die Polizei!« »Aber das ist ja selber ein Bulle! Werwolf in Uniform!« »Haltet das Schwein!« »Ein Verkehrsposten ist doch hier ganz in der Nähe. Ein Stück weiter nur!« »Die müssen die Ballerei gehört haben, die sind be­ stimmt schon unterwegs!« Viele telefonierten auf ihren Handys. Merog rannte durch Gebüsch, vorbei an Garagen, und kam sehr bald zur General-Tjulenew-Straße. Sonntags war hier kaum Verkehr, es gab nur wenige Passanten, von denen die meisten stehen geblieben waren, um zu lauschen, was auf der Autobahn vor sich ging. Im Schutz eines silbrigen Garagencontainers stellte Merog den Koffer ab, wischte sich die Milch aus dem Gesicht und blickte um sich. Drei Frauen standen lebhaft diskutierend im nächstgelegenen Hauseingang, versuchten, zwischen Büschen und Bäumen etwas zu erspähen. Aus einem anderen Eingang kam ein Trupp Halbwüchsiger gesprintet und stürmte in Richtung 20


Vladimir Sorokin : 23000