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Neun Leben


W i ll i a m D a l r y m p l e

Neun L eben Un t e r w e g s i n s H e r z Ind i e n s Aus dem Englischen von Matthias Fienbork

BER L I N V ER L AG


Inhalt

Landkarte  6 Einleitung  7 1. Die Nonne  17 2. Der Tänzer von Kannur  48 3. Yellamas Töchter  78 4. Der Epensänger  103 5. Die Mystikerin  141 6. Der Mönch  178 7. Der Bronzegießer  212 8. Die Tantriker von Tarapith  244 9. Das Lied des blinden Baul  275 Glossar  305 Bibliographie  317 Register  325


N

AFGHANISTAN

Jammu und Kaschmir

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Dharamsala

PAKISTAN

Hi

Indus

Neu-Delhi

Pabusar

Sehwan

CHINA

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T i b e t Lhasa

NEPAL

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BHUTAN Darjeeling

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Brahmap Narmada

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INDIEN

da

Bombay

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Tarapith Shantiniketan

BANGLADESCH

Kalkutta

Mahan

adi

ARABISCHES MEER

MYANMAR

Belgaum

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n Krish

GOLF VON BENGALEN

Stravanabelagola Kannur

Madras Ka

ver

i

Thanjavur

SRI LANKA

I N D I S C H E R 0

300

600

900 km

O Z E A N


Einleitung

Die Idee zu diesem Buch wurde an einem klaren Himalayamorgen geboren, im Sommer 1993. Mein Weg führte vom BhagirathiTal steil hinauf in dicht bewaldete Höhen. Der Pfad war weich und bemoost und führte durch dichte Brombeersträucher, vorbei an Farnen, hoch aufragenden Himalayazedern und kleinen Wasserfällen. Es war Mai, und nach zehntägiger Wanderung war ich noch einen Tag von meinem Ziel entfernt, dem Tempel von Kedarnath, der zu den wichtigsten Wohnstätten des Gottes Shiva gehört und daher, neben dem Berg Kailash in Tibet, als Olymp der hinduistischen Götterwelt gilt. Ich war nicht allein unterwegs. Am Abend zuvor hatte ich Pilger gesehen, hauptsächlich Bauern aus Rajasthan, die neben den Tempeln und Basaren am Fuß des Bergs kampierten und sich an kleinen Lagerfeuern die Hände wärmten. Jetzt, im Morgenlicht, schienen sie sich auf wundersame Weise vermehrt zu haben. Ein Strom von Menschen bewegte sich bergaufwärts. Jede soziale Schicht und jeder Winkel Indiens war vertreten – Bauern, Tagelöhner und Städter aus Nord und Süd, Schulter an Schulter, wie in einer modernen indischen Fassung der Canterbury Tales. Die Reichen ritten auf Pferden oder ließen sich in Doolies tragen, einer eigenartigen Kombination aus Korbstuhl und Rucksack, doch die allermeisten Pilger waren zu Fuß unterwegs. Alte Männer, barfüßig, gebeugt und graubärtig, gingen ihren verschleierten Frauen voran, andere, frommere, verharrten betend vor kleinen Schreinen, die oft nicht mehr waren als Steinhaufen mit einem Kalenderbild. 7


Und erstaunlich viele Sadhus, Indiens heilige Männer, waren zu sehen, schlanke, fitte, zähe Gestalten mit verfilzten Haaren und Wuschelbart, manche in Gruppen, andere allein, mit einem schweren Metalldreizack beladen, oft wie in tiefer Meditation voranschreitend, um in der klaren Luft und Stille der Berge Moksha zu finden. Ich kam mit einem aschebeschmierten, völlig nackten Sadhu ins Gespräch, der ungefähr in meinem Alter war. Ich hatte immer angenommen, dass die heiligen Männer aus traditionellen dörflichen Verhältnissen kamen und einem einfachen, blinden Glauben anhingen. Wie sich zeigte, war Ajay Kumar Jha sehr viel kosmopolitischer, als ich angenommen hatte. Gemeinsam stiegen wir einen steilen Bergkamm hinauf, während im Tal weiter unten Raubvögel ihre Kreise zogen. Ich bat Ajay, mir seine Geschichte zu erzählen. Nach anfänglichem Zögern willigte er ein. »Ich bin erst seit viereinhalb Jahren Sanyasi. Früher war ich Verkaufsleiter bei Kelvinator, einer Elektrogerätefirma in Bombay. Ich hatte in Patna Betriebswirtschaft studiert und galt als vielversprechendes Talent. Doch eines Tages wurde mir klar, dass ich nicht mein Leben lang Ventilatoren und Kühlschränke verkaufen wollte. Also kündigte ich. Ich schrieb meinem Chef und meinen Eltern, verschenkte meinen Besitz an die Armen und fuhr mit dem Zug nach Benares. Dort warf ich meinen Anzug weg, rieb mich mit Asche ein und kam in einem Ashram unter.« »Haben Sie Ihre Entscheidung nie bereut?« »Es war ein ganz spontaner Entschluss. Aber nein, bereut habe ich es nicht eine Minute, auch dann nicht, wenn ich tagelang nichts gegessen und furchtbaren Hunger hatte.« »Es muss eine große Umstellung für Sie gewesen sein.« »Anfangs war es natürlich schwer. Aber die wirklich wichtigen Dinge im Leben brauchen ihre Zeit. Ich war sorgenfrei aufgewachsen. Mein Vater war Politiker und für indische Verhältnisse sehr reich. Aber ich wollte nicht so leben wie er.« 8


Inzwischen hatten wir die höchste Stelle des Bergkamms erreicht, rechts und links ging es steil in die Tiefe. Ajay zeigte auf die Wälder und Weiden unter uns, hundert verschiedene Grüntöne, eingerahmt von den gleißenden Schneegipfeln in der Ferne. »Im Gebirge denkt man klarer«, sagte er. »Alle Sorgen verschwinden. Schauen Sie, ich habe nur eine Decke und eine Wasserflasche dabei. Ich habe keinen Besitz und damit auch keine Sorgen.« Er lächelte. »Sobald man lernt, seine Bedürfnisse zu zügeln, wird alles möglich.« Dass ein Naga Sadhu zugleich ein studierter Betriebswirt sein konnte, gehörte zu einer Welt, die mir während der Arbeit an diesem Buch zunehmend vertraut wurde. So gelang es mir, auf einem Einäscherungsplatz in Westbengalen Tapan Goswami aufzuspüren, einen bekannten Tantriker, der zwanzig Jahre zuvor von einem amerikanischen Forscher interviewt worden war. In einem wissenschaftlichen Aufsatz hatte dieser Forscher dann beschrieben, wie Tapan unter Zuhilfenahme präparierter Schädel von Jungfrauen und Selbstmördern die Götter anrief. Das klang nach einer hochinteressanten, wenn auch etwas gruseligen Geschichte. Also streifte ich den ganzen Tag über die Verbrennungsplätze von Birbhum, bis ich den Gesuchten schließlich fand. Tapan saß vor seinem kleinen Kali-Tempel und bereitete gerade ein Opfer für die Göttin vor. Die Sonne stand schon tief, vor dem Tempel rauchte noch ein Scheiterhaufen, Fliegen schwirrten durch die Hitze, kein Lüftchen ging. Wir sprachen über Tantra. Tapan bestätigte, dass er damals, als der Amerikaner ihn besucht hatte, tatsächlich Schädelpräparator gewesen sei. Noch heute präpariere er manchmal Schädel, um die Energie der Toten für sich zu nutzen. Über die Einzelheiten könne er leider nicht sprechen. Warum?, fragte ich. Seine beiden Söhne, antwortete er, seien erfolgreiche Augenärz9


te in New Jersey, die ihm verboten hätten, weitere Interviews zu geben. Gerüchte von einer Familie, die Schwarze Magie betreibe, könnten ihrer florierenden Praxis schaden. Inzwischen konnte er sich sogar vorstellen, seine Schädel wegzugeben und zu seinen Söhnen in die Staaten zu ziehen. Ich erlebe selbst, wie sehr sich Indien verändert, in einer Weise, die Ende der achtziger Jahre, als ich dort hinzog, völlig unvorstellbar gewesen wäre. Als ich nach knapp zehnjähriger Abwesenheit nach Delhi zurückkehrte, pachtete ich einen Bauernhof, fünf Kilometer von Gurgaon, der boomenden Satellitenstadt südwestlich von Delhi. In der Ferne zeichneten sich die Hochhäuser mit ihren Callcentern, Computerfirmen und modernen Apartments ab, die auf brachliegendem Agrarland hochgezogen worden waren. Sechs Jahre später ist Gurgaon derart schnell gewachsen, dass die größte Mall Asiens, wie die Stadt stolz genannt wird, nur noch ein paar hundert Meter von unserem Bauernhof entfernt ist. Dieser Boom ist atemberaubend für jeden, der die Verhältnisse in Westeuropa kennt. Bauprojekte, die in England fünfundzwanzig Jahre brauchen, sind hier in fünf Monaten fertiggestellt. Indien schickt sich an, Japan als drittgrößte Wirtschaftsnation der Welt zu verdrängen, und nach CIA-Schätzungen könnte Indien die Vereinigten Staaten im Jahr 2050 überholt haben. Das alles ist so eindrucksvoll, dass man die Fragilität und ungleiche Verteilung dieses Booms leicht übersieht. Wer Gurgaon mit seinen Zentralen von Microsoft oder Google Asia verlässt und auf der Autobahn in Richtung Jaipur fährt, kommt sich vor wie auf einer Zeitreise in eine ältere, gemächlichere, vormoderne Welt. Zwanzig Minuten später beherrschen nicht mehr Autos und Lastwagen, sondern Kamele und Ochsenkarren den Verkehr, Anzug, Jeans und Baseballkappe haben Dhoti und Turban Platz gemacht. Man befindet sich in einem komplett anderen Indien. Und an genau solchen Orten, wo Moderne und 10


Tradition aufeinandertreffen, sind die Geschichten angesiedelt, die ich in meinem Buch erzähle. Viel ist darüber geschrieben worden, dass Indien bald wieder seinen angestammten Platz im Welthandel einnehmen wird, doch es gibt kaum Untersuchungen darüber, welche Auswirkungen diese ungeheuren Umwälzungen auf die religiösen Traditionen des Subkontinents haben und was das für die Menschen bedeutet, deren Alltag von diesen reichen Traditionen geprägt ist. Während sich der Westen die östlichen Religionen gern als Quellen uralter, unveränderlicher Weisheit vorstellt, ist Indiens religiöse Identität in Wirklichkeit eng an bestimmte soziale Gruppen, kastenspezifische Praktiken und Familientraditionen gebunden, die sich allesamt so rasant verändern wie Indiens Gesellschaft im Ganzen. All das wirft interessante Fragen auf. Was heißt es, als Sadhu oder Jaina-Nonne, als Mystiker oder Tantriker auf den Straßen Indiens unterwegs zu sein und Erleuchtung zu suchen, während Tata-Schwertransporter an einem vorbeidonnern? Warum betrachtet es jemand als heiligen Auftrag, sich dem bewaffneten Widerstand anzuschließen, während ein anderer hingebungsvoll Gewaltlosigkeit praktiziert? Warum glaubt jemand, er könne einen Gott erschaffen, während ein anderer Mensch davon überzeugt ist, dass Gott in ihm wohnt? Können diese verschiedenen spirituellen Wege den Wandel überdauern, der ganz Indien erfasst hat? Was verändert sich, was bleibt? Ist Indien noch immer eine spirituelle Alternative zum Materialismus oder entwickelt es sich zum Statthalter des globalisierten Kapitalismus? Auf meinen Reisen durch Indien habe ich viele Welten erlebt, die im Verlauf dieses immer rasanteren Prozesses merkwürdig aufeinanderprallen. In der Nähe von Jodhpur besuchte ich einen Schrein, der über einem Enfield-Bullet-Motorrad errichtet worden war. Ursprünglich gedacht als Erinnerung an den Besitzer, der dort bei einem Verkehrsunfall ums Leben kam, ist 11


das Motorrad inzwischen ein Wallfahrtsort geworden, der Pilger (besonders Lastwagenfahrer) aus ganz Rajasthan anzieht, auf der Suche nach den Fruchtbarkeitswundern, die dieser Schrein angeblich bewirkt. In Swamimalai in Tamil Nadu lernte ich den Bronzegießer Srikanda Stapathy kennen, einen Götterbildner, den 23. in einer langen Traditionslinie, die bis zu den legendären Chola-Bronzegießern zurückreicht. Für ihn ist die Erschaffung von Göttern eine der heiligsten Bestimmungen, aber inzwischen muss er akzeptieren, dass sein Sohn lieber Informatik in Bangalore studieren will. In Kannur in Nordkerala begegnete ich Hari Das, der neun Monate im Jahr Brunnenbauer und Gefängniswärter ist und täglich die blutigen Kämpfe zwischen einsitzenden Kommunisten und Aktivisten des rechtsextremen RSS erlebt. Doch in der Theyyam-Saison zwischen Dezember und Februar übt Hari Das einen ganz anderen Beruf aus. Obwohl er ein Dalit ist, verwandelt er sich in diesen drei Monaten in eine allmächtige Gottheit und wird als solche angebetet. Und Anfang März kehrt er wieder in sein Gefängnis zurück. Andere Menschen, denen ich begegnete, wurden auf brutalere Weise in die Moderne geworfen – durch Invasionen, Massaker und fundamentalistische Bewegungen. Viele meiner Gesprächspartner hatten Vertreibung und großes Leid erfahren, hatten persönliche, familiäre und politische Tragödien durchlebt. Tashi Passang etwa war bis 1959 buddhistischer Mönch in Tibet gewesen, bis zum Einmarsch der Chinesen. Als sein Kloster unter chinesischen Druck geriet, schloss er sich dem bewaffneten Widerstand an. »Als Mönch darf man nicht töten«, sagte er. »Aber manchmal ist man verpflichtet, es doch zu tun.« Heute lebt er in Nordindien, bedruckt Gebetsfahnen, um für seine Gewalttaten als Widerstandskämpfer zu büßen. Andere, von Familie und Kaste verstoßen, Opfer interreligiöser oder politischer Gewalt, haben in Gemeinschaften religiöser Ekstatiker liebevolle Aufnahme gefunden, werden dort sogar verehrt. 12


Anhand solcher Geschichten, die allmählich meine Notizbücher füllten, wollte ich ursprünglich eine indische Version meines Buchs über die christlichen Klöster und Gemeinschaften im Nahen Osten (From the Holy Mountain) schreiben. Meine Interviewpartner waren aber so ungewöhnlich, ihre Geschichten und Stimmen so kraftvoll, dass ich beschloss, dem Buch eine völlig andere Form zu geben. Als vor zwanzig Jahren mein erstes Buch In Xanadu erschien, ging es in der Reiseliteratur vor allem um den Autor und seine Erlebnisse. Die Menschen, denen er begegnete, waren oft nicht mehr als Objekte im Hintergrund. In diesem Buch sollte es genau umgekehrt sein. Die Hauptrolle spielen die Menschen und ihre Geschichten, der Erzähler hält sich im Hintergrund. Manchmal habe ich, um die Identität der Porträtierten zu schützen, auf eigenen Wunsch Namen und Details geändert. Indem die hier präsentierten Geschichten die dunklere, unromantische Seite des modernen Indiens spiegeln, jede Person ihre eigene Geschichte erzählt und der Autor nur für den Rahmen sorgt, hoffe ich, die Klischees vom »mystischen Indien« vermieden zu haben, die den westlichen Blick auf die indische Spiritualität so oft beeinträchtigen. Jede der hier vorgestellten Personen repräsentiert einen anderen spirituellen Weg. Jedes Porträt soll vor Augen führen, wie die jeweiligen Formen religiöser Berufung von dem atemberaubenden Wandel der indischen Gesellschaft erfasst worden sind und zugleich Glauben und Ritual auf erstaunliche Weise fortleben. Überraschenderweise haben meine Gesprächspartner mit den gleichen Fragen und Konflikten gerungen, die schon vor tausend Jahren die Sadhus im klassischen Indien umtrieben – das Streben nach Erfolg und Sicherheit oder nach spiritueller Erlösung, aktives oder kontemplatives Leben, das Bedürfnis nach Beständigkeit gegen die Verlockungen ungebundener Wanderschaft, persönliche Gottessuche oder religiöse Konvention, 13


Schriftgläubigkeit oder Mystizismus, der uralte Kampf zwischen Pflicht und Neigung. Das Wasser bewegt sich ein wenig schneller als früher, doch der große Strom, unberechenbar wie eh und je, fließt weiter in seinem vertrauten Bett.

Y Die Interviews für dieses Buch wurden in acht Sprachen geführt. Mein Dank geht daher an all jene, die mich auf meinen Reisen begleiteten und die Gespräche möglich machten: Mimlu Sen, Santanu Mitra, Jonty Rajagopalan, Prakash Dan Detha, Susheela Raman, H. Padmanabaiah Nagarajaiah, Pratibha Nadakumar, Tenzin Norkyi, Lhakpa Kyizom, Tenzin Tsundue, Choki Tsomo, Masood Lohar und mein alter Freund Subramaniam Gautha, der mich nach Tamil Nadu und Kerala begleitete. Wertvollen Rat erhielt ich von Toby Sinclair, Gita Mehta, Ram Guha, Faith und John Singh, Ameena Saiyid, Wasfia Nazreen, Sam Mills, Michael Wood, Susan Visvanathan, Pankaj Mishra, Dilip Menon und Bhaskar Bhattacharyya. Varsha Hoon von Connexions Inc. organisierte meine Reisen und bewies Geduld und Phantasie, sooft ich meine Pläne in letzter Minute umstieß. Das erste Kapitel dieses Buchs entstand auf Geoffrey Dobbs’ traumhafter Insel Taprobane. Gute Dienste leisteten mir A. K. Ramanujans wunderbare Gedichtanthologien When God is a Customer und The Interior Landscape, Ramprasad Sens Grace and Mercy in Her Wild Hair, Deben Bhattacharyyas The Mirror of the Sky, Anju Makhijas und Hari Dilgirs Übertragungen der Gedichte von Shah Abdul Latif (Seeking the Beloved), John D. Smiths The Epic of Pabuji und schließlich Vidya Dehejia mit ihren Übersetzungen klassischer tamilischer Gesänge und Inschriften. Dank schulde ich allen, die das Manuskript lasen und An14


regungen machten: Rana Dasgupta, Wendy Doniger, Paul Courtwright, Daniyal Mueenuddin, Ananya Vajpayi, Isabella Tree, Gurcharan Das, Jonathan Bond, Rajni George, Alice Albinia, Chiki Sarkar, Salma Merchant, Basharat Peer und vor allem Sam Miller, der, zu meiner Schande sei es gesagt, ein viel aufmerksamerer Leser war, als ich es bei seinem großartigen Buch über Delhi gewesen war. Mein heroischer Agent, der legendäre David Godwin, hat mich unbeirrt unterstützt. Und ich habe wunderbare Verleger – Sonny Mehta bei Knopf, Ravi Singh bei Penguin India, Marc Parent bei Buchet Chastel und insbesondere Michael Fishwick bei Bloomsbury, der all meine sieben Bücher betreut hat, seit nunmehr zwanzig Jahren. Meine Familie – Olivia mit Ibby, Sam und Adam – war wie immer verständnisvoll und nachsichtig. Dieses Buch ist Sammy gewidmet, dessen eigene Geschichten, gemeinsam mit seinem kleinen Bruder geschrieben, viel schneller fertig waren und noch mehr Magie verströmen als das Buch seines Vaters. Juli 2009 William Dalrymple, Mira Singh Farm, Neu-Delhi

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1 Die Nonne

Aus einem Meer von Bananenstauden und Palmyrapalmen ragen zwei glattgeschliffene dunkle Granithügel empor. Der Tag dämmert heran. Unten liegt, durchzogen von staubigen, roterdigen Straßen, die alte Pilgerstadt Sravanabelagola mit ihren halbverfallenen Klöstern, Tempeln und Dharamsalas. Im Zentrum befindet sich ein großer quadratischer Teich, auf dem Blätter und geschlossene Lotusblüten treiben. Trotz der frühen Stunde haben sich schon die ersten Pilger eingefunden. Seit mehr als zweitausend Jahren ist dieser Ort in Karnataka ein jainistisches Heiligtum. Hier nahm im dritten vorchristlichen Jahrhundert der erste Herrscher Indiens, Chandragupta Maurya, den Jainismus an und hungerte sich durch selbstauferlegtes Fasten zu Tode, um für all die Gewalt zu büßen, die er im Laufe seines Lebens verübt hatte. Tausendzweihundert Jahre später, im Jahr 981, ließ ein Jaina-Heerführer auf dem Vindhyagiri, dem höheren der beiden Hügel, zu Ehren von Prinz Bahubali ein Standbild errichten, das mit achtzehn Metern Höhe die größte monolithische Statue in Indien ist. Auch Prinz Bahubali war ein berühmter Jaina-Held. Mit seinem Bruder Bharata kämpfte er um die Herrschaft über das väterliche Reich, erkannte aber in der Stunde seines Sieges, wie töricht seine Habgier war und wie vergänglich aller Ruhm. Er verzichtete auf sein Königreich und beschloss, das Leben eines Asketen zu führen. Er zog sich in den Dschungel zurück und 17


meditierte ein Jahr lang im Stehen, so dass sich Lianen um seine Beine schlangen und ihn festhielten. Dergestalt besiegte er seine wahren Feinde – Leidenschaft, Ehrgeiz, Stolz und Gier – und erlangte, jainistischer Überlieferung zufolge, als erster Mensch Moksha, also spirituelle Erlösung. Die Sonne ist eben erst über den Palmen aufgegangen, noch immer hüllt Morgennebel die Landschaft ein. Die Pilger – von fern ameisenhaft winzige Wesen auf dem schimmernden Felsgestein – steigen die Stufen zum steinernen Prinzen hinauf. Seit tausend Jahren ist diese massive breitschultrige Figur, umrankt von steinernem Blattwerk, Hauptattraktion in diesem Vatikan der Digambara, der luftgekleideten Jainas. Die Digambara-Mönche sind von allen Asketen in Indien wohl die strengsten. Ihre totale Weltentsagung zeigt sich darin, dass sie völlig nackt sind, leicht wie die Luft und klar wie der Himmel. Unter den vielen gewöhnlichen Jainas in Lungis und Saris, die langsam die in den Fels gehauenen Stufen emporsteigen, um Bahubali zu verehren, sind einige nackte DigambaraMönche und weißgekleidete Digambara-Nonnen (Matajis). In einem Tempel knapp unterhalb des Gipfels sah ich Prasannamati Mataji zum ersten Mal aus der Nähe. Aufgefallen war mir die kleine, schmale, barfüßige Nonne im weißen Sari schon während des Aufstiegs. Sie ging vor mir, mit raschen Schritten, in der einen Hand eine mit Wasser gefüllte Kokosnussschale, in der anderen ein Handbesen aus Pfauenfedern. Jede Stufe fegte sie sauber, um kein Lebewesen zu verletzen oder zu töten – wie das allen Munis vorgeschrieben ist. Am Vadegall-Basadi-Tempel unterhalb des Gipfels holte ich sie ein – und nun fiel mir auf, dass sie trotz des geschorenen Kopfes überraschend jung und attraktiv war. Sie hatte große, weit auseinanderstehende Augen, einen olivfarbenen Teint und eine selbstverständliche, ungezwungene Art, sich zu bewegen. In ihrem Gesicht lag aber auch eine Melancholie, die einen, in Ver18


bindung mit ihrer erstaunlichen Jugendlichkeit und Schönheit, neugierig machte. Sie betete gerade, als ich den Tempel betrat. Dort drinnen war es so dunkel, dass meine Augen eine Weile brauchten, um sich an die Düsternis zu gewöhnen. An den zentralen Punkten standen, anfangs kaum zu erkennen, drei Tirthankara-Figuren aus glattem, schwarzem Marmor. Jeder Tirthankara, das Haupt geschoren, die Ohrläppchen langgezogen, saß buddhaartig im Virasana Samadhi, mit gekreuzten Beinen, die Handflächen geöff­net, in konzentrierter Meditation ganz und gar nach innen ge­kehrt. Tirthankara bedeutet »Furtmacher«. Nach jainistischer Vor­stellung haben diese heldenmütigen Asketen den Weg zum Nirwana gezeigt, indem sie eine spirituelle Furt durch die Flüsse des Leidens und die Ozeane von Leben und Wiedergeburt schufen, die einen Übergang zwischen Samsara und Moksha ermöglichen soll. Vor jeder dieser Figuren verneigte sich die Nonne. Dann ließ sie sich von einem Priester Wasser geben, das sie über die Hände der Figuren goss. Dieses Wasser fing sie in einer Schale auf, um es sich anschließend über den Kopf zu reiben. Nach jainistischer Auffassung sollen Pilger sehr wohl die Tirthankaras anbeten, dürfen aber keinen irdischen Lohn dafür erwarten. Als vollkommene Wesen haben sich die Furtbauer von der Welt der Menschen befreit und sind daher nicht mehr in den Figuren anwesend, während Hindus zum Beispiel glauben, dass ihre Götter in den Darstellungen präsent sind. Der Pilger kann die Tirthankaras anbeten, ihre Weisheit preisen und sich in der Meditation auf sie konzentrieren. Da sie diese Welt aber hinter sich gelassen haben, können sie nicht auf Gebete reagieren. Die Beziehung zwischen Gläubigem und dem Objekt seiner Anbetung ist absolut einseitig. Im Grunde ist der Jainismus eine beinahe atheistische Religion, denn die Tirthankara-Figuren stellen abwesende Gottheiten dar. 19


Intensiv konzentrierte sich die Nonne auf die Figuren, aber da sie sich im Gebet befand, war dies natürlich nicht der Moment, sie zu stören, geschweige denn sie anzusprechen. Vom Tempel ging es weiter hinauf zum Bahubali. Dort, am Fuß der Statue angelangt, wusch sie die Füße des Heiligen und betete leise, den Gebetskranz in der Hand. Dann schritt sie fünf Mal um das Heiligtum, und so schnell, wie sie die Stufen heraufgekommen war, ging sie wieder hinunter, und wieder flog ihr Pfauenwedel über jede Stufe. Tags darauf ersuchte ich im Kloster um eine offizielle Audienz mit ihr. Doch erst am zweiten Tag, als wir im Gästehaus unser Gespräch fortsetzten, erfuhr ich, was hinter ihrer unverkennbaren Melancholie lag. »Wir glauben, dass Bindung zu Leid führt«, sagte Prasannamati Mataji, nachdem wir schon eine Weile miteinander gesprochen hatten. »Darum sollen wir keine Bindungen eingehen. Wir nennen das ›Aparigraha‹ – einer der Hauptgrundsätze des Jainismus. Darum habe ich meine Familie verlassen und mich von meinem Besitz getrennt.« Wir befanden uns im Anbau eines Gebetsraums. Die Nonne saß, etwas höher als ich, mit gekreuzten Beinen auf einem niedrigen Podest. Das Oberteil ihres Saris bedeckte nun züchtig ihren kahlen Kopf. »Viele Jahre lang habe ich gefastet oder höchstens einmal am Tag etwas gegessen«, fuhr sie fort. »Ich hatte, genau wie andere Nonnen, oft Hunger und Durst. Ich habe mich bemüht, allen Lebewesen rücksichtsvoll zu begegnen und alle Formen von Gewalt, Leidenschaft oder Selbsttäuschung zu vermeiden.« Sie strich mit der Hand über ihre schwielige Fußsohle. »Ich bin barfuß durch das Land gewandert. Jeden Tag haben mir Dornen und Blasen Schmerzen bereitet. Das alles gehörte zu meinem Versuch, die letzten Bindungen an diese illusorische Welt zu lösen. Aber es gab noch eine Bindung – obwohl ich das natürlich nicht so gesehen habe.« 20

William Dalrymple  

Neun faszinierende Porträts aus dem heutigen Indien — neun Menschen auf höchst unterschiedlichen spirituellen Wegen in einer Gesellschaft, i...

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