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G E TRI C KST UND A B G E DREH T FILMGESCHICHTEN FÜR KINOFANS

THOMAS BINOTTO

ry Bloomsbu r & Jugendbücher che ü Kinderb


, geboren 1966, ist Journalist und Buchautor. Bei Bloomsbury K & J erschien 2006 von ihm »Mach’s noch einmal, Charlie! 100 Filme für Kinofans (und alle, die es werden wollen)« (Bloomsbury K & J Taschenbuch 2009), das unter anderem für den Kinder- und Jugendbuchpreis der Stadt Oldenburg nominiert war. Thomas Binotto lebt mit seiner Familie in Schaffhausen, Schweiz. T H OM AS B I N OT TO

Bloomsbury Kinderbücher & Jugendbücher © 2010 BV Berlin Verlag GmbH, Berlin Alle Rechte vorbehalten Umschlaggestaltung: Rothfos & Gabler, Hamburg Typografie, Gestaltung und Satz: Manja Hellpap, Berlin Gesetzt aus Granjon und Bulldog Druck und Bindung: Ebner & Spiegel, Ulm Printed in Germany 2010 ISBN 978-3-8270-5350-3 www.berlinverlage.de


I N HA L T V O RS P ANN 9

PR O GR A MM 1. K O LO S SAL M O NU M ENTAL 12

B EN H U R von William S PARTACUS von Stanley Kubrick 19 CLEO PATRA Wyler 1 6 von Joseph L. Mankiewicz 2 3 VOM WI ND E VERW EH T von Victor L AWRE N C E VO N ARAB I E N von David Lean 28 Fleming 2 6 KAG E MUS H A von Akira Kurosawa 3 1 DAS G ROSSE R ENNEN RU ND U M D I E W ELT von Blake Edwards 3 4 D E R H E R R D E R R I N G E von Peter Jackson 3 6

2. WI L D WA R DER W E S TERN 40 von Fred Zinnemann

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D I E G LO R R EI C HE N S I E B E N

ZW Ö LF U H R MI T TAGS

EL DO RADO von Howard Hawks 46 von John Sturges 48 WEITES LAND

C AT BA L LO U – H Ä N G E N SO L L S T D U I N W YO von William Wyler 5 1 MI N G von Elliot Silverstein 5 3 S P I E L MI R DAS LI ED VOM TO D von WI NNE TO U von Harald Reinl 58 VI ER Sergio Leone 5 6 FÄUS TE FÜR EI N HALLELUJA von E. B. Clucher 62 TO D E S ZU G NAC H Y U M A von James Mangold 6 5 D E R MI T D EM WO LF TA NZT von D E R MANN , D E R L I B E RT Y VA LA N CE ER SCH OSS von Kevin Costner 6 6 John Ford 6 9

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3. GAU N ER UND H ALU N KE N 72

D ER CLO U von George von Steven Soderbergh 77 LADYKI LLER S von Alexander Mackendrick 79 A D EL VER PFLI CH T E T von Robert Hamer 8 2 D I E FALSCHS P I ELERI N von Preston Z WE I H I NRE ISSE ND V E RDO R B ENE SCH U R KEN von Frank Sturges 8 4 D I E G L Ü C K S R I T T E R von John Landis 90 VI ER LEI CH EN Oz 8 7 AUF ABWEG E N von Lloyd Bacon 9 2 Ü B ER D EN DÄ CH ER N VO N N IZZ A DAS S U P E R H I RN von Gérard Oury 97 von Alfred Hitchcock 9 5 SC H TO N K ! von Helmut Dietl 9 9 SC H WA R Z E K AT Z E , W E I SS E R K AT ER von Emir Kusturica 10 2

Roy Hill 7 4

OC E AN ’ S E L E V E N

4. MIT T AKT G EFÜHL U N D MU S IK G EH Ö R 104 von Preston Sturges 10 5

DIE

von Vincente S I N G I N ’ I N T H E R A I N von Stanley Donen 112 Minnelli 10 9 M A RY P O P P I N S von Robert Stevenson 1 15 WE S T S I D E S TO RY von D I E Z AUB E RFLÖT E von Kenneth Branagh 121 Robert Wise 118 A HARD DAY ’ S N I G HT von Richard Lester 123 T H I S I S S P I NA L TAP von Rob Reiner 12 6 B RASSED O FF – MI T PAUKEN UND TROMPE TEN SC HULT Z E G E TS TH E B LU ES von Michael von Mark Herrman 12 8 R H Y T H M I S I T ! von Thomas Grube 133 Schorr 1 3 1 UNGETREUE

5. K I ND E R, KI N DE R 136

VO R H A N G AUF !

von Charles Chaplin 139 P E L L E , D E R E RO B E R E R von Bille August 142 A ZZU R RO von FAHRRAD D I E B E von Vittorio de Sica 147 Denis Rabaglia 14 5 LO N G WA L K H OM E von Philip Noyce 15 0 AUF WI ED ER SEHEN , KI ND ER SO N O F R A M B OW von Garth Jennings 156 von Louis Malle 15 3 D ER KRI EG D ER KNÖPFE von Yves Robert 158 PÜ NK TCH EN U ND A N TO N von Caroline Link 16 0 E S G I B T N U R E I N E N J IM M Y G RIMB LE W E R F R Ü H E R S T I RB T I S T L Ä N G E R TOT von Marcus von John Hay 16 3 H . Rosenmüller 16 5 L I P P E L S T R AU M von Lars Büchel 168

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THE KI D


6. D I E Z U KU N FT IST E R ST DER A N FA N G 172

DIE

von Karel Zeman 175 D ER TAG , A N D EM D I E ERD E S T I L LS TAND von Robert Wise 17 7 WA RGA M E S – K R I EGS S P I EL E von John Badham 18 0 FA H R E N H E I T 4 5 1 von François Truf2 0 0 1 : O DYSS E E IM W E LT R AU M von Stanley Kubrick 186 faut 1 8 2 B L AD E RU N N E R von Ridley Scott 18 9 D I E P H A N TAS T I SC H E R E I S E T IM E BA N D I T S von Terry Gilliam 193 von Richard Fleischer 19 0 ZURÜCK I N D I E ZU KUNF T von Robert Zemeckis 195 ERFINDUNG DES VERDERBENS

7. M O NS T ER UN D AND E RE UN G EHEU E RLICHK E IT E N 198 NOSFERATU – EINE SYMPHONIE DES GRAUENS von

F R A N K E N S T E I N von James Wilhelm Friedrich Murnau 2 0 1 K I N G KO N G U N D D I E W E I SS E F R AU von Merian C. Whale 2 0 5 H U LK von Ang Lee 211 Cooper und Ernest D. Schoedsack 2 0 8 TA N Z D E R VA M P I R E von Roman Polanski 213 D I E VÖ G EL von D E R W E I SS E H A I von Steven Spielberg 219 Alfred Hitchcock 2 16 T H E OT H E R S Alejandro Amenábar 2 2 2 D I E A D DA MS FA MI LY I N V E R R Ü C K T E R T R A D I T I O N von Barry Sonnenfeld 224

8. B E G E H R T E S C H M E R Z E N 2 2 6

von Z E I T D E R U N SC H U L D von Martin Scorsese 232 Michael Curtiz 22 9 VI EL LÄRM UM N I CHTS von Kenneth Branagh 235 DIE NAC H T VO R D E R H O C H Z E I T von George Cukor 238 SCH I CK MI R KEI N E B LU M EN von Norman Jewison 2 4 0 G R E E N C A R D von Peter D I E FAB E L HAF T E WE LT D E R AM ÉLI E von Jean-Pierre Weir 2 4 4 VAT E R D E R B RAU T von Vincente Minnelli 250 Jeunet 2 4 7 H I G H F I D E L I T Y von Stephen Frears 2 5 3 EI N SELTSAMES PA AR von E I N H IM M L I SC H E R S Ü N D E R von Ernst Lubitsch 258 Gene Saks 2 5 5

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C A SA B L A N C A


9. O D U S C H R E C K L I C H E ! 260

I S T DAS L E B E N N I C H T

von Frank Capra 2 6 3 J E D E F R AU B R AU C H T E I N E N E N G EL von Henry Koster 2 6 6 W I R S I N D K E I N E E N G EL von Michael CurREND EZVO US NACH LAD ENSCHLUSS von Ernst Lubitsch 270 tiz 2 6 8 KE VI N – ALLEI N ZU HAUS von Chris Columbus 273 SCH Ö NE D I E WEI HNACHTSGANS B E SC H E RU N G von Jeremiah S. Chechik 276 AU GUS TE von Bodo Fürneisen 2 7 7 SC H Ö N ?

10. N I CHT S ALS D IE W A HR H EIT? 280

C I T IZ E N K A N E

von Orson Welles 2 8 3 R E P O RT E R D E S SATA N S von Billy Wilder 287 Q U IZ S H OW von Robert Redford 290 WAG THE DOG von G O O D BY E , L E N I N ! von Wolfgang Becker 295 Barry Levinson 2 9 2 JAKO B D E R LÜG NE R von Frank Beyer 297 SO P H I E SCH O LL – D I E L E T Z T EN TAG E von Marc Rothemund 3 00 EI N MA NN ZU JED ER JA H R E S Z E I T von Fred Zinnemann 3 0 2 IM NA MEN D E S VATER S von Jim D I E Z WÖLF G E SC HWO R ENEN von Sidney Lumet 308 Sheridan 3 0 6

AB S PAN N 312 Bildnachweis 3 12 Filmregister 3 13

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VOR SPAN N

Ich bin immer noch geschichtensüchtig. Daran hat sich seit »Mach’s noch einmal, Charlie!« nichts geändert. Weshalb soll ich eine Leidenschaft zügeln, die mir so viel Freude macht? Und das Kino hat unendlich viele Geschichten auf Lager, so dass es locker für ein zweites Buch reicht. Also habe ich sozusagen nochmals von vorne angefangen, ohne mich dabei zu wiederholen: Ich habe hundert weitere Filme ausgewählt, mit denen sich spannend Filmgeschichte erzählen lässt, und habe sie wieder in zehn Gattungen eingeteilt. Geschichtensüchtige können nämlich nie genug bekommen, und so habe ich im ersten Band schmerzlich ein Kapitel über Western vermisst, konnte nicht begreifen, dass der Musikfilm fehlte, und fand es jammerschade, dass Gruselfilm und Science-Fiction draußen bleiben mussten. Aber dann habe ich mir gedacht: getrickst und abgedreht, schreibst du halt einen zweiten Band. Eine Filmgeschichte in zwei Bänden – das ist eine runde Sache. Aber am Ende angekommen bin ich damit natürlich noch lange nicht. Ich staune immer noch wie ein neugieriges Kind über diese gigantische Erzählkiste »Kino« und habe vor allem zwei Dinge im Kopf: Entweder will ich einen besonders tollen Film erneut entdecken, oder ich warte darauf, dass mir ein neuer Leckerbissen

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serviert wird. Und weil das Kino seit über hundert Jahren Filmgeschichten am laufenden Band produziert, besteht kein Grund zur Sorge, dass irgendwann diese furchtbare Schrifttafel mit »The End« eingeblendet wird. Mit meiner unstillbaren Neugierde bin ich glücklicherweise nicht allein. Dank meiner Bücher begegne ich nun ganz vielen jungen Filmfans, die auch nie genug kriegen können. Bei meinen »Filmlesungen« können wir dann unsere Leidenschaft teilen. Es ist das reine Vergnügen, ihnen Filmgeschichten zu erzählen und sie damit gefangen zu nehmen, fast noch vergnüglicher als das Entdecken und Aufschreiben. So ziehe ich neuerdings als Kidnapper, Missionar und Rattenfänger durch die Lande mit Filmgeschichten im Gepäck, die Filmgeschichte erzählen. Wer sich erst mit diesem Buch anlocken ließ, braucht sich keine Sorgen zu machen, ob er ohne den ersten Band auch mitkommen werde. Wir Kinopiraten nehmen jeden mit, der sich an Bord traut, und machen es ihm so angenehm wie möglich. Wir fragen nicht einmal nach dem Alter. Wer so fasziniert vom Kino ist, dass er 320 Seiten durchhält, der ist auch alt genug dafür.

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Ich habe mich schon oft über Filmeinführungen geärgert, die viel zu lange waren und viel zu viel verraten haben, also kriege ich nun ganz schnell die Kurve. Nur eines noch: Ich stehe tief in der Schuld meiner Tochter Sophie. Zunächst hat sie ungeduldig nach jedem neuen Kapitel gefragt und mich damit aus der Reserve gelockt. Und dann hat sie mein Manuskript immer wieder kritisch gelesen und mit klugen Anmerkungen versehen. Sie war so etwas wie meine freundliche Sklaventreiberin – und die sind für Autoren Gold wert. Mehr zu meinen Filmlesungen unter www.filmleser.ch

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m l ямБ l a t n e m u n o M


K OLOS SAL M O NU M E N TA L Im Jahr 1895, als das Kino noch in den Kinderschuhen steckte, gelang es den Brüdern Louis Jean und Auguste Lumière in Paris, die Zuschauer mit dem kurzen Film eines einfahrenden Zugs von den Sitzen zu reißen. Sehr schnell wurde jedoch klar, dass man die Menschen im Kino noch viel stärker verblüffen konnte. Und je vertrauter den Zuschauern das neue »Wunder« wurde, desto mehr Aufwand musste betrieben werden, um sie in Erstaunen zu versetzen. Bereits im 19. Jahrhundert begann Georges Méliès, auch er ein Franzose, mit Tricks zu arbeiten, und machte aus der Leinwand das Versuchslabor eines Magiers. Von nun an bot das Kino nicht nur gute Geschichten, sondern meistens auch etwas besonders Aufregendes für das Auge. Aus Filmen wurde ein Spektakel, was übersetzt nichts weiter als »Anblick« bedeutet und im übertragenen Sinne »Schauspiel«. Die Menschen wollten im Kino etwas erleben, was sie aus dem harten Alltag entführte. Etwas, das lustiger war als die Streitigkeiten in der Familie, abwechslungsreicher als die Arbeit am Fließband, abenteuerlicher als ein Spaziergang im Park. Monumentalfilme sind deshalb fast so alt wie das Kino selbst. An ihnen ist alles gigantisch: Kulissen, Massenszenen, Länge, finanzieller Aufwand.

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Die Italiener zelebrierten solche Kinospektakel von Beginn an. Bereits der allererste in Italien produzierte Spielfilm zeigte 1905 nicht weniger als die E RO B E RU N G ROMS . 1908 folgten D I E LE TZTEN TAG E VO N P OM P E J I und 1913 Q U O VAD I S ? . 1914 entstand mit C A B I RIA ein erster Meilenstein des Monumentalfilms. Auch darin ging es um eine Episode der römischen Geschichte. C A B I RIA spielt im 3. Jahrhundert vor Christus während des 2. Punischen Krieges zwischen Rom und Karthago und protzte mit nie zuvor betriebenem Aufwand. Regisseur Giovanni Pastrone und sein Team erfanden ganz neue technische Möglichkeiten, darunter Kamerawagen und einen Kran, mit dessen Hilfe die Kamera auch bei Massenszenen nahe an die einzelnen Gesichter heranfahren konnte. Pastrones dreistündiges Drama wurde ein gewaltiger Erfolg und beeindruckte sogar amerikanische Filmemacher. Bereits ein Jahr später brachte David W. Griffith mit D I E G EB U RT E I N E R NAT I O N einen Monumentalfilm heraus, der im amerikanischen Bürgerkrieg zwischen 1861 und 1865 spielte. Auch dieses Werk hatte eine Laufzeit von drei Stunden, und abermals wurde ein gigantischer Aufwand betrieben. Griffith dirigierte in den Massenszenen über 18 000 Statisten. Und wieder wurde durch das Meistern technischer Herausforderungen die Sprache des Kinos bereichert. Griffith setzte Schnitt und Kamerafahrten geschickt ein, um seinem Film einen eigenen Rhythmus zu geben, und wurde damit über Jahrzehnte hinaus zum Vorbild vieler Filmemacher. Um 1950 herum verbreitete sich das Fernsehen so schnell, dass es zu einer echten Bedrohung für das Kino wurde. Vorher waren viele billige Filme – oft auch als Serienproduktion – gedreht worden, die wir heute gar nicht mehr kennen. Man nannte dieses Kinofutter B-Filme. Aber das brauchten die Menschen nun nicht mehr, nachdem ihnen die tägliche Unterhaltung via Fernsehen so bequem ins Wohnzimmer serviert wurde. Also musste das Kino mit neuen Mitteln auftrumpfen. Wie bereits fünfzig Jahre zuvor die Italiener griffen nun auch die Amerikaner auf die alten Römer zurück. 1951 kam Q U O VA D I S ? in die Kinos. Gedreht wurde – wie schon bei der

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Monumentalfilm


italienischen Fassung von 1913 – in Rom, auf dem noch heute existierenden Studiogelände Cinecittà, der »Stadt des Films«. Zwei Jahre dauerten die Dreharbeiten. Der Film verschlang die damals enorme Summe von 8 Millionen Dollar, war mit 30 000 Statisten bevölkert, und dazu kamen 29 wichtige Rollen, 115 Dekorationen und 450 Pferde. Mit dem Aufwand wuchs der Appetit auf größere Leinwände, und so kam 1953 mit dem Christendrama DAS G E WAN D der erste Film in CinemaScope ins Kino. Bislang war das sogenannte Academy-Format der Standard gewesen, mit dem Seitenverhältnis 4:3, so wie wir es noch von älteren Fernsehern kennen. Mit dem neuen Format CinemaScope ließ sich nun das Bild in seiner Breite durch eine spezielle Optik beinahe verdoppeln. Statt auf einem 35 mm breiten Filmstreifen wurde nun auf einem 70 mm breiten Streifen aufgenommen. Dafür wurde das Bild durch spezielle Linsen auf 35 mm »gequetscht« und dann bei der Projektion wieder »entquetscht«. Das Seitenverhältnis betrug nun 2,35:1. Damit war die Superbreitleinwand geboren und das Kino dem Fernsehen wieder mehr als nur eine Nasenlänge voraus.

Vom gigantischen Aufwand, der für Monumentalfilme betrieben wird, soll man im Kino möglichst viel sehen. Jede Bescheidenheit ist da fehl am Platz, es wird mit Verschwendung geprotzt. Unter drei Stunden sind deshalb nur die wenigsten Monumentalfilme zu haben. Sie sind ein optisches Schlaraffenland, an dem man sich nie sattsehen kann. Das bedeutet zwar oftmals zähe Minuten oder gar Stunden, in denen kaum etwas passiert, außer dass großartige Kulissen und aufwendige Kostüme an uns vorbeiziehen. Aber dann plötzlich wird uns eine Szene serviert, die wir nie mehr vergessen werden, in der sich Spannung und Gigantomanie zu einem atemberaubenden Spektakel verbinden. Das Wagenrennen in B E N HUR ist eine solche Sternstunde des Monumentalfilms. Dieses Rennen auf Leben und Tod, das sich

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die Rivalen Ben Hur und Messala liefern, ist heute noch genauso wuchtig wie 1959, obwohl es gänzlich ohne digitale Hilfsmittel entstanden ist. Es klingt deshalb schier unglaublich, dass die Dreharbeiten – neben einer Vielzahl von Sonnenbränden – als einzige Verletzung einen kleinen Schnitt am Kinn des Stuntmans Joe Canutt gefordert haben sollen. Diese Schramme holte sich Canutt, als sein Pferd über einen zerstörten Rennwagen springen musste und er dabei auf die Spitze seines Wagens geschleudert wurde. Wie durch ein Wunder schaffte es Canutt, die heikle Situation wieder in den Griff zu bekommen und in den Wagen zurückzuklettern. Diese ungeplante Szene sah auf der Leinwand so spektakulär aus, dass man sie unbedingt auch im Film verwenden wollte. Deshalb filmte man den Ben-Hur-Darsteller Charlton Heston, den Canutt in dieser Szene gedoubelt hatte, im ganz und gar ungefährlichen Studio dabei, wie er in seinen Wagen zurückkletterte.

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Monumentalfilm


Die Regie beim minutiös geplanten und choreographierten Wagenrennen führte Canutts Vater, der legendäre Stuntman Yakima Canutt. Die Dreharbeiten am gigantischen Set von 600 mal 200 Metern mit zahllosen Stuntmen und gut 15 000 Statisten dauerten fünf Wochen. Für den Regisseur William Wyler war es übrigens nicht die erste Begegnung mit B E N HUR . Er hatte bereits bei der ebenfalls spektakulären Stummfilmversion mitgeholfen – als Regieassistent bei den Actionszenen. Das war 1925 gewesen, und auch damals handelte es sich um den teuersten Film seiner Zeit. Während der dreijährigen Dreharbeiten für die Stummfilmversion deutete allerdings wenig darauf hin, dass daraus je etwas Brauchbares werden könnte. Am schlimmsten tobte das Chaos bei den Aufnahmen zur Seeschlacht. Die Dreharbeiten auf hoher See mit echten Schiffen liefen spätestens dann vollständig aus dem Ruder, als die Statisten nicht mehr zwischen echter und gespielter Gefahr unterscheiden konnten. Beide Schiffe gerieten in Brand, und die Männer sprangen über Bord, obwohl viele nicht schwimmen konnten. An Sicherheitsvorschriften dachte da längst niemand mehr. Bis heute wurde nie restlos geklärt, wie viele Opfer diese Tragödie gefordert hat. Fast nebenbei füllen sich die Stunden, die B EN H U R dauert, auch mit Handlung: Der reiche jüdische Kaufmann Ben Hur trifft nach Jahren seinen römischen Jugendfreund Messala wieder. Aber im von den Römern besetzten Judäa sind die beiden zu Feinden geworden. Messala sorgt sogar dafür, dass Ben Hur als Sklave auf die Galeere geschickt wird. Ben Hurs Mutter und Schwester lässt er ins Gefängnis werfen. Ben Hur ist jedoch zäh, und Rachegedanken halten ewig. Er kehrt nach Jerusalem zurück – und zwar als Römer, weil er einem römischen Tribun das Leben gerettet hat und aus Dankbarkeit von ihm adoptiert wurde. Beim Wagenrennen kommt es schließlich zur Entscheidung zwischen Ben Hur und Messala. Der vollständige Filmtitel lautet jedoch nicht zufällig B EN H U R – A TA L E O F T H E C H R I S T, denn das Wirken von Jesus Christus bildet

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in einem Satz: Aus Freunden werden Feinde und aus einem Wagenrennen ein erbitterter Kampf auf Leben und Tod.

BEN HUR

USA 1959. Regie: William Wyler. Besetzung: Charlton Heston, Stephen Boyd, Haya Harareet u. a. 213 Minuten. FSK 16. DVD : Warner ( die Special Edition enthält auch die Fassung von 1925 )

Ben Hur

Kurzinform

ation

Wem ein Film nicht genügt: Q U O VA D I S USA 1951. Regie: Mervyn LeRoy ( FSK 16 ) D I E Z E H N G EB OT E USA 1956. Regie: Cecil B. DeMille ( FSK 12 )

den Hintergrund des Dramas, und nach dem Wagenrennen tritt es gar in den Vordergrund. B E N HUR ist also auch ein Jesusfilm, allerdings ein sehr spezieller, denn Jesus wird nur sehr selten gezeigt, und wenn, dann stets von hinten. Das hatte der Autor Lew Wallace am Anfang des 20. Jahrhunderts für eine Bühnenfassung seines Romans so angeordnet: Christus durfte niemals als Figur auftreten. Im Theater löste man das Problem, indem Jesus durch einen Lichtstrahl symbolisiert wurde. Im Film – und zwar sowohl 1925 wie auch 1959 – wurde Jesus nur »in Ausschnitten« gezeigt. Hände, Rücken, Schatten, aber sein Gesicht sieht man nie. Ausgerechnet mit dem so ernsthaften und teilweise gar frommen B EN HUR von 1959 versuchte sich Hollywood erstmals in einem Nebengeschäft, das später zu einer einträglichen Geldquelle für sogenannte Blockbuster wurde: Es gab Puppen der Hauptfiguren und Handtücher mit den augenzwinkernden Namen »Ben-Hers« und »Ben-His« zu kaufen. Das Merchandising im großen Stil war erfunden worden. Und weil man Angst hatte, auch die Italiener könnten mit B E N HUR ein einträgliches Nebengeschäft machen, zerstörte man nach Ende der Dreharbeiten die gesamten riesigen Bauten in den Filmstudios von Cinecittà. Damit wurde verhindert, dass die italienische Filmindustrie in den Kulissen billige SandalenFilme drehen konnte.

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BEN HUR.

Thomas Binotto: Getrickst & Abgedreht  

"Getrickst & Abgedreht" macht den Einstieg in die Welt des Kinos genauso leicht wie sein Vorgänger "Mach's noch einmal, Charlie!". Und den A...