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CHRIS PRIESTLEY

VOM SCHWARZEN SCHIFF Illustriert von David Roberts Aus dem Englischen von Beatrice Howeg

Bloomsbury Kinderb端cher & Jugendb端cher


Für Adam

Die Originalausgabe erschien 2008 unter dem Titel Tales of Terror from the Black Ship bei Bloomsbury, London © 2008 Chris Priestley (Text) David Roberts (Illustration) Für die deutsche Ausgabe © 2011 BV Berlin Verlag GmbH, Berlin Bloomsbury Kinderbücher & Jugendbücher Alle Rechte vorbehalten Umschlaggestaltung: Rothfos & Gabler, Hamburg, unter Verwendung einer Illustration von David Roberts Gesetzt aus der Stempel Garamond von psb, Berlin Druck und Bindung: CPI – Clausen & Bosse, Leck Printed in Germany ISBN 978-3-8270-5422-7 www.berlinverlage.de www.onkelmontague.de


INHALT 1. 2. 3. 4. 5. 6. 7. 8. 9. 10. 11.

Der Sturm ............................................ Piroschka ............................................. Pitch ..................................................... Irezumi ................................................ Der Junge in dem Boot ...................... Natur..................................................... Schlamm .............................................. Der Affe ............................................... Der Scrimshaw-Gnom ....................... Das Schwarze Schiff ............................ Eisenhut ...............................................

7 23 41 64 82 102 130 159 189 210 228


Drei Tage und drei Nächte fegte ein heftiger, unerbittlicher Sturm über die Küste. Die Wellen zerschellten mit einer Gewalt an den alten Felsen, die nur wenige zuvor erlebt hatten, ich zumindest hatte mit meinen dreizehn Jahren nie etwas Vergleichbares gesehen, und ich hatte mein ganzes Leben hier verbracht. Der alte Gasthof, in dem ich zu Hause war, klammerte sich hoch oben auf den Klippen wie eine Napfschnecke bei Flut am Felsen fest. Er stand auf einem zerklüfteten Felsvorsprung, der, seit Hunderten von Jahren von den Gezeiten zerfressen, nur noch mit einem dünnen Pfad mit dem Rest von Cornwall verbunden war. Wie ein Apfelstrunk von beiden Seiten angenagt, drohte der schmale, zu einer Brücke unterspülte Pfad, bald vollständig abzureißen, was den 7


Gasthof zu einer Insel und mich und meine Familie zu Inselbewohnern gemacht hätte. Der Sturm war unbeschreiblich. Wie ein wildes, gieriges Tier kam er ohne jede Vorwarnung über den Atlantik gefegt. Entlang der ganzen Küste waren Fischer in seine Fänge geraten, und nun geisterten ihre fahlgesichtigen Witwen auf den Quais und in den Hafenbuchten umher. Am ersten Tag war ein Klipper, der versucht hatte, dem Sturm davonzusegeln, gut eine Meile vor der Küste an den Felsenriffen zerschellt und mit allen Mann an Bord gesunken, die See war zu hoch und die Wellen zu gewaltig, und so konnten die Rettungsboote sie nicht erreichen. Am Tag darauf war zwischen den tief hängenden dunklen Wolken und der hohen Gischt, wenn auch nur schemenhaft erkennbar, ein seltsam antikes Schiff in der Bucht gesichtet worden und bald wieder verschwunden, und die Menschen an Land beteten, es hätte den Winden widerstanden und wäre dem Schicksal der gesunkenen Brigg entkommen. Und auch ich hoffte es, als ich in unserem sturmgepeitschten Garten stand und aufs Meer hinausblickte. Trotz seiner abgeschiedenen und gefährlichen Lage war der alte Gasthof immer ein beliebter und freundlicher Ort gewesen, was sicher auch an meinem Vater lag, der nie zu beschäftigt war, um sich die Nöte seiner Gäste anzuhören, einen Witz zu erzählen oder seine Gäste an seinen Weisheiten teilhaben zu lassen, die mit dem Beruf des Gastwirts so einhergehen. 8


Obwohl ein Gasthof nicht der beste Ort für Kinder sein mag, hätten Cathy und ich mit keinem Kind in England tauschen mögen. Die Seemänner, die zu dem Gasthof kamen, waren wie unsere Familie. Es gab sicher auch solche, die schlecht gelaunt und grob sein konnten. Wir fanden aber immer jemanden, der uns bereitwillig Geschichten von seinen Abenteuern und Reisen erzählte. Wie gebannt saßen wir im Schankraum, bis unsere Mutter uns hinauf in unsere Betten scheuchte, taub gegen unser Flehen, noch ein paar Minuten bleiben zu dürfen. Kein Kind auf der Welt hatte mehr Liebe als wir; und die Erinnerung an das Gefühl ist wie ein gleißendes Licht, so hell und strahlend, dass ich kaum hineinsehen kann. Aber leider war es nicht von Dauer. Nachdem unsere Mutter bei der Geburt unseres kleinen Bruders gestorben war, den sie mit sich in den Himmel nahm, versank unser Vater, der immer der beste aller Väter und der edelmütigste aller Männer gewesen war, mehr und mehr in einem Tal der Verzweiflung, die er großzügig mit Brandy und Portwein oder jedem anderen Gesöff, das er in die Finger bekam, zu betäuben versuchte. Er verstand keine Witze mehr, und es gab kein Leid, das größer war als seins. Die Weisheiten, die er so oft gestreut hatte, schienen aufgebraucht. Er war unwirsch und schlecht gelaunt, und das selbst zu alten Freunden, die vergeblich versuchten, ihn zu ermutigen, doch Trost im Leben seiner Kinder zu finden. Aber Cathy und ich waren kein Trost für ihn; weit 9


davon entfernt. Wir erinnerten ihn an die Liebe, die er für immer verloren hatte. Cathy war das Abbild unserer Mutter (in klein), und ihr Anblick schien ihn oft zu quälen. Doch wie sehr er uns auch missachtete und zurückwies, er war immer noch unser Vater, und wir liebten ihn von Herzen. Er war immer mein Vorbild gewesen; und ich war in dem alleinigen Wunsch aufgewachsen, als Mann genau so zu werden wie er. Unsere Gäste waren hingegen weniger versöhnlich. Nach und nach wurde der Gasthof immer leerer. Sogar langjährige Stammgäste und Freunde der Familie, die früher nichts dagegen hatten, den steilen Pfad zu unserem Gasthof hinaufzustapfen, blieben jetzt im Dorf, und Fremde, die durch den Ort kamen, zogen, von dem ungastlichen Temperament meines Vaters gewarnt, ohne Halt zu machen, weiter. Seine geistige Verfassung verschlechterte sich zusehends. Immer öfter verfiel er in unkontrollierbaren Wutausbrüchen, bei denen Cathy und ich uns in unseren Zimmern versteckten, bis wir glaubten, es sei sicher, herauszukommen, und unseren armen Vater betrunken und schluchzend vor dem Kamin vorfanden. Welches Band uns auch mit ihm verbunden hatte, unser Vater schien jeden Tag mehr von uns fortzudriften, er starrte an uns vorbei, wollte oder konnte unseren Blicken nicht begegnen, stieß uns von sich und sehnte sich nach einer Ruhe, die für ihn auf immer verloren schien und somit auch für uns. Der Sturm schien einen besonders schlechten Einfluss auf ihn zu haben. Als hätten drei Tage tobender 10


Winde den Geist meines Vaters vollkommen zerrüttet, wirkten seine Gedanken zerrissen und wirr. Gleichzeitig verlieh ihm das stürmische Wetter eine merkwürdige Energie, er war noch reizbarer als zuvor, und seine Reaktionen wurden immer heftiger. Ich beobachtete ihn vom Fenster in meinem Schlafzimmer aus, wie er im Blumengarten stand, den meine Mutter so liebevoll gepflegt hatte und der jetzt mit Disteln und Unkraut übersät und vom Sturm fast platt gedrückt war. Er lehnte sich gegen den Wind und riss wie ein Verrückter blaue Blumen aus dem Beet, bis er einen traurigen Strauß beisammenhatte, und ich erschrak, als ich sah, dass er hemmungslos weinte. Es tat mir im Herzen weh, ihn so zu sehen. Dann, am dritten Abend des Sturms, wurden Cathy und ich mit einem Mal furchtbar krank. Zuerst traf es Cathy, doch nur etwa eine Stunde vor mir. Die Krankheit kam mit erschreckender Plötzlichkeit, zuerst war da diese merkwürdige Taubheit in Gesicht und Hals, gefolgt von furchtbarer Übelkeit mit heftigem und andauerndem Erbrechen. Wir beide waren sicher, dass wir sterben mussten, und riefen wie kleine Kinder um Hilfe, Rufe, bei denen unsere Mutter sofort die Treppen heraufgerannt wäre. Unsere Not schien unseren Vater endlich zur Besinnung zu bringen. Er war wie ausgewechselt. Er tröstete uns so liebevoll, wie es einem Vater nur möglich war, und sagte, dass alles gut würde: Er wolle den Doktor holen gehen, wir sollten nur im Haus bleiben und unter keinen Umständen nach draußen gehen 11


oder jemanden hereinlassen. Ich hatte ihn noch nie so verstört gesehen. Er schien halb wahnsinnig vor Sorge, und wir liebten ihn dafür. Dann ging er aus dem Haus und versicherte uns, schneller zurück zu sein, als wir es für möglich hielten. Unser Vater hatte Cathy und mich in sein eigenes Bett gesteckt, und dort lagen wir nebeneinander im Dunkeln. Ich konnte Cathys Atem hören – der wie der meine ungeheuer schnell ging, sich mit der Zeit aber immer mehr beruhigte. Dann schlief ich endlich ein. Ich kann nicht sagen, wie lange ich geschlafen habe. Der Wind um das Haus fauchte wie ein Drache, und wie zu erwarten, hatte ich sehr unruhig geschlafen, denn ich erwachte keuchend wie ein Seemann, der aus dem Sog der Tiefe an die Wasseroberfläche auftaucht, während unter ihm sein Schiff im schwarzen Ozean versinkt, und schnappte im Dunkeln nach Luft. Doch waren zu meiner großen Erleichterung zumindest die Schmerzen verschwunden. »Cathy«, flüsterte ich. »Bist du wach?« »Ja«, sagte sie nach einem Moment. »Ich fühle mich aber komisch.« Ich wusste, was sie meinte. Die Krankheit war einem seltsamen Schwindel gewichen. Ich sagte, dass wir vielleicht aufstehen und unten am Kaminfeuer auf Vater warten sollten, und Cathy stimmte zu. Wir zogen uns an und gingen hinunter in den Schankraum, der bis vor kurzem noch mit Stimmengewirr, dem Klirren von Gläsern und dem Klappern 12


von Zinntellern erfüllt gewesen wäre, jetzt aber vollkommen leer war. Die nervösen Schatten der Stühle, die im Licht des Feuers über die Wände flackerten, waren die einzige Bewegung im Raum. Ich fragte Cathy, ob ich ihr etwas vorlesen sollte, und sie sagte ja, also machten wir es uns wie so oft vor dem Kaminfeuer bequem. Ich wollte ihr ein einfaches Kindermärchen vorlesen, etwas Leichtes zur Unterhaltung, um sie während Vaters Abwesenheit ein wenig abzulenken. Aber ich hätte es besser wissen können. Seit ich denken kann, hatten Cathy und ich einen unstillbaren Hunger nach Geschichten der makabren Art, vor allem nach Geschichten, die sich auf sturmgepeitschten Meeren oder an fremden und einsamen Küsten abspielten. Es war eine Vorliebe, die sicher von den vielen Seemannsgeschichten unserer Gäste herrührte, Geschichten, die selten auf unser zartes Alter Rücksicht nahmen und unsere Mutter mit Sicherheit veranlasst hätten, uns noch früher zu Bett zu schicken, hätte sie davon gewusst. Diese Geschichten, so schauerlich sie auch sein mochten, waren uns in ihrer Vertrautheit ebenso ein Trost wie vielleicht anderen Kindern ein Kinderreim, und so wendeten wir uns diesen Geschichten zu, um uns von unserem gegenwärtigen Kummer abzulenken. Sie versetzten uns wieder in die glückliche Zeit, als im Gasthof noch alles gut war, eine Zeit, als Tod und Kummer sich nur in Geschichten oder im Leben der anderen abspielten. Der Wind heulte so laut um das Haus und verfing 13


sich mit solch klagevollem Stöhnen im Kamin, dass ich die Stimme über die Maßen heben musste, damit Cathy mich auch verstand. Sie aber beschwerte sich nicht, sondern saß einfach nur gebannt neben mir und hing an meinen Lippen. »Es folgten Minuten der blutigsten Barbarei«, las ich. »Die gefesselten Seemänner wurden zur Leitplanke geschleift. Dort wartete der Koch mit einer Axt in den Händen und schlug jedem Opfer über den Schädel, während die anderen Meuterer sie über die Schiffsreling beförderten …« Der Sturm hatte die Stalltür aufgerissen, die nun seit gut einer Stunde immerzu auf- und zuschlug, und so dauerte es eine Weile, bis wir bemerkten, dass das Klopfen, das wir hörten, nicht von der Stalltür kam, sondern von der Haustür. Ich rannte, um aufzumachen, da ich glaubte, es wäre mein Vater, der zurückgekommen war. Der Eingang zum Gasthaus lag am Ende eines dunklen, mit Steinen gefliesten Flurs mit einem runden Fenster in der Tür aus dickem Glas mit Schlieren wie von einem Flaschenboden. Schon an den Umrissen erkannte ich, dass es nicht Vater war. »He da!«, rief der Mann vor der Tür. »Wollt ihr einen armen Seemann nicht einlassen, bis der Sturm vorbei ist?« »Wir haben geschlossen«, war alles, was mir einfiel, da ich an Vaters mahnende Worte dachte, niemanden hereinzulassen und selber im Haus zu bleiben, bis er wiederkehrte. 14


»Fass dir ein Herz, Junge«, rief der Fremde, der mein jugendliches Alter sicher an meiner nervösen Stimme erkannt hatte, kaum hörbar im Heulen des Sturms. »Ich will nur kurz verweilen, dann werde ich wieder gehen. Du willst einen Mann hier draußen doch nicht umkommen lassen, Junge?« Bei diesen Worten hob der Sturm zu einem so wilden Getöse an, dass es grausam schien, selbst einen Fremden auch nur eine Minute länger vor der Tür zu lassen. Der Wind blies so heftig und hatte einen Moment vor der Ankunft des Mannes eine Schubkarre in die Luft gehoben und ins Meer geschleudert. Dasselbe konnte er auch mit einem Mann tun, das stand außer Zweifel. Was immer Vater gesagt hatte, bevor er das Haus verließ, ich war mir sicher, auch er hätte den Mann eingelassen, wäre er hier gewesen. Als ich den Riegel hob, drückte mich die Kraft der aufschlagenden Tür fast vollständig gegen die Wand, und das Tosen von Wind und Meer, das gegen die Felsen brach, war ein solcher Angriff auf meine Sinne, dass es eine Weile dauerte, bis ich die Gestalt im Türrahmen wahrnahm. Erst als ein Blitz auftauchte, der so hell war, dass er fast durch sie hindurchschien, konnte ich die schwarze Silhouette erkennen. Ich konnte keine Gesichtszüge ausmachen – er blieb ein Schatten im Türrahmen –, doch funkelte etwas in seinem Gesicht wie ein kleiner Stern. »Ich werde dir und deiner Familie keinen Ärger machen, darauf hast du mein Wort.« Ein neuer Donnerschlag zerbarst über unseren 16


Köpfen, und guten Gewissens hätte ich in einer solchen Nacht tatsächlich niemandem die Tür verwehren können. »Also gut«, sagte ich, wenn auch widerstrebend. »Kommen Sie schon herein.« »Du bist ein guter Junge«, sagte der Fremde mit einem Lächeln. »Jonah Thackeray vergisst solcherlei Gefälligkeiten nicht. Erfreut, dich kennenzulernen.« »Ethan Matthews«, sagte ich und nahm seine ausgestreckte Hand, die sich so kalt und feucht wie die eines Fischhändlers anfühlte. Er war vollkommen durchnässt, Wasser tropfte aus seinen Kleidern, als wäre er soeben aus dem Meer gestiegen. »Kommen Sie herein«, sagte ich. »Hier draußen holen Sie sich den Tod.« »Ich danke dir«, sagte er und trat über die Schwelle. Ich drückte die Schulter gegen die Tür, und nach kurzem Kampf auf den Steinfliesen schaffte ich es, sie zu schließen und gegen den Sturm zu verriegeln. Die relative Stille, nachdem die Tür geschlossen war, wirkte Wunder auf die Sinne, und unser kleines Haus schien mir jetzt sogar noch mehr Schutz und Geborgenheit zu geben. Als ich mich zu dem Fremden umdrehte, war ich sehr überrascht, da er nicht viel älter schien als ich – siebzehn, höchstens achtzehn Jahre vielleicht. Er trug die Uniform eines Leutnants zur See (ohne die Mütze und vom Stil her eher altmodisch), eine schwarze Jacke mit Messingknöpfen und eine weiße Weste mit weißem Hemd darunter. Ein Schwert hing an seiner Hüfte. 17


Um den Hals trug er ein schwarzes Seidentuch, und das Gesicht darüber war recht gut aussehend: dunkle Augen wie die eines Seevogels in einem blassen Gesicht, umrahmt von pechschwarzem Haar, das ihm in glänzenden, nassen Locken um die Wangen fiel. »Und wer mag diese seltene Schönheit sein?«, sagte er. Cathy wurde rot und verbarg ihr Gesicht. »Das ist meine Schwester, Sir«, sagte ich ein wenig steif und wenig erfreut, dass er sie in so aufdringlicher Weise ansprach. »Ihr Name ist Catherine.« »Aber alle nennen mich Cathy«, sagte meine Schwester. »Sehr erfreut, Ihre Bekanntschaft zu machen, Miss Cathy«, sagte der Seemann mit einer leichten Verbeugung. »Ebenfalls sehr erfreut«, sagte Cathy mit einem, wie ich glaubte, Knicks. »Seid ihr denn ganz allein hier?«, fragte Thackeray und sah sich im Raum um. Ich spürte, wie ich die Hand zur Faust ballte, misstrauisch gegenüber der Art seiner Befragung. Thackeray bemerkte es und lächelte. »Aber, aber, mein Freund«, sagte er. »Ich hab ja nur gefragt. Ist eure Mutter denn vielleicht zugegen?« »Unsere Mutter ist schon lange tot, Sir«, sagte Cathy. »Ethan und mir ging es furchtbar schlecht, und Vater ist losgegangen, um den Arzt zu holen.« »Cathy!«, zischte ich, verärgert, dass sie so vertraulich mit einem Fremden sprach. 18


»Na und?«, gab sie zurück. »Vater hat uns auch gesagt, wir sollen niemanden ins Haus lassen, und was hast du gemacht?« Dagegen konnte ich nicht viel sagen. Ich spürte nur, wie meine Wangen glühten. Der Wind rüttelte an der Tür, fauchend wie ein wildes Tier, das sich Eintritt verschaffen will. Unser Gast sah uns mit einem seltsamen Ausdruck an. »Es ist eine stürmische Nacht dort draußen«, sagte Thackeray. »Ist euer Vater schon lange fort?« »Ja«, sagte Cathy. »Er ist schon schrecklich lange fort. Stimmt doch, Ethan?« Wieder sah ich Cathy wütend an. Dass sie auch immer mehr sagen musste, als absolut nötig war. »Er wird augenblicklich zurück sein, Sir«, sagte ich. »Seien Sie versichert. Wir erwarten ihn jeden Moment zurück.« »Wirklich?«, sagte er in einem Ton, der mir nicht gefiel. »Wirklich«, antwortete ich. »Ich bin froh, das zu hören, junger Mann«, sagte Thackeray. »In der Zwischenzeit könnte ich vielleicht einen Schluck Rum bekommen und mich zu euch setzen?« Er nahm eine Geldbörse aus der Tasche, schüttelte ein paar Geldstücke in die Hand und ließ sie laut auf die Theke fallen. »Ich bin mir sicher, Vater würde nicht wollen, dass wir Sie hinausschicken, bevor sich der Sturm gelegt hat, Sir«, sagte ich und blickte auf die Münzen. »Sie 19


können sich gerne Rum einschenken. Auf der Theke steht eine Flasche. Cathy wird Ihnen ein Glas holen.« Wir setzten uns zu dritt an einen Tisch neben dem Kaminfeuer, Cathy und ich auf der einen, Thackeray auf der anderen Seite. Auf dem Tisch lag ein Stapel Bücher, und unser Gast nahm sie in die Hand und las mit verzerrtem Lächeln die Titel laut vor. »Die Geschichte vom außergewöhnlichen und beklagenswerten Schiffbruch des Walfängers Essex, Die Erzählung von Arthur Gordon Pym von Nantucket, Unheimliche und phantastische Erzählungen – das scheint mir tiefes Gewässer für so junges Volk, wie ihr es seid.« »Mögen Sie Edgar Allen Poe etwa nicht?«, fragte Cathy. »Ich mag ihn schon«, antwortete er. »Für meinen Geschmack holt er nur manchmal zu weit aus.« Er grinste. »Ich fand Das verräterische Herz sehr amüsant, oder sagen wir, wunderbar grausig.« Cathy lächelte über diese ungewöhnliche Wortpaarung und erkannte in Thackeray offenbar einen verwandten Geist. Ich war da vorsichtiger. »Sie lesen also gerne, Mr Thackeray?«, fragte ich und gab mich betont überrascht. Er lächelte. »Wenn ich dazu komme«, antwortete er. »Aber wir Seemänner erzählen uns lieber Geschichten, als sie zu lesen. Das gehört einfach zum Leben an Bord eines Schiffs, sogar eines Schiffs wie dem meinen.« Er blickte einen Moment gedankenverloren ins Feuer. Ich fragte mich, was er damit meinte. 20


»Sie haben uns noch nicht erzählt, was Sie in einer solchen Nacht hierher verschlägt?«, fragte ich. »Ich lebte früher nicht weit von hier«, sagte er. »Aber das war vor langer Zeit …« Wieder schien Thackeray in seine eigene Welt abzudriften. Und ich blickte zu Cathy und bereute bereits meine Gutherzigkeit, den Fremden ins Haus gelassen zu haben. Wir kannten die meisten Leute der Gegend, und von dem Namen Thackeray hatte ich noch nie gehört. Cathy hingegen war wie gebannt, als unser Gast sich ihr zuwandte. »Ich war in ein Mädchen verliebt und hätte sie gerne geheiratet.« Er lächelte Cathy traurig an. »Aber sie heiratete einen anderen. Ich heiratete stattdessen die See.« Er nahm einen Schluck Rum und blickte wieder ins Feuer. Ich sah zu Cathy und verdrehte die Augen, und sie schlug mich auf den Arm. »Vielleicht«, sagte er und sah uns wieder an, »– und ich sage nur vielleicht –, vielleicht könnte ich uns die Zeit ein wenig vertreiben, während ich mein Glas hier trinke und das Ende des Sturms abwarte, und euch ein paar Geschichten erzählen, die ich auf meinen Reisen gesammelt habe. Was meint ihr dazu?« Cathy war sofort begeistert und fand es eine wunderbare Idee, solange es für unseren Gast nicht zu ermüdend wäre. Ich murmelte nur etwas in der Art, wenn es Cathy Freude machte, sollte es mir recht sein, obwohl ich dem Fremden in Wahrheit keinen Grund geben wollte, sich länger als nötig hier aufzuhalten. »Ich befürchte nur«, sagte Thackeray, »die Ge21


schichten könnten für euren Geschmack etwas schockierend sein. Ich bin die Gesellschaft von Seemännern gewöhnt, und unsere Geschichten haben die Tendenz – nun ja, wie soll ich sagen –, ein wenig blutrünstiger zu sein als solche, die ihr vielleicht schon gehört habt.« Cathy und ich sahen einander an, und ich wusste, dass sie ebenso fühlte wie ich. »Ich kann Ihnen versichern, meine Schwester und ich sind durchaus in der Lage, alles zu verkraften, was Sie uns erzählen können. Wir sind keine kleinen Kinder mehr. Wir sind in einem Gasthof aufgewachsen und sehr wohl an den Umgang mit Seeleuten, wie Ihr es seid, gewöhnt.« Thackeray rieb sich die Hände. Sie knarrten wie altes Leder. Er grinste, sein Goldzahn funkelte wie der Abendstern im Halbdunkel neben dem Kaminfeuer. »Also gut, meine jungen Zuhörer«, sagte er. »Ich muss nur kurz überlegen … Ah ja. Ich glaube, ich habe eine, die ihr unterhaltsam finden werdet. Es ist gewissermaßen eine Liebesgeschichte.« »Eine Liebesgeschichte?«, sagte Cathy und verzog die Mundwinkel. Sie hatte eine ausgewachsene Abneigung gegen jede Art Liebesgeschichten. Ich lächelte, wie schnell Thackeray das Interesse meiner Schwester verloren zu haben schien. »Ja«, sagte er. »Gewissermaßen …«

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Schauergeschichten vom Schwarzen Schiff  

The Old Inn steht gefährlich nah am Rand einer Klippe über dem Ozean, auf dem ein schwerer Sturm tobt. Als ein geheimnisvoller junger Mann a...

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