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Nr. 02 — 2015

DER ISLAM UND DIE MUSIK

€ 7,00 (D) € 7,30 (A) € 7,50 (LUX) CHF 12,50 (CH)

BARBARA HANNIGAN: RISIKO UND FREIHEIT

RICHARD V. WEIZSÄCKER: KULTUR UND POLITIK

NEUE KONZERTSÄLE: EIN PLÄDOYER

Die Sopranistin im Gespräch

Erinnerungen der Berliner Philharmoniker

Kulturbauten als Spiegel ihrer Zeit


V O R S P I E L — I N H A LT

6

INH A LT 16

Thema: Der Islam und die Musik Ein Schwerpunkt

Barbara Hannigan Die Sopranistin im Gespräch

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88

Richard von Weizsäcker Erinnerungen der Berliner Philharmoniker

Neue Konzerthäuser Kulturbauten als Spiegel ihrer Zeit

Fotos: shutterstock (oben links); Bundesregierung / Steffen Kugler (unten links); Elmer de Haas (oben rechts); Thies Raetzke (unten rechts)

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TH E MA: D E R I S LAM UND DIE MUSIK

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Musik aus tausendundeiner Quelle Einführung in eine reiche Musikkultur Vo n R a l f M a r t i n J ä g e r

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Heute im Morgenland Eine sehr persönliche Annäherung an die Musik der islamischen Welt Vo n M i c h a e l D r e y e r

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Europa alla turca Ein Kontinent zwischen Türkenangst und Türkenmode Vo n K a r l D i e t r i c h G r ä w e

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Teufelszeug oder Gottesgabe Warum Musik im Islam umstritten ist Vo n O l e R e i t o v

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Dschihad a-capella In seiner Propaganda setzt der islamistische Terror auch auf Musik Vo n P e p e E g g e r

52

West-östliche Berliner Luft Der Kommentar Vo n D a n i e l B a x

54

Wunderbare wilde Blüten Die arabische Musikszene Berlins Vo n P e p e E g g e r

62

Lieblingsmusik aus der islamischen Welt CD-Empfehlungen unserer Autoren

B E R LI N E R PH I LHAR MON I KE R

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»Was ich singe, ist riskant« Barbara Hannigan im Gespräch Vo n J ü r g e n O t t e n

72

Sehen durch Hören Filmmusik kann auch ohne Kino großes Kino Vo n M i c h a e l B e t z n e r - B r a n d t

76

Ein Hühnerhof in der Hölle Carl Nielsen, das Originalgenie aus der dänischen Südsee Vo n Vo l k e r Ta r n o w

80

Die Welt zu Gast bei Freunden Das Musikfest Berlin 2015 Vo n H a b a k u Tr a b e r

84

Nichts als die Wahrheit Mythos und Phantom: Giovanni Battista Pergolesi Vo n S u s a n n e S t ä h r

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7

FE U I LLETON

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Provoziert Lebendigkeit! Was aktuelle KonzerthausNeubauten über unsere Zeit verraten Vo n W o l f g a n g F i n k

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Liebe in Zeiten des Krieges Der UNICEF-Einsatz für die Kinder Syriens Vo n P e t e r - M a t t h i a s G a e d e

106

Zwei Seelen, ach, in ihrem Pectus Keine andere Berufsgruppe ist musikalisch so aktiv wie die Ärzte Vo n A n n e t t e K u h n

114

Heldengeschichten 150 Berliner Kinder singen mittlerweile bei den Vokalhelden Vo n K a t h a r i n a F l e i s c h e r

118

Fragen zur Musikliebhaberei Diesmal an Olli Dittrich

Die glaubwürdigste Politik Philharmonische Erinnerungen an Richard von Weizsäcker

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Mein Instrument als Lebenspartner Diesmal mit Stefan Schweigert und seinem Fagott

VOR S PI E L

03 08 10 12

Vorwort Text & Bild Nachrichten Zahlenspiel

NACH S PI E L

120 126 127 128

Bücher und CDs Konzertkalender Cartoon Impressum


VORSPIEL — TE XT & BILD

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TEXT & BILD

R ALF MAR TI N JÄG E R

MICHAEL DREYER

OLE R E ITOV

Ralf Martin Jäger ist Professor für Ethnomusikologie und Europäische Musikgeschichte an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster. Er war tätig im Vorstand des deutschen Nationalkomitees des International Council for Traditional Music und der Fachgruppe Musikethnologie der Gesellschaft für Musikforschung. Seit 2005 ist er maßgeblich beteiligt an Konzeption und Aufbau der Virtuellen Fachbibliothek Musikwissenschaft (ViFa Musik). Derzeit bereitet er das von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderte, internationale Langfristvorhaben »Corpus Musicae Ottomanicae« vor. Mit einer Laufzeit von zwölf Jahren werden ab Oktober 2015 unter seiner Leitung in Münster, Bonn und Istanbul erstmals kritische Editionen vorderorientalischer Musikhandschriften vornehmlich des 19. JahrS.16 hunderts entstehen. " 

Michael Dreyer, 1970 in Göttingen geboren, studierte Konzertgitarre an der Musikhochschule Detmold/ Münster. 2005 gründete er das Morgenland Festival Osnabrück, das die Musikkultur Westasiens von traditioneller Musik bis Avantgarde, Jazz und Rock präsentiert. Das Festival hat weltweite Resonanz erfahren, nicht zuletzt durch Kooperationen mit den Opernhäusern in Damaskus, Kairo, Izmir und Berlin und Gastspiele in Iran, Syrien, Jordanien und der Türkei. Dreyer brachte das erste westliche Symphonieorchester nach der Islamischen Revolution in den Iran. Gemeinsam mit dem argentinischen Gitarristen Hugo Gaido gründete er das Label Dreyer Gaido Musikproduktionen. Dessen »Eastern Voices Edition« präsentiert Musik der Arabischen Welt, aus dem Iran, der Türkei, dem Kaukasus und Zentralasien.

Ole Reitov ist Mitbegründer und Geschäftsführer von Freemuse, einer internationalen NGO mit Sitz in Kopenhagen, die sich für das Recht auf freie Meinungsäußerung für Musikerinnen und Musiker in aller Welt einsetzt. Zuvor hat er für den Dänischen Rundfunk aus mehr als vierzig Ländern über Musik und Kultur berichtet, in Pakistan Musik studiert, als Indien-Korrespondent für den Schwedischen Rundfunk und als Musikberater für den Rundfunk in Bhutan gearbeitet. Für Freemuse hat er die erste Weltkonferenz für künstlerische Freiheit 2012 in Oslo initiiert. Als Berater für die UNESCO entwickelt er derzeit ein globales Kontrollsystem für Verletzungen der S.42 künstlerischen Freiheit. " 

"  S.30


Fotos: Philippe Frese (M. Dreyer); Kistina Funkeson (O. Reitov); Thomas Müller (W. Fink)

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DANIEL BA X

WOLFGANG FINK

P E T E R - M AT T H I A S GAEDE

Daniel Bax, 1970 in Blumenau, Brasilien, geboren, lebt seit 1985 in Berlin, wo er an der Freien Universität Publizistik und Islamwissenschaft studiert hat. Seit 1998 ist er Redakteur bei der »taz. die tageszeitung«, zunächst als Musikredakteur, jetzt im Inlandsressort, wo er über Integrations- und Migrationspolitik schreibt. Er hat mehrere Beiträge über Islam und Popkultur und über das weite Feld der so genannten Weltmusik verfasst, darunter Begleittexte zu CDs wie der Kompilation »Bucovina Club« von Shantel, »Beyond Istanbul« oder »Many Lessons. HipHop & Islam in Westafrica«. Seit 2014 ist er im Vorstand der Neuen Deutschen Medienmacher, einem Verband, der sich für mehr Vielfalt S.52 in den Medien einsetzt. " 

Wolfgang Fink, geboren 1954 in Reutlingen, promovierter Musikwissenschaftler, hat zahlreiche Beiträge in internationalen Musikpublikationen veröffentlicht. Nach verschiedenen Tätigkeiten beim Süddeutschen Rundfunk in Stuttgart war er Dramaturg und Programmgestalter bei der Alten Oper Frankfurt (1989–97), danach Chefdramaturg und Leiter des Künstlerischen Betriebsbüros beim Schleswig-Holstein Musik Festival (1997–2000). Von 2001 bis 2005 wirkte er als conseiller artistique beim Orchestre national de Lyon und von 2005 bis 2008 als Director of Artistic Operations bei Sydney Symphony. Von 2008 bis 2013 war Wolfgang Fink Stiftungsvorstand und Intendant der Bamberger Symphoniker – Bayerische Staatsphilharmonie. Derzeit ist er als Autor und Berater freiberuflich tätig.

Peter-Matthias Gaede, 1951 geboren, war von 1994 bis 2014 Chefredakteur von »GEO« und »GEOSpecial« und gründete 1996 das Kinder-Magazin »GEOlino«, in dem seither Monat für Monat ein UNICEF-Projekt kindgerecht vorgestellt wird. Derzeit ist Gaede journalistischer Berater der Geschäftsführung von Gruner & Jahr. 2000 begann die UNICEF-GEOKooperation rund um das »UNICEFFoto des Jahres«. Aus dem Wettbewerb und der Kooperation entstehen regelmäßig Sonderpublikationen von UNICEF, an denen Gaede als Autor und Herausgeber beteiligt ist, darunter das 2014 in der Edition Lammerhuber erschienene Buch »We the children« zum 25. Geburtstag der UN-Kinderrechtskonvention. Seit 2008 ist Gaede Mitglied des Deutschen Komitees für UNICEF. 2014 wurde er in den Vorstand gewählt.

"  S.96

"  S.102


VORSPIEL — Z AHLENSPIEL

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ZA HLENSPIEL Wie viele Amateurorchester gibt es in Deutschland?

Wenn es nach der Profession geht, haben die Ärzte die Nase vorn: Keine andere Berufsgruppe in Deutschland hat mehr Amateurorchester gebildet als die Mediziner (siehe Seite 106). Aber natürlich sind die allermeisten Laienorchester nicht auf ein bestimmtes Arbeitsumfeld beschränkt, sondern stehen allen Freizeit-Musikbegeisterten offen. Knapp 30.000 Menschen spielen in einem jener 768 Ensembles, die im Bundesverband Deutscher Liebhaberorchester organisiert sind. 16 Orchester sind nicht an ein bestimmtes Bundesland gebunden; alle anderen aber sind jeweils einem Landesverband zugeordnet. Und dabei zeigt sich diese interessante Verteilung.

Quelle: Bundesverband Deutscher Liebhaberorchester e. V., Stand: März 2015

Nordrhein-Westfalen

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Rheinland-Pfalz

9

Saarland

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13

Schleswig-Holstein

27

Mecklenburg-Vorpommern

18

Bremen 7

5

Hamburg

Berlin-Brandenburg

34

Niedersachsen

44

Sachsen-Anhalt

27

Sachsen

3

Thüringen Hessen

48

16

Bayern

170

Baden-Württemberg

200


Rony Barrak (oben) und Perhat Khaliq

Fotos: oben links und unten rechts: flickr.com/photos/morgenlandfestival; oben rechts: Still aus „songs without frontiers", Episodes from Morgenland by Günther Wallbrecht; Tee: shutterstock

30 THEMA: DER ISL AM UND DIE MUSIK — MORGENL AND


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HEUTE IM MORGENLAND Madonna in Teheran, Klassik in Damaskus: eine sehr persönliche Annäherung an die musikalische Gegenwart in der islamischen Welt. Vo n M i c h a e l D r eye r

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THEMA: DER ISL AM UND DIE MUSIK — MORGENL AND

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» E I N K A M M E R O R C H E ST E R aus Vilnius? Nein, da

können wir Ihnen nicht helfen. Aber wenn Sie ein Orchester aus Bagdad, Damaskus oder Teheran einladen wollen, dann melden Sie sich bitte wieder.« – So sprach die Mitarbeiterin des Goethe-Instituts 2004, als ich ein Festival anlässlich des EU-Beitritts der Baltischen Staaten organisierte und auf Unterstützung hoffte. Orchester aus Bagdad, Damaskus oder Teheran? Ich hatte Musik studiert, für verschiedene Labels CDs produziert, ein eigenes Label gegründet – aber über das Musikleben in dieser Region hatte ich noch nichts gehört. Also begann ich herumzufragen, immerhin waren viele meiner Freunde Musiker, Musikwissenschaftler. Und? Nichts! Terra incognita. Wie konnte das sein? Die Region ist omnipräsent in den Medien, politisch ein Pulverfass. Dort steht die Wiege unserer Kultur, sind die drei monotheistischen Religionen entstanden. Und wir wissen nicht, ob es Jazz in Syrien gibt, Heavy Metal im Irak, Neue Musik im Iran … Aus Neugierde und Reiselust beschloss ich, mich mit der Musik dieser Region zu beschäftigen. Als klassisch ausgebildeter Musiker und Musikproduzent suchte ich in der mir vertrauten Musikwelt Orientierung. Der Cellist David Geringas brachte mich mit der aserbaidschani-

Arabische Welt? Islamische Welt? Orient? Naher Osten? Wovon reden wir eigentlich? schen Komponistin Franghiz Alizadeh in Kontakt, über eine Freundin erfuhr ich von dem fantastischen palästinensischen Pianisten Saleem Abboud Ashkar. Ich erinnere mich genau an unser erstes Telefonat: Ich wolle die Musikkultur dieser Region für mich entdecken und in einem Festival vorstellen. Kein Festival der Weltmusik – was für ein schlimmes Wort auch –, sondern mit der ganzen Bandbreite von traditioneller Musik bis Avantgarde, wenn es dort denn eine solche gäbe. Saleem sagte nur: »Ich verstehe nicht wirklich, was Sie wollen.« Selten fühlte ich mich so ertappt. Ja, auch nach Monaten hatte ich noch immer keine richtige Idee, wohin die Reise gehen sollte. B EG R I F F LI CH E FA LL S TR I CK E

Zudem geriet ich von einem Fallstrick in den nächsten. Welche Region überhaupt? Die Arabische Welt? Iraner sind keine Araber, sondern größtenteils Perser, Aserbaidschaner sind Azeris, viele Ethnien von Zentralasien bis nach Nordwestchina sind Turkvölker. Also nicht. Islamische Welt? Aber es sind ja auch das Judentum und das Christentum in der Region entstanden und bis heute

präsent. Also vielleicht Orient? Aber da landet man ganz schnell bei Edward Said, Daniel Barenboims Bruder im Geiste und Mitbegründer des West-Eastern Divan Orchestra, der in seinem Buch »Orientalism« erklärte, dass der Begriff Orient natürlich eurozentristisch und untragbar sei. Ich habe es mit dem Begriff »Naher und Mittlerer Osten« versucht, aber das ist auch verwirrend, denn Middle East im Englischen entspricht auf Deutsch dem Nahen Osten. Letztlich korrekt ist wohl nur Westasien – ein Wort, das aber niemand benutzt. Ich erinnere mich, wie

Über unsere europäische Korrektheit lacht man in Syrien. Hier heißt es schlicht: Orient. ich mit meinem syrischen Freund Hannibal Saad 2008 durch Syrien gereist bin. An jeder Ecke stand »Oriental Kitchen«, »Oriental furniture« … Ich erklärte ihm, dass ich nie über orientalische Musik spreche, das sei doch sehr inkorrekt. Wie sie denn ihre Musik in Syrien nennen? Hannibal konnte über meine europäische Korrektheit nur lachen. »Oriental Music! Was denn sonst?« Seitdem bin ich etwas entspannter geworden mit dem Gebrauch des Wortes Orient, aber es geht mir immer noch schwer über die Lippen. Wegen Said und wegen der vielen Exotismen, die der Westen damit verbindet. W A S I S T T R A D I T I O N E L L E M U S I K?

Meine erste Reise führte mich in den Libanon. Ich verbrachte einige Zeit bei Proben im Konservatorium von Beirut, hörte traditionelle Ensembles, Jazz und das Nationalorchester für traditionelle Musik. Nach einer Woche war ich ratloser als vorher. Die traditionelle Musik wollte sich mir so gar nicht erschließen. Wenn es etwas Verbindendes gibt in dieser östlichen Musik, dann sind das die Maqamat, Modi, die man vielleicht am ehesten mit unseren Kirchentonarten vergleichen kann, nur dass sie sehr viel komplexer sind. Sie heißen je nach Region Maqam, Schaschmakam, Mugham oder Muqam, basieren auf zwei Tetrachorden und beinhalten jene Mikrointervalle, die uns mit unseren westlichen Hörgewohnheiten (und unserer wohltemperierten Stimmung) das Gefühl geben, die Musik sei orientalisch oder manchmal einfach nur falsch gestimmt. Genau diese Hörgewohnheiten sind es, die es uns anfangs schwer machen, die Musik zu genießen, geschweige denn zu verstehen. Es hat etliche Versuche gegeben, diese Modi mit unserem Zwölf-Halbton-System zusammenzubringen, ob erfolgreich oder nicht, muss jeder Hörer für sich entscheiden.


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Fotos: flickr.com/photos/morgenlandfestival (oben); Michael Dreyer (unten); Datteln: shutterstock

Alim Qasimov und Nader Mashayekhi (unten)

Die Jazzer tun sich leichter mit den östlichen Klängen, weil sie offene Ohren haben.

Lesen Sie weiter in der aktuellen Ausgabe Nr. 02/2015

Am einfachsten haben es die Interpreten der Alten Musik, weil sie sowieso nicht wohltemperiert spielen, und die Jazzer, weil sie offene Ohren haben, weil sie es gewohnt sind, musikalisch spontan zu reagieren, und weil Experimentierfreude zu ihrer Grundausrüstung zählt. Ein für mich besonders gelungenes Beispiel ist die Kompositionstechnik des iranischen Komponisten Nader Mashayekhi. Er versucht erst gar nicht, beide Systeme zusammenzubringen, weil immer die Gefahr besteht, beide auf den kleinsten gemeinsamen Nenner zu reduzieren und damit gerade ihrer Schönheit zu berauben. Also stellt Mashayekhi traditionelle persische Musik parallel zu seinen zeitgenössischen Orchesterklängen. So entstehen Momente von unglaublicher Dichte und Schönheit – und ganz nebenbei eine zauberhafte Metapher auf unser Zusammenleben im 21. Jahrhundert: Wenn jeder seine kulturelle Identität behält, kann aus dem Zusammenklang etwas Neues, nie Dagewesenes entstehen. Vielleicht ist dies die neue Avantgarde. In keinem anderen Land ist der Mugham so stark in alle Genres einbezogen worden wie in Aserbaidschan, er gilt dort geradezu als identitätsstiftend. Die einstige Sowjetrepublik ist mehrheitlich schiitisch, aber doch 

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THEMA: DER ISL AM UND DIE MUSIK — MUSIK VERBOT


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TEUFELSWERK ODER GOTTESGABE? Musik ist im Islam hoch umstritten. Der Koran sagt nichts dazu. Radikale verbieten und verfolgen sie – aus machtpolitischen Gründen. Vo n O l e R e i tov

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THEMA: DER ISL AM UND DIE MUSIK — MUSIK VERBOT

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Argumente gegen Musik gibt es auch in christlichen und jüdischen Glaubensschriften.

I M AU G U S T 2 01 2 gab die im Norden Malis ansässige islamistische Terrorgruppe MUJAO (Bewegung für Einheit und Dschihad in Westafrika) bekannt, es sei nun sämtlichen Radiostationen in den von ihr kontrollierten Gebieten strengstens untersagt, westliche Musik zu spielen: »Wir wollen die Musik des Satans nicht. Stattdessen werden Suren aus dem Koran gesendet. Die Scharia verlangt es so. Gottes Gebot muss eingehalten werden.« Bald darauf wurden auch Musikinstrumente, Kassettenrekorder und Mobiltelefone öffentlich zerstört. Die Attacke auf die Musik in diesem Land, das viele herausragende Künstler hervorbrachte, hatte auch international Schockwirkung. Musik war schon immer von zentraler Bedeutung für die Identität Malis, sie begleitet alle wichtigen Feierlichkeiten von der Geburt bis zum Tod. Die Terrorgruppe wusste, dass ein Musikverbot für viele Menschen eine weitgehende Einschränkung ihrer Gedanken- und Lebenswelt bedeuten würde. Damit wiederholte sie, was die Taliban 1996 während der Besetzung Afghanistans taten, was der IS und andere islamistische Gruppierungen in Syrien, dem Irak und Libyen, was AlShabaab in Somalia noch immer anrichten. KRIEG GEGEN DIE MUSIK

Die Argumente, die jeweils gegen Musik vorgebracht werden, unterscheiden sich voneinander im Detail, nicht aber im Kern: »Musik unterläuft die öffentliche Moral. Sie ist eine von Satan erdachte, Unheil bringende Ablenkung und sollte deswegen gänzlich unterbunden werden.« Millionen Fans waren zutiefst schockiert, als Cat Stevens Ende der Siebzigerjahre seine Karriere aufgab, zum Islam konvertierte und sich fortan Yusuf Islam nannte. Anscheinend war er zu der Erkenntnis gelangt, dass das Singen von Popmusik für einen wahren Moslem nicht infrage kommt. Viele bekannte Sänger aus muslimischen Ländern haben in den letzten Jahrzehnten ihre Laufbahn beendet – einige aufgrund persönlicher Überzeugung, andere nach »überzeugungsfördernden Gesprächen« mit militanten Mullahs. Es besteht kein Zweifel: Derzeit wird ein »Krieg gegen die Musik« geführt.

Es ist allerdings zu bedenken, dass Argumente gegen Musik nicht nur von Fundamental-Islamisten vorgebracht wurden. Derlei Gedankengut durchzieht jüdische, christliche und muslimische Glaubensschriften gleichermaßen. Der jüdische Gelehrte Maomonides (1135–1204) stellte sogar eine systematische Liste von Verstößen gegen das Musikverbot zusammen. Sie umfasst – nach zunehmender Schwere geordnet – das Hören von Liedern mit weltlichem Text, das Hören von Liedern mit Instrumentalbegleitung, das Hören von Liedern mit teils obszönem Text, das Hören von auf einem Streichinstrument gespielter Musik und das Hören einer von Streichinstrumenten gespielten Musik beim Trinken. Der Koran enthält keinerlei Ausführungen gegen Musik oder Musikausübung, denn der heute geläufige, eher abstrakte Musikbegriff existierte zur Zeit des Propheten (570–632) noch nicht. Deshalb beziehen sich theologische Diskussionen unter Gelehrten und Ausübenden der vielen Islam-Ausprägungen üblicherweise auf den Hadith und die Sunna, Schriften, in denen die Mohammed zu Lebzeiten zugeschriebenen Aussprüche und Taten gemäß mündlicher Überlieferung zusammengestellt sind. Wie bei jeder Exegese fließen auch hier stets persönliche Moralvorstellungen und Weltanschauungen mit ein – und dies eben bildet den Ursprung der großen Auseinandersetzung um die Musik im Islam. D I R E K T E R K O N TA K T M I T G O T T

Musik spielt von jeher – und noch immer – eine wesentliche Rolle im Leben von Millionen Gläubigen in den muslimischen Ländern. Eine Taxifahrt in Kairo beispielsweise wird höchstwahrscheinlich von Klängen der 1975 verstorbenen Sängerin Umm Kulthum untermalt sein. Vier Millionen trauernder Ägypter säumten die Straßen Kairos bei ihrem Trauerzug, und ihre Stimme ist in der arabisch sprechenden Welt niemals verstummt. Wer einen Sufi-Schrein in Pakistan besucht, wird Sänger und Instrumentalisten hören, die Allah mit einem Qawwali preisen; diese Musikform lässt sich bis ins 8. Jahrhundert zurückverfolgen und hat sogar im Westen,


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durch den inzwischen verstorbenen Nusrat Fateh Ali Khan, einige Bekanntheit erlangt. Ein Qawwali dauert zwischen zehn und dreißig Minuten, steigert sich kontinuierlich bis zu einer ungeheuren Intensität und versetzt

Weniger strenge Muslime erkennen an, dass Musik den Glauben stärken kann. schließlich Ausführende wie Zuhörende in hypnotische oder tranceähnliche Zustände – mit dem Ziel, sie dadurch »in direkten Kontakt« mit Gott zu bringen. Weniger strenge Ausleger des Islams, die mancher Musik skeptisch gegenüberstehen, werden gleichwohl anerkennen, dass der Musik das Potenzial innewohnt, die Gottesverehrung zu steigern, und dass sie als Quelle der Freude durchaus in der Lage ist, Menschen in ihrem Glauben zu stärken. Ihr Zwiespalt erwächst vor allem daraus, dass der zum Guten führende Einsatz der Musik

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als Gnade Gottes angesehen wird, Musik, die der Sinnesfreude dient, jedoch als Teufelswerk. Damit der positive Effekt der Musik intensiviert, ihre Wirkung auf die Sinne hingegen verhindert werden kann, ist ihnen zufolge strengste Kontrolle vonnöten. MACHTS PI E LE I M I R AN

Im Jahre 2010 sagte der Oberste Führer des Iran, Ayatollah Ali Khamenei: »Obwohl Musik halal (zulässig) ist, sind Musikförderung und -unterricht nicht mit den höchsten Werten der Heiligen Regierung der Islamischen Republik vereinbar; in unserem Land sollte Musik daher weder ausgeübt noch gelehrt werden.« Khamenei, ein wichtiges Oberhaupt der Schiiten, stimmt zumindest in diesem Punkt mit vielen bedeutenden, konservativen sunnitischen Gelehrten aus Saudi-Arabien und Ägypten überein. Liberalere Gelehrte fechten diesen Standpunkt an. »Diejenigen, die darüber diskutieren, welche Musik haSieist, weiter in ram (verboten, schlecht) und welche halalLesen (zulässig) verfügen kaum über Argumente«, meint Scheich derIbrahim aktuellen Ramadan Al-Mardini, ein renommierter islamischer GeAusgabe Nr. lehrter vom Studien- und Dokumentationszentrum " 02/2015


THEMA: DER ISL AM UND DIE MUSIK — BERLIN

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WUNDERBARE WILDE BLÜTEN Orientschwärmerei und Sehnsucht nach Syrien, ethnologisches Interesse und Lust auf unerhörte Kombinationen: Die arabische Musikszene Berlins gedeiht an vielen Orten. Vo n Pe p e E g g e r F o to s vo n S i b i l l a C a l zo l a r i

I M M U S I K A L I S C H E N G A RT E N B E R L I N S ist die

arabische Musik eine Pflanze, die keinen festen Ort hat. Sie wächst und gedeiht und treibt die wunderbarsten, wohlklingenden Blüten an ganz unerwarteten Stellen: Zwischen all den anderen Blumen und Sträuchern, am Rande der Beete geht sie auf, ein Gewächs aus herbeigewehten Samen, deren Nährstoff die Liebe zur Musik ist. Und sie findet überall dort einen Ort, wo sie auf neugierige Hörende trifft. MOHAMED ASK ARI

Mohamed Askari ist ein Musik-Liebender und ein MusikSuchender. Seit mehr als sechzig Jahren schon, seit er als kleiner Junge zum ersten Mal eine Flöte hörte, ist er auf der Suche nach Tönen, nach neuen Klängen. Sein Instrument ist die Nay, die arabische Schilfrohrflöte.

Askari ist Ägypter, er stammt aus bescheidenen Verhältnissen und ist gegen alle Widerstände Musiker geworden. Seine Familie, die zuerst in Unterägypten lebte, in Luxor und Assuan, und später nach Suez zog, wünschte sich, dass »etwas Richtiges« aus ihm werde, auf keinen Fall aber ein Flötist: »Weil der Stellenwert eines Musikers damals niedrig war«, erzählt Askari. »Ein Musiker, das war so etwas wie ein Bettler, ein Diener. Meine Eltern hörten gerne Musik, aber sie fragten sich: Warum muss ausgerechnet unser Sohn Musiker werden?« Askari aber muss, er will es, seit er in Suez einem Straßenhändler begegnet ist, der Schilfrohrflöten aus einem großen Sack zum Verkauf anbot. An jeder Straßenecke blieb er stehen, um ein paar Takte zu blasen. Als der kleine Mohamed ihn hörte, wollte auch er sich für ein paar Piaster eine Flöte aus Pfahlrohr kaufen. Der Händler "


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Mohamed Askari

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THEMA: DER ISL AM UND DIE MUSIK — BERLIN

Marwan al-Karjousli


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»Ich wusste schon immer, dass ich Ud spielen kann«, sagt Marwan al-Karjousli. Also hat er es sich selbst beigebracht.

versuchte, ihm eine Tröte anzudrehen, weil die Nay zu schwer für ihn sei; aber Askari bestand darauf. Er erzählt die Geschichte, als sei es gestern erst gewesen: »Eine ganze Woche lang habe ich versucht, einen Ton aus der Nay herauszubekommen, immer und immer wieder. Aber da kam nichts, nur ein schwaches Pusten – pffff… Also ging ich zum Verkäufer zurück und beschwerte mich: ›Du hast mir eine kaputte Flöte verkauft, die geht nicht!‹ Der Händler nahm sie in die Hand, blies hinein – und sie klang wunderbar.« Also übte Askari weiter und weiter, bis die Flöte endlich tönte. Heute ist er einer der bekanntesten arabischen Musiker Berlins. Noch immer ist er ein musikalisch Suchender und seine Musik das Ergebnis dieser unerschöpflichen Suche, oder besser: seines Umherwanderns in der Unerschöpflichkeit der Musik. »Als ich 1989 nach Berlin kam«, sagt Askari, »dachte ich mir, es wäre gut, wenn das deutsche Publikum auch mal etwas anderes als Bauchtanzmusik zu hören bekäme, nicht immer nur dieses laute Getöse. Weil es ja auch eine ganz andere arabische Musik gibt: Kunstmusik, Kammermusik, zarter, nicht für große Veranstaltungen.« So begann Askari, klassische arabische Musik in variierenden Konstellationen aufzuführen: Zuerst im Berliner Takht-Ensemble mit seiner Nay, Geigen, Cello, Perkussion und Ud, dann im Trio Alwan mit Ud, Perkussion und Nay, oder, wie auf seiner jüngsten Platte, im Duett als Abu Naimah mit dem Multiinstrumentalisten Beo Brockhausen. Nun steht arabische Musik, wie Askari sie spielt, in Berlin oft nicht selbst im Mittelpunkt, sondern ist Zusatz, Beiwerk, etwa als musikalische Untermalung bei einer Ausstellungseröffnung, einer Tagung, oder als Lokalkolorit im Ägyptischen Museum während der Langen Nacht der Museen. Das Publikum dabei besteht zum Großteil aus Deutschen, für die arabische Musik ein seltenes und ungewohntes Hörerlebnis ist. Viele finden es wahrscheinlich »stimmig«, wenn Askari in ägyptischer Kleidung auftritt. Von der Musik allein zu leben, ist deshalb schwierig.

Doch Askari ist zufrieden. Für ihn ist das Musikmachen noch immer nicht Mittel zum Zweck, Geld zu verdienen oder Ruhm zu ernten; er will mit Musikern spielen, die »Musik aus Idealismus« machen. So hat auch Askaris Karriere als auftretender Musiker angefangen: Er wurde, noch als Heranwachsender in Ägypten, engagiert, auf einer Hochzeit zu spielen, weil sich herumgesprochen hatte, dass er mit Freunden Musik macht. Askari sagte zu – aber er wollte kein Geld dafür nehmen. Musik für Geld zu spielen, meinte er, das würde ihn in die Nähe jener Musiker – Musikanten eigentlich – rücken, die ihre Kunst gegen Bezahlung »prostituieren«. Wahre Musiker würden aus Liebe zur Musik spielen, aus »Idealismus«. Askari verkörpert den Musiker, der aus Berufung spielt, nicht als Beruf. Und Berufung ist ein zähes Kraut, sie wächst allen widrigen Umständen zum Trotz. Doch zugleich steht diese Lebensweise der Professionalisierung entgegen, der Tradierung und der Institutionalisierung. Askaris Traum, ein Konservatorium für arabische Musik in Berlin aufzubauen, ist Traum geblieben. Arabische Musik hat hier noch immer keinen festen eigenen Ort. Aber sie gedeiht in den Zwischenräumen, zwischen den anderen Gewächsen. M A R W A N A L- K A R J O U S L I

In solchen Zwischenräumen musiziert Marwan al-Karjousli. Er spielt die arabische Kurzhalslaute, die Ud: spielt sie für sich, für andere, um des Spielens selbst willen. An einem Tag tritt er in der Komischen Oper auf, an einem anderen in einem arabischen Restaurant, und wann immer es sich ausgeht, spielt er mit seiner Band Al Sahra. Karjousli ist Syrer, er kommt aus Damaskus. Deutsch spricht er nur bruchstückhaft, aber über jedes fehlende Wort setzt er sich mit einer lächelnden Geste hinweg. »Ich wusste schon immer, dass ich Ud spielen kann«, sagt er. Also hat er es sich selbst beigebracht, sobald er alt genug war, um sich von seinem Taschengeld sein erstes Instrument zu kaufen. Studiert hat er nicht Musik, sondern Malerei; er ist beides zugleich, Musiker und Maler, und will sich weder für das eine noch das andere entscheiden müssen. Dann hat ihn die Liebe nach Berlin gebracht, und Musik und Malerei sind ihm gefolgt. Hier spielt er das ganz Alte, nämlich Claudio Monteverdis Oper »Il ritorno d’Ulisse in patria« in Barrie Koskys Inszenierung in der Komischen Oper. Und mit seiner Band Al Sahra spielt er das Neue, Schräge, noch Werdende, etwas, das man Gnawa-Rockabilly-Ud-Folk nennen könnte. Monteverdi auf der Ud zu spielen, das ist eigentlich überraschend naheliegend, ist doch die Ud die nächste Lesen Sie weiter in Verwandte jener Instrumente, für die Monteverdi einst derKarjousli aktuellen komponierte: die Laute und die Theorbe. Für ist das Engagement an der KomischenAusgabe Oper ein Nr. " 02/2015

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BERLINER PHILHARMONIKER — BARBARA HANNIGAN

»WAS ICH SINGE, IST RISKANT« Die Sopranistin Barbara Hannigan im Gespräch Von Jürgen Otten

Foto: Lucerne Festival / Priska Ketterer

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BERLINER PHILHARMONIKER — BARBARA HANNIGAN

S I E I S T D I E vielleicht größte Sängerin unserer Zeit, zumindest was die Musik des 20. und 21. Jahrhunderts betrifft. Etliche Komponisten schreiben dezidiert für sie Stücke, darunter Salvatore Sciarrino, Magnus Lindberg, Gerald Barry und Hans Abrahamsen. Gerühmt wird Barbara Hannigan aber nicht nur für ihre immense vokale Kunstfertigkeit, sondern auch für ihr außergewöhnliches darstellerisches Talent. Die Zeitschrift »Opernwelt« kürte sie 2013 zur Sängerin des Jahres, die französische Regierung verlieh ihr im gleichen Jahr den Prix de la personnalité musicale de l’année. Bei den Berliner Philharmonikern, wo sie vor einigen Jahren mit György Ligetis Requiem debütierte, singt die kanadische Sopranistin unter der Leitung von Sir Simon Rattle das eigens für sie komponierte Stück »Le Silence des Sirènes« von Unsuk Chin.

128: Sie haben zuletzt einige erstaunliche Frauen verkörpert: Sie waren die Marie in den »Soldaten« von Bernd Alois Zimmermann, Sie waren Agnes in »Written on Skin« von George Benjamin, und vor allem waren Sie Alban Bergs Lulu. Man sollte meinen, Sie seien eine wahre Expertin für die Darstellung von Femmes fatales auf der Opernbühne. Wie definieren Sie den Begriff? Barbara Hannigan: Ich denke dabei zunächst an jemanden, der Männer verspeist. O Hilfe! Keine Angst, ich verschone Sie. Aber für mich ist eine Femme fatale eine Frau, die Männer ruiniert. Die sie ergreift und zerreißt und verschlingt. Aber das ist ein Stereotyp. Die Frauen, die Sie angeführt haben, gehören nicht zu dieser Kategorie, sogar Lulu ist für mich keine Femme fatale. Ich denke, Lulu ist unglaublich stark, überlegen, eine Kreatur mit großem Instinkt. Was mich an ihr, wie an allen Frauen, interessiert, ist der Ort, wo ihr emotionales Zentrum liegt, ihr Charakter, ihr Instinkt. Und Lulu ist diesbezüglich sehr klar: Sie will Essen, Geld, einen Platz zum Leben, Sicherheit, also im Grunde das, was wir alle wollen. Und sie ist so clever und intelligent, dass sie das überall, wo sie hinkommt, auch kriegt. Sie sieht die Psychologie ihrer Mitmenschen, und deswegen kriegt sie, was sie will. Ist sie mehr Subjekt oder Objekt der obskuren Begierden? Viele Menschen glauben, Lulu sei nur Objekt. Was vermutlich ein krasser Irrtum ist. O ja. Lulu ist viel zu selbstbewusst, um nur Objekt zu sein. Sie ist eben nicht nur ein Bild, eine Projektion der Männer, wie man das leider viel zu häufig auf der Bühne erlebt. Lulu agiert zwar gelegentlich wie ein Spiegel, in den die Männer hineinschauen. Und sie ist sich der Wünsche der anderen bewusst, sodass sie darauf reagieren kann. Aber sie ist die ganze Zeit über sie selbst. Meines Erachtens ist für sie die Frage nicht: Bin ich Subjekt oder Objekt? Für sie ist vor allem ein Satz wichtig: Ich bin Lulu. Ich bin so, wie ich bin.

Einmal sagt sie es ja ganz deutlich: »Ich will nichts anderes sein als das, was ich bin.« Und ich denke, in gewisser Weise ist das eine ihrer herausragenden Eigenschaften. Denn es gibt nur sehr wenige Menschen, die so einverstanden sind mit dem, was sie sind, wie Lulu, und die sich so sehr akzeptieren. Leider stirbt sie trotz dieser Gewissheit einen unschönen Tod. Das stimmt. Aber ich glaube, dass sie entscheidet, wann ihr Ende naht. Sie bringt Jack the Ripper zu dem Haus, in dem sie wohnt. Sie wählt ihn aus. Sie ist nicht dumm. Wenn er das Messer zückt, nimmt sie es in die Hand und ersticht sich. Für Lulu ist es Zeit. Sie sieht, es gibt keine andere Möglichkeit. Können Sie Lulu verstehen? Natürlich. Sie ist wie ein großes Vorbild für mich. Ich denke, niemand kann sich vorstellen, dass es gut ist, sich selbst


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umzubringen. Damit kann man sich schlechterdings nicht identifizieren. Aber in gewissen Momenten unseres Lebens stellt sich vermutlich jeder einmal diese Frage, ob es wirklich lohnenswert wäre weiterzuleben. Aber es ist ein großer Unterschied, ob man sich tatsächlich mit dem Suizid auseinandersetzt oder eine Suizid-Fantasie hat. Um in der Lage zu sein, Lulu glaubhaft zu verkörpern, habe ich mir diese Frage eben auch einmal gestellt. Was ich so schön finde an ihr, ist ihr Selbstgefühl. Sie hat ihren Frieden mit sich selbst gemacht. Und sie beurteilt sich niemals mit moralischen Kategorien: Sie hat kein Label. Auf mich bezogen denke ich das Gleiche. Wenn ich zum Beispiel am Flughafen ein Visum ausfüllen muss, dann weiß ich manchmal nicht, was ich bei der Rubrik »Beruf« schreiben soll: Sängerin, Dirigentin, Tänzerin? Für gewöhnlich schreibe ich dann »Künstlerin« oder »Musikerin«.

»Wenn ich am Flughafen ein Visum ausfüllen muss, weiß ich manchmal nicht, was ich bei der Rubrik ›Beruf‹ schreiben soll: Für gewöhnlich schreibe ich dann ›Künstlerin‹ oder ›Musikerin‹«.

Aber gibt es überhaupt einen Unterschied zwischen Singen, Dirigieren und Tanzen? Sie beherrschen, wie es aussieht, das eine wie das andere. Hoffentlich. Aber ich denke schon, dass das Singen meine vorherrschende Tätigkeit ist. Das mache ich am längsten. Manchmal sage ich mir: Schreib doch einfach »kreative Person« hin. Das klingt gut, oder?

»Es ist viel besser, frei zu sein und dabei Fehler zu begehen, als die Kontrolle behalten zu wollen.«

Foto: Elmer de Haas

Ja. Noch besser aber wäre vielleicht »creative animal«. Ein kreatives Tier. Das klingt doch spannend. Zudem hat jemand Sie einmal so genannt. Ja, es war in einem Gespräch über Gender. Ich sagte, dass es für mich keine Rolle spielt, ob man eine Frau ist oder ein Mann. Wichtig sei die Kreativität. Und so kam es zu dem Begriff des »creative animal«. Als ich erstmals das Requiem von György Ligeti bei den Berliner Philharmonikern gesungen habe, kamen Musiker des Orchesters in den Proben zu mir und sagten: Du bist wie ein seltsamer Vogel, den wir so zuvor noch nie gehört haben. Und ich liebte das. Es war natürlich ein Kompliment. Ja, ich weiß. Aber ein sehr schönes, ungewöhnliches. Und immer, wenn ich zu diesem Orchester zurückkomme, fühle ich mich sehr gut, wenn ich daran denke, ein Tier zu sein, ein ungewöhnlicher Vogel. Und wissen Sie was? In »Lulu« oder in den »Soldaten« habe ich die Möglichkeit, größer zu sein, als ich es tatsächlich bin. Ich fühle mich wie ein riesiges, sich veränderndes Etwas. Mal ist es so, als sei ich ein Tier, mal wie eine Skulptur mit verschiedenen flüssigen Farben. Oder denken Sie an dieses wunderbare Stück von Hans Abrahamsen, »Let me tell you«, das der Komponist für mich geschrieben hat und das ich mit den Berliner Philharmonikern und Andris Nelsons erstmals im Dezember 2013 in Berlin aufgeführt habe: Da ist es so, als befände man sich tief unten im Meer. Weil man sich wie unter Wasser fühlt, wenn man das singt. Die Zeit ändert sich, die Bewegung ändert sich, das Verständnis von Musik. "

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BERLINER PHILHARMONIKER — PERGOLESI

NICHTS ALS DIE WAHRHEIT Giovanni Battista Pergolesi wurde früh zum Mythos gemacht – und entpuppte sich nicht selten als Phantom. Vo n S u s a n n e S t ä h r


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W E R S I C H M I T Giovanni Battista Pergolesi beschäftigt, dem allzu früh verstorbenen italienischen Barockkomponisten, der darf sich nie ganz sicher sein, dass er es wirklich gerade mit Pergolesi zu tun hat. Diesem paradoxen Mechanismus ist schon mancher zum Opfer gefallen, selbst ein so prominenter Musiker wie Igor Strawinsky. Im Jahr 1919 hatte Strawinsky von Sergej Diaghilew, dem Impresario der Ballets russes, den Auftrag erhalten, eine Ballettmusik zu einem Stoff der Commedia dell’arte zu schreiben, den »Pulcinella«. Dabei sollte er originale

Nur jedes zehnte Werk unter seinem Namen ist tatsächlich von Pergolesi. neapolitanische Musik des 18. Jahrhunderts neu bearbeiten und daraus eine Collage erstellen. Diaghilew überließ Strawinsky zu diesem Zweck eine Reihe alter Notenblätter, die angeblich von Pergolesi stammten. »Je mehr ich mich mit ihnen befasste, umso deutlicher erkannte ich die wahre Natur dieses Komponisten und die geistige, ich möchte fast sagen sensorische Verwandtschaft, die mich mit ihm verbindet«, gestand Strawinsky. Doch die unbarmherzige Zunft der Musikwissenschaftler, die Strawinskys Vorlagen später eingehend prüfte, entlarvte den Wahlverwandten als Phantom: Nur jedes zehnte der rund 330 Werke, die lange unter Pergolesis Namen firmierten, ist tatsächlich eine Schöpfung aus des Meisters Hand – Strawinsky jedenfalls verfremdete vor allem Musik von Domenico Gallo, Carlo Ignazio Monza oder Unico Wilhelm van Wassenaer. Pergolesi – gibt es ihn überhaupt? Oder ist er nicht nur eine schöne Erfindung, der Mythos eines frühvollendeten Künstlers, der dazu berufen gewesen wäre, ein zweiter Mozart zu werden, hätte nicht das Schicksal seinem Erdendasein vor der Zeit ein Ende bereitet? Fest steht, dass nicht einmal sein Name »echt« ist: Geboren wurde er am 4. Januar 1710 als Giovanni Battista Draghi, doch nannte er sich später nach dem Herkunftsort seiner Vorfahren, nach Pergola in den Marken.

Anders als es die deutsche Übersetzung des Familiennamens, nämlich »Drache«, nahelegt, waren die Draghis allerdings ein eher schwächliches Geschlecht: Vater und Mutter starben jung, und die drei Brüder überlebten erst gar nicht das Kindheitsalter. Giovanni Battista selbst erhielt bereits als Einjähriger vorfristig die Firmung, weil man offenbar mit seinem baldigen Ableben rechnete; er litt seit seiner Jugendzeit unter Tuberkulose (der er 1736, mit nur 26 Jahren, dann auch erliegen sollte) und hatte obendrein mit einer Gelenkversteifung zu kämpfen – eine Zeichnung von Pier Leone Ghezzi zeigt ihn mit hinkendem linken Bein. Freilich fiel Pergolesi bald durch ganz andere Gaben auf, die ihm die Natur auch mitgegeben hatte: Seine erstaunliche Musikalität verzauberte alle, die sein Geigenspiel je zu hören bekamen, weshalb er rasch einflussreiche Gönner fand, die ihm das Studium am neapolitanischen Conservatorio dei Poveri di Gesù Cristo ermöglichten, bei so berühmten Lehrern wie Leonardo Vinci und Franceso Durante. Und kaum, dass er die Ausbildung abgeschlossen hatte, sorgte er mit eigenen Werken schon für Furore: 1731 brachte der 21-jährige Pergolesi das geistliche Drama »La fenice sul rogo« heraus, 1732 folgten seine erste Opera seria »La Salustia« und die Komödie »Lo frate’nnamorato«. Lediglich fünf Jahre blieben ihm, um etwas für die Ewigkeit zu schaffen, doch Pergolesi nutzte diese knappe Frist und komponierte wenigstens mit seinem »Stabat mater«, mit dem »Salve Regina« in c-Moll und mit dem Intermezzo »La serva padrona« drei Stücke, die ihn unsterblich werden ließen. E I N E FA R C E A L S V E R G I F T E T E G A B E

»La serva padrona«, »Die Magd als Herrin«: Pergolesis musikalische Farce, die eigentlich nur als Zwischenspiel, als komödiantischer Kontrapunkt zu seiner Opera seria »Il prigionier superbo« mit ihrem offiziell verordneten Herrscherlob gedacht war und in den Pausen gespielt werden sollte, ausgerechnet diese vergiftete Gabe zum 42. Geburtstag der Kaiser-Gattin Elisabeth Christine sollte der Nachwelt zum Ausweis dienen, dass dieser Komponist ein Zukunftsmusiker war, ein Fortschrittlicher.Lesen NatürlichSie erschien weiter in bereits die Titelfigur der aufmüpfigen Dienerin Serpetta, die der aktuellen mit List alle Macht an sich reißt, wie eine Verkörperung der Ausgabe Nr. 02/2015 " Rebellion; mehr aber noch waren es die schockierend

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FEUILLETON — ÄR Z TEORCHESTER


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ZWEI SEELEN, ACH, IN IHREM PECTUS Keine andere Berufsgruppe ist musikalisch so aktiv wie die Mediziner. In Deutschland ist die Tradition der Ärzteorchester besonders stark ausgeprägt. Vo n A n n e t te Ku h n F o to s vo n S e b a s t i a n H ä n e l

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FEUILLETON — ÄR Z TEORCHESTER

Dr. Valerie Amann arbeitet als Kinderärztin auf der Kinderintensivstation der Charité im Virchow-Klinikum. Nach mehrjährigem Blockflötenunterricht wechselte sie mit 14 Jahren zur Querflöte, um in einem Orchester spielen zu können. Sie ist Mitglied im Orchester der Deutschen Kinderärzte sowie im Berliner Lietzeorchester. Teil eines Klangkörpers zu sein, schenkt ihr Energie und Lebensfreude. Prof. Dr. Stefan Willich (vorherige Seite) leitet das Institut für Sozialmedizin, Epidemiologie und Gesundheitsökonomie der Charité Berlin. Vor seinem Medizinstudium studierte er zwei Jahre lang Violine und Dirigieren. Er gründete das World Doctors Orchestra, dessen Dirigent er ist. Für ihn ist die Musik die wichtigste globale Sprache, die tiefste Emotionalität und Spiritualität ausdrücken und Menschen, Gesellschaften und Kulturen verbinden kann. Stefan Willich wurde im Berliner Medizinhistorischen Museum der Charité fotografiert.

I N W E N I G E N M I N U T E N verwandelt sich die Men-

sa einer Kreuzberger Grundschule in einen Orchesterprobenraum. Statt Tischen stehen nun Notenständer in der Raummitte. In einer Ecke wird ein Cello gestimmt, in einer anderen Ecke übt der Hornist noch mal seinen Part. Schließlich ist er heute das einzige Horn im Ensemble – und hat damit bei der Vierten Symphonie von Brahms viel zu tun, gehören doch eigentlich vier Hörner zur Besetzung. Jeden Dienstagabend trifft sich das Berliner Ärzteorchester zur Probe in der Schule. Es ist das wohl älteste noch bestehende Medizinerorchester in Deutschland. 1911 wurde es von Bernhard Pollack gegründet, der nicht nur Augenarzt, sondern auch Pianist und Dirigent war. Musik und Medizin gehörten fest zu seinem Leben, und genau das ist typisch für viele Ärzte. In keiner anderen Berufsgruppe haben sich so viele Orchester gebildet. Allein beim Bund deutscher Liebhaberorchester, dem

Das Interesse für Musik zieht sich durch alle medizinischen Fachrichtungen, vom Augenbis zum Zahnarzt.


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Dachverband der Laienorchester, sind elf Ärzteorchester in Deutschland registriert, aber es gibt sicher doppelt so viele. Das Interesse für Musik zieht sich durch alle medizinischen Fachrichtungen, vom Chirurgen zum Gynäkologen, vom Augen- bis zum Zahnarzt. Und die Kinderärzte haben sogar einen eigenen Klangkörper, das Orchester der deutschen Kinderärzte. 1960 wurde es zunächst als Kammerensemble gegründet, entwickelte sich dann aber bald zum vollständigen Symphonieorchester. Heute hat es knapp hundert Mitglieder und trifft sich einmal im Jahr zu gemeinsamen Proben und Konzerten. Derart projektbezogen läuft die Probenphase bei den meisten überregionalen Orchestern. Das World Doctors Orchestra (WDO) kommt zum Beispiel jedes Jahr zweibis dreimal zusammen. Von den insgesamt neunhundert

Dr. Sebastian Kruck studierte zwei Jahre lang Violine in Stuttgart, bevor er sich entschloss, zur Medizin zu wechseln. Derzeit arbeitet der Kardiologe auf der Intensivstation im Vivantes Humboldt-Klinikum. Er spielt regelmäßig im Sibelius Orchester und der Sinfonietta 92. Daneben wirkt er im World Doctors Orchestra mit. Das Orchesterspiel ermöglicht ihm gleichermaßen zu entspannen und Energie zu tanken. Gerade deshalb ist es für ihn der perfekte Ausgleich zu seinem Beruf.

Mitgliedern sind je nach Konzertprogramm und -ort etwa hundert Musiker bei einer Projektphase dabei. Ein Konzert pro Jahr findet traditionell in Berlin, in der Philharmonie oder im Konzerthaus, statt. HOHE S NIVE AU

Beim letzten Mal – im vergangenen April – standen u. a. Schumanns Vierte und Dvořáks Cellokonzert mit Ludwig Quandt, dem 1. Solo-Cellisten der Berliner Philharmoniker, auf dem Programm – nicht gerade Einsteigerwerke für ein Laienorchester. Aber das ist nicht verwunderlich, denn das Niveau der meisten Medizinerorchester ist hoch. Ärzte haben offenbar so etwas wie zwei Seelen in ihrer Brust: eine musikalische und eine medizinische. Der Gründer des WDO, Professor Stefan Willich, spielt seit seinem sechsten Lebensjahr Geige und hat "

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zunächst ein Musikstudium begonnen. Doch nach vier Semestern kamen die Zweifel: »Ich hatte Sorge, die Freude an der Musik zu verlieren, wenn ich sie zu meinem Beruf mache.« Also blieb die Musik Hobby, Willich studierte Medizin, setzte seine Dirigentenausbildung aber parallel dazu fort. Heute ist er Direktor des Instituts für Sozialmedizin der Charité und zugleich Dirigent des WDO. I N T E R N AT I O N A L E S I N T E R E S S E

Die Idee zur Gründung des Orchesters reifte schon lange in ihm, 2007 schaltete er dann Anzeigen in internationalen Ärztezeitschriften. Zweifel hatte er schon, ob sich überhaupt genug Interessenten finden würden, aber auf Anhieb gab es Rückmeldungen von achtzig Ärzten aus zwanzig Ländern. Sie trafen sich im Frühjahr 2008 zum ersten Mal zu einer Konzertphase in der Berliner

Philharmonie – und verständigten sich dabei »mit Händen, Füßen und Englisch«. Mehr als ein Viertel der Musiker beim WDO kommen aus Deutschland. Das ist kein Zufall, denn in Deutschland ist die Tradition von Laienorchestern sehr stark ausgeprägt. Ähnlich sieht es in England aus, wo sich 2004 das European Doctors Orchestra gebildet hat. Ein Drittel dieses Ensembles stammt aus England, ein weiteres Drittel aus Deutschland, im letzten Drittel sind Österreich, die Schweiz, Italien und osteuropäische Länder stärker vertreten als etwa Frankreich und Spanien, so die Beobachtung der Berliner Augenärztin Antje Lueg, die die deutsche Sektion des European Doctors Orchestra vertritt und seit der Gründung dabei ist. Erstaunlich ist, dass – zumindest in den großen Ärzteorchestern – jedes Instrument von Ärzten besetzt ist.

Dr. Johannes Kuttner ist auf der Intensivstation im Helios-Klinikum Berlin-Buch tätig. Seit seinem sechsten Lebensjahr spielt er Violine. Er ist Mitglied im Deutschen Ärzteorchester. Das Orchesterspiel bringt ihm eine willkommene Abwechslung vom Klinikalltag und die Möglichkeit, interessante Menschen kennenzulernen.


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Dr. Kerstin Kreis praktiziert als Spezialistin für Venenheilkunde in Berlin. Sie ist ein musikalisches Multitalent und in der Wahl ihrer Instrumente flexibel. Begonnen hat sie mit dem Klavierspiel, bevor sie zufällig zum Horn wechselte: Im Hornquartett ihrer Schule war ein Mitspieler ausgefallen, der innerhalb von vier Wochen ersetzt werden musste. Außerdem spielt sie Posaune, Harfe und Schlagzeug. Sie ist Mitglied im World Doctors Orchestra.

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Geigen und Flöten sind stark vertreten, aber es gibt auch Ärzte, die sich für Kesselpauke oder Kontrabass entscheiden.

Zwar sind die Geigen und Flöten immer besonders stark vertreten, aber es gibt offenbar auch viele Mediziner, die sich für Kesselpauke, Kontrabass oder Tuba entscheiden. Bei kleineren, regional tätigen Ensembles ist es schon schwieriger, die entsprechenden Musiker zu finden. Das ist auch ein Grund, wieso sich manche ursprünglich reinen Ärzteorchester inzwischen für andere Berufsgruppen geöffnet haben. Beim Berliner Ärzteorchester sind heute nur noch etwa zwanzig Prozent Mediziner oder Medizinstudenten. Für viele Ärzte ist eine Projektphase pro Jahr offenbar leichter einzuplanen als regelmäßige wöchentliche Proben. Stefan Willich ist immer wieder fasziniert davon, wie schnell die Musiker, die sich oft noch nie zuvor gesehen haben und aus ganz unterschiedlichen Kulturkreisen stammen, zusammenfinden. Aber natürlich haben sie von vornherein zumindest zwei gemeinsame Themen: die Musik und die Medizin. Außerdem haben viele "


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FEUILLETON — VOK ALHELDEN

HELDENGESCHICHTEN 150 Berliner Kinder singen mittlerweile bei den Vokalhelden. Und es geht ihnen dabei um viel mehr als nur um Musik. Vo n K at h a r i n a F l e i s c h e r

INMITTEN EINES PULKS von Kindern steht Judith

Kamphues. Es ist Dienstagnachmittag, Zeit für die Chorprobe der Vokalhelden, Level 1, Stadtschloss Moabit. Ein Saal mit großen Spiegeln an der Wand, einen Flügel gibt es auch. Vor der Tür halten die ehrenamtlichen Damen Obst und Gemüse bereit. Im Saal haben sich die Kinder gerade eben beruhigt. Sie üben Vokale. Judith Kamphues formt mit ihren Händen a-e-i-o-u, ihre blauen Augen fixieren jedes einzelne Kind, von Unruhe ist jetzt keine Spur mehr. Seit rund anderthalb Jahren gibt es nun die Vokalhelden. Dieses von Simon Halsey initiierte und von der Deutschen Bank finanzierte Education-Programm der Berliner Philharmoniker hat einiges bewirkt. Nach anfänglichem »Zurechtruckeln«, wie Judith Kamphues es nennt, nahmen die Vokalhelden schnell Fahrt auf: Familien- und Mitsingkonzerte, die »Carmina Burana« beim großen Fest am Kulturforum, eine eigene CD mit Kinderliedern und die Uraufführung einer Kinderoper mit vorheriger Probenfahrt – eigentlich das Pensum eines Erwachsenenchores. Mittlerweile proben fast 150 Kinder wöchentlich mit viel Begeisterung, aufgeteilt in neun Gruppen an drei Standorten in Berlin, in Hellersdorf, Schöneberg und Moabit.

Im Gespräch mit Judith Kamphues, einer der drei Chorleiter, wird deutlich, wie viel sich verändert hat. Und wie viel Kraft das alles gekostet hat. »In Hellersdorf gab es ein paar Kinder, die wirklich verhaltensoriginell waren. Da haben wir jetzt aber ein Team, das die Sache knacken will.« Schwierigkeiten zu integrieren, das ist eines der Ziele. Trotz aller musikalischer Freiheit jenseits von Grenzen wie Geschlecht, Konfession oder Herkunft sind die Vokalhelden auch immer noch: ein soziales Gefüge. »Wenn die Kinder untereinander was haben, spüre ich das. Zum Beispiel, wenn zwei erst noch ganz dicke waren und sich dann auf einmal ignorieren. Wir reden dann kurz darüber, oder ich baue es in ein Lied ein, bis sie wieder lachen.« D E R L ANG N E S E- MAN N MACHT » HO!«

Zur Probe vom Level 2 – der Gruppe, die schon ein bisschen routinierter ist – ist an diesem Dienstagnachmittag eine besondere Showeinlage nötig. Die Kinder sind unruhig, reden durcheinander. Judith Kamphues beginnt mit einer Ansprache: »Stellt euch vor, ihr seid ein MachoMann am Strand.« Sie stellt sich übertrieben gerade hin, Nase in die Luft. »Langnese-Mann, Sonne, Meer, Strand, alles da.« Die Kinder kichern, machen die "


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LI N KS

Fotos: Monika Rittershaus, Anhänger: Shutterstock

Der Vokalheld Bogdan (links) bei einer Probe im Moabiter Stadtschloss

OBEN

Einsingen in VokalheldenT-Shirts vor einem Auftritt UNTEN

Zwei Freundinnen üben singend Vokale


FEUILLETON — VOK ALHELDEN

LI N KS

Applaus für das Vokalhelden-Weihnachtskonzert in der Mercedes-Welt UNTEN

Judith Kamphues moderiert das Carus-Mitsingkonzert im Kammermusiksaal

Bewegungen aber konsequent nach. »Rasierklingen unter den Armen!«, ruft Kamphues. Sie sieht jetzt wie ein Ringkämpfer aus, die Kinder auch, großes Gekicher.

Als Neuling vor anderen zu singen – ein Abenteuer. Aber jetzt ist Luzius ganz gelassen. »Und jetzt macht ihr als Mann ›Ho!‹«, ruft sie, und alle machen »Ho!«. »In dieser Macho-Einstellung fangen wir jetzt an zu proben.« Bei den Vokalhelden gibt es viele kleine Geschichten wie die von Bogdan. Er besucht die Proben vom Level 1 am Dienstag. Bogdan ist neun und noch nicht lange in Deutschland, er kommt aus Rumänien. Manchmal verschluckt er ein bisschen die Artikel, Deutsch ist schwer.

Der Frage zur Musik weicht er aus: »Ich möchte ein großer Fußballer werden.« Bogdan singt zwar fleißig mit, genauso wie seine ältere Schwester Diana. Aber eigentlich will er Training haben, Fußballtricks lernen wie alle Jungs in seinem Alter, sich die Knie aufschürfen auf rotem Tartanboden. Nix mit Heldentum. Lieber was Normales. Luzius, ein bisschen jünger als Bogdan, denkt da anders. Er ist Vokalheld von ganzem Herzen, wie auch seine Brüder, einer davon ist im Staats- und Domchor. Warum Luzius bei den Vokalhelden ist: »Singen ist halt toll. Ich werde auch langsam besser.« Er ist seit einem Jahr dabei. Am Anfang war noch alles aufregend. Als Neuling vor anderen zu singen – ein Abenteuer. Heute sieht er die Dinge vollkommen gelassen: »Mir passiert bei Aufregung gar nichts. Die Stimmung bei den Auftritten find ich gut, die großen Aufführungen in der Philharmonie sind besonders toll.« Er lümmelt sich lässig auf einen niedrigen Tisch. »Man guckt ja bei den Auftritten die Chorleiter an, und das ist nicht so schlimm.«

Fotos: Monika Rittershaus, Button Illustration: Nadia Budde

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GROSSER SCHRECK , GROSSER STOLZ

Zu den Auftritten kann Judith Kamphues viel erzählen. »Es gab eine komplizierte Stelle bei der Uraufführung vom ›Tapferen Schneiderlein‹. Die Kinder hätten einen Einsatz gehabt, aber ich habe mich in der Zeit verschätzt.« Also wollte Kamphues später wieder einfädeln, wusste aber nicht, ob die Kinder mitgehen würden. »Wir waren dann auf den Punkt wieder da! Und ich dachte: Aha, die Gruppe funktioniert, die Arbeit hat sich gelohnt. Die Kinder waren zunächst erschrocken und dann total stolz, weil sie es zusammen geschafft haben.« Hanan ist schon zwölf und gehört zum Level 2. Sie hat deutsche und ägyptische Wurzeln, geht auf eine internationale Schule und macht überhaupt viel Musik. Das

Die große Probenfahrt hat die Vokalhelden noch mehr zusammengeschweißt. Heldentum läuft für sie eigentlich nur nebenbei. Trotzdem ist es ihr wichtig, zu den Vokalhelden zu gehören. »Ich finde hier Freunde«, sagt sie schlicht. Besonders seit der großen Probenfahrt Anfang dieses Jahres verstünden sich alle noch besser. Der Alltag zusammen, die Proben, das Übernachten in den kleinen Bungalows, wo die Dusche direkt neben der Haustür ist, »nur durch einen Duschvorhang getrennt« – all diese Abenteuer schweißen zusammen. Trotzdem weiß Hanan noch nicht, ob sie weitersingen will, wenn sie älter ist. Bis jetzt jedoch profitiert auch sie von der Stimmbildung. Dort wird nicht nur an der Musik gefeilt. »Wenn ich vor der Probe Konflikte oder Bedürfnisse mitkriege, dann schicke ich die Kinder gezielt in die Stimmbildung. Da kann man mit dem einzelnen Kind nicht nur singen, sondern auch in Ruhe sprechen«, sagt Judith Kamphues. D E R O H R W U R M A M E R S T E N TA G

Phattha gehört auch zum Level 2. Sie ist zehn, geht in die fünfte Klasse und wird bald elf, das ist ihr ganz wichtig. Vor den Helden sang sie in einem Schulchor. »Das hat da nicht so viel Spaß gemacht, weil wir nur Kinderlieder gesungen haben, zum Beispiel ein Lied über eine Schnecke, das haben wir dauernd wiederholt.« Sie verdreht die Augen. Also hat sie sich mit einer Freundin etwas anderes gesucht. Bei den Vokalhelden findet sie das Niveau viel besser. »Nach der ersten Stimmbildung hier hatte ich so einen Ohrwurm, dass ich den ganzen Tag gesungen habe. Nach und nach konnte ich dann besser singen. Im Schulchor gab es nur ein kurzes Einsingen.« Außerdem, meint Phattha, kann sie hier ein bisschen Französisch lernen, zum Beispiel bei den »Kindern des

Phattha mimt den Macho-Mann

Monsieur Mathieu«. Bei diesem Stück dürfen heute alle in der Probe mitsingen, Kinder, Journalisten, Assistenten. Eine Ehrenamtliche erklärt noch schnell, wie man das eigentlich ausspricht, und los geht es. Text schnell lernen, Töne begreifen. »Vor diesen Kindern kann man nur den Hut ziehen«, sagt Judith Kamphues. Im Juni, beim Tag der offenen Tür in der Philharmonie, haben die Vokalhelden wieder einen großen Auftritt. Dann führen sie »Was lauert da im Labyrinth?« auf. Es ist ein ganz neues Stück. »Die größte Schwierigkeit dabei ist, dass ich dem Level 1 sagen muss, dass sie da noch nicht mitmachen können. Alles, was dann kommt, kann nur leichter werden«, sagt Judith Kamphues und geht vergnügt in die nächste Probe. < KO N Z E R T T E R M I N E Philharmonie, 14. Juni 2015, 11 und 13 Uhr Vokalhelden beim Tag der offenen Tür Philharmonie, 20. und 21. Juni 2015, 16 Uhr Jonathan Dove: »Was lauert da im Labyrinth?« Mitglieder der Berliner Philharmoniker und jugendliche Instrumentalisten, Vokalhelden-Projektchor, Sir Simon Rattle


N ACHS P I EL — KO N Z ER T K A L EN D ER

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KONZERTE

d e r S t i f tu n g B e r l i n e r P h i l h a r m o n i ke r

Juni

MO 01.06 . 20 U H R

Kammermusiksaal Umsungen – die Welt der Vokalmusik Matthias Goerne Bariton Piotr Anderszewski Klavier Schumann Aus Myrthen op. 25: Nr. 15 Aus den hebräischen Gesängen (»Mein Herz ist schwer«) Aus Sechs Gedichte op. 36: Nr. 5 Dichters Genesung und Nr. 6 Liebesbotschaft Liederkreis op. 39, Liederkreis op. 24 D I 02 .06 . 20 U H R

Kammermusiksaal Orchester-Akademie der Berliner Philharmoniker Raimar Orlovsky Einstudierung Ulrich Wolff Einstudierung Akademie III – »Akademie Barock« Veracini Ouvertüre Nr. 6 g-Moll Telemann Konzert für Trompete, Violine, Streicher und Generalbass D-Dur TWV 53:D5 Pisendel Sonate c-Moll für zwei Oboen, Streicher und Basso continuo Zelenka Hypocondrie a 7 concertanti für Bläser, Streicher und Basso continuo A-Dur ZWV 187 Telemann Sinfonia spirituosa für Trompete, Streicher und Generalbass D-Dur TWV 44:1 Heinichen Konzert F-Dur S 235 FR 05.06 . 20 U H R SA 06 .06 . 19 U H R SO 07.06 . 20 U H R

DO 18 .06 . 20 U H R FR 19.06 . 20 U H R SA 20.06 . 19 U H R

Philharmonie

Philharmonie

Berliner Philharmoniker Gustavo Dudamel

Dirigent

Mozart Serenade Nr. 9 D-Dur KV 320 »Posthorn-Serenade« Mahler Symphonie Nr. 1 D-Dur

Philharmonie Late Night Mitglieder der Berliner Philharmoniker Sir Simon Rattle Dirigent Barbara Hannigan Sopran Walton Façade SO 14 .06 . ab 11 U H R Philharmonie, Kammermusiksaal, Musikinstrumenten-Museum Kunstgewerbemuseum

Widmann Teufel Amor Tschaikowsky Symphonie Nr. 6 h-Moll »Pathétique«

Dirigent Violine

Brahms Violinkonzert D-Dur Debussy Images pour orchestre Enescu Rumänische Rhapsodie Nr. 1 A-Dur

Philharmonie Education-Projekt – Vokalhelden Orchester aus Berliner Philharmonikern und jugendlichen Instrumentalisten Sir Simon Rattle Dirigent Vokalhelden-Projektchor

M I 24 .06 . 20 U H R DO 25.06 . 20 U H R

Tag der offenen Tür Proben, Konzerte, EducationVeranstaltungen, Führungen, Workshops, Gesprächsforen, offener Unterricht und vieles mehr – In Zusammenarbeit mit den Freunden der Berliner Philharmoniker e. V. Eintritt frei

Originalklang Concerto Melante auf historischen Instrumenten Nuria Rial

SA 20.06 . 16 U H R SO 21.06 . 16 U H R

Dove Was lauert da im Labyrinth?, Uraufführung

D I 16 .06 . 20 U H R

Dirigent

Berliner Philharmoniker Sir Simon Rattle Christian Tetzlaff

FR 12 .06 . 23 U H R

Philharmonie

Kammermusiksaal

Philharmonie Berliner Philharmoniker Daniel Barenboim

DO 11.06 . 20 U H R FR 12 .06 . 20 U H R SA 13.06 . 19 U H R

Philharmonie Berliner Philharmoniker Sir Simon Rattle Barbara Hannigan Krystian Zimerman

Dirigent Sopran Klavier

Haydn Symphonie Nr. 80 d-Moll Chin Le Silence des Sirènes für Sopran und Orchester, Deutsche Erstaufführung Brahms Klavierkonzert Nr. 1 d-Moll SO 28 .06 . 20.15 U H R

Waldbühne Berlin Sopran

Gallo Sonata a quattro Nr. 9 d-Moll Händel »Salve Regina« HWV 241 Torelli Concerto für vier Violinen a-Moll Gallo Sonata a quattro Nr. 2 F-Dur Sonata a quattro g-Moll Händel »O qualis de coelo sonus« HWV 239 Sonata a 5 B-Dur HWV 288 Pergolesi »Salve Regina« c-Moll

Berliner Philharmoniker Sir Simon Rattle Lang Lang

Dirigent Klavier

Newman 20th Century Fox Fanfare Kaper Mutiny on the Bounty Raksin Laura Grieg Klavierkonzert a-Moll Moross The Big Country Korngold The Adventures of Robin Hood Bradley Tom and Jerry Rózsa Ben Hur-Suite


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K A MENSK YS GEIGENHUMOR

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Ausgabe Juni 2015  
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