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Das Magazin der Orell Füssli Buchhandlungen Nr. 3/2012

«Es ist riskant, einen Bestseller fortzusetzen» Interview mit Jan-Philipp Sendker

Ihr persönliches Exemplar – mit Wettbewerb!

Im Schaufenster

Joanne K. Rowling,

Paul Auster, Stephen King Spezial: Biografien Geschichten, die das Leben schrieb Wirtschaftsbücher Verstehen, was alle angeht


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ERÖFFNUN

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Editorial | 3

4

Es muss nicht immer der Präsident sein Liebe Leserin, lieber Leser Biografien gelten als eines der ältesten Genres der Literatur: Die ersten Lebensbeschreibungen entstanden in den griechischen Stadtstaaten, zu einer Zeit, als das Individuum in den jungen Demokratien eine immer wichtigere Rolle zu spielen begann.

Notizen

Seite 10 «Es ist riskant, einen Bestseller fortzusetzen» Interview mit Jan-Philipp Sendker 14 Neuseeland Traumhafte Seelen-Landschaften 18 Im Schaufenster I «Ein plötzlicher Todesfall» von Joanne K. Rowling 19 Im Schaufenster II «Sunset Park» von Paul Auster 20 Bücher zur Krise Endlich verstehen, was alle angeht

Die frühen Biografien beschrieben vor allem die Lebensläufe von Berühmtheiten – von Königen oder Philosophen. Auch heute beschäftigen sich die meisten Biografien-Bestseller mit grossen Namen. Philosophen kommen zwar etwas seltener vor, dafür findet man umso mehr Bücher über Filmstars, Fussballgötter oder Politiker. Anders als in früheren Zeiten gelangen heute aber auch die Lebensgeschichten gewöhnlicher Menschen auf die Bestsellerlisten – man denke nur an die Erfolgsbücher «Das volle Leben» von Susanna Schwager, denen jetzt übrigens «Das halbe Leben» gefolgt ist. Es sind offenbar nicht nur die Stars, die uns interessieren, sondern auch das, was sich hinter den Türen im Nachbarhaus abspielt. Bücher bieten uns eben die Möglichkeit, an fremden Leben teilzuhaben – und dadurch unser eigenes Leben noch vielfältiger und aufregender zu machen. Weil Biografien dazu einen besonders wichtigen Beitrag leisten können, widmen wir ihnen in diesem Heft den ganzen Mittelteil. Viel Spass beim Stöbern – in unseren Vorschlägen und in fremden Leben!

Seite 23 Spezial: Biografien 32 Kaffeepause Die Debatte 36 Fantastisch! Fantasy-Neuerscheinungen 39 Im Schaufenster III «Wind» von Stephen King 40 Kinderwelt Von Kindern und Kaninchen 42 Mein Buch 44 Kochbücher Geächtete Genüsse 46 Neues von Orell Füssli 48 Kreuzworträtsel 49 Veranstaltungen 50 Kolumne So schreibe ich – Sibylle Berg

Ihr András Németh Mitglied der Geschäftsleitung

Die nächste Ausgabe von Books, dem Magazin der Orell-Füssli-Buchhandlungen, erscheint am 16. November 2012. Sie erhalten Books kostenlos in jeder Filiale. Bestellungen nehmen wir gern entgegen über www.books.ch, orders@books.ch und Telefon 0848 849 848. Buchhandlungen von Orell Füssli finden Sie in Basel, Bern, Frauenfeld, St.Gallen, Winterthur und Zürich sowie am Flughafen Zürich.

Preisänderungen vorbehalten. Unsere aktuellen Verkaufspreise und eine umfassende Auswahl an Büchern, Filmen und Spielen finden Sie auf www.books.ch.

Impressum Herausgeber: Orell Füssli Buchhandlungs AG, Dietzingerstrasse 3, Postfach, 8036 Zürich Gesamtherstellung: Media Tune AG, Zürich Redaktion: Die Blattmacher GmbH, Zürich Gestaltungskonzept/Layout: Strichpunkt GmbH, Winterthur Coverfoto: Keystone Alle so gekennzeichneten Bücher sind auf www.books.ch auch als eBook erhältlich.


4 | NOTIZEN

Books Nr. 3/2012

Wenn es einen deutschsprachigen

Notizen

Nachfolger von Dashiell Hammett gibt, dann ist das Jakob Arjouni. Seine Figur Kemal Kayankaya ist einer dieser lakonischen, abge-

Marius Leutenegger

brühten Privatdetektive, die ihren Der französische Theaterautor Eugène

butterweichen Kern mit einer

Ionesco meinte zum Zustand der Erde:

rauen Schale schützen, nie um

«Ich predige in einer übervölkerten

einen guten Vergleich verlegen

Wüste. Weder ich noch andere können

sind und sich am Ende eigentlich

einen Ausweg finden. Ich glaube, es gibt keinen Ausweg.» Tatsächlich sieht es gar

nur mit Kriminellen gut verstehen.

nicht gut aus auf unserem Planeten: Wir

Pikanterweise ist Kayankaya erst

holzen Urwälder ab, heizen das Klima

noch ein Türke, der in seinem

auf und vergeuden Ressourcen, obwohl

Territorium Frankfurt ständig mit

wir alle wissen, dass wir damit unsere

verdecktem Rassismus zu kämp-

Lebensgrundlagen zerstören. Gibt es

fen hat. Im neuen Roman «Bruder

also keine Hoffnung mehr? Doch, ruft uns ein Buch aus dem Knesebeck-Verlag

Kemal» bekommt er gleich zwei

zu – und es präsentiert uns «100 grüne

Aufträge, die schliesslich ein

Lösungen, die unsere Welt retten

einziger Fall werden: Er muss ein

könnten». Der unterhaltsame Bildband

verschwundenes Töchterchen aus

belegt, wie erfinderisch der Mensch ist,

gutem Haus aufstöbern und einen

wenn es darum geht, sich am eigenen

Autor auf der Buchmesse vor

Schopf aus dem Sumpf zu ziehen. Er forstet die Sahara auf, entwickelt künstliche CO2-Fresser, nutzt die Wärme von Strassenbelägen, produziert

Angriffen radikaler Muslime

Neues aus Abfall, begrünt Innenstädte und fliegt mit Treibstoff

schützen. Natürlich geht wie

aus Kokosöl. Die 100 Lösungen sind alle kurz und verständlich

immer so ziemlich alles schief, ehe

zusammengefasst. Bahnbrechend Neues erfährt man durch die

Kayankaya in Zusammenarbeit

Lektüre nicht – aber sie verbreitet immerhin das wohlige Gefühl,

mit Kommissar Zufall das krimi-

dass Ionesco sich vielleicht doch geirrt haben könnte.

nalistische Rätsel lösen kann. Bei seinem fünften Auftritt im Dioge-

An Kunst, die uns zur Verfügung steht,

unzutreffend: Dank Delavaux kann man

herrscht wahrlich kein Mangel. Doch die

die Kunstwerke sehr wohl sehen, wenn in

nes-Verlag erweist sich der Detek-

Fantasie der Kulturbeflissenen wird auch

manchen Fällen auch nur in Form von Ko-

tiv als gelassener als bisher – und

pien

nicht betrachtet werden kön-

Welche Schätze verloren gin-

nen – weil sie zum Beispiel ver-

gen – etwa das herrliche Ge-

schollen sind, vernichtet wur-

mälde

den

in

Schwan» von Leonardo da

Tresoren ruhen. Die Französin

Vinci –, lässt sich auf diese

Fleisch und Blut übergegangen.

Céline Delavaux hat die wich-

Weise mehr als erahnen. Man-

Wer so genannte

tigsten Beispiele von «Kunst,

che Bild-Biografien lesen sich

«hardboiled» Krimis

die Sie nie sehen werden» zu

wie Krimis, bei anderen bleibt

mag, ist mit «Bruder

oder

seit

langem

oder Annäherungen.

auch der Autor hat offenbar einen

von jenen Werken angeregt, die

«Leda

und

der

einem schönen Bildband zusammengetra-

einem nur das Jammern über mutwillige

gen, der jetzt bei Prestel erschienen ist.

Zerstörungen. Ein Buch, das in jede Kunst-

Der Titel des Buchs ist glücklicherweise

bibliothek gehört!

Reifeprozess hinter sich: Früher wirkte sein cooler Ton manchmal etwas bemüht, jetzt ist er ihm in

Kemal» jedenfalls bestens bedient.


NOTIZEN | 5

Alle Bücher finden Sie auch auf

Leute, die das mögen, mögen auch ... geht sie diesem Beruf mit Leidenschaft nach. «Mir gefällt vor allem die Arbeit mit den Kundinnen und Kunden», sagt Désirée Stucki. «Es ist eine tolle Herausforderung, auf die einzelnen Kundenwünsche einzugehen. Der Job ist zudem extrem abwechs-

Oft ist die letzte Seite eines Buchs jene, die man am wenigsten mag – weil man nicht möchte, dass das Lesevergnügen schon zu Ende ist. Glücklicherweise gibt es Fachleute, die einem in solchen Momenten Bücher mit vergleichbaren Qualitäten empfehlen können – Fachleute wie Désirée Stucki von Orell Füssli Frauenfeld. Die 29-Jährige wurde aus Zufall Buchhändlerin. «Ich ging in eine Buchhandlung und fragte an der Kasse, ob man hier auch eine Lehre machen könne – ich wusste kaum etwas über den Beruf, und wäre ich an der Kasse der Papeterie gelandet, hätte ich vielleicht eine ganz andere Lehre gemacht.» So aber wurde sie Buchhändlerin – und seither

lungsreich.» Und nicht zuletzt lese sie auch selber leidenschaftlich gern. Gegenwärtig betreut Désirée Stucki die Belletristikabteilung der Filiale – daher stammt ihr Tipp auch aus diesem Bereich. «Die ‹Panem›Trilogie von Suzanne Collins war ein Riesenerfolg, und ich werde oft gefragt, ob es etwas Vergleichbares gibt. Ich empfehle in diesen Fällen ‹Starters› von Lissa Price. Der Roman spielt in einem ähnlichen Umfeld wie ‹Panem›: In einer nicht so fernen Zukunft, in der die USA einen grässlichen Krieg hinter sich haben. Bei ‹Starters› leben nach einem biologischen Krieg nur zwei Bevölkerungsgruppen: einerseits die Kinder und die Jugendlichen, die Starters,

andererseits die ganz alten Menschen, die Enders. Diese Gruppen waren noch rechtzeitig geimpft worden. Die Alten haben die Macht in ihren Händen, die Jungen leben in Heimen oder auf der Strasse. So auch die Hauptperson Callie. Aus Verzweiflung beteiligt sie sich an einem halboffiziellen Programm: Die Jungen können in der Bodybank den Alten ihren Körper für eine gewisse Zeit vermieten. Alles funktioniert zuerst reibungslos, doch dann werden Callie und die alte Frau, die ihren Körper genutzt hat, nicht mehr richtig getrennt. Und Callie erkennt: Diese Frau unternimmt alles, um die Machenschaften der Bodybank zu stoppen. Das Buch zieht einem ab der ersten Seite den Ärmel rein – genau wie ‹Panem›. Auch der Grundton der beiden Bücher ist ähnlich, da wie dort müssen Jugendliche in einer feindlichen Umgebung um ihr Überleben kämpfen. Und da wie dort geht es um etwas, das schon heute unsere Gesellschaft prägt: Bei ‹Panem› standen die BigBrother-Shows Pate, bei ‹Starters› geht es um unseren Jugendkult. Im November erscheint übrigens die Fortsetzung von Lissa Price’ Buch: ‹Enders›.»

Ein Roman-Titel wie «Du sollst eventuell nicht töten» ist ein Versprechen. Simon Borowiak löst es voll und ganz ein. Der Autor ist ein Garant für abseitige Figuren, skurrile Wendungen und liebevolle Boshaftigkeiten; das konnte man schon von ihm sagen, als er noch eine Frau war und unter dem Namen Simone Borowiak den lustigen Sommerroman «Frau Rettich, die Cerni und ich» veröffentlichte. Im neuen, bei Knaus erschienenen Buch geht es um den hypochondrischen IchErzähler Schlomo, der seinem blinden Freund Mendelssohn hilft, eine prächtige Villa in einem vornehmen Hamburger Quartier zu beziehen. Die Menschen in der Nachbarschaft erweisen sich entweder als ganz reizend – wie etwa die hyperattraktive Marvie – oder als ganz besonders widerlich – wie der an übersteigertem Selbstbewusstsein leidende ältere Freund von Marvie. Blöderweise stirbt dieser dicke Kerl auf einer Party, und jetzt haben Schlomo, Marvie und all die anderen eine Leiche am Hals. Die Geschichte ist allerdings ziemlich egal – bei Borowiak geht es schliesslich nie um den Plot, sondern vor allem um originelle Charaktere und nebensächliche Ereignisse.


6 | NOTIZEN

Books Nr. 3/2012

© Regine Mosimann / Diogenes Verlag

Jahrestage

Donna Leon hat in diesem Jahr gleich doppelt Grund zum Feiern: Im Juni erschien der zwanzigste Krimi mit Commissario Brunetti: «Reiches Erbe». Seit Brunetti 1992 das Licht der Öffentlichkeit erblickte, ist jedes Jahr ein neuer Roman mit ihm erschienen. Der andere Anlass für eine Party ist der runde Geburtstag der Autorin: Am 28. September wird die US-Amerikanerin, die schon lange in Venedig lebt, 70 Jahre alt. Ein wenig ist sie auch eine von uns, denn sie arbeitete einst als Englisch-Lehrerin an amerikanischen Schulen in der Schweiz. Lustiges Detail: Die Brunetti-Erfolgsromane erscheinen nicht auf Italienisch – denn Donna Leon will, dass die Venezianer ihr unvoreingenommen gegenübertreten.

Einen runden Geburtstag feiert auch das Haus, das Donna Leons Romane auf Deutsch veröffentlicht: Der Diogenes-Verlag wird 60 Jahre alt. Gegründet wurde er 1952 vom 2011 verstorbenen Daniel Keel. In den letzten sechs Jahrzehnten hat der Diogenes-Verlag rund 6000 Titel veröffentlicht – davon ist über ein Drittel noch im-

mer lieferbar – und insgesamt etwa 200 Millionen Bücher verkauft. Das unverwechselbare Umschlag-Design wurde 1985 eingeführt: Ein schwarzer, an den Ecken abgerundeter Rahmen auf weissem Grund enthält ein Coverbild sowie den Autorennamen und den Titel in der Schrift Didot. Zu den bekanntesten Autoren des Verlags zählen Friedrich Dürrenmatt, Georges Simenon, Paulo Coelho, Martin Suter und Patrik Süskind, dessen Roman «Das Parfum» das bis heute bestverkaufte Diogenes-Buch ist. Anlässlich des Jubiläums erscheint im Oktober eine zwölfbändige Jubiläumskassette mit zwölf Erfolgsbüchern – von Autoren wie Martin Walker, Ingrid Noll oder Urs Widmer.

Viele Schriftsteller sind Selbstdarsteller – andere Autoren werden als Fremddarsteller berühmt. Der vielleicht wichtigste Vertreter der zweiten Gruppe ist der Enthüllungsjournalist Günter Wallraff, der am 1. Oktober 70 Jahre alt wird. «Wallraffen» meint: Man verwandelt sich in einen Redakteur bei «Bild», in einen Obdachlosen oder somalischen Touristen in Deutschland, in einen Iraner in Japan oder in einen vermeintlichen Napalmlieferanten der US-Armee – und schreibt anschliessend seine zuweilen himmelschreienden Erlebnisse in Buchform nieder. Das alles frei nach dem Grundsatz: «Man muss sich verkleiden, um die Gesellschaft zu demaskieren.» Natürlich ist Wallraff auch selber zur Zielscheibe von Enthüllungsjournalisten geworden; diese haben herausgefunden, dass er viele seiner sehr erfolgreichen Bücher nicht allein geschrieben hat. Doch das schmälert seine Verdienste nicht: Vor allem «Ganz unten», das Buch über die schlechte Behandlung

türkischer Gastarbeiter, löste eine bedeutende gesellschaftliche Debatte aus. Seine wichtigsten Werke werden jetzt wieder neu aufgelegt – von Kiepenheuer & Witsch etwa die Bild-Reportage «Der Aufmacher» erstmals in unzensierter Form.

Eher zu den Selbstdarstellern zählt unser nächstes Geburtstagskind: Am 16. Oktober wird einer der wichtigen deutschsprachigen Autoren der Gegenwart 85 Jahre alt, nämlich Günter Grass. Er wuchs in Danzig auf, kämpfte im Zweiten Weltkrieg – nachdem er sich mit nur 15 Jahren freiwillig zur Wehrmacht gemeldet hatte –, wurde Steinmetz und bildender Künstler. Mitte der 1950er-Jahre begann er nebenher zu schreiben; bereits mit seinem ersten Roman «Die Blechtrommel» schaffte Grass 1959 den internationalen Durchbruch. Einen ähnlichen Erfolg wie mit diesem Erstling erzielte er zwar nie mehr, er veröffentlicht seither aber regelmässig viel beachtete Romane, Gedichtbände und Theaterstücke. 1999 erhielt der streitbare Autor den Literatur-Nobelpreis. In den letzten Jahren sorgten vor allem Enthüllungen über Grass’ Leben für Wirbel: Es wurde bekannt, dass der notorische Moralist Mitglied der Waffen-SS war. Und in diesem Jahr provozierte der Schriftsteller mit einem israelkritischen Gedicht. Im Frühjahr erschien sein jüngstes Werk «Grimms Wörter» als Taschenbuch bei dtv – eine Huldigung an die Gebrüder Grimm und die deutsche Sprache.


NOTIZEN | 7

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Was lesen Sie gerade? Leonard, Sänger, Moderator und Songwriter

«Nachdem ich etwa 20 Jahre lang fast ausschliesslich Bücher von Sidney Sheldon las und dadurch jeden seiner Romane etwa zehnmal gelesen habe, bin ich froh, nun endlich eine neue Autorin gefunden zu haben: Die Bücher von Lesley Pearse sprechen mich genau so an wie jene von Sidney Sheldon. Sämtliche ihrer Werke liegen bei mir auf dem Nachttisch, und zwar in Form von eBooks in meinem iPad. Überhaupt bin ich von den eBooks total begeistert; durch sie habe ich angefangen, wieder viel mehr zu lesen, weil man bequem durch eine grosse Auswahl stöbern und sich Leseproben herunterladen kann. Mein absolutes Lieblingsbuch von Lesley Pearse ist ‹Durch stürmische Zeiten›. Es erzählt die Geschichte von Mary Broad, die im 18. Jahrhundert wegen eines harmlosen Diebstahls zum Tod verurteilt und später begnadigt wurde. Der Roman basiert auf einer wahren Begebenheit und gehört zu jenen Büchern, die man nicht mehr aus der Hand legen kann, wenn man mit dem Lesen angefangen hat.»

LINDE LOHNT SICH

2012, 264 Seiten, geb. Auch als E-Book erhältlich!

Durch stürmische Zeiten Lesley Pearse 492 Seiten CHF 14.90 Bastei Lübbe

Fühlen Sie sich manchmal auch so richtig einsam? Wenn Sie zum Beispiel aus dem Tram steigen wollen – und sie erkennen müssen, dass alle anderen die uralte und sinnvolle Regel «Erst aussteigen lassen» vergessen haben? Die gute Nachricht: Sie sind nicht allein! Auch die beiden Berlinerinnen Elena Senft und Lisa Seelig regen sich offenbar den ganzen Tag über schlecht erzogene Mitmenschen auf – und natürlich auch über alle anderen, die aus irgendeinem Grund nerven. Die schlimmsten Ärgernisse haben sie im Fischer-Taschenbuch «Sorry, hier sitzt schon meine Tasche» zusammengetragen. Natürlich gehörten Senft & Seelig gleich selber ins Buch – wie nerven doch die Leute, die ständig glauben, andere erziehen zu müssen –, aber sie geben einem trotzdem ein gutes Gefühl. Eben jenes, nicht allein zu sein mit dem Ärger über aufdringliche Spendensammler, gierige Buffetplünderer und egomane Plaudertaschen.

2012, 160 Seiten, geb. Inkl. DVD Auch als E-Book erhältlich!

2012, 200 Seiten, geb. Auch als E-Book erhältlich!

www.lindeverlag.at


© Alan Edwards/f2images

8 | NOTIZEN

Julian Barnes ist ein Autor, dem man als Leserin oder Leser vertraut: Er führt uns in interessante Leben und Konstellationen – und wir wissen, dass er uns auf die richtigen Dinge hinweisen wird und dass wir bei ihm auch etwas über das Sein schlechthin erfahren. Denn der Brite ist ein exzellenter Beobachter und vertritt Wertmassstäbe, die man jederzeit teilen kann. Das kommt gut an, und sein letzter Roman «Vom Ende der Geschichte» verkaufte sich 2011 allein im deutschsprachigen Raum 130’000-mal. Nun ist bereits das nächste Buch von Barnes erschienen: «Unbefugtes Betreten», eine Sammlung von 14 Kurzgeschichten. Beim Lesen denkt man oft das Beste, was man über Kurzgeschichten denken kann: Schade, geht das jetzt nicht weiter! Denn es sind nicht die geschilderten Ereignisse, die einen faszinieren, sondern die Figuren. Barnes verleiht ihnen auf wenig Raum viel Charakter – und schafft es auf fast schon zauberhafte Weise, dass man die Erzählungen aus ihrer Position liest. Gleichgültig, ob es um geschiedene Immobilienmakler, stumme Porträtisten oder halbwegs erfolgreiche Schriftstellerinnen geht.

Liest man nur die Klappentexte, könnte man die Scheibenwelt-Romane von Terry Pratchett für ziemlich unbedarfte Fantasy-Geschichten halten: Da geht es um Trolle, Golems, Hexen und Gevatter Tod. Doch die bunte Kulisse der Scheibenwelt und das überaus drollige Personal dient dem britischen Bestseller-Autor nur dazu, höchst irdische Spezialitäten auszuleuchten – vom Fussballfieber über die Gleichberechtigung bis zu Integrationsproblemen. Dabei persifliert er meistens auch noch ein Literaturgenre. Die Suppe, die der Vielschreiber in kurzen Abständen anrührt, ist also ziemlich sättigend. Mit zunehmendem Alter ist Pratchett auch ein Meister der etwas leiseren Töne und des eher subtilen Wortwitzes geworden – was seinen neuesten, den 39. Scheibenwelt-Roman «Steife Prise» zum besonderen Vergnügen macht. Wieder einmal geht es um Samuel Mumm, Kommandeur der Stadtwache und frisch gekürter Herzog von Ankh-Morpork. Diesmal verschlägt es ihn aufs Land, wo er einen Fall von Sklaverei aufdecken muss. Besonderen Spass bereiten Pratchetts Bemerkungen über Ehepaare und das Landleben. Dennoch ist «Steife Prise» des Manhattan-Verlags kein idealer Einstieg ins Scheibenwelt-Universum, denn es werden doch gewisse Kenntnisse vorausgesetzt. «Wachen! Wachen!» war der erste Stadtwachen-Roman von Terry Pratchett, und es ist sicher nicht verkehrt, damit zu beginnen.

Books Nr. 3/2012

Als die Zeiten für Schreibende noch viel besser waren, publizierten die Zeitungen regelmässig Gedichte zum Zeitgeschehen. Einer der erfolgreichsten deutschsprachigen «Gebrauchslyriker» war Erich Kästner (18991974). Nun hat der Atrium-Verlag 91 seiner «Montagsgedichte» neu aufgelegt. Sie erschienen zwischen 1928 und 1930 in Berliner Zeitungen, die meisten davon haben einen Bezug zur damaligen Aktualität. Dank kleiner editorischer Notizen erfährt man, worüber sich Kästner in seinen Gedichten gerade lustig macht, welche Ereignisse ihm zu denken gaben – und dass er ein mutiger Kerl war, der sich auch während der Krisen der Weimarer Republik gern zwischen Stuhl und Bank setzte. Allein das Vorwort von Marcel Reich-Ranicki rechtfertigt die Anschaffung des Buchs, denn es macht klar, warum Kästner ein ganz Grosser war.

WettbewerbsGewinner In der letzten Ausgabe von Books verlosten wir unter den Teilnehmenden unseres Kreuzworträtsel-Wettbewerbs drei Büchergutscheine. Gewonnen haben: 1. Preis: Erika Streule, St.Gallen 2. Preis: Maria Zehnder, Bern 3. Preis: Ursula Kutter, Berg SG

Herzliche Gratulation! Die Gewinnerinnen und Gewinner der Preise 4 bis 10 werden schriftlich benachrichtigt. Das aktuelle Kreuzworträtsel finden Sie in dieser Ausgabe auf Seite 48.


NOTIZEN | 9

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Schade, ist der Sommer schon fast vorbei – denn «Willkommen auf Skios» des Briten Michael Frayn ist nicht weniger als die ideale federleichte Sommerlektüre. Die Verwechslungskomödie ist bei Hanser erschienen und spielt auf einer griechischen Insel, auf der eine stinkreiche Stiftung zum jährlichen Vortrag eines Top-Referenten einlädt. Doch die Stiftungsassistentin verwechselt am Flughafen den ihr nicht bekannten Dr. Norman Wilfried mit dem gutaussehenden Taugenichts Oliver Fox, der schon lange ein anderes Leben führen möchte – und die Gelegenheit, zwei Tage lang als grosser Denker bewundert zu werden, gern nutzt. Der erfolgsmüde Dr. Wilfried landet derweil völlig unschuldig im Bett der Geliebten von Oliver Fox, und die geldgierigen Taxifahrer bringen alles noch ein bisschen mehr durcheinander. Die Geschichte ist natürlich völlig unwahrscheinlich – wer verwechselt im Zeitalter von Google schon prominente Redner mit charmanten Hippies? –, aber wer sich am mangelnden Realismus stört, verdirbt sich selbst einen grossen Lesespass. Reiche Stiftungen, die sich für eine bessere Welt einsetzen und gleichzeitig schaufelweise Kaviar herankarren, kriegen bei Frayn ebenso ihr Fett weg wie all die Mittdreissiger, die von kleinen Fluchten träumen, diese aber gern in der Business-Klasse verbringen würden.

... und ausserdem

«Kinderwelt»: So heissen die Kinderbuchabteilungen in den grösseren Filialen von Orell Füssli. An ihrem Eingang steht jeweils ein Maskottchen, das diese verkleinernde Bezeichnung eigentlich nicht verdient – denn der Plüschbär Theo ist ein riesiger Kerl. «Die Kinder mögen ihn sehr», weiss Martin Fawer, Kommunikationsleiter der Orell-Füssli-Buchhandlungen. «Das zeigt sich immer dann, wenn wir einen Mitarbeiter als Theo verkleidet durch die Filialen spazieren lassen.» Zudem beteiligten sich unzählige Kinder am Wettbewerb, mit dem ein Name für den zunächst anonymen Bären gefunden wurde. Weil Theo so beliebt ist, hat sich Orell Füssli jetzt entschieden, ihn im Kleinformat zu produzieren – «so kann jedes Kind einen Theo nach Hause nehmen», sagt Martin Fawer. Der sitzende Plüschbär aus Super Soft Velboa ist 15 Zentimeter gross und mag es ganz besonders, wenn er mit den Kindern ein Buch anschauen darf.

Eine tief bewegende Geschichte über die Zerbrechlichkeit des lebens Charlotte liebt ihr Kind abgöttisch und will nur eins: es beschützen. Denn Willow ist krank; beim kleinsten Stoß brechen ihre Knochen. Dass auch ihr Herz brechen kann, scheint Charlotte zu vergessen, als sie vor Gericht das Geld für eine angemessene Behandlung erkämpfen will ... Erschütternd, tief bewegend und sensibel führt dieser Roman mitten ins Herz einer Familie, die durch die Kraft einer bedingungslosen Liebe verbunden ist.

ISBN 978-3-404-16698-5

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10 | Interview

Books Nr. 3/2012

«Es ist riskant, einen Bestseller fortzusetzen» «Das Herzenhören» ist ein Phänomen: Seit Jahren verkauft sich der Roman von Jan-Philipp Sendker konstant gut. Eine immer grösser werdende Leserschaft hat den einstigen Geheimtipp mit begeisterter Mund-zu-Mund-Propaganda zu einem internationalen Bestseller gemacht. Nun präsentiert Jan-Philipp Sendker die Fortsetzung: «Herzenstimmen». Books sprach mit dem deutschen Autor über ein Buch, das Hunderttausende mit Spannung erwarten. Marius Leutenegger

Books: Als ich hörte, es gäbe eine Fortsetzung von «Das Herzenhören», staunte ich: Am Ende Ihres RomanErstlings sind die beiden Hauptfiguren tot. Warum setzen Sie die Geschichte mit «Herzenstimmen» jetzt trotzdem fort? Jan-Philipp Sendker: Eine Fortsetzung war nicht geplant – deshalb dauerte es auch zehn Jahre, bis ich sie schrieb. Beim Joggen kam mir einmal die Idee zu einer Geschichte über eine Frau, die eine innere Stimme hört. Doch ich kam damit nicht weiter. Dann schrieb ich die ersten beiden Teile meiner China-Trilogie, und die Idee mit dem Stimmenhören rückte in den Hintergrund – bis ich vor zwei Jahren in einem Teehaus in Kalaw sass, also in jener burmesischen Stadt, in der «Das Herzenhören» spielt. Auf der Strasse entdeckte ich eine Frau, die aussah wie meine Figur Julia Win, und plötzlich reihte sich alles aneinander. Ich spürte sofort: Das ist die Geschichte, das ist die Figur! In «Das Herzenhören» machte sich Julia in Burma auf die Suche nach ihrem Vater, jetzt begibt sie sich wegen einer inneren Stimme auf die Suche nach sich selbst. «Das Herzenhören» und «Herzenstimmen» weisen viele Parallelen auf. Böse Zungen könnten behaupten: Sie wollen einfach den riesigen Erfolg des Erstlings wiederholen. Mit diesem Verdacht muss ich leben. In der New York Times stand einmal: Jeder erfolgreiche Autor, der eine Fortsetzung schreibt, sollte zumindest ein klein wenig ein schlechtes Gewissen haben. Der Gedanke, dass ich hier einfach ein Erfolgsrezept wiederholen will, mag naheliegen, aber darum ging es mir wirklich nicht. Es ist ja auch sehr riskant, einen Bestsel-

Erik Brühlmann

ler fortzusetzen – denn die Leserinnen und Leser haben dann besonders hohe Erwartungen. Hat ihnen etwas besonders gut gefallen, möchten sie wieder etwas Ähnliches lesen. Ist es zu ähnlich, sind sie enttäuscht und denken: Das ist ja nur eine schlechte Kopie. Ist es aber zu anders, sind sie ebenfalls enttäuscht, weil ihnen das erste Buch doch so gut gefiel. Als «Herzenstimmen» fertig war, durchlebte ich eine Krise, weil ich dachte: Das kann für alle nur mit einer Enttäuschung enden. Da empfahl mir meine Frau, das Buch noch einmal zu lesen. Ich tat es – und jetzt bin ich damit im Reinen. Ich finde «Herzenstimmen» viel härter als «Das Herzenhören» – was Nu Nu, einer der Hauptfiguren, alles durchmachen muss, hat mich zwischendurch fast abgestossen. Fürchten Sie nicht, Ihre Leserinnen und Leser zu enttäuschen, die eine zarte Liebesgeschichte wie im ersten Buch erwarten? Na, sehen Sie! Wäre es mir um den Erfolg gegangen, hätte ich sicher eine andere Geschichte geschrieben, sozusagen einfach die rote Fassung von «Das Herzenhören». Aber jetzt ist ein anderes Buch entstanden. Die neue Geschichte ist tatsächlich trauriger und brutaler als die erste, aber ich finde sie dennoch sehr hoffnungsvoll. Ähnlicher als der Grundton der beiden Bücher ist ihr Aufbau: Es gibt jeweils eine Rahmenhandlung um die Anwältin Julia Win, die von New York nach Burma reist, um dort mehr über eine Liebesgeschichte zu erfahren. Zehn Jahre nach der ersten Reise kehrt Julia wegen der inneren Stimme nach Burma zurück. Diese Stimme stammt von einer

Seele, die sich in ihr eingenistet hat – so erklärt ihr das zumindest ein Mönch. Woher haben Sie diese Idee? Die Medizin kennt das Stimmenhören als Anzeichen für Schizophrenie. Damit hat meine Geschichte aber nichts zu tun. Ich denke, man kann das Buch auf zwei Ebenen lesen. Wer an Reinkarnation glaubt, wird die Stimme in Julia als Resultat einer schiefgelaufenen Reinkarnation auffassen. Aber man kann die Stimme auch als Julias eigene interpretieren – denn sie verstummt ja, nachdem Julia bei sich selber angekommen ist. Wie war es denn mit dem Herzenhören aus dem ersten Roman? Tin Win hörte die Herzen anderer Menschen schlagen – und konnte sich dadurch ein Bild von ihrem Gemütszustand machen. Ist Ihnen eine solche Fähigkeit schon einmal begegnet? Der Anstoss zu «Das Herzenhören» gab ein Erlebnis mit meinem Sohn: Ich balgte mit ihm herum, dabei nahm er meinen Herzschlag wahr. Nachher wollte er immer wieder mein Herz hören, und manchmal fand er: «Heute klingt dein Herz anders.» Im Kopf eines Romanautors entsteht aus eine solchen Aussage schnell einmal eine Geschichte – und ich fragte mich: Wie wäre es für jemanden, wenn er Herzen hören könnte? Unter anderem spielt in Ihren Büchern auch Astrologie eine Rolle. Sind Sie das, was man als «esoterisch» bezeichnet? Als ich erstmals nach Burma fuhr, war ich überhaupt nicht abergläubisch. Dort wurde ich aber hinsichtlich der Astrologie bekehrt, denn ich hatte sehr eindrückliche Begegnungen mit einem Astrologen.


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Jan-Philipp Sendker Jan-Philipp Sendker kam 1960 in Hamburg zur Welt. Er war von 1990 bis 1995 Amerika- und von 1995 bis 1999 AsienKorrespondent des Magazins «Stern». Seit 2000 veröffentlicht er regelmässig Bücher, zuerst die China-Reportage «Risse in der grossen Mauer», seither vier Romane. Jan-Philipp Sendker lebt mit seiner Familie in Potsdam.

Interview | 11


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Er wusste derart viele Details über mich, dass ich geradezu schockiert war. Seither bin ich in manchen Dingen sehr abergläubisch. Ich bin zwar kein Buddhist und glaube auch nicht an die Reinkarnation, finde aber vieles, was Buddha gelehrt hat, wichtig für mein Denken und Leben. Welche Rolle spielt Burma in Ihrem Leben? Das ist auch so eine Geschichte, die esoterisch klingt, aber wahr ist. 1995 zog ich als «Stern»-Korrespondent von New York nach Hongkong. In Asien lernte ich einen Kollegen kennen, der von Burma total begeistert war. Ich wollte das Land selber sehen, und im Mai 1995 reiste ich zum ersten Mal für eine Reportage dorthin. Bei der Abfahrt dachte ich: «Diese Reise wird dein Leben verändern.» Und so war es dann auch. Burma machte einen ganz tiefen Eindruck auf mich. Ich habe noch nie eine so spirituelle Gesellschaft wie die burmesische erlebt – und eine Gesellschaft, in der es trotz widrigster Lebensumstände so viel Gelassenheit und Würde gibt. Burma ist fernab jeglicher Kommerzialität. Das Land war ja lange Zeit fast so isoliert wie Nordkorea. Als ich bei meinem ersten Besuch aufs Land fuhr, fühlte ich mich um Jahrhunderte zurück versetzt – denn es gab keine Autos und keine Werbung, alles wirkte einfach ganz anders als bei uns. Man spürt in Ihren Büchern stets, dass Sie von Burma begeistert sind. Das Land kommt sympathischer weg als der Westen, seine Bewohner dort sind weniger gestresst und weniger materialistisch als die rationalen Westler. Idealisieren Sie die Verhältnisse? Ich persönlich habe in Burma wahnsinnig viel gelernt – über mich und über das Leben. Wenn es darum geht, mit dem zufrieden zu sein, was einem zur Verfügung steht, sind uns die Burmesen schon weit voraus. Für mich ist es aber tatsächlich eine grosse Herausforderung, als Westler über Asien zu schreiben und nicht einfach ein Klischee an das andere zu reihen. Glücklicherweise habe ich viele positive Rückmeldungen erhalten von Leuten, die mir bestätigen, dass ich nichts idealisiere. Als «Das Herzenhören» auf Englisch vorlag, gab ich das Buch einer burmesischen Freundin, und sie fand: «How did he get it so right?» Ich kann das zu einem Teil damit beantworten, dass ich eben sehr viel recherchiere. Als ich «Herzenstimmen» fertig geschrieben hatte, reiste ich nach Kalaw und ging alles noch einmal durch. Ich wollte wissen: Können die Fi-

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guren wirklich so empfinden, wie ich das beschreibe, oder gibt es hier Projektionen meinerseits? Tatsächlich merkt man auf jeder Seite Ihrer Romane, dass hier einer viel über sein Thema weiss. Das ist kein Wunder, denn Sie waren vier Jahre lang AsienKorrespondent für den «Stern». Wie verlief Ihre berufliche Laufbahn – und warum sind Sie heute nicht mehr Journalist, sondern Schriftsteller? Ich wollte schon als 13-Jähriger Schriftsteller werden. Als ich 20 war, sagte ich meinem Vater, ich wolle Bücher schreiben. Er fragte: «Worüber denn?» Da merkte ich: Ich muss jetzt zuerst einmal etwas erleben. Deshalb begann ich, als freier Journalist zu arbeiten. Mit 29 wurde ich Amerika-Korrespondent beim «Stern», später kamen die Jahre in Asien dazu. Irgendwann dachte ich: Jetzt musst du aber allmählich mit der Schriftstellerei anfangen.

«Ich habe keine Fortsetzung geplant, aber das hatte ich auch nicht nach ‹Das Herzenhören›.»

Und dann kam «Das Herzenhören» ... Zuerst schrieb ich ein Sachbuch, aber ja: Dann kam «Das Herzenhören». Innerhalb der ersten zwei Jahre verkauften sich 6000 Exemplare. Der Verleger war zufrieden, aber ich hatte einen ganz anderen Erfolg erwartet. Weil man von so wenigen Büchern nicht leben kann, ging ich zurück zum «Stern». Drei Jahre lang arbeitete ich in Berlin und war dabei furchtbar unglücklich. Und dann geschah das Wunderbare: «Das Herzenhören» verkaufte sich immer besser, und ich konnte beim «Stern» kündigen. Zurück zu «Herzenstimmen». In Burma trifft Julia wieder ihren viel älteren Halbbruder U Ba, eine sehr plastische und anziehende Figur. Hat sie ein reales Vorbild? Es gibt mehrere Burmesen, die in U Ba hineingeflossen sind. Ein Freund von mir war Buchhändler in Rangun und restaurierte Bücher genau so, wie es U Ba tut. Und auch mein Freund Tommy in Kalaw

oder der erwähnte Astrologe haben einiges zu dieser Figur beigesteuert. Julia erscheint mir hingegen recht zickig, sie ist ziemlich naiv und offenbar auch nicht gerade lernfähig: Zehn Jahre nach den Erfahrungen, die sie in «Das Herzenhören» machte, ist sie wieder in alte Muster zurückgefallen. Mir wurde sie nie richtig sympathisch. Mögen Sie diese Figur? Ja. Ich finde sie auch überhaupt nicht zickig. Sie ist jetzt Mitte dreissig und in einer schwierigen Lebensphase: Sie hat keine Kinder, keinen Mann an ihrer Seite, ist beruflich erfolgreich, aber sie spürt eine gewisse Leere in ihrem Leben. Dass sie nach den intensiven Erfahrungen in «Das Herzenhören» in ihre alten Muster zurückgefallen ist, möchte ich ihr nicht vorwerfen. Wie schwer ist es doch, sich von den Routinen des Alltags zu befreien! Ich bin Julia beim Schreiben von «Herzenstimmen» jedenfalls sehr nah gekommen. Den Zugang zu ihr zu finden, war allerdings ein längerer Prozess. Die ersten 60 Seiten des Romans zu schreiben, die in New York spielen und sich um Julias Leben dort drehen, bereitete mir Mühe. Warum sind eigentlich immer US-Amerikaner Ihre Hauptfiguren? Julia Win könnte ja ebenso gut Deutsche sein ... Nein, denn ihr Vater wäre aus Burma nicht nach Deutschland ausgewandert – dass er von seinem Onkel in die USA geschickt wurde, war viel logischer. Und für mich lag nahe, die Familie von Julia in New York anzusiedeln, weil ich acht Jahre lang in dieser Stadt lebte und mich ihr sehr verbunden fühle. Im Katalog Ihres Verlags steht, die Verfilmung von «Das Herzenhören» sei in Vorbereitung. Wer dreht den Film – und wann kommt er ins Kino? Das Interesse an der Verfilmung ist gross, und die Option auf die Verfilmung ist verkauft. Gegenwärtig schreibe ich das Drehbuch, aber es wird sicher nicht einfach, diese Geschichte zu adaptieren. Alles wird damit stehen und fallen, wie wir die Innenwelten der Hauptfiguren zeigen können. Von Ihrer China-Trilogie gibt es bis jetzt zwei Bücher. Arbeiten Sie am dritten? Ich habe damit noch nicht angefangen, aber bei diesem Buch kenne ich bereits den Ausgangspunkt. Es geht um den absoluten Mangel an Werten, um die Frage: Welche Ethik zählt jetzt? China ist ein


Interview | 13

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so hartes und brutales Land geworden, und diese Entwicklung möchte ich gern aufzeigen.

Weitere Romane von Jan-Philipp Sendker Das Herzenhören (2004)

Wird es irgendwann auch eine BurmaTrilogie geben? Schreiben Sie auch noch eine Fortsetzung von «Herzenstimmen»? Ich habe keine Fortsetzung geplant, aber das hatte ich auch nicht nach «Das Herzenhören». Ehrlich gesagt würde ich gern wissen, wie es mit Julia weitergeht – und das kann ich nur herausfinden, wenn ich die Geschichte weiterschreibe. Die Neugierde ist jedenfalls da.

288 Seiten CHF 12.90 Heyne

Der Vater der New Yorker Rechtsanwältin Julia Win verschwindet eines Tages spurlos. Julia reist in sein Herkunftsland Burma, um einem Geheimnis auf die Spur zu kommen: einer grossen Liebe. Herzenstimmen 280 Seiten CHF 29.90 Blessing

Julia Win muss sich am Ende zwischen Burma und der USA entscheiden. Sie haben bei aller Liebe zu Asien Potsdam als Wohnort gewählt. Warum? Ich würde sicher gern noch einmal in Asien leben, aber meine Frau ist froh darüber, dass wir uns mit unseren Kindern in Potsdam niedergelassen haben. Dank meinem Beruf kann ich mich aber oft wegträumen, und für meine Recherchereisen bin ich oft in Asien. Ich kann heute glücklicherweise irgendwie in beiden Welten leben.

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Das Flüstern der Schatten (2007) 463 Seiten CHF 13.90 Heyne

Der Amerikaner Paul Leibowitz nagt schwer am Tod seines achtjährigen Buben. Er zieht sich zurück auf eine Insel vor Hongkong. Die Chinesin Christine Wu kämpft darum, ihn ins Leben zurückzuholen. Ein mysteriöser Mordfall zwingt Paul schliesslich, sich seinem Trauma zu stellen. Drachenspiele (2009) 447 Seiten CHF 15.90 Heyne

Paul hat bei Christine Halt gefunden. Eines Tages erhält sie einen Brief ihres verschollenen Bruders, in dem er sie um Hilfe bittet. Paul begibt sich in die Abgründe der chinesischen Gesellschaft.


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Books Nr. 3/2012

Traumhafte Seelen-Landschaften

Neuseeland wird oft auf traumhaft schöne Landschaften, Kiwis aller Arten und Bungee-Jumping reduziert. Anlässlich der Frankfurter Buchmesse im Oktober kann man auch eine reiche Literatur entdecken – denn das Land ist Ehrengast. Aus diesem Anlass wurden 76 Bücher neu ins Deutsche übersetzt. Markus Ganz

Nach Island 2011 ist dieses Jahr erneut ein abgelegener Inselstaat Ehrengast der Frankfurter Buchmesse. Und wie Island besitzt auch Neuseeland eine alte Tradition von Sagen und Geschichten. Diese stammen von den Maori, die das «Land der langen weissen Wolke» – in ihrer Sprache «Aotearoa» – ab dem 13. Jahrhundert von Polynesien aus besiedelten. Die Erzählungen wurden anders als in Island aber

lange nur mündlich weitergegeben. Erst Anfang des 19. Jahrhunderts begannen christliche Missionare, die oft von der Entstehung der Welt und Aotearoa handelnden Geschichten niederzuschreiben.

Unterschiedliche Verwurzelung Obwohl sich jeder siebte Neuseeländer den Maori zugehörig fühlt, wird die Welt der Moari bis heute aber nur von wenigen

Autorinnen und Autoren thematisiert. Zu dieser kleinen Gruppe gehört Keri Hulme. Sie hat Maori-Vorfahren und wurde 1984 durch ihren Erstlingsroman «Unter dem Tagmond» weltbekannt. Auch die neueren Geschichten und Gedichte ihrer Sammlung «Steinfisch» sind von der Mythenund Symbolwelt der Maori durchdrungen: Der Steinfisch ist in der Sprache der Maori ein Fisch aus Jade, der einst das Meer vor


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Neuseeland durchschwamm. Keri Hulme beschreibt in diesen Texten auf eigenwillige Weise, wie Menschen am Rande ihrer Möglichkeiten eine bedrohliche Welt durchstreifen. Wie Keri Hulme schreiben die allermeisten neuseeländischen Autoren auf Englisch; Maori beherrschen nur gerade vier Prozent der Bevölkerung, und dies auch nur mündlich. Die neuseeländische Literatur wird aber auch aus anderen Gründen noch immer stark von Grossbritannien geprägt. Neuseeland hat sich nur sehr langsam von seiner ehemaligen Kolonialmacht gelöst und ein eigenes Nationalbewusstsein entwickelt – noch heute ist Königin Elisabeth II. offizielles Staatsoberhaupt. Viele Autoren aus Neuseeland wandern zudem nach Grossbritannien aus oder leben zeitweise dort, wo viele ihrer Vorfahren herkommen. Rund zwei Drittel der Neuseeländer sind europäischer Abstammung. Wenn es etwas gibt, das die neuseeländische Literatur von der europäischen abhebt, ist es der Hang zum Traumhaften bei der oft zentralen Schilderung des Innenlebens. Darauf spielt der Maori-Teil im Motto des Gastauftritts an der Buchmesse an: «While you were sleeping / Bevor es bei euch hell wird / He moemoea he ohorere». Das bedeutet ungefähr, plötzlich aus einem Traumzustand aufzuwachen. Solche traumhaften Stimmungen findet man auch in weltweit bekannten neuseeländischen Kinofilmen wie «Das Piano», «Ein Engel an meiner Tafel» oder «Die letzte Kriegerin». Weniger bekannt ist, dass diese Erfolgsfilme auf Büchern neuseeländischer Schriftstellerinnen und Schriftsteller basieren. Dies gilt auch für die Erfolgskomödie «Ladies Night» von Stephen Sinclair und Anthony McCarten, auf welcher auch der Kinokassenschlager «The Full Monty» aufbaut.

Starke Frauen Anthony McCarten beschreibt in einem eindrücklichen Vorwort für die beiden Sammlungen «Glück – und andere Meistererzählungen» sowie «Sämtliche Erzählungen» von Katherine Mansfield das tragische Leben und das grossartige Schaffen der bekanntesten Schriftstellerin Neuseelands. Die als Meisterin der Short Story in die Literaturgeschichte eingegangene Autorin habe Geschichten geschaffen «so profund wie die letzten Worte einer Sterbenden», meint er. In diesen Sammlungen wird schnell klar, was die schon

Neuseeland mg. Bei uns ist Neuseeland als Land «auf der anderen Seite der Erde» bekannt. Der im südlichen Pazifik liegende Staat besteht aus einer Nord- und einer leicht grösseren Südinsel sowie vielen wesentlich kleineren Inseln. Seine Fläche ist fast sieben Mal so gross wie jene der Schweiz, doch leben darauf mit 4,4 Millionen Einwohnern nur gut halb so viele Menschen – und rund 30 Millionen Schafe. Flora und Fauna sind trotz der vielen Haustiere aussergewöhnlich geblieben, nicht nur wegen der langen Isolation der Inselgruppe. Neuseeland zeichnet sich auch durch viele unterschiedliche Vegetationszonen aus. Diese erklärt sich durch seine über 1600 Kilometer lange Nord-Süd-Erstreckung sowie die vertikale Ausdehnung bis zum Mount Cook, der 3754 Meter hoch ist.

Steinfisch Keri Hulme 272 Seiten CHF 23.90 S. Fischer

Glück – und andere Meistererzählungen Katherine Mansfield 288 Seiten CHF 15.90 Diogenes

Sämtliche Erzählungen Katherine Mansfield 1000 Seiten CHF 67.– Diogenes

Dem neuen Sommer entgegen

von Kollegen wie Virginia Woolf, Hermann Hesse und Ernest Hemingway bewunderte Autorin auszeichnete, die im Alter von nur 34 Jahren 1923 starb: Katherine Mansfield charakterisiert ihre Figuren messerscharf, obwohl in ihren atmosphärischen Erzählungen meist nur sehr wenig geschieht. Ebenfalls weltbekannt ist Janet Frame, nicht zuletzt dank der Verfilmung ihres autobiografischen Romans «Ein Engel an meiner Tafel». In «Dem neuen Sommer entgegen» beschreibt sie eine in London lebende Schriftstellerin aus Neuseeland, die von einem wohlmeinenden Kritiker zu einem Wochenende bei sich eingeladen wird. Dies verunsichert die Autorin stark, die sich in dieser fernen Welt und in sich selbst fremd fühlt: «Nichts war einfach, bekannt, sicher, geglaubt, verbürgt», schreibt Janet Frame in diesem 1963 entstandenen Buch. Es war ihr für eine Veröffentlichung zu persönlich, so dass es erst nach ihrem Tod im Jahr 2004 veröffentlicht werden konnte. Mit seinem offensichtlich autobiografischen Charakter erweitert und relativiert es ihren Klassiker «Ein Engel an meiner Tafel».

Verschwinden von Kindern Neuseeland führte 1893 als erstes Land der Welt das Frauenwahlrecht ein. Vielleicht erklärt dies, dass die neuseeländi-

Janet Frame 287 Seiten CHF 31.90 dtv

Komm, spiel mit mir Paddy Richardson 432 Seiten CHF 33.90 Droemer

Ganz normale Helden Anthony McCarten 464 Seiten CHF 34.90 Diogenes

Die Frau im blauen Mantel Lloyd Jones 316 Seiten CHF 31.90 Rowohlt

Die Forrests Emily Perkins 400 Seiten CHF 32.90 Berlin Verlag


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sche Literatur und ihre Themen bis heute stark von Frauen geprägt werden. Etwa von Paddy Richardson, der mit «Komm, spiel mit mir» ein ungewöhnliches Buch gelungen ist. Ein Mädchen verschwindet, spurlos, ertrinkt wohl im See. Die Angehörigen fühlen sich schuldig, weil sie nicht gut aufgepasst haben. Die ältere Schwester des Kinds wird aus einem Schuldgefühl heraus gar Psychiaterin – und sie stösst als solche viele Jahre später auf einen ähnlichen Fall. Überzeugt davon, dass dies kein Zufall sein kann und beide Fälle Verbrechen waren, nimmt sie die Jagd auf. Paddy Richardson schildert nebenbei auch den Wandel eines idyllisch gelegenen Kaffs in Neuseeland zur touristischen Kleinstadt. Auch in «Ganz normale Helden» von Anthony McCarten verschwindet ein Kind, das allerdings bereits 18 Jahre alt ist. Trotzdem suchen die Eltern verzweifelt nach ihm. Die einzige Spur führt zu einem Online-Game, das von sechs Millionen Menschen gespielt wird. Der Vater begibt sich in diese ihm völlig fremde virtuelle Welt – und verliert immer mehr den Boden

Books Nr. 3/2012

in der realen Welt. Als Avatar cachiert, beobachtet er seinen Sohn und beginnt mit ihm zu chatten. Anthony McCarten ist nicht nur ein menschlich berührender Roman geglückt. Er packt beiläufig viel über die Absurditäten des Internetzeitalters hinein, in dem «offline zu sein als Akt sozialer Aggression gilt», wie es einmal im Buch heisst. «Ganz normale Helden» ist die Fortsetzung des Romans «Superhero», dessen Verfilmung in diesem Herbst in die Kinos kommt.

Verloren in einer fremden Welt Lloyd Jones ist ein wagemutiger Autor, der in seinem neuen Buch teilweise an Henning Mankell erinnert. In «Die Frau im blauen Mantel» führt er in eine Welt, die auch ihm fremd sein dürfte. Feinfühlig erzählt er die Geschichte einer afrikanischen Frau, die in einem Hotel arbeitet und dann auf beschwerliche Weise «durch die Festung Europa» nach Berlin reist. Sie ist auf der Suche nach ihrem Kind, das ihr der Vater – auch er schwarzer Hautfarbe und Tourist mit deutsch-amerikanischen Eltern – arglistig weggenommen hat. Lloyd

Jones moralisiert nicht, schildert nur die verschlungene Geschichte dieser Frau und jene der Menschen, deren Weg sie gekreuzt hat. Dazu gehört auch ein Kommissar, der schliesslich erkennt, dass die Wahrheit viele Gesichter hat. Von einem ganz anderen Kulturschock handelt «Die Forrests» von Emily Perkins. Die Schriftstellerin erzählt in diesem Roman die Geschichte einer Familie, die von New York nach Auckland zieht. Dies ist zwar mit Abstand die grösste Stadt Neuseelands, sie wirkt aber in weiten Teilen vergleichsweise verschlafen. Munter und detailreich beschreibt Emily Perkins, wie die verschiedenen Mitglieder diese neue Welt erfahren und langsam in sie eintauchen.

BILDBAND

SWISS VISION Mit Swiss Vision hat der renommierte Landschaftsfotograf Patrick Loertscher ein wahres Meisterwerk der Extraklasse geschaffen, sozusagen eine Liebeserklärung an seine Heimat, das die besonderen Werte der Schweiz in ihrer ganzen Ursprünglichkeit und Schönheit festhält. Ein aussergewöhnlicher Bildband, der sich an alle Menschen wendet, welche die Schweiz lieben und mit viel Freude die visuelle Schönheit dieses einzigartigen Landes mitten in Europa geniessen oder weiterreichen möchten.

Bildband Swiss Vision von Patrick Loertscher mit einem Vorwort von Adolf Ogi durchgehend deutsch /englisch gekürzte Fassung im Anhang: f, i, sp, jap, chin, r 208 Seiten, ca. 150 Farbabbildungen Gegliedert in 14 Schweizer Regionen 30.5 x 24 cm, Leinenband mit Schutzumschlag ISBN: 978 -3 -905987-12- 6 Lichtvisionen Schweiz

2 013 patrick loertscher

In allen Orell FüssliFillialen ist auch der grossformatige Kalender Lichtvisionen Schweiz 2013 von Patrick Loertscher erhältlich.


BUCHtipps | 17

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Martin Walser

A. D. Miller

Katharina Hagena

Julie Kibler

Die meisten leiden ohne Gewinn – diesen Satz will Martin Walser widerlegen. Mit einem Festessen im Schloss Bellevue fängt alles an: Ein Schriftsteller sitzt am Tisch einer ihm unbekannten Theologin und kann den Blick nicht von ihr lösen. Wenig später schreibt er ihr. Es kommt zu einem Briefwechsel, der von Mal zu Mal intensiver wird. Beide beteuern immer wieder, dass sie glücklich verheiratet sind. Aber sie gestehen auch, dass sie dadurch, was sie einander schreiben, aus sich herausgehen können – und dass sie dabei ihre Ehepartner verraten. Nur weil ihr Briefabenteuer so aussichtslos ist, darf es sein. An ein persönliches Treffen ist nicht zu denken ...

Seit vier Jahren arbeitet Nick, der junge, erfolgreiche Londoner Anwalt, in Moskau. Er dachte, er kenne die Stadt. Doch als er sich in die schöne Russin Mascha verliebt, verändert sich alles. Nick ist überzeugt: Mascha ist die Frau seines Lebens. Doch sie zeigt ihm, wie dunkel und glitzernd, berauschend und zynisch die Welt sein kann. Schäbige Nachtclubs und verlassene Datschen im eisigen Winter, ein krimineller Drahtseilakt aus Armut und Dekadenz, Sex und Betrug. Nick bemerkt nicht, wie er unaufhaltsam in eine fatale Selbsttäuschung abgleitet. Alles hat eben seinen Preis. Vor allem die Liebe. Die packende Charakterstudie eines Mannes im freien Fall.

In einer einzigen schlaflosen Nacht erzählt die Schlafforscherin Ellen Feld die Geschichte von dem, was sie verlor, und von denen, die sie liebt. Und von dem, was nicht geweckt werden darf. Während unter ihr die Hamburger U-Bahnen vibrieren, denkt sie an ihr Heimatdorf Grund zwischen dem Kieswerk und den Spargelfeldern; an Andreas, den sie nur ein Mal geküsst hat; an ihre grosse Tochter Orla, die Gedichte raucht und Windharfen baut; an ihren Liebhaber Benno, der einem Deserteur auf der Spur ist und selbst abtrünnig wird. Und sie denkt an den kleinen Renaissance-Chor, den ihr Vater ins Leben rief, um seine schlafende Frau aus der Unterwelt zu singen.

Im Kentucky der späten 1930er-Jahre ist es einer weissen Frau nicht nur verboten, mit einem Dunkelhäutigen eine Beziehung einzugehen – es ist auch höchst gefährlich. Trotz Warnungen und Widerständen setzen sich Isabelle und Robert in ihrer Liebe aber über alle Konventionen hinweg. Sie zahlen dafür einen hohen Preis. 70 Jahre später begleitet die dunkelhäutige Friseurin Dorrie ihre Stammkundin Isabelle durchs halbe Land zu einer Beerdigung. Auf der Reise kommen die beiden Frauen einander nahe. So nahe, dass Isabelle ihr lang gehütetes Geheimnis lüftet und ihre verzweifelte Liebe von damals noch einmal aufleben lässt. Am Ende der Reise in die Vergangenheit löst sich ein letztes, bittersüsses Rätsel.

272 Seiten

288 Seiten

288 Seiten

320 Seiten

CHF 31.90

CHF 29.90

CHF 28.90

CHF 26.90

Rowohlt

S. Fischer

Kiepenheuer & Witsch

Pendo

ISBN 978-3-498-07382-4

ISBN 978-3-10-049019-3

ISBN 978-3-462-04482-9

ISBN 978-3-86612-325-0

Das dreizehnte Kapitel

Die eiskalte Jahreszeit der Liebe

Vom Schlafen und Verschwinden

Zu zweit tut das Herz nur halb so weh


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Books Nr. 3/2012

eins auszuwischen. Auf diese Weise werden Beschlüsse gefasst, die niemandem etwas nützen – aber den Verantwortlichen helfen, das politische Gesicht zu wahren.

Von Hogwarts in die Provinz Nach fast viereinhalb tausend Seiten hat Joanne K. Rowling der magischen Welt von Harry Potter den Rücken gekehrt. Mit ihrem ersten Roman (nur) für Erwachsene wendet sie sich der absurden Welt der Kleinstadtpolitik zu. Hanspeter Künzler

Fans, könnte sie ruhig jedes zweite Jahr einen neuen Potter-Roman veröffentlichen.

© Wall to Wall Media Ltd. Photographer: Andrew Montgomery

In der Tat hat Rowling eine Weiterführung der Saga nicht ausgeschlossen. Vorläufig aber will sie ihren verschmitzten Helden in Ruhe sein Leben als erwachsener Mann geniessen lassen. Es gehört nämlich zu den Besonderheiten der Harry-Potter-Serie, dass die Helden nicht wie in den meisten anderen Kinderbuchserien gleich alt bleiben. Vielmehr sind Harry und seine Kumpanen mit jedem Band älter geworden. So, wie der Teenager Harry unaufhaltsam die Freuden und Leiden des Erwachsenwerdens kennenlernt, sehnte sich auch die Muse von J.K. Rowling nach einer neuen Herausforderung. Das Resultat – «Ein plötzlicher Todesfall» – erzählt die Geschichte einer idyllischen Kleinstadt, die durch den Tod eines Gemeinderatsmitgliedes jäh aus seinem Dornröschenschlummer gerissen wird.

Eine Welt ohne Harry Potter? Sie ist kaum mehr vorstellbar. Bloss 15 Jahre sind vergangen seit den ersten Abenteuern des schlauen Lehrlings im Zauberinternat Hogwarts. Unvergessliche Figuren wie der Bösewicht Lord Voldemort und der weise Schuldirektur Albus Dumbledore sind als Archetypen in unsere Alltagskultur eingegangen. Vom Reitbesenspiel Quidditch existiert unterdessen eine Version für reale Menschen samt jährlich durchgeführtem «World Cup», «Muggle Quidditch» genannt. So wie die fiktiven Figuren in die Realität hinüber greifen, hat Harry Potter das Leben seiner Schöpferin J.K. Rowling in den Bereich des Märchenhaften gerückt. Aus der zu Depressionen neigenden alleinerziehenden Mutter, die sich zum Schreiben ihres Erstlings in die stillste Ecke eines Cafés verkroch, ist eine peinlichst auf die Wahrung ihrer Privatsphäre bedachte Autorin geworden. Sie lebt mit Ehemann und drei Kindern in einem gewaltigen Landhaus in Schottland, ihr Vermögen wird auf 600 Millionen Pfund geschätzt. Ginge es nach ihren

Die Streitereien, Neidereien und Gaunereien von Politikern haben schon immer und überall ein gefundenes Fressen abgegeben für Autoren, die mit dem Verlauf der Dinge unzufrieden waren. Die Politik in Grossbritannien ist besonders gut dazu angetan, reichhaltiges Material für Satiren abzugeben. So, wie im Parlament die Mehrheit der Abgeordneten und daher auch die Macht im Land alle paar Jahre zwischen Labour und Tories hin und her geht, wird die Politik auch auf Gemeindeebene weitgehend durch diese Polarität bestimmt; je nach Gegend kann einer der Pole manchmal durch die Liberale Partei oder die schottischen Nationalisten ersetzt werden. Diskussionen spitzen sich deswegen rasch zu einem undifferenzierten Schwarz-Weiss-Palaver zu, bis es nur noch darum geht, dem Gegner

Rowling erzählt die Geschichte einer Kleinstadt, die am politischen Hickhack und an der damit verbundenen Verlogenheit zerbricht. Der Sprung aus der magischen Welt von Hogwarts in die nur allzu reale englische Provinz ist kühn – aber nicht überraschend. Rowling hat immer wieder politisch Stellung für die Labour-Partei und deren Sozialprogramm bezogen und ist sogar als wichtige Geldgeberin hervorgetreten. Darüber hinaus unterstützt sie aktiv eine Reihe wohltätiger Organisationen im Bereich des Gesundheitswesens. Übrigens herrscht in Grossbritannien seit Monaten ein emsiges Rätselraten, welches Städtchen Rowling für ihr fiktives «Pagford» Modell gestanden haben könnte. Das schottische Kelso, Richmond in Nordyorkshire und Tewkesbury in Gloucestershire sind die bisherigen Favoriten. Alle hoffen sie sehnlichst darauf, dass der garstige Kleinkrieg des Romanes dereinst in den eigenen Strassen ausgefochten werde. Denn eine Verfilmung der Geschichte ist praktisch unausweichlich – und die für die Dreharbeiten auserwählte Stadt wird auf einen lukrativen Strom von Schlachtenbummlern zählen dürfen.

Ein plötzlicher Todesfall 600 Seiten CHF 31.90 Carlsen

TOPPreis


im schaufenster | 19

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Auf der Flucht Paul Austers neuer Roman zeigt eine mürbe Gesellschaft zwischen American Dream und sozialem Bankrott. Marius Leutenegger

Brooklyn ein Haus besetzen, obwohl sie längst über das Alter von Hausbesetzern hinaus sind. Wie ihr Land sind auch sie blockiert, und auch bei ihnen laufen die Dinge nicht – weder hinsichtlich Liebe, noch bezüglich Beruf oder Selbstfindung. Als Vertreter einer verlorenen Generation stecken sie irgendwo fest zwischen American Dream und der Bankrotterklärung einer mürben Gesellschaft.

© Beowulf Sheehan

Hauptfigur des Romans ist der charismatische Miles Heller, der auf die 30 zugeht und sich seit Jahren auf der Flucht befindet. Als Teil einer Patchwork-Familie stiess er einst seinen Stiefbruder Bobby vor ein herannahendes Auto. Die Schuld an Bobbys Tod und am Leid der Familie lastete so schwer auf Miles, dass er untertauchte und New York verliess. In Florida lernt er die Liebe kennen – doch es ist eine verbotene Liebe, und Miles muss erneut flüchten. Schicksalshafterweise bietet ihm Bing Nathan, der einzige verbliebene Kontakt aus seinem früheren Leben, eine Zuflucht an: ein Zimmer im besetzten Haus am Sunset Park in Brooklyn. Der müde Miles nimmt das Angebot an. Zusammen mit Bing und zwei angeschlagenen Frauen wohnt er nun an einem Ort, der anscheinend von der Welt vergessen wurde. Hier lässt er sich von der Vergangenheit einholen; Miles sucht und findet wieder den Kontakt zu seinen Eltern.

Gibt es in der engen Familie Krisen, geht manchmal fast vergessen, dass man sich gelegentlich auch nach dem Wohlbefinden der etwas entfernteren Verwandten erkundigen sollte. Holen wir das also nach – und fragen wir trotz griechischer Malaise, Euro-Dümpelei und dem Schreckgespenst einer Berlusconi-Renaissance: Wie geht es eigentlich den USA? Einer, der Antworten auf diese Frage hat, ist der New Yorker Paul Auster. Seit er mit seinen experimentellen Kriminalromanen der «New Yorker Trilogie» 1987 den Durchbruch als Schriftsteller schaffte, malt er fast jährlich ein neues literarisches Porträt der US-amerikanischen Gesellschaft. Inzwischen ist der Ehemann der Schriftstellerin Siri Hustvedt 65 Jahre alt und ein Mann ohne Illusionen. «Die Dinge laufen nicht, Amerika ist blockiert», stellte er vor zwei Jahren in einem Interview trocken fest. Was er damit auf menschlicher Ebene meint, zeigt er in seinem neuen Roman auf. «Sunset Park» erzählt die Geschichte von vier gescheiterten Existenzen, die in

Es keimt fast so etwas wie Hoffnung auf. Doch Paul Auster ist der Spezialist für trübe Zwischenfälle, und darum wird der Keimling in einer eher nebensächlichen Situation zertrampelt. Die einzige Konstante bleibt eben die Instabilität – jene der Beziehungen und jene der eigenen Gewissheiten. Das alles ist sehr düster und auch eher berechenbar. Die Kritik nahm das Buch denn auch nicht gerade begeistert

auf. Wir Europäer hätten sogar noch einen ganz besonderen Grund, dieses jüngste Werk von Paul Auster nicht sonderlich zu mögen: Der Autor verwendet das von ihm über alles geliebte Baseball-Spiel als Metapher fürs Leben, und deshalb beschreibt er manchmal seitenlang Biographien von Spielern, zu denen wir keine Verbindung haben. Und doch: «Sunset Park» hat starke Momente. Wie sich die Figuren auf Dinge stürzen statt auf Menschen, zeigt eindrücklich, wie brüchig die Beziehungen im Facebook-Zeitalter geworden sind. Die Charaktere sind interessant, und man will wissen, was aus ihnen wird – obwohl man stets ahnt, dass das nicht allzu viel sein wird. Schön sind die Beschreibungen von Samuel Becketts Stück «Glückliche Tage» – Auster hat Beckett persönlich gekannt – sowie die Einblicke in die Welt des Films und des Theaters; beide Welten kennt Auster gut, denn der fleissige Nachfahre ukrainischer Juden schreibt auch Theaterstücke und Filmdrehbücher, zudem hat er sich bereits als Filmregisseur betätigt. «Sunset Park» enthält all jene Elemente, die einen Roman von Paul Auster ausmachen: Es geht um Aussenseiter, um Identitätsfindung, um das Verhältnis zu den Eltern und um die bösen Zufälle, die unser Leben prägen. Auch wenn der neue Roman sicher nicht Paul Austers bester ist, bleibt er fraglos lesenswert – vor allem dann, wenn man wissen möchte, wie es sich in einer Gesellschaft lebt, die sich allmählich aufzulösen scheint.

Sunset Park 314 Seiten CHF 22.90 Rowohlt

TOPPreis


20 | BÜCHER ZUR KRISE

Books Nr. 3/2012

Endlich verstehen, was alle angeht Wer den Wirtschaftsteil seiner Zeitung ungelesen beiseite legt, hat entweder keine Aktien, mag keine Hiobsbotschaften mehr hören – oder fühlt sich von monetären Fachsimpeleien überfordert. Glücklicherweise gibt es viele Bücher, die einem bei diesem wichtigen Thema den Durchblick eröffnen. Erik Brühlmann

Ein kurzer Blick in die Tageszeitungen genügt, um zu wissen: Wir befinden uns in einer Krise. Griechenland lebt von der Hand in den Mund, Spanien, Portugal, Irland und Italien wissen kaum mehr, wie hoch ihre Schuldenberge sind, die Geschäfte der Industrie in der Eurozone sind rückläufig und die US-amerikanische Wirtschaft liegt hechelnd am Boden. Es werden Euro-Rettungsschirme panikartig aufgespannt und Ad-hoc-Lösungen hitzig diskutiert. Man wird das Gefühl nicht los, dass Politik und Wirtschaft verzweifelt versuchen, einen morschen Kahn mit Klebstreifen zusammenzuflicken, statt ihn aus dem Wasser zu ziehen und grundsätzlich zu überholen. Aber vielleicht täuscht uns Laien der Eindruck bloss. Was wissen wir denn schon über die Krise, die Börse, die Irrungen und Wirrungen des Finanzmarkts und über Wirtschaft ganz allgemein? Nichts! Aber wie so oft findet man Hilfe bei Büchern: Sie können Licht in den dunklen Wirtschaftsdschungel bringen.

Ein paar Grundlagen Wer wirtschaftlich ganz und gar unbefleckt ist, tut wohl gut daran, sich erst einmal ein wenig Basiswissen zu verschaffen. Genau dieses bietet «Odysseus und die Wiesel: Eine fröhliche Einführung in die Finanzmärkte». Autor Georg von Wallwitz ist nicht nur Fondsmanager, sondern auch Mathematiker und Philosoph – also einer, der dem Klappentext-Versprechen «Er beschreibt auf menschenfreundliche Art komplizierte Dinge» gerecht werden sollte. In der Tat gewinnt von Wallwitz seine Leserinnen und Leser schon im Vorwort für sich, denn dort hält er fest: «Nicht nur Laien, sondern auch die Mehrheit der Teilneh-

mer haben am Börsenspektakel grosse Verständnisschwierigkeiten.» Endlich gibt es jemand zu: Die Finanzmärkte wirklich zu verstehen, ist unendlich schwer! Trotzdem gibt sich der Autor alle erdenkliche Mühe, einem Laienpublikum die Materie auf eine erfrischend direkte und humorige Weise näherzubringen. So erfährt man, dass wir das Papiergeld dem Engländer John Law zu verdanken haben – einem Spieler, ausgerechnet!; dass sich Aktienkurse, auch wenn so mancher es behauptet, nicht voraussagen lassen; und dass ein Begriff wie «Mikroeffizienz» und «Makroeffizienz» nur «eine hübsche Formulierung für das Nicht-Weiterwissen ist». Welche Rolle spielen bei diesem Rundumschlag die Wiesel aus dem Titel? Bei der Beschreibung der Börsenberufe: «Wie das Wiesel wird der Fondsmanager – wie jeder andere Akteur an den Finanzmärkten auch – sich immer wieder auf Dinge einlassen, die ihn im Grunde völlig überfordern.» Doch um es klar zu stellen: von Wallwitz ist in seinem Buch weder böse noch gehässig. Er ist einfach schonungslos ehrlich, nennt die Dinge beim Namen und gibt auch zu, dass so manches, was an den Finanzmärkten geschieht, einfach nur auf Zufall basiert.

Die Wurzel allen Übels Beschäftigt man sich mit der Wirtschaft, wird man früher oder später auf das unschöne Wort «Schulden» stossen – egal, ob es nun um Staatsschulden, Kreditkartenschulden oder Kredite geht. Macht jemand, zum Beispiel ein Staat, zu viele Schulden, endet das irgendwann im finanziellen Desaster. Das zeigt gegenwärtig das Beispiel Griechenland. Mit diesem alles beherrschenden Geldthema befasst sich «Schul-

den. Die ersten 5000 Jahre» von David Graeber. Der amerikanische Ethnologe legt ein monumentales Werk vor. Es beginnt fast bei Adam und Eva, nämlich im alten Mesopotamien, und es zeigt auf, dass Geld, Schuld(-en) und Moral zu allen Zeiten untrennbar miteinander verbunden waren. Dass der Krieg nicht nur vieles zerstört, sondern auch Finanzmärkte aufbaut, ist ebenfalls ein Thema des Buchs: «Mit der Gründung von Zentralbanken wurde die Verschmelzung der Interessen von Kriegsherren und Geldgebern (...) dauerhaft institutionalisiert. Diese ‹Interessengemeinschaft› schuf schliesslich die Grundlage für den Finanzkapitalismus.» Interessant ist auch Graebers Blick hinter die Kulissen des US-amerikanischen Bankensystems, wo Geld nicht vom Staat gedruckt wird, sondern von der Federal Reserve – in einem recht komplizierten System, das Dollarscheine unter dem Strich zu Schuldscheinen macht. Das Buch trägt vielleicht nicht direkt dazu bei, die missliche Wirtschaftslage zu verstehen. Doch es ist ein äusserst interessanter, verständlich geschriebener «Rundumschlag» zum Thema Schulden.

Menschlich, allzu menschlich Doch zurück zur heutigen Wirtschaft. Was geschieht eigentlich an der Börse, wenn die Kurse in die Höhe schiessen oder abstürzen? Weshalb können Phänomene wie die Internetblase aus dem Jahr 2000 entstehen, und weshalb können alle Börsentheorien der Welt manche Ereignisse nicht erklären – geschweige denn voraussagen? Mit diesen Fragen beschäftigen sich nicht nur Forscher auf dem Gebiet der Behavioral Finance, sondern auch das Buch «Geld denkt nicht» von Hanno Beck. Für den


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frisch promovierten Volkswirt war es wie ein Schock, als er vor Jahren in seiner Funktion als Finanzjournalist bei der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung» schnell merkte, dass ihn sein Universitätswissen zuweilen im Stich liess – oder vielmehr, dass es zu jeder Entwicklung, egal wie abstrus, irgendeine Erklärung gab: «Alles geht, und alles ist irgendwie plausibel und nachvollziehbar.» Vieles, was an den Kapitalmärkten passierte, so sein Schluss, «passte nicht in den Werkzeugkasten der klassischen Ökonomie». Denn diese vernachlässige den Faktor Mensch. So untersuchte Beck den Herdentrieb, die menschliche Gier oder auch den Hang, Statistiken falsch zu lesen oder nicht zu hinterfragen. Alles verständlich, alles mit einer Prise Humor und alles mit einem ganz grossen AhaEffekt.

Vielleicht ist das Buch zuweilen etwas gar radikal und manchmal auch der Wunsch Vater der Gedanken.

Alles, nur nicht sparen Der amerikanische Wirtschaftsnobelpreisträger Paul Krugman hat sich ebenfalls mit der Wirtschaftskrise, ihren Ursachen und Folgen beschäftigt. Seine Lösung: «Vergesst die Krise!». Zwar liegt sein Fokus vor allem auf der US-amerikanischen Wirtschaft und ihrem Niedergang, doch schafft es Krugman auch, die Krise in der EU schlüssig zu analysieren. Sein Fazit: Den Gürtel jetzt enger zu schnallen und das ganze System kaputt zu sparen, wäre grundfalsch. Das, so Krugman, sollten Experten und Politiker eigentlich wissen – doch zögen sie es vor, die Lehren aus der Vergangenheit zu ignorieren. Schliesslich habe schon der britische Ökonom John Maynard Keynes (1883-1946) gewusst: «Der Aufschwung, nicht der Abschwung, ist die richtige Zeit für Sparmassnahmen.» Daher müssten die Regierungen, auch wenn es schwer falle, heute in Konjunkturprogramme investieren, bis der private Sektor einen neuerlichen Aufschwung tragen könne. Diese auf den ersten Blick pro-

vokante These untermauert der Autor mit einem einleuchtenden Beispiel: Zwar kann ein Staat versuchen, weniger Geld auszugeben, als er einnimmt; wenn dies aber alle Staaten gleichzeitig versuchen, wird das ganze System nur noch mehr darunter leiden. Denn: Wenn niemand Geld ausgibt, wie soll dann jemand Geld einnehmen können? Interessant ist auch Krugmans Analyse, wie der Euro und der gemeinsame europäische Währungsraum die Wirtschaftskrise beeinflusst, ja im Grunde sogar herbeigeführt haben – entgegen der landläufigen Meinung, dass die unverantwortliche Haushaltsführung einiger EUMitgliedstaaten für den Einbruch verantwortlich sei.

Revolution! Revolution? Für Loretta Napoleoni ist die momentane Wirtschaftskrise nur ein Symptom dafür, dass ein grundlegender Fehler im System steckt. In «Der Flächenbrand der Empörung» stellt sie die mutige These auf, dass «einige europäische Demokratien sämtliche Symptome eines untergehenden Kaiserreichs zeigen, in dem Finanzbarone und Politiker um ihre Privilegien kämpfen wie mittelalterliche Feldherren». Dabei sei es mehr als deutlich, dass das Volk von den herrschenden Zuständen genug habe und dafür auch gewillt sei, auf die Strassen zu gehen. Napoleoni macht einen «Funken» aus, der den gesamten Mittelmeerraum und seine Anrainerstaaten erfasst hat. Die Demokratie, auf die man in der westlichen Welt so stolz ist, sei «nur noch eine Maske, die in Fetzen hängt». Der Protest käme «auf den Flügeln des Web 2.0» daher – in Form von Videokonferenzen bis hin zu Twitter-Meldungen – und manifestiere sich in der Realität, «um Schritt für Schritt alle politischen Strategien zu unterlaufen, die von Regierungen und internationalen Organisationen vertreten werden». Vielleicht ist das Buch zuweilen etwas gar radikal und manchmal auch der Wunsch Vater der Gedanken. Dennoch ist Napoleoni keine Revolutionärin, die ein politisches Traktat abliefert; ihr Buch bewegt sich auf einer Meta-Ebene, die so nicht oft eingenommen wird und nur schon deswegen interessant ist.

Für Kenner Wer jetzt noch nicht genug hat, kann sich noch an «Sozialismus des Kapitals» von Christian Marazzi versuchen. Doch Vorsicht: Dieses Buch richtet sich eher nicht an ein Laienpublikum. Marazzi ist Professor für Wirtschaftswissenschaften an der Scuola Universitaria della Svizzera Italiana in

Odysseus und die Wiesel: Eine fröhliche Einführung in die Finanzmärkte Georg von Wallwitz 151 Seiten CHF 29.90 Berenberg

Schulden. Die ersten 5000 Jahre David Graeber 536 Seiten CHF 38.90 Klett-Cotta

Geld denkt nicht Hanno Beck 330 Seiten CHF 28.90 Hanser

Vergesst die Krise! Warum wir jetzt Geld ausgeben müssen Paul Krugman 270 Seiten CHF 35.90 Campus

Der Flächenbrand der Empörung Loretta Napoleoni 200 Seiten CHF 31.90 Riemann

Sozialismus des Kapitals Christian Marazzi 157 Seiten CHF 19.90 Diaphanes


22 | BÜCHER ZUR KRISE

Lugano und macht keinen Hehl daraus, ein Akademiker zu sein. Mit anderen Worten: Ab und zu einen Blick in den Wirtschaftsteil einer Tageszeitung zu werfen, reicht kaum aus, um Marazzis Ausführungen in Form von Essays und Interviews wirklich folgen zu können. Auch ein gewisses Verständnis des Marxismus hilft, Zusammenhänge zwischen Wissenskapitalismus und Finanzialisierung oder den Wandel von der physischen Fabrik zur globalen «Denkfabrik» nachvollziehen zu können.

Die Bilanz Es ist wie bei fast jedem Thema: Je mehr Bücher man liest, desto mehr Facetten lernt man kennen. Ein Laie wird auch nach der Lektüre dieser Bücher immer noch ein Laie sein – aber zumindest ein gut informierter. Wie die derzeitige Krise wirklich einzuordnen ist und wie man sie bewältigt, wird wohl erst die Zeit zeigen. Und dann ist es wie so oft Sache der Historiker, die Ereignisse mit objektiver Distanz aufzuarbeiten und die Lehren daraus zu ziehen.

Books Nr. 3/2012

Noch mehr Wirtschaft Wie wir reich wurden: Eine kleine Geschichte des Kapitalismus

Die falsche Münze unserer Träume. Wert, Tausch und menschliches Handeln

Rainer Hank, Werner Plumpe (Hrsg.) 240 Seiten CHF 39.90 Theiss

Renommierte Autoren und Koryphäen der Wirtschaftsgeschichte schildern in diesem Band mit Kolumnen aus der «Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung» Ideen und Erfindungen, geistige und rechtliche Grundlagen unseres Wirtschaftssystems und die prägende Wirkung innovativer Persönlichkeiten.

David Graeber 480 Seiten CHF 41.90 Diaphanes

Graeber versucht das Kernproblem der gegenwärtigen Sozialtheorien zu lösen – mit Hilfe der Theoretiker Karl Marx und Marcel Mauss. Das Gesetz der Krise. Wie die Banken die Politik regieren Susanne Schmidt 240 Seiten CHF 32.90 Droemer

Wirtschaft zum Glück Bettina Dyttrich, Pit Wuhrer (Hrsg.) 260 Seiten CHF 32.90 Rotpunkt

Eine Sammlung von Artikeln der «WOZ», die konkrete Beispiele für solidarisches Arbeiten sowie eine zukunftsfähige Ökonomie vorstellen und analysieren.

Anhand von sechs Krisenherden zeigt Schmidt die Mechanismen und Verflechtungen zwischen Bank- und Politiksystemen. Wer regiert wen? Wer hat den Schwarzen Krisenpeter? Und wer badet es aus, wenn am Ende alles schiefgeht?

Offizielle Sondermünze 2012

Globi Wer kennt ihn nicht, den blauen Papagei mit der karierten Hose und der schwarzen Baskenmütze? Seit 80 Jahren begeistert Globi mit seinen Abenteuern Gross und Klein. Jetzt gibt’s die Silbermünze zu seinem 80. Geburtstag. Zum Sammeln, Schenken und Freude bereiten. Erhältlich bei Banken, im Münzenhandel und auf www.swissmint.ch.

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Spezial – BIOGR AFIEN | 23

Books Spezial

Menschen interessieren sich vor allem für andere Menschen – und weicht deren Leben auch noch von jenem der grossen Mehrheit ab, wird es besonders interessant! Deshalb sind Biografien so beliebt. Sie befassen sich zwar alle mit dem gleichen Gegenstand – der Zeitspanne von der Wiege bis zur Bahre –, darüber hinaus sind sie aber so verschieden wie die porträtierten Personen selbst.

Illustration: Juan Osborne

Biografien: Geschichten, die das Leben schrieb


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Books Nr. 3/2012

Die Geburt des Individuums Biografien interessieren uns nur, wenn wir glauben, dass jeder Mensch ein unverwechselbares Individuum ist und mit seinen Handlungen den Lauf der Welt verändern kann. Diese Überzeugung wuchs erst langsam heran – und mit ihr das Interesse an Biografien. Benjamin Gygax

Eine Erzählung braucht einen Gegenstand, Zeit, Raum und Handlung. Die nächstliegende, weil natürlichste Einheit dafür ist wohl das menschliche Leben. Die Spanne von der Geburt bis zum Tod ist universell und definitiv. Trotzdem werden sich Menschen vor Urzeiten nicht Biografien, sondern die Geschichten ihrer Sippe erzählt haben.

Aus dem Schatten des Kollektivs Biografien sind wohl nicht die «erste Literaturgattung», weil sie das Bewusstsein für Individualität voraussetzen. Gilt die individuelle Existenz nur als Umdrehung im ewigen Kreislauf des Lebens und geht es nur ums Überleben der Gemeinschaft, interessiert sich niemand für Biografien. Erst im 4. Jahrhundert vor Christus begannen sich Individuen von der fixen Ordnung der griechischen Polis zu lösen. Dichter und Gelehrte weckten nun das Interesse der Leser. Platons «Apologie» ist die bekannteste der frühen Gelehrtenbiografien und enthält viele Informationen über das Leben Sokrates’.

Der Charakter zeigt sich im Detail Rund 500 Jahre später schrieb der Grieche Plutarch seine Biografien bedeutender antiker Männer. Er beschrieb das Leben eines Griechen und eines Römers, die durch Charakter oder Wirken miteinander verbunden waren, jeweils parallel. Das zeigt, dass es ihm weniger um die Überlieferung historischer Ereignisse als um Charakterstudien ging. Damit gleichen seine Biografien vielen, die wir heute gern lesen. Und auch seine Begründung für seine Aufzeichnungen können wir immer noch verstehen: «Oft wirft eine unbedeutende Handlung, ein Wort oder ein Scherz ein schärferes Licht auf den Charakter als Schlachten mit zahllosen Gefallenen, Zusammenstösse der grössten Heere und Belagerungskriege um die grössten Städte», schrieb Plutarch in seiner Alexander-Biografie. Noch heute bemühen sich Biografen, im Anekdotischen den Kern einer Persönlichkeit oder das Wesen eines ganzen Lebens zu illustrieren.

Schreiben für die Staatsraison

Auftritt des bürgerlichen Helden

Plutachs Personenporträts gehörten bis ins 19. Jahrhundert zum Bildungskanon und wurden zur Charakterformung eifrig gelesen. Eine andere Absicht verfolgte der 100 Jahre nach Plutarch schreibende Sueton. Mit seinen Biografien der zwölf Kaiser von Julius Caesar bis Domitian verfolgte er politische und historiografische Ziele. Die Römische Republik war zum Imperium geworden, das politische Denken hatte sich verändert: Das Wohl der Menschen hing nicht mehr so sehr von der Qualität der Gesetze und Institutionen ab wie in der älteren griechischen Staatstheorie, sondern viel stärker von den persönlichen Qualitäten und Fähigkeiten des Kaisers.

Seit dem Mittelalter erfuhr die Biografie Veränderungen, die den Lauf der Zeit spiegeln: Religiöse Vorbilder verloren an Bedeutung, und im 18. Jahrhundert schrieb Johann Gottfried Herder mit «Denkmal Johann Winkelmanns» erstmals die Biografie eines bürgerlichen Helden. Johann Wolfgang von Goethe arbeitete von 1808 bis kurz vor seinem Tod 1832 an seiner Autobiografie «Dichtung und Wahrheit». Im Vorwort dazu schreibt er über die literarische Gattung der Biografie: «Denn dies scheint die Hauptaufgabe der Biografie zu sein, den Menschen in seinen Zeitverhältnissen darzustellen, und zu zeigen, inwiefern ihm das Ganze widerstrebt, inwiefern es ihn begünstigt, wie er sich seine Weltund Menschenansicht daraus gebildet und wie er sie, wenn er Künstler, Dichter, Schriftsteller ist, wieder nach aussen abgespiegelt.» Die Wechselbeziehung zwischen Individuen und ihrer Umwelt macht auch heute noch den Reiz von Lebensbeschreibungen aus.

Die Wechselbeziehung zwischen Individuen und ihrer Umwelt macht auch heute noch den Reiz von Lebensbeschreibungen aus.

Lebensbeschreibung als Massstab Bei den Römern interessierten also vor allem die Ausnahmefälle, sozusagen die Nonkonformisten. Das änderte sich im Mittelalter grundlegend. Zu dieser Zeit wurden Biografien vor allem jenen Menschen gewidmet, die zwar herausstachen, aber mit Ihrem Konformismus. Die mittelalterliche so genannte Hagiografie erzählt vom Leben der Heiligen und ihrem Streben nach christlicher Vollkommenheit. Ihr Leben folgte unumstösslichen Regeln einer christlichen Welt- und Wertordnung und sollte anderen als Richtschnur und Mass dienen.


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SPEZIAL – BIOGR AFIEN | 25

Neuerscheinungen: Bunt wie das Leben Wie beginnt man die Lebensbeschreibung eines Menschen? Naheliegend, ja geradezu natürlich wäre, sie mit seiner Geburt anzufangen. So machte es Goethe: «Am 28. August 1749, mittags mit dem Glockenschlage zwölf, kam ich in Frankfurt am Main auf die Welt.» Oft suchen Biografen aber einen Einstieg, der den Grundton für ein ganzes Leben vorgibt. Benjamin Gygax

Die zwei Leben der Grace Kelly

Wettlauf zum Südpol

So auch der deutsche Journalist Thilo Wydra in «Grace». Seine Biografie von Grace Kelly setzt 1982 mit dem letzten Augenblick in ihrem Leben ein: «Das Letzte, was sie gesehen haben mag: der Blick aus dem Auto auf das Fürstentum Monaco. Auf ihr Fürstentum.» Der frühe Unfalltod von Grace Kelly habe ihre Legende geboren, begründet Wydra. Eine Ikone war die Schauspielerin und Fürstin aber schon zu Lebzeiten. Und dieses Leben schildert der Autor auf fast 400 Seiten ausführlich: Wie Grace Kelly in den Filmen Alfred Hitchcocks zur Stilikone, aber im Filmgeschäft und in seiner Metropole L.A. nie heimisch wird. Wie sie 1956 Südfrankreich betritt und vom Fürsten, den sie heiraten soll, mit Handschlag begrüsst wird. Leider erkaufen sich die Leserinnen und Leser der Biografie diese ausführliche Beschreibung mit einer bisweilen wenig attraktiven Sprache: «Die Dualität, die Grace Kellys komplexe Persönlichkeit grundiert, rührt zweifelsohne auch aus den stark ausgeprägten Charakteren ihrer Eltern sowie deren sehr disparater nationaler und kulturell-sozialer Provenienz.» Wie verführerisch, kurz und bildhaft hat dagegen Alfred Hitchcock seinen Star beschrieben: «Grace ist ein schneebedeckter Berg, und wenn der Schnee schmilzt, entdeckt man darunter einen glühenden Vulkan.» Das Zitat eröffnet den Vorspann von Wydras Biografie.

«Im kurzen Polarsommer 1911/12 lieferten sich fünf Briten und fünf Norweger eine wilde Jagd zur Unterseite der Erde. Nur die Norweger kehrten zurück. Was geschah mit den Briten? Wir müssten es eigentlich wissen, denn seither wurden mehr als fünfzig Biografien über den Leiter der Expedition geschrieben. Da aber keine Zeugen überlebten, haben etliche Biografen ohne eigene reale Erfahrung unterschiedlichste Versionen geliefert, zusätzliche Wendungen in der Tragödie erfunden und sogar Unwahrheiten wiedergegeben.» Gleich zu beginn schreibt Ranulph Fiennes, worum es ihm mit «Scott» geht: Mit seiner Biografie will er «in unvoreingenommener Weise darlegen, wie Scott und seine Männer Geschichte schrieben». Wobei der Autor keinen Zweifel daran lässt, dass diese unvoreingenommene Sicht zur Ehrenrettung des Briten beiträgt, dem oft Überheblichkeit vorgeworfen wurde. Auch er beginnt mit dem Kältetod der Briten, um dann weit auszuholen und in einem grossen Bogen die packende Geschichte des schicksalhaften Wettlaufs zu erzählen.

Grace Thilo Wydra 304 Seiten CHF 36.90 Aufbau

Auswandererbiografie Gummel, Franz und Konrad machen mit dem « Chuchichäschtli » ihr Glück in Kalifornien: die Geschichte dreier abenteuerlustiger Schweizer, die in den 50er-Jahren aus der engen Innerschweiz ins Land der unbegrenzten Möglichkeiten aufbrechen und lebenslang Freunde bleiben. Annemarie Regez 208 Seiten, mit farbigen Fotos von Esther Michel und historischen Bildern ISBN 978-3-905748-11-6

Heimbiografien

Scott – Das Leben einer Legende Ranulph Fiennes 672 Seiten CHF 38.90 Mare

Neun ehemalige Heimkinder blicken als Erwachsene auf ihre Zeit im Kinderheim zurück. Ihre Lebensgeschichten, verbunden mit den Beiträgen von Fachpersonen aus den Bereichen Heim, Justiz und Wissenschaft, machen deutlich, wo heute die Stärken aber auch die Schwächen bei der Heimplatzierung liegen. Barbara Tänzler Mit einem Vorwort von Kathrin Hilber Beiträge von Sergio Devecchi, Karl Diethelm, Christoph Häfeli, Thomas Gabriel und Renate Stohler 144 Seiten, mit 9 Schwarzweiss-Porträts von Silvia Luckner ISBN 978-3-905748-12-3

www.helden.ch


26 | Spezial – BIOGR AFIEN

Books Nr. 3/2012

Enthüllungen nach 100 Jahren

Noch ein «Glimmer Twin»

Superstar der Oper

Noch einmal dient Goethe als Vergleich: In «Dichtung und Wahrheit» berichtet er heiter und ausführlich aus seiner Jugend, doch um 1775 endet die Erzählung. Der Dichterfürst wollte keine lebenden Personen verärgern. Einen anderen Weg hat dagegen Mark Twain gewählt: Seine 1909 fertiggestellte Autobiografie sollte für 100 Jahre unter Verschluss bleiben: «Ein Buch, das ein Jahrhundert nicht veröffentlicht werden darf, gewährt dem Autor Freiheiten, die er auf keinem anderen Weg erreichen kann. Es ermöglicht ihm, Menschen so zu beschreiben, wie er sie kennt, ohne sich Sorgen machen zu müssen, ihre Gefühle oder die ihrer Söhne oder Enkel zu verletzen.» Damit hat er 2012 eine Sensation geschaffen: «Meine geheime Autobiografie» erklomm soeben die Spitze der amerikanischen Bestsellerliste. Jetzt ist das 800-seitige Vermächtnis auf Deutsch im Aufbau-Verlag erschienen. Wie man es von Mark Twain erwartet, ist seine Autobiografie eine bunte Sammlung von Anekdoten aus seinem Leben, aus der Politik und Geschäftswelt: humorvoll, sprachgewaltig und vielleicht nicht immer bis ins letzte Detail wahr.

Als vor zwei Jahren Keith Richards Autobiografie «Life» erschien, hatte dieser zugegeben, dass die «Glimmer Twins» – Mick Jagger und er – es mit der Wahrheit auch nicht immer so genau nahmen, wenn es dafür der Legendenbildung diente. Jetzt ist pünktlich zum 50-jährigen Jubiläum der Rolling Stones Mick Jaggers Biografie von Philip Norman erschienen. Sie heisst schlicht und einfach «Mick Jagger». Der Autor erzählt die Biografie ganz konservativ von der Geburt bis zur Gegenwart, greift aber in seiner Deutung weit aus und vergleicht Mick mit Rudolfo Valentino oder mit Balletttänzern: «Bei Jagger geht es eher in die Richtung grosser Balletttänzer wie Nijinsky oder Nurejew, deren scheinbare Androgynität von ihren lustvollen Blicken auf die Ballerinen und der Wölbung ihres Hosenbundes Lügen gestraft wurde.»

1895 trug ein Verlag den Vorschlag an Verdi heran, seine Memoiren zu veröffentlichen. Der Komponist lehnte ab: «Nie, nie werde ich meine Lebenserinnerungen schreiben. Es ist genug, wenn die Welt so lange meine Noten ertragen hat ... Niemals möchte ich sie dazu verdammen, meine Prosa zu lesen.» Und so schrieben halt andere über sein Leben. Eben ist die Biografie «Verdi» von Joachim Campe erschienen. Auf über 260 Seiten breitet der Autor Leben und Werk Verdis aus. Zitate aus Originalquellen, ausführliche Anmerkungen, ein Werk- und Personenregister sowie eine Begleit-CD mit Ausschnitten aus den bekanntesten Opern machen die Biografie zu einem hervorragenden Werk für alle, die Verdi besser kennenlernen wollen.

Meine geheime Autobiografie Mark Twain 1056 Seiten CHF 69.00 Aufbau

Politische Bekenntnisse eines Geschäftsmanns «In meinen Augen sind Memoiren vor allem eine Art Bilanz des eigenen Lebensweges, und das bedeutet unweigerlich, dass man sein Innerstes, das, was man sein Leben lang in sich trägt, offenlegt – vorausgesetzt, man ist ehrlich mit sich selbst.» 2004 schien dem ehemals reichsten Mann Russlands und heute bekanntesten Sträfling Michail Chodorkowski die Zeit dafür noch nicht reif. Jetzt hat er gemeinsam mit der Journalistin Natalija Geworkjan sein politisches Bekenntnis

Mick Jagger

Verdi

Philip Norman Erscheinungstermin 1. Oktober 2012 560 Seiten CHF 42.90 Droemer

Joachim Campe 216 Seiten CHF 46.90 Primus

mit dem Titel «Mein Weg» vorgelegt. Eine Autobiografie sei das Buch nicht: «Auch jetzt ist die Zeit nicht reif dafür. Wann ich zu einer Autobiografie im eigentlichen Sinn bereit sein werde, kann ich nicht sagen. Das hängt sowohl mit meiner derzeitigen Situation zusammen als auch damit, dass ich noch nicht Bilanz ziehen will – ich hoffe noch auf eine Zukunft!» Dafür rechnet er ab mit der jüngsten russischen Geschichte und ihren Akteuren. Sicher ist das kein neutral verfasster Lebensbericht, aber spannend zu lesen ist das Buch auf jeden Fall.

Mein Weg – ein politisches Bekenntnis Michail Chodorkowski und Natalija Geworkjan 380 Seiten CHF 31.90 DVA


SPEZIAL – BIOGR AFIEN | 27

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Der Haken mit dem Anker Auch das ist eine Biografie, wenn auch eine ganz besondere: Sambal Oelek und Andreas Müller stellen unter dem Titel «Albert Anker reloaded» ein Buch zum bekannten Schweizer Maler vor. Damit werden wir gleich zum ersten Mal hinters Licht geführt, denn Sambal Oelek ist der Künstlername des Berner Comiczeichners, Schriftstellers und Architekten Andreas Müller. Und das bleibt nicht die einzige Schummelei. Die beiden Autoren folgen der Spur von 20 bisher unbekannten Gemälden von Albert Anker, die den Genremaler in einem neuen und unerwarteten Licht zeigen. Diese Bilder sind im Anhang des «Romans und Katalogs» dann auch zu sehen und heissen «Die Katzentöterin» oder «Der Tätowierer». In einem Interview gibt Andreas Müller zu: «Ganz so ernst sollte mein

Buch dann doch nicht genommen werden. Es sollte auch mit einem Augenzwinkern gelesen werden, da ist viel Ironie dahinter.» Es sei durchaus beabsichtigt, die Leser etwas durcheinander zu bringen und ihre Vorstellung von Anker zu erschüttern. «Die Grundidee zu diesem Band könnte man eine dadaistische nennen; die Bilder sind eine freie Variation auf Anker, ein freies Zitat», erklärt der Autor. Spass macht der kunsthistorische Dada-Krimi auf jeden Fall – und vielleicht ist er ja in gewisser Weise doch nicht so weit von der konventionellen Biografie entfernt. Denn letztlich ist jede Lebensbeschreibung ein Konstrukt, das die Ansicht und Absicht des Schreibenden widerspiegelt. Zugegeben: In der Regel werden für das Konstrukt mehr Fakten verwendet als in diesem Buch.

Albert Anker reloaded – Roman und Katalog Sambal Oelek und Andreas Müller 210 Seiten CHF 54.00 Rotpunktverlag

So spannend wie das Leben

Hildegard Schwaninger René Lüchinger

Ich wollt, ich wär ein Mann

Marcel Rohr

Stefan Hohler

Swiss Re und Credit Suisse, der Freisinn und die Kunst

Die erfolgreiche Journalistin beschreibt ihr Leben mit Witz und Esprit

König des Strafraums

Fluchthelfer, Abenteurer und Lebemann

Erscheint im Oktober 2012 192 Seiten, mit Bildteil, gebunden

Erscheint im Oktober 2012 ca. 208 Seiten, mit Bildteil, gebunden

Walter Kielholz

Walter Kielholz – ein Typus Manager, wie es sie nicht mehr viele gibt 232 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag ISBN 978-3-7272-1141-6

ISBN 978-3-7272-1350-2

Alex Frei Der schillerndste und erfolgreichste Schweizer Stürmer der Geschichte

ISBN 978-3-7272-1356-4

Hans Ulrich Lenzlinger

Eine wahre Lebensgeschichte, spannender als jeder Roman Erscheint im Oktober 2012 ca. 164 Seiten, Abbildungen, gebunden ISBN 978-3-7272-1264-2


28 | Spezial – BIOGR AFIEN

Books Nr. 3/2012

«Es soll Freude machen, sich mit dem Leben anderer zu beschäftigen» Uwe Naumann betreut seit 27 Jahren die Rowohlt-Monografien. Sie sind in einer Gesamtauflage von 21 Millionen Exemplaren erschienen und waren für lange Zeit die einzige leicht zugängliche Quelle, wenn man sich für das Leben einer bekannten Person interessierte. Ihr Herausgeber weiss, was auch im Internetzeitalter eine lesenswerte Biografie ausmacht. Benjamin Gygax

ich mich durch die Seiten quälen muss. Es soll Freude machen, sich mit dem Leben anderer zu beschäftigen. Was fasziniert Sie denn immer noch an Biografien? Sie sind ein wunderbarer Spiegel für das eigene Leben. Natürlich beschreiben viele Höhenflüge, und niemand wird sich mit Mozart oder Goethe messen wollen. Aber der Bezug zum eigenen Leben ist durch das Werk immer da. Denn die allermeisten Künstler – auch die grössten – befassen sich ja mit grundlegenden Fragen, die uns alle beschäftigen. In Ihrer Reihe gibt es grob gesagt drei Gruppen: die Künstler, die Wissenschaftler und die Politiker. Entstehen daraus drei verschiedene Typen von Monografien? Bei Künstlern besteht natürlich der Anspruch, die wichtigsten Werke darzustellen und zu deuten. Das kann sogar dazu führen, dass in einzelnen Bänden Lebensdarstellung und Werk getrennt sind. Das ist nicht meine Idealvorstellung, aber es kann vorkommen. Bei historischen Persönlichkeiten ist dagegen das Essayistische noch wichtiger. Und die Wissenschaftler sind in unserer Reihe eher ein Sonderfall – sie werden auch etwas weniger gelesen.

Books: Generationen von Schülern und Studenten haben sich mit den Monografien aus Ihrem Verlag über Persönlichkeiten und deren Werk informiert. Heute gibt es Wikipedia. Braucht es diese Bücher noch? Uwe Naumann: Ich finde, sie sind immer noch gleich nötig, weil sie die verlässlichste und knappste Form sind, sich über Leben und Werk herausragender Persönlichkeiten zu informieren. Sie werden aber leider nicht mehr gleich nachgefragt, weil die junge Generation oft mit den Informationen im Netz zufrieden ist. Natürlich sind die nützlich, auch ich verwende sie. Aber sie sind nicht gleich zuverlässig und

nicht zu vergleichen mit der erzählerischen Eleganz einer schön geschriebenen Monografie. Sie haben unzählige Monografien herausgegeben. Was macht denn Ihrer Meinung nach die Qualität einer Biografie aus? Die meisten Persönlichkeiten haben ja ein sehr spannendes Leben oder eine interessante Werkbiografie – das Wichtigste daraus muss vorkommen, das ist klar. Aber die Biografie muss mich auch hineinziehen. Ich lese nicht nur berufsbedingt Biografien, sondern mit Leidenschaft; und ich ärgere mich immer, wenn

Wie wird man eigentlich in den erlauchten Kreis der porträtierten Persönlichkeiten aufgenommen? Die Entscheidung trifft im Kern der Herausgeber – das bin ich –, indem ich der Verlagsleitung meine Empfehlungen unterbreite. Wir wählen Personen aus, die bei den Leserinnen und Lesern ein hohes Interesse wecken, weil sie wie Mozart oder Goethe zum Kanon gehören oder weil ein aktueller Anlass wie die Nobelpreisverleihung oder ein Gedenktag anstehen. Es kommen immer wieder neue Personen dazu, aber es gibt natürlich auch solche, für die man sich früher interessierte, die aber mit der Zeit verblassen. Von den bisher erschienen 660 Monografien sind zurzeit etwa 450 noch verfügbar. Es fällt auf, dass nur wenige lebende Personen in die Reihe aufgenommen wurden. Es gibt Ausnahmen: Bei den Schriftstellern haben wir Frisch und Böll zu Lebzeiten aufgenommen oder erst kürzlich Toni Morrison. Bei den Politikern gilt das für Willy Brandt oder Helmut Schmidt. Aber grundsätzlich bevorzugen wir Tote.


Weshalb? Ein Lebenswerk soll in klaren Zügen überschaubar sein. Zudem ist bei lebenden Personen der Fall oft etwas komplizierter. Wir sind ja auf Fotos angewiesen – und die bekommen Sie nur, wenn Sie in freundlichem Kontakt zu den Porträtierten stehen. Manche Personen oder NachlassStiftungen bestehen dann darauf, das Manuskript zum Lesen zu bekommen. Darauf lassen wir uns hin und wieder zähneknirschend ein, aber es kann natürlich nicht sein, dass eine Reihe, die auch für kritische Töne bekannt ist, mit Freundlichkeiten um sich wirft.

«Die Informationen im Netz sind nützlich – aber sie sind nicht gleich zuverlässig und nicht zu vergleichen mit der erzählerischen Eleganz einer schön geschriebenen Monografie.»

SPEZIAL – BIOGR AFIEN | 29

Wissensstand von 1960 übernehmen. Diese neueren Bände verfügen auch über einen etwas frischeren Darstellungsstil. Vor zwei Jahren haben wir begonnen, so genannte enriched E-Books herauszugeben. Als erstes haben wir die Monografien von Einstein, Mozart, Hemingway und Musil mit rund 20 Ton- und Filmdokumenten angereichert, Gutenberg ist in Vorbereitung. Die Ergebnisse sind faszinierend, aber bisher noch kein grosser kommerzieller Erfolg. Vielleicht liegt in diesen elektronischen, angereicherten Formen dennoch ein Stück der Zukunft des Biografienmarkts.

Foto: William Vander Weyde (1906)

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@Twain_Tweets www.aufbau-verlag.de

E AHR J 0 10 NTER SS U HLU SC R VE

MARK TWAIN MEINE GEHEIME AUTOBIOGRAPHIE

Erst 100 Jahre nach seinem Tod darf die Autobiographie erscheinen – so verfügte es Mark Twain. Erstmals auf Deutsch: sein letztes, größtes Werk.

JETZT IM HANDEL

Wie ist die Monografien-Reihe eigentlich entstanden? Die Idee hat der Rowohlt-Verlag buchstäblich übernommen von der biografischen Reihe «Ecrivains de toujours» der Editions du Seuil aus Frankreich, die in den 1950er-Jahren bekannt war. Unsere Reihe wurde 1958 mit Monografien zu Kleist, Shakespeare, Knut Hamsun und Antoine de Saint-Exupéry eröffnet. Die Grundidee bestand darin, Text und Bildquellen zusammenzubringen und sich stark auf Selbstzeugnisse abzustützen. Die Reihe trug zu Beginn auch den Untertitel «In Selbstzeugnissen und Bilddokumenten». Wir haben ihn dann aber weggelassen, weil wir meinen, dass unsere Autoren nicht nur Collagisten von Selbstzeugnissen sind, sondern selbst über grosse darstellende Qualität verfügen. Hat sich seit 1958 etwas verändert? Gut gehende Darstellungen wie jene zu Brecht oder Wagner haben wir ersetzt. Man kann schliesslich nicht einfach den

2 Bände im Schuber 1056 Seiten, 69 Abbildungen Leinen, Leseband ISBN 978-3-351-03513-6


30 | Buchtipps

Books Nr. 3/2012

Andrea Vogel Beatrice Keck

Siegfried Rauch

Startpunkt Timbuktu, Ziel Marrakesch. Dazwischen eine der gefährlichsten Landschaften der Erde. Die authentischen Beschreibungen und Reflexionen stellen uns vor die Frage, wie wir entdecken können, was wir wirklich wollen, und wie wir unsere Grenzen überwinden, um uns zu finden. Wie wir auf eine aussergewöhnliche Reise zu uns selbst gehen können, auch wenn sie unbequem und scheinbar endlos ist. Andrea Vogels eindringliche Texte werden wunderbar ergänzt durch Beatrice Keck – sie setzt sich mit den existenziellen Fragen auseinander, welche sich Vogel auf der schwierigsten Wüstentour der Welt stellen. Das Buch enthält 20 eindrückliche Abbildungen.

Der «Traumschiff»-Kapitän erzählt aus seinem Leben. Kaum ein anderer deutscher Schauspieler ist so lange im Geschäft. 1958 begann Siegfried Rauch seine Karriere auf den Theaterbühnen Deutschlands. 1970 spielte er mit Karl Malden in «Patton – Rebell in Uniform». 1971 stand er in «Le Mans» mit Steve McQueen vor der Kamera – woraus sich eine Freundschaft fürs Leben entwickelte. Seit 1999 durchkreuzt er als Kapitän Jakob Paulsen mit dem Traumschiff das Meer. Siegfried Rauch erzählt von Begegnungen, von seiner Zeit in Hollywood und davon, warum er wieder nach Deutschland zurückkehrte. Gewürzt ist das Buch mit seinen Lieblingsrezepten aus aller Welt. Mit zahlreichen Abbildungen.

Roger Willemsen setzt in diesem Buch ein Leben gänzlich aus seinen Momenten zusammen. Augenblicke von stimmungsvoller Intensität stehen neben bemerkenswerten Situationen, Dialoge neben Natur- oder Kunstbetrachtungen, Gefahrenmomente neben Augenblicken der Liebe. Damit ist «Momentum» nicht nur ein sehr persönliches Buch der Erinnerung, sondern zugleich eine einzigartige Anleitung, die entscheidenden Augenblicke unseres Lebens zu erkennen. Was sie eint, ist allein die Prägnanz, mit der sie sich im Gedächtnis erhalten haben. Sind sie das Glück? Roger Willemsen feiert mit seinem neuen Buch den Augenblick – und nutzt ihn gleichzeitig, um die Erfahrung eines Lebens zu verdichten.

Standardwerk und Sensation: Endlich liegt eine grosse, bahnbrechende, opulent illustrierte Biographie Vincent van Goghs vor. Sie übertrifft alle bisherigen Lebensbeschreibungen und ermöglicht einen völlig neuen Blick auf das Malergenie. Sie vereint grosse erzählerische Kraft mit psychologischem Feingefühl, neueste Forschungsergebnisse mit unbekannten Einblicken in van Goghs Leben: seine tiefe Verwurzelung in Kunst und Literatur, sein kompliziertes Liebesleben, den Kampf gegen seine psychische Erkrankung sowie die mysteriösen Umstände seines Todes. Diese imposante, völlig neue und tief berührende Lebensbeschreibung eines der grössten Künstler der Moderne wird lange Zeit Bestand haben. Ab 9. Oktober 2012 im Handel.

208 Seiten

260 Seiten

320 Seiten

1392 Seiten

CHF 23.90

CHF 29.90

CHF 34.90

CHF 49.90

Herder

Herder

S. Fischer

S. Fischer

ISBN 978-3-451-30562-7

ISBN 978-3-451-30627-3

ISBN 978-3-10-092107-9

ISBN 978-3-10-051510-0

Neuland – durch die Wüste zu mir selbst

Käpt’ns Dinner

Roger Willemsen

Momentum

Steven Naifeh und Gregory White Smith

Van Gogh Sein Leben


BUCHtipps | 31

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Ralph Dohrmann

Kronhardt

Care Santos

Die Geister schweigen

Sofi Oksanen

In der Maschinenstickerei Kronhardt & Sohn rattern nach dem Krieg die Maschinen, als wäre nichts gewesen. Willem, das einzige Kind der Firmenerbin, wächst unter der strengen Kontrolle von Mutter und Stiefvater auf. Früh geht Willem auf Distanz, sucht seine Freiheit auf ausgedehnten Ausflügen in die Natur und in der Begegnung mit unterschiedlichen Menschen. In bewegenden Bildern und einprägsamer Sprache erzählt dieser grosse deutsche Entwicklungsroman über 60 Jahre Leben in der Bundesrepublik. Kapitel für Kapitel öffnet sich ein Kosmos aus Ereignissen, Erinnerungen und Blickwinkeln, in dessen Zentrum die Suche des Menschen nach sich selbst steht.

Im prächtigen Stadtpalast ihres Grossvaters, des berühmten Malers Amadeo Lax, macht die junge Kunsthistorikerin Violeta eine unheimliche Entdeckung. Bei den Restaurierungsarbeiten stösst man auf einen zugemauerten Raum, der etwas Furchtbares offenbart. Was ist geschehen mit den Frauen ihrer Familie? Was flüstern die Wände des Familiensitzes? Sie sind Zeugen alter Ambitionen, verborgener Leidenschaften, tragischer Verwicklungen – und eines unaussprechlichen Geheimnisses. Eine Reise durch das aufregendste Jahrhundert Barcelonas, der stolzen Stadt zwischen Meer und Moderne. Der Bestseller einer der meistgelesenen Autorinnen Spaniens, der mit diesem Roman der internationale Durchbruch gelang.

Annas Eltern trennen sich, als ihre Mutter Katariina herausfindet, dass ihr Mann sie betrügt. Sie ist Estin, verleugnet aber ihre Herkunft, weil sie weiss, welch schlechtes Ansehen Estinnen in Finnland haben. Sie gelten als russische Huren, die es geschafft haben, durch Heirat nach Finnland zu entkommen. Aus Angst, dass ihrer Tochter die gleiche Verachtung zuteil wird, darf diese die estnische Sprache nicht lernen und keinem sagen, woher die Mutter stammt.

928 Seiten

544 Seiten

496 Seiten

128 Seiten

CHF 39.90

CHF 27.90

CHF 33.90

CHF 22.90

Ullstein

Krüger

Kiepenheuer & Witsch

Edition Nautilus

ISBN 978-3-550-08878-0

ISBN 978-3-8105-1945-0

ISBN 978-3-462-04374-7

ISBN 978-3-89401-760-6

Stalins Kühe

Corinna T. Sievers

Schön ist das Leben und Gottes Herrlichkeit in seiner Schöpfung Die Autorin erzählt in düsterer Knappheit, frei von Larmoyanz und Schockeffekten, Utes Geschichte: In trostloser Armut wächst sie in den 1970er-Jahren in einem Dorf am Meer auf – geboren mit Hasenscharte und sechs Fingern an jeder Hand, unerwünscht, vom Stiefvater missbraucht. Das Buch erzählt aber auch von Utes Widerstand und von der zarten Liebe zum türkischen Mitschüler Volkan. Schliesslich rächt sich Ute an ihren Peinigern, den hänselnden Mitschülern, dem Stiefvater, der stillschweigend duldenden Mutter. Corinna T. Sievers schildert in ihrem Roman, der auf einer wahren Begebenheit beruht, die traurige Geschichte eines kurzen Lebens und einer Jugendliebe.


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Books Nr. 3/2012

Die Debatte Was machen eine Buchhändlerin und ein Buchhändler in der Kaffeepause? Sie plaudern über Bücher. Books hat sich im «Starbucks» der Filiale Kramhof zu den Orell-FüssliMitarbeitenden Patrizia Melaugh und Ernst Schipper gesetzt. Marius Leutenegger

Die tausend Herbste des Jacob de Zoet David Mitchell 720 Seiten CHF 31.90 Rowohlt

Aus den Fugen Alain Claude Sulzer 228 Seiten CHF 27.90 Kiepenheuer & Witsch

Mayas Tagebuch Isabel Allende 447 Seiten CHF 36.90 Suhrkamp

Erik Brühlmann

Books: Ernst, du hast für unsere Runde «Die tausend Herbste des Jacob de Zoet» von David Mitchell vorgeschlagen ... Patrizia Melaugh (PM): Ich würde ja gern wissen, wie man den Namen im Titel ausspricht ... Ernst, das weisst du dank deiner holländischen Wurzeln sicher. Ernst Schipper (ES): Das Z spricht man als S, und ein Oe ist ein U – der Mann heisst also Sut für süss. Der Roman spielt im Japan der Edo-Epoche und beginnt 1799. Japan hat sich völlig abgeschottet von der Aussenwelt, kein Ausländer kann einreisen, allein die Niederländische OstindienKompanie darf Handel betreiben. Für die kleine Kolonie der Holländer ist im Hafen von Nagasaki die Insel Dejima aufgeschüttet worden; die Holländer dürfen diesen Ort, der mit dem Festland nur durch eine Brücke verbunden ist, nicht verlassen. Warum wickeln die Japaner ihren Aussenhandel ausgerechnet über die Holländer ab? ES: Zuvor arbeiteten sie mit den Portugiesen, aber diese versuchten, sie zu missionieren. Die protestantischen Holländer haben garantiert, das nicht zu tun. Nun leben die Europäer also auf dieser künstlichen Insel. Die meisten von ihnen sind korrupt bis ins Mark und arbeiten vor allem in die eigene Tasche. Die Kompanie schickt deshalb einen neuen Verwalter und den Buchhalter Jacob de Zoet nach Dejima; sie sollen die Misswirtschaft beseitigen. Das erste Drittel des Romans dreht sich nur darum, wie sich de Zoet überall unbeliebt macht, weil er unbestechlich ist. PM: Er begegnet dann einer Japanerin, einer Hebamme. Beziehungen zwischen den Einheimischen und den Europäern sind absolut verboten, beide werden

ständig überwacht, eine richtige Liebesbeziehung kann nicht zustande kommen. Als der Vater der Frau stirbt, wird sie von der Stiefmutter in ein Kloster gesteckt. ES: Nun folgt ein Abenteuer-Teil: de Zoet will seine Geliebte befreien, und ein Freund, ein Japaner, unterstützt ihn dabei. Im Kloster werden obskure Dinge getrieben, darunter eine Form von Kannibalismus, die das ewige Leben sichern soll. Ich nehme an, Mitchell will mit diesen Episoden die Auswirkungen des Feudalismus aufzeigen. PM: Ja, und was in einer derart abgeschotteten Gesellschaft alles möglich ist. Die Rettungsaktion geht allerdings schief ... ach, je länger wir erzählen, desto stärker merke ich, dass man dieses Buch eigentlich gar nicht zusammenfassen kann. ES: Das stimmt. Es ist derart reichhaltig, gleichzeitig Liebes- und Abenteuerroman, es geht um den Kampf der Kulturen ... die Holländer werden als habgierig dargestellt, die Japaner als hochmütig, und die beiden Gruppen können nicht miteinander kommunizieren. Im letzten Drittel wird es dann auch noch politisch: Die Engländer wollen sich den Handelsposten unter den Nagel reissen und entführen deshalb dessen Leiter. Beruht das Buch denn auf historischen Tatsachen? ES: Ja, es handelt sich hier um einen historischen Roman, also um eine erfundene Geschichten, die vor einer Kulisse aus wahren Fakten spielt. PM: Historischer Roman – das klingt ein wenig nach Schinken, aber dieses Buch finde ich wahnsinnig gut geschrieben. Es gibt immer wieder kleine Abschnitte mit winzigen Beschreibungen, die einfach


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umwerfend sind – und die beweisen, dass Mitchell ein wirklich guter Schriftsteller ist. Einmal zum Beispiel beginnt ein Abschnitt mit der Bemerkung darüber, wie der Tee in einer blassen Schale abkühlt. Ein holländischer Verwalter fragt sich, wie man dieses Spinatwasser überhaupt trinken könne. Mit diesen zwei Sätzen wird so viel ausgedrückt: Man spürt die Eleganz der Japaner – und das Unverständnis mancher Holländer. ES: Ja, das Buch ist sehr lyrisch, und Mitchell hat einen ganz eigenen Stil. PM: Er ermöglicht einem, ganz und gar in die Geschichte einzutauchen. Man beginnt zu lesen, und schon befindet man sich in einer anderen Zeit und an einem anderen Ort. ES: Mir ist es genau gleich gegangen: Ich fühlte mich selber vor Ort und roch förmlich das Meerwasser. Eure Zusammenfassung klingt allerdings etwas kompliziert, und die Liste der Hauptfiguren am Ende des Buchs ist lang. Ist es denn schwierig, der Geschichte zu folgen? ES: Nein, denn Mitchell erzählt linear, er springt nicht von einem Handlungsfaden zum anderen. Ich denke, er hat diese Erzählweise bewusst gewählt, um das Fuder nicht zu überladen. PM: Es ist schon ein dickes Buch mit viel Handlung, aber ich denke auch, dass sich da jeder und jede gut zurechtfindet. Wem gefällt denn dieser Roman? PM: Vielen – davon bin ich überzeugt. Sicher allen, die historische Romane mögen, zum Beispiel jene von Hilary Mantel oder Rebecca Gablé. ES: Und man kann das Buch auch allen empfehlen, die eine Affinität zu Japan haben. Kommen wir zum zweiten Buch: «Aus den Fugen» von Alain Claude Sulzer. Patrizia, du hast vorgeschlagen, darüber zu reden. Worum geht’s? PM: Ein weltberühmter Pianist macht sich fertig für ein Konzert. Parallel dazu wird erzählt, wie sich auch andere darauf vorbereiten: eine Frau, die den Anlass mit ihrer Freundin besuchen will und deren Mann daheim bleibt, der Manager des Pianisten, seine Sekretärin und so weiter. In jedem Kapitel wird erzählt, wie sich jemand bereit macht. Die verschiedenen Stränge steuern auf das Konzert zu – und auf den dramaturgischen Höhepunkt: Der Pianist bricht plötzlich das Konzert ab und läuft aus dem Saal. Er hat genug von sei-

Ernst Schipper: «Er bringt die Sache extrem auf den Punkt – auch, indem er vieles nur andeutet und der Fantasie der Leserinnen und Leser überlässt.»

Ernst Schipper, 44, lebt in Zofingen und arbeitet in der Abteilung Belletristik der Filiale Westside in Bern. Der gebürtige Niederländer und Bücherfan studierte Germanistik, arbeitete in Zürich im Spieleladen «Rien ne va plus» und wurde anschliessend Buchhändler.

Patrizia Melaugh: «Es gibt immer wieder kleine Abschnitte mit winzigen Beschreibungen, die einfach umwerfend sind – und die beweisen, dass Mitchell ein wirklich guter Schriftsteller ist.»

Patrizia Melaugh, 60, lebt in Schaffhausen und arbeitet in der Abteilung Belletristik der Filiale Kramhof. Sie mag vor allem Bücher aus dem englischen Sprachraum. Ihre zwei Kinder sind bereits erwachsen.

nem Leben als Starmusiker und schmeisst alles hin. ES: Der Abbruch des Konzerts hat viele Folgen: Die Frau kommt zu früh nach Hause und entdeckt, dass ihr Mann untreu ist, für die Sekretärin bricht eine Welt zusammen. Eine andere Frau, die das Konzert mit ihrer zickigen Nichte besucht hat, geht mit ihr noch etwas trinken – und lernt sie da richtig kennen. Alle diese Momentaufnahmen zeigen, wie sehr das Leben von Zufälligkeiten bestimmt wird. Ich finde, das Buch ist hervorragend komponiert. Ein solches Konzept könnte einen Text aufblasen, aber Sulzer braucht nur etwas über 200 Seiten. Er bringt die Sache extrem auf den Punkt – auch, indem er vieles nur andeutet und der Fantasie der Leserinnen und Leser überlässt. PM: Mir gefallen solche Bücher, die mit der Gleichzeitigkeit von Ereignissen spielen. Denn es ist ja schon interessant: Während wir hier über Bücher reden, wird anderswo vielleicht jemand fast von einem Auto überfahren. Sulzer stellt diese Gleichzeitigkeit auf sehr kunstvolle Weise dar. Ist das denn hohe und anspruchsvolle Literatur? PM: Es ist Literatur, die sehr gut unterhält. ES: Diese Unterscheidung von seriöser Literatur und Unterhaltung ist sowieso hinfällig. Man kann auf literarisch hohem Niveau unterhalten – wie auch David Mitchell beweist. Warum hast du dieses Buch ausgesucht, Patrizia? PM: Weil ich bisher noch nie etwas von Alain Claude Sulzer gelesen habe; er ist Basler, und ich hatte gehört, er sei gut. ES: Vor ein paar Jahren gewann er in Frankreich einen Preis. Ich habe schon frühere Werke von ihm gelesen und fand diese ebenfalls sehr gelungen. Man muss sagen, dass Sulzer bei uns offenbar verkannt wird. Von der nächsten Autorin, deren Buch wir diskutieren, kann man das nicht behaupten: Isabel Allende ist ein Weltstar, seit sie vor 30 Jahren «Das Geisterhaus» publizierte. Von den drei hier vorgestellten Büchern wird sich «Mayas Tagebuch» wohl am besten verkaufen. ES: Das wird wohl so sein. Die Leute lesen manchmal einfach die falschen Bücher – es gibt so tolle Werke, aber das hier ist wirklich nicht geglückt.


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Worum geht es? PM: Der Roman ist in Tagebuchform verfasst. Die 19-jährige Maya trifft auf einer chilenischen Insel ein. Ihre Grossmutter hat sie hergeschickt, weil Maya viele Probleme hat. In Rückblicken beschreibt die junge Frau ihr Leben: Sie kommt in den USA zur Welt und wächst dort auf. Die Mutter verschwindet, als Maya noch klein ist, der Vater kümmert sich wenig um das Mädchen, und Maya wird von den Grosseltern aufgezogen. Als der von ihr geliebte Grossvater stirbt, gerät Maya auf die schiefe Bahn. Bald steckt sie im Drogenmilieu, sie kommt in eine Entzugsklinik, flüchtet von dort nach Las Vegas, gerät an einen Gangster, der sie als Drogendealerin anheuert, sie wird Prostituierte, Alkoholikerin, schliesslich hat sie auch noch mit Geldfälscherei zu tun – nun, die junge Frau erlebt einfach alles Schlimme, das man sich vorstellen kann. Es wird nichts ausgelassen. Am Ende sind alle hinter Maya her, die Gangsterbosse und die korrupte Polizei. Auf der Insel versucht die Frau dann wieder zu sich selbst zu finden. ES: Ja, das ist ein richtiges Selbstfindungsbuch: Maya kommt wieder auf den geraden Weg. Das sagst du mit einem ironischen Unterton. ES: Es ist einfach alles absolut unglaubwürdig. Allende packt viel zu viel in ihr Buch hinein. PM: Genau – am Ende will sie daraus auch noch einen Thriller machen. ES: Es ist ein bisschen, als würde man Sightseeing in der Welt der Probleme betreiben: Da hat es noch etwas – und das

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gibt es ja auch noch! Dabei bleibt alles komplett an der Oberfläche. PM: Und diese Tour ist dann auch noch in einem eher flapsigen Stil geschrieben. ES: Ich fand den Stil doch eher sehr nett. Nie hätte ich gedacht, dass ich einmal Chris von Rohr zitieren muss – aber «mehr Dreck» hätte diesem Buch wirklich gut getan. Es wirkt alles doppelt unglaubwürdig, weil die Sprache überhaupt nicht passt. PM: Ja, alles wird fast lustig überspielt. Am Schluss eines solchen Buchs müsste ich als Leserin ja etwas erfahren haben – zum Beispiel müsste ich denken: Jetzt verstehe ich, wie jemand derart auf die schiefe Bahn geraten kann. Aber nein, man kann überhaupt nichts aus diesem Buch ziehen. Nur weil man immer mehr Farbe aufträgt, wird ein missratenes Bild eben noch lange nicht besser.

baut gleich noch ein wenig häusliche Gewalt ein. Die obligate Frage: Wem würdet ihr dieses Buch empfehlen? ES: Dieses oberflächliche Geplapper von Maya kann ich nicht empfehlen, tut mir leid. Aber vielleicht waren wir jetzt ein wenig zu negativ. PM: Nein, ich habe das Buch wirklich nicht gern gelesen. ES: Ich auch nicht. Lange war ich geduldig, weil ich wusste, dass wir hier darüber sprechen wollen, aber irgendwann riss der Geduldsfaden und ich las nur noch beschleunigt. Man kann dabei nichts Wichtiges verpassen – denn es passiert ja auch nichts Wichtiges.

Euer Urteil ist eindeutig, aber Allende ist nun einmal eine Erfolgsautorin. Warum kommt sie denn so gut an? PM: Als ich vor vielen Jahren «Das Geisterhaus» las, gefiel es mir gut. Warum diese Autorin aber immer noch so viel Erfolg hat, verstehe ich nicht. «Mayas Tagebuch» kam mir manchmal wie ein Jugendbuch vor, aber auch in diesem Bereich gibt es viel Besseres. Alles ist sehr simpel gestrickt, und Allende treibt einfach die Handlung voran. Wenn man dem Buch etwas zugute halten will, kann man sagen: Das Verhältnis, das Maya zum Grossvater hat, ist schön und mit Wärme beschrieben. Und auch die Leute auf der Insel sind schön kauzig. Aber auch da fällt Allende schnell wieder in Klischees – und

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BUCHtipps | 35

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Jakob Arjouni

Mechtild Borrmann

Der Geiger

Markus A. Will

Die Stunde des Adlers

Johan Theorin

Der Frankfurter Privatdetektiv Kayankaya ist zurück: älter, entspannter, cooler – und sogar in festen Händen. Ein abenteuerlustiges UpperclassMädchen verschwindet. Wahrscheinlich ist sie mit einem älteren Mann zusammen, der sich als Künstler ausgibt. Ausserdem soll Kayankaya während der Frankfurter Buchmesse einen marokkanischen Schriftsteller vor den Angriffen religiöser Fanatiker beschützen. Zwei scheinbar einfache Fälle, doch zusammen führen sie zu Mord, Vergewaltigung, Entführung. Und Kayankaya kommt in den Verdacht, ein Auftragskiller zu sein. Dabei will er eigentlich nur eines: mit seiner langjährigen Freundin Deborah ein ruhiges, entspanntes Leben führen.

In einer Nacht im Mai 1948 verliert der begnadete Geiger Ilja Grenko seine beiden wertvollsten Schätze: seine Familie und seine Stradivari. Viele Jahrzehnte später wird Sascha, Iljas Enkel, in einer Münchner Hotellobby Zeuge, wie seine Schwester Vika kaltblütig erschossen wird. In ihrem Zimmer entdeckt er Hinweise über den Verbleib der geliebten Stradivari seines verstorbenen Grossvaters Ilja. Sascha macht sich auf die gefährliche Suche nach dem Mörder seiner Schwester. Die Spur führt ihn nach Russland – und zurück zu jener Nacht im Mai 1948, als sein Grossvater verhaftet und zu 20 Jahren Arbeitslager verurteilt wurde. Der neue Roman der Gewinnerin des Deutschen Krimi-Preises 2012.

Es scheint, als habe Währungsmanager von Hartenstein verloren: Schwer beladene LKWs verlassen in der «Stunde des Adlers» den geheimen Atombunker der Deutschen Bundesbank. Jahrzehntelang im Wald verborgen, rollt die neue D-Mark hinaus ins Land. Aus Angst vor dem Zerfall des Euro hatten die Deutschen ihr Gold im Garten vergraben, Land gekauft und Geld in echte Waren getauscht. Nach dem Willen der neuen Bundesregierung, geführt von der «Deutsche Mark Partei», soll die Wiedereinführung der D-Mark endlich die Rettung bringen. Für von Hartenstein beginnt ein schier aussichtsloser Kampf um die Zukunft Deutschlands und um sein Leben. Die spannende Antwort auf die Frage: Was passiert eigentlich, wenn die D-Mark wieder kommt?

Jan Hauger besitzt als Erzieher glänzende Zeugnisse. Doch es ist kein Zufall, dass er sich im abgelegenen Kinderhort in Valla an der schwedischen Westküste vorstellt. Der Hort ist durch einen unterirdischen Gang mit der örtlichen psychiatrischen Klinik verbunden. So sollen selbst die als gefährlich eingestuften Insassen durch den Kontakt zu ihren Kindern schneller ins Leben zurückfinden. Damit hat Jan kein Problem – aber er hat auch ein Geheimnis: Unter seiner Aufsicht ging ein Kind verloren, das erst nach Tagen wieder auftauchte. Warum will er ausgerechnet in Valla arbeiten? Und was verbindet ihn mit dem psychopathischen Mörder Ivan Rössl, der seit Jahren in der Klinik behandelt wird?

240 Seiten

304 Seiten

240 Seiten

480 Seiten

CHF 29.90

CHF 32.90

CHF 33.90

CHF 32.90

Diogenes

Droemer

FinanzBuch

Piper

ISBN 978-3-257-06829-0

ISBN 978-3-426-19925-1

ISBN 978-3-89879-710-8

ISBN 978-3-492-05551-2

Bruder Kemal

So bitterkalt


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Fantastisch! Eine junge Mitarbeiterin von Orell Füssli präsentiert Neuerscheinungen und Geheimtipps aus dem Fantasy-Genre: Bücher für alle, die sich gern in fremde Welten entführen lassen. Marius Leutenegger

«Der Aufbau des ersten Buchs, das ich heute vorstelle, klingt vielleicht ein bisschen kompliziert – alles ist aber sehr einleuchtend und flüssig geschrieben: ‹Splitterwelten› von Michael Peinkofer weist zwei Handlungsstränge auf, die je in einem anderen Universum spielen. Jedes Universum ist in kleinere Welten zersplittert. Das eine Universum wird von den Menschen beherrscht; als Sklaven halten sie sich Zwitterwesen zwischen Mensch und Tier, die so genannten Animalen. Die Macht über dieses Universum liegt in den Händen einer Gilde. Deren Mitglieder können allein durch die Kraft ihrer Gedanken Luftschiffe bewegen; damit verfügen sie über die einzige Verbindung zwischen den Splitterwelten. Kalliope, eine junge Gildeschülerin, wird zusammen mit einer erfahrenen Gildemeisterin auf die Splitterwelt Jordråk geschickt, um dort den Mord an einer anderen Gildemeisterin aufzuklären. Parallel dazu erzählt Bestseller-Autor Michael Peinkofer eine Geschichte, die in einem anderen Universum spielt – dort sind die Animalen und Chimären die Herrscher und die Menschen die Sklaven. Hauptfiguren dieses Erzählstrangs sind der Dieb Cory und der Sklave Kieron; die beiden werden gezwungen, in einer extrem verrufenen Splitterwelt eine geradezu selbstmörderische Mission durchzuführen. Lange Zeit wechselt Peinkofer zwischen den beiden Welten hin und her; erst ganz am Schluss erkennt man, welchen Zusammenhang die beiden Erzählstränge haben. Und dann beginnt das Abenteuer erst richtig – schliesslich handelt es sich hier ja um

«Splitterwelten» ist zwar sehr plastisch geschrieben – aber die Zeichnungen im Buch helfen, der Geschichte noch einfacher folgen zu können. Bild: Iris Compiet, Eyeris


Fantastisch! | 37

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eine Trilogie. Ich persönlich mag solche komplexen Geschichten, die am Ende ein Ganzes ergeben. Mir hat vor allem gefallen, wie in diesem Buch vollständige Welten erschaffen werden: Alles ist detailreich und plastisch beschrieben, die Charaktere sind gut herausgearbeitet und entwickeln sich im Verlauf der Geschichte. Dank einiger toller Zeichnungen kann man sich alles gut vorstellen. Ich würde dieses Buch aber nur älteren Jugendlichen oder Erwachsenen empfehlen, für Kinder ist alles wohl etwas zu komplex. Die jüngeren Leserinnen und Leser sind meines Erachtens besser bedient mit ‹Der Atem des Teufels› von Thomas Thiemeyer. Dabei handelt es sich um den vierten Band der ‹Chroniken der Weltensucher›; man muss die früheren Bücher aber nicht kennen, um dieses hier zu verstehen. Thomas Thiemeyer präsentiert in jedem Buch eine coole Mischung verschiedener Einflüsse: Er erzählt spannende Abenteuergeschichten im Stil von Indiana Jones, kombiniert sie mit historischen Fakten und fantastischen Elementen. Diesmal geht es um den katastrophalen Ausbruch des KratakauVulkans im Jahr 1883. Thiemeyer nutzt dieses tatsächliche Ereignis in der Gegend von Java als Ausgangspunkt für eine eigenwillige Geschichte: Die Katastrophe hat die Erdkruste aufgerissen, und aus den Spalten steigen jetzt regelmässig gehörnte, dämonenhafte Kreaturen empor. Sie entführen Menschen an einen unbekannten Ort und versetzen die Bevölkerung in Angst und Schrecken. Der Generalgouverneur von Niederländisch-Indien, der über Kratakau herrscht, sucht Hilfe – und findet sie bei KarlFriedrich von Humboldt, einem älteren Herrn, der sich aus einem Gefühl der Verbundenheit heraus wie der berühmte Naturforscher Humboldt nennt. Gemeinsam mit seinem Adoptivsohn Oskar, seiner Nichte und einem Hausmädchen reist unser Humboldt im Luftschiff nach Java und geht der Sache auf den Grund. Die einheimische Bevölkerung entführt allerdings die Nichte und opfert sie den Kreaturen – so bleibt Humboldts Team nichts ande-

res übrig, als den Teufeln in die Erdspalte zu folgen. Gemeinsam mit Oskar, aus dessen Sicht die Geschichte hauptsächlich erzählt wird, entdecken wir dort eine Welt voller fantastischer Kreaturen. Es klingt abgedroschen, aber man will das Buch wirklich nicht mehr aus der Hand legen, wenn man einmal mit Lesen begonnen hat. Alles ist sehr flüssig erzählt, und die Kombination realer Ereignisse und abenteuerlicher Fantasie ist ausserordentlich attraktiv. Noch weniger weglegen kann man ‹Dancing Jax› von Robin Jarvis – und bezeichnenderweise geht es in diesem Buch gerade darum: Um ein Buch, das einen komplett in den Bann schlägt. Dieser erste Teil einer Trilogie gilt zwar als Jugendbuch, ich empfehle es aber eher für Erwachsene – es handelt sich hier nämlich um eine äusserst gruslige Horror-FantasyGeschichte. Eine Gruppe von Gaunern dringt in ein uraltes Haus ein, um es zu plündern. Im Keller findet sie mehrere Kisten mit dem gleichen Kinderbuch, eben ‹Dancing Jax›. Die Kisten werden mitgenommen, und schon bald beginnt Ismus, der Anführer der Truppe, sich mehr als eigenartig zu benehmen. Er hat offenbar ein Exemplar des Buchs gelesen und verlangt nun, dass die anderen es ihm gleichtun; nur Shiela weigert sich. Sie muss miterleben, wie sich alle immer stärker verändern, nachdem sie das Buch gelesen haben. Ismus lässt die Bücher auch an die Schülerinnen und Schüler des Dorfs verteilen; Shiela will die Jugendlichen warnen, doch niemand hört auf sie. Denn wer glaubt schon, dass ein Buch gefährlich sein kann! Doch dann ereignet sich eine schlimme Katastrophe, bei der 41 Kinder sterben. Das ganze Dorf ist erschüttert, aber der Samen ist gesetzt: Immer mehr Leute lesen das Buch, bald scheinen alle davon infiziert ... Unheimlich ist diese Geschichte vor allem, weil die Figuren richtig krass drauf sind, nachdem sie das Kinderbuch gelesen haben. Man weiss überhaupt nicht, worauf die Sache hinausläuft, alles wird immer eigenartiger und unheimlicher. Am Anfang gefiel mir ‹Dancing Jax› nicht so besonders, ich legte das Buch zwischendurch sogar für ein paar Tage zur Seite, aber dann nahm ich es wieder zur Hand und konnte mich nicht mehr davon lösen. Mir ging es also wie den Figuren im Buch – das ist doch wirklich unheimlich!»

Manuela Bigler, 23, arbeitet in der Kinder- und Jugendbuchabteilung von Orell Füssli im Berner Einkaufszentrum Westside. «Das Lesen hat mich von Kind auf begleitet», sagt sie, «deshalb wollte ich auch beruflich mit Büchern zu tun haben.» Am liebsten mag sie Fantasy-Romane. «Bei diesem Genre kann ich am besten abschalten», sagt die Bernerin. «Ich lese nicht so gern Geschichten, die zu nahe an der Realität sind, denn Lesen soll ja auch einen Ausgleich zum Alltag bieten.»

Splitterwelten Michael Peinkofer 573 Seiten CHF 26.90 Piper

Der Atem des Teufels Thomas Thiemeyer 460 Seiten CHF 28.90 Loewe

Dancing Jax Robin Jarvis 544 Seiten CHF 24.90 Script5


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Junge Mitarbeitende von Orell Füssli geben weitere Tipps: Tim Lenny George, 17, absolviert im Kramhof in Zürich das zweite Jahr seiner Buchhändler-Lehre. Er lebt in einem Dorf ausserhalb von Bern und braucht täglich vier Stunden, um morgens zur Arbeit und danach wieder nach Hause zu gelangen. «Den weiten Weg nehme ich aber gern auf mich», sagt er. «Denn die Zeit im Zug kann ich zum Lesen nutzen.» Sein Tipp: «Jake Djones und die Hüter der Zeit» von Damian Dibben. «Jake Djones führt ein ganz gewöhnliches Leben, bis er eines Tages von einem Agenten des Geheimbunds der Geschichtshüter um Hilfe gebeten wird. Dieser Bund sorgt dafür, dass der Verlauf der Geschichte nicht verändert wird. Um ihre Aufgabe zu erfüllen, müssen die Mitglieder des Bunds durch die Zeit reisen – und den Bösewicht Prinz Xander Zeldt daran hindern, die Geschichte nach seinem Willen zu verändern und der Welt damit für immer seine Herrschaft aufzuzwingen. Ausgerechnet dieser Prinz Zeldt hält Jakes Eltern gefangen. Im Venedig des 16. Jahrhunderts beginnt ein wildes Rennen gegen den Lauf der Geschichte ... ‹Jake Djones und die Hüter der Zeit› sorgte schon vor der Veröffentlichung in England für Furore: Die Übersetzungsrechte wurden bereits in 22 Länder verkauft, die Filmrechte gingen an die renommierte Produktionsgesellschaft Working Title. Dibben schreibt bereits den zweiten Teil dieser tollen Abenteuerserie; er wird im antiken Rom spielen. Ich freue mich schon sehr – und alle Fans von Harry Potter und Artemis Fowl dürfen sich mitfreuen!» Jake Djones und die Hüter der Zeit Damian Dibben 352 Seiten CHF 27.90 Penhaligon

Piyasena Dürst, 28, ist Buchhändler in der Filiale Bellevue; berufsbegleitend studiert er Wirtschaftsinformatik. Als begeisterter Fantasy-Leser ist er für die FantasyAbteilung verantwortlich. Unter anderem informiert er sich auf einschlägigen englischsprachigen FanSites über alle Trends und Neuigkeiten; dadurch kann er den Kundinnen und Kunden immer frühzeitig die spannendsten Titel empfehlen. Im Moment verweist er gern auf den ersten Teil der Trilogie «Der Weg in die Dunkelheit» von Erica O’Rourke: «Mo Fitzgerald führt ein gewöhnliches Leben. Doch ihre beste Freundin wird ermordet – und sie selbst wird von mysteriösen Schatten gejagt. Plötzlich befindet sich die junge Frau mitten in einem Krieg geheimnisvoller magischer Kräfte. Jetzt muss sie sich entscheiden zwischen zwei Welten, zwischen zwei Schicksalen sowie zwischen zwei faszinierenden und gefährlichen Männern ... Besonders gefallen hat mir am Auftakt dieser spannenden, zuweilen düsteren Fantasy-Trilogie die sympathische und anfänglich unscheinbare Hauptfigur. Als ihre beste Freundin Verity stirbt, muss sich Mo nicht nur mit deren Tod abfinden, sondern auch lernen, für sich selber einzutreten. Sie wird dabei immer rebellischer, während sie versucht, sich von ihrem Onkel Billy – einem Mafiaboss in Chicago – und ihrer kontrollsüchtigen Mutter abzustehen. Das ist aber gar nicht so einfach, denn der Onkel hat ihr Colin als Leibwächter zur Seite gestellt – und Colin weckt schon bald Gefühle in Mo ...» Der Weg in die Dunkelheit I – Die Erwählte Erica O’Rourke 414 Seiten CHF 16.90 Blanvalet

Rafael Marty, 19, steht im dritten Jahr seiner Buchhändlerlehre; gegenwärtig arbeitet er am Kundendienst im Kramhof. «Ich wollte im Verkauf arbeiten und schaute mir die verschiedenen Branchen an», erzählt er. «Der Buchhandel gefiel mir sofort am besten.» Denn zum einen sei das Gespräch mit den Kundinnen und Kunden in dieser Branche besonders intensiv – zum anderen ist Rafael ein begeisterter Leser, der sich gern mit Büchern umgibt. Er liest allerdings fast nur dicke Fantasy-Romane, «etwas anderes geht praktisch nicht. Warum das so ist, weiss ich auch nicht.» Sein heutiger Tipp: «Die Mechanik des Herzens» von Mathias Malzieu. «‹Love is dangerous for your tiny heart› – diese Warnung sollte der kleine Jack ernst nehmen. Denn die Kuckucksuhr auf seiner Brust, die sein Herz zum Schlagen bringt, kann durch starke Gefühle zerstört werden. Doch kaum ist Jack in der Stadt angekommen, verliebt er sich in die zauberhafte Miss Acacia. Die hübsche Sängerin ist jedoch schon bald abgereist, um in Andalusien aufzutreten. Die Reise beginnt. In feinster Tim-Burton-Manier und mit der Detailverliebtheit eines Songschreibers erzählt Jack von der Suche nach seiner grossen Liebe. Melancholisch, ironisch und wunderschön geschrieben, ist das Buch genau das Richtige f��r alle, die schon immer einmal eine etwas andere Liebesgeschichte lesen wollten.»

Die Mechanik des Herzens Mathias Malzieu 187 Seiten CHF 19.90 carl’s books


im schaufenster | 39

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Rückkehr nach Mittwelt Stephen Kings aussergewöhnlicher Zyklus um den «Dunklen Turm» ist eigentlich abgeschlossen. Trotzdem erscheint dieser Tage mit «Wind» noch ein weiterer Teil der Mittwelt-Saga – er schliesst Erzähllücken. Erik Brühlmann

Tolkien und Sergio Leone

Foto: Shane Leonard

Anders als die meisten Romane von King ist der «Turm»Zyklus nicht in der Realität angesiedelt, sondern in einer endzeitlichen Welt namens Mittwelt. Revolvermänner sind das Gesetz – oder vielmehr das, was vom Gesetz noch übrig geblieben ist. Magische Wesen sind ebenso alltäglich wie Überreste technologischer Gerätschaften. Das klingt wie eine Mischung aus Western, Fantasy und Steampunk, und genau das ist es auch. Stephen King nennt als hauptsächliche Inspirationsquellen Robert Brownings Gedicht «Childe Roland to the Dark Tower Came», «Der Herr der Ringe» und Sergio Leones Spaghettiwestern. Roland ist denn auch der Name des Hauptprotagonisten, eines ebenso rätselhaften wie ritterlichen Revolvermanns, der mit einer Gruppe New Yorker und dem hundeähnlichen Wesen Oy den sagenumwobenen dunklen Turm sucht und ihn in «Der Turm» auch findet.

Stephen King ist Millionen von Leserinnen und Lesern in aller Welt vor allem als Meister des manchmal mehr, manchmal weniger subtilen Horrors bekannt. Er selber bezeichnet aber den Zyklus um den «Dunklen Turm» als sein Opus Magnum. 2004 erschien mit «Der Turm» der siebte und vermeintlich letzte Teil. Mit «Wind» legt Stephen King jetzt aber noch einmal eine Endzeit-Schippe drauf. Oder vielmehr dazwischen.

Ein Buch für zwischendurch Es ist schon lange verbreitet, dass zu erfolgreichen Serien auch noch Prequels erscheinen – das sind Folgen, die vor der Originalgeschichte spielen, also das Gegenteil von Fortsetzungen. «Wind» ist aber weder Fortsetzung noch Prequel, sondern ein Roman, der zwischen dem vierten und dem fünften Teil der Saga spielt. Sozusagen ein Interquel, oder wie King es nennt: «Der dunkle Turm 4.5». Doch keine Angst: Man muss die Originalserie nicht kennen, um «Wind» zu verstehen; leichter fällt einem das Leseabenteuer mit ein wenig Hintergrundwissen allerdings schon.

gebettet ist. Während eines heftigen Sturms verschanzen sich Roland Deschain und seine Gefährten in einem verlassenen Haus. Roland nutzt die untätige Zeit, um eine Geschichte aus seiner Jugend zu erzählen: Auf der Jagd nach einem grausamen Mörder, der allem Anschein nach ein Gestaltwandler ist, findet Roland nur einen einzigen Zeugen – einen kleinen Jungen, der nun seines Lebens nicht mehr sicher ist. Er nimmt den Jungen in Schutzhaft. Im Gefängnis erzählt er ihm die zweite Geschichte des Buchs: die Erlebnisse des jungen Tim, der nichts unversucht lässt, um sich an seinem prügelnden Stiefvater zu rächen und seiner Mutter das Augenlicht wiederzuschenken.

Es gibt noch viel zu wissen Je länger eine Serie andauert, desto mehr muss sich ein Schriftsteller die Frage gefallen lassen: Musste das sein? Bei «Wind» lautet die Antwort: Es musste nicht, aber es darf sein. Denn die Geschichten sind ebenso spannend wie haarsträubend, manchmal brutal und blutig, manchmal schon fast märchenhaft und fantastisch. King zieht alle Register seiner Erzählkunst und wird mit «Wind» keinen Fan des dunklen Turms enttäuschen. Andererseits ist «Wind» aber eben auch nur ein Lückenfüller, der den abgeschlossenen Zyklus natürlich nicht mehr weiterentwickeln kann. Aber der «Turm»-Zyklus ist halt Stephen Kings Lieblingswerk, und so ist anzunehmen, dass «Wind» nicht das letzte Interquel bleiben wird. Oder wie der Meister es formuliert: «Es gibt so vieles in der Vergangenheit und Gegenwart von Mittwelt, über das wir bisher noch nichts wissen. ‹Wind› wird zwar niemandes Leben verändern. Aber ich hatte Spass dabei!»

Ein Loch wird gestopft Weshalb, so mag man sich nun fragen, schreibt Stephen King noch einen Roman für einen abgeschlossenen Zyklus? «Ich merkte, dass es in der Erzählung mindestens ein Loch gibt», begründet der Meister seine Motivation. «Mit der Zeit entstand in meinem Kopf eine Geschichte. Ich sah einen abgetrennten Kopf auf einem Zaunpfahl. Ich sah einen Sumpf voller Gefahren und Terror. Ich sah genug, dass ich auch den Rest der Geschichte sehen wollte.»

Drei in eins Dieser Rest der Geschichte ist «Wind» – und kein Roman im eigentlichen Sinn. Vielmehr handelt es sich um eine Kurzgeschichte in einer Kurzgeschichte, die in die Rahmenhandlung des dunklen Turms ein-

Wind 450 Seiten CHF 31.90 Heyne


40 | Kinderwelt

Books Nr. 3/2012

Von Kindern und Kaninchen Kinder lieben Tiere – und darum gibt es für Buben und Mädchen jeden Alters Bücher, in denen Tiere wichtige Rollen spielen. Nicole Stäuble, Buchhändlerin in der Filiale von Orell Füssli in Frauenfeld, stellt einige Neuerscheinungen mit Hunden, Bären und Tigern vor. Marius Leutenegger

Eltern wissen aus Erfahrung: Buben und Mädchen lieben Tiere. Auch die Wissenschaft ist der Tierliebe von Kindern auf vielfältige Weise auf der Spur. Dabei hat sie zum Beispiel herausgefunden, dass Säuglinge bereits mit sechs Monaten Tiere von unbelebten Gegenständen unterscheiden können. Und sie können in diesem Alter auch die Gesichter von Affen auseinanderhalten – eine Fähigkeit, über die Erwachsene nicht mehr verfügen. Spannend finden Kinder an Tieren unter anderem, dass sich diese auf nicht vorhersagbare Weise bewegen. Ihre Neugierde liegt vermutlich in der Evolution begründet: Kinder müssen herausfinden, ob sich ein Objekt auf sie zubewegen könnte und ob es gefährlich ist. Die Faszination für Tiere hat also auch mit Überlebenstrieb zu tun. Aber natürlich sind Tiere auch in ihrer Vielfalt hochinteressant – und in vielen Fällen erst noch besonders hübsch. Kein Wunder also, kommen sie in unzähligen Kinder- und Jugendbüchern vor. Nicole Stäuble hat eine Auswahl an Neuerscheinungen mit Tieren zusammengestellt. «Meinem kleinen Sohn habe ich gerade ‹Der fliegende Jakob› von Philip Waechter erzählt, und er war davon hell begeistert. Die Geschichte, die sich für Kinder ab drei Jahren eignet: Als Baby flog Jakob eines Tages einfach los, statt zu krabbeln. Jetzt ist er ein grosser Bub, und als die Familie Ferien am Strand machen will, beschliesst Jakob, selber ans Meer zu fliegen statt ins Flugzeug zu sitzen. Er schliesst sich einem Vogelschwarm an, doch leider wird der kleine Vogel Hubertus unterwegs vom bösen Herr Mörtel eingefangen. Jakob findet einen Weg, Hubertus und andere Vögel zu befreien; schliesslich kommt er am Badeort an und verbringt mit seinen Eltern herrliche Sommerferien ... Als Kind

Gartens und macht Erfindungen, die meistens total sinnlos sind und niemals so funktionieren, wie sie sollten. Die originellen, aber nie nervenaufreibenden Geschichten sind kurz und mit herzigen Zeichnungen versehen – sie eignen sich daher ideal zum Vorlesen vor dem Schlafengehen.

Nicole Stäuble, 39, ist Buchhändlerin bei Orell Füssli in Frauenfeld; sie hat einen zweieinhalbjährigen Sohn. «Ich machte bereits meine Lehre zur Buchhändlerin bei Orell Füssli», erzählt sie. Schon in der Lehre seien Kinder- und Jugendbücher für sie das Grösste gewesen, denn «dieser Bereich ist so vielseitig – und fast so etwas wie eine Buchhandlung in der Buchhandlung!» Ausserdem könne man die Kundinnen und Kunden, die Kinderbücher suchten, richtig beraten: «Die meisten Leute sind dankbar für Empfehlungen, weil sie sich mit den Neuerscheinungen nicht so gut auskennen.»

wollte ich immer fliegen, und ich verstand überhaupt nicht, warum ich es den Vögeln nicht gleichtun konnte. Ich glaube, es geht vielen Kindern so, und darum gefällt ihnen dieses Buch – zumal es auch witzig und schön gezeichnet ist. Philip Waechter ist ein sehr humorvoller Erzähler, und seine Zeichnungen stecken voller herrlicher Details. Etwas ältere Kinder – solche ab sechs Jahren – hören sicher gern die Geschichten von ‹Hieronymus Frosch›. Verfasst und illustriert hat sie Andreas Schmachtl, der mit Tilda Apfelkern bereits eine erfolgreiche Figur erfunden hat. Hieronymus Frosch lebt im schattigsten Teich eines

Wenn Kinder mit etwa neun Jahren selber lesen, wird ihnen ‹Gefährliche Kaninchen› sicher viel Freude machen. Kirsten John erzählt die Geschichte von Max, einem Einzelkind, das in einem langweiligen Professoren-Haushalt aufwächst. Die Eltern lesen ständig, aber Max hat keinen Bezug zu Büchern. Beim Spielen freundet er sich mit Leonie an, die genau das Gegenteil von ihm ist: Sie liest gern und hält es in ihrer viel zu lauten Familie mit den fünf Brüdern kaum aus. Die beiden beschliessen, die Familien zu wechseln – und merken dann, dass es ihnen in der eigenen Familie eben doch am wohlsten ist. Nebenbei retten sie auch noch die Ehe von Max’ Eltern und sorgen dafür, dass Leonies Familie endlich mehr Platz bekommt. Die Kaninchen spielen eine witzige Nebenrolle: Wird es brenzlig, tauchen sie als gefährliche Bestien hinter einem Gebüsch auf – zum Glück aber nur in Max’ Fantasie. Das nächste Buch, das ich empfehle, eignet sich vor allem für Mädchen ab etwa zehn Jahren: ‹Jungs, die bellen, beissen nicht›. Der Roman von Leslie Margolis ist vor zwei Jahren erschienen und liegt jetzt auch als Taschenbuch vor. Hauptfigur ist Annabelle, die sich überhaupt nicht mit Buben versteht. Doch dann bekommt sie einen Hund sowie ein Erziehungsbuch für Hunde. Bald merkt sie, dass sich die Tipps aus dem Ratgeber auch auf Jungs anwenden lassen. Das ist natürlich ein bisschen gemein, aber bei Annabelle funktioniert es


Kinderwelt | 41

Alle Bücher finden Sie auch auf Oberes Bild: Jakob – frei wie ein Vogel. Unteres Bild: Hieronymus Frosch – ein erfindungsreiches Tier und seine Freunde.

Der fliegende Jakob Philip Waechter 36 Seiten CHF 18.90 Beltz & Gelberg

Hieronymus Frosch – darauf hat die Welt gewartet

© Beltz & Gelberg / Philip Waechter

Andreas Schmachtl 131 Seiten CHF 19.90 Arena

wirklich – sie lernt: Mit Augenkontakt, einem im richtigen Moment verschenkten Guetsli und klaren Ansagen bekommt man auch den grössten Angeber in den Griff. Der Name Erin Hunter steht für eine Gruppe aus vier britischen Autorinnen, deren Werke bei älteren Kindern sehr beliebt sind – von ihnen stammt die Erfolgsserie ‹Warrior Cats›. Die zweite Serie des Gespanns heisst ‹Seekers› und ist eine Mischung aus Fantasy- und Tierbuch. Hauptfiguren sind ein Eisbär, ein Schwarzbär und ein Grizzly. Die drei wachsen an ganz verschiedenen Orten auf, haben aber alle ein ähnliches Schicksal: Sie verlieren unter traurigen Umständen ihre Mütter, sind nun auf sich selber angewiesen und kämpfen ums nackte Überleben. Am Ende des ersten Bandes kommen die drei zusammen; im Oktober erscheint bereits der dritte Band dieser Reihe.

© Arena Verlag/ Andreas H. Schmachtl

Mein abschliessender Tipp richtet sich an alle Teenager: ‹Kuss des Tigers›. Colleen Houck erzählt in einer Serie eine wunderschöne Liebesgeschichte, die wohl vor allem den Fans der ‹Biss›-Bücher gefallen wird. Die 18-jährige Kelsey bekommt einen Ferienjob in einem Zirkus – und versorgt dort unter anderem den weissen Tiger Ren, zu dem sie eine grosse Zuneigung entwickelt. Als Ren nach Indien gebracht werden muss, weil man ihn dort auswildern will, wird Kelsey gebeten, ihn zu begleiten. Auf der Reise erfährt sie das Geheimnis des weissen Tigers: Ren ist ein verhexter Prinz, auf dem ein Fluch lastet. Er kann sich immer nur für wenige Minuten in einen Menschen zurückverwandeln. Und natürlich wird alles noch viel komplizierter ... Mich hat das Cover dieses Buchs angesprochen, aber auch das aussergewöhnliche Thema. Die Geschichte wird sehr farbig erzählt, und man erfährt auch viel über Indien – ein richtiger Ferienschmöker!».

Gefährliche Kaninchen Kirsten John 156 Seiten CHF 15.90 Arena

Jungs, die bellen, beissen nicht Leslie Margolis 194 Seiten CHF 11.90 S. Fischer

Seekers 1. Die Suche beginnt Erin Hunter 339 Seiten CHF 22.90 Beltz & Gelberg

Kuss des Tigers Colleen Houck 543 Seiten CHF 26.90 Heyne


42 | Mein Buch

Books Nr. 3/2012

Wir möchten von Orell-Füssli-Kundinnen und -Kunden wissen: Welches ist Ihr liebstes Buch? Heute antwortet Susann Egli aus Erlenbach. Erik Brühlmann

Wenn Susann Egli die Filiale von Orell Füssli am Bellevue in Zürich besucht, steht oft nicht nur Belletristik auf ihrem Einkaufszettel. Die 44-Jährige ist seit zwei Jahren Geschäftsführerin des Schweizerischen Vereins für Epilepsie «Epi-Suisse». «Ich suchte damals einen Job, bei dem sich Gesundheit und Soziales verbinden lassen», erinnert sie sich. Eine logische Folge ihrer Ausbildung: Die gelernte Kindergärtnerin machte eine Zweitausbildung als Sozialarbeiterin und ergänzte das Ganze mit verschiedenen Weiterbildungen im Bereich Management im Gesundheitswesen. «Meine jetzige Position ist sehr vielseitig, und das schätze ich.»

Das Lesevergnügen kommt dafür zuweilen ein bisschen zu kurz. «Ich war gerade in den Ferien und habe drei Bücher gelesen – aber alles in allem komme ich weniger zum Lesen, als ich es mir wünsche», sagt Susann Egli, die oft gute Tipps von den Mitarbeitenden bei Orell Füssli erhält. «Lesen ist für mich perfekt um abzuschalten, in andere Welten einzutauchen oder um mich zu erholen.» Ihre Lesevorlieben sind vielseitig, denn Abwechslung schätzt sie nicht nur im Berufsleben. Erst vor Kurzem hat sie zum Beispiel «Drachenspiele» von JanPhilipp Sendker gelesen – von jenem Autor, der vom cover dieser Ausgabe von «Books» lächelt. Aber auch Krimis stehen auf ihrer Leseliste. Eine Bedingung stellt Susann Egli allerdings an jedes Buch: «Ich muss es in Papierform in der Hand haben! Mit eBooks kann ich mich überhaupt nicht anfreunden.» Seit einigen Jahren sammelt die Erlenbacherin ihre Lieblingsbücher. «Ehrlich gesagt: Diese Bücher leihe ich auch nur sehr ungern aus», sagt sie. Dafür müsse sie sich jetzt wieder überlegen, ob es Zeit für ein neues Regal sei. Die Arbeit als Geschäftsführerin von «EpiSuisse» bringt es mit sich, dass sich Su-

sann Egli auch mit Fachliteratur beschäftigt. «Wir bieten Beratungen im sozialen Bereich an für Menschen, die von Epilepsie betroffen sind, und für deren Angehörige.» Die Zahl der Menschen, die in der Schweiz an Epilepsie leiden, ist erstaunlich hoch: 70’000 sind es offiziell. Rund 15’000 der Betroffenen sind Kinder. An deren Eltern richtet sich der Ratgeber «Epilepsien im Schulalltag». «Das Buch informiert nicht nur über die Krankheit an sich, sondern gibt auch speziell Antworten auf Fragen, die sich Eltern und Lehrpersonen von epilepsiebetroffenen Kindern stellen.» Es sei ein sehr verständlich geschriebenes Buch, sagt Susann Egli, und es gebe viele praxisbezogene Tipps. «Wie muss man sich bei einem epileptischen Anfall verhalten? Kann das betroffene Kind am Turn- oder Schwimmunterricht teilnehmen? Worauf ist im Umgang mit dem Kind zu achten?» Es sei wichtig, dass bei ungewöhnlichem Verhalten eines Kindes die Möglichkeit einer Epilepsie nicht ausser Acht gelassen werde.

Epilepsien im Schulalltag. Fragen, Antworten, Informationen Hansruedi Bischofberger et. al. 66 Seiten CHF 21.90 ParEpi

ISBN 978-3-404-16343-4

«Mit eBooks kann ich mich nicht anfreunden»

www.luebbe.de


DVD | 43

Alle Bücher finden Sie auch auf

Komödie /Drama

Drama

Drama

Kinder-CD

Intouchables – Ziemlich beste Freunde

Shame

Elles

Kasperli

Philippe ist reich, adlig, gebildet, sieht gut aus – aber er ist vom Hals an abwärts gelähmt. Eines Tages taucht Driss in Philippes geordnetem Leben auf. Der junge Schwarze wurde gerade aus dem Gefängnis entlassen und bewirbt sich bei Philippe nur deshalb um eine Stelle als Pfleger, weil er einen Stempel für seine Arbeitslosenunterstützung braucht. Seine unbekümmerte, freche Art macht Philippe neugierig. Spontan engagiert er Driss. Das ist der Beginn einer verrückten Freundschaft.

Brandon, ein smarter New Yorker, hat es sich in seinem Leben augenscheinlich komfortabel eingerichtet. Als Ablenkung von der täglichen Jobroutine wirft er sich in ein exzessives Sexleben voll schneller Affären und One-Night-Stands. Dieser Rhythmus droht jedoch einzustürzen, als seine psychisch labile Schwester Sissy unangekündigt vor seiner Tür steht und bei ihm einzieht. Ihre Anwesenheit treibt Brandon nur noch tiefer hinein in New Yorks düsteres Nachtleben ...

Die erfolgreiche Pariser Journalistin Anna (Juliette Binoche) recherchiert für einen Artikel über das Leben von Studentinnen, die ihr Geld als Escorts verdienen. Dabei stösst sie nicht nur auf klare, ungeschminkte und jeder falschen Romantik entzauberte Lebensentwürfe ihrer Informantinnen – sie findet in ihnen auch ein verstörendes Echo auf ihre eigene Karriere, auf ihre eigenen Bedürfnisse und auf das satte, verwöhnte, rundum abgesicherte Leben ihrer Familie.

Bis 1995 erschienen über 40 Kasperlihörspiele auf Mundart. Dann war Schluss. Doch jetzt feiert der Kasperli ein Comeback. Auf der neuen CD gibt es gleich zwei Geschichten zu hören: In «D Goldelia isch verschwunde» und «s Nünnelprinzässli und de Zaubersand» haut Kasperli den Bösen auf den «Näggel», seinen Freunden hilft er aus der Misere. Es spielen David Bröckelmann, Nik Hartmann, Hannes Hug, Fabienne Hadorn und Michel Gammenthaler.

Erscheint am 5. Oktober 2012

CHF 22.90

CHF 27.90

CHF 24.00

CHF 19.90

Ab 10 Jahren

Ab 16 Jahren

Ab 16 Jahren

Musikkassette Artikel-Nr.: 0041525PHO

EAN 7619965022984

EAN 7619965023103

EAN 7619965023219

EAN 7619949815250


44 | Kochbücher

books Nr. 3/2012

Geächtete Genüsse Fett, Zucker und Alkohol: In unserer gesundheitsbewussten Zeit gelten sie als die apokalyptischen Reiter der Ernährung. Drei neue Kochbücher bringen uns die verrufenen Lebens- und Genussmittel wieder näher. Benjamin Gygax

Wer ein Kochbuch mit dem Titel «Fett» präsentiert, provoziert. Das scheint Jennifer McLagan aber nicht zu kümmern. Die Autorin sieht zwar mit ihrem Pagenschnitt und der ovalen Stahlbrille eher brav aus, doch sie scheint eine Art Agent Provocateur des Kochbuchs zu sein: Ihr letztes Werk hiess «Odd Bits» und zeigte, wie der «Rest des Tieres» zubereitet werden kann. Ihrem neuen Buch stellt die Köchin aus Toronto ein fettes Plädoyer für ein «verrufenes Nahrungsmittel» voran. Zwar hätten die Herz-Kreislauf-Erkrankungen zugenommen, meint sie, doch der vermutete Zusammenhang zwischen tierischen Fetten, Cholesterin und Krankheiten sei rein spekulativ. Obwohl Fett auch an den Fronten von Ästhetik, Politik und Moral unter Beschuss geraten sei, bleibe unsere Abneigung dagegen auf jeden Fall unbegründet. Im Gegenteil zur öffentlichen Meinung seien einige Inhaltsstoffe tierischer Fette für unsere Gesundheit sogar sehr wichtig. Viel entscheidender als diese Argumente ist für McLagan aber etwas anderes: «Ich mag, wie Fett sich im Mund anfühlt, und ich liebe seine unterschiedlichen Geschmacksnoten. Als Köchin und Feinschmeckerin kann ich mir kein Essen ohne Fett vorstellen.» Und deshalb präsentiert sie uns auf rund 230 Seiten Beilagen, Vor- und Hauptspeisen sowie Desserts aus aller Welt – jedes Rezept voller Butter, Fett, Schmalz oder Speck und nicht ganz leicht, dafür aber geschmackvoll.

das Getränk verboten. Der Inhaltsstoff Thujon aus dem Wermuth ist ein Nervengift, und ihm wurde nachgesagt, Wahnvorstellungen, Depressionen und Blindheit hervorzurufen. In Wahrheit hatte die gesundheitsschädigende Wirkung der Bitterspirituose allerdings ihre Ursache eher in minderwertigem Alkohol. 2005 wurde der Absinth in der Schweiz wie in vielen anderen Ländern wieder erlaubt. Margaretha Junker widmet ihm jetzt ein ganzes Kochbuch mit dem Titel «Absinthe – Die grüne Fee in der Küche». Sie zeigt auf 100 Seiten, dass sich die vielschichtigen und kräftigen Aromen der grünen Fee nicht nur in Getränken gut machen, sondern auch in Suppen, Saucen, süssen und salzigen Gerichten. Leider erledigt die grüne Fee nach dem Essen nicht auch noch den Abwasch.

Zauberhaft

Zuckersüss

Während Fett erst daran ist, sein schlechtes Image loszuwerden, ist ein anderes Genussmittel seit einigen Jahren vollständig rehabilitiert: der Absinth, wegen seiner Farbe auch «die grüne Fee» genannt. Das hochprozentige Getränk aus Wermuth, Anis, Fenchel und Gewürzen war im 19. Jahrhundert – nicht zuletzt in Künstlerkreisen – sehr beliebt. Doch dann wurde

Wie eine Fee in der Küche wirkt auch Leila Lindholm auf den Fotos ihres neuesten Kochbuchs. Sie zeigen die beliebte schwedische TV-Köchin, adrette Kinder, Landhaus-Charme und viel geschmolzene Schokolade. Nun gut, ein Buch mit dem Titel «Hello Cupcake!» muss ja auch süss sein. Im Gegensatz zu Fett und Absinth wird Zucker allerdings vergeblich auf sei-

Fett – Loblied auf eine verrufene Ingredienz Jennifer McLagan 260 Seiten CHF 52.– Rotpunkt

Absinthe – Die grüne Fee in der Küche Margaretha Junker 100 Seiten CHF 28.90 AT

Hello Cupcake!

Fett, Zucker und Alkohol gelten als die apokalyptischen Reiter der Ernährungswissenschaft.

Leila Lindholm 128 Seiten CHF 28.90 AT

Fette Irrtümer – Ernährungsmythen entlarvt Paolo Colombani 173 Seiten CHF 26.90 Orell Füssli


Kochbücher | 45

Alle Bücher finden Sie auch auf

ne Rehabilitation warten: Er ist und bleibt ungesund. Neueste Untersuchungen schreiben ihm sogar eine ähnliche Suchtwirkung zu wie Nikotin oder Kokain. Doch das soll uns allen den Genuss nicht verderben – ein kleines Dessert gehört einfach dazu. Lindholm präsentiert 50 Cupcake-Rezepte mit Beeren, Lavendel, Karamell oder Nutella, denen man nicht widerstehen kann. Und wer noch nie von einem Whoopie gehört hat, wird auch diese Nascherei kennen und schätzen lernen.

Für Sie probiert: Butterhuhn Rezept aus dem nebenan besprochenen Buch «Fett» Hauptgang für 4 bis 6 Personen

Knallhart Sollten Sie nach einem üppigen Menu das Bedürfnis verspüren, etwas mehr über die Eigenschaften von Nahrungsmitteln zu erfahren, sollten Sie als Digestif in «Fette Irrtümer – Ernährungsmythen entlarvt» blättern. In diesem Buch fasst Paolo Colombani den Stand der Wissenschaft zu Kaffee, Kohlenhydraten, Fett und Cholesterin nüchtern zusammen. Der Dozent an der ETH und an der Universität Zürich nimmt uns viele Sorgen, nur eine Last kann er uns nicht abnehmen: Bewegung ist entscheidend – und wir haben zu wenig davon.

Zutaten: 2 Zwiebeln, gehackt 6 Knoblauchzehen, halbiert 30 g Ingwer, grob gehackt 8 Kardamomkapseln, nur die Samen 2 frische Lorbeerblätter 2 TL Kreuzkümmel, geröstet 1 TL schwarze Pfefferkörner 2 grüne Chilischoten, entkernt, gehackt 1 getrocknete rote Chilischote 1 Huhn von 1,4 kg (oder Keulen und Flügel) grobes Meersalz 2–3 EL Ghee 2 Stangen Ceylon-Zimt, je etwa 7 cm 400 g Dosentomaten 60 ml Rahm (35 % Fett) 115 g Butter, gewürfelt 2 EL Koriandergrün, gehackt 1 Limette

Zubereitung: Zwiebeln, Knoblauch, Ingwer, Kardamom, Lorbeerblätter, Kreuzkümmel, Pfeffer und Chilischoten zusammen mit 60 ml Wasser mixen, bis eine dünne Paste entstanden ist. Beiseitestellen. Das Huhn in 8 Stücke teilen und die Haut entfernen. Die Hühnerteile salzen.

In einer grossen Bratpfanne, die auch einen Deckel hat, 2 EL Ghee bei grosser Hitze erwärmen und darin die Hühnerteile portionsweise kräftig anbraten. Herausnehmen und beiseite legen. Auf ganz schwache Hitze reduzieren und die Zwiebel-Gewürz-Paste in die Pfanne geben. Mit einem Holzlöffel den Bratensatz lösen und alles gut vermischen. Zimtstangen, Tomaten mit Saft, 110 ml Wasser und 1 TL Salz zugeben. Alles zum Kochen bringen, Hitze reduzieren, die Pfanne zudecken und die Sauce unter gelegentlichem Rühren 30 Minuten lang köcheln lassen. Die Hühnerteile mit dem ausgetretenen Bratensaft in die Sauce geben. Zum Kochen bringen, Hitze reduzieren und das Huhn zugedeckt unter gelegentlichem Wenden etwa 30 Minuten köcheln lassen, bis es gar ist. Die Hühnerteile aus der Sauce nehmen und warmstellen. Die Zimtstangen ebenfalls herausnehmen, die Sahne in die Sauce geben und diese wieder zum Kochen bringen. Unter Rühren so lange kochen, bis sie eindickt. Von der Platte nehmen und die Butterwürfel unterrühren. Die Hühnerteile wieder in die Pfanne geben und in der Sauce wenden, bis sie gleichmässig davon überzogen sind. Mit Koriandergrün bestreuen, etwas Limettensaft darüber träufeln und mit Reis servieren.


46 | Orell Füssli

www.books.ch – jetzt auch auf Englisch! ml. In Zürich betreibt Orell Füssli «The Bookshop», eine Buchhandlung exklusiv für die Liebhaber englischsprachiger Literatur. Weil aber nicht alle Kundinnen und Kunden regelmässig in die Limmatstadt kommen, hat Orell Füssli jetzt neu einen Online-Bookshop aufgeschaltet – unter www.english.books.ch. Er bietet ein vollständiges Buchsortiment mit über fünf Millionen englischsprachigen Titeln. «The Bookshop online» präsentiert begeisterte Mitarbeiterempfehlungen, Titel Hot off the Press und Great-Price-Angebote. Die Kundinnen und Kunden können alle festlichen Specials des Ladens auch online erleben und die handverlesenen Titel per Internet bestellen. Darüber hinaus bietet der englische Online-Shop alle bekannten Vorteile von books.ch: Praktische Führung durchs Sortiment, Lieferung per Post oder in eine beliebige Filiale, aussergewöhnliche Aktionen und Leseproben.

books Nr. 3/2012

Der DESIGNOMAT macht Halt im Krauthammer

Foto: Oliver Bartenschlager/Styling: Maryam Afschar / Designartikel: Duftbaum von Sandy Reuter

Foto: Oliver Bartenschlager / Ort: Oerlikon

ml. Früher hingen an viel frequentierten Plätzen markante Zigarettenautomaten. Mittlerweile sind sie ebenso aus dem Strassenbild verschwunden wie die Raucher aus den Restaurants. Doch an ganz besonderen Orten trifft man sie noch immer an – denn einige Modelle wurden zu kleinen Kunstkiosken umfunktioniert. Das Konzept heisst DESIGNOMAT: Die Kästen spucken keine Zigaretten mehr aus, sondern winzige Designartikel, die in einer limitierten Auflage von 100 Stück hergestellt

wurden und in einer Zigarettenschachtel Platz finden. Dazu zählt zum Beispiel das Demo-Set «Schall & Rauch», mit dem man mal richtig Dampf ablassen kann. Oder kleine Chili-Umhänger aus Glas. Bis am 18. Oktober steht ein mobiler DEISGNOMAT auch im Krauthammer, der Kunstund Architekturbuch-Abteilung der OrellFüssli-Filiale Kramhof bei der Zürcher Bahnhofstrasse. Genau der richtige Ort für Kunst im Taschen(-buch-)format!

100% Cityguides inkl. App – die Städteführer für die Internetgeneration.

Alle 100% Cityguides wurden von jungen Journalisten verfasst, die in der Stadt leben und sie seit Jahren kennen. Orientierung bieten die beigefügten 100% Stadtteil-Pläne und die herausnehmbare 100% City-Map. Die hochwertigen Fotos und die ansprechende Gestaltung geben schon vorab einen kleinen Vorgeschmack auf die Reiseziele. Und es gibt noch eine weitere Innovation: Mit der kostenlosen 100% App, die dem Buch über einen Download-Code beigefügt ist, können alle Tipps, Texte, Pläne und Adressen des 100% Cityguides einfach auf das Smartphone herunterladen werden. Die App bietet weitere praktische Funktionen für die Reise: Audio-Sprachführer, U- und S-Bahn-Pläne, interaktive Stadtteilpläne, Routenplaner und die Möglichkeit, die angegebenen Adressen telefonisch oder online zu kontaktieren. Alle Bilder, Texte und Karten sind komplett offline, es entstehen keine Roaming-Gebühren. Die App funktioniert auf allen iPhones und Android-Smartphones.

A

uthentisch, schick und superpraktisch: Die 100% Cityguides sind eine neue Generation Reiseführer. Sie wurden maßgeschneidert für Städtekurzreisen und stecken voller Insider-Tipps. Ob Sightseeing, Shopping-Trip oder kulinarische Entdeckungsreise – mit dem 100% Cityguide erlebt der Reisende Städte, als wäre er mit einem Freund unterwegs, der ihm die Stadt zeigt. Die 100% Cityguides gibt es ab Herbst 2012 bereits für zweiundzwanzig spannende Metropolen: Von Amsterdam über Barcelona und Berlin bis hin zu Venedig und Wien. Das Konzept der 100% Cityguides ist dabei so unkompliziert wie bestechend: Auf sechs Spaziergängen in sechs typischen Stadtteilen werden die schönsten Sehenswürdigkeiten, angesagtesten Cafés und Bars und die einladendsten Restaurants vorgestellt.

Die 100% Cityguides inklusive App bilden so ein einmalig attraktives und preiswertes Komplettpaket für Städtetrips. Weitere Informationen unter www.100travel.de.


Orell Füssli | 47

Alle Bücher finden Sie auch auf

10 Jahre L*-Reihe Donna Leon, Henning Mankell, Leon de Winter – sie und viele andere Stars der internationalen Literaturszene lasen schon im Zürcher Kaufleuten. Im Rahmen der L*-Reihe gelingt es immer wieder, grosse Namen in die Schweiz zu holen. Markus Ganz

Werner Pawlok

Salman Rushdie nach seiner Lesung im Kaufleuten: Sämtliche Autoren der L*-Reihe werden vom Fotografen Werner Pawlok auf die gleiche Weise porträtiert – damit ist eine eindrückliche Galerie der bekanntesten Autorinnen und Autoren entstanden.

Niemand Geringerer als Salman Rushdie löste vor zehn Jahren die Literaturreihe «L*» aus. «Zufälligerweise erhielt ich damals die Gelegenheit, eine Lesung mit diesem grossen Schriftsteller zu veranstalten», erinnert sich Reto Bühler. Er war seinerzeit freier Organisator von Kulturanlässen mit Schwerpunkt Musik. «Kurz darauf wurden mir auch noch Lesungen mit Jonathan Franzen und Jeffrey Eugenides ange-

boten, so dass die Idee aufkam, ein festes Format zu machen.» Das Zürcher Lokal Kaufleuten stellte seinen Saal günstig zur Verfügung, bald ergab sich eine enge Zusammenarbeit mit der Kulturredaktion des «Tages-Anzeigers» und Orell Füssli. Seit Anfang dieses Jahres wird «L*» auch noch von der Zürcher Kantonalbank unterstützt.

Von Beginn weg war den Beteiligten klar: Man will sich auf die wirklichen Grössen der internationalen Literaturszene konzentrieren, die bislang kaum in der Schweiz zu hören waren und die ein neues Buch vorstellen können. «Wichtig ist zudem, dass auch die Kulturredaktion des ‹Tages-Anzeigers› vom neuen Buch überzeugt ist», betont Reto Bühler, der von 2004 bis Ende 2010 Programmleiter Kultur im Kaufleuten war und seit Anfang 2011 Gesamtleiter und Intendant des Musikklubs Moods ist. Entsprechend variiert die Anzahl Lesungen zwischen vier und acht Veranstaltungen pro Jahr. Auch fremdsprachige Autoren lesen jeweils aus dem Original vor, schweizerische oder deutsche Schauspieler tragen dann zusätzliche Buchausschnitte aus der deutschen Übersetzung vor. Zum Konzept gehört auch, dass ein Kulturredaktor des «TagesAnzeigers» eine Einführung gibt und nach der Lesung mit dem Autor spricht. Wichtig ist gemäss Reto Bühler auch, dass Orell Füssli auf die Veranstaltungen hinweist – mit einem Büchertisch in den Filialen, mit Hinweisen auf der Website oder in «Books». Es handle sich hier um ein klassisches Job-sharing, sagt Bühler: «Jeder Kooperationspartner macht in seinem Gebiet, was er kann.» Reto Bühler versucht zudem, den Autoren ihren Aufenthalt so angenehm wie möglich zu machen. «Besonders amerikanische Autoren staunen, dass die Lesungen in einem so grossen und trotzdem meistens ausverkauften Rahmen stattfinden.» Besonders gut in Erinnerung geblieben ist ihm die Lesung von T. C. Boyle: «Dieser zeigt an seinen Lesungen wahre Popstar-Qualitäten – und unterschreibt danach noch stundenlang Bücher. Berührend fand ich Ismail Kadare, eine grosse Persönlichkeit. Zu den eindrücklichsten Erlebnissen zählt für mich aber immer noch die Lesung von Salman Rushdie vor zehn Jahren.»

Die nächsten Lesungen 20. Oktober 2012: Julian Barnes 17. November 2012: Christoph Ransmayr

Beginn jeweils 20 Uhr, Kaufleuten Zürich. Weitere Informationen: www.kaufleutenliteratur.ch/l-reihe


48 | WETTBEWERB

Books Nr. 3/2012

Das Literatur-Kreuzworträtsel Unter den richtigen Lösungen verlosen wir Bücher-Gutscheine: 1. Preis: CHF 200.–, 2. Preis: CHF 100.–, 3. Preis: CHF 50.–, 4. bis 10. Preis: je CHF 20.–.

✁ Lösungswort: Vorname / Name Adresse Bis am 15. Oktober 2012 in einer der Orell-Füssli-Filialen in Zürich, Basel, Bern, Winterthur, Frauenfeld, am Flughafen Zürich oder bei Rösslitor Bücher in St. Gallen abgeben – oder per E-Mail an: books@books.ch. Über den Wettbewerb wird keine Korrespondenz geführt.

PLZ / Ort E-Mail


VERANSTALTUNGEN | 49

Alle Bücher finden Sie auch auf

Veranstaltungen von Orell Füssli September 19.

Filiale Bellevue, Zürich

27.

Oktober 20.30 h

«Schön ist das Leben und Gottes Herrlichkeit in seiner Schöpfung»

3.

Filiale Westside, Bern

3.

Rösslitor Bücher, St. Gallen

14-17 h

21. Filiale Kramhof, Zürich

31. 20 h

«Gallus-Stadt 2012»

20.15 h

«Der Blutsfeind»

Filiale Kramhof, Zürich

18 h

«Scrapbooks 1969-1985» Buchvernissage mit dem Schweizer Fotografen Walter Pfeiffer

11.

Filiale Winterthur

2.

Lesung und Gespräch mit Beat Schlatter und Stephan Pörtner

Handanalysen mit Monika Hauser

3.

Filiale Winterthur Ganzer Tag

Jubiläum: 15 Jahre Orell Füssli in Winterthur Feine Leckereien für alle Kundinnen und Kunden; Theo der Bär verteilt Ballone; grosser Theo-Wettbewerb für alle Kinder

«Der kleine Buddha» Buchvorstellung und Bühnenprogramm mit Linard Bardill. Veranstaltet von der Kellerbühne in Zusammenarbeit mit Rösslitor Bücher.

«Wia gsait!»

5.

Rösslitor Bücher, St. Gallen

Filiale Kramhof, Zürich

Buchhändlerinnen vom Rösslitor servieren ab 20 h literarische Leckerbissen; das Team vom Kafi Rössli kümmert sich ab 19 h um das leibliche Wohl

7.

Filiale Westside, Bern

8.

Filiale Winterthur

«So wa(h)r es!»

26.

The Bookshop, Zürich

20.30 h

Filiale Winterthur

19-21 h

Zürich liest mit Mitra Devi und Petra Ivanov

26.

Filiale Bellevue, Zürich

12.–17. Filiale Frauenfeld

27.

Lesung von Beat Schlatter

29.

Filiale Kramhof, Zürich

Filiale Kramhof, Zürich

14-17 h

Wendolina zu Besuch in der Kinderwelt

13.

14-17 h

Wendolina zu Besuch in der Kinderwelt

19 h

«Rondell-Woche»

20 h

«Bin gleich zurück»

Handanalysen mit Monika Hauser

20.30 h

Zürich liest Patrick Tschan liest aus «Polarrot»

Rösslitor Bücher, St. Gallen

17-20 h

Lassen Sie sich in zehn Minuten aus der Hand lesen und erfahren Sie Neues über sich

Book Club First Book Club meeting at The Bookshop. Discuss with us the new book by A.D. Miller

28.

15-17 h

Malen in der Buchhandlung

20.15 h

Buchpräsentation mit Adolf Ogi

27.

19 h

Literaturcafé

Flurin Caviezel hat seine Morgengeschichten aus dem Radio in einem Buch veröffentlicht – und präsentiert sie jetzt live mit viel Musik. Veranstaltet von der Kellerbühne in Zusammenarbeit mit Rösslitor Bücher.

26.

19-21 h

«Bin gleich zurück»

Kellerbühne St. Gallen, St. Georgenstrasse 3 20 h

Kellerbühne St. Gallen, St. Georgenstrasse 3 20 h

apassion4BOOKS – Kunstbücher

Filiale Winterthur

24./25./27.

24./25.

19.30 h

November

17-20 h

Lassen Sie sich in zehn Minuten aus der Hand lesen und erfahren Sie Neues über sich Lesung von Mitra Devi und Premiere des Dokumentarfilms «Crime – Auf Spurensuche mit Krimiautorin Mitra Devi» von Bea Huwiler

Filiale Kramhof, Zürich

Olivia Bosshard von KION im Gespräch mit illustren Gästen

Buchvorstellung.

3.

20 h

Zürich liest. Get infected by Justin Cronin‘s «The Twelve»

Bastle ein Windrad mit Clown Wendolina

Buchvernissage mit Corinna T. Sievers

The Bookshop, Zürich

Fear The Dark

27.

Filiale Kramhof, Zürich

Kaufleuten Zürich

20 h

«Capital» Lesung von John Lanchester. Veranstaltet durch The Bookshop

18.30 h

Zürich liest ab 16 h Slampoetin Lara Stoll ab 17 h Verleihung der Zürcher Lyrik-Preises 2012

21.

Filiale Bellevue, Zürich

Jubiläum: 15 Jahre Orell Füssli am Bellevue Jubiläumsprogramm bis 1. Dezember 2012

27.

Filiale Bellevue, Zürich

18.30 h

Zürich liest Helmut Kuhn liest aus «Gehwegschäden»

Mehr Veranstaltungen und Informationen finden Sie auf www.books.ch


50 | Kolumne

Schriftstellerinnen und Schriftsteller werden immer wieder nach dem Geheimnis ihrer Kreativität, nach den Regeln der Selbstdiziplinierung befragt – vermutlich deshalb, weil sich keiner vorstellen kann, dass Bücher oder Theaterstücke zu verfassen dermassen langweilig sein kann, wie es nach den zaghaften Auskünften der Autorinnen und Autoren scheint. Da muss doch noch ein Geheimnis sein, etwas Funkelndes, Verbotenes, das mit Rauschmitteln zu tun hat oder mit abgedunkelten Speicherräumen. Ist aber nicht. Da ist nichts. Die These des Wissenschaftlers Dr. K. Anders Ericsson lautet: «Menschen benötigen 10’000 Übungsstunden, um aussergewöhnliche Fähigkeiten zu entwickeln.» Ich brauchte zehn Jahre, ungefähr, um das Schreiben zu lernen. Über das Kopieren und Verwerfen, Lesen und Verzweifeln zu einem Stil zu finden, der mich im Ausdruck meiner Gedanken und Thesen nicht behindert. Danach konnte ich es, danach zweifelte ich nicht mehr. Oder weniger. Jedes fertige Buch ist ein gescheiterter Versuch – aber wenigstens einer auf einem sauberen Niveau. Nach zehn Jahren Übung, an die ich mich nicht mehr erinnern kann, begann ich, mit dem Verfassen von Büchern, Essays und Theaterstücken meinen Lebensunterhalt zu verdienen. Ich schreibe meist im Wechsel: alle zwei Jahre ein Buch, danach zwei Theaterstücke, dazwischen Aufsätze für Zeitungen, Reiseberichte, Kriegsreportagen – alles, was anfällt, wird erledigt. Ich stehe jeden Morgen gegen sieben Uhr auf, frühstücke und schreibe bis zum Mittag. Dann erledige ich Anfragen, Kolumnen, leichtere Texte, am späten Nachmittag geht es weiter

mit dem Buch oder dem Stück. Die Ideen dazu sammle ich vorher über Monate, in denen ich versuche, das, was mich oder die Welt gerade beschäftigt, in eine Theorie oder in eine Überschrift zu pressen. Diese steht dann über dem Text. Bei Büchern und Stücken bin ich mir über die zu erzeugende Stimmung klar, über den Anfang und das Ende. Dazwischen führe ich textliche Untersuchungen durch zur Lage, die ich begreifen will. Die ich aber auch am Ende nie begreife. Die grosse Überschrift über den kleinen Überschriften ist immer: Wie halten Menschen ihr Leben aus? Wie ertragen sie es in möglichst angenehmer Art, um ihren Tod zu wissen und dennoch weiterzumachen? Erste Sätze sind völlig überbewertet. Ich habe keine Angst vor ihnen, denn man kann schlechte Sätze einfach löschen und durch gute ersetzen. Angst habe ich nur vor dem Danach. Vor der Vermarktung der Arbeit, ohne die es heute nicht mehr geht; ohne die nichts mehr geht. Sie beinhaltet, dass ich missverstanden werde, weil ich nicht klar genug war. Missverstanden – und dann denke ich immer darüber nach, was dieses Wort meint, welchen Grössenwahn es einschliesst, und mir wird es furchtbar peinlich. Die Überschrift «erforschen, wie man das Leben aushält» verdrängt, dass alles, was man tut, nicht viel bedeutet. Ausser man ist Mediziner, Forscher, Gandhi. Ich weiss, dass das, was ich schreibe, nichts ändert – und dann lande ich schon wieder im Grössenwahn und bin mir peinlich. All das passiert erst nach der Fertigstellung eines Buchs. Während ich am Buch schreibe, ist alles gut. Ich will alles einfach nur gut machen, so gut es gerade geht, und schreibe vom Morgen an und mache mittags eine Pause, und das war es auch schon mit dem aufregenden Schriftstellerinnenleben. Mehr ist da nicht. Vermutlich geht es jedem, der arbeitet, nicht anders. Man glaubt an sich, man zweifelt an sich, man findet sich lächerlich und das zu

Recht. Das Gute daran ist einzig, dass ich mein Leben zu Hause verbringen kann, ohne einen Vorgesetzten, ohne Kollegen, die vielleicht aus irgendwelchen Gründen schlecht gelaunt sind. Ein unglaublich gutes Leben habe ich, auch wenn ich weiss, dass es bald endet.

Foto: Katharina Lütscher

Schweizer Autorinnen und Autoren erzählen in «Books», wie sie schreiben. Heute: Sibylle Berg

Books Nr. 3/2012

Sibylle berg Sibylle Berg, 1962 in Weimar geboren, lebt und arbeitet in Zürich. Sie schreibt Bücher, Theaterstücke und auf spiegel.de eine wöchentliche Kolumne. In diesem Sommer ist ihr neuer Roman erschienen:

Vielen Dank für das Leben 400 Seiten CHF 32.90 Hanser


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Blockhausferien in Finnisch Lappland Verbringen Sie unvergessliche Ferientage im gemütlichen Blockhaus und erkunden Sie das Winterwunderland auf den Kufen eines Hunde- und Motorschlittens. Als Leser/in von Books erhalten Sie für Ihre Ferien im hohen Norden exklusiv einen Roman des finnischen Kultautors Arto Paasilinna.

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