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Fahrerwechsel

Bernadette Pieber


Ich weiß nicht, aber ich traue ihm einfach nicht. Da können sie noch so sehr den Fortschritt preisen und die Annehmlichkeiten der neuen Ära, aber der alte Wessely war mir trotzdem, verzeihen sie den Ausdruck, am Arsch lieber als dieser sogenannte Hannes Diehsel beim glatten Gesicht. Es reicht doch schon, dass so einer wie der heutzutage in jedem öffentlichen Amt, in jeder Telefonzentrale und in jeder Dienstleistungsbranche zu finden ist, sogar in der ältesten der Welt, was ich besonders abartig finde. Aber im Straßenverkehr? Sicher, die werden nie krank, sind immer höflich und korrekt, haben keine Schwankungen und fahren bei Regen und Schnee genauso unbeirrbar perfekt wie bei trockener Fahrbahn und Sonnenschein. Keine irrationalen Handlungen, keine Übermüdung, keine Fehlreaktionen. Aber um das geht’s eben in Wahrheit nicht. Der alte Wessely war kein guter Mensch, eher ein Charakterschwein, und das nicht mal im Verborgenen. Jeder, der täglich mit dem Siebener zur Arbeit und retour muss, bekam es mit, denn er hielt weder mit seiner Meinung noch mit den Details aus seinem Privatleben hinter dem Berg, und eigentlich hätte so ein Schild in den Bus gehört: „Es ist dem Fahrer während der Fahrt verboten, mit den Fahrgästen zu sprechen“.


Der alte Wessely hatte die Klappe jedenfalls immer offen und erzählte jedem, der es hören oder nicht hören wollte, in welchem Bordell er dieses Wochenende wieder einen drauf gemacht hatte, in welcher Kneipe er voriges Wochenende unter dem Tisch gelegen oder die Zeche geprellt hatte, er brüstete sich mit Schlägereien, die er angezettelt hatte genauso wie mit den zahlreichen Gerichtsprozessen, die anschließend gegen ihn ins Laufen gebracht wurden. Das hinderte ihn jedoch nicht daran, seinerseits allen Nachbarn wegen jeder möglichen Lappalie die Polizei auf den Hals zu hetzen. Er war eine richtige Pest, hinterhältig, schadenfroh und primitiv und weder seine Frau noch seine Kinder und Enkelkinder waren zu beneiden. Trotzdem war er ein guter Fahrer. Ich sage ausdrücklich nicht ein perfekter, denn wer fühlt sich angesichts eines Hannes Diehsels oder wie sie immer heißen, nicht befangen und unwohl, sondern ein guter Fahrer, aus dem einfachen Grund, weil er an seiner jämmerlichen Existenz hing, so wie jeder Mensch, so wie wir alle, die auf den sicheren Transport im Siebener angewiesen sind. Sicher fluchte er beim Fahren und belegte die anderen Verkehrsteilnehmer mit den unflätigsten Ausdrücken, und das wird mir sicher nicht fehlen.


Was mir fehlen wird ist sein Überlebensinstinkt, dieses rattenartige Wittern von Gefahr schon im Vorfeld um dann immer rechtzeitig die Kurve zu kratzen. Ja, er hatte etwas von einer Ratte: Schmierig, nervös, feige und prinzipiell auf den eigenen Vorteil bedacht. Um sein eigenes Überleben ging es ihm, um nichts anderes, doch damit garantierte er unseres eben auch. Seine Antennen waren immer ausgefahren und oft beobachtete ich ihn von hinten, wie er den Bus mit schlafwandlerischer Sicherheit durch das Chaos des hiesigen Nahverkehrs navigierte, über alle dreißig Spuren unserer Autobahn, die kreuz und quer überunter- und durcheinander laufen, um nicht nur den letzten paar altmodischen ein- und zweispurigen Fahrzeugen der Reichen, sondern auch den moderneren öffentlichen Luftkissengefährten und vor allem den neuartigen zahlreichen Flugkörpern Raum zu geben. Trotz des ganzen Geschwafels von der neuen Verkehrsordnung des dritten Jahrtausends, den unzähligen, über die letzten Jahre eingeführten neuen Regeln und Zeichen, die einen Sicherheitsstandard gewährleisten sollen, der einer Gesellschaft wie unserer würdig ist, nehmen die Unfälle einfach nicht ab. Im Gegenteil.


Ich glaube, das ist auch der Grund, warum dieser Hannes Diehsel jetzt im Fahrersitz vom alten Wessely sitzt, und warum in allen anderen Transportmitteln des öffentlichen Nah- und Fernverkehrs auch einer sitzt. Die sollen jetzt die Unfallstatistik senken und alles menschliche Versagen soll im Dunkel des Vergessens verschwinden. Die Europaregierung kann sich einen neuen epochalen Triumph an die Fahnen heften, im Namen des Fortschritts und der Technik, zum Wohle der Allgemeinheit, etcetera, bla bla. Ich glaube nicht daran, zumindest nicht zu hundert Prozent, und dieser unsägliche Hannes Diehsel da vorne, der starr auf die Straßen blickt und seine Hebel wie ein Schweizer Präzisionsuhrwerk bedient, macht mich nervös. In Wirklichkeit sitzt dort vorne niemand, sondern der Bus rast vollautomatisch und ohne jede bewusste Kontrolle im Blindflug durch den Fließverkehr. Den anderen Fahrgästen geht es auch nicht besser als mir, das spüre ich, schweigend und angespannt sitzen sie da, den Blick fest auf Diehsels Hinterkopf gerichtet, als ob sie ihn und seine Aktivitäten damit telepathisch unter Kontrolle bekommen könnten. In Wirklichkeit fühlen sie sich den wilden physikalischen Kräften, die der alte Wessely so meisterhaft zu handhaben wusste, auf einmal hilflos


ausgeliefert, und einige beten insgeheim sicher schon, obwohl das in unserer Gesellschaft mehr als nur rückständig ist. Wer braucht einen Gott, wenn er einen Hannes Diehsel haben kann? Es ist aber auch ein Unterschied, ob so einer in einem gut klimatisierten Büro vor deiner Nase sitzt, in Gärtnermontur deinen Rasen pflegt oder bei über dreihundert Stundenkilometern für dein nacktes Leben verantwortlich ist. Da kann er noch so einen sympathischen deutschen Namen bekommen haben, so wie all die anderen seiner Art. Trotzdem hatte der alte Wessely, so unsympathisch er wiederum war, recht, als er an seinem letzten Arbeitstag nur höhnisch lachte, auf den Boden spuckte und sagte: „Diese Wahnsinnigen vom Europaparlament werden schon sehen, was sie sich damit einbrocken, und mein Arsch hat heute das letzte Mal einen Bus von innen gesehen. Lieber gehe ich zu Fuß als dass ich mich von so einem rumkutschieren lasse!“ Dem alten Wessely trau ich das sogar zu, der ist stur genug, und einen eigenen Pkw kann der sich sowieso nicht leisten, das können heutzutage nämlich die wenigsten.


Soviel nur zum Lebensstandard, der sich laut unserer Herren Politiker längst in schwindelerregenden Höhen befinden sollte. Jedenfalls bleibe ich dabei, ein Wesen das den Tod nicht kennt, sollte kein öffentliches Fahrzeug lenken, von mir aus können sie mir diese Roboter überall anders vor die Nase setzen, dort wo es um nichts Wesentliches geht, sie sollen mir von mir aus die Haare schneiden oder meine Steuererklärung machen. Aber mein Leben, meine kostbare Existenz, sollen sie nicht in der Hand halten. Diesem serienmäßigen Diehsel haben sie zwar ein Selbst- und Fremderhaltungsprogramm eingepflanzt, doch Angst kennt er nicht und auch nicht den unbedingten Willen, um jeden Preis weiter zu existieren. Die kennt nur ein Mensch, sie ist sein biologisches Erbe aus unzähligen Jahrmillionen der Evolution. Diesmal sind die Politiker wirklich zu weit gegangen. Aber denen ist es offenbar egal, ob und wann es uns samt ihrem grinsenden Automaten aufklatscht... Schließlich fahren die nicht mit den Öffis.

Fahrerwechsel  

Seit sie den alten Wessely ersetzt haben, ist man im 7er seines Lebens nicht mehr sicher ...