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Liebe Leserinnen und Leser, diese Nullnummer von Super INKA lädt zu einer kleinen Lesereise mit Themen, für die man sich etwas Zeit geben kann und muss. Wir stammen aus Karlsruhe und schon der Name Super INKA ist in dieser eher zurückhaltenden Stadt eine bizarre Überhöhung. Wobei „Super INKA – Super Stadt“ auch eine gute Losung wäre. Es ist eine tolle Stadt, derzeit und schon länger in steter, manchen zu heftiger, manchen zu langsamer Umwälzung. Da beim Wörtchen „Super“ in Verbindung mit Zeitung fast jeder an die „Super Illu“ denkt: In München gibt’s z. B. „Super Paper“, das elektronische Musik und Kunstthemen im Tageszeitungsformat verknüpft. Aus München stammt vom Magazin „IN München“ auch der Name INKA: Dort arbeiten alte Kollegen vom „Blatt“, der Stadtzeitung in München, in der ich „sozialisiert“ wurde. INKA hat also nix mit Maja zu tun, wobei das auch ein guter Name wäre für ein Stadtmagazin in Mannheim, aber da gibt’s sowas ja nicht mehr. Dort setzt man lieber auf „Staatsfeuilletonismus“, da weiß man, was man hat! Die Magazine der finanziell vergleichsweise feudal ausgestatteten Metropolregion werden u.a. der FAZ und der SZ beigelegt. Und sie verfügt auch ohne Stadtmagazine von Qualität über mehrere Tageszeitungen, in Heidelberg, den „Mannheimer Morgen“ und die „Rheinpfalz“, letztere hat wiederum ein Quasimonopol in der Pfalz; der BNN-Verlag mit „Kurier“ und „Sonntag“ ein ebensolches in Karlsruhe. Hier hat sich INKA trotz Anzeigenfinanzierung einen guten, objektiven Ruf verschafft, unsere Onlineausgabe inka-magazin.de ist – auch da sie eine einzigartige Linkschleuder zu Karlsruhe darstellt – bundesweit top im unabhängigen Onlineranking von seitwert. de. Wie ja bekannt ist: Wenn es irgendwo brennt, veröffentlichen wir als „Anzeigenblatt“ sogar so etwas wie Meinung. Die muss man sich natürlich leisten können, ebenso die sehr vielen komplett

S Ü D W E S T

unkommerziellen (Kultur-)Texte, die wir jede Ausgabe bringen. Als wir vor 14 Jahren begannen, war eines unserer Alleinstellungsmerkmale, dass selbst unsere PRTexte auf eloquenter Info-Ebene bleiben und keine Überhöhungen stattfinden. Inzwischen ist alles Werbung, Marketing. Pressefreiheit und Pressevielfalt sind bedroht – nicht nur bundesweit, sondern vor allem lokal. Nur noch wenige Städte in Deutschland verfügen über eine gewisse Pressevielfalt. In der Regel – so auch in Karlsruhe – richtet man sich gut miteinander ein, Monopol hin oder her. Auf Sicht ist das fatal, auch für die Demokratie. Meinungsvielfalt und Marketing haben heutzutage auf extrem direkte Art und Weise miteinander zu tun. Und „Redaktionsmarketing“ ist das Zauberwort der Medienszene. Vieles davon ist für den Leser überhaupt nicht mehr erkennbar. Wie das alles funktioniert, steht auf unserer Medienseite. Auch aus diesem Grund sehen wir unsere LeserInnen (wie auch bei INKA) bei denjenigen, die sich in Karlsruhe auch über Medien wie die SZ, FAZ, taz, den „Spiegel“ oder „brand eins“ informieren. Oder in anderen guten lokalen Medien, die wir auf unseren Medienseiten zukünftig auch präsentieren werden. Nun ist in unserer ersten „Super INKA“-Ausgabe vielleicht noch nicht alles „super“, die Themen allerdings wichtig. Sie war erstmal ein Testlabor, vor allem das Format ist im Vergleich zum INKA-Pocketformat schon mal super und bietet super Entwicklungsmöglichkeiten, auch die Schriftgröße ist supergroß. Die Nullnummer ist parallel zu unseren INKA/Regio-Sommer-Doppelausgaben entstanden und wird im gesamten Südwesten und natürlich in Karlsruhe und der Region verteilt. Als festen Projekttexter haben wir Friedemann Dupelius dazugeholt, der inzwischen in Köln als Musikproduzent und Kulturtexter lebt und regelmäßig Features und Beiträge u.a. auch für den WDR produziert.

Warum Super INKA? Ist es schlau oder endverblödet, mit „Bleiwüsten“ die Instagrammisierung der Gesellschaft auszukontern? In Super INKA soll einfach nur Platz für Meinung und Lesethemen sein, die in der Stadt aufgrund ihrer Presselandschaft sonst eher weniger zum Zuge kommen. Auch sehen wir mit Sorge, wie sich der Stellenwert von Kultur zu verändern beginnt. Aber natürlich können wir unsere meist stark komprimierten INKA-Texte und -Themen künftig auch mal opulenter in Text und Visuals und somit besser präsentieren. Oder auch mal über den Tellerrand der Kulturregion hinausschauen – wie etwa Friedemann Dupelius in seinem kulturfeuilletonistischen Ausflug. Dieser führte ihn von der Vitra-Clubausstellung in Weil am Rhein zu neuen Ansätzen der Clubkultur und hin zu Hybrid-Clubs und der hiesigen Offspace-Künstlerszene. Zwischendurch tauchte er in Karlsruhe ab – und verbrachte nahezu einen kompletten Tag bei Forschern im Naturkundemuseum. Ein anderes, gesellschaftspolitisch wichtiges Thema ist „Markt und Moral“. Hierzu forscht die junge Professorin Nora Szech an ihrem Lehrstuhl für Politische Ökonomie am KIT. Szech ist schon seit Längerem auch als Autorin im SZ-Wirtschafteil präsent. Wir sprachen mit ihr über ihre Forschung und ihr Leben. Vorweg: Toll, dass solche Menschen in der Stadt sind! Ebenfalls ein ständiges Thema in Super INKA soll auch der Bereich Stadtplanung und -entwicklung werden. Schönerweise hat sich als Auftakt zu diesem komplexen Thema Stadtplanungsamts-Chefin Anke Karmann-Woessner interviewen lassen; in einer Zwischenphase, denn im Herbst 2018 soll der neue Baudezernent Fluhrer sein Amt antreten. Ein weiteres Thema ist natürlich auch die Kunstszene, der wir hier nochmal ganz anders Raum geben können. Sonja Maria Krämer, Kunsthistorikerin und INKA-Marketing-Leitung, traf sich zum Interview mit der neuen Tübinger Kunsthallen-Chefin Nicole Fritz und sprach mit ihr über die Kunsthäuser im Würt-

Maxin10sity, „STRUCTURES OF LIFE“, 2017, Schlosslichtspiele, © Photo: Uli Deck

EINTRITT FREI!

SKarlsruhe︱28. C H L OJuliSbisS9.LSeptember I C H T2018︱Eintritt S P I E Lfrei! E www.schlosslichtspiele.info

Die Schlosslichtspiele finden am Samstag, 4. August 2018, aufgrund der Karlsruher Museumsnacht (KAMUNA) nicht statt.

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tembergischen. Dass das Künstlerleben kein Zuckerschlecken ist, verrät das Porträt des Karlsruher Malers Martin Krieglstein von Patrick Wurster. Die vieldiskutierten neuen Arbeitsformen verändern auch die Anforderungen an das Büroumfeld. Unser Gastautor Seven-Kaun Feederle war am Ausstellungsdesign der neuen Wissenstransfer-Plattform „Open Codes“ am ZKM beteiligt, ist ein absoluter Experte in Sachen Coworking-Spaces und hat für uns Thesen aus seiner Uniarbeit zum Thema „Neues Büro“ zusammengestellt – ein Beitrag zu den vieldiskutierten „Neuen Arbeitsformen“. Wir bedanken uns bei allen Beteiligten, ganz herzlich und explizit bei unseren Medienpartnern, die sich auf unsere kurzfristige „Super INKA“-Info spontan zurückgemeldet haben, bei Sascha Fronczek für die grafische Gestaltung – und dem Karlsruher Graffiti-Künstler Christian Krämer alias DOME für das Titelmotiv. Seine Arbeit „Imagination Conquering The World“ in der Alb-Brückenunterführung am Entenfang auf dem Radweg Richtung Grünwinkel bezieht sich auf die beiden von der Grafikagentur Magma einige Jahre zuvor an die Brückenwand geschriebenen Absätze des Eichendorff-Gedichts „Frühlingsmarsch“. Mit der Vorstellungskraft eines Kindes soll die gesprayte, auf der Alb wassernde Papierbootflotte Weltoffenheit, Neugierde und Entdeckergeist darstellen. Die erste reguläre und erheblich erweiterte „Super INKA“-Nummer 1 wird im neuen Jahr erscheinen. Wer Beiträge hat, Themen, fertige Texte, Leserbriefe – einfach mit dem Betreff „Super INKA“ an redaktion@inka-magazin.de mailen. Wir wünschen allen einen schönen Sommer & gute Urlaubslektüre! Roger Waltz & das gesamte INKA-Team


ZUR PRESSESITUATION IN KARLSRUHE UND ANDERSWO Von Roger Waltz

Tourismus und City Initiative eine Folge von Treffen, Mails und Diskussionen, in denen es um die Karlsruher Presse- und Medienlandschaft ging. Hier ein kurzer Mailauszug:

Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie ein kluger und belesener Zeitgenosse einmal bei uns in der Redaktion anrief, weil er wissen wollte, weshalb wir im INKA Stadtmagazin keine Gastro-Verrisse brächten. Ich erklärte ihm, dass wir kein Geld für Verrisse haben, da die Druckpreise extrem hoch seien. Und uns ansonsten auf neutrale Formulierungen zurückziehen. Und unsere Gastro-Texte keine Überhöhungen enthalten. Er war dann rund zwei Stunden bei uns und wir sprachen darüber, wie die Presse in Karlsruhe und Deutschland heutzutage so funktioniert. Es war ernüchternd. Auch die ehrwürdige SZ hat in ihrem Freitagsmagazin das schöne böse Wörtchen „Redaktionsmarketing“ stehen – im Impressum. Preise schöner empfohlener Produkte: bis zu sechsstellig.

Der Sonntag: Monopolsonntagszeitung (es gab mal noch 2 andere), wichtiges Instrument des BNN-Redaktionsmarketings (Kultur in Karlsruhe, Kulturkreis, SSG u.v.a.) Kurier: nach wie vor gute Leserakzeptanz (durch Beilage der Stadtzeitung) Wochenblatt: kaum Akzeptanz, redaktionelle Wertigkeit gleich null BNN-Hauptausgabe Stadt: Auflage 31.000, gesamt ca. 115.000. Leserakzeptanz in der Stadt: schlecht, profitable Regio-Ausgaben. Vergleich: Mannheimer Morgen Auflage 80.000, trotz Rheinpfalz in LU: Pforzheim BNN 5.000, PF dortige Tageszeitung 35.000. Mitverteilen durch den BNN-Verlag (SZ, FAZ, FR, taz etc.): ca. 10.000. Seit 2 Jahren redaktionelle Öffnung (teils Politik, Kultur, KAKultur jedoch nur in der Hauptausgabe, Region bekommt nichts mit), BNN-Verlag erhielt quasi alle Mittel aus dem Kooperationsmarketing (nur positive Baustellenberichterstattung). Keinerlei (auch redaktionelle) Redaktion auf die Abwanderung aus der Region oder Erhöhung der „Durchlaufseiten“ (Südwestecho, Kultur). Abschottung der profitablen Regionalausgaben. Aggressives Redaktionsmarketing. Zahlreiche Sonderbeilagen auch im Kulturbereich, der die Kulturmagazine betrifft. Die BNN erreicht mit 31.000 Auflage in ihrem Kerngebiet KA Stadt offenbar nur die Leser, die nie weg waren. Da der Altersschnitt aller Tageszeitungsabos in Deutschland bei ca. 61 Jahren liegt, dürfte dieser bei den BNN deutlich höher sein. Kritische Themen werden auf den Leserbriefseiten abgehandelt, eigene nicht gesetzt.

Allerorten ist von Fake News und dem Verschwinden des klassischen Journalismus zu lesen – und was ist in Karlsruhe los? Hier dominiert der hiesige BNN-Verlag mit seiner Tageszeitung, „Kurier“, „Sonntag“ und inzwischen auch einer Website den Pressemarkt zu geschätzt 95 Prozent. Nun war die BNN 60 Jahre lang eine am rechten Rand angesiedelten Zeitung, die vom Minirock über den Rock’n’Roll bis zu den 68ern, Punk und Graffiti auf alles lederte, was „neu“ war. Vermarktet wird all das derzeit in einer lokalen Erinnerungs-DVD, die sich aus Leserbeiträgen speist – eine sehr bizarre Form von Marketing. Die gerade lokalpolitisch stramm rechte redaktionelle Ausrichtung ist mit Sicherheit neben einer hohen Einwohnerfluktuation und dem Webeinfluss auch mit ursächlich für die niedrige Stadtauflage der Monopol-Tageszeitung von rund 31.000 Exemplaren. Mit neuen Beratern rührte man eine Redaktionsmarketingmaschinerie an, die der Leser nicht durchschauen kann. Ein Trommelfeuer an Sonderbeilagen unterschiedlichster Qualitäten wie „Auf in die Pfalz“ oder Beilagen für Kultur- und Bildungseinrichtungen oder das Abwerben kompletter Marketingbudgets hinter den Kulissen sowie städtischer „Instrumente“ wie „Kultur in Karlsruhe“ machen für den Leser undurchschaubar, was PR-Zwecken dient, was bezahlt und was reelle Info ist. Auch ist klar, dass die Stadt zur BNN-Redaktion langjährigste Verbindungen pflegt, was ja ganz normal ist. Allerdings hat das Auswirkungen auf die Pressevielfalt in Karlsruhe. Nehmen wir den einfachen Fall: Wir bereiten ein größeres Thema vor und möchten jemanden „Offizielles“ interviewen. Dieser gibt das Interview natürlich zum Presseamt; irgendwie erfährt die BNN davon und reitet das Thema noch vor unserer Veröffentlichung „zu Tode“, indem sie eine Flut von Artikeln zur Sache bringt. Ein normaler Vorgang. Ende November startete in Folge des Umbaus des städtischen Marketings, Karlsruhe Marketing und Event GmbH (KME), Karlsruhe

Sämtliche Analysen landeten direkt in den BNN. Eine der Folgen: Inzwischen zieren in rascher Folge die Oberbürgermeister der Region aus dem Verbreitungsgebiet der BNN die Titelseite der Stadtausgabe mit längeren Interviews; Sonderbeilagen-

druck gegebenenfalls inklusive. Die Gespräche mit dem Karlsruhe Tourismus, der KME und dem nun nach Pforzheim abwandernden Citymanager Sascha Binoth liefen bis in den Januar hinein. Letzterer gab dabei unumwunden zu, INKA von allen städtischen Förderungen wie solcher aus dem Kooperationsmarketing abgeschnitten zu haben. Samt langjähriger „Bearbeitung“ aus städtischen Mitteln durch mäßige eigene Printprodukte wie den Einkaufsführer „Inhabergeführte Unternehmen in Karlsruhe“ oder Webplattformen. Ersteres ist nicht nur gegen jedes Recht und Gesetz, sondern auch völlig sinnwidrig, sind doch INKA, INKA Regio und unser Cityguide Einzelhelden sicherlich mit die besten und qualitätsvollsten Werbebotschafter der Stadt! Der Grund und Anlass für die Gespräche waren das Printprodukt „Stadt Land Rhein“, das massiv vom Karlsruhe Tourismus gefördert wurde und das mit völlig überzogen aufgerufenen Mondpreisen Geld von einem kaum existierenden Markt genommen hat – und dazu auf Briefpapier des Karlsruhe Tourismus für das obskure Printprojekt akquirierte, was wiederum direkte Auswirkungen auf unser Regio-Magazin hatte. Gutes Marketing leistet derweil die Stadt: Eine freie Autorin schrieb in der „Südwestpresse“ und nun auch im SZ-Wirtschaftsteil eine Hymne auf die Stadt und deren hohen IT-, Kreativitätswirtschaftsund Start-up-Bestand. Über 40 Prozent Gewerbesteuereinnahmen aus dem IT-Bereich, das ist ein Wort und macht Karlsruhe zu einem Hotspot für IT und Wissen und einem Magnet für Leute mit Ideen. Viele alte „Baustellen“ wie die U-Strab beginnen sich zurückzuziehen, andere Baustellen wie die Neustrukturierung des Stadtmarketings sind noch in vollem Gange, ebenso der Stadtumbau und Großprojekte wie der Kriegsstraßen-Umbau, Ikea, der Wildpark oder das Staatstheater. Aber muss dies von einem dezent neoliberalen Geist begleitet werden, der die Stadt umweht? Sollte sie – auch wenn sie selbst ein Player auf dem Immobilienmarkt ist wie der erfolgreiche Verkauf des großen städtischen Filetstücks am Hauptbahnhof an die 1&1-Gruppe zeigt – nicht auch das Wohl der hier lebenden Menschen im Auge haben und Immobilienspekulanten mit klugen Entscheidungen in die Schranken weisen? Uns kommt dabei die Kultur – die Hoch- wie Subkultur und die gesamte Kreativitäts-Szene – zu schlecht weg. Karlsruhe hat noch immer eine im Vergleich zu seiner Größe bundesweit einzigartig große Kultur- und Kunstszene, auch die Menge und Dichte an kleinen Off-Künstlergalerien ist bundesweit einzigartig. Neue Großprojekte verschlingen Milliarden, aber man hat sich mit den Kulturkürzungen Substanz genommen. Die 3,6 Prozent Kürzungen (Stadt und in Folge auch 3,6 Prozent vom Land)

summieren sich als Beispiel beim ZKM derart, dass ab 2019 die Ausstellungstätigkeit drastisch heruntergefahren werden muss. Ein Manko besteht in der Stadt des Rechts und der Demokratie aber ausgerechnet in sehr ausgeprägter Form in der Presselandschaft. Nun wurden die Printmedien bundesweit durch die Entwicklung des Internets und deren Marktanteile an Anzeigen in defensive Haltungen gedrängt. Der Altersschnitt der Tageszeitungsabonnenten stieg auf über 60 Jahre. Als wir vor 14 Jahren frischen Wind nach Karlsruhe bringen wollten, war uns schon klar, dass an der Refinanzierung durch PR-Texte kein Weg vorbeiführen würde, wollte man gleichzeitig trotz Anzeigenfinanzierung eine der Förderung von Kunst, Kultur und Wissen durch Texte von guter Qualität sichern. Auch unsere PR-Texte waren und sind auf Info-Ebene, wir haben und hatten schon immer den größten Anteil an völlig unkommerziellen Texten im Bereich anzeigenfinanzierter Magazine. Seit der Öffnung der „neuen“ BNN vor rund zwei Jahren meint man manchmal, ein Undergroundmagazin aufzuschlagen. Die Stadt zieht gerne mit, bilden doch „Kurier“, „Sonntag“ und die BNN ein wochendeckendes Jubelprogramm zum Veröffentlichen der städtischen PR. Umgekehrt wird dann offenbar vom Auftraggeber am Ende die eigene PR geglaubt, weil man sie dort bestätigt sieht. Richtig problematisch wird es, wenn die BNN konkret Fakten unterschlagen oder die Weitergabe von Informationen „verbehindern“. Als wir uns letzten Dezember in die Winterpause verabschiedeten, dachten wir: Ok, wird schon, der interne Stadtumbau ist ja in vollem Gange. Nach Drucklegung der 2017/2018 Ausgabe erreichten uns Infos, in der HfG habe deren Rektor den Mailverteilerverkehr der Studenten sperren und zensieren lassen, alles müsse über die Presseabteilung laufen. Wir berichteten kurz online und feilschten danach mit der HfG-Presseabteilung tagelang um jede Formulierung. Wenige Wochen später – Zielinski war inzwischen demissioniert – stand in den BNN eine lange Eloge ohne jeden Hinweis auf diesen Vorgang. Nicht besser ist es, wenn uns notwendige Infos von Kulturstellen vorenthalten werden, da sie exklusiv mit den BNN kooperieren. Warum „City Initiative“-Geschäftsführer Binoth nach Pforzheim geht, wird man wohl nie erfahren. Die City Ini ist ein Verein, offenbar steht sein Abgang in Zusammenhang mit der Neubesetzung des Vorstands. Von daher bleibt mir hier nur das vorläufige Resümee an unsere LeserInnen: Unterstützen Sie unsere Medienpartner, denn diese bilden mit ihren Werbeanzeigen die Basis für eine gewisse Medienvielfalt in Karlsruhe. Mehr über den INKA Verlag finden unsere LeserInnen auch auf www.inka-magazin.de.

Unsere Publikationen im Überblick Nr. 139

15.07.–14.09.2018

www.inka-magazin.de

K A R L S R U H E

S TA D TM A G A Z I N

SCHLOSSLICHTSPIELE · DAS FEST · KULTURSOMMER FESTIVALS · BILDUNG · EISDIELEN-SPECIAL · SUPER INKA

Das Stadtmagazin für Karlsruhe

Das alternative Branchenbuch für Karlsruhe und die Region. Die 2019er Ausgabe erscheint Anfang Dezember.

ONUK, „Wasser“, Ausstellung „ONUK: temporär“: 4.8.– 2.9., ZKM

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Die reguläre 1. Ausgabe von Super INKA erscheint 2019 Liebe Leserinnen und Leser,

diese Nullnummer von SUPER INKA lädt zu einer kleinen Lesereise mit Themen, für die man sich etwas Zeit geben kann und muss. Wir stammen aus Karlsruhe, und schon der Name SUPER INKA ist in dieser eher zurückhaltenden Stadt eine bizarre Überhöhung. Wobei „SUPER INKA – Super Stadt“ auch eine gute Losung wäre. Es ist eine tolle Stadt, derzeit und schon länger in steter, manchen zu heftiger, manchen zu langsamer Umwälzung. Da beim Wörtchen „Super“ in Verbindung mit Zeitung fast jeder an die „Super Illu“ denkt: In München gibt’s z. B. „Super Paper“, das elektronische Musik und Kunstthemen im Tageszeitungsformat verknüpft. Aus München stammt vom Magazin „IN München“ auch der Name INKA: Dort arbeiten alte Kollegen vom „Blatt“; der Stadtzeitung in München, in der ich „sozialisiert“ wurde. INKA hat also nix mit Maja zu tun, wobei das auch ein guter Name wäre für ein Stadtmagazin in Mannheim, aber da gibt’s sowas ja nicht mehr. Dort setzt man lieber auf „Staatsfeuilletonismus“, da weiß man, was man hat. Die Magazine der finanziell vergleichsweise feudal ausgestatteten Metropolregion werden u.a. der FAZ und der SZ beigelegt. Und sie verfügt auch ohne Stadtmagazine von Qualität über mehrere Tageszeitungen, in Heidelberg, den „Mannheimer Morgen“ und die „Rheinpfalz“, letztere hat wiederum ein Quasimonopol in der Pfalz; der BNN-Verlag mit „Kurier“ und „Sonntag“ ein ebensolches in Karlsruhe. Hier hat sich INKA trotz Anzeigenfinanzierung einen guten, objektiven Ruf verschafft, unsere Onlineausgabe ist – auch da sie eine einzigartige Linkschleuder zu Karlsruhe darstellt – bundesweit top im unabhängigen Onlineranking von seitwert.de. Wie ja bekannt ist: Wenn es irgendwo brennt, veröffentlichen wir als „Anzeigenblatt“ sogar so etwas wie Meinung. Die muss man sich natürlich leisten können, ebenso die sehr vielen komplett unkommerziellen (Kultur-) Texte, die wir jede Ausgabe bringen.

Als wir vor 14 Jahren begannen, war eines unserer Alleinstellungsmerkmale, dass selbst unsere PRTexte auf eloquenter Infoebene bleiben und keine Überhöhungen stattfinden. Inzwischen ist alles Werbung, Marketing. Pressefreiheit und Pressevielfalt sind bedroht, nicht nur bundesweit, sondern vor allem lokal. Nur noch wenige Städte in Deutschland verfügen über eine gewisse Pressevielfalt. In der Regel – so auch in Karlsruhe – richtet man sich gut miteinander ein, Monopol hin oder her. Auf Sicht ist das fatal, auch für die Demokratie. Meinungsvielfalt und Marketing haben heutzutage auf extrem direkte Art und Weise miteinander zu tun. Und „Redaktionsmarketing“ ist das Zauberwort der Medienszene. Vieles davon ist für den Leser überhaupt nicht mehr erkennbar. Wie das alles funktioniert: Steht in einem kleinen Textlein zu Themen, die sich seit Ende November 2017 in Karlsruhe ereigneten oder eben nicht ereignet haben sollen. Auch aus diesem Grund sehen wir unsere LeserInnen (wie auch bei INKA) bei denjenigen, die sich in Karlsruhe auch über Medien wie die SZ, FAZ, taz, den Spiegel oder brand eins informieren. Oder in anderen guten lokalen Medien, die wir auf unseren Medienseiten zukünftig auch präsentieren werden. Nun ist unsere erste SUPER INKA-Ausgabe alles andere als „super“, die Themen allerdings wichtig. Sie war erstmal ein Testlabor, vor allem das Format ist im Vergleich zum INKA-Pocketformat schon mal super und bietet super Entwicklungsmöglichkeiten, auch die Schriftgröße ist supergroß. Die Nullnummer ist parallel zu unseren INKA/Regio-Sommer-Doppelausgaben entstanden und wird im gesamten Südwesten und natürlich in Karlsruhe und der Region verteilt. Als festen Projekttexter haben wir Friedemann Dupelius dazugeholt, der inzwischen in Köln als Musikproduzent und Kultur-Texter lebt und regelmäßig Features und Beiträge u.a. auch für den WDR produziert. Warum SUPER INKA? Ist es schlau oder endver-

blödet, mit „Bleiwüsten“ die Instagrammisierung der Gesellschaft auszukontern? In SUPER INKA soll einfach nur Platz für Meinung und Lesethemen sein, die in der Stadt aufgrund ihrer Presselandschaft sonst eher weniger zum Zuge kommen. Auch sehen wir mit Sorge, wie sich der Stellenwert von Kultur zu verändern beginnt. Aber natürlich können wir unsere meist stark komprimierten INKA-Texte und -Themen künftig auch mal opulenter in Text und Visuals und somit besser präsentieren. Oder auch mal über den Tellerrand der Kulturregion hinausschauen, wie etwa Friedemann Dupelius in seinem kulturfeuilletonistischen Ausflug auf den Seiten 7 bis 9. Dieser führte ihn von der Vitra-Clubausstellung in Weil am Rhein zu neuen Ansätzen der Clubkultur und hin zu Hybrid-Clubs und der hiesigen Offspace-Künstlerszene. Zwischendurch tauchte er in Karlsruhe ab – und verbrachte nahezu einen kompletten Tag bei Forschern im Naturkundemuseum (Seite 16). Ein anderes, gesellschaftspolitisch wichtiges Thema ist „Markt und Moral“. Hierzu forscht die junge Professorin Nora Szech an ihrem Lehrstuhl für Politische Ökonomie am KIT. Nora Szech ist schon seit längerem auch als Autorin im SZ-Wirtschafteil präsent. Wir sprachen mit ihr über ihre Forschung und ihr Leben. Vorweg: Toll, dass solche Menschen in der Stadt sind (Seite 3). Ebenfalls ein ständiges Thema in SUPER INKA soll auch der Bereich Stadtplanung und -entwicklung werden. Schönerweise hat sich als Auftakt zu diesem komplexen Thema Stadtplanungs-Chefin Karmann-Wössner interviewen lassen, in einer Zwischenphase, denn im Herbst 2018 soll der neue Baudezernent Fluhrer sein Amt antreten. Ein weiteres Thema ist natürlich auch die Kunstszene, der wir hier nochmal ganz anders Raum geben können. Sonja Maria Krämer, Kunsthistorikerin und INKA-Marketing-Leitung, traf sich zum Interview mit der neuen Tübinger Kunsthallencheffin

Nicole Fritz und sprach mit ihr über die Kunstszene im Württembergischen (Seiten 12/13). Dass das Künstlerleben kein Zuckerschlecken ist, verrät das Porträt des Karlsruhers Malers und Künstlers Martin Krieglstein von Patrick Wurster (Seite 10). Die vieldiskutierten neuen Arbeitsformen verändern auch die Anforderungen an das Büroumfeld. Unser Gastautor Seven-Kaun Feederle war am Ausstellungsdesign der neuen Wissenstransfer-Plattform „Open Codes“ am ZKM beteiligt, ist ein absoluter Experte in Sachen Coworking-Spaces und hat für uns Thesen aus einer Uniarbeit zum Thema „Neues Büro“ zusammengestellt – ein Beitrag zum vieldiskutierten Thema „Neue Arbeitsformen“. Wir bedanken uns bei allen Beteiligten, ganz herzlich und explizit bei unseren Medienpartnern, die sich auf unsere kurzfristige Super INKA-Info spontan zurückgemeldet haben. Herzlichen Dank auch an den Karlsruher Grafitti-Künstler Christian Kräemer, besser bekannt als DOME, Wer Beiträge hat, Themen, fertige Texte, Leserbriefe: Einfach mit dem Betreff „Super INKA“ an redaktion@inka-magazin.de mailen. Die erste reguläre und erheblich erweiterte „SUPER INKA“-Ausgabe wird im neuen Jahr erscheinen. Herzlichen Dank auch an den Karlsruher Grafitti-Künstler Christian Kräemer, besser bekannt als DOME, Wer Beiträge hat, Themen, fertige Texte, Leserbriefe: Einfach mit dem Betreff „Super INKA“ an redaktion@inka-magazin.de mailen. Die erste reguläre und erheblich erweiterte „SUPER INKA“-Ausgabe wird im neuen Jahr erscheinen.

Nr. 114 15. Juli – 14. September 2018 Kunst & Kultur in Karlsruhe, Rhein-Neckar, Baden, Pfalz & Nordelsass

regioinka Das Kulturmagazin für die P A M I N A - R E G I O N

S C H LO S S L I C H T S P I E L E · DA S F E S T · Z E LT I VA L · Z K M K U R PA R K M E E T I N G · F E S T I VA L S · J A Z Z I M PA R K

Das Kulturmagazin für die PAMINA-Region

Herzlichen Dank auch an den Karlsruher Grafitti-Künstler Christian Kräemer, besser bekannt als DOME, Wer Beiträge hat, Themen, fertige Texte, Leserbriefe: Einfach mit dem Betreff „Super INKA“ an redaktion@inka-magazin.de mailen. Die erste reguläre und erheblich erweiterte „SUPER INKA“-Aus-

Maxin10sity, „STRUCTURES OF LIFE“, 2017, Schlosslichtspiele, © Photo: Uli Deck

EINTRITT FREI!

SKarlsruhe︱28. C H L OJuliSbisS9.LSeptember I C H T2018︱Eintritt S P I E Lfrei! E www.schlosslichtspiele.info

Die Schlosslichtspiele finden am Samstag, 4. August 2018, aufgrund der Karlsruher Museumsnacht (KAMUNA) nicht statt.

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„DER MARKT ALLEIN SETZT NICHT ZWINGEND DAS BESTE IM MENSCHEN FREI“ – INTERVIEW MIT KIT-PROFESSORIN NORA SZECH Ihr „Geld oder Mäuseleben“-Experiment hat die KIT-Professorin Nora Szech 2013 zu einem Wissenschafts-Popstar gemacht. Roger Waltz und Patrick Wurster trafen die Inhaberin des Lehrstuhls für Politische Ökonomie zum Gespräch über ihr außergewöhnliches Forschungsgebiet „Markt und Moral“. INKA: Sie forschen über Marktdesign. Was ist das und wie designt man eigentlich Märkte? Nora Szech: Es gibt marktradikale Schulen, die besagen, Märkte müsse man niemals regulieren – eine Ansicht, die in Deutschland eher selten vertreten wird. Wir regulieren ja die meisten Märkte zumindest ein wenig, den Arbeitsmarkt beispielsweise. Denn der Markt allein setzt nicht zwingend das Beste im Menschen frei. Der Schwerpunkt bei meinem Forschungsgebiet Marktgestaltung liegt daher auf moralisch relevantem Verhalten und dem Spannungsverhältnis zwischen dem Gewinn einzelner und der Wohlfahrt aller. Das ist innerhalb der Ökonomie ein fundamentales Thema und mikroökonomische Fragen sind elementar, wenn es ums Marktdesign geht: Wie verhalte ich mich als Marktakteur ethisch korrekt? Wie fördere ich kooperatives Verhalten unter Menschen und schaffe eine Atmosphäre im Unternehmen, die nachhaltig und werteorientiert ist und nicht korrupt? INKA: Wie definieren Sie Unmoral? Szech: Es ist schwierig, das situationsunabhängig zu sagen. Wenn es um moralisch relevantes Verhalten geht, folge ich daher einer Definition aus der Ethik, die über viele Gesellschaften und Kulturen hinweg gültig ist: Man beginnt an dem Punkt unmoralisch zu handeln, wo man Schaden an anderen zulässt, der eigentlich vermeidbar gewesen wäre. In meiner Forschung untersuche ich üblicherweise, welche moralischen Werte die Probanden selbst wichtig finden und ob sich diese Werte durch Märkte verändern. INKA: Wie läuft die konkrete Arbeit mit den Studenten? Szech: Am KIT unterrichte ich vor allen Dingen Wirtschaftsingenieure, die später im Management, als Consultants oder im Marketing arbeiten, viele Absolventen gehen aber auch unter die Gründer. Ein Teil der Lehre besteht natürlich aus Vorlesungen, wir veranstalten außerdem viele Seminare, in denen die Studenten an eigenen Themen arbeiten; und das reicht von der Plastikvermeidung über die Hilfsbereitschaft in der Flüchtlingskrise bis hin zur Wegwerfmentalität in Sachen Kleidung. INKA: Seit Ihrem Mäuse-Experiment an der Uni Bamberg werden sie fast schon reflexartig mit den Nagetieren in Verbindung gebracht. Märkte korrumpieren die Moral – so das Ergebnis. Können Sie diese Studie nochmals ein wenig erläutern? Szech: Innerhalb der Ökonomie gibt es, wie eingangs erwähnt, sehr marktradikal orientierte Forschungsströmungen, in denen der Markt als etwas rein Positives begriffen wird. Die Annahme dahinter lautet: Man geht mit seinen Wertvorstellungen in den Markt und behält diese Wertvorstellungen konsequent bei. Dann ist der Markt lediglich jener Platz, an dem Angebot und Nachfrage zusammenkommen. Dieser starke Glaube an das Gute am Markt ist in den USA teilweise so groß, dass von einer Mehrheit der Ökonomen mittlerweile vorgeschlagen wird, auch Organe gegen Geld zu handeln, weil es eine Knappheit an Spendern gibt. Wenn die Bedürftigen dafür Geld ausgeben können, verbessert sich automatisch auch das Angebot und man bekommt das Problem in den Griff – so jedenfalls die These. Was mich in meiner Experimentalstudie interessiert hat, war daher die Frage: Ist es tatsächlich so, dass unsere moralischen Wertvorstellungen

Foto: Patrick Wurster

dieselben bleiben, ob wir nun im Markt entscheiden oder außerhalb? Dafür haben wir unsere Probanden vor folgende Frage gestellt: Möchten Sie eine Labormaus retten, die ursprünglich für Tierversuche gezüchtet wurde, nicht zum Einsatz gekommen ist und nun aus Überschussgründen getötet wird oder nehmen Sie lieber zehn Euro mit der Konsequenz, dass die Maus stirbt? Individuell befragt hat sich weniger als die Hälfte für das Geld entschieden. Die im Markt agierenden Probanden konnten ihre Maus zum Handel anbieten oder sie retten, indem sie auf das Geschäft verzichten. Hier waren drei Viertel bereit, die Maus zu opfern, obwohl die Preise dafür von zehn auf 4,50 Euro gefallen sind – eine enorme Diskrepanz! Interessanterweise haben es sich gar nicht wenige hinterher nochmals anders überlegt und mir sogar in E-Mails geschrieben, dass sie Gewissenbisse bekommen, es sich anders überlegt hätten und die Maus nun doch lieber am Leben lassen möchten. Dafür war es dann leider zu spät, aber diese Art der Schuldgefühle gab es bei der individuellen Gruppe in dieser Ausprägung nicht – was darauf schließen lässt, dass bei einer Einzelentscheidung im Gegensatz zum Markt mehr im Konsens mit den eigenen Werten gehandelt wird. Am Rande bemerkt: Ich hatte zuerst vor, Küken vor dem Schredder zu retten, aber die Geflügelindustrie wollte nicht kooperieren. INKA: Es gibt zwar Eierproduzenten, die die Männchen nicht schreddern, aber das ist ja ein partiell verschwindend geringer und auch nicht wettbewerbsfähiger Bereich, sodass der Gesetzgeber eigentlich festlegen muss, welcher moralische Standard nicht unterschritten werden darf. Warum handeln wir bei unseren Kaufentscheidungen aus psychologischer Sicht wider besseres Wissen falsch? Szech: Es ist tatsächlich äußerst diffizil, in Märkten nachhaltige Denkweisen zu etablieren. Die Massen-

tierhaltung wird in Deutschland von mehr als 90 Prozent der Menschen abgelehnt, aber wenn man in die Einkaufswägen schaut, offenbart sich, dass die allermeisten am Ende nur noch auf den Preis schauen und zugreifen. Man spricht hier von einem Missverhältnis von 1:10. Da stellt sich natürlich die Frage, ob man Mindeststandards einführen muss, und in manchen Bereichen haben wir als Gesellschaft auch schon entscheiden, das zu tun. Zumal der Trend zum Ökokonsum nach oben geht. Trotz der verzerrenden Werbung, etwa mit Milchkühen, die nie auf einer Weide gestanden haben. Aber die Marktsituation gibt vielfach den Ausschlag: Man sieht den Preis und wittert seinen möglichen Profit. Die anderen haben schließlich auch keine Skrupel, da will man selbst nicht hintanstehen und einen guten Deal machen. Das haben viele in unserem Experiment als Begründung angegeben und dieser Mechanismus greift ebenso an der Wursttheke. Der Krieg liefert uns ein weiteres Beispiel für dieses Verhalten: Ein einzelner Soldat hat Hemmungen, einen Menschen zu erschießen. Aber in einem Erschießungskommando, wo alle zur selben Zeit abdrücken und man nicht weiß, wer denn nun den tödlichen Schuss abgegeben hat, kann das fast jeder. Oder nehmen Sie hierarchisch strukturierte Unternehmen, in denen einer anordnet, die anderen ausführen und sich dann hinter der von oben gefällten Entscheidung verstecken. Ergo: Die Verwässerung der Verantwortung ist ein großes Problem in Märkten und das muss in den Standardmodellen künftig Berücksichtigung finden. Sonst liegt man mit seinen Prognosen sehr schnell falsch. INKA: Sie kommen aus Mülheim an der Ruhr und sind Anhängerin des BVB. Wenn man den Homo oeconomicus erklären müsste, wäre der Fußball das Paradebeispiel für einen von Nutzenmaximierern dominierten Markt ohne Moral? Szech: Wir sehen dort jedenfalls, welche Preise in

einem wenig regulierten Markt entstehen können… INKA: Ob Kleidung oder Kaffee – für viele gehören Bio und Fairtrade zum Lifestyle. Muss man sich Moral leisten können? Szech: Ich denke tatsächlich, dass oft weniger mehr ist. Bei Kleidung ist die Qualität mittlerweile teils derart schlecht, dass eine Secondhand-Verwertung gar nicht mehr möglich ist! Da läuft vieles in die falsche Richtung. Wer etwas genauer überlegt und weniger oft zuschlägt, leistet also einen wichtigen Beitrag für die Nachhaltigkeit. Super sind natürlich auch Tauschbörsen wie der Kleiderkreisel. Ebenso stellt sich die Frage, ob es immer das neueste Smartphone sein muss. Oder nehmen wir das Thema Fleisch: Natürlich kann man zertifiziertes Fleisch kaufen, das dann entsprechend teuer ist. Man könnte aber auch einfach den Fleischkonsum verringern. Aktuelle Studien belegen, dass das auch für das Klima und für die eigene Gesundheit eine gute Entscheidung ist. Generell sehen wir in unseren Studien, dass verantwortungsvolles Handeln wenig mit dem Geldbeutel zu tun hat; es kommt mehr darauf an, Kaufentscheidungen zu reflektieren. Ärgerlich ist, dass dies den Konsumenten in Deutschland nicht immer leicht gemacht wird. Umso begrüßenswerter finde ich, dass immer mehr Menschen trotzdem genauer hinschauen, was in ihrem im Einkaufswagen landet. INKA: Wie unmoralisch ist Karlsruhe, wo es zwar einen Primark gibt, aber keinen Öko-Klamotten-Laden mehr? Szech: Das müsste man erst noch untersuchen, aber die Persönlichkeit des Entscheidungsträgers ist eminent wichtig: Es gibt Menschen, die einen sehr starken inneren Kompass haben. Das sind dann jene, die in den Marktstudien völlig entsetzt sind, dass sich die anderen plötzlich so rücksichtlos verhalten. Das hängt natürlich auch davon ab, mit welchen sozialen Werten man aufgewachsen


ist. Aus der Entwicklungspsychologie wissen wir, dass ein kleines Kind von sich aus nicht unbedingt gerne mit anderen teilt. Sozialverhalten muss man erlernen. Es gibt darüber hinaus einen deutlichen Geschlechterunterschied: Frauen sind im Schnitt moralischer als Männer, sie zeigen eine erhöhte Bereitschaft, andere zu unterstützen und beachten mit größerer Wahrscheinlichkeit die Regeln des Anstands. Studien legen nahe, dass die Erziehung auch für diesen Geschlechterunterschied eine wichtige Rolle spielt. Noch gravierender sind die Differenzen, wenn man die politische Gesinnung zu Grunde legt: Wer sich im links-rechts-Spektrum klar rechts verortet, ist sehr auf seinen Eigennutz bedacht und ignoriert das Wohlbefinden anderer fast komplett. INKA: Hat sich Ihre Selbstwahrnehmung durch die Forschung verändert? Szech: Durch die Forschung ist mir klarer geworden, welche Zertifizierungen etwas taugen und wofür welches Label steht – ob es nun um Nahrung, Elektroartikel oder Kleidung geht. Allerdings gibt es in vielen Märkten noch immer große Probleme, überhaupt eine gute Alternative zu finden. Bei einem T-Shirt geht es vielleicht noch, bei einem Anzug wird es schon fast unmöglich, eine Auswahl an ernsthaft zertifizierter Ware zu finden. Das finde ich alarmierend! Während uns im eigenen Land sichere Arbeitsbedingungen sehr wichtig sind, ignorieren wir in Märkten diesen Aspekt fast komplett, wenn im Ausland produziert wird. Auch beim Essen bemühe ich mich, genau hin zu sehen. Das geht daheim allerdings deutlich besser als unterwegs. INKA: Schon mit Anfang 30 haben Sie in Bamberg Ihre erste Professur angetreten, dabei hatten Sie die Volkswirtschaftslehre ursprünglich gar nicht auf der Agenda… Szech: Ich habe mein Studium mit Mathematik, Philosophie und Astronomie begonnen und erst durch eine Mitbewohnerin erfahren, dass die VWL

eine äußerst interessante Schnittstelle ist: Weil man gesellschaftswissenschaftlichen Fragen nachgeht und die Antworten mithilfe der Mathematik strukturiert, um seine erhobenen Daten zu verstehen und ein geschlossenes Bild zu erhalten. Die Philosophie war mir in dieser Hinsicht zu unkonkret. INKA: Sie sind aber nicht nur wissenschaftlich, sondern auch kreativ unterwegs, schreiben Kurzgeschichten, sind Sängerin und Gitarristin der deutschsprachigen Akustik-Pop-Band Kitty Wu… Szech: Die Band gibt es schon seit meiner Studienzeit in Bonn, wo wir vor 15 Jahren verstärkt aufgetreten sind. Ich schreibe bei Kitty Wu vor allem die Musik, habe den Leadgesang inne und spiele Gitarre. INKA: Hinter Ihnen liegt ein Forschungssemester. Woran haben Sie gearbeitet?

Foto: Andreas Reeg

Szech: An der University of California in San Diego haben wir uns Situationen angeschaut, die der folgenden ähneln: Supermarkt, zwei Ausgänge, an einem steht ein Mann, der Spenden sammelt, am anderen nicht. Welchen Ausgang nehmen Sie? Das Ergebnis sehen wir oft im Alltag, wenn ein Bedürftiger am Straßenrand sitzt: Es ist uns unangenehm, wir wechseln die Straßenseite und fühlen uns dadurch weniger verantwortlich. Diese Informationsvermeidung widerspricht aber allen Standard-Ökonomiemodellen mit dem total rationalen, alles durchkalkulierenden Homo oeconomicus. Nach diesem Modell müsste man die Information nämlich geradezu suchen, um zu entscheiden, zumal sie gratis ist. Im wahren Leben schauen aber die meisten weg. Und in unserer Studie wurden sogar noch

substanzielle Geldbeträge ausgegeben, um wegschauen zu dürfen. Das sind Ablasseffekte, die wir auch beim Kauf von Kleidung feststellen, wenn sich die Leute mit einer beliebigen Zertifizierung zur Gewissenberuhigung begnügen, anstatt sich mit den Produktionsbedingungen auseinanderzusetzen. Wenn also der Wunsch nach Informationsvermeidung derart groß ist, wie sensibilisiert man dann die Gesellschaft für moralisch problematische Themen oder den Klimawandel? Und so stehen wir wiederum vor der praktischen Marktgestaltungsfrage, mit welchen Mechanismen sich dieses Vorhaben umsetzen lässt. Für unsere Studien nutzen wir zusammen mit den Psychologen, BWLern, VWLern und Wirtschaftsinformatikern das 2015 fertiggestellte KD2Lab mit seinen 40 schallisolierten und klimatisierten Kabinen. Wir können dabei Herzrate und Hautspannung messen oder mit Eyetrackern erfassen, wer was fokussiert und wo wegschaut, mittels Virtual Reality lassen sich auch visuelle Simulationen kreieren, etwa um die Auswirkungen des Klimawandels vor Augen zu führen. Das gibt es in Deutschland sonst nirgendwo! Und immer mehr Unternehmen erkennen, dass Bio-Feedback, wie wir es im Labor erfassen können, etwas sehr Wichtiges ist.

Prof. Dr. Nora Szech

ist Inhaberin des Lehrstuhls für Politische Ökonomie am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) und forscht zu Markt- und Wettbewerbsdesign mit einem Schwerpunkt auf Wohlfahrtseffekten und moralisch relevantem Verhalten. Bevor sie 2013 ans KIT kam, war sie bereits Professorin für Industrieökonomie an der Otto-Friedrich-Universität Bamberg sowie Akademische Rätin am Lehrstuhl von Benny Moldovanu an der Universität Bonn, wo sie auch promoviert hat und 2010 für die beste Dissertation über alle Disziplinen ausgezeichnet wurde.

DIGITALES KUNST-START-UP ATO: DIE WELT IN DER WELT

Elisabeth Kuon, Andreas Holldörfer und Norina Quinte (Foto: Sebastian Heck)

Weiß und clean ist sie, die typische Website einer Galerie, als ahme sie deren White Cube im Digitalen nach. Mit Informationen zu Künstler, Werk und Preis geht sie meist sehr spärlich um. Genauso karg sieht bislang die Website von Ato aus – jedoch ganz in schwarz gehalten. „Wir wollen dem White Cube, der real existiert, online eine Black Box entgegen setzen“, sagt Norina Quinte. Klingt bislang noch mystisch, doch hinter den Kulissen entsteht derzeit eine komplexe digitale Welt voller Kunst. „Ganz eines Start-ups würdig haben wir ein eigenes Javascript-Frame gebaut, das komplett in 3D läuft“, scherzelt Andreas Holldörfer. Der Ingenieur hat am KIT studiert und kam vor drei Jahren mit der Kunst in Berührung. „Ich bin seit 1998 im Internet, mein Amazon-Account stammt von 2001, in meiner Jugend habe ich Computer zusammengeschraubt – und dann komme ich 2015 in diese Kunstwelt und da war alles analog, da gab’s nicht mal richtige Webseiten“, stellte er entsetzt fest. In eben diesem Kunstkosmos stieß er auf Norina Quinte und ihre Mitstudentin der Kunstwissenschaft an der HfG, Elisabeth Kuon; beide unzufrieden mit den eingefahrenen Strukturen des Kunstmarktes und all seinen Ungerechtigkeiten und seit einigen Jahren kuratorisch in Karlsruhe aktiv. Für alle stand fest: Die Kunstwelt braucht den Anschluss in die digitale Welt, um fair werden zu können. Aus der Überzeugung und den ganz unterschiedlichen Expertisen ist ein Start-up geworden: Ato möchte Künstler besser an den Verkäufen ihrer Werke beteiligen. „In Deutschland können weniger als zehn Prozent der künstlerisch

Schaffenden von ihrer Arbeit leben“, weiß Quinte. Das will Ato ändern. Dabei ist der Gedanke der Plattform leitend: Eine solche programmiert Holldörfer mit Adam Gawel. Im Frühjahr 2019 soll sie online gehen – gut bestückt mit Künstlern und ihren Werken, mit umfassenden Informationen, Porträtvideos und Interviews. Wie eine „echte“ Galerie will Ato zunächst (von den Kuratorinnen Kuon und Quinte) ausgewählte Künstler präsentieren und eine eigene kuratorische Linie vertreten, die sich auch immateriellen künstleri-

schen Formaten öffnen soll – von der Soundarbeit bis zur bloßen Idee. Jedoch soll es möglich sein, sich selbst mit seinen Arbeiten bei Ato zu bewerben, um die Plattform langsam aber stetig wachsen zu lassen. „Von vielen Künstlern hören wir, dass es einen großen Bedarf an so etwas gibt“, meint Norina Quinte. Durch die Struktur der Plattform, die es leicht macht, mehr Künstler zu vertreten als eine „Offline-Galerie“ und die nicht vorhandenen Mietkosten soll das Konzept der Mehrbeteiligung fruchten.

Trotz aller Cyberhaftigkeit: „Wir glauben nach wie vor, dass Kunst im Realen erlebbar sein muss, um affektive Verbindungen herzustellen. Deswegen werden wir auch Ausstellungen machen“, bekräftigt Elisabeth Kuon. „Aber die Online-Welt, in der wir eben auch leben, eignet sich gut, um Kunst darüber zu verkaufen, sie zu dokumentieren und dauerhaft sichtbar zu machen.“ Kunst kaufen kann man bei Ato nur online. Ist eine Arbeit jedoch verkauft, verschwindet sie nicht aus dem Internet. Sie kann dort jederzeit weiterverkauft werden, und auch ihre Ausstellungsgeschichte wird nachzuverfolgen sein, wie man überhaupt stets ausgewählte Künstler (oder auch Gattungen wie „Fotografie“) abonnieren, verfolgen und somit auch im physischen Raum besser auffinden kann. Karlsruhe sieht das junge Team mit seiner hohen Dichte an Künstlern pro Einwohner als einen guten Ort für Ato, will aber mittelfristig nicht nur lokale Künstler vertreten. Wie ein jedes Start-up möchte auch das Team von Ato von seiner Idee leben können. 2017 staubte das Projekt beim Landeswettbewerb „Share BW“ einen Preis ab. Bis zum offiziellen Start 2019 wird aber noch viel idealistische Selbstausbeutung praktiziert werden müssen. Ach ja, das Geld. Letztlich dreht sich es auch bei Ato darum, bei aller Kunstmarktkritik. Elisabeth Kuon zieht den Vergleich mit Michel Foucaults Idee vom Heterotop: „Wir leben innerhalb des Systems, deswegen gelten für uns die gleichen monetären Mittel wie für alle anderen. Aber wir möchten diese Welt in der Welt schaffen, dieses Heterotop, in dem wir unsere eigenen Spielund Fairnessregeln aufstellen können.“ -fd


„ICH BIN GRUNDSÄTZLICH SEHR FÜRS AUFRÄUMEN“ INTERVIEW MIT STADTPLANUNGSAMTS-CHEFIN ANKE KARMANN-WOESSNER Nicht nur der Stadtumbau durch die U-Strab und die Kriegsstraße mit ihren Verwerfungen und starken Auswirkungen auf die städtischen Besucherfrequenzen in Kultur und Handel – inzwischen scheint langsam Land in Sicht – auch der Immobilienboom macht Karlsruhe seit über zehn Jahren zur Dauerbaustelle und einem Tummelplatz von Immobilieninvestoren. Derweil wartet die Stadt nun fast zwei Jahre auf den neuen Baubürgermeister, auf den große Hoffnungen gesetzt werden: Daniel Fluhrer, parteiloser Diplom-Ingenieur, Regierungsbaumeister, Architekt und Stadtplaner aus Herrenberg, derzeit noch Stadtbaudirektor in Esslingen am Neckar, soll im Herbst neuer Chef des Karlsruher Baudezernates werden. Derweil hat OB Frank Mentrup selbst zwei offene Flanken geschlossen: Der Stadteingang im Westen wird von Ikea geschlossen – mit Fassadenwettbewerb. Das sogenannte Filetgrundstück der Stadt am Hautbahnhof ging an die IT-Gruppe von Dommermuth (1&1, Web.de). Ein echter Coup, denn das Grundstück war bislang nicht zu verkaufen und zudem werden so wohl innerstädtische Flächen frei, die der große IT-Arbeitgeber u.a. in der Innenstadt gemietet hat. Aber das ging nur ohne Wettbewerb. Und endete mit einer unnötigen Konfrontation mit der Künstlerszene, deren Atelierhaus am HBF weichen musste, wirklicher Ersatz ist noch nicht in Sicht. Einer der Gründe für die große Zahl auch an neuen Produzentengalerien und Offspaces in Karlsruhe, die in ihrer Dichte inzwischen bundesweit ihresgleichen sucht – bezogen auf die Größe der Stadt, auf die wir hier an anderer Stelle eingehen. Mit dem noch unter ihrem Vorgänger Harald Ringler auf den Weg gebrachten Stadtumbau hat Prof. Dr.-Ing. Anke Karmann-Wössner 2013 ein nicht gerade einfaches Erbe angetreten. Roger Waltz und Patrick Wurster trafen die Leiterin des Karlsruher Stadtplanungsamts zur Bestandsaufnahme.

INKA: „Stadtplanung? Gibt es das überhaupt?“, fragt sich so manch einer in Karlsruhe. Was genau macht das Stadtplanungsamt und in welchen Zeiträumen denken Stadtplaner heute? Anke Karmann-Woessner: Als Stadtplaner kümmern wir uns um die räumliche Entwicklung der Kommune oder Stadt. Dabei reicht das Spektrum von der Festlegung baulicher Nutzung und Standorten bis hin zur Gestaltung des öffentlichen Raums.

dadurch nur bestimmte Zielgruppen erreichen. Daher gehen wir auch gezielt in die Stadtteile, wie aktuell beim Beteiligungsprozess zum Wohnquartier „Oberer Säuterich“ in Durlach-Aue. Angesprochen fühlen sich dabei – im Gegensatz zu den strategischen Projekten – vor allem die unmittelbar Betroffenen. Hier bleibt es eine Herausforderung, die gesamtstädtischen Interessen mit denen der unmittelbaren Nachbarn in Einklang zu bringen.

Unsere wichtigsten Instrumente sind die Rahmenpläne, die Flächennutzungs- und Bebauungspläne, die Beratung bei Bauprojekten, Förderungen in der Stadtsanierung und die Auslobung von Wettbewerben. Auch das Einbeziehen der Bürger in die Planungsprozesse ist ein in Karlsruhe seit vielen Jahren praktizierter Beitrag zur Stadtbaukultur. Mit dem „Räumlichen Leitbild“ haben wir beispielsweise zwischen 2014 und 2016 und vor allem beim 300. „Stadtgeburtstag“ einen großen öffentlichkeitswirksamen Prozess initiiert, um die Stadtplanung in den Köpfen präsent zu machen. Langfristige und strategische Planung gewinnt zunehmend an Bedeutung, weil wir – auch aufgrund der wirtschaftlichen Situation – derart viele Projektanfragen bekommen, dass es nicht praktikabel wäre, die Rahmendigungen jedes Mal von Neuem abzustecken. Das „Räumliche Leitbild“ formuliert die Ziele der langfristigen, nachhaltigen Entwicklung insbesondere im Hinblick auf die Herausforderung wachsender Einwohnerzahlen und einer geringen Flächenverfügbarkeit; es benennt die Gewichtung der sieben Stoßrichtungen, die Zeithorizonte für die Vorhaben, die Priorität und eine erste Einschätzung der erforderlichen Haushaltsmittel. Es obliegt dann dem Gemeinderat zu entscheiden, in welcher Reihenfolge die Projekte und Vorhaben realisiert werden. Daher haben wir uns mit der Politik und den Bürgern in diesen öffentlichen Veranstaltungen auf gemeinsame Ziele verständigt, was auch hervorragend gelungen ist. Wir stehen dabei allerdings immer vor der Herausforderung, dass vornehmlich Fachpublikum, Vertreter der Bürgervereine, Naturschutzorganisationen usw. anwesend sind und wir

INKA: „Konkurrierende Verfahren im Planungsund Bauwesen sind in Karlsruhe inzwischen ein nicht mehr weg zu denkender Baustein für die Stadtbaukultur“, steht auch auf einer der Schautafeln vor Ihrem Büro. Für das Dommermuth-Gelände hinter dem Hauptbahnhof und die Ikea-Ansiedlung gab es allerdings keine Ausschreibungen, was manch einer als neoliberale Investorenfreundlichkeit auslegt… Karmann-Woessner: Ikea hat einen Fassadenwettbewerb durchgeführt. Wir haben vieles mitverhandelt, z.B. wo der nach außen hin wirksame Restaurantbereich und die Eingänge lokalisiert sind oder wie das Licht den öffentlichen Raum akzentuiert. So haben wir u.a. erreicht, dass die Autos nicht in der Nullebene parken und Angsträume entstehen, wenn man abends mit dem Fahrrad vorbeifährt. Ikea arbeitet vielerorts mit neuen Konzepten und siedelt sich sogar in der Fußgängerzone an wie in Altona. Nun ist Karlsruhe zwar nicht Hamburg, aber wir sind auch nicht Walldorf auf der grünen Wiese. Es ist das Eingangstor der Stadt und daher war es uns sehr wichtig, hier mitzugestalten. Das grundsätzliche Problem ist, dass Sie mit Bebauungsplänen nur selten Architekturqualität planen können. Deshalb fordern wir dort, wo die Stadt Einflussmöglichkeiten hat, immer Mehrfachbeauftragung. INKA: Sie haben also eine Scharnierfunktion zwischen Fachleuten, Natur- und Denkmalschutz, aber auch der von Bauvorhaben betroffenen Öffentlichkeit. Wie steht es um die Zuständigkeiten und Kompetenzen des Stadtplanungsamts? Karmann-Woessner: Als Stadtplanungsamt sind wir Teil des Baudezernats und haben einerseits

diese Scharnierfunktion, sind anderseits aber zugleich auch ein Querschnittsamt, das alle Anforderungen von Umweltaspekten bis zu bauordnungsrechtliche, ordnungsrechtlichen und baukulturellen Fragen zusammenführen muss. Und wir stehen von allen dabei beteiligten Ämtern im engsten Austausch mit den Bürgern. INKA: Michael Obert wechselt Ende September in den Ruhestand – ausgerechnet in der wichtigsten Umbauphase der Stadt hat Karlsruhe eine „Lame Duck“ als Baubürgermeister… Karmann-Woessner: Ich muss hier entschieden widersprechen, der Ausdruck „Lame Duck“ ist deplatziert. Michael Obert ist ein sehr guter Baudezernent, weil er uns Amtsleitern einen klaren Rahmen setzt, aber auch fachliche Gestaltungsmöglichkeiten einräumt. Zur Stadtplanung hat er eine hohe Affinität und setzt sich entschieden für Mobilitätsziele zugunsten des Umweltverbundes ein. INKA: Am 20. März 2018 hat der Gemeinderat das rund 30 Hektar große Sanierungsgebiet Innenstadt Ost beschlossen. Was machen Sie in den kommenden zwölf Jahren mit den knapp 92 Millionen und wie sehen die konkreten Maßnahmen zur geförderten Sanierung der Innenstadt Ost aus? Karmann-Woessner: Das vom Marktplatz bis zum Durlacher Tor einschließlich des Dörfles reichende Gebiet ist ein sogenanntes klassisches Sanierungsgebiet – eine Einmaligkeit in Karlsruhe während der vergangenen 20 Jahre! Dadurch haben wir sehr viel weitreichendere Durchgriffsmöglichkeiten hinsichtlich des Vorkaufsrechts: Mit den damit verbundenen sanierungsrechtlichen Instrumentarien wie der Kaufpreisprüfung und -genehmigung ist es uns möglich, Boden- und Grundstückspreisspekulation Einhalt zu gebieten. Das heißt, wir prüfen jeden Verkauf und die Stadt kann gegebenenfalls einschreiten – und zwar nicht zum Marktpreis, sondern zu dem Preis, der von einer neutralen Wertermittlungsstelle festgelegt wird. Das ist der große Unterschied zum nicht-klassischen Sanierungsgebiet, wo die Stadt am Ende einen unter Umständen künstlich hochgejubelten Preis bezahlen müsste, sodass wir schon haushaltsrechtlich keine Möglichkeit hätten, ein Vorkaufsrecht umzusetzen. Das ist natürlich ein starker Eingriff in die Eigentumsrechte, aber nicht ohne Grund gibt es diese klassischen Gebiete nur an jenen Stellen, wo es immens wichtig ist, dass man Einfluss nimmt als Stadt. Andernfalls haben Sie keinerlei Chance, etwas zu verändern. Und das ist dringend nötig, denn in der östlichen Kaiserstraße sind augenscheinliche städtebauliche Missstände feststellbar. Hier hat ein Trading-Down-Effekt Einzug gehalten – Billigläden, Leerstände und ausufernde Werbeanlagen prägen das Erscheinungsbild in den Erdgeschosszonen, auch die für Dienstleistungen und Wohnen vorgesehenen Obergeschosse sind mindergenutzt. Und

natürlich beschäftigen wir uns mit der Überwindung der räumlichen Stadttrennung durch die Kriegsstraße und ihre Umgestaltung zur urbanen Stadtstraße – nicht nur, was das einfachere Überqueren auf Höhe des Badischen Staatstheaters anbelangt. Eines der ersten Projekte, das wir beratend begleiten werden, ist das Areal des ehemaligen Postgiroamts am nordöstlichen Ettlinger-Tor-Platz. Wir überlegen bei der Sanierung auch, was auf dem Kronenplatz passieren könnte. Eine Idee ist, die Stadtbibliothek dort anzusiedeln. Den Auftakt für das Sanierungsgebiet Innenstadt Ost markiert die Wegnahme der Stahlkonstruktion am südlichen Teil des Platzes, der Elefantenhalle. Diese Überdachung war ursprünglich als Markthalle gedacht, wurde aber nie als solche genutzt. Für mich ist das ein Unort, den wir nun versuchen, mit möglichst geringem Mitteleinsatz aufzulösen. Ich bin grundsätzlich sehr fürs Aufräumen und gerade an Stellen wie dieser ist es hilfreich, wenn man weniger Elemente im öffentlichen Raum platziert und dafür den Menschen Platz gibt. INKA: Falls der Neubau einer repräsentativen Stadtbibliothek mit Kinder- und Jugendbibliothek kommen sollte: Wie wird dann das PrinzMax-Palais genutzt? Karmann-Woessner: Eine noch publikumsintensivere Nutzung wäre natürlich absolut wünschenswert. Aber hier müssen erst einmal grundsätzliche Entscheidungen auf politischer Ebene von der Kultur und den anderen Dezernaten getroffen werden, bevor wir mit den Anforderungen an städtebauliche Konzepte und Planungsrecht betraut werden können.

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MIKROHOFHAUS LUDWIGSBURG In Ludwigsburg hat man ernst gemacht mit dem Minimalismus-Trend: Seit März steht dort ein Mikrohofhaus mitten auf einer vielbefahrenen Straßenkreuzung. Kaum mehr als sieben Quadratmeter Wohnbereich, dazu noch einmal doppelt so viel

ebenso simple wie raffinierte Lösung von Kaiser Shen: Ihr von chinesischen Hutongs und marokkanischen Riads inspiriertes Mikrohofhaus aus Holz und Wellblech ist von außen ein geschlossener, containerartiger schwarzer Kubus. Über einen

KROKODIL: STADTENTWICKLUNG DURCH KÜNSTLERHAND

Foto: Atelier Kaiser Shen Architekten/Nicolai Rapp

Garten, mehr braucht das voll ausgestattete Minihaus nicht. Entwickelt wurde es im Rahmen eines Wettbewerbs von dem jungen Stuttgarter Architekturbüro Kaiser Shen, das sich unter mehr als 70 Einreichungen durchgesetzt hat. Ausgeschrieben wurde der Call zum 300. Geburtstag der barocken Planstadt vom Ludwigsburg Museum. Was ist eine zeitgemäße Stadtwohnung?, so lautete die ambitionierte Fragestellung. In diesem Sinne wurde der Standort auf der Verkehrsinsel bewusst als „Unort“, als Gegenprogramm zum Gewohnten ausgewählt. Ein Ort der zur Diskussion anregt, keine Frage. Täglich rauschen hier 70.000 Fahrzeuge vorbei. Die

schmalen Zugang gelangt man ins holzverkleidete Innere – und findet sich plötzlich in einer kleinen Oase mit rundem Springbrunnen, Liegestühlen und einem Baum wieder. Bis September wird es auf der Sternkreuzung stehen, als Teil der Ausstellung „Hin und Weg“ – im Wechsel bewohnt von Interessierten. Freiwillig wohnen auf sieben Quadratmetern? Mitten auf einer Verkehrsinsel? Die Testbewohner sagen: Ja, das geht, es ist erstaunlich ruhig und die Luft benzindurftfrei! -sk Hin und Weg. Wohn- und Lebensräume in Ludwigsburg, bis 16.9., Ludwigsburg Museum

ARCHITEKTUR-BIENNALE 2018 IN VENEDIG Seit Mai pilgert die Architekturszene wieder nach Venedig. Die 16. „Architekturbiennale“ hat unter dem Leitthema Freespace ihre Pforten geöffnet. Sie ist eines der größten Events dieser Art, gefühlt gar das wichtigste – gewissermaßen die WM der Architektur. Pflichttermin also! Nur, wie schaut man sich einen solchen Megaevent eigentlich an? Den Anspruch, „alles“ zu sehen, gibt man – auch mit dem Luxus eines mehrtägigen Aufenthalts vor Ort – schnell auf. Die ganze Stadt ist „Biennale“! Für alle, die noch nicht dort waren, in aller Kürze: Die Hauptspielorte sind das Parkareal Giardini mit den nationalen Länderpavillons und das Arsenale, ein alter Militärkomplex, der seit 1990 auch für Ausstellungsevents genutzt wird. Hinzu kommen zahllose Palazzi

core of architecture’s agenda“ suchen und zwei umfangreiche Präsentationen zeitgenössischer Architektur zusammengestellt haben. „Alles“ zu sehen, ist also kaum möglich. Aber was, wenn man den Spieß umdreht? Indem man sich treiben lässt, ohne Planung, ohne Erwartungen. Dort stehen bleibt, wo der Blick einen hinführt, das genauer anschaut, was Aufmerksamkeit erregt – ein Stück weit im Sinne der Spaziergangswissenschaften (kein Witz, sondern tatsächlich eine kulturwissenschaftliche Methode zur bewussten Wahrnehmung der Umwelt, die in den 1980ern von Lucius Burckhardt in Kassel entwickelt wurde). Man schlendert zum deutschen Pavillon (natürlich, das muss dann doch sein – allerdings eher enttäu-

Foto: Roger Waltz

Was haben eine Bucherscheinung über den Künstler und Gastronomen Karl Peter Mueller aka Charlie Mueller oder auch wie im Buch nun „Muller“ mit der Innenstadtplanung von Karlsruhe zu tun? Einiges. Die vielen Ämter, die derzeit wie verlautet hoffentlich nach Lösungen suchen, die Karlsruher City wieder zu einem Lebensraum zu machen, in dem sich alle wohlfühlen, könnten sich durchaus inspirieren lassen. Am Ludwigsplatz steht ein heute fassadentechnisch „nur dezent“ heruntergekommenes großartiges Jugendstildenkmal, das ehemalige Krokodil (jetzt Enchilada). In den späten 60ern hatte dies der Künstler und Gastronom „Charlie“ Mueller zu einem Publikumsmagnet gemacht. Der Künstler- und Meetingpoint mit Restaurant und einem Café war der Inbegriff einer Künstlerkneipe voller Malerei, in der sich halb Karlsruhe traf. Sein

Erfolg war so groß, dass für das „Kroko“ seinerzeit erst der Ludwigsplatz in jetziger Form entstand: Denn vorher fuhren dort noch Autos. Zuvor hatte er die erste Karlsruher Disco und damit Szenekneipe eröffnet, die Tangente, gestaltet von dem Bildhauer und Künstler Dave Lauer (Topsy Turvy), der auch die vielen Tangente-Ableger in anderen Städten innenarchitektonisch gestaltete. 1968 eröffnete er das Ubu, Anfang der 70er Jahre boomte die KunstMusik-Kneipe derart, „dass sie den Ludwigsplatz weit über Karlsruhe hinaus bekannt machte“, erzählt Udo Glaser im Buch „Charlie holte sogar B.B. King ins Kroko“. -rw KPM – Karl Peter Muller, Heel Verlag GmbH, 400 Seiten, Deutsch/Eng., geb. in Leinen, 240 x 305 mm, ISBN 978-3-95843-584-1, 59 Euro

GARAGENÜBERBAUUNG

Foto: Falk Schneemann

Foto: Arsenale, Photo: Andrea Avezzù, Courtesy La Biennale di Venezia

in der ganzen Stadt sowie Rahmenveranstaltungen, die im weiteren Sinne das Thema der „Biennale“ aufgreifen. Eine Informationsbroschüre, die alle offiziellen Veranstaltungen auflistet, umfasst zehn Doppelseiten allein für Übersichtsstadtpläne mit den Spielorten in allen Stadtteilen. Im Grunde besucht man zweierlei Spielarten der „Biennale“: Zum einen die nationalen Länderschauen, die sich untereinander messen – und mit sich selbst: Jedes Land benennt zu jeder Veranstaltung ein Kuratorium, das die Inszenierung des eigenen Pavillons besorgt. Dadurch erzählen die Giardini mit ihren teilweise gut 100 Jahre alten Länderpavillons an sich auch schon viel über die Europa-Idee – noch bevor eine solche überhaupt formuliert wurde. Zum anderen gibt es die zentralen Ausstellungen im „Biennale“-Pavillon und im Arsenale. Für jede „Biennale“ wird ein Kurator berufen, der ein übergeordnetes Leitthema vorgibt; dieses ist generell eher allgemein gehalten, wie auch sonst, um Vielfalt und Entfaltungsspielraum zuzulassen. 2018 wurden die irischen Architekinnen Yvonne Farrell und Shelley McNamara von Grafton Architects berufen, die mit Freespace „a generosity of spirit and a sense of humanity at the

schend, wie ein zwar formal beeindruckendes Arrangement inhaltlich unbefriedigend bleibt), zu den Briten (ist das schon Brexit oder der britische Humor? Ein komplett leerer Pavillon, stattdessen eine aufs Dach gebaute Plattform). Die Skandinavier – immer wieder eindrucksvoll, auch dank der Pavillons, die Russen – überraschend wenig schwülstig, stattdessen eine gut gemachte Geschichte der Eisenbahn im Land. Auch im Nahen und fernen Osten – es sind kleinere und neue Teilnehmerländer, Saudi-Arabien etwa oder Singapur – sind durchdachte Präsentationen zu entdecken. Insgesamt: Die „Biennale“, in all ihren Spielarten, erfindet das Rad nicht neu, natürlich. Sie spiegelt aber die Vielfalt des Möglichen der Architekturausstellungen, der Themen und Inszenierungsweisen, wider. Eine ganze Stadt im Zeichen eines kulturellen Themas, der Architektur. Und das inspiriert. -sk Biennale Architettura, 16. Mostra internazionale di architettura, Venedig, bis 25.11. Inszenierungsweisen, wider. Eine ganze Stadt im Zeichen eines kulturellen Themas, der Architektur! Und das – inspiriert. Biennale Architettura, 16. Mostra internazionale di architettura, Venedig, bis 25.11.

Als Kind war es für viele ein magischer Rückzugsort, auf dem sich über die Welt thronen ließ: Jetzt könnte das Garagendach bald zur dauerhaften Residenzfläche werden. Der Karlsruher Architekt Falk Schneemann hat ein Konzept entwickelt, das eingeschossige Garagenriegel in zentralen Stadtteilen nach oben hin erweitern soll. Die Städte werden immer dichter, die Mietpreise höher, der Immobilienmarkt immer neoliberaler, Landflucht, Raumnot und Verdrängung sind nur einige der vielen Probleme, die sich daraus ergeben. Beim „Open Call“-Wettbewerb von Architekturschaufenster und -Kammer sowie dem K3 Kultur- und Kreativwirtschaftsbüro waren Visionen für das Wohnen und Leben in Karlsruhe gefragt. Den ersten Preis gewann der Karlsruher Architekt Falk Schneemann mit seiner Idee zur Garagenriegel-Bebauung. Als ausgebildeter Zimmermann hat der KIT-Dozent einen besonderen Blick für Dächer. So fielen ihm die vielen Garagenriegel auf, die in trauter Aufreihung den Geschosswohnungsbau der Nachkriegszeit ergänzten – gänzlich „oben ohne“. Schneemann ging auf Recherche in die Karlsruher Südweststadt und fand auf bloß einem Quadratkilometer Stadtfläche 1.000 laufende Meter Garagen vor. Rund 85 Wohneinheiten könnten dort nach seinem Konzept auf den Garagen entstehen und Raum für Singles, Paare und Alleinerziehende bieten. Mit ihrer dynamischen, unsymmetrischen Formensprache begeben sich

die Garagenaufsätze optisch in einen spielerischen Dialog mit den Geschossbauten, ohne denen ihren durchaus vorhandenen Reiz zu nehmen. Schneemann bescheinigt ihnen einen „eigenen Habitus“, der „identitätsstifend für Bewohner und Stadtteil“ sein kann. Durch die unterschiedlichen Größen der Aufsätze und Schrägen der Dächer wird Privatsphäre gewährleistet und die breiten Straßenprofile der Geschossbebauungs-Areale sorgen für genügend Licht. Die Wohneinheiten erhalten Maisonette-Charakter. Aus wenig Raum das Meiste herausholen ist die Maxime von Falk Schneemann, der selbst in heutigen hochverdichteten Innenstädten noch ungenutztes räumliches Potenzial sieht. Günstig, qualitativ hochwertig und nachhaltig sollen die Garagen-Wohnungen sein. Gebaut werden soll aus nachwachsenden und leicht entsorgbaren Rohstoffen meist regionaler Herkunft; die Holztafelbauweise sorgt für hohe Dämmwerte und die Dächer bieten Platz für Solaranlagen. Der Testentwurf sieht einen Erhalt der vorgefundenen Garagen vor, die lediglich durch Pfähle etwas belastbarer gemacht werden müssten. Wo keine Lücke zwischen den Garagen klafft, wird deren Inneres zum Aufgang und zum Abstellplatz für beispielsweise Fahrräder umgebaut. Zunächst soll ein erster Prototyp für die Erweiterung eines 120 Meter langen Garagenblocks entstehen, wofür Falk Schneemann noch Projektpartner sucht. -fd


„Open Codes“ im ZKM (Foto: Nikolay Kazakov)

THE URBAN OFFICE – RAUMZONEN FÜR DIE WISSENSARBEIT DER ZUKUNFT

Coworking-Spaces sind derzeit in aller Munde, wenn es um das Arbeitsmodell der Zukunft geht. Auf 1,7 Millionen schätzt der Global Coworking Survey aktuell die Zahl jener Menschen, die sich Räume teilen, in denen unabhängig voneinander gearbeitet wird. 2011 waren es gerade mal 43.000 weltweit. Ein äußerst innovatives Musterbeispiel dieser Bürogemeinschaften steht auf dem Karlsruher Schlachthof: das dieses Frühjahr fünftes Jubiläum feiernde Gründerzentrum Perfekt Futur mit seinen rund 70 zu Start-up-Büroeinheiten umfunktionierten Seefrachtcontainern. Auch das ZKM setzt sich in seinen bis 6. Januar laufenden „Open Codes – Leben in digitalen Welten“ praktisch mit dem Thema auseinander, wobei Vitra in Zusammenarbeit mit dem ZKM und dem Handelspartner feco-feederle die Ausstellung mit Möbeln ausstattete und so eine Wissensplattform der besonderen Art schuf. Sven Kaun-Feederle, Kommunikationsdesigner, Zukunftsforscher und Marketingleiter des Karlsruher Büroraum-Spezialisten feco-feederle, beschäftigt sich in seiner Masterthesis „The Urban Office“ mit eben diesen „Raumzonen für die Wissensarbeit der Zukunft“ und fasst die wesentlichen Ergebnisse für Super INKA zusammen. Der Wandel von der Industrie- zur Wissensgesellschaft strukturiert die Art und Weise wie und wo wir arbeiten neu. Die nächste Generation von Mitarbeitern begegnet den Themen Hierarchie und Karriere mit eigenen Ideen und stellt mit ihrem Freiheitsbegriff ganze Organisationen infrage. Die Ideenwirtschaft existiert und dabei werden neue Wege gegangen: Denn Start-ups wollen anders agieren als Vertreter der Old Economy. Sie sind die neuen Vorbilder in der Wissensgesellschaft. Die unbefangene Start-up-Unternehmenskultur fördert das Experimentieren im Büro und ermuntert Mitarbeiter, Risiken einzugehen und auch unkonventionelle Ideen zu generieren, die das eigene Geschäftsmodell hinterfragen. Unternehmen, die die Wissensarbeit ihrer Mitarbeiter in den Fokus rücken, sind gut gerüstet im Echtzeitwettbewerb um die besseren Ideen. Sie überarbeiten ihre Geschäftsmodelle, öffnen ihre Unternehmenskultur und gestalten neue Arbeitslandschaften, um Wettbewerbsvorteile zu sichern. Die moderne Arbeitswelt erfährt eine umfassende, von Megatrends wie Digitalisierung, Urbanisierung, demografischem Wandel, Individualisierung u.a. beschleunigte Veränderung. Die Zukunft der Arbeit wird hochvernetzt, kreativ, digital und komplex sein. Arbeiten im klassischen Sinne verliert dabei immer mehr an Bedeutung und wird durch künstliche Intelligenz ersetzt. Unternehmen müssen sich diesem Wandel anpassen und die menschlichen Alleinstellungsmerkmale wie Kreativität, Innovationskraft, Problemlösungs- und Entscheidungsfähigkeit durch lebenslanges Lernen in inspirierenden Raumzonen fördern und neue Jobprofile gestalten. Um schnell auf komplex verändernde Rahmenbedingungen antworten zu können, ist eine agile Organisation erfolgskritisch. Für diese Themenstellungen brauchen Mitarbeiter im Büro der Zukunft zum einen Rückzugsmöglichkeiten, um konzentriert Lösungen zu finden; zum anderen fordert die steigende Komplexität die flexible Zusammenarbeit im Team, um Probleme zeitnah mit mehreren zu diskutieren und bewältigen zu können. Die neuen Talente sind bereits mit kollaborativen Erfahrungen spielerisch aufgewachsen, denn Online-Games erfordern Flexibilität im Ausleben sich verändernder Rollen und im Willen zur Kooperation, um gemeinsam größere Ziele zu erreichen. Diese Fertigkeiten werden im agilen Büro für künftige Führungsaufgaben gesucht.

Die Möblierung als Taktgeber der Arbeitslandschaft Wer den Wandel der Arbeits- und Bürostrukturen im Blick behält, realisiert zukunftsweisende, genau an die Bedürfnisse des jeweiligen Unternehmens

angepasste Bürolandschaften. Mit so konzipierten Bürowelten fördern Unternehmen nicht nur kreatives Arbeiten und den Informationsaustausch, sondern ebenso den Wissenstransfer und die Inspiration der Mitarbeiter. Rücken Büromöbel als Taktgeber in den Fokus, erhöhen sich auch die Ansprüche daran: Höhenverstellbare Schreibtische beispielsweise sind gesundheitsfördernd und vermindern Haltungsschäden. Im Rahmen der Digitalisierung wird benötigter analoger Stauraum kleiner und Ordnerregale gehören damit nicht mehr zwingend zur Standardausstattung. Stattdessen gibt es Raum für platzsparende Lounge-Möbel am Schreibtisch, etwa bepolsterte Rollcontainer zum ergänzenden Sitzen. Unternehmen sind mehr denn je auf Wissensarbeiter angewiesen, die mit neuen Denkweisen Innovationen hervorbringen. Die bewusste Nutzung unterschiedlicher Arbeitsorte kann die Ideenfindung unterstützen. So werden Räume zu Impulsgebern, neue Sichtweisen in Betracht zu ziehen. Unternehmen forcieren z.B. mit der Entsendung ganzer Teams in neue Umgebungen solche Kreativprozesse. Das Spektrum inspirierender Umgebungen reicht vom Coworking Space, wie er innerhalb der Ausstellung „Open Codes“ im ZKM zu erleben ist, bis hin zur Spin-Off-Location (Ausgliederung von Unternehmensbereichen) als Inkubator (Unterstützung von Existenzgründungen) und Accelerator (Coaching für Startups). Der Megatrend Individualisierung führt nach starken Ausdifferenzierungen wieder zu mehr Gemeinschaftssinn und Kollaboration. Wenn das Managen von Komplexität nur noch gemeinsam gelingen kann, sind fließende Übergange für eine Zusammenarbeit zu schaffen; Hierarchien werden dadurch flacher und flexibler.

Die Stadt – der Archetyp des Urban Office

Im Silicon Valley entwerfen internationale Architekturgrößen aufwendige Firmenzentralen. Ziel dieser eigenständigen Kommunen gleichenden Großareale ist die Nahversorgung der Mitarbeiter auch mit persönlichen Services und der Benefit, alle Annehmlichkeiten in erreichbarer Nähe zu haben. High Performer, die sich lange Zeit fast ausschließlich im Unternehmensbiotop aufhalten, laufen dann aber Gefahr, den Kontakt zur Außenwelt zu verlieren. Das Urban Office versteht sich hingegen als ein mit dem Makrokosmos Stadt verbundener Mikrokosmos. Nach ähnlichen Prinzipien wie die Areale einer Stadt sind die sich ergänzenden Raumzonen angelegt. Das Urban Office dockt bewusst an die Stadt an, da von ihr wichtige Impulse für Innovationen von Unternehmen ausgehen. Informelle Zonen und Work-Cafés öffnen sich für Externe, Interak-

tion und Austausch wird möglich. Auch sind Unternehmen bestens beraten, ihre Mitarbeiter darin zu unterstützen, sich mit der Stadt, in der sie arbeiten, zu vernetzen und sich dafür zu engagieren. Denn als Citizens übernehmen sie sowohl Mitverantwortung für das Leben vor Ort als auch das Unternehmen mit seiner praktizierten Corporate Social Responsibility. Unternehmen stehen in besonderer Verantwortung, Regeln aufzustellen, die die Erreichbarkeit ihrer Mitarbeitenden begrenzt, um vom Arbeitsalltag abschalten zu können. Die technische Infrastruktur wird angesichts der Big Data immer mächtiger und in den USA beginnen Unternehmen bereits Bewegungs- und Kommunikationsmuster ihrer Mitarbeiter auszuwerten. Auch wenn der Datenschutz in Deutschland ein solches Vorgehen (noch) verhindert – eine Entwicklung in diese Richtung deutet sich an. Die Freiheit im Büro der Zukunft muss aber geschützt werden, damit nicht People Analytics im Unternehmen Menschen überwachen, sie einschränken und die Innovationskraft lähmen. Menschen sollen Technologie nutzen und nicht umgekehrt. Diese Perspektive muss beibehalten werden, damit Mitarbeiter und Unternehmen sich nicht selbst erschöpfen. Die Stadt ist ein zentraler Ort mit eigener Struktur, in dem sich Wege kreuzen. Auch das Büro der Zukunft ist weiterhin ein zentraler Ort mit eigener Kultur, in dem sich Menschen begegnen. Zwar entkoppeln sich Raum und Zeit im Zeitalter der Digitalisierung immer mehr; doch was bleibt und Menschen zusammenführt, ist das Bedürfnis nach Austausch und Begegnung – in der Stadt wie im Büro. Wer dies in der Gestaltung seiner Arbeitswelten berücksichtigt und zufällige zielführende Begegnungen ermöglicht, wird Talente auch in Zukunft an sich binden können. Im Büro der Zukunft wird unternehmerisches Handeln auch innerhalb der Organisation gefördert. Dazu muss sich die Unternehmenskultur allerdings für Beteiligung und Ideen öffnen. Der pulsierende Lebensraum Stadt mit seinen vielfältigen Lebensentwürfen, Kraftorten und Überzeugungen wird zur urbanen Lernlandschaft, in der Raumzonen für die Wissensarbeit der Zukunft wichtige Ankerpunkte bilden.

Vom Headquarter zum Heartquarter

Kreativität in komplexen Aufgabenstellungen entsteht da, wo Mitarbeitern Freiheit gewährt wird. Dazu gehört u.a. die Selbstbestimmung über Raum und Zeit; auch die Präsenzkultur wird der Ergebniskultur weichen müssen. Denn die kommende Generation im Büro erwartet von Führungskräften Ermutigung zur Entfaltung anstatt Kontrolle vordefinierter Entwicklungsschritte. Auch wenn digitale

Werkzeuge manche Präsenz obsolet werden lässt – die physische Begegnung im raumgewordenen Herz des Unternehmens wird noch relevanter werden. Das Urban Office öffnet sich für sein Umfeld, um mit Andersdenkenden und Trendsettern ins Gespräch zu gehen. Flache Hierarchien und Transparenz in Social-Media-Plattformen laden ein, das Büro als Teil der urbanen Gesellschaft zu positionieren. Es gewinnt mit seiner Öffnung noch mehr Räume hinzu und entsendet seine Bewohner zu neuen, auch analogen Erfahrungen. Das Büro der Zukunft mit seinen Raumzonen und einem unternehmensspezifischen Storytelling kann in der Arbeitswelt Sinn und Orientierung in bewegten Zeiten bieten. Gelernte Zonen der Stadt als fließende Arbeitslandschaft im Urban Office helfen, den natürlichen Lebensrhythmus zu wahren und Wissensarbeit als Entfaltung von Persönlichkeit zu erleben. Das Spektrum der Raumzonen entspricht dabei bestenfalls der Individualität seiner Nutzer. Der klassische Arbeitsbegriff, wie er seit der industriellen Revolution verstanden wird, hat ausgedient. Wissen ist die Ressource, wie es bislang die herkömmliche Arbeit war. Die Grenzen der Arbeitswelt schwinden, ein Lebensraum als Wissensraum in der Stadt wird neu interpretiert: Aus Wissensraum wird eine urbane Lernlandschaft, die zum Mitmachen einlädt. Komplexität ist zugleich Herausforderung und Verheißung eines sich wandelnden Büros. Wer Kreativität fördert, sich neue Technologien zu eigen macht und dabei die Wissensarbeiter in den Mittelpunkt des Büros stellt, wird auch in Zukunft neue Welten erschaffen.

Sven Kaun-Feederle

Die Leidenschaft für gute Gestaltung bringt Sven Kaun-Feederle nach dem Studium für Kommunikationsdesign 1989 wieder nach Karlsruhe. Dort wird er Gründer einer Werbe- und einer Internetagentur. Weltausstellungsprojekte in Deutschland und China zählen zu den Highlights als Agenturgeschäftsführer. Seit 2016 engagiert er sich in der Marketingleitung des internationalen Systemtrennwand-Spezialisten und Büroeinrichters feco-feederle und absolviert gerade einen MBA-Masterstudiengang für Trend- und Nachhaltigkeitsmanagement. Das liebste Büromöbel des Marketiers und Zukunftsforschers ist die Schaukel im Homeoffice, denn sie verschafft mit einem spielerischen Lächeln mitunter neue Sichtweisen.


CLUBKULTUR ZWISCHEN VITRA-MUSEUM, OFFSPACES UND HYBRID-CLUBS Das ständige Anwachsen der vielen Produzentengalerien, Ateliers und Offspaces, die teils einfach charmig aus den leergeräumten Ateliers von Künstlern bestehen, ist in dieser Fülle sicher ein Karlsruher Phänomen. Wir nennen nur mal einige, die bei INKA – sofern sie es schaffen Infos zu senden – ständig redaktionell angekündigt werden oder wurden: Poly Produzentengalerie, The Rotten Bar, Zettzwo Produzentengalerie, Die Anstoß, Nordbecken, V12, Showroom Schmitt, V8, Kunstverein Letschebach, Luis Leu, ßspatz, Projektraum Rochade, Produzentengalerie 20. Juni, Circus 3000. Ebenso hat das Fehlen großer und mittelgroßer Hallen zu einem hochdifferenzierten Alternativangebot an feinen ausgesuchten Konzerten geführt. Allerdings fehlen, nicht nur seit dem Wegfall der Künstlerateliers am Hauptbahnhof, bezahlbare Atelierräume. Hierfür gäbe es eine einfache Lösung: Das ohnehin ewiggestrige Plazet des Gemeinderats aufheben, im Rheinhafen keine kulturelle Nutzung zu erlauben. In anderen Städten wird intensiv der Hafenbereich ausgebaut und entwickelt. Hier kommt es dazu, dass z.B. die Ateliergemeinschaft Nordbecken einmal im Jahr ihre Räume öffnen darf, mehr aber darf nicht sein. Mit einer kulturellen Nutzung hingegen könnte man mehr veranstalten, und so wieder zusätzliche Gelder für den Kulturkreislauf generieren. Friedemann Dupelius war für Super INKA im gesamten Südwesten unterwegs, sprach mit DJs und Künstlern, besuchte Offspaces und die Clubkultur-Ausstellung im Vitra-Museum in Weil am Rhein und gibt Einblicke in eine Szene, die sich nicht nur ständig verändert, sondern deren Wesensmerkmal die ständige Veränderung selbst ist. Der Autor, langjähriger INKA-Redakteur, lebt in Köln, wo er eigentlich gerade zu Ende studiert, er arbeitet u.a. für den WDR, kurartiert, und ist – natürlich meist in künstlerischen Gesamtzusammenhängen – bundesweit auch als DJ und Produzent aktiv. Zuletzt veröffentlichte er unter seinem Künstlernamen Friday Dunard die EP „Eine Gerade“ auf dem Label des Kölner DJs und „Groove“-Autors Barnt. -rw wichtig – ich hatte eine Residency im Schlachthof, ich find’s gut, dass es das Gotec noch gibt, und die Partys und Leute an der HfG waren und sind auch sehr cool.“ Denkt man an Clubkultur in Karlsruhe, kommen einem wohl eher andere Orte in den Sinn als die Hochschule für Gestaltung: Das „ewige“ Gotec etwa, der urige Erdbeermund, das Culteum in der Oststadt, die recht junge Fettschmelze auf dem Schlachthofgelände oder auch altgediente und mittlerweile geschlossene Locations wie das Carambolage und die Mood Lounge, die ihren inoffiziellen Nachfolger in der Monk Bar gefunden hat. Doch liefert gerade die HfG mit ihren Studierenden in Medienkunst, Design oder Szenografie immer wieder Nachschub an kreativen Leuten, Partys und Konzepten, die sich auf den Parties der Hochschule, aber auch an externen Orten in der Off-Szene austoben. Hier legten Leute bereits in ihrer Karlsruher Studienzeit auf, die heute einen internationalen Namen in der elektronischen Musikszene vorweisen können, wie Ame, Don’t DJ oder Orson. Bezeichnenderweise leben diese mittlerweile in Berlin – eine typische Laufbahn für viele (Ex-)Karlsruher Kreative.

man auch in der Off-Szene an Grenzen: „Raum ist das größte Problem“, findet Vanny, die als Pinkfatbuddha bei 76666 auflegt und Visuals auf den Parties gestaltet, „das Geld spielt ja nicht mal die große Rolle, wenn die Menschen und die Zeit da sind.“ Kollektivkollege Manuel, als Musiker unter dem Pseudonym Luxxuryproblems unterwegs, ergänzt: „Zum Arbeiten und Geld ausgeben ist in Karlsruhe immer Platz, auch die Autos können Gas geben, aber ansonsten wird hier halt gewohnt, und das möchte man in Ruhe machen. Es ist schwierig, Raum einfach mal zu nutzen, wenn auch nur für kurze Zeit – da hat man in Karlsruhe ganz schnell den Riegel vor. Ich wünsche mir da mehr Offenheit und weniger Bürokratie, wenn es darum geht, Orte aus eigener Kraft und ohne Aufwandsentschädigung genießbar zu machen – das macht doch auch die Stadt attraktiver.“ Töne, die auch der Verein Die Anstoß regelmäßig anschlägt. Der zeigte im Sommer 2017 mit einem ganztägigen Konzert- und DJ-Programm im Parkhaus am Kronenplatz, direkt neben dem vereinseigenen ßpace, wo es lang gehen kann, wenn man in Kooperation mit der Stadt für temporäre Freiräume kämpft.

Der Club als Experimentierfeld

Diskothek Flash Back, Borgo San Dalmazzo, ca. 1972, Gestaltung: Studio65, © Paolo Mussat Sartor

Verspiegelte Wände ringsum, ein Raster aus farbigen LEDs umnetzt mich, vervielfältigt sich auf allen vier Seiten ins Unendliche der Spiegeltiefen, mittendrin sind ich und die Musik – laut und dringlich, vertraute Sounds, zum Teil lange nicht gehört, und da ist sie plötzlich: Die ungeahnte Euphorie, die einem im richtigen Moment den Dancefloor unter den Füßen wegreißen kann. Die auch durch Museumswände hindurchhuschen und kurze, ekstatische Augenblicke mit der Kunst oder dem Sujet der Ausstellung überhaupt entfachen kann. So etwas in der Art erlebe ich gerade, und zwar beides vermischt, denn: Der begehbare LED-Tanzflur, gestaltet von Konstantin Grcic und Matthias Singer, ist Teil der Ausstellung „Night Fever“ im Vitra-Museum Weil am Rhein. Die erzählt die Geschichte der Nachtclubs von den 1960er Jahren bis heute, mit dem Spot auf ihre enge Verquickung mit Design, Architektur und Kunst – und lässt gleichzeitig Raum, die eigene, persönliche Geschichte mit der Clubkultur und ihrer Musik neu zu erfahren. Die Installation von Grcic und Singer füllt einen von vier Räumen der Ausstellung. Über Kopfhörer können hier stilprägende Tracks aus Techno, House, Disco und Prä-Disco (so die Genre-Einteilung, die gerne noch um eine modernere Facette hätte erweitert werden können) im künstlichen Club-Environment gehört und über Plattencover an den Wänden auch visuell erfahren werden. Zuvor bin ich bereits durch ein beeindruckendes wie überraschendes Panorama scheinbar endloser Kreativität gewandert, mit dem sich in den 1960er Jahren Designer und Architekten der Gestaltung von Musikclubs gewidmet hatten. Verwunderung und Begeisterung haben sich gegenseitig hochgeschaukelt. Im New Yorker Club Cerebrum etwa bekamen alle Besucher Togas umgehängt, tranken Tee und fanden sich in 360-Grad-Projektionen wieder, in den 1960er Jahren wohlgemerkt! Meine dadurch angestaute Energie entlädt sich dann durch das Zusammenspiel von Sound, Raum und Licht in der Club-Installation, die die Club-Situation zwar nur andeutet, aber direkt alle möglichen Emotionen und Erinnerungen antriggert, die sich mit den Jahren und unzähligen Stunden in Clubs und auf Parties angesammelt haben und mich spüren lassen, warum ich das alles (zumindest grundsätzlich) so toll finde.

Clubkultur 2018: Spirit und Spielverderber

Gegencheck mit der Realität: Im Jahr 2018 sind Clubs Wirtschaftsfaktoren und zugleich Lärm machende Störenfriede, sind der Kommerzialisierung genauso ausgesetzt wie der Gentrifizierung. Immer dichter bebaute Städte und teurer vermietete Lo-

kalitäten schnüren kreativer Clubkultur die Brust ab, leere und somit gestaltbare Räume sind ein rares Gut geworden, und gleichzeitig – auch das zeigt die Ausstellung im Vitra-Museum – ist der Club im Museum angekommen, hat eine Geschichte erhalten, die in schöner Regelmäßigkeit in Büchern („Der Klang der Familie“ von Felix Denk und Sven von Thülen) und Filmen (z.B. „We Call It Techno!“ von Maren Sextro und Holger Wick) erzählt wird. Ein merkwürdiger Zwiespalt tut sich auf: Ist die Clubkultur, so kreativ, bahnbrechend, befreiend und auch gesellschaftsverändernd (man denke nur an den Einfluss von Läden wie dem New Yorker Paradise Garage auf die homosexuelle Bewegung) sie gewesen ist, noch das, wofür sie in Weil am Rhein, und nicht nur da, gefeiert wird? Was macht einen spannenden, progressiven Club 2018 aus? Was kann Clubkultur heute leisten? Individuell, gesellschaftlich, städtebaulich, künstlerisch? Und inwiefern trifft all dies auch auf Karlsruhe zu? „Irgendwann war das ganze Ding neu. Bei uns im Heidelberger Raum war das so populär, dass Leute aus Basel, Kassel, Strasbourg und Saarbrücken zu den Parties gekommen sind. Bald aber gab’s dann zehn statt zwei Partyreihen, was die Szene in ihrer Größe einfach nicht hergab, und durch die Übersättigung hat sich alles immer mehr nivelliert“, erzählt David Moufang alias Move D über die frühen Rave-Jahre Anfang der 90er. Der Heidelberger hat die Entwicklung der Clubkultur im Südwesten mehr als drei Jahrzehnte miterlebt und tourt auch heute noch als DJ um die Welt. „Ein guter Raver ist

Night Fever. Design und Clubkultur 1960 – heute, 2018 © Vitra Design Museum, Foto: Mark Niedermann

ein guter Mensch. Das hat mir anfangs in der Szene gefallen und diesen Spirit stelle ich auch heute noch teilweise fest.“ Auch zu Karlsruhe hat Move D eine lange Beziehung: „Karlsruhe war auch immer

Die „Night Fever“-Ausstellung im Vitra-Museum stellt den Piper-Club vor, der 1965 in Rom eröffnet wurde und ein Jahr später einen gleichnamigen Bruder in Turin bekam. Insbesondere in Italien experimentierten vor 50 Jahren Designer, Architekten und Künstler mit Räumen, Einrichtung, Möbeln, Bühne und Licht. Clubs waren damals oft Gesamtkunstwerke – selbst der Eingang des Turiner Pipers wurde vom Komponisten Sergio Liberovici künstlerisch gestaltet. Viele der Clubgestalter von damals standen der Radical-Design-Bewegung nahe, die Design nicht bloß als kommerzielle Dienstleistung, sondern als kreative Spielwiese mit gesellschaftsveränderndem Potential betrachtete. In den italienischen und vergleichbaren Clubs in den USA oder England lief damals weder Disco, noch House oder Techno – gab es ja auch alles noch gar nicht. Psychedelic-Rock-Bands traten hier auf, genauso wie Jazz-Combos bis hin zu Sun Ra; auch Modeschauen, Kunst-Performances und Happenings fanden statt. Kunst, Design, Musik und (soziale) Architektur gehörten unmittelbar zu dieser frühen Phase der Clubkultur. Von Marshall McLuhan inspirierte Künstler arbeiteten mit Videoprojektionen und die Gemüsebeete auf der Tanzfläche des Florenzer Clubs Space Electronic erinnern an die heutige Urban-Gardening-Bewegung – nur dass sie ein halbes Jahrhundert früher angelegt wurden. Fotos, Videos, Zeitungsartikel und gar Möbelstücke in der Vitra-Ausstellung machen diese Zeit nicht nur lebendig, sondern erinnern daran, welches gestalterische Potenzial im Ort Club stecken kann. Auch wenn sich heute viele Clubs durch optimierte Funktionalität auszeichnen, manchmal auch das betont einfache Prinzip „Dunkler Raum + Anlage“ (kein Einwand dagegen!) anwenden, stechen doch gerne jene Orte hervor, die in ihrer ganzheitlichen Gestaltung an die alten Club-Raum-Experimente erinnern; das Robert Johnson in Offenbach zum Beispiel, das vor rund 20 Jahren in enger Verbindung zur dortigen Hochschule für Gestaltung entstand. An ihrer Karlsruher Namensschwester fand sich vor rund zwei Jahren das Kollektiv 76666 zusammen, das hier derzeit Partys an unüblichen Orten im Freien oder auch dem selbstverwalteten P8 in der Nordstadt, organisiert – immer mit einer Vorliebe zu eher selten gespielter Tanzmusik und aufwändig gestalteten Räumen, Visuals und Artworks. „Wir suchen uns bewusst Orte, an denen noch kein Rave stattgefunden hat, um der Sache ihre Einzigartigkeit zu geben“, bekundet Luis Ake von 76666. Sein Kumpane Jannis alias Thirdworldlabour weiß: „Es gibt halt doch noch schöne Plätze in Karlsruhe, die man für so etwas nutzen kann.“ Partys machen jenseits fester Locations und an Off-Spots ermöglicht gestalterische Freiheiten, die der herkömmliche Clubbetrieb so nicht bieten kann. Doch stößt

Night Fever. Design und Clubkultur 1960 – heute, 2018 © Vitra

Off in die Freiheit?

Clubs haben es nicht einfach heutzutage. Strenge Auflagen und der nicht immer zugewandte Umgang seitens der Behörden, gerade auch im Südwesten sind das eine. Zugleich stellt aber auch die Gentrifizierung gesunder Clubkultur ein Bein: Innerstädtische Mieten steigen, sodass sich viele Clubs ihre Räumlichkeit nicht mehr leisten können, und neue, wohlhabende Anwohner sitzen mit dem Argument der Ruhestörung gern am längeren Hebel. Je nach Stadt ist die Leerstandssituation unterschiedlich – die eine Stadt, wie Karlsruhe, verfügt über wenig davon, die andere kümmert sich nicht um ihn. „Das größte Problem ist, dass die Stadt zu reich ist“, sagt Move D über „sein“ Heidelberg. „Hier scheren sich die Leute nicht um leerstehende Fabrikhallen, in denen man was machen könnte. Die stehen dann halt zehn Jahre leer. In einer ärmeren Stadt wie Mannheim merkst du den Unterschied, da wird so was viel eher mal für 2.000 Euro vermietet, egal was die Szene dann dort drin veranstaltet.“ Man muss nicht unbedingt den Teufel an die Wand malen und über ein epochales Clubsterben lamentieren – stimmt so auch nicht. Es ist aber schwieriger geworden. Liegt die Zukunft der Clubkultur womöglich in der Off-Szene? Wenn unsere durch und durch digitalisierte Welt schon immer durchlässiger, flüssiger und ephemerer wird, warum dann auch nicht die Clubkultur, in der sich ja immer auch gesellschaftliche Verhältnisse und Strömungen spiegeln, die sie aber auch mit gestalten kann. Das Aufzeigen von Leerständen und Raumproblemen in einer Stadt ist eine produktive Aufgabe der Offspaces, und zwar nicht nur derer, die als Räume für Bildende Kunst fungieren. Mit dieser Strategie fuhr der Verein Die Anstoß mehrere Jahre lang, machte auf ungenutzte Flächen und ihr kulturelles Potenzial aufmerksam, bis er auf Anklang in der Stadtverwal-


Soundsystem Despacio, New Century Hall, Manchester International Festival, Juli 2013 © Rod Lewis

tung stieß. Der letzte Raum der „Night Fever“-Ausstellung, der sich der zeitgenössischen Clubwelt widmet, stellt das Projekt „The Mothership“ aus Detroit vor – eine mobile DJ-Kanzel, die in der mystifizierten Techno-Geburtsstadt auf vernachlässigte Orte und Areale hinweist, an denen sie aufgebaut und benutzt wird, und zugleich Vorstellungen einer mobileren, wurzellosen Clubkultur der Zukunft evoziert. Karlsruhe hat eine stetig wachsende, sehr florierende Szene an Kunst-Offspaces, wie auch Irma Chacall von der Ateliergemeinschaft V12 feststellt: „Mich überrascht das positiv. Die Offspaces werden immer mehr, und auch fester – Dinge sind nicht mehr so schnell vorbei.“ Also doch eine gewisse Sesshaftigkeit inmitten steten Wandels? „Eine Zeitlang gab es die Tendenz, feste Räume uncool zu finden“, weiß Chacalls Atelierkollege Joachim Hirling, der auch in der Poly-Produzentengalerie sehr aktiv war und auch die alternative Karlsruher Kunstschau UND mitkuratierte. „Man wollte gar keinen festen Raum mehr, gar keine festen Strukturen. Jetzt geht die Wellenbewegung aber doch in die andere Richtung. Man merkt, wenn man beständiger und langfristiger agiert, wird man auch besser wahrgenommen.“ Hirling selbst arbeitet schon lange an einer Synästethischen Kombination von Klang und Farbe. Nun ist ein Kunstraum nicht automatisch clubtauglich und die Anzahl der Partys in den Off-Galerien hält sich doch in Grenzen. Dass die Verzahnung von Kunst- und Clubwelt aber äußerst fruchtbar sein kann, zeigen nicht nur die italienischen Clubs der 1960er Jahre, sondern auch Beispiele aus dem New York der 70er und 80er: Im Mudd Club tobte sich die Punk- und Wave-Szene aus und schlug Brücken zu Kunst und Performance und im Area Club ging nicht nur Andy Warhol ein und aus, sondern die Partys selbst waren mit von der Einladung bis zum Raumdesign durchgestalteten Themen von „Religion“ über „Krieg“ bis „Zukunft“ Kunstwerke für sich. Klar muss nicht jede Party und jeder Club jetzt „auf Kunst machen“, aber auch aktuelle Beispiele wie

der Salon des Amateurs in Düsseldorf zeigen, wie Läden, die aus einer lokalen Kunstszene heraus entstanden und gar nicht zwingend als Nachtclub gedacht waren, zu neuen Kreativschüben führen

Hip-Hop oder Techno ist vorbei. So absurd es vielleicht zunächst klingt, aber auch der Fitness- und Ernährungstrend der letzten Jahre dürfte eine Rolle spielen, in dem er nicht unbedingt dafür sorgt, dass

Color Sound VI (Installation und Foto: Joachim Hirling)

und zu Erfolgsgeschichten werden können. Der Ethos des Selbermachens, des findigen Erschließens immer wieder neuer Räume und deren immer wieder andere Gestaltung, liegt aber in der DNA der Subkultur und ist angesichts heutiger Umstände vielleicht wichtiger denn je.

Internationale Tendenzen: Online-Sounds und Hybrid-Clubs

Und da gibt es ja noch andere Entwicklungen: Das Publikum und sein Ausgehverhalten verändern sich. Musik spielt in der Jugendkultur nicht mehr zwingend die Rolle wie noch vor 20 oder 30 Jahren. Die Zeit der großen und neuen Bewegungen wie Punk,

sich mehr Leute den körperlichen Strapazen und Exzessen einer Partynacht hingeben. Zudem zieht der Festivalboom den Clubs das Publikum ab, das tendenziell eventorientierter ausgeht – und seltener, was sich am Wochenende im Club bemerkbar macht. Gleichzeitig findet vieles im Internet statt: Formate wie der Online-Videokanal „Boiler Room“ holen den Club ins Wohnzimmer, während DJs und neue Musik früher exklusiv „draußen“ zu hören und erleben waren. Das muss nicht zwingend schlecht sein – übers Internet hat sich eine globale Szene gebildet, die sich nicht an Orte bindet, ihre eigenen musikalischen Ästhetiken hervorbringt und sich letztlich dann doch wieder in realen Räumen

trifft – in kleinen Clubs, auf DIY-Partys oder auch auf Festivals wie dem CTM in Berlin oder dem Wiener Hyperreality-Festival werden diese Strömungen erfahrbar. Der „Boiler Room“ findet wiederum über einen einstündigen Zusammenschnitt von DJ-Performances auch im Vitra-Museum seinen Platz (das mobile Datennetz dort war übrigens gut). Die bunte, umfassende und anregende Ausstellung „Night Fever“ stellt auch ein nicht realisiertes Projekt aus London vor, das den eben erläuterten Trends Rechnung tragen will: Die Architektur-Initiative OMA entwickelte für die Londoner Club-Institution Ministry of Sound ein Konzept, das den klassischen Nachtclub nicht nur räumlich sondern auch zeitlich transzendiert. Geplant war ein ganzer Gebäudekomplex, der unter anderem Supermarkt, Fitnessstudio, Café und Arbeitsplätze enthält – und eben auch einen Club, der sich in die zeitgenössische Lebenswelt einbettet und finanziell nicht mehr alleine tragen muss. In Karlsruhe geht das Konzept der Fettschmelze ein wenig in Richtung dieser Idee der Hybrid-Nutzung. Im Schnitt findet dort alle zwei Wochenenden eine Party statt, ansonsten hat sich der Laden als wandelbare Gastro-Alternative etabliert und beherbergt in seinem oberen Geschoss ein Coworking-Büro. So verwunderlich es anmuten mag, den Schließfächern aus den Anfangstagen der Berliner Techno-Institution Tresor plötzlich im Museum gegenüber zu stehen, als sei dies das Relikt eines vergangenen Zeitalters (und vielleicht stimmt das ja sogar) und die Clubkultur mittlerweile ein museales, „ausgestopftes“ Ding – mit dem Wissen um die Geschichte, dem Blick auf heutige Potenziale und dem nötigen Enthusiasmus kann und wird es weitergehen. Menschen wollen auch 2018 und darüber hinaus zusammenkommen, Musik hören, feiern – ob im Internet, vor der mobilen DJ-Kanzel, im Gesamtkunstwerk oder halt doch dem dunklen Loch mit Subwoofer und Hochtöner-Duo. Weiter geht’s also! -fd

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KARLSRUHER OFFSPACES UND PRODUZENTENGALERIEN Poly-Produzentengalerie

Eine langlebige Institution unter den Karlsruher Offspaces: Studierende der Kunstakademie gründeten im Sommer 2001 die Poly-Galerie, die auch maßgeblich an der Entstehung der alternativen Kunstmesse UND beteiligt war. Seitdem regelmäßige Ausstellungen, u.a. die Poly Summertime. Viktoriastraße 9, 76133 Karlsruhe Innenstadt-West www.poly-galerie.org

The Rotten Bar

Junger Zuwachs unter den Karlsruher Offspaces: 2016 eröffnete der Künstler Benno Blome seinen Schauraum, in dem sich Künstler und Publikum auf sandbedecktem Boden zusammenrotten und in Austausch kommen. Neben Newcomern stellt auch mal Franz Ackermann aus, neben Ausstellungen gibt’s auch Filmscreenings, Vorträge, Performances, Konzerte und Parties. Augartenstraße 32 (Hinterhaus), 76137 Karlsruhe Südstadt therottenbar.blogspot.com

Zettzwo Produzentengalerie

Die erste Durlacher Produzentengalerie zeigt Gruppenausstellungen zu Themen von „Spießbürgertum“ bis „Erbsensuppe“. Hinzu kommen Einzel- und Kleingruppenausstellungen sowie Performances und Workshops. Der Ansatz von zettzwo ist offen, Schwerpunkte der rund zehn Künstler sind Malerei, Skulptur und Fotografie. Zunftstraße 2, 76227 Karlsruhe-Durlach www.zettzwo-galerie.de

Showroom Schmitt

ßspatz

Der kleine Bruder des ßpace ist im Februar 2018 flügge geworden und als „Satellitenraum“ für Ausstellungen in einem WG-Wohnzimmer beheimatet. Besonderheit: Jeder Eröffnung folgt eine Spezial-Veranstaltung am Samstag drauf. Augartenstraße 47 (2. Stock), 76137 Karlsruhe-Südstadt, www.sspatz.org

Nordbecken

Am nördlichen Becken des Karlsruher Rheinhafens lebt und arbeitet seit 2011 ein Künstlerkollektiv, das sich mit dem sommerlichen Nordbeckenfestival und Beteiligungen am Karlsruher Galerientag dem Publikum zeigt, neben Malereien auch Performances, Lesungen und Filme im Programm hat und einen guten Draht in die Musikszene pflegt. Nordbeckenstraße 9, 76189 Karlsruhe Mühlburg www.nordbecken.de

V8

Als „Plattform für Neue Kunst“ tituliert sich die V8, residiert im Offspace-Hotspot Viktoriastraße und zeigt seit bereits 13 Jahren junge künstlerische Positionen in rund zehn Ausstellungen pro Jahr. Viktoriastraße 8, 76133 Karlsruhe Innenstadt-West www.viktoria8.de

V12

In der Ateliergemeinschaft V12 arbeiten rund zwölf Künstler an ihren Malereien, Skulpturen, Fotografien und interdisziplinären Werken. Werkschauen wie neulich im Juni 2018 sollen zur Regelmäßigkeit werden. Viktoriastraße 12, 76133 Karlsruhe Innenstadt-West

Kunstverein Letschebach

Letschebach heißt Durlach im Volksmund. Seit 2011 holt der Kunstverein internationale Künstler unter den Turmberg und gibt in seinem Hinterhof auch Raum für Performances und experimentelle Konzerte. Blumentorstraße 12, 76227 Karlsruhe-Durlach

Luis Leu

Junge, zeitgenössische künstlerische Positionen zeigt der 2013 mit einem Kunstkrimi gestartete Projektraum in der Südstadt und bezieht dabei den Nachwuchs von der Kunstakademie und der Hochschule für Getaltung mit ein. Lesungen und Performances runden das Spektrum ab. Luisenstraße 32, 76137 Karlsruhe Südstadt www.luisleu.de

POLY SUMMERTIME 2018 Die älteste Karlsruher Produzentengalerie liegt in der kleinen Viktoriastraße, einer Querstraße der Reinhold-Frank- südlich der Sophienstraße, wo sich mit der V12 Produzentengalerie und der V8 Plattform zwei weitere Ateliergemeinschaften befinden, die immer wieder auch Ausstellungen bieten, auch mit (inter)nationalen Gästen. Seit einem Jahr ist der Künstler Andreas Reck neuer Vorstand, der im acht Semester in der Klasse Erwin Gross studiert und frischen Wind hereinbrachte. Es konnten fixe Öffnungszeiten etabliert werden, und die wieder verstärkte Akademieanbindung kommt jetzt auch bei der von ihm kuratierten Poly Summertime 2018 zum Tragen, bei der außer dem langjährigen Poly-Vorstand, Künstler und UND-Organisator Joachim

Hirling (der sein Atelier gegenüber in der V12 hat) ausschließlich Akademie-Kommilitonen aus vielen unterschiedlichen Klassen und Semestern ausstellen. Vernissage ist zwischen 27.7. und 9.9. immer freitags von 19–22 Uhr, die jeweilige Ausstellung ist dann jeweils Sa–Mi von 16–20 Uhr sehen. –rw 27.7.–12.9. Poly Produzentengalerie, Viktoriastr. 9 Künstlerliste: Fr, 27.7.–1.8. Boglárka Balassa Tamás Kelecsényi + Barátok; Fr, 3.8.-8.8., Marvin Pasch & Mareike Niederer; Fr, 10.8.–15.8. Julia Grüttner & Fiona Marten; Fr, 17. 8.–22.8. Gesa Kolb & Danae Hoffmann; Fr, 24.8–29.8 Joachim Hirling, 31.8.–5.9. Julian Riedel & Edgar Unger; 7.9.–12.9. Daniel Reyle Lars Kunte

GALERIENTAG IN KARLSRUHE AM 15. SEPTEMBER 2018

Projektraum Rochade

In semiprivatem Rahmen zeigt der Showroom Schmitt schon seit einigen Jahren sehenswerte Ausstellungen junger Kunst, die vornehmlich in Karlsruhe produziert wird. Der von einem Künstler mit Freunden gegründete „Schauraum“ ist zwar nur temporär geöffnet, aber durchaus aktiv: Auch am Karlsruher Galerientag am 15. September 2018 ist man mit einer Einzelausstellung von Yongkuk Ko beteiligt. Der 1991 in Südkorea geborene Künstler studiert seit 2015 Freie Kunst an der Kunstakademie Karlsruhe bei Professorin Tatjana Doll. Neben Malerei beschäftigt er sich mit Objektkunst und Installationen. Luisenstr. 44, 3.OG, Karlsruhe-Südstadt

ßpace

Nachdem der Verein Die Anstoß diverse Leerstände in Karlsruhe bespielte, fand er am Kronenplatz seinen festen Projektraum. Hier gibt’s ein breites Programm, neben Ausstellungen auch Konzerte, Lesungen, den „Leßeclub“, Diskussionen, entspannte Barabende u.v.m. Fritz-Erler-Straße 7, 76131 Karlsruhe Innenstadt-Ost www.dieanstoss.de

Der Bildhauer Wolfgang Rempfer funktioniert seine Arbeits- und Wohnräume regelmäßig zur Galerie um, die sich mit wechselnden Künstlergästen schon mal zur raumgreifenden Installation umwandeln. Der Ansatz ist „experimentell und flexibel“. Putlitzstraße 14, 76137 Karlsruhe-Südstadt www.wolfgangrempfer.de/projektraum-rochade

Produzentengalerie 20. Juni

Gefrustet vom Galerienwesen eröffnete Martin Krieglstein 2015 sein eigenes Atelier. Hier stellen er selbst, aber auch seine Freunde Victoria Tobostai, Michael Thomas und Angela Krieglstein aus, von Malerei über Konzeptkunst bis zur Keramik. Douglasstraße 9, 76133 Karlsruhe Innenstadt-West

Circus 3000

Ondine Dietz, Ulrike Tillmann, Simone van gen Hassend, Marcel Vangermain und Herbie Erb sind Circus 3000, entwickeln gemeinsame Kunstprojekte und veranstalten einen monatlichen interdisziplinären Kunstsalon, bei dem alles passieren darf und Grafik, Malerei, Illustration, Fotografie, Animation, Video, Musik, Performance, Installation, Literatur und noch viel mehr zusammenkommen. -fd Alter Schlachthof 13a, 76131 Karlsruhe Oststadt www.circus3000.com

Was gibt’s Schöneres, als nach dem Urlaub einen kleinen Galerienbummel zu unternehmen mit jeder Menge Vernissagen: In der Galerie Burster wird am 15.9. Wolfgang Ganters „Parvus Miraculum“ eröffnet, in der Galerie Knecht und Burster Wilhelm Neussers „Field Trip“; zum 50. des Künstlers zeigt Michael Oess ab 15.9. die Igor-Oleinikov-Jubiläumsausstellung „Mündung“. In der Galerie Schrade eröffnet Christine Gläser (Malerei und Collagen), Rotloff zeigt Karlheinz Bux und Meyer Riegger ab 15.9. Björn Braun. Das Artlet Studio, das zuletzt zwei Ausstellungen in Kooperation mit der Karlsruher Kunstakademie und der Bildhauer-Klasse von Harald Klingelhöller zeigte und wichtige neue Impulse für die Karlsruher Galerienszene setzt, beteiligt sich mit der Ein-

KRONENPLATZ: ELEPHANT ßPACE CASTLE – EIN-TAGES-FESTIVAL VON DIE ANSTOSS IM SEPTEMBER 2018 Die Anstoß e.V. ist ein junger Verein, der seit 2014 Projekte aus den Bereichen Kunst und Design, Musik und Theater, Architektur oder Urbanismus realisiert. Mit den vielfältigen Aktivitäten soll einerseits auf die schwierige Lage in der Karlsruher Kulturszene hinsichtlich Freiräumen und Wertschätzung subkultureller Aktivitäten aufmerksam gemacht werden, aber auch einfache Mittel und Wege begangen werden, die Stadt in der man lebt, aktiv mitzugestalten – aktuell am Beispiel der Sanierung der Innenstadt-Ost. Der Kronenplatz als deren Zentrum und die sogenannte Elefantenhalle entstanden im

Zuge der Flächensanierung in den 70er Jahren, als die Karlsruher Altstadt, das Dörfle, plattgemacht wurde und eine den Menschen nur am Rande beachtende Architektur Einzug hielt, mit deren teils schlimmen Auswirkungen die Stadt oder z.B. konkret das Jubez bis heute kämpfen. Ursprünglich als Markthallenüberdachung vorgesehen, 2003 zur Boule-Bahn umgenutzt, wurde der Pavillon von der Bevölkerung nie angenommen, weshalb er im Herbst 2018 „rückgebaut“ wird. Endlich wird dieser Offenbarungseid der Karlsruher Architektur- und Stadtplanung angegangen. Eine Ansiedlung der

Stadtbibliothek, die auch dank ihrer hohen Publikumsfrequenz mehr als nur Sinn macht, ist im Gespräch, was aber noch einige Jahre dauern wird. Die Anstoß stattet die Elefantenhalle mit Teppichen und Wohnzimmermöbeln aus und präsentiert dort und auf dem Platz ein vielfältiges musikalisches und künstlerisches Programm samt künstlerischer Transformation der Halle: Geboten sind u.a. ein Boule-Turnier mit DJ-Set (Hintergrundmusik), Bühne mit Live-Musik (Bands), Lichtkunst , Theater, Clownerie-/Puppentheater-Vorstellung. -rw Sa, 8.9. 2018, 15–23 Uhr, Kronenplatz

zelausstellung „Leben aus dem Nichts“ von Ke Li am Galerientag. Die junge chinesische Künstlerin (Objekte und Videos, Kunstakademie Düsseldorf) gießt Blätter, Samen oder Blüten in Polyesterharz, wodurch sie in einen luftleeren Raum zu entschweben scheinen. Auch Ke Lis Videoarbeiten widmen sich dem Thema der Zeit. In zarten Nahaufnahmen menschlicher und pflanzlicher Reaktionen nähert sie sich diesem schwer fassbaren Phänomen (Vernissage: Sa, 18.8., 18-21 Uhr, bis 29.9., Artlet Studio, Boeckhstr. 4, KA, www.artlet-studio.com). Vermutlich schließen sich wieder (weitere) Gäste an, wie der Showroom Schmitt –nähere Infos zeitnah auf der Website oder im nächsten INKA Stadtmagazin, das am 12.9.2018 erscheint. -rw Sa, 15.9., 15–20 Uhr, www.galerientage-karlsruhe.de


DIE KUNST DES ZUFALLS: DER MALER MARTIN KRIEGLSTEIN

Die Szene könnte auch aus einem jener amerikanischen Schwarz-Weiß-Filme stammen, deren Lichtdramaturgie Martin Krieglstein so begeistert studiert und in die Bildsprache der Malerei überführt hat, als ihm in einer Spätsommernacht 2014 das Schicksal buchstäblich die Tür zu neuen Räumen aufstößt; noch ganz benommen von der Enttäuschung nach seiner ersten Einzelausstellung. Sie war erfolgreich und doch eine bittere Erfahrung, weil vom Erlös nicht einmal die Hälfte übrig geblieben ist. Da preist ihm auf dem nächtlichen Nachhauseweg ein Schild im Schaufenster der der Douglasstraße 9 die dahinterliegenden Räume als „zu vermieten“ an. Er schiebt alle Selbstzweifel beiseite,

ergreift die Gunst der Stunde und fasst den Entschluss, seine Kunst künftig selbst zu vertreiben. Der Galerie-Eröffnungstag am 20. Juni 2015 wird zur Lebenswende und markiert für Martin Krieglstein „das Erwachen aus einem 20-jährigen Albtraum“ als Akkordschlachter. „Die wenigsten Künstler haben eine schnurgerade Lebenslinie; sie müssen sich den Weg bahnen und ihre Freiheiten schaffen. Fleiß und Talent alleine sind es nicht. Ich bin jedenfalls kein Sonntagskind, hatte aber das Glück, in den richtigen Momenten die richtigen Entscheidungen und die richtigen Menschen zu treffen.“ Noch vor seinem Kunstakademie-Lehrmeister Per Kirkeby ist es der Großvater, „der die Grundlagen für mein geschultes Auge geschaffen hat. Nicht im künstlerischen Sinne, sondern streng formal.“ Und da spricht er auch für seine Schwester Angela, die heute zu den vier Protagonisten der Produzentengalerie 20. Juni gehört. Denn das Elternhaus hat keinen Bezug zur Kunst. Der aus Böhmen geflüchtete Großvater ist als ehemaliger Oberpostinspektor nicht mehr in den hierarchischen westlichen Behördenapparat einzugliedern, aber mit 55 Jah-

ren noch voller Kraft und sieht seine Aufgabe im Dreigenerationenhaushalt darin, die Schulschreibhefte der Enkel zu beaufsichtigen. „Er war kein Schöngeist, hatte aber immer die Abschaffung der Sütterlinschrift bedauert. Und er duldete keine Schlamperei im Schriftzug! Der Buchstabe beginnt nicht unter und nicht über, sondern auf der Linie. Die Rundung ist eine Gelegenheit zum Schwung und zur dynamischen Umkehr und nicht zum verhungerten Gegurke“, malt Krieglstein vor dem geistigen Auge. „Wir haben gelitten unter seiner Unerbittlichkeit, aber er prägte uns – bis heute ist der Sinn für den mit dem Bleistift gezogenen geraden Strich das Gerüst unseres bildnerischen Gestaltens.“ Als er auf dem Karlsruher Helmholtz-Gymnasium „immer mühsamere Schritte“ macht, wechselt Krieglstein 1978 auf die Fachhochschule für Gestaltung nach Pforzheim; das Grafikdesign-Studium entpuppt sich jedoch als großes Missverständnis und nach zwei Semestern wird er aufgefordert, „die Anstalt zu wechseln“. „Ob Logo oder Plakatentwurf – ich habe die gestellten Aufgaben immer auf dieselbe Weise gelöst: zu wenig vereinfachend, zu erzählend und figürlich, sodass man mir nahegelegt hat, es doch einmal an der Kunstakademie zu versuchen.“ Ohne Abitur muss der gebürtige Eggensteiner zurück in Karlsruhe eine Begabtenprüfung ablegen, rechnet sich angesichts der Konkurrenz aber keinerlei Chancen aus, gibt die Mappe ab und geht frustriert, ohne einen Termin für das mündliche Prüfungsgespräch mitzunehmen. Auf gut Glück kehrt er reumütig, aber gerade rechtzeitig zurück und eine „Verkettung glücklichster Missverständnisse“ führt schließlich zur Aufnahme. Weil das aus Arnold, Baselitz und Lüpertz bestehende Gremium zu dem Schluss kommt, dass man sich auf diesen Anwärter zwar keinen rechten Reim machen, aber ebenso wenig riskieren kann, ihn abzulehnen. „Mein Glücksstern war auf dem Posten“, lacht Krieglstein. „Auch, als ich danach nicht in eine Malerfürsten-Klasse, sondern zu dem von skandinavischer Pädagogik und Toleranz geprägten Kirkeby gekommen bin.“ Nach acht Semestern Malerei und Freier Grafik muss der seinen Meisterschüler ziehen lassen. „Zäsur“, nennt es Krieglstein, als er „jäh aus dem siebten Künstlerhimmel gerissen“ wird: „Früheste Heirat und die Geburt unseres Sohnes verlangten, von heute auf morgen Geld zu verdienen.“ Aber der Markt gibt nichts her, also nimmt er eine Gelegenheitsarbeit am Karlsruher Schlachthof an. „Und das ist die Hölle für einen, der schon würgen muss, wenn er den Fettrand am Schnitzel glitzern sieht.“ Aus einer Woche werden zwei, drei, vier, fünf, aber „es wird sich schon noch etwas anderes erge-

ben“, hofft Krieglstein. Das tat es auch, aber nicht so, wie er dachte. Als wollte ihn die Vorsehung grausam necken, führt sie ihn für 20 Jahre an einen der größten Schlachthöfe Deutschlands, wo ihm unter erbarmungslosen Bedingungen im Arbeitsplan der Kopfschlächter der Platz am Schlachtband zugewiesen wird: Ausnehmen der Eingeweide. Aber die Flamme in seinem Künstlerherz erlischt nicht. Er bezieht ein idyllisches Hinterhofatelier in der Karlsruher Oststadt, das er allerdings teils wochen- und monatelang nicht sieht. „Ich habe dort wie ein Eichhörnchen Element um Element zusammengetragen, bis ein Bild fertig war.“ Seine Schwester Angela, die zu dieser Zeit als Theatermalerin arbeitet, macht sich mit ihrem Kollegen Michael „Mitsch“ Thomas – heute der ästhetische Moralist und Konzeptkünstler in der Produzentengalerie 20. Juni – unter dem Namen Michelangela selbständig, sorgt sich auch um Bruder Martin und lässt ihn im Duo für dekorative Wandmalerei mitarbeiten, in Kindergärten, Boutiquen bis hin zum Großauftrag in einem Londoner Pub, der für Krieglstein absolute Bestätigung bedeutet: „England gab mir die Gewissheit, dass die Verhinderung eine Schaffenslust gebündelt hat, mein Gespür für die starke Szene immer noch vorhanden und die Malerseele durch die

Schinderei in der Knochenmühle keinen Schaden genommen hat.“ Auch wenn es nochmal zehn Jahre dauern sollte, bis er sich aus seinem „Moloch herausgekämpft“ hat. Eine zentrale Rolle spielt dabei die Majolika-Manufaktur, wo er als Gastkünstler kleine Keramik wie Espressotassen, Weinkühler oder Aschenbecher entgegen dem femininen Trend mit Motorbauteilen, rostiger Schiffsbeplankung und anderen eher herben Schwarzweiß-Motiven bemalt. Er trifft den Männergeschmack, seine Arbeit verkauft sich prächtig, doch Krieglstein will nicht länger nur reproduzieren. Die „Öffnung in die Fläche“ ist sein Ziel, für seine peppigen Badfliesen ist die bereits angeschlagene Manufaktur aber zu mutlos, seine Hoffnung auf einen Showroom für großformatige Bildfliesen in extravaganten Bädern zerschlägt sich. Dafür begegnet er im Malersaal Ende der 2000er erstmals seiner künftigen Liebe Victoria Tobostai, die heute als vierte im Bunde der Produzentengalerie 20. Juni bekannte, in Baden-Baden

schäft mit der Kunst nach wie vor ein hartes Brot ist, versorgt Krieglstein wie seit Jahr und Tag bei Wind und Wetter jeden Morgen die Durlacher mit ihrer Tageszeitung, bevor zweimal die Woche zudem noch der Schlachthof in Bretten-Gölshausen ruft. Aber den Gutteil seiner Zeit kann er jetzt damit verbringen, „Verbündete“ für seine Bilder zu suchen. Gefunden hat er sie auch bei INKA wie u.a. ein Blick aufs Februar-Cover unseres Stadtmagazins zeigt, für das wir Krieglsteins gemalte (!) Reklame zum Zweijährigen der Produzentengalerie herausgesucht haben. Das eigens für diesen freudigen Anlass angefertigte und mit viel lebenslustigem Retro-Charme behaftete Werk „Hellza Poppin’ Douglasstreet“ zeigt die Galerie von außen. Auf sein künstlerisches Selbstbild angesprochen zitiert Krieglstein ein imaginäres Zwiegespräch zwischen Goethe („Die Kunst beschäftigt sich mit dem Schweren und Guten“) und Thomas Mann („Aber zu bedenken bleibt, dass auch das Leichte schwer ist, wenn es gut sein soll“) und resümiert: „Das methodische Arbeiten ist mir nicht gegeben. Ich überlasse dem Bild, was es von mir verlangt, ob ich dafür nun einen Samstag oder drei Monate benötige. Und dann zieht am geplanten luftigen Sommerhimmel plötzlich doch ein schweres Gewitter auf. Denn Kunst ist für mich der gekonnte Umgang mit dem Zufall.“ Und wer wollte ihm da widersprechen. -pat Douglasstr. 9, Karlsruhe, Tel.: 0721/82 10 12 44, Do–Sa 13–22 Uhr, So 10–17 Uhr www.martin-krieglstein.de

Nr. 134

15.02.–14.03.2018

www.inka-mag

ansässige sibirische Keramikkünstlerin. „Im Rückblick erscheinen die Jahre an der Majolika fruchtbar und notwendig, weil sie das Betreten neuer künstlerischer Wege vorbereitetet haben“, sagt Krieglstein. Dass der Anstoß zur vermeintlich so schlecht gelaufenen Ausstellung, die ihn Jahre später des Abends durch die Douglasstraße führen sollte, ausgerechnet aus der Majolika kam, ist wohl Ironie des Schicksals. Dabei befindet sich Krieglsteins damaliges Atelier nur zwei Häuser weiter in der Akademiestraße. Hier entsteht ab 2009 der Grundstock für die Produzentengalerie 20. Juni, wo er heute seine oft mit spürbarem Hang zur Sentimentalität behafteten Bilder komponiert, die der Primus inter Pares zusammen oder im Wechsel mit seinen drei Künstlerfreunden ausstellt. Weil das Ge-

S TA D TM A G A Z I N


gieren und Menschen Antworten zu geben auf bestimmte Fragen. Da hat das Museum heute sicherlich eine sehr wichtige Funktion und darin liegt nicht zuletzt auch das große Potenzial der Kunsthallen. So haben wir eher als das Museum, die Freiheit, aktuelle Themen zu hinterfragen. In unserer kommenden Kunsthallen-Ausstellung „Almost Alive“ zeigen wir z.B., wie sich die Veränderung unseres Körpergefühls an der hyperrealistischen Skulptur ablesen lässt. Das ist ein hoch spannendes Thema, mit dem man sehr viel mehr Zielgruppen als nur den typischen Kunstinteressierten begeistern kann. INKA: Stichwort „Blockbuster-Ausstellung“: Wie wichtig ist es, dass eine Ausstellung erfolgreich ist und dies auch in Besucherzahlen sichtbar wird? Fritz: Wir sollten nicht nur auf Besucherzahlen schauen. Aber trotzdem ist es für eine Institution wichtig, mit dem Programm auch ein breites Publi-

vensburg haben wir z.B. auch immer wieder die ständige Sammlung umgehängt, in das Ausstellungsprogramm integriert und mit ihr gearbeitet. Man kann auch aus der eigenen Sammlung heraus Themen entwickeln, kreativ werden und Brücken bauen. Man sollte die eigenen Werke bloß nicht zehn Jahre lang unverändert hängen lassen! Das sollte man nicht tun. INKA: Wer geht denn heute eigentlich ins Museum? Fritz: Ich kann nur von den letzten sieben Jahren in Ravensburg sprechen und sagen, dass es sich lohnt, auf das Publikum zuzugehen und mit den einzelnen Zielgruppen in einen Dialog zu treten und zu signalisieren, dass die Hemmschwelle niedrig ist und sie eingeladen sind. Und so muss jede Institution in ihrer Stadt ihre Zielgruppen finden. In Oberschwaben waren es z.B. viele soziale Institutionen, Behindertenförderungen, die wir als Zielgruppe eingebunden haben und welche die Institution auch auf Dauer tragen können. Wenn passende Formate entwickelt werden, kann man jede Zielgruppe fürs Museum begeistern, davon bin ich fest überzeugt. Besonders für das Kunstmuseum, weil gerade Kunst uns auf einer nonverbalen Ebene abholt und uns mit allen Sinnen anspricht. Gerade in einer zunehmend digitalisierten Umwelt bietet der Umgang mit Kunst, die Möglichkeit, ein authentisches, unmittelbares Erlebnis zu kreieren, darin liegt sicherlich das große Potenzial das alte aber auch Gegenwartskunst zu bieten hat. INKA: Unter Ihrer Leitung ist das Kunstmuseum Ravensburg 2015 mit dem Preis „Museum des Jahres“ ausgezeichnet worden: Gibt es ein Erfolgsrezept für ein gutes Museum mit Strahlkraft? Fritz: Wichtig für diesen Preis war natürlich auch, dass es ein neues Haus ist mit einer sehr gelungenen Architektur. Auf der anderen Seite konnten wir aber auch, ein Haus, das sehr umstritten war, in diesem Kontext, sehr schnell etablieren. Es wurde angenommen, und die Menschen haben sich rasch damit identifiziert. Auch hier ist wieder die Kunstvermittlung ein großes Stichwort. Natürlich haben wir sehr viel Kreativität in das Museum gesteckt und auch viel Zeit und Liebe. INKA: Sie hatten damals den Neubau auch mitbegleitet, richtig? Fritz: Nicht ganz, es war ein Public-Private-Partnership zwischen einer privaten Kunstsammlung, der Stadt und einem privaten Bauherren. Ich kam erst in der Endphase dazu und hatte keinen Einfluss auf die Architektur oder die Raumabwicklung. Meine Aufgabe war es, die Institution an sich, mit allen Bereichen die dazugehören, aufzubauen wie

kum anzusprechen, vielleicht mit einem bekannten Namen oder mit einer exquisiten Künstlerauswahl. Das ist auch wichtig für die Außenwirkung. Man muss eine Mischung finden zwischen Themen, die sich auch an ein Fachpublikum richten und Themen, die eine breite Bevölkerungsschicht dazu bringen, ins Museum zu gehen. Wir versuchen da beides. INKA: Wie läuft das mit der Finanzierung von Ausstellungen? Wie wichtig ist die Refinanzierung durch Besucherzahlen und ist das überhaupt möglich? Fritz: Das funktioniert nicht mehr so einfach wie früher, und man kann auch nicht damit rechnen. Vor allem auch, weil die Kosten für Transporte und Versicherungen in den letzten 20 Jahren enorm gestiegen sind. Dadurch, dass das Kunstsystem auch als Anlagemöglichkeit attraktiv geworden ist, sind die Versicherungssummen enorm gestiegen. Insbesondere von Werken der Klassischen Moderne, Meisterwerken des 19. Jahrhunderts und früherer Epochen. Deshalb ist es auch nicht mehr so einfach, solche Ausstellungen zu realisieren. Hier können nur bestimmte Museen mitspielen. Die Museumslandschaft hat sich darüber hinaus ausdifferenziert, und es gibt viel mehr Museen, als noch vor zehn Jahren. INKA: Können Sie sagen, weshalb mehr Leute in Sonderausstellungen als in die ständigen Sammlungspräsentationen gehen? Fritz: Wechselausstellungen sind thematisch und zeigen etwas Neues. Ich denke, man kann diese beiden Dinge nicht generell trennen. Im Kunstmuseum Ra-

z.B. die Öffentlichkeits- und Pressearbeit und die Kunstvermittlung etc. INKA: Im Flyer zur aktuellen Ausstellung „Sexy & Cool“ in der Kunsthalle Tübingen richten Sie zu Beginn das Wort an die Besucher und formulieren den Wunsch nach einer „Kunsthalle für alle“. Was meinen Sie damit genau? Fritz: Für mich ist es ganz wichtig, alle anzusprechen und abzuholen. Für das Betrachten und auch Machen von Kunst braucht es keine besonderen Voraussetzungen, sondern vor allem auch den Mut, mit Themen nonverbal in Resonanz zu gehen. Ich finde es sehr spannend, unterschiedliche gesellschaftliche Gruppen in der Kunsthalle zusammen zu bringen, die sonst so gut wie nie in Kontakt kommen würden. Wir bieten hierfür z.B. das Format Speeddating an, bei denen Fremde sich emotional ein Lieblingswerk aussuchen und dann ganz persönlich über Kunst und sich selbst sprechen. Bei solchen Führungen entsteht für alle spürbar über die Kraft der Werke ein unglaubliches Energiefeld. Viele Museumshäuser arbeiten gerade genau an dieser Frage: Wie erreichen wir bestimmte Zielgruppen und welche neuen Angebote müssen wir hierfür aufstellen für Senioren, Demenzkranke etc.? Da Kunst Menschen nicht nur auf der intellektuellen Ebene anspricht, sondern sinnlich und emotional abzuholen kann, bietet sie ein großes Potential oder etwas pathetisch ausgedrückt: Kunst kann, da bin ich fest davon überzeugt, Herzen öffnen und unseren Gedanken Flügel verleihen.

Foto: Sebastian Gollnow / dpa

„DIE KUNSTHALLE FÜR ALLE“ EIN GESPRÄCH MIT NICOLE FRITZ ÜBER DIE MUSEUMSLANDSCHAFT IN WÜRTTEMBERG Von Ludwigsburg über Heilbronn und Sindelfingen, Backnang, Böblingen, Donaueschingen oder Ravensburg reihen sich wie eine Perlenkette hochklassige Kunsthäuser durch den Südwesten. In der Kunsthalle Tübingen traf Sonja Maria Krämer Nicole Fritz, seit Anfang 2018 in der Nachfolge von Götz Adrani Direktorin des renommierten Hauses, und sprach mit ihr über die Museumslandschaft in Württemberg. Die Kunsthistorikerin gab Einblicke in ihre neue Ausstellungsprogrammatik für die Kunsthalle und stellte sie den Trends und Perspektiven der Museumsarbeit von heute gegenüber. INKA: Sie haben an der Uni Tübingen studiert, als wissenschaftliche Mitarbeiterin Ausstellungen an der Kunsthalle Baden-Baden konzipiert, waren an der Akademie Schloss Solitude tätig, haben eine Groß-Ausstellung für das Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst Baden-Württemberg umgesetzt und als Kuratorin in Fellbach, Wolfsburg und an der Kunsthalle Krems in Österreich gearbeitet. Zuletzt waren Sie von 2011 bis 2017 Leiterin des Kunstmuseums Ravensburg, nun sind Sie Direktorin der Kunsthalle Tübingen. Was verbindet Sie mit der Region? Nicole Fritz: Mit der württembergischen Kunstlandschaft verbindet mich viel, aber berufliche Stationen haben mich immer wieder auch ins Ausland geführt. So bin ich unmittelbar nach dem Studium nach London gegangen und nach der Triennale Fellbach nach Österreich. Der Blick von außen war für mich wichtig, um die hiesige Kulturlandschaft erst richtig schätzen zu können. INKA: Aus Ihren beruflichen Stationen geht hervor, dass Sie bestens mit der Museumslandschaft in Baden-Württemberg vertraut sind. Was gibt es für verschiedene Kunsteinrichtungen und -institutionen und wie funktionieren sie? Fritz: Wir haben beispielsweise – nicht nur in Baden-Württemberg, sondern in ganz Deutschland – eine reiche, vielfältige Kunstvereinslandschaft, was wichtig gerade für junge Künstler ist. Zum Beispiel habe ich meine ersten Erfahrungen mit Kunst im Kunstverein Ludwigsburg gemacht. Kunstvereine haben eine besondere Mittlerfunktion gerade für junge Künstler und können oftmals Türöffner sein. Darüber hinaus gibt es aber heutzutage auch immer mehr bürgerschaftliches Engagement. Es ist ein Trend der letzten zehn Jahre, dass Firmen oder Sammler ihre eigenen Museen gründen, ihre Sammlungen also nicht mehr in ein Staatliches Museen geben, sondern ihre eigenen Schaufenster haben wollen. Und da ist Baden-Württemberg ein sehr ausdifferenziertes Feld. Darüber hinaus gibt es hier auch eine gute Förderstruktur auch von Seiten des Landes. Neben dem Innovationsfonds, der innovative Projekte fördert, gibt es z.B. die Akademie Schloss Solitude, ein Ort, an dem junge Künstler aus der ganzen Welt zusammenkommen. Mit der neuen Leitung der Akademie, Elke aus dem Moore, wird es sicherlich noch weitere Öffnungen in dieser interdisziplinären Institution geben. INKA: Was ist die Besonderheit am Standort Baden-Württemberg, wenn man z.B. die Kunsthalle Göppingen oder die Galerie Backnang mit ihrer Nähe zum Ballungsraum Stuttgart und seinem reichen Museumsangebot in den Blick nimmt? Fritz: Eine regionale Besonderheit ist sicherlich, wenn ich beispielsweise an Institutionen wie die Kunsthalle Göppingen denke, dass es den Städ-

tischen Galerien gelungen ist, mit viel Kunstvermittlung neue Besuchergruppen zu akquirieren. Kunstvermittlung wurde von der Kunsthalle Göppingen früh auf einem hohen Niveau angeboten, man hat dort beispielsweise als eine der ersten Institutionen im städtischen Kontext mit einem fest angestellten Kunstvermittler am Haus gearbeitet. Die Vermittlung von Kunst ist in den letzten Jahren ein ganz wichtiger Punkt geworden. So sind wir alle gefordert, über das reine Kunsterlebnis hinaus, Angebote zu haben, das Erlebnis zu verstehen, sich ihm anzunähern und zu vertiefen. Hier in der Kunsthalle kreieren wir momentan verstärkt Angebote, in denen die Besucher selbst kreativ werden können. INKA: Wie schaffen es gerade die vielen kleineren Kunstbetriebe, ein attraktives Ausstellungsprogramm auf die Beine zu stellen? Fritz: Die Frage lässt sich leicht beantworten und entscheidet sich vor allem an der Höhe des Ausstellungsbudgets. In Zeiten, in denen die städtischen Zuschüsse sinken, stehen wir alle vor der Herausforderung neue Netzwerke und Verbündete für das Programm zu finden. Auch uns zu öffnen, um eine Institution nachhaltig aufzustellen, d.h. nicht nur auf die Blockbuster zu schielen und sich damit zu finanzieren, sondern das Ganze eben auch in einem städtischen Kontext auf eine nachhaltige Basis zu stellen. Dazu muss man hinterfragen, für wen man Ausstellungen macht. Das ist für eine Institution ganz wichtig und hängt mit der Frage zusammen, wie man die Besucher ins Museum bekommt. Auch damit, welche Funktion das Museum in einem hauptsächlich städtischen Kontext hat. Dies hat sich sicherlich verändert im Vergleich zu früheren Zeiten. Heute ist das Museum viel eher eine Plattform des Austausches, der Kommunikation geworden, und man muss sich etwas einfallen lassen, um die Menschen zu interessieren und in die Institution zu holen mit neuen Formaten – auch die Jüngeren. Unser Publikum in der Kunsthalle Tübingen ist lange das klassische Bildungsbürgertum gewesen. Jetzt geht es aber darum, eine traditionelle Institution auch für Studenten, Jugendliche und Kinder zu öffnen. Hierfür muss ich natürlich andere Formate und andere Vermittlungsangebote kreieren, welche die Besucher auch partizipatorisch einbeziehen. Das ist eine Herausforderung vor der alle Institutionen stehen. Das Publikum kann sich an Themen beteiligen, z.B. über digitale Formate oder öffentliche Gesprächsrunden im Rahmen von Podiumsdiskussionen. Die Schwierigkeit für alle ist, dass wir nur kleine Teams haben, die kleineren städtischen Galerien sogar sehr kleine. Die personelle Infrastruktur ist tatsächlich für alle eine Herausforderung, und man steht immer wieder vor dem Problem: Wie kriegt man neue Dinge hin in einem sehr eng getakteten Ausstellungskalender? INKA: Demnach kommt heutzutage thematischen Sonderausstellungen ein enormer Stellenwert zu, und sie sind so etwas wie die Hauptattraktion im Jahresprogramm eines Museums? Fritz: Ja klar. Wir haben hier in der Kunsthalle Tübingen nur eine kleine Sammlung. Primär sind wir ein Wechselausstellungshaus, d.h. wir werden immer zeitgemäße, aktuelle Themen bearbeiten, aber auch die ganze Kunstgeschichte in den Blick nehmen, um den Menschen über die Epochen hinweg Zusammenhänge aufzuzeigen. Das ist ein ganz wichtiger Punkt, um auch als Sinninstanz zu fun-


ALMOST ALIVE: HYPERREALISTISCHE SKULPTUR IN TÜBINGEN

Abb.: Tony Matelli, Josh, 2010

Ist der echt? Nein, ist er nicht. Duane Hansons „Bodybuilder“ ist sogar aus Bronze. Aber er wirkt verdammt real, wie er da sitzt in seinen Shorts, ausgelaugt vom Training, und mit leerem Blick vor sich hin starrt. Der amerikanische Künstler begann in den späten 60er Jahren damit, aus Glaserfaser und Polyesterharz lebensgroße Menschenfiguren nachzubilden, mit Falten und Hautstruktur, Kleidung und Perücken, immer mit ausdruckslosem Blick. Vorbilder fand er im amerikanischen Alltag, die übergewichtigen Touristen in Florida, die farbige Putzfrau im Krankenhaus, das wortlose Paar am Esstisch, der Betrunkene in der Ecke. Hanson zeigt den „American Way of Life“ wie er auch ist, meistens ist – entheroisiert und in seiner ganz alltäglichen Realität. Mit seinen Arbeiten ist Duane Hanson einer der charakteristischen Vertreter der hyperrealistischen Bewegung, die sich in den späten 60er Jahren formierte. Ihr widmet die Kunsthalle Tübingen mit „Almost Alive“ eine Überblicksausstellung, die mit über 30 Exponaten die

Entwicklung dieser Kunstrichtung nachzeichnet. Sie präsentiert damit die erste Ausstellung weltweit zur Entwicklung dieser Skulpturengattung im 20. und 21. Jahrhundert. Man hat Skulpturen aus der ganzen Welt zusammengetragen und chronologisch inszeniert: Angefangen von den Pionieren der Bewegung aus den USA und Großbritannien führt der Parcours über Robert Gober, Berlinde de Bruyckere oder Maurizio Cattelan, bis hin zu jüngeren Positionen wie Marie-Eve Levasseur, die den Einfluss der Technik auf den menschlichen Körper thematisieren. Ein Ansatz, der faszinierende Einblicke verspricht. Denn der Wunsch, ein möglichst realistisches Abbild des Menschen zu schaffen, ist so alt wie die Menschheit selbst und reicht bis in die Antike zurück. Aber was ist real, was Illusion – die äußere Oberfläche, die man sieht? Oder das Bild, das wir uns von etwas machen? Letztendlich sind wir alle Voyeure. -sk Eröffnung: 20.7., 19 Uhr, bis 21.10., Kunsthalle Tübingen

HERMANN WAIBEL UND „PROJEKTIONEN“ IM KUNSTMUSEUM RAVENSBURG

DREHMOMENTE: PRODUKTIONSKUNST IN BIETIGHEIM-BISSINGEN Kann man Kunst produzieren? Wie am Fließband womöglich? Das Produktionskunst-Festival „Drehmomente“ in der Kulturregion Stuttgart legt es darauf an und initiiert interdisziplinäre Zusammenarbeiten: Künstler werden mit regional ansässigen Firmen zusammengebracht, um dort zu arbeiten. Mit Hilfe der ungewohnten Möglichkeiten – Maschinen, Fertigungsprozessen, Produkten oder der Belegschaft – entwickeln sie neue Kunstwerke. Die ungewöhnlichen Kooperationen loten die Grenzen technischer Infrastruktur und Verfahrensmuster aus und eröffnen neue Perspektiven. Zum Auftakt – der Startschuss für das Festival in der gesamten Kulturregion Stuttgart fällt im Herbst – werden in der Städtischen Galerie Bietigheim-Bissingen ab Juli die Ergebnisse sowie weitere Arbeiten von drei teilnehmenden Künstlern präsentiert: Der Materialcollagist Nándor Angstenberger erhielt bei der Firma Konzelmann Einblick in deren Kunststoffinnovationen, während der Lichtkünstler Joachim

Fleischer von der Dürr AG zu neuen Projekt(ion)en inspiriert wurde. Die Konzeptkünstlerin Pia Lanzinger wiederum arbeitete in der Firma für Antriebsgetriebe Atlanta mit der Belegschaft. -sk Eröffnung: So, 20.7., bis 14.10., Städtische Galerie Bietigheim-Bissingen

GALERIE UND GRAPHIK-KABINETT DER STADT BACKNANG In einem historischen Ensemble aus den Räumen des ehemaligen Turmschulhauses, dem Gotischen Chor der mittelalterlichen Michaelskirche und dem Stadtturm lädt die Galerie mit einer Ausstellungsfläche von 450 Quadratmetern jährlich zu vier Ausstellungen zeitgenössischer Kunst ein. Seit 1997 fanden in der Galerie der Stadt Backnang u.a. Ausstellungen von Christina Kubisch, Neo Rauch, Tim Eitel, Sylvie Zijlmans, oder Markus Oehlen statt. Die an exponierter Lage im Zentrum der Stadt gelegene Galerie ist eingebunden in das Kulturzentrum Stiftshof, zu dem u.a. auch das Graphik-Kabinett Backnang und die Galerie im Helferhaus gehören und genießt über die Grenzen der Region hinaus einen Ruf als Forum für aktuelle, überwiegend junge Positionen. Noch bis 5.8. ist hier eine Soloausstellung von Helen Feifel, Jahrgang 1983 und Absolventin der Karlsruher Kunstakademie (studierte bei Meuser und Daniel Roth) zu sehen. Feifel arbeitet mit Fotografie, Malerei und Grafik ebenso wie mit keramischen Objekten – eine eher ungewöhnliche Kombination der Kunstgattungen, die vielschichtige Werke entstehen lässt, die reich an Formen und Bezügen sind. Das Graphik-Kabinett der Stadt Backnang zeigt bis 19.8. Graphiken der bedeutenden Kunstsammler Ernst Rieker (1845 bis 1918) und seines Zeitgenossen Otto Freiherr von Breitschwert (1819 bis 1910). Hier sind nicht nur die Graphiken, also die Vorderseiten interessant, sondern vor allem die Rückseiten der Graphiken, die

mit Stempeln, Marken und Provenienznachweisen Geschichten erzählen. Darunter sind meisterhafte Werke, etwa von Dürer oder Rembrandt, die im 19. Jahrhundert von den Sammlern erworben wurden. Ergänzend gibt es dazu zahlreiche Vorträge und einen Katalog. -hs Helen Feifel, bis 5.8., Galerie der Stadt Backnang, Kehrseite[n]. Von Meisterwerken, Sammlern und Marken, bis 19.8., Graphik-Kabinett Backnang,

DAS WERK VON WILHELM GEYER

Foto: Ausstellungsansicht „Hermann Waibel. Bildlicht“, (Foto: Wynrich Zlomke)

Kann man Licht malen? Hermann Waibel, 1925 in Ravensburg geboren, versucht es seit 60 Jahren. In jungen Jahren u.a. an Rembrandt geschult, werden die gestalterischen Mittel Farbe, Form, Raum und Bildträger selbst zum Gegenstand seiner Werke. Das Licht wird zu seinem Lebensthema. Waibel experimentiert mit unterschiedlichsten Bildträgern, von der planen Leinwand über das Relief zur Erweiterung des Bildes als Skulptur bis hin zur Antithese, der Zerstörung und sogar Verbrennung des Bildes. Durch geometrische Formen, Strukturen, Raster, Schichtungen und Farbgebung verschafft er dem Licht ein Spielfeld zur kontinuierlichen Veränderung seiner Lichtobjekte und -instrumente. Die Folge ist eine gesteigerte und veränderte Wahrneh-

mung, ein neuer, tiefer Akt des Sehens. Eine große Retrospektive lädt jetzt zum Entdecken ein. In der Video-Reihe „Projektionen“ geht es weiter mit einer eindrücklichen Arbeit des irakisch-kurdischen Künstlers Hiwa K über seine lebensgefährliche Flucht durch Europa, über angstvolle Dunkelheit und das Versagen der Muttersprache, danach folgt eine Arbeit von Christoph Girardet und Matthias Müller, in der es um Selbstfindung, Selbsttäuschung und die verlorene Erinnerung geht. –gepa Hermann Waibel: Bildlicht. Bis 30.9.. Projektionen III: Hiwa K: Pre-image. Bis 19.8., Projektionen IV: Christoph Girardet / Matthias Müller: personne. Vernissage Fr. 24.8., 19 Uhr, bis 30.9., Kunstmuseum Ravensburg

Die Städtische Galerie Böblingen zeigt anlässlich des 50. Todesjahres des Malers Wilhelm Geyer eine beachtenswerte Retrospektive des 1900 in Ulm geborenen Künstlers, der eine ganze Generation von Malern beeinflusste. Mit seiner Art des „expressiven Realismus“, der deutlich noch von der zeichnerischen Gegenständlichkeit profitierte, prägte Geyer eine Vielzahl von Zeitgenossen, auch vor allem von Kollegen, die nicht wie er religiös beeinflusst waren. Geyer war auch Mitbegründer der Stuttgarter Neuen Sezession und mit den Geschwistern Scholl (Stichwort: Weiße Rose) eng befreundet, was dem Maler um ein Haar das Leben gekostet hätte. Sein „Kirchenjahr-Altar“ von 1925/26 ist eines seiner Schlüsselwerke, war Auslöser für eine eigene Kunstrichtung und ist ein Hauptwerk der Sammlung

Museum Würth, Künzelsau

SCHAUWERK SINDELFINGEN

Drei Ausstellungen zeigt derzeit das Schauwerk in seinen eindrucksvollen Räumen: In „Lichtempfindlich 2“ setzen sich Werke von Wim Wenders, Andreas Gursky und anderen Fotokünstlern mit dem Darstellbaren sowie dem eigenen Medium auseinander und korrespondieren mit ausgewählten Wer-

ken der Sammlung Schaufler. Die Einzelausstellung der österreichischen Malerin Sabrina Haunsperg (geb. 1980, Atelierfoto) lädt mit ihren farbintensiven Werken zum ekstatischen Wahrnehmen ein. Die dynamischen Bildexplosionen der Absolventin der Düsseldorfer Kunstakademie lassen den Betrachter Farbe durch verschiedenen Sprüh- und Maltechniken direkt erfahren. Die Werke der Ausstellung „Pinc kommt!“ öffnen hingegen weite Räume in den farbigen Bildflächen. Der prägende abstrakte Maler der Nachkriegszeit, Rupprecht Geiger, wird in der großen Retrospektive mit Werken aus allen Schaffensphasen präsentiert, zusammengestellt aus der Sammlung Schaufler und dem Archiv Geiger. -rw Lichtempfindlich 2, bis 6.1.2020, Sabrina Haunsperg, bis 20.1.2019, Pinc kommt!, bis 16.9.2018, Schauwerk Sindelfingen

(und Ausstellung) der Böblinger Städtischen Galerie. -hs bis 7.10., Städt. Galerie Böblingen

ÄPFEL UND BIRNEN und anderes Gemüse

Die Obstbilder von Korbinian Aigner im Dialog mit der Sammlung Würth

18.6.2018– 6.1.2019 Täglich 11–18 Uhr Eintritt frei

www.kunst.wuerth.com Details aus: Korbinian Aigner, Lobo, Blatt 644 / Andreas Desportes, Blatt 10 © TUM.Archiv der TU München Zur Ausstellung erscheint ein umfangreicher Katalog im Swiridoff Verlag. Alle Aktivitäten des Museum Würth sind Projekte derAdolf Würth GmbH & Co. KG.

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von Nicht-Künstlern geschaffen wurden. 1971 eröffnete er die 7. Produzentengalerie, mit der er 13 Jahre lang dem nachging, was Joseph Beuys mit seinem „Jeder ist ein Künstler” anstieß und die Genialen Dilettanten während des New Waves in der Pop-Musik weiterverfolgten: Dem Amateur eine Plattform zu bieten. Im 2. OG der Lichthöfe ist das „Polish Radio Experimental Studio“ Thema: 1957 in Warschau gegründet entwickelte es sich zu einer der größten Plattformen für freie Meinungsäußerung im Ostblock und als experimentelles Studio für elektroakustische Musik. -hju

F. Botero, Adam und Eva, 1998

Von wegen das geht nicht, Äpfel mit Birnen vergleichen. Über Jahrzehnte hinweg aquarellierte der Pfarrer und Obstkundler Korbinian Aigner (1885– 1966) Hunderte von Sorten, säuberlich nummeriert und benannt, in handlicher Postkartengröße. 601 Apfel- und 268 Birnenbilder sind erhalten, verwahrt im Archiv der TU München. Dem Kunstpublikum wurden sie 2012 bekannt durch ihre Präsentation bei der „Documenta 13“ in Kassel. Aigner selbst hatte als Pomologe, als Obstbaukundler, jedoch ganz handfeste Interessen: Die Zeichnungen sollten die schon zu seinen Lebzeiten schwindende Sortenvielfalt dokumentieren und als Lehrmaterial dienen. Zudem gelang es dem engagierten Theologen, der wegen seiner Kritik am Nationalsozialismus viele Jahre in den Konzentrationslagern Sachsenhausen und Dachau verbrachte, ausgerechnet dort, vier Apfelsorten zu züchten, die er mit KZ-1 bis KZ-4 bezeichnete – sein „Korbiniansapfel“, die Sorte KZ-3, gilt unter Kennern als Geheimtipp. Das Museum Würth zeigt in Kooperation mit der TU München eine große Zahl der Obstzeichnungen Aigners und stellt sie in den Dialog mit anderen Werken. So findet sich eine Reihe von Obst- und Gemüse-Stillleben aus verschiedenen Epochen, von Karl Hofer etwa, Georges Braque und Max Beckmann, bis hin zu zeitgenössischen Positionen. Auch das Motiv des Apfels selbst wird thematisiert, der sich als „verbotene Frucht“ durch die Geschichte der Kunst zieht. Hinzu kommen Arbeiten, die sich im Grenzbereich von Kunst und Wissenschaft bewegen und der Beobachtung und Erforschung von Natur verpflichtet sind. -sk bis 6.1. 2019, Sammlung Würth, Künzelsau

ZKM: Kunst in Bewegung, Polish Radio Experimental Studio & Dieter Hacker Die „Open Codes“-Ausstellung geht zwar kurz in die Sommerpause (ebenso die Dauerausstellung des Medienmuseums), dennoch ist im ZKM im Sommer einiges geboten. Mitte Juli ist Eröffnung der Ausstellung „Kunst in Bewegung – Meisterwerke mit und durch Medien“ mit einem Kanon, der die Eigenständigkeit und Potenz medienbasierter Kunstwerke mit Pionieren wie Nam June Paik, Bertolt Brecht, HA Schult, Marcel Duchamp und Robert Breer erschließt. Zudem sind Pionierarbeiten der apparativen Kunst zu sehen, die Fotografie, Television, Projektion und medial basierte Performances umfassen, von der manuell gestalteten Mail-Art bis zur computerbasierten Installationen, von Schallplatten-Aufnahmen bis Videoarbeiten. „Alle Macht den Amateuren“: Unter Volkskunst versteht der Künstler Dieter Hacker nicht geklöppelte Spitzen oder bemalte Keramikteller, sondern Fotos oder Zeichnungen, die als Dokumente des Alltags

ZKM Karlsruhe, Kunst in Bewegung: bis 10.2.2019, Dieter Hacker: bis 16.9., Polish Radio: bis 6.1. 2019

INKA empfiehlt: Jazzfestival Karlsruhe 18

INKA empfiehlt: „Laut & Leise“-Festival

superKALENDER

Sammlung Würth: Äpfel und Birnen und anderes Gemüse

Mit seinem Unten-oben-und-draußen-Festival feiert das Substage zum dritten Mal auf ebenso vielen Areas die Herbst/Winter-Saisoneröffnung. Kostenfrei ist das Programm der Open-Air-Bühne vor dem Schlachthof-Musikclub; Headliner in der Halle sind die Hamburger Hip-Hop/Electro/Reggae-Crew Rakede (Foto), davor spielen Saint Agnes, eine Londoner Psychedelic-Rock’n’Roll-Band um die Multiinstrumentalisten Kitty Arabella Austen (Lola Colt) und Jon Tufnell (The Lost Souls Club), sowie die immer gern gehörten Pforzheimer Trompetenpunker Yakuzi. Ab 23 Uhr wird lautstark weitergefeiert bei der „Laut & Kantig“-Party mit Djane Christiane Falk. Im leiser gehaltenen Substage-Café gibt’s zuvor noch ambitionierten HH-Synthie-Pop von Fuck Art, Let’s Dance und Indie-Pop der spannenden Kölner Xul Zolar. -pat Sa, 22.9., 19 Uhr, Substage, Karlsruhe

Karlsruher Theaternacht & Theaterfest des Badischen Staatstheaters

Von Schauspiel auf Badisch über studentisches Theater bis zu interkulturellem Dialog – Karlsruhes Theaterszene ist vielfältig. In einer gemeinsamen Nacht tun sich elf Häuser und Ensembles zusammen und spielen je 20 Minuten aus ihren aktuellen Programmen, sieben Stunden lang. Mit dabei beim Theater-„Speeddating“ sind u.a. das Sandkorn, das Jakobus-Theater („Die Kaktusblüte“) und das Marotte Figurentheater. Am KIT gibt es das Triater-Projekt, die Ausschnitte aus drei Produktionen zeigen. Ebenfalls mit dabei sind das KammertheaVom 10. bis 13.10. geht das vom Karlsruher Jazzclub ausgerichtete „Jazzfestival Karlsruhe“ in die fünfte Runde – nun neben dem ZKM auch an weiteren Spielorten. Los geht’s mit der US-Fusion-Gruppe The YellowJackets feat. Sängerin Luciana Souza. (Mi, 10.10., 19.30 Uhr, Tollhaus). Tags drauf gibt’s eine weitere Neuerung: JazzDiscovery – quasi ein Minifestival im Festival, das Raum für Newcomer und regionale Acts bietet. Mit dabei sind das Clara Vetter Trio, Beyond Headlines, Kapelle 17 und Alexander Lunt (Do, 11.10., 20 Uhr, Jubez). Der Freitag gehört u.a. Gitarrist Julian Lage, der bereits als Bub mit Größen wie Carlos Santana und Pat Metheny gespielt hat. (Fr, 12.10., voraus. 22 Uhr, ZKM). Der Samstag im ZKM ist prall gefüllt: Oslender & Cardynaals feat. Hanno Busch spielen modernen Groove-Jazz (19 Uhr, Foyer). Das Jazz-Trio The Bad Plus ist seit neuestem mit Pianist Orrin Evans unterwegs. Inspiriert von Strawinski bis Ornette

ter, das Junge Staatstheater, das Tiyatro Diyalog (Tempel) sowie das Werkraumtheater. Shuttlebusse fahren das Publikum an die nicht ganz so zentralen Orte. (Sa, 8.9., 17–24 Uhr, versch. Spielstätten, www.karlsruher-theaternacht.de). Eine Woche später läutet dann das Staatstheater mit dem Theaterfest seine Jubiläumsspielzeit mit dem Thema Zukunft ein. Live auf die Bühne kommen hier erste Highlights aus dem Programm für die Saison 2018/19 und wie immer ein buntes Kinderprogramm. Über elf Stunden lang öffnet das Haus seine Pforten, lädt ein, hinter die Kulissen, zum Werkstattbesuch und zum Gespräch mit Künstlern. -fd Sa, 15.9., ab 11 Uhr, Bad. Staatstheater, Karlsruhe

Coleman verschmelzen die Amerikaner Avantgarde, Jazz, Rock und Pop (19.30 Uhr, Medientheater). Dem Multikulti-Quartett von Sängerin Helene Richter, Hala, eilt der Ruf voraus, so wandelbar wie erfrischend theatralisch um die Kurve zu kommen (20 Uhr, Vortragssaal), während Thomas Sifflings Flow als Kontrast elektronisch-smoothen Groove-Jazz zum Besten gibt (22 Uhr, Foyer), parallel dazu spielen Aerie. (Foto, 22 Uhr, Medientheater). -er

Zeitschriften n 12

Zeitungeen

Beilagen

Prospektee

Bücher


Foto: Global Illumination – The Evolution Of Technology With Deeper Meaning

Schlosslichtspiele 2018: Schloss Karlsruhe, Premiere: Sa, 28.7., 22 Uhr, bis 9.9., 29.7.-2.8. 22–23.30 Uhr, 3.8.-16.8. 21.30–23.30 Uhr, 17.–30.8. 21–23.30 Uhr, 31.8.–9.9. 20.30–23.30 Uhr, www.schlosslichtspiele.de INKA EMPFIEHLT

Karlsruher Museumsnacht

Wer sich einen Überblick über die Karlsruher Museumszene verschaffen möchte, liegt bei der 20. Auflage der „Kamuna! exakt richtig. Zum „Zwanzigsten“ Mal öffnen insgesamt 20 Karlsruher Museen und Kulturinstitutionen ihre Türen von 18 Uhr bis 1 Uhr nachts. Neben dem Besuch der Dauer- und Sonderausstellungen aller beteiligten Häuser gibt es ein umfangreiches Programm – von besonderen Führungen über Konzerte, Lesungen und Performances bis hin zu verschiedenen Mitmachaktionen. Neben den 16 ständigen Institutionen – darunter nicht nur Museen wie das Landesmuseum, die Kunsthalle, das Naturkundemuseum und das ZKM, sondern auch Bibliotheken und Archive – nehmen 2018 vier Gäste teil: Die Hochschule für Gestaltung und das Architekturschaufenster in der Waldstraße, die Stiftung Centre Culturel Franco-Allemande und der Durlacher Kunstverein Letschebach, der 2011 von Studenten und Absolventen der beiden Karlsruher Kunsthochschulen gegründet wurde. Sa, 4.8., ab 18 Uhr, Karlsruhe

Mittwoch, 07. Nov 20 Uhr Tollhaus Rosas (B) „Rosas danst Rosas“ Fr, 9. / Sa, 10. Nov 20 Uhr Scenario Halle Lange Nacht der kurzen Stücke (D) Mi, 14. / Do 15. Nov 20 Uhr ZKM Medientheater Motionhouse (GB) „Charge“ Sa, 17. Nov 20 Uhr ZKM Medientheater GN|MC Guy Nader | Maria Campos (E) „Time Takes The Time Time Takes“ Sa, 17. Nov 20 Uhr Staatstheater Karlsruhe Schwanensee von Christopher Wheeldon Premiere So, 18. Nov 20 Uhr ZKM Medientheater

„A Dance/Jazz Fusion Vol.II“ FUMMQ (Ferenc und Magnus Mehl Quartett) (D) „ Ballett Stuttgart und Ballett Zürich, Choreographie: Marco Goecke M, 19. Nov 20 Uhr Scenario Halle Preisträger des internationalen Solo-Tanz-Theater Festival (INTER) Mi, 21. Nov 20 Uhr Tollhaus Kompanie Wang Ramirez (F) „Borderline“ Fr, 23. Nov 20 Uhr Scenario Halle Bettina Castaño feat. Murat Coskun (E/D) „Flamenco & Magische Trommeln“ Sa, 24. Nov 20 Uhr Scenario Halle Sebastian Weber Dance Company (D) „CABOOM” So, 25. Nov 20 Uhr Scenario Halle The Brazil/ Israel Project (BRA/ISR) Drei Choreographen aus Israel Ella Rothschild, Eyal Dadon and Orly Portal

Unsere Publikationen im Überblick Nr. 139

15.07.–14.09.2018

K A R L S R U H E

www.inka-magazin.de

S TA D TM A G A Z I N

SCHLOSSLICHTSPIELE · DAS FEST · KULTURSOMMER FESTIVALS · BILDUNG · EISDIELEN-SPECIAL · SUPER INKA

Das Stadtmagazin für Karlsruhe

Das alternative Branchenbuch für Karlsruhe und die Region. Die 2019er Ausgabe erscheint Anfang Dezember.

ONUK, „Wasser“, Ausstellung „ONUK: temporär“: 4.8.– 2.9., ZKM

Nr. 114 0 / 2 0 1 8

G R AT I S .

Z UM

L E S E N

15. Juli – 14. September 2018 Kunst & Kultur in Karlsruhe, Rhein-Neckar, Baden, Pfalz & Nordelsass

K A R L S R U H E

Die reguläre 1. Ausgabe von Super INKA erscheint 2019 Liebe Leserinnen und Leser,

diese Nullnummer von SUPER INKA lädt zu einer kleinen Lesereise mit Themen, für die man sich etwas Zeit geben kann und muss. Wir stammen aus Karlsruhe, und schon der Name SUPER INKA ist in dieser eher zurückhaltenden Stadt eine bizarre Überhöhung. Wobei „SUPER INKA – Super Stadt“ auch eine gute Losung wäre. Es ist eine tolle Stadt, derzeit und schon länger in steter, manchen zu heftiger, manchen zu langsamer Umwälzung. Da beim Wörtchen „Super“ in Verbindung mit Zeitung fast jeder an die „Super Illu“ denkt: In München gibt’s z. B. „Super Paper“, das elektronische Musik und Kunstthemen im Tageszeitungsformat verknüpft. Aus München stammt vom Magazin „IN München“ auch der Name INKA: Dort arbeiten alte Kollegen vom „Blatt“; der Stadtzeitung in München, in der ich „sozialisiert“ wurde. INKA hat also nix mit Maja zu tun, wobei das auch ein guter Name wäre für ein Stadtmagazin in Mannheim, aber da gibt’s sowas ja nicht mehr. Dort setzt man lieber auf „Staatsfeuilletonismus“, da weiß man, was man hat. Die Magazine der finanziell vergleichsweise feudal ausgestatteten Metropolregion werden u.a. der FAZ und der SZ beigelegt. Und sie verfügt auch ohne Stadtmagazine von Qualität über mehrere Tageszeitungen, in Heidelberg, den „Mannheimer Morgen“ und die „Rheinpfalz“, letztere hat wiederum ein Quasimonopol in der Pfalz; der BNN-Verlag mit „Kurier“ und „Sonntag“ ein ebensolches in Karlsruhe. Hier hat sich INKA trotz Anzeigenfinanzierung einen guten, objektiven Ruf verschafft, unsere Onlineausgabe ist – auch da sie eine einzigartige Linkschleuder zu Karlsruhe darstellt – bundesweit top im unabhängigen Onlineranking von seitwert.de. Wie ja bekannt ist: Wenn es irgendwo brennt, veröffentlichen wir als „Anzeigenblatt“ sogar so etwas wie Meinung. Die muss man sich natürlich leisten können, ebenso die sehr vielen komplett unkommerziellen (Kultur-) Texte, die wir jede Ausgabe bringen.

Als wir vor 14 Jahren begannen, war eines unserer Alleinstellungsmerkmale, dass selbst unsere PRTexte auf eloquenter Infoebene bleiben und keine Überhöhungen stattfinden. Inzwischen ist alles Werbung, Marketing. Pressefreiheit und Pressevielfalt sind bedroht, nicht nur bundesweit, sondern vor allem lokal. Nur noch wenige Städte in Deutschland verfügen über eine gewisse Pressevielfalt. In der Regel – so auch in Karlsruhe – richtet man sich gut miteinander ein, Monopol hin oder her. Auf Sicht ist das fatal, auch für die Demokratie. Meinungsvielfalt und Marketing haben heutzutage auf extrem direkte Art und Weise miteinander zu tun. Und „Redaktionsmarketing“ ist das Zauberwort der Medienszene. Vieles davon ist für den Leser überhaupt nicht mehr erkennbar. Wie das alles funktioniert: Steht in einem kleinen Textlein zu Themen, die sich seit Ende November 2017 in Karlsruhe ereigneten oder eben nicht ereignet haben sollen. Auch aus diesem Grund sehen wir unsere LeserInnen (wie auch bei INKA) bei denjenigen, die sich in Karlsruhe auch über Medien wie die SZ, FAZ, taz, den Spiegel oder brand eins informieren. Oder in anderen guten lokalen Medien, die wir auf unseren Medienseiten zukünftig auch präsentieren werden. Nun ist unsere erste SUPER INKA-Ausgabe alles andere als „super“, die Themen allerdings wichtig. Sie war erstmal ein Testlabor, vor allem das Format ist im Vergleich zum INKA-Pocketformat schon mal super und bietet super Entwicklungsmöglichkeiten, auch die Schriftgröße ist supergroß. Die Nullnummer ist parallel zu unseren INKA/Regio-Sommer-Doppelausgaben entstanden und wird im gesamten Südwesten und natürlich in Karlsruhe und der Region verteilt. Als festen Projekttexter haben wir Friedemann Dupelius dazugeholt, der inzwischen in Köln als Musikproduzent und Kultur-Texter lebt und regelmäßig Features und Beiträge u.a. auch für den WDR produziert. Warum SUPER INKA? Ist es schlau oder endver-

blödet, mit „Bleiwüsten“ die Instagrammisierung der Gesellschaft auszukontern? In SUPER INKA soll einfach nur Platz für Meinung und Lesethemen sein, die in der Stadt aufgrund ihrer Presselandschaft sonst eher weniger zum Zuge kommen. Auch sehen wir mit Sorge, wie sich der Stellenwert von Kultur zu verändern beginnt. Aber natürlich können wir unsere meist stark komprimierten INKA-Texte und -Themen künftig auch mal opulenter in Text und Visuals und somit besser präsentieren. Oder auch mal über den Tellerrand der Kulturregion hinausschauen, wie etwa Friedemann Dupelius in seinem kulturfeuilletonistischen Ausflug auf den Seiten 7 bis 9. Dieser führte ihn von der Vitra-Clubausstellung in Weil am Rhein zu neuen Ansätzen der Clubkultur und hin zu Hybrid-Clubs und der hiesigen Offspace-Künstlerszene. Zwischendurch tauchte er in Karlsruhe ab – und verbrachte nahezu einen kompletten Tag bei Forschern im Naturkundemuseum (Seite 16). Ein anderes, gesellschaftspolitisch wichtiges Thema ist „Markt und Moral“. Hierzu forscht die junge Professorin Nora Szech an ihrem Lehrstuhl für Politische Ökonomie am KIT. Nora Szech ist schon seit längerem auch als Autorin im SZ-Wirtschafteil präsent. Wir sprachen mit ihr über ihre Forschung und ihr Leben. Vorweg: Toll, dass solche Menschen in der Stadt sind (Seite 3). Ebenfalls ein ständiges Thema in SUPER INKA soll auch der Bereich Stadtplanung und -entwicklung werden. Schönerweise hat sich als Auftakt zu diesem komplexen Thema Stadtplanungs-Chefin Karmann-Wössner interviewen lassen, in einer Zwischenphase, denn im Herbst 2018 soll der neue Baudezernent Fluhrer sein Amt antreten. Ein weiteres Thema ist natürlich auch die Kunstszene, der wir hier nochmal ganz anders Raum geben können. Sonja Maria Krämer, Kunsthistorikerin und INKA-Marketing-Leitung, traf sich zum Interview mit der neuen Tübinger Kunsthallencheffin

regioinka Das Kulturmagazin für die P A M I N A - R E G I O N

S C H LO S S L I C H T S P I E L E · DA S F E S T · Z E LT I VA L · Z K M K U R PA R K M E E T I N G · F E S T I VA L S · J A Z Z I M PA R K

Das Kulturmagazin für die PAMINA-Region

Nicole Fritz und sprach mit ihr über die Kunstszene im Württembergischen (Seiten 12/13). Dass das Künstlerleben kein Zuckerschlecken ist, verrät das Porträt des Karlsruhers Malers und Künstlers Martin Krieglstein von Patrick Wurster (Seite 10). Die vieldiskutierten neuen Arbeitsformen verändern auch die Anforderungen an das Büroumfeld. Unser Gastautor Seven-Kaun Feederle war am Ausstellungsdesign der neuen Wissenstransfer-Plattform „Open Codes“ am ZKM beteiligt, ist ein absoluter Experte in Sachen Coworking-Spaces und hat für uns Thesen aus einer Uniarbeit zum Thema „Neues Büro“ zusammengestellt – ein Beitrag zum vieldiskutierten Thema „Neue Arbeitsformen“. Wir bedanken uns bei allen Beteiligten, ganz herzlich und explizit bei unseren Medienpartnern, die sich auf unsere kurzfristige Super INKA-Info spontan zurückgemeldet haben. Herzlichen Dank auch an den Karlsruher Grafitti-Künstler Christian Kräemer, besser bekannt als DOME, Wer Beiträge hat, Themen, fertige Texte, Leserbriefe: Einfach mit dem Betreff „Super INKA“ an redaktion@inka-magazin.de mailen. Die erste reguläre und erheblich erweiterte „SUPER INKA“-Ausgabe wird im neuen Jahr erscheinen. Herzlichen Dank auch an den Karlsruher Grafitti-Künstler Christian Kräemer, besser bekannt als DOME, Wer Beiträge hat, Themen, fertige Texte, Leserbriefe: Einfach mit dem Betreff „Super INKA“ an redaktion@inka-magazin.de mailen. Die erste reguläre und erheblich erweiterte „SUPER INKA“-Ausgabe wird im neuen Jahr erscheinen. Herzlichen Dank auch an den Karlsruher Grafitti-Künstler Christian Kräemer, besser bekannt als DOME, Wer Beiträge hat, Themen, fertige Texte, Leserbriefe: Einfach mit dem Betreff „Super INKA“ an redaktion@inka-magazin.de mailen. Die erste reguläre und erheblich erweiterte „SUPER INKA“-Aus-

Maxin10sity, „STRUCTURES OF LIFE“, 2017, Schlosslichtspiele, © Photo: Uli Deck

EINTRITT FREI!

SKarlsruhe︱28. C H L OJuliSbisS9.LSeptember I C H T2018︱Eintritt S P I E Lfrei! E www.schlosslichtspiele.info

Die Schlosslichtspiele finden am Samstag, 4. August 2018, aufgrund der Karlsruher Museumsnacht (KAMUNA) nicht statt.

Impressum

Herausgeber: Verlag, Roger Waltz Amalienstr. 41, 76133 Karlsruhe Tel. 0721/46 71 70 60, Fax 0721/840 89 42 Redaktion und Textbeiträge: Roger Waltz (V.i.S.d.P.) [-rw], Patrick Wurster [-pat], Friedemann Dupelius [-fd], Simone Kraft [-sk], Georg Patzer [-gepa], Elisa Reznicek [-er] Tel. 0721/937 59 33, 0721/982 37 50 redaktion@inka-magazin.dew Marketing & Akquise: Sonja Krämer M.A., Tel. 0721/46 71 70 66, sonja.kraemer@inka-magazin.de Jenny Menhart, Tel. 0721/46 71 70 67, jenny.menhart@inka-magazin.de Koordination: Nicola Waltz, Tel. 0721/46 71 70 61, koordination@inka-magazin.de Fotos: INKA, PR Titelmotiv: DOME – „Imagination Conquering The World“ Gestaltung & Satz: INKA & Sascha Fronczek Druck und Verarbeitung: dierotationsdrucker.de, Esslingen Vertrieb: INKA kostenlose Verteilung in Karlsruhe und Region Bankverbindung: Sparkasse Karlsruhe, IBAN: DE25 6605 0101 0108 0061 15, SWIFT/BIC: KARSDE66XXX. Für die Richtigkeit aller Angaben übernimmt der Verlag keine Gewähr. © für Text, Fotos, Gestaltung und Anzeigen liegt soweit nicht anders angegeben bei Verlag, Roger Waltz. Vervielfältigung und Speicherung bedarf der Genehmigung des Verlages. Fotos und Texte sind willkommen, es wird jedoch keine Haftung übernommen.

www.inka-magazin.de „Zeltival“-Highlights Das „Zeltival“ in und auf dem Gelände des Tollhauses in Karlsruhe besticht auch 2018 durch ein musikalisches teils sehr extravagantes, spannendes Booking. Daara J Family zählen zu den führenden Gruppen des westafrikanischen Hip-Hop. Die Kultband aus dem Senegal schlägt seit den 90er Jahren eine Brücke zwischen den Kulturen und zeigt politisches Bewusstsein ohne erhobenen Zeigefinger. Lieber artikuliert die Truppe um Faada Freddy Positionen wie Friedlichkeit, Brüderlichkeit, Solidarität und Kinderschutz mit großzügigen Vibes, einem ansteckenden Energielevel und viel Soul und Seele (Sa, 28.7., 20.30 Uhr). Zwei starke Stimmen des Jazz-Crossover folgen: Melody Gardots (So, 29.7., 20.30 Uhr) ist für ihre intensive Konzertdramaturgie zwischen entrücktem Vocal Jazz, luftigem Bossa, erdigem Blues und poetischen Chansons berühmt. Mélissa Laveaux präsentiert auf ihrer neuen CD „Radyo Siwèl“ kantige, elektrisierende, pure Songs. Die Scheibe ist ein Fingerzeig auf die Heimat ihrer haitianischen Eltern und eine Hommage an die rebellische Kraft von Musik (Di, 31.7., 20.30 Uhr). Die britische Trip-Hop-Instanz Morcheeba ist mit Unterbrechungen seit gut drei Jahrzehnten im Geschäft und längst eine Marke. Sängerin Skye Edwards und Gitarrist Ross Godfrey gewinnen mit „Blaze Away“ daher vielleicht keinen Innovationspreis, wie „Intro“ zu den groovelastigen Chillout-Sounds schreibt. Für einen gediegenen Sommerabend ist das aber trotzdem top (Mi, 1.8., 20.30 Uhr). Am Mi, 3.8., 20.30 Uhr, präsentieren dann die britischen Indiepop-Haudegen Maxïmo Park u.a. Songs ihrer neuen CD „Risk To Exist“ und zum Festivalabschluss kommt mit Imarhan, die den typischen Tuareg-Sound durch Blues-, Rock- und Funk-Elemente sowie die algerische Tanzmusik Rai erweitern, eine Wüstenrockband in der Tradition von Größen des Generes wie Tamikrest oder Tinariwen. -er

23.07.2018 | 20:00UHR LUDWIGSBURG | SCALA

28.07.2018 | 20:00UHR STUTTGART | FREILICHTBÜHNE

ES EXKLUSIVKON ZERT

DEUTSCHLAND

22.10.2018 | 20:00UHR STUTTGART | CLUBCANN

23.10.2018 | 20:00UHR |STUTTGART | PORSCHE-ARENA

30.10.2018 | 20:00UHR STUTTGART | LIEDERHALLE

02.11.2018 | 19:00UHR STUTTGART | LKA LONGORN

21.11.2018 | 20:00UHR STUTTGART | LIEDERHALLE

08.12.2018 | 20:00 UHR | STUTTGART | PORSCHE-ARENA

RUHE

LIVE IN KARLS 03.11.2018 | 20UHR KARLSRUHE | KONZERTHAUS

TICKETS: 0711.550 660 77 ONLINE: WWW.MRUSS-TICKETS.DE


HINTER DEN KULISSEN DES NATURKUNDEMUSEUMS ZU BESUCH BEIM PILZFORSCHER

für die Digitalisierung der Belege. Dafür bin ich ihnen außerordentlich dankbar“, bekundet Markus Scholler, der auch froh darüber ist, dass ein Forschungsprojekt am Museum auch mal 20 oder 30 Jahre lang laufen kann, im Gegensatz zur engen Taktung an Universitäten.

Mykologe Dr. Markus Scholler und Max Wieners, Studentische Hilfskraft (Foto D. Warzecha/SMNK)

Eigentlich wurde mir eine „gespenstische Atmosphäre“ für meinen Besuch vorhergesagt. Am Brückentag würde in den beiden Forschungsabteilungen Geowissenschaften und Biowissenschaften des Naturkundemuseums kaum jemand arbeiten. Doch schon auf dem Flur treffen mein Gastgeber, der Pilzkundler Dr. Markus Scholler und ich einen seiner Kollegen: Der Schmetterlingsforscher Dr. Robert Trusch ist also auch so ein unermüdlicher Wissenschaftler und serviert, buchstäblich im Vorbeigehen, eine beeindruckende Zahl: Mehr als 2,7 Millionen Schmetterlinge umfasst die Sammlung am Naturkundemuseum Karlsruhe. Die alte und traditionsreiche Sammlung ist damit die größte im Haus und deutschlandweit die drittgrößte ihrer Art. Immerhin 75.000 Belege zählt das junge Karlsruher Pilzherbarium, dessen Umfang Markus Scholler seit seinem Dienstantritt am Museum 2003 in die Höhe geschraubt hat; vor 15 Jahren enthielt es lediglich 5.000 Pilzbelege. Einen Neuzugang für das Herbarium schauen wir uns jetzt genauer an. Vom großen Flur im sogenannten Pavillon des Museums, der hinter dessen Hauptgebäude steht, geht es in ein überschaubares, sauberes Zimmer. Kleine Reaktionsgefäße stehen in einem Karton auf dem Tisch, daneben ein Stereomikroskop. Scholler legt einen Weidenrost der Gattung „Melampsora“ darunter. Ohne Vergrößerung lassen sich erstmal nur kleine orangefarbene Punkte auf einem grünen Blatt erkennen. Unter dem Mikroskop wird aus den Punkten eine becherförmige Struktur, aus der die rund 15 Mikrometer großen Sporen herausragen. Außerdem sieht man jetzt einen grünen, knubbeligen Belag, der sich auf dem Blatt breit gemacht hat. „Das ist eine tierische Galle, die das Pflanzengewebe wuchern lässt. Darauf hat sich zufällig ein Rostpilz angesiedelt. Die Galle stammt von Insekten, die spezifisch Weiden befallen, Gallen können aber auch von Bakterien, anderen Pilzen und Viren gebildet werden“, weiß Markus Scholler. Zuvor hat er mir bereits einen Rostpilz gezeigt, der es sich auf den Nadeln einer Latschenkiefer eingerichtet hat. Der Beleg ist ebenfalls neu in der Sammlung und stammt von der Zugspitze. Ob diese Pilze die Pflanzen zerstören? „Die Parasiten schädigen ihre Wirte zwar, aber in natürlichen Ökosystemen niemals so stark, dass die Wirtspopulation vernichtet wird. In Agrarökosystemen oder forstlichen Monokulturen kann das aber schon mal passieren. Auch Rostpilze haben ihre Funktion in der Natur, wie alle Organismen. Sie regulieren die Wirtspopulation, fördern die genetische Vielfalt der Wirte und dienen wiederum anderen Organismen als Nahrung“. Markus Scholler bekleidet als Mykologe ein recht junges Amt am Karlsruher Naturkundemuseum. Erst mit seiner Einstellung hat die Pilzkunde ihren festen Platz am Hause erhalten. Weit länger schon bestehen die Referate für Paläontologie und Evolutionsforschung (s. Interview mit Dino Frey), Entomologie (Insektenkunde), Zoologie, Botanik (zu der die Mykologie gehört) sowie das für Geologie, Mineralogie und Sedimentologie. Das Naturkundemuseum ist der Öffentlichkeit vor allem durch seine Ausstellungen bekannt – von den dauerhaft gezeigten Exponaten bis zu den regelmäßigen Sonderschauen. Doch hinter den Kulissen tut sich noch viel mehr. Jedes Referat besteht aus einem bis drei Kuratoren, von denen jeder für die wissenschaftliche Betreuung einer bestimmten Sammlung zuständig ist. Neben den Kuratoren gibt es noch (meist über Forschungsprojekte angestellte) Wissenschaftler, dazu kommen Präparatoren und anderes technisches Personal, vor allem aber auch viele ehrenamtliche Mitarbeiter. „Ohne Ehrenamtliche würde nichts laufen. Die Pilzsammlung wäre ohne sie bei weiten noch nicht so fortgeschritten, das gilt auch

Die Forschungsaktivitäten am Naturkundemuseum sind so vielfältig wie die Abteilungen selbst. So sind die Paläontologen beispielsweise im chilenischen Süd-Patagonien aktiv, um evolutionäre Prozesse zwischen Kreidezeit und Tertiär-Zeitalter zu erforschen; sie graben aber auch ganz lokal in der Tongrube Unterfeld (bei Wiesloch) nach Fossilien. Asiatische Schlankkräuselspinnen werden am Museum genauso erkundet wie die Großpilzflora des Ballungsraums Karlsruhe. Von Untersuchungen zu Biodiversität und Ökosystemen über Evolutionsforschung streckt sich das Spektrum bis zur Bioinformatik. Die Digitalisierung spielt eine enorme Rolle im Karlsruher Naturkundemuseum. In Datenbanken werden die Sammlungen erfasst und öffentlich zugänglich gemacht, Software unterstützt DNA-Untersuchungen genauso wie ökologische Vorhaben. Auch die Karlsruher Pilzforschung macht von digitaler Technologie Gebrauch. So ist bereits über die Hälfte des Pilzherbariums in einer öffentlichen Datenbank registriert. Im Projekt „GBOL“ (German Barcode of Life) erfasst Markus Scholler in einem Teilprojekt und mit Partnern in Berlin die DNA der rund 500 deutschen Rostpilzarten. Dafür werden Sporen von den getrockneten Rostpilzbelegen entnommen und an ein molekularbiologisches Labor verschickt, in dem die DNA extrahiert und schließlich sequenziert wird, sprich man ermittelt ihre einzelnen genetischen Bausteine. Sie bekommen ihren eigenen genetischen Barcode, mit dessen Hilfe wiederum Wissenschaftler weltweit Rostpilzarten bestimmen können. Mit den Sequenzen lassen sich aber auch Stammbäume

Spore des Rostpilzes Milesina scolopendrii (Foto: Buchheit & Scholler/SMNK)

erstellen, Verwandtschaftsbeziehungen ermitteln und Evolutionsprozesse rekonstruieren. Die Rost-Belege, die im Rahmen des GBOL-Projekts sequenziert werden, stammen alle aus der Karlsruher Rostpilzsammlung. „Das macht die Sammlung wissenschaftlich bedeutend“, sagt Scholler, der Rostpilze „einfach furchtbar interessant“ findet. Wir gehen ein paar Räume weiter und treffen Claus-Dieter Dürrler an. Auch der Präparator ignoriert den Brückentag geflissentlich, er will seine Arbeit an einem weiteren Forschungsprojekt fortsetzen: Der Erschließung einer Pilzsammlung aus dem 19. Jahrhundert, die aus dem Greifswalder Universitätsherbarium stammt. Markus Scholler weist mich, sichtbar stolz, darauf hin, dass wir drei hier im Raum wohl die ersten seien, die diese Pilzbelege nach 150 Jahren wieder zu Gesicht bekommen. Dürrler kann die alte Kurrentschrift auf den Etiketten der Belege entziffern. Die Belege werden anschließend neu präpariert, konserviert und schließlich digitalisiert und somit der wissenschaftlichen Öffentlichkeit zugänglich gemacht – auch für die Generation, die in 150 Jahren leben wird. Nach neuesten Schätzungen gibt es 2,2 bis 3,8 Millionen Pilzarten weltweit, doch nur rund 120.000 sind bislang wissenschaftlich beschrieben, das sind nur circa vier Prozent. Diese Lücke wird wahrscheinlich nicht mal der emsige Karlsruher Mykologe Scholler schließen können. Dafür bemüht er sich um eine umfassende Erforschung heimischer Pilzarten, im Bannwald „Wilder See“ im neuen Nationalpark Schwarzwald genauso wie im urbanen Karlsruhe, wo letzten Winter zum Beispiel überraschend Austernseitlinge auf einer Litfaßsäule in der Oststadt sprossen. „Städtische Habitate sind von größter Wichtigkeit. Urbane Gebiete sind wichtige Rückzugsgebiete für seltene Pilze, die man in landwirtschaftlich geprägten Gebieten oder Forsten nicht findet“, weiß Markus Scholler und begründet: „Es ist günstig für die Pilze, dass in städtischen Parks viel gemäht, das Laub im Herbst entfernt und

nicht gedüngt wird. Dadurch kommt es nicht zur Nährstoffanreicherung, was sehr vielen Pilzarten zu Gute kommt. Außerdem gibt es hier viele alte heimische Bäume, die in Forsten längst gefällt worden wären, an die bestimmte Pilze aber gebunden sind.“ Große Probleme stellt auch die Anpflanzung von bestimmten Fremdgehölzen wie Platanen, Robinien und Rosskastanien dar, die keine Symbiosen mit heimischen Pilzen eingehen. So meiden Pilzsammler den Neuen Friedhof in Karlsruhe, da dort wegen der Platanen weder Pfifferling noch Steinpilz zu finden sind. Mittlerweile wurde auch der Platanen-Mehltau aus Nordamerika eingeschleppt, der den hiesigen Platanen zusetzt und die Frage aufwirft, ob sie hier überhaupt noch angepflanzt werden sollten. Laut Scholler besser nicht. Die durch das Stadtklima und die globale Klimaverschiebung bedingten Temperatursteigerungen machen sich auch in der Karlsruher Pilzflora bemerkbar, wie Scholler weiß: „Mittlerweile fühlen sich hier Pilzarten zu Hause, die aus wärmeren Regionen eingewandert sind. Aus kälteren Gebieten ist keine eingewanderte Art nachgewiesen.“ Wie schaffen es Pilze aus anderen Klimaregionen nach Karlsruhe? „Nachweislich können Sporen durch den Wind über hunderte von Kilometern transportiert werden. Die nach Karlsruhe eingeschleppten Arten lassen sich durchweg auf den Menschen zurückführen, sie treten z.B. in Kombination mit exotischen Zierpflanzen auf. Oft kommen Arten über die Burgundische Pforte und die Oberrheinebene nach Karlsruhe.“ Das gilt vermutlich auch für den pittoresken roten Tintenfischpilz, der vor rund 100 Jahren erstmalig im Elsass, in den 1930 Jahren dann erstmals in Karlsruhe auftrat und sich mittlerweile in ganz Deutschland wohl fühlt. In einem weiteren lokalen Forschungsprojekt erforschten Scholler und Kollegen, welche „exotischen Baumarten mit guter Klimaprognose“ in Karlsruhe angesiedelt werden könnten, die auch Symbiosen mit heimischen Pilzen eingehen können. Solch angewandte Forschungsprojekte begrüßt Markus Scholler, der am Naturkundemuseum ansonsten viel Grundlagenforschung betreibt. „Dann sehen die Leute, dass das auch einen Nutzen hat.“ Im Dachstuhl des Hauptgebäudes zeigt mir der Mykologe schließlich seinen ganzen Stolz. „Sie müssen aufpassen – wenn ich meine Sammlung zeige, gerate ich leicht ins Schwärmen!“ Hinter rund 100 Schranktüren verbirgt sich der Großteil des Karlsruher Pilzherbariums. Nicht nur Rostpilze, auch Trüffel, Morcheln, Blätterpilze, Röhrlinge und Zunderschwämme sind hier gelagert und nach wissenschaftlichen Kriterien geordnet. Typischerweise liegt ein Blätterpilz getrocknet in einer durchsichtigen Tüte. Die enthält Silica-Gel, damit der Pilz trocken bleibt; eine Dose schützt ihn vor Erschütterung und Quetschung. Wir kommen ins Plaudern über genießbare Trüffeln und Giftpilze. Letztere sind auch noch im toten, getrockneten Zustand toxisch. Apropos: In seiner Rolle als „Volksmykologe“ erhält Markus Scholler regelmäßig zu später Stunde Anrufe von Krankenhäusern. Nicht selten fährt er dann noch mal ins Museum, um Pilze aus einem Pilzragout oder aus Mageninhalten mit dem Mikroskop zu bestimmen – und in den meisten Fällen Entwarnung zu geben. Neben seinen Aufgaben am Naturkundemuseum ist er auch Leiter der Pilzgruppe im naturwissenschaftlichen Verein Karlsruhe. Privatpersonen wie Institutionen, vom Kindergarten bis zum Gartenbauamt, suchen bei ihm Rat. Einmal im Jahr organisiert er die „Karlsruher Frischpilzausstellung“ im Pavillon des Naturkundemuseum, die immer am ersten Oktoberwochenende stattfindet. Hierbei helfen ihm viele Ehrenamtliche, die Pilze von Wald und Wiese für die Ausstellung sammeln. Auch der promovierte Mykologe fing einst als begeisterter Pilzsammler im Kindesalter an und hat bis heute nicht ganz damit aufgehört. Der Melampsora-Beleg auf dem Weidenblatt, den wir zuvor unter dem Mikroskop betrachtet haben, stammt aus den Dolomiten. Gesammelt hat ihn Scholler in den Sommerferien. Ob Brückentag oder Ferienzeit – Pilze kennen einfach keinen Urlaub.

URZEITFORSCHER, FOSSILIENBUDDLER & FLIESENLEGER

Wie sah die Welt aus, kurz bevor die Neuzeit begann? Dieser Leitfrage nähert sich die aktuelle Landesausstellung „Flusspferde am Oberrhein“ im Naturkundemuseum Karlsruhe. Einer ihrer Kuratoren ist Karlsruhes Vorzeige-Paläontologe Eberhard „Dino“ Frey. In Super INKA spricht er über seine Forschungsarbeit am Naturkundemuseum, und was sie mit den Ausstellungen zu tun hat. INKA: Was war der Anlass für die Ausstellung „Flusspferde am Oberrhein“? Gab es neue Forschungserkenntnisse? Frey: In der Forschung am Naturkundemuseum steht das Themengebiet zwar hinten an – ich forsche hauptsächlich in Mexiko und Patagonien – aber sammlungstechnisch bildet das Jungpleistozän am Oberrhein einen Schwerpunkt am Haus. Die Sammlung ist es einfach wert, gezeigt zu werden. INKA: Wurde für die Ausstellung extra geforscht? Frey: Nein, die stemmen wir komplett aus unserem Fundus, also auch dem Wissensfundus. Der Geologe Dieter Schreiber aus unserem Team hat durch seine Arbeit im Vorfeld viel Input reingebracht. Er arbeitet auch außerhalb seines Dienstes viel im Oberrheingraben, weil er sich zum Beispiel für Elefanten interessiert. Der Präparator Wolfgang Munk kennt sich mit den Rheinablagerungen aus, ich mit den Knochen, und Ute Gebhardt mit der Geologie. Das war Teamwork von der ersten Sekunde an. INKA: Es sind also verschiedene Forschungsbereiche des Naturkundemuseums an der Ausstellung beteiligt... Frey: ...in der Leitung sind Ute Gebhardt als Geologin und ich als Paläontologe. Es kommen mehrere Forschungsbereiche in der Ausstellung zum Zug. Man kann die Eiszeiten und ihre Tierwelt nicht verstehen, wenn man die Geologie nicht gesehen hat, die wir im ersten Raum der Ausstellung aufbereiten. Es wird also eine Synthese hergestellt durch das, was man hier am Haus am besten kann: Interdisziplinär arbeiten! Hinzu kommen dann noch die Koordinatorin Sabine Mahr, die Museumspädagogik, die ganzen Leute aus der Technik, die Schreiner, das Präparatorenteam und die Ausstellungsdesigner, die zum Teil Externe sind. Kurz vor der Eröffnung stand für uns dann noch die Arbeit am Katalog an. Wir wollen schließlich die Wissenschaft hinter der Ausstellung dauerhaft anbieten. INKA: Welche paläontologischen Forschungsprojekte verfolgen Sie derzeit? Frey: Ich bin immer noch sehr aktiv in der Tongrube Unterfeld bei Rauenberg, in der Nähe von Wiesloch. Das ist neben den Rheinkiesen und -schottern eine der bedeutendsten Fundstellen hier in der Region. Die Grube rangiert auf einer Ebene mit der Grube Messel. In Unterfeld finden wir Fossilien, die 32 Millionen Jahre alt sind. Vor kurzem haben wir dort ein von der Klaus-Tschira-Stiftung gefördertes Forschungsprojekt zu Ende gebracht, wollen dort aber mit einer externen Gruppe weitergraben. Außerdem haben wir ein neues DFG-Projekt bewilligt bekommen, das jetzt voll am Laufen ist. Da geht’s um die Bodenfaultiere Mittelamerikas und zwar im gleichen Zeitraum wie bei „Flusspferde am Oberrhein“. Damals gab es riesige Faultiere in Mittelamerika. Meine Doktorandin ist jetzt schon wieder auf dem Weg nach Mexiko; ich fliege im September dorthin. INKA: In welchem zeitlichen Verhältnis steht das Ausstellungen machen zur Forschungsarbeit? Passiert so eine Schau mal „so nebenher“? Frey: Meine erste Ausstellung am Naturkundemuseum Karlsruhe (Dino Frey arbeitet dort seit 1990, d. Red.) war „Dynamik des Lebens“ im Jahr 2009, danach folgten die große Landesausstellung „Bodenlos“ (2013) und „Amerika nach dem Eis“ (2017). „Flusspferde am Oberrhein“ ist meine vierte Ausstellung am Hause und wird zugleich meine letzte vor der Rente sein. Als Museologe musst du eigentlich alles machen. Ich lege auch Fliesen und verputze Wände, wenn es sein muss.

Super Inka  
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