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Ernst Freiberger-Stiftung

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Thomas Mann Das Deutsche und die Deutschen

Antje Korsmeier Alexander Kissler Volker Koop Helmut Engel

be.bra wissenschaft


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Inhalt Ernst Freiberger Ein Denkmal für Thomas Mann

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Antje Korsmeier Der Herr der Gegensätze. Ein biographisches Porträt Thomas Manns

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Alexander Kissler „Meine Bücher sind verzweifelt deutsch“ Thomas Mann, das Deutsche und die Deutschen

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Volker Koop Thomas Mann und der Raubzug der Nazis

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Helmut Engel Die Ausbürgerung Thomas Manns

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Dokumentenanhang

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Zu den Autoren

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Ernst Freiberger Ein Denkmal fĂźr Thomas Mann


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Im Herzen der deutschen Hauptstadt, direkt am Ufer der Spree, wächst die „Straße der Erinnerung“. Mit Thomas Mann wird dort nun bereits die vierte aus Deutschland stammende Persönlichkeit mit einem Denkmal gewürdigt, weitere werden folgen. Im Rahmen ihrer Stiftungsziele betrachtet es die Ernst Freiberger-Stiftung als eine ihrer vordringlichen Aufgaben, an diesem historischen Ort an Persönlichkeiten zu erinnern, die in der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts auf unterschiedlichste Art für Deutschland, teilweise für die Menschheit überhaupt, Großes geleistet haben. Es sind die „Helden ohne Degen“, denen hier im wahrsten Sinne des Wortes ein Denkmal gesetzt wird. Es sind Persönlichkeiten, die nachweisen, dass es im vergangenen Jahrhundert neben dem Deutschland der Nazi-Diktatur auch ein anderes gab: das der Erfinder, der Literaten, der um Versöhnung zwischen den Völkern Bemühten und nicht zuletzt das des Widerstandes gegen die menschenverachtende NS-Herrschaft. Nicht von ungefähr hat die unsere Stiftung daher mit dem ersten Denkmal auf der „Straße der Erinnerung“ Albrecht Haushofer geehrt, der sich nach persönlichen Irrwegen dem Widerstand gegen die nationalsozialistische Gewaltherrschaft anschloss und in den letzten Tagen des Zweiten Weltkrieges von den Schergen des Regimes hinterrücks erschossen wurde. Albrecht Haushofers Name ist untrennbar verbunden mit den „Moabiter Sonetten“, die er in der Haft schrieb und die Beweis für die moralische Überlegenheit gegenüber blanker Willkür sind. Auch Konrad Zuse hat sich für alle Zeiten in das Geschichtsbuch eingetragen. Dem genialen Erfinder haben wir das zweite Denkmal auf der „Straße der Erinnerung“ gewidmet, denn er hat wie kaum ein anderer das Leben eines jeden Einzelnen verändert, auch wenn ihm das in dieser Tragweite nicht bewusst gewesen sein mag und sein Name auch heute noch vielen nicht bekannt ist. Im Alter von 25 Jahren entwikkelte Konrad Zuse die erste programmierbare Rechenmaschine der Welt und damit den Vorläufer des modernen Computers. Mit einem Denkmal für Walther Rathenau wurde diesem Politiker die ihm gebührende Ehrung zuteil. Rathenau kann als einer der ersten großen Europäer gelten. Als Außenminister

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war er es, der nach dem verheerenden Ersten Weltkrieg alles daran setzte, die verfeindeten europäischen Mächte an einen Tisch zu bringen und miteinander zu versöhnen. Rathenau verfocht energisch den Primat der Politik gegenüber dem Militär und trat zudem, obwohl selbst Spross einer bedeutenden Industriellenfamilie, für gesellschaftliche Erneuerungen zugunsten der benachteiligten sozialen Schichten ein. Dass vierte Denkmal gilt nun Thomas Mann, einer Persönlichkeit mit vielen Facetten, von denen jede einzelne dieser Ehrung wert wäre. Thomas Mann ist einer der bedeutendsten Schriftsteller, die Deutschland je hervor gebracht hat und unbestritten der größte Romancier des 20. Jahrhunderts. 1895 als Kaufmanns- und Senatorensohn geboren, erwies er sich zunächst als schlechter Schüler, der sogar zwei Mal sitzen blieb, um dann schließlich Schriftsteller von Weltruhm zu werden und 1929 den Nobelpreis für Literatur zu erhalten. Vieles, was Thomas Mann tat, mag im Protest gegen die, was man heute „Establishment“ nennen würde, strenge Disziplin des Bürgertums seine Wurzeln haben. Insofern war Thomas Mann sehr früh ein politischer Mensch, der sich in der Weimarer Republik schon gegen den aufkeimenden Nationalsozialismus wandte und mit seiner Kritik ins Visier der Nationalsozialisten und deren allmächtiger Gestapo geriet. Sein Werk begriff Thomas Mann als ein Bemühen im Zeichen einer „höheren Humanität“. Er verstand darunter eine Verfassung des Menschen, die einen Ausgleich der Gegensätze meistert. Die Idee der Mitte wurde bei Thomas Mann zur Idee des Lebens überhaupt, trotz aller Polaritäten, die sein Werk prägen. Er selbst sagte anlässlich seines 50. Geburtstages, wenn er im Hinblick auf den Nachruhm seines Werkes einen Wunsch habe, dann sei es der, man möge von ihm sagen, „dass es lebensfreundlich war, obwohl es vom Tode weiß“. Zweierlei Lebensfreundlichkeiten gebe es: „Eine, die vom Tode nichts weiß; die ist recht einfältig und robust, und eine andere, die von ihm weiß, und nur diese, meine ich, hat vollen geistigen Wert. Sie ist die Lebensfreundlichkeit der Künstler, Dichter und Schriftsteller.“

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Antje Korsmeier Der Herr der Gegensätze. Ein biographisches Porträt Thomas Manns


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Thomas Mann als Student. (Thomas Mann Archiv 27713040)

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„Zum Leben“, sagt Hans Castorp in Thomas Manns Roman Der Zauberberg, „gibt es zwei Wege: Der eine ist der gewöhnliche, direkte und brave. Der andere ist schlimm, er führt über den Tod, und das ist der geniale Weg“. Zeit seines Lebens beschritt Thomas Mann beide Wege, den gewöhnlichen und den genialen. Diese Synthese – zwischen Bürgerlichkeit und Künstlertum, Askese und Leidenschaft, Repräsentantendasein und Außenseiterperspektive – gelang Thomas Mann, weil er einen Großteil der Strecke in seinem künstlerischen Schreiben bewältigte. Wie bei kaum einem anderen Autor sind Thomas Manns Leben und Werk miteinander verknüpft. Einige Parallelen sind offensichtlich. So ist bekannt, dass im Roman Buddenbrooks das träumerische Wesen des jungen Hanno, seine zarte Konstitution, das Puppentheaterspiel, die Weihnachtsfeierlichkeiten und vor allem der Niedergang der Familie Buddenbrook den Erfahrungen des Autors entsprachen. Auch in der Geschichte „Tonio Kröger“ durchleidet der Titelheld innere Konflikte, die Thomas Mann in der Jugend erlebte, während er 1913 in der Novelle Tod in Venedig den eigenen Arbeitsstil als Schriftsteller parodiert, indem er von jener „schwierigen und gefährlichen, eben jetzt eine höchste Behutsamkeit, Umsicht, Eindringlichkeit und Genauigkeit des Willens erfordernde() Arbeit der Vormittagsstunden“ des Protagonisten Gustav Aschenbach spricht. Dass diese Stunden ihm selbst nahezu heilig waren, wissen wir aus Berichten der Kinder Erika und Golo; im Haus und Garten der Poschingerstraße 1 in München hatte absolute Ruhe zu herrschen, damit der „Zauberer“ sein Tagespensum vollbringen konnte. Schließlich wurden bei Gustav Aschenbach bzw. dem Literaturnobelpreisträger in spe am Schreibtisch große Werke verfasst und „Ruhm verwaltet“! Andere Bezüge hingegen blieben lange im Ungefähren. Denn wie sollte man im Schicksal des simplen Helden Hans Castorp ein Bild des elegant-weltläufigen Erfolgsautors sehen? Und wer konnte ahnen, dass in Joseph und seine Brüder die gefühlvollen Worte, die Potiphars Frau Mut-em-enet an Joseph richtet, in Wahrheit Zitate aus Briefen von Thomas Mann an einen Freund, den Maler Paul Ehrenberg, bergen? Die Nachwelt hat das Glück, in gut edierten Brief- und Tagebuchausgaben zusätzliche Hinweise zu erhalten, die die Welt der Gegensätze erhellen, in der Thomas Mann lebte und die er unablässig gestaltete. Erklären lässt sich die Existenz des größten deutschen Schriftstellers des 20. Jahrhunderts dadurch nicht.


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Der Wunsch nach literarischem Erfolg war bei Thomas Mann schon früh vorhanden, doch dessen Verwirklichung schien zunächst fern. Als er 1894 vom realgymnasialen Zweig des Katharineums in Lübeck abging, hatte der 18jährige nicht das Abitur erlangt, dafür aber zwei „Ehrenrunden“ hinter sich. Neben einem Mangelhaft im Turnen zierte ein Befriedigend in Deutsch sein Abgangszeugnis, welches der Berechtigung zum einjährig-freiwilligen Militärdienst entsprach. Mangel an Begabung wird kaum der Grund für das eher dürftige Resultat gewesen sein, vielmehr ein sozial-ästhetischer Dünkel des 1875 geborenen Kaufmannsund Senatorensohns: „Ich verabscheute die Schule und tat ihren Anforderungen bis ans Ende nicht genüge. Ich verachtete sie als Milieu, kritisierte die Manieren ihrer Machthaber und befand mich früh in einer Art literarischer Opposition gegen ihren Geist, ihre Disziplin, ihre Abrichtungsmethoden“, so fasste Thomas Mann seine Schulzeit im „Lebensabriss“ von 1930 zusammen. Ob wahres Überlegenheitsgefühl oder Rebellion gegen Prestigeverlust nach dem plötzlichen Tod des Vaters Thomas Johann Heinrich Mann 1891 – auf diese Zeit geht Thomas Manns Grundidee von Außenseitertum und Leid als etwas Verfeinerndem, Erhöhendem zurück. Es folgten ein Volontariat bei einer Feuerversicherungsgesellschaft in München, wo die Mutter mit den jüngeren Geschwistern Julia, Clara und Viktor seit 1892 lebte, eine erste, erfolgreiche literarische Veröffentlichung, welche den Weg in die Kreise der literarischen Bohème Münchens bahnte, sowie einige Monate als Gasthörer an der Technischen Hochschule, gedacht als Vorbereitung auf die Journalistenlaufbahn. Für Thomas Mann insgesamt eher eine Zeit der mühsamen Orientierung, des Suchens bzw. „Abwartens“. Er rang schon damals mit seinem Platz in der Gesellschaft. Den Konflikt zwischen bürgerlicher Herkunft und einer Neigung zum Künstlertum arbeitete er 1903 in der Geschichte Tonio Kröger aus: „Ich stehe zwischen zwei Welten, bin in keiner daheim und habe es infolge dessen ein wenig schwer. Ihr Künstler nennt mich einen Bürger, und die Bürger sind versucht, mich zu verhaften…“. Der vier Jahre ältere Bruder Heinrich hatte sich bereits entschieden. Mit Hilfe eines vom Vater testamentarisch verfügten Monatswechsels führte er in Italien ein freies Künstlerdasein, als Thomas Mann 1895 bzw. 1896 zu ihm stieß. Die gemeinsam in Rom und Palestrina verbrachten Jahre waren eine intensive, anregende

Die Brüder Heinrich (stehend) und Thomas Mann, um 1900. (Thomas Mann Archiv 2375692)

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Zeit, in der sie viel lasen, unter anderem Nietzsche, den Thomas Mann sich durch „Verbürgerlichung“ anverwandelte, miteinander diskutierten und arbeiteten. Heinrich betätigte sich damals vor allem als Zeichner. Er, der seinen Bruder früher aufgrund schwärmerischer Gedichte vor Freunden lächerlich gemacht und bereits 1894 seinen ersten Roman veröffentlicht hatte, begann allmählich, den Jüngeren, dessen Novelle Der kleine Herr Friedemann Ende der 1890er beim S. Fischer Verlag erschien, für voll zu nehmen. Ein gemeinsames Buchprojekt bot Stoff für Gedanken, wurde allerdings nicht realisiert. Doch Thomas plagte weiterhin das Gefühl, zwischen allen Stühlen zu sein. „Meine Lebensstimmung setzte sich aus Indolenz, schlechtem bürgerlichen Gewissen und dem sicheren Gefühl latenter Fähigkeiten zusammen.“ Die Selbsteinschätzung, zu Größerem berufen zu sein, findet hier deutlichen Ausdruck, umso quälender war für den ehrgeizigen, empfindlich Veranlagten in jenen Jahren das anhaltende Gefühl des Unfertig-Seins, und zwar in beruflicher und emotionaler Hinsicht. Noch 1901, zurück in München, nach einem Intermezzo als Lektor des Simplicissimus sowie einer stark verkürzten Militärzeit, schrieb er Heinrich von „ernsthaft gemeinten Selbstabschaffungsplänen“. Sein ausgeprägtes Pflichtgefühl hätte ihm eine solche Handlung jedoch nie gestattet, und er verübelte später seinen beiden Schwestern den Freitod. Was das Verhältnis der Brüder zueinander anbelangt, schlossen Nähe und Konkurrenz einander nicht aus – Thomas und Heinrich Mann sollten dies im Laufe ihres Lebens noch schmerzhaft erfahren. So war die Zeit in Italien, sowie kurze Jahre danach, die letzte Phase unbelasteten Zusammenseins, bevor schonungslose Werkkritik, Vorwürfe des Ideenklaus und politische Differenzen ihre Beziehungen bis zum zeitweiligen Abbruch strapazierten. In Italien begann, angeregt vom Verleger Samuel Fischer, die Arbeit am Roman Buddenbrooks. Zweieinhalb Jahre schrieb er an dem Buch, das – wie fast alle Projekte Thomas Manns – mit der Zeit ungeahnte Ausmaße annahm und damit den von Fischer angedachten Rahmen bei weitem sprengte. Nach Fertigstellung schickte er sein einziges, handschriftliches Manuskript per Post nach Berlin, nicht ohne vorher eine Versicherung für 1.000 Mark abzuschließen – sehr zur Belustigung des Postbeamten. Quälende Monate des Wartens folgten, während derer sich der Autor erfolgreich jeglichen Kürzungsvorschlägen seitens des Verlages widersetzte. Ende 1900 kam das Buch dann ungekürzt in zweibändiger

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Fassung auf den Markt; die Resonanz war, gelinde gesagt, mäßig. Größeren Absatz und Bekanntheit fand es erst drei Jahre später, nachdem Fischer sich zu einer einbändigen Sonderausgabe entschlossen hatte. Nun schossen die Verkaufszahlen in die Höhe und Thomas Mann „wurde in einen Erfolgstrubel gerissen“. Es war und ist ein bemerkenswertes Buch, das, wie der volle Titel Buddenbrooks. Verfall einer Familie angibt, den Niedergang der hanseatisch-patrizischen Kaufmannsfamilie Buddenbrooks über vier Generationen schildert. Von den expansiven Geschäften der Vätergeneration Jean Buddenbrooks über dessen Kinder Thomas, Christian, Tony und Clara bis hin zum kränklichen Enkel Hanno Buddenbrook schwinden öffentliches Ansehen, Wirtschaftsmacht und sittliche Kraft dieser Familie dahin. Die eigene Erfahrung – als Thomas Mann vierzehn Jahre alt war, führte der Tod des Vaters an einer Blutvergiftung zur Auflösung des gehobenen Lebensstils der Familie – ließ der Autor hinter sich, indem sein Buch hellsichtig den nahenden gesamt-gesellschaftlichen Wandel in Europa vorwegnahm. Dabei ist die Dekadenzthematik eines der Leitmotive bei Thomas Mann. Sie übte eine Art Dauerfaszination auf ihn aus, was er 1947 in der lakonischen Bemerkung zusammenfasste: „Ich schreibe ja immer Verfallsgeschichten“. Letztere bergen unzählige Variationen über Krankheit und Tod, geistvolle Differenziertheit, Ästhetik und Moral. Schwindende Vitalität verbindet sich bei Thomas Manns Helden oft mit einer Verfeinerung ihres Wesens, gesellschaftlicher Abstieg wird durch eine Steigerung des Ästhetisch-Sittlichen kompensiert. Entsprechend sind viele seiner Erzählwerke von einer Polarität durchzogen, die Dekadenz mit Abenteurertum, Künstlertum sowie dionysischer Entgrenzung verbindet, und diese dem Apollinischen, Gesunden, Bürgerlich-Blauäugig-Blonden als in Wahrheit überlegen gegenüberstellt. Bewunderung erregte an Buddenbrooks vor allem die Fülle der Figuren und deren einfühlsame Charakterzeichnungen, die man einem 25jährigen Autor kaum zutrauen mochte. In seiner Heimatstadt Lübeck wusste man allerdings nur zu gut, woher die vielen Details des Romans stammten. Denn nicht nur hatte Thomas Mann seine persönlichen Charaktereigenschaften in dem Roman verwertet, sondern auch zahlreiche Züge von Bekannten aus der Hansestadt eingeflochten, die ihre Herkunft nicht verhehlen konnten. Die Lübecker erkannten sich wieder, und Unmut regte sich. Nun ist die Liste der Gestalten im Werk Thomas Manns, welche eindeutig lebendigen Vorbildern ähneln, viel zu lang, als dass

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man die Tatsache der lebensweltlichen Inspiration auch nur ansatzweise bestreiten könnte: von Thomas Manns Großvater Johann Siegmund Mann II, der als Konsul Jean Buddenbrook in den Buddenbrooks auftaucht, über Gerhart Hauptmann, der den Autor zu seiner Gestaltung des Kaffeepflanzers Mynheer Pepperkorn im Zauberberg inspirierte, bis hin zum Porträt der Ehefrau Katia als Rahel in Joseph und seine Brüder. Thomas Manns großes Talent zur anschaulich-präzisen Charakterzeichnung machte eine Rückverfolgung der Figuren durchaus möglich. Ästhetisch berief er sich bei diesem Vorgehen auf eine geniale Bescheidenheitsgeste Goethes, der einst sagte: „Das Benutzen der Erlebnisse ist mir immer alles gewesen; das Erfinden aus der Luft war nie meine Sache: ich habe die Welt stets für genialer gehalten als mein Genie“. Das macht Thomas Mann jedoch nicht zu einem naturalistischen Autor, dessen Werk sich als Abschilderung von Tatsächlichkeiten, gar ‚der Realität’ versteht. Selten vollzog er einfache Übertragungen seiner genauen Beobachtungen und Notizen in eine Erzählung – dafür waren die künstlerischen Strategien zu raffiniert, der Humor zu sehr Gestaltungsprinzip. Vielmehr dienten ihm die Vorlagen zu deren geistiger Steigerung bzw. der Herausarbeitung typischer, oft schrullig-liebenswerter traits de charactère, in denen seine Leser sich bis heute wieder erkennen. Was wären wir heute ärmer ohne solch eindringlich gezeichnete (Neben-)Figuren wie Bendix Grünlich, Helmut Institoris oder Rosalie von Tümmler, ganz zu schweigen von Adrian Leverkühn oder Thomas Buddenbrook! Je größer die Vertrautheit mit Thomas Manns Werk, desto leichter fällt es, jenem Ausspruch Glauben zu schenken, mit dem Thomas Mann die aufgebrachten Lübecker zu beschwichtigen suchte: „nicht von Euch ist die Rede, gar niemals, seid des nun getröstet, sondern von mir, von mir…!“ In der Zeit nach Erscheinen der Buddenbrooks betrieb Thomas Mann verstärkt die eigene Verbürgerlichung. Durch seinen Erfolg als Jungautor erlangte er Zutritt zu den Gesellschaften in der Villa Pringsheim, einer der ersten Adressen für Kultur in München. Im Haus des vermögenden, assimiliert jüdischen Mathematikprofessor Alfred Pringsheim verkehrten Persönlichkeiten wie der Künstler Friedrich Kaulbach oder der Komponist Richard Strauss, und dort lernte Thomas Mann 1904 die Tochter Katia Pringsheim kennen. Sie hatte, geboren 1883 und aufgewachsen unter vier Brüdern, als eine von ganz wenigen Frauen dieser Zeit das Abitur

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gemacht – als Externe versteht sich, da in den 1890ern auf den Münchner Gymnasien Mädchen nicht zugelassen waren. Für diesen selbstbestimmten Weg gab es in der Familie allerdings ein Vorbild: Die bekannte Schriftstellerin und Frauenrechtlerin Hedwig Dohm war Katias Großmutter. Katja und Thomas Mann, 1900. (Thomas Mann Archiv 15512145)

Thomas Mann erzählte Heinrich in Briefen ausführlich vom Beginn des Kontaktes zu den Pringsheims und bemerkte im Februar 1904 mit Bewunderung: „… man spürt nichts als Kultur!“. Schon wenige Monate später, im Sommer des gleichen Jahres, drängte der Dichter Katia zur Ehe: „… meine kluge, süße, geliebte kleine Königin! ... Seien Sie meine Bejahung, meine Rechtfertigung, meine Vollendung, meine Erlöserin, meine – Frau!“ Einige seiner Empfindungen kann man, zum Teil fast wörtlich, in dem 1909 veröffentlichten Roman Königliche Hoheit nachlesen: Vieles, was sich dort zwischen dem Prinzen Klaus Heinrich und der spröden Imma Spoelmann abspielt, geht auf die eigene Zeit der Brautwerbung zurück, und der Autor scheute sich nicht, darin die eigenen Liebesbriefe an Katia zu zitieren. Allerdings musste er sich gegen eine Reihe anderer Bewerber durchsetzen, da Katia für ihren geistreichen Witz und attraktive Erscheinung in München geradezu berühmt war. Unter den Konkurrenten befand sich beispielsweise der Kritiker Alfred Kerr, der seine Niederlage gegenüber Thomas Mann nie vergaß und sich später mit negativer Werkkritik und Häme rächte, wie folgender Ausschnitt aus dem Spottvers „Thomas Bodenbruch“ zeigt:

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Thomas Mann, 1905. (Thomas Mann Archiv 233389)

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„Als Knabe war ich schon verknöchert; Ob knapper Gaben knurr-ergrimmt. Hab dann die Littratur gelöchert. Mit Bürger- und Patzrizierzimt. Sprach immer stolz mit Breite Von meiner Väter Pleite“ Katias Brüder wiederum fanden damals für Thomas Mann die Bezeichnung des „leberleidenden Rittmeisters“. Im September willigte Katia schließlich ein – sehr zum Verdruss der emanzipierten Großmutter – sie gab ihr Mathematikstudium auf und heiratete Thomas Mann im Februar 1905. Für ihn war die Ehe gleichbedeutend mit Ordnung, er hatte sich auf diese Weise „eine Verfassung gegeben“. Heinrich hingegen war von der Allianz wenig begeistert, er blieb der Hochzeit fern und registrierte mit Befremden den repräsentativen Lebensstil, den sein Bruder von nun an pflegte. Finanziell durch Alfred Pringsheim unterstützt, führte das junge Ehepaar ein ungewöhnlich aufwändiges Leben; und geradezu ‚pünktlich’ neun Monate nach der Hochzeit kam die Tochter Erika zur Welt. Doch es steckte mehr dahinter. Die Entfremdung der Brüder wurde beiderseitig betrieben und betraf das literarische Schaffen. Genauer: Es ging um Erfolg und Ruhm. Seit den Buddenbrooks hatte Thomas hinsichtlich der Verkaufsauflagen mit Heinrich gleichgezogen, und er selbst leistete hinter den Kulissen einen aktiven Beitrag dazu. So schickte er dem früheren Klassenkameraden Otto Grautoff, der die Buddenbrooks für das Feuilleton der „Münchner Neuesten Nachrichten“ besprach, sehr konkrete Hinweise: „Tadle ein wenig … die Hoffnungslosigkeit und Melancholie des Ausgangs. Eine gewisse nihilistische Neigung sei bei dem Verf. manchmal zu spüren“. Vor allem traten jedoch nun die Unterschiede im literarischen Ansatz der Brüder immer deutlicher hervor. Während Thomas unter Einsatz höchster Disziplin langsam, kleinteilig und sehr genau an seinen Texten feilte und sich individual-psychologischen Finessen innerhalb bürgerlicher Konstellationen widmete, verfasste Heinrich mit großem Schwung sozialkritische und pathosgeladene Texte, die er nach Fertigstellung kaum noch einmal Korrektur las. Ihr mangelndes Raffinement erregten den deutlichen Widerwillen des jüngeren Bruders, und es gibt die These, dass Thomas Mann an Heinrich lebenslang genau das kritisierte, wozu er eigene, jedoch heftig bekämpfte Neigungen verspürte – Sinnlichkeit, Disziplinlosigkeit, ein ausschweifendes Leben. Ein fiktiver Beleg findet sich in den


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Buddenbrooks, wo Thomas zu seinem Bruder Christian sagt: „Ich bin geworden, wie ich bin, weil ich nicht werden wollte wie du. Wenn ich dich innerlich gemieden habe, so geschah es, weil ich mich vor dir hüten muss, weil dein Sein und Wesen eine Gefahr für mich ist“. Im realen Leben verlieh Thomas Mann seiner Meinung in einem Brief vom 5. Dezember 1903 Ausdruck, der Enttäuschung und Entsetzen über Heinrichs Roman Die Jagd nach Liebe offenbart: „Wenn ich zehn, acht, fünf Jahre zurückdenke! Wie erschienst Du mir? ... Eine vornehme Liebhabernatur… Und nun, statt dessen? Statt dessen nun diese verrenkten Scherze, diese wüsten, grellen, hektischen, krampfigen Lästerungen der Wahrheit und Menschlichkeit, diese Grimassen und Purzelbäume, diese verzweifelten Attacken auf des Lesers Interesse! … Diese schlaffe Brunst in Permanenz, dieser fortwährende Fleischgeruch ermüden, widern an. Es ist zu viel, zu viel „Schenkel“, „Brüste“, „Lende“, „Wade“, „Fleisch“, und man begreift nicht, wie Du jeden Vormittag wieder davon anfangen mochtest, nachdem doch gestern bereits ein normaler, ein tribadischer und ein Päderasten-Akt stattgefunden hatte …“. In ihrem komplizierten Verhältnis blieben die Brüder trotz allem lebenslang füreinander die wichtigsten literarischen Bezugspartner. Bei Thomas Mann, der so gut wie keine nahen freundschaftlichen Beziehungen pflegte, spielte hierbei unter anderem die Empfindung einer überlegenen Exklusivität ihrer gemeinsamen Herkunft eine Rolle, welcher er mehrfach, beispielsweise beim Tod der Schwester Clara, Ausdruck verlieh. Die wenig erfolgreiche Schauspielerin hatte sich wegen einer fehlgeschlagenen Liebesbeziehung vergiftet, und Thomas Mann kam diese Handlung vor „wie ein Verrat an unserer geschwisterlichen Gemeinschaft (…), einer Schicksalsgemeinschaft, die ich – es ist schwer zu sagen – den Wirklichkeiten des Lebens im letzten als ironisch übergeordnet empfand, und deren die Schwester für mein Gefühl bei ihrer Tat vergessen hatte“. An Heinrich wiederum ergingen nach den Ausfällen vom Dezember 1903 folgende Beschwichtigungen: „Du weißt doch, wie hoch ich Dich halte, weißt nicht, dass, wenn ich auf Dich schimpfe, ich es doch immer nur unter der stillschweigenden Voraussetzung thue, dass neben Dir so leicht nichts anderes in Betracht kommt! Es ist ein altes Lübecker Senatorssohnvorurtheil von mir, ein hochmüthiger Hanseateninstinkt, mit dem ich mich, glaub’ ich, schon manchmal komisch gemacht habe, dass im Vergleich mit uns eigentlich alles Übrige minderwerthig ist“. Insgesamt schien Thomas stärker unter der „Tragödie der Brüder-

Thomas Mann posiert im Garten für ein Porträt, 1906. (Thomas Mann Archiv 14048310)

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lichkeit“ zu leiden als Heinrich, der im Januar 1918 in einem Brief äußerte, dass sein Weltverhältnis kein brüderliches sei. Ein Großteil des Konfliktes wurde auf dem Feld der Politik verhandelt. Seit 1904 hatte sich Heinrich in seiner Publizistik immer stärker politisch engagiert, was Thomas zunächst vollkommen unverständlich blieb – erst wenige Jahre zuvor hatten beide Artikel für die von Heinrich Mann gegründete, nationalkonservative Zeitung „Das XX. Jahrhundert“ verfasst. Thomas verharrte zunächst in jener Tradition deutscher Bürgerlichkeit, die in Politikfreiheit ein Privileg sah und die Tradition der deutschen Kultur in Opposition zu politischem Denken und Handeln stellte. Bei Ausbruch des Ersten Weltkriegs wurde Thomas allerdings von deutschnationaler Kriegsbegeisterung mitgerissen, er verfasste die Propagandaschrift „Gedanken im Kriege“, woraufhin Heinrich die Beziehung zu seinem Bruder abbrach. Sein 1915 erschienener Zola-Essay enthält mehr als nur Spitzen gegen den jüngeren Bruder. Diese verfehlten ihre Wirkung nicht. Für Thomas Mann zählten die Jahre zwischen 1914 und 1918 zu den schwersten seines Lebens. Lange schrieb er an den Betrachtungen eines Unpolitischen, um seiner Haltung umfassend Ausdruck zu verleihen – und diese wurden zu einem „leidenschaftlichen Stück Arbeit der Selbsterforschung“. In Auseinandersetzung mit deutscher Literatur und Geschichte verteidigte er seine Zustimmung zum Krieg, pries den Obrigkeitsstaat als die den Deutschen angemessene Staatsform und brachte deutsche Kultur, Innerlichkeit und Metaphysik gegen westliche Zivilisation, Aufklärung und Demokratie in Stellung. Ein nach außen hin reaktionäres Dokument, mit gewichtigen Ausführungen zu seiner ästhetischen Position, das sich gegen eine simplifizierende Gleichsetzung von Politikenthaltung und Untertanengeist wehrte. Wie sehr die Politik zugleich Statthalter des privaten Bruderstreites geworden war, zeigt sich nicht zuletzt daran, dass Thomas Anfang Januar 1918 eine Versöhnungsgeste des „Zivilisationsliteraten“ Heinrich ausschlug, da er sonst seine Betrachtungen in der geplanten Fassung nicht hätte veröffentlichen können; die Mühen an der Retourkutsche für die Kränkungen durch den Zola-Essay sollten nicht umsonst gewesen sein. Als seine konservative Rechtfertigungsschrift 1918 schließlich erschien, dankte der deutsche Kaiser ab – eine neue Epoche hatte begonnen. Allgemein scheint die Mehrzahl seiner Monographen geradezu froh zu sein, relativ bald einen politischen Gesinnungswandel bei Thomas Mann konstatieren zu können. Nachdem die Aussöh-

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Thomas Mann (Leseprobe)  

Thomas Mann wird in dieser Veröffentlichung unter dem Aspekt: »Thomas Mann - Das Deutsche und die Deutschen« betrachten. Im vorliegenden Ban...

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