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Inhalt

Einleitung 6

STADTSPAZIERGÄNGE DURCH LUCKENWALDE – AUF DEN SPUREN DER MODERNE  52

ERÖFFNUNGSABEND MIT FILMVORFÜHRUNG  10

PANEL BAUKULTUR & LEERSTEHENDE PRODUKTIONSSTÄTTEN

Vorwort 4

Stadtgeschichte(n) 12 Elisabeth Herzog-von der Heide

Bau- und Umbaukultur als Instrumente gegen Leerstände  56

PANEL ZUKUNFT AUF DEM LAND

Rainer Nagel

Steht das leer und kann dann weg?  16

Alltagsarchitektur als Schlüssel  58

Thomas Drachenberg

Turit Fröbe

Leerstand im Kontext von Baukultur und Ressourcen  18

Leerstandstendenz 60

Sabine Djahanschah

Die Zwischennutzung entlässt ihre Kinder  20 Wolfgang Kil

Zukunftsorte für ein neues Landleben  22 Julia Paaß

WIE KUNST EINEN ORT NEU INTERPRETIEREN KANN  24 PANEL WORKSHOPS

StattBad 28

Leonhard Müllner

PANEL KNACKIGE KURZVORTRÄGE IM PECHA-KUCHA-FORMAT

Zwischen Raum Nutzen  64 Elke Knöß-Grillitsch

Digital im Grünen  65 Janosch Dietrich

Kinderhaus Luftikus in der alten Skifabrik  66 Klaus Günter

Martin A. Ciesielski

Raumteiler – verbindet Menschen und belebt Stadtteile  67

Luckenwalde: A city of possibilities  30

Lena Schartmüller & Beatrice Stude

Pablo Wendel & Soazic Guezennec

klassMo Kultur-Café & Gästehaus mit Kulturwerkstatt  68

Gestalten vs. Verwalten, ein Gegensatz in der Stadtentwicklung?  32

Hildegard Steinfurth

hinter-land 69

Peter Kloo & Kai Dolata

Laura Heym

Warum man Innovation braucht, sie nicht planen kann – und wie man trotzdem zu Neuem kommt  34

KRACH – Kreativraum Chemnitz  70

Jens Kapitzky

IBA Thüringen Stadtland  71

Lehr- und Lernraum Stadt  36

Bertram Schiffers

Mario Tvrtkovic

Studentische Projekte  72

Immovielien – Immobilien von Vielen für Viele!  38

Kaspar Dettinger

Florian Kluge

Oranienwerk – Vom ›Lost Place‹ zum Kultur-und Kreativstandort 73

DIE UMNUTZUNG DES STADTBADES ALS KANTINE FÜR DIE LEERSTANDSKONFERENZ  40 PANEL KULTURWANDEL DER ARBEIT

Eine neue Vision für die Region  44

Grit Stillger

Marco Bartsch

Von der Industriebrache zum Zentrum Via Adrina  74 Kai-Uwe Jochims

Stiftung trias  75

Sabine Gollner

Christian Darr

Die Werkstätte Wattens   46

Sportification: Sport in der Stadt  76

Matthias Neeff

Reisebericht aus Brandenburg  48 Philipp Hentschel

Wie aus einer leerstehenden Wurstfabrik ein lebendiges Ortszentrum wird  50 Roland Gruber

Tore Dobberstein

DAS DENK- UND AKTIONSLABOR STADT | LAND  77 Film ab!  78 Ausblick 79 Impressum 80

Alle Texte zu Vortragsinhalten wurden von nonconform basierend auf Aufzeichnungen zusammengefasst und mit den Referent*innen abgestimmt. 3

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Wenn das Wort Leerstand auftaucht, assoziiert man damit automatisch einen Mangel oder Verlust. Der Mangel an einer Nutzung, der Verlust einer gewohnten Funktion, das Verschwinden gewohnter Abläufe und Erfahrungen und oft genug auch Verfall. Der Begriff »Leerstand« kann aber auch positiv besetzt werden, nämlich als Chance für etwas Neues. Gelingt die Revitalisierung von Gebäuden mit einem besonderen historischen Kontext, so fördert dies die Neu-Identifizierung der Bewohnerinnen und Bewohner mit ihrer Stadt. Die Wiedernutzung eines leer stehenden Gebäudes und die Erhaltung bewahrenswerter Bausubstanz füllen Lücken in der Stadt mit neuem Leben und sind Ausdruck von Wandlungsfähigkeit und Vitalität. Damit aus Mangel eine neue Fülle entstehen kann, sind zwei Dinge notwendig: Gelassenheit und Kommunikation. Viele entscheidende Gedanken brauchen Leere, das Leersein, das Hohlsein: »Es scheint mir wichtig, dass man auf einer psychologisch-geistigen Ebene diesen Leerstand einfach mal geschehen lässt, damit neues entstehen kann«, so der Pädagoge Markus Schatzmann. Bei der Kommunikation geht es darum, auf die Leere und die mögliche neue Fülle in unterschiedlichsten Facetten bei verschiedenen Personengruppen aufmerksam zu machen. Das entspricht auch dem denkmalpflegerischen Grundgedanken der dauerhaften und nachhaltigen Bewahrung der uns wichtigen und daher denkmalgeschützten Bausubstanz. Diese zu erhalten gelingt nur, wenn realistische Nutzungskonzepte gefunden werden. Ist eine Nutzung derzeit unrealistisch, so muss das entsprechende Gebäude aus dem unweigerlich einsetzenden Verfallskreislauf genommen werden – am besten mithilfe einer Sicherung.

Dadurch entsteht Zeit zum Nachdenken in der Zivilgesellschaft. Meistens beginnt es damit, dass der Öffentlichkeit klar wird, dass der »Schandfleck« uns doch allen wertvoll ist. Und hierbei können wir – neben auch vorhandenen Misserfolgen – alle zusammen Erfahrungen machen, wie dann doch andere Personengruppen mit neuen Ideen eine wunderbare Rettungsgeschichte bei Dorfkirchen, Schlössern, Bürgerhäusern und Industrieanlagen und vielem mehr schreiben. Die Palette des Leerstandspektrums, das aufgearbeitet werden muss, ist im europäischen Maßstab riesig. Auf vor­ angegangenen Veranstaltungen in den österreichischen Orten Ottensheim, Fresach, St. Corona und Leoben ging es um ausgestorbene Ortskerne, leer stehende Tourismusgebäude, Schulen und verwaiste Bauten nach Großereignissen wie EXPOs, Weltmeisterschaften oder Olympischen Spielen. Die siebte Leerstandskonferenz fand nun in Luckenwalde statt, einer traditionsreichen Industriestadt im Strukturwandel. Im Mittelpunkt standen diesmal brach gefallene Fabriken und Anlagen der technischen Infrastruktur. Die Stadt Luckenwalde hatte sich  – gemeinsam mit dem auf partizipative Raumentwicklung spezialisierten Büro nonconform und dem Brandenburgischen Landesdenkmalamt – vorgenommen, an zwei Tagen vor Ort möglichst viele Facetten zu beleuchten. Für die Konferenz in Luckenwalde wurden Expertinnen und Experten aus der Praxis und aus verschiedenen Branchen wie Politik, Verwaltung, Wirtschaft, Kunst, Kultur, Architektur und Geisteswissenschaften zusammengetrommelt und ein reger Wissenstransfer und Meinungsaustausch organisiert. Es wurde eine Plattform zur

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Vernetzung von Menschen geboten, die sich um Leerstände kümmern, sie besitzen oder auch suchen. Dabei ging es neben Hauptnutzungen auch um Zwischennutzungen. Durch die Vielzahl an Best-Practice-Beispielen und unterschiedlichen interaktiven Arbeitsformaten konnten mögliche Synergieeffekte aufgezeigt werden. Im Mittelpunkt der Leerstandskonferenz stand der intensive Austausch der verschiedenen Akteure*innen, um so ganz neue Erkenntnisse gewinnen zu können. Gespräche zwischen politisch Verantwortlichen, Menschen aus der Verwaltung, Professor*innen, Künstler*innen und Immobilieneigentümer*innen ermöglichen eine spannende Auseinandersetzung mit der Leerstandsproblematik aus unterschiedlichsten Perspektiven. Und genau dieser Blick über den Tellerrand und die neu gewonnenen Kontakte sollten während der Konferenz inspirieren und die Teilnehmerinnen ermuntern, vielleicht bereits auf dem Nachhauseweg über die ersten Schritte auf neuen Wegen im Umgang mit dem Leerstand nachzusinnen. Wir sind dankbar für die inspirierende Konferenz, die vom 10. bis 12. Oktober 2018 im ehemaligen Elektrizitätswerk und im alten Stadtbad stattfand. Wir erlebten engagiert Vortragende, intensive Diskussionsrunden in den Arbeitsgruppen und kulinarische Köstlichkeiten, die wir an außergewöhnlichen Orten zu uns nehmen konnten. Viele kreative Köpfe und zupackende Hände aus der Stadt Luckenwalde, der Arbeitsfördergesellschaft LUBA und von nonconform sorgten für den perfekten Ablauf. Damit von diesem Feuerwerk an Ideen, diesem Festival der Neugierde, den spannenden Gesprächen und unorthodoxen Herangehensweisen nichts verloren geht, haben wir uns entschlossen, innerhalb der Reihe Arbeitshefte des

Brandenburgischen Landesamtes für Denkmalpflege und Archäologischen Landesmuseums diese Dokumentation zu erstellen. Sie soll als eine Art Werkzeugkasten zum Nachmachen und Selbstanpacken anregen. Wir möchten uns ganz speziell bei Projektleiter Torsten Klafft von ­nonconform bedanken – für seinen Mut, immer wieder Neues zu probieren, und für sein Durchhaltevermögen. Dem be.bra verlag sei an dieser Stelle für die geduldige und professionelle Arbeit gedankt! Wir hoffen, dass die Publikation dieser Leerstandskonferenz bei Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, Lücken füllen kann. Lassen Sie sich inspirieren von bewährten Praxisbeispielen und kühnen Ideen anderer. Zwar setzt jede erfolgreiche Neubefüllung von Leerstand eine individuelle Konzept-Maßanfertigung voraus, die jedoch auch übernommene Elemente aus einem anderen Kontext enthalten kann. Sehen Sie diese Dokumentation als Inspiration und Ansporn, Ihre eigene Befüllungsgeschichte zu schreiben, und lassen Sie uns das Ergebnis wissen. Wir freuen uns darauf!

Prof. Dr. Thomas Drachenberg Landeskonservator Elisabeth Herzog-von der Heide Bürgermeisterin der Stadt Luckenwalde Roland Gruber Geschäftsführer nonconform 5

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g n u auf t i d e n l Ein ersta at Le it der h s Wa and m en d n L i dem ungsnot tun? n u Woh tädten z s Groß

Eine Zukunft im Raum zwischen Stadt und Land Die Begriffe Stadt und Land bezeichnen im allgemeinen Sprachgebrauch bauliche Erscheinungsformen. Mit Stadt wird gemeinhin »Urbanität« oder das »Städtische« bezeichnet, assoziiert mit Dichte, Synergie und Gleichzeitigkeit von Informationen, Kulturen und Lebenskonzepten. Stadt steht für eine hohe Dynamik und das permanente Erfinden von Neuem. Mit Land wird der Raum außerhalb der Ballungszentren bezeichnet, der sich großteils als Naturraum mit kleineren, verstreuten Siedlungen charakterisiert. Das Landleben steht gewöhnlich für Lebensmittelproduktion, dünne Besiedelung und Traditionen. Geprägt von Langsamkeit und etwas abseits vom Puls der Zeit. Aber die Grenze zwischen Stadt und Land ist eine politisch gezogene und somit künstliche, die mit der Realität der Lebensverhältnisse wenig zu tun hat. Und sie verschiebt sich permanent. Wer drinnen und wer draußen wohnt, das erkennt man nur an den Nummernschildern der Autos vor den Häusern. Die Siedlungsformen und Dichte ändern sich innerhalb der Stadtgrenzen stärker als mit dem Sprung über die formale Stadtgrenze. Bei genauerer Betrachtung wird deutlich, wie sehr gerade in diesen Übergangsbereichen zwischen städtischen und ländlichen Räumen gegenseitige Abhängigkeiten bestehen, die symbiotisch miteinander ausbalanciert und nicht mehr so leicht beschreibbar sind.  Man kann hier vielleicht Anschluss an Aldo Rossi finden, für den Stadt alles umschließt, was der Mensch zur Kulturlandschaft transformiert hat. Für ihn macht es daher keinen Sinn, über Städte im plural zu sprechen, sondern die Stadt bezeichnet bereits alles gemeinsam. Der Begriff StadtLand macht hier vielleicht noch direkter deutlich,

dass das Gesamte gemeint ist und daher auch gemeinsam betrachtet werden muss. Anders könnte man mit dem Historiker Rolf-Dieter Sieferle den gemeinsamen Lebensraum als »totale Landschaft« bezeichnen und so den Dualismus von Stadt und Land auflösen, während die Phänomene, die kulturellen Wirkungsfelder bestehen bleiben. Der Städtebauprofessor Erich Raith von der Technischen Universität Wien spricht davon, dass diese Form der totalen Landschaft nichts mehr mit der Logik der alten Stadt zu tun hat und ist deshalb nicht mit den klassischen städtebaulichen Zugängen zu beherrschen. Es hat auch nicht mehr die Logik des Landes als Kulturlandschaft, weswegen es auch nicht mit diesen landschaftsplanerischen Zugängen zu fassen ist. Es entsteht etwas Neues. Es entsteht ein Gemisch aus urbanen, ruralen, landschaftlichen und völlig neuen Phänomenen. Dabei wird ein breiteres Spektrum sichtbar, was es bedeutet, zu leben und sich zu entfalten und in dem man ganz unterschiedliche Lebensentwürfe realisieren kann.

StadtLand und die totale Landschaft: Ein Kontinuum unterschiedlicher Dichte mit vielseitig vernetzten Abhängigkeiten. Der Besuch in Luckenwalde hat gezeigt, wie diese Beziehung zwischen dem Umland und der Großstadt Berlin in einer totalen Landschaft oder in StadtLand aussehen kann, wenn eine gute Infrastruktur die Luckenwalder*innen innerhalb von 45 Minuten mit der Bahn in das Herz der Hauptstadt bringt und umgekehrt die Berliner*innen nach Luckenwalde! In Luckenwalde gibt es Nachfrage nach Räumen für kreative Nutzungen oder vielmehr für Nutzungen mit geringen Profitaussichten, für die die

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hohen Mieten in Berlin nicht budgetierbar sind oder ein zu hohes Risiko darstellen. Diese Nachfrage ist also zu Teilen der Verdrängung in den beliebten Stadtteilen zu verdanken, also etwas, das meist als Gentrifizierung bezeichnet wird. Die Raumsuchenden in Luckenwalde haben diese Verdrängung meist erlebt und sich mit der Hoffnung auf bessere Konditionen ins Umland begeben. Dort ist durch den Strukturwandel eine große Anzahl an Leerständen entstanden. Diese sind nun offen für gänzlich neue Belebungen aller Art und bieten viel Raum und Potential für Kreativität. Blendet man die emotionalen und existenzbedrohenden Umstände dieser Verdrängungsbewegungen aus und fokussiert sich auf die Potentiale der Beziehungen zwischen Städten wie Luckenwalde und diesen kreativen und/oder digitalen  Unternehmen wird, etwas Neues sichtbar: die große Möglichkeit einer neuen, zukunftsfähigen Arbeitswelt in den ländlich geprägten Orten.

Kulturwandel der Arbeit Die auf der Konferenz betrachteten Leerstände von Produktionsstätten sind neben ihrer Eigenschaft als materielle und räumliche Ressource vor allem eins: Hinterlassenschaften von überkommenen Arbeitswelten.  Die Produktionsweisen und die gesellschaftlichen Umstände, die zu ihrem Bau geführt haben, funktionieren in dieser Form nicht mehr und werden nicht mehr gebraucht. Die Gründe sind vielfältig und haben sich oftmals in das kollektive Gedächtnis der Ortschaften, teilweise sogar ganzer Landstriche eingeschrieben. So können leerstehende Fabrikgebäude auch derart gelesen werden, dass den Menschen vor Ort vor Augen geführt wird: das, was hier einmal mit der eigenen Arbeit produziert wurde, wird nicht mehr gebraucht und somit wird auch die Arbeit, also werden die Menschen nicht mehr gebraucht. Allerdings verändern sich die Produktionsweisen auch weiterhin ständig, sodass es sich jederzeit lohnen sollte, am Zahn der Zeit zu fühlen, ob nicht etwas passen könnte. Zwar hat sich die Industrieproduktion schon vor Jahrzehnten zugunsten der Dienstleistungsgesellschaft immer weiter aus dem ländlichen Raum zurückgezogen, doch innerhalb des Dienstleistungssektors gibt es Veränderungen, die einen Standortwechsel raus aus den Ballungszentren wieder attraktiv machen könnten. Eine zentrale Veränderung hierfür ist die Digitalisierung der Kommunikation, aber auch die Hinwendung zu flacheren Hierarchien, dezentralem Arbeiten und eigenverantwortlicheren Arbeitnehmerverhältnissen.   Abgesehen von den 20 bis 30-Jährigen ist der Drang in die Großstädte überschaubar und das Leben außerhalb der Ballungszentren aus vielen Gründen attraktiv.

Wenn es Möglichkeiten gibt, den Lebensunterhalt zu verdienen und in einer Gemeinde oder Kleinstadt zu leben und zu arbeiten, dann wäre das für viele eine gute Gelegenheit, um über einen Umzug nachzudenken. Sicher ist das keine Alternative für alle Wohnungssuchenden in Berlin oder anderen Metropolen, aber für einen bedeutenden Teil könnte es dazu werden. Das Ziel der  Leerstandskonferenz war es also auch, herauszufinden, was die neuen Spezifika einer Arbeitswelt sind, die dezentral und digital ist und somit auch im ländlichen Raum funktionieren kann. Die Stärkung neuer Arbeitswelten an Stelle der Hinterlassenschaften des Industriezeitalters ist demnach auch ein direkter Beitrag zur Wohnungsfragefrage in den Ballungszentren! 

Wie kann ein lebendiges Quartier auch in ländlich geprägten Räumen entstehen? Es darf jedoch nicht der Fehler gemacht werden, das in den Städten gescheiterte Modell der Funktionstrennung im Sinne der Charta von Athen nun noch weiträumiger auf die Orte im ländlichen Räumen anzuwenden. Es geht nicht um ein suburbanes Modell des Fordismus, bei dem Arbeitnehmer*innen aus den ländlichen Siedlungsgebieten zum Arbeitsplatz pendeln. Die Chance der dezentralen Kommunikation besteht darin, dass direkt am Wohnort auch gearbeitet werden kann. Bei  Arbeitsmodellen,  die nur für einen Bruchteil der  Arbeitszeit  eine Präsenz im urban vernetzten Ballungsraum verlangen, kann abgesehen von ein oder zwei Pendlertagen, die Hauptarbeit im Home Office oder im örtlichen Co-Working-Space erledigt werden.  Je mehr solcher Arbeitsmodelle ausprobiert, variiert und etabliert werden, desto eher kann der Wohnstandort nach persönlichen Vorlieben ausgewählt werden und ist weniger an eine Ballung von Arbeitsplätzen in urbanen Zentren gebunden.  Diese Modelle können für viele Gemeinden und Städte eine große Chance bedeuten. In vielen Orten sind monofunktionale Schlafsiedlungen entstanden, die mit Lebensmitteldiscountern versorgt werden und durch das Auto mit dem Arbeitsplatz verbunden sind. Durch die Stärkung von neuen Arbeitsmodellen erhält der Ort eine funktionale Aufwertung, die oft eine Positivspirale von Folgenutzungen verursacht. Zum Beispiel suchen Berufstätige oft nach einem schnellen und guten Mittagessen oder Kaffee im direkten Umfeld des Arbeitsplatzes, was für viele aussterbende Gasthöfe eine neue Einkommensquelle sein könnte. Es gibt also eine realistische Chance, einige Orte derart weiterzuentwickeln und zu stärken, dass sie es für bestimmte Zielgruppen auch mit den urbanen Stadtquartieren aufnehmen können und so zum Lebensmittelpunkt für Wohnen, Arbeiten und Freizeit werden. 

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Beteiligung als Schlüssel gelebter Baukultur Deutlich wird hierbei, wie verwoben und vernetzt die Probleme des Wohnraummangels in den Großstädten und der demographischen Entwicklungen der ländlichen Regionen sind. Der Aufbau attraktiver und heterogener Standorte ist dabei keine rein logistische oder funktionale Aufgabe. Hierbei ist ein Zusammenspiel aus Politik, Raumentwicklung, aktiver Bürgerschaft, Infrastrukturplanung, kreativer Pionierarbeit und Mut zu neuen Wegen gefragt, die sich um unsere gebaute und belebte Umwelt bemüht machen, kurzum eine umfassendes Verständnis von Baukultur in die ländlichen Räume bringen.  Mehr Beteiligung der Bürgerschaft sowie der Nutzer*innen gerade bei komplexen räumlichen Fragestellungen und Bauaufgaben ist heute notwendiger denn je. Baukultur ist viel mehr als nur Bauen. Baukultur besteht nicht nur aus fertiggestellten Bauwerken, sondern aus einer Vielzahl von Faktoren, die unseren Lebensraum in seiner Qualität beeinflussen können. Baukultur umfasst soziale, ökologische und gestalterische Fragestellungen, von der Lebensqualität eines Ortes über die Bodenpolitik bis zur Organisation der Mobilität. Vor allem Bauen auf dem Land bietet die Chance auf einen intensiven Austausch mit den Akteur*innen vor Ort, mit den unmittelbaren Nutzer*innen. Dabei spielt das Ehrenamt eine große Rolle: Manche kommunalen Bauprojekte wären ohne den Einsatz engagierter Bürger*innen nie begonnen worden oder nicht umsetzbar gewesen. Die Identifikation mit dem eigenen Ort ist in der Regel höher und bauliche Veränderungen werden gerade in kleinen Gemeinden sehr viel stärker wahrgenommen als

im urbanen Kontext und sind daher sehr emotional besetzt. Kommunen profitieren vom Mobilisierungspotenzial, welches Bauaufgaben mit sich bringen. Prozesshaftes Arbeiten unter Beteiligung der Bürger*innen führt vielfach auch zu deutlich besseren Lösungsansätzen. Die Bürger*innen kennen ihre Gemeinde oder Stadt am besten und haben vielfach sehr gute und zukunftsweisende Ideen, die eine wesentliche Basis für nachhaltige Lösungen und breite Akzeptanz vor Ort sind. Im Zeitalter der Politikverdrossenheit sind Bauaufgaben zudem ein überaus geeigneter Weg, die Bürgerschaft »hinter dem Ofen« hervor zu holen. Denn was eignet sich besser, um Menschen an Entscheidungen und Entwicklungen in ihrem unmittelbaren Umfeld mitwirken zu lassen, als ein Bauprojekt. Bürgernähe ist ein angenehmer Nebeneffekt. Wir halten fest, dass man weder die Stadt ohne das Land denken kann, noch das Land ohne die Städte. Gerade in dieser engen Verzahnung eröffnen sich Möglichkeiten neuer Arbeits- und Produktionswelten. Um diese zu nutzen ist es jedoch notwendig, nicht in vorgefertigten Mustern zu denken, sondern gemeinsam mit allen Beteiligten und Betroffenen an den Herausforderungen zu arbeiten. In den drei Tagen in Luckenwalde konnten wir viele dieser Ansätze kennenlernen, die integriert, prozesshaft und mit hohen Ansprüchen weitergetrieben werden und im bestmöglichen Fall einen Nachahmungseffekt zur Folge haben. Torsten Klafft, Roland Gruber / nonconform

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it m d en b a s rte g n O » u g fn Eröf orführun v Film beit« r der A Mache ein Bild und erzähle eine Geschichte dazu! Gabriele Dolff-Bonekämper

Am Mittwochabend, dem Tag vor dem offiziellen Beginn der Konferenz, wurden nicht nur die früh angereisten Konferenzgäste, sondern auch die Bewohnerschaft Luckenwaldes in die Bibliothek im ehemaligen Bahnhofsgebäude eingeladen. Das Gebäude war für die Neuankömmlinge aufgrund seiner früheren Nutzung natürlich gut zu erreichen, aber auch ein erstes Best-Practice-Beispiel für die Transformation leergefallener Bausubstanz zu einem Aushängeschild der Stadt. Vor rund 100 Gästen wurde die Leerstandskonferenz durch den Moderator Wojciech Czaja eingeleitet. Der Leiter des Stadtplanungsamtes Peter Mann ergriff die Gelegenheit, den Anwesenden die Bedeutung der Bibliothek für die Visionen der Stadt Luckenwalde nahezubringen. Den Einstieg in die Leerstandsproblematik von Industrieimmobilien lieferte der Film »Orte der Arbeit – Der lange Weg zum Neuanfang«. Die 2017 von Hoferichter und Jacobs für den MDR produzierte Dokumentation zeigt, wie sich mehrere Großbetriebe der einstigen DDR nach der Wende entwickelten. Ehemalige Mitarbeiter*innen und deren Schicksale standen dabei im Vordergrund. In den meist leerstehenden Gebäuden ihrer damaligen Arbeitsstätten, beschreiben die Menschen ihren Arbeitsalltag in der DDR, berichten, wie sie persönlich die Wende erlebten und was der anschließende Neuanfang in einer völlig veränderten Arbeitswelt für sie bedeutete. Auf diese, am Menschen orientierte Erzählweise vermittelt der Film eindrucksvoll, wie groß die Identifikation mit den Betrieben

auch heute, beinahe 30 Jahre nach der Wende, noch ist. Leider vermag der Film nur sehr eingeschränkt von Erfolgsgeschichten zu erzählen. Nur selten konnten Industrieareale weitergenutzt werden. So weisen die Arbeitsbiografien der DDR-Bürger*innen meist Brüche auf und auch Peter Mann konnte in der anschließenden Podiumsdiskussion erzählen, wie er vom Elektriker zum Stadtplaner wurde. Der verantwortliche Filmproduzent

Manchmal muss man Dinge auch schönreden, insbesondere bei der Nachnutzung. Ich versuche immer wieder, Leuten gute Ideen einzureden und das klappt auch ab und an ganz gut. Peter Mann

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Olaf Jacobs (Hoferichter und Jacobs) berichtete vom Entstehungsprozess des Filmes innerhalb eines breit angelegten Forschungsprogramms, aus dem schon die positivsten Beispiele Eingang fanden. Umso mehr zeigte der Film, wie geeignet Luckenwalde für eine Konferenz zum Thema ist. Anschließend entspannte sich eine kontroverse Diskussion, an der neben Mann und Jacobs auch die Kunst-

Da wo Leerstand ist, ­beginnt die Arbeit von nonconform. Nicht welche Nutzung, sondern wie schaffen wir die ­besten Rahmenbedingungen für ein Gebäude in der Stadt und im sozialen Gefüge, damit Menschen sich den Ort wieder aneignen können. Caren Ohrhallinger

historikerin und Leiterin des Fachgebiets für Denkmalpflege an der TU Berlin Gabriele Dolff-Bonekämper, Elke Knöss-Grillitsch von Peanutz Architekten, Caren Ohrhallinger von nonconform und Wojciech Czaja teilnahmen. Fazit: Industrieller Leerstand ist mehr als nur eine Gebäudehülle. Als Träger kollektiver Identitäten ist es ein emotionales Thema, was mit der alten Fabrikhalle passiert. Auch wenn eine verlassene Werkshalle einen ästhetischen Charme versprüht, ist es nicht immer leicht, diese Wunden in der eigenen Stadt zu ertragen, da sie stets auch vom Scheitern erzählen. 11

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Was Sie an Ihrem ­Urlaubsort vielleicht als ‚herrlich pittoresk‘ oder als ‚morbiden Charme‘ bezeichnen, möchten Sie zuhause selten in der Nachbarschaft haben.

Bis ins 19. Jahrhundert war Luckenwalde ein typisches märkisches Ackerbürgerstädtchen. Doch schon 1841 erhielt es einen Anschluss an die Anhalter Bahn, die Berlin mit dem Raum Halle-Leipzig verband. Die Lokomotive war die Zugmaschine, die den schnellen Wandel zur Industriestadt bewirkte. Innerhalb von 50 Jahren verdreifachte sich die Einwohnerzahl, neue Gewerbebauten, Produktionsstätten und Wohnraum entstanden. Der märkische Schriftsteller Theodor Fontane beschrieb diesen Prozess 1864 wie folgt: »Des Zeitgeists gewaltige Rauchröhre überwiegt hier jede andere Tätigkeit. Nicht mehr die Kirche bildet den Mittelpunkt geistigen Lebens und städtischer Interessen, sondern der Schornstein ...«

Eine Blütezeit erlebte Luckenwalde in den 1920er Jahren. Die Zeugnisse der Moderne prägen bis heute das Stadtbild: die erste konfessionsfreie Schule mit dem integrierten Stadttheater, das Stadtbad und der Waldfriedhof, der vom jungen Richard Neutra entworfen wurde. Das berühmteste Beispiel ist jedoch die von Erich Mendelsohn geschaffene Hutfabrik.

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Die 1920er-Jahre in Luckenwalde

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Mit der Wende und Nachwende verließen viele Menschen die Stadt. Die Einwohnerzahl sank beständig von 25.000 Einwohnern auf 20.000. Zwar übertraf der Zuzug ab 2008 wieder den Wegzug. Er war jedoch nicht ausreichend, den Sterbeüberschuss zu kompensieren. In Luckenwalde stand viel Wohnraum leer, sodass an die 1.100 Wohneinheiten – meist unbewohnbare Wohnungen in Plattenbauten – vom Markt genommen, sprich abgerissen, wurden. Die Landesprognose sah Luckenwalde hinsichtlich seiner Einwohner weiterhin auf dem absteigenden Ast. Dieser Voraussage zum Trotz richteten die Stadtverantwortlichen vor vier Jahren die Entwicklungsplanungen an optimistischeren Werten aus. Die kühnen Erwartungen wurden von der Realität übertroffen. Seit wenigen Jahren wächst die Bevölkerung durch Zuzüge aus Berlin, dem Umland und von Geflüchteten. Luckenwalde zählt jetzt wieder 21.000 Einwohner.

Die Leerstands-Ratlosigkeit Nach dem wendebedingten Strukturwandel hatte Luckenwalde in den 1990er Jahren an die 80 Industriebrachen, die das gesamte Stadtgebiet durchzogen, einhergehend mit einer Arbeitslosigkeit von über 20 Prozent. Wenn Straßen erneuert, Parks angelegt, Schulen, Kitas und Wohnhäuser saniert werden, dann wird ein unmittelbar angrenzendes, dem Verfall preisgegebenes, großes Gewerbegrundstück oft als Schandfleck empfunden. Kaputte Fabriken, die das Ortsbild stören, die abgewirtschaftet haben und jeden Tag ein bisschen mehr verwahrlosen, machen traurig, auch weil sie den Niedergang einer stolzen Unternehmensgeschichte, an der man vielleicht selbst Teil hatte, symbolisieren. Sie sind Stein gewordene Fragezeichen: »Und was wird aus mir?«

© Stadt Luckenwalde

Die Wende und die Folgezeit

Pendlerparkplatzanlage für Bahnreisende. Diese Projekte hat sich die Stadt nur mit enormer Unterstützung von Bund-, Länder- und EU-Programmen leisten können. Diese Förderungen galten jedoch nur dem Einzelfall und sind kein Weg, auch noch die restlichen 76 Brachen zu sanieren. Was also tun? Für die Luckenwalder Industriebauten gibt es kein Allheilmittel. Für jede Brache muss eine individuelle Heilkur her, immer vorausgesetzt, der Eigentümer will überhaupt den Kurerfolg und wirkt daran mit. Erfreulicherweise ist mittlerweile auch ein bemerkenswertes Interesse Privater zu verzeichnen, die sich in diesem Sinn in Luckenwalde engagieren. Die Pappen- und Papierfabrik, deren Firmengründer übrigens den Pappteller erfand, ist jetzt ein Dienstleistungszentrum. Aufgrund der steigenden Einwohnerzahlen sind nun auch Umnutzungen ehemaliger Produktionsstätten zu Mietwohnungen – besonders in Bahnhofsnähe – eine Option. Auch Künstler haben Luckenwalde und die noch bestehenden Möglichkeiten von Ateliernutzungen in alten Hallen für sich entdeckt. »Deshalb freue ich mich, dass Sie in so großer Zahl den Weg nach Luckenwalde gefunden haben. ›There is a crack in everything, that´s how the light gets in.‹ Mit einer sehr freien Übersetzung des Leonard Cohen-Zitat möchte ich diese Konferenz eröffnen: Erst durch die Risse im Gebäude fällt das Licht hinein. Füllen Sie die leeren Hüllen in der Stadt mit Geistesblitzen und erhellenden Ideen!«

Einige Antworten hat die Stadt gegeben: Sie hat sich in vier Fällen selbst als Immobilienentwickler unwirtlicher Orte betätigt. Sie hat nach zähen Verhandlungen das Eigentum erworben und aus dem aufgegebenen Bahnhofsgebäude ihre Stadtbibliothek gemacht, aus dem Postbahnhof eine Mobilitätszentrale. Sie hat eine ehemalige Likörfabrik in einen Gewerbehof gewandelt und sie hat sich des Geländes angenommen, das kein Investor auch nur mit spitzen Fingern angefasst hätte, nämlich des ganz und gar kontaminierten Gaswerksgeländes. Hier ist nach gründlicher Bodensanierung die neue Feuerwache gebaut worden und die verbleibende Fläche wird zu einer

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Erste Antworten

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Wir m체ssen eine neue Narration des L채ndlichen erz채hlen, die nicht gepr채gt ist von Sorgen und Untergangsszenarien, sondern von der Zukunft und von einem ganz neuen gemeinschaftlichen Miteinander! Mario Tvrtkovic

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Profile for be.bra.verlag

Betreten verboten (Leseprobe)  

Im Oktober 2018 fand im ehemaligen E-Werk der brandenburgischen Stadt Luckenwalde eine dreitägige Konferenz unter dem Titel »Betreten verbot...

Betreten verboten (Leseprobe)  

Im Oktober 2018 fand im ehemaligen E-Werk der brandenburgischen Stadt Luckenwalde eine dreitägige Konferenz unter dem Titel »Betreten verbot...

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