BBK Frankfurt Adventskalender: 1 Markt wird 100

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ein Adventskalender zum Geburtstag

Pressemappe

FRANKFURT

Berufsverband Bildender Künstlerinnen und Künstler Frankfurt am Main e.V. (Hg)

„1 Markt wird 100“ Adventskalender 24 Geschichten der letzten 100 Jahre vom Frankfurter Künstlerweihnachtsmarkt


ein Adventskalender zum Geburtstag

1922

Gründung des Frankfurter KünstlerWeihnachtsmarktes

Gründungsmitglieder waren: Oberbürgermeister Georg Voigt, Bürgermeister Gräf, die Stadträte Ludwig Landmann, Willi Meckbach und Otto Zielowski, der katholische Stadtpfarrer Jakob Herr, der Pastor der evangelischen Paulusgemeinde Karl Veidt und der Rabbiner Georg Salzberger. Weiterhin die Redakteure Siegfried Kracauer und Benno Reifenberg sowie Bankiers und Kaufleute wie Moritz von Bethmann und Karl Kotzenberg. Im gleichen Jahr gründete der Maler Jakob Nussbaum zusammen mit dem Sozialpolitiker und Vorsitzenden des Jüdischen Kulturbundes Ernst Moritz Levi die „Frankfurter Künstlerhilfe“, um Künstler durch Ankäufe ihrer Werke zu unterstützen, die unter den schwierigen Bedingungen der Nachkriegszeit in Not geraten waren. Am 20. Dezember 1922 wurde der erste Frankfurter Künstlerweihnachtsmarkt in den Römerhallen eröffnet durch die Frankfurter Künstlergesellschaft, gemeinsam mit dem Wirtschaftsverband Bildendender Künstler und dem Bund tätiger Altstadtfreunde. Ebenfalls wurde durch Spenden im Dezember eine Weihnachtsfeier zu Gunsten Frankfurter Kinder ermöglicht.

Der Frankfurter Künstlerweihnachtsmarkt entstand in der für die Kunstschaffenden besonders schweren Zeit der Inflation nach dem 1. Weltkrieg. Er war als Verkaufsausstellung für Künstler und Kunsthandwerker gedacht, so dass ein direkter Kontakt zwischen Publikum und Künstler gegeben war, was den Verkauf fördern sollte. Angeboten wurden Bilder, Grafiken, Skulpturen, Gold- und Silberschmiedekunst, Keramik, Batik u.a. Die Stadt Frankfurt unterstützte den Frankfurter Künstler-Weihnachtsmarkt, indem sie die Römerhallen und später auch die Paulskirche für die Ausstellungen kostenlos zur Verfügung stellte und auch für ihre Sammlung Werke der dort ausstellenden Künstler bis in die 1990er Jahre käuflich erwarb. Am 12. April 1922 wurde auf Initiative des Kunsthistorikers Fried Lübbecke, der seit 1919 die Frankfurter Kunstmesse leitete, der „Bund tätiger Altstadtfreunde zu Frankfurt am Main e.V.“ gegründet.

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1922

Weihnachtsmarkt in den Römerhallen

Frankfurt hat seine Messen, hat seinen Wäldchestag, hat seine Rennen; die Weihnacht 1922 hat der alten Stadt an ihr Herz, in die Hallen am Römerberg, eine Festgabe gelegt und beschert: den Künstlerweihnachtsmarkt. Nichts beweist besser, als der endlose Strom von Käufern und Besuchern, wie natürlich und gut der Gedanke und seine Ausführungen gerade an dieser Stelle war. Nichts war auch selbstverständlicher, als gerade den Künstlern in der Altstadt ein Weihnachtsfest zu bereiten. Denn der junge Bund der Altstadtfreunde ist der Schöpfer und Organisator, die Tat und Tätigkeit des Altstadtbundes hat von seiner Geburtsstunde an niemand so freudig begrüßt und gestützt wie die Frankfurter Künstler und Kunstfreunde. Darum Ihnen beiden, Künstlern und Freunden der Kunst, diese Weihnachtsgabe, den Markt in den Römerhallen. Kaum irgendein Unternehmen in Frankfurt hat sich mit so vollster Harmonie und übergroßer Teilnahme eingesetzt, fast möchte man glauben, die so erstrebenswerte persönliche Bindung zwischen Künstler und Käufer, dieses längst verlorene

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Organon des alten Kunstbetriebes, sei wieder als Wunsch in der breiten Volksmasse aufgelebt. Möchte er sich hier vertiefen und fruchtbar auswirken, neue Freundschaftsbande zu Kunst und Künstlern schaffen! Vom Verkaufsstand in der „blauen“ und „roten“ Römerhalle, den der Künstler mit Frau und Kind mehr oder – und das meist! – weniger geschäftstüchtig, aber mit um so liebeswerterer Künstlermenschlichkeit versieht, werden sich Bande knüpfen zum Atelier und Künstlerheim, dass für so viele ein hinter hohen Treppen und Vorurteilen versteckter und verstiegener Wunsch war. Wie gern schildert die Kunst der Niederländer in ihrer großen Zeit den Besuch im Atelier, wie noch Goethe den Besuch beim Goldschmied in Hanau oder dem Frankfurter Maler! Als etwas Natürliches sei es dem Weihnachtsmarkt 1922 beschieden, diese verlorene Bindung zwischen Künstler mit dem Reiz des Persönlichen neu anzubahnen! Stadtblatt Frankfurter Zeitung, 19. Dezember 1922


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1922

Groß-Frankfurt-Beim Künstler zu Gast

„Waren Sie schon in den Römerhallen?“ Eingang vom Paulsplatz durch den feinsten der Frankfurter Höfe! Was man dort sieht? Bedauernswert ist jedermann, der noch nicht da gewesen: Den schönsten und buntesten Weihnachtstrubel, den Frankfurt je gehabt; die liebenswürdigste Messe der Welt! Keine feierlich abgezirkelten Räume: die hochgewölbten Römerhallen voller Stände und dahinter nicht etwa ein „Verkäufer“ oder ein „Vertreter der Firma „Soundso“, sondern der Herr Maler selbst! Er sitzt da, raucht gemütlich sein Pfeifchen, und freut sich, wenn jemand kommt, auf ein grafisches Blatt, eine Zeichnung oder ein Bild deutet und fragt: “Was kostet das?“ Auch, es kostet immer so lächerlich wenig, dass die Frankfurter die Hallen eigentlich stürmen müssten. Aber nicht nur darum. Wie in Oper oder Schauspiel dieses oder jenes „man gesehen haben muss“ – so muss man den „Weihnachtskunstmarkt“ und seinen Budenzauber gesehen haben mit samt seiner entzückenden Teestube,

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in der es so gemütlich zugeht, wie bei einer netten, kleinen, zwanglosen Abendgesellschaft. Viele haben schon gekauft, sehr viele haben sich den Zauber angeschaut. Alle aber sind länger geblieben, als sich vorgenommen. Erwartet wird noch – und es wird sicher kommen – das Wohlhabende, das reiche Frankfurt. Es muss, es kann hier von Künstlern von Ruf und Namen, von werdenden und doch schon anerkannten Talenten Kunstwerke erworben werden, deren Wert zur Freude des Besitzers ständig steigen wird. Jeder wird zudem etwas finden; für jeden Geschmack ist gesorgt, ebenso wie für den großen und kleinen Geldbeutel. Waren Sie schon in den „Römerhallen?“ Nein? So gehen Sie schleunigst hin, denn die originelle, lustige und billige Messe dauert nur noch wenige Tage. Stadtblatt Frankfurter Zeitung, 20. Dezember 1922


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1923

Kunstfreunde Erlebnisse vom Weihnachtsmarkt Frankfurter Künstler

Die Dame von 1923

Gewaltige Füße in einem ebenso gewaltigen Pelzmantel. Pralle, apfelrote Backen pressen fast die feuchten Äuglein zu. Die saftigen Lippen, wie sie sich jetzt öffnen, offenbaren unendlichen Reichtum edelsten Goldes. „Tag! Sind Sie der Künstler selber?“ –„Jawohl, ganz und gar.“-„Ach, wie komisch. Ich hab mir doch immer gedacht, dass so ein Künstlermensch ganz anders aussieht.“-„Und nun sind Sie überrascht, gnädige Frau?“- „Doch, doch, wo Sie sowas machen, nicht?“-„Ja, ja, wir Künstler sind doch so schrecklich unnormale Menschen.“ ­­­– Sie (mit bedauerndem Kopfnicken): “Ach, so unmoralisch, nicht?“- „Das zuweilen auch, das kommt eben auch von der Kunst.“ – Der rote Mund lacht, das lautere Gold glänzt, ein Perlenkollier schaukelt gewichtig an der massigen Halssäule: „Na, man weiß ja, lustiges Künstlervölkchen immer verliebt, nicht?“ Aber plötzlich sehr ernsthaft: “Sagen Sie – „das malen Sie doch alles nach Vorlagen, nicht? Das ist doch Expressionismus, nicht? Aber warum machen Sie denn so verrücktes Zeug? Die Kunst ist doch so etwas Großartiges, nicht. Ich schwärme für die alten Griechen! Waren das doch Genies, nicht?“ “Gewiss, gnädige

Frau, aber wir sind doch auch Genies, nur in anderer Art.“-„Gewiss, nur so, so unmoralisch. Ich sage oft zu meinem Mann: „Friedrich“, sage ich, „wenn nur unser Bub nicht auf die schiefe Ebene kommt. Sie müssen wissen, er malt so schrecklich gerne. Neulich hat er eine Landschaft gemalt, wo ein Mond darauf ist. Wunderbar, nicht?“-„Gut dann schicken Sie ihn doch mal nach Griechenland. Soviel ich weiß lebt da noch ein Urenkel von Praxitiles, der gibt Privatunterricht.“ – „Das wäre wirklich eine gute Idee. Und zu teuer kann das ja nicht sein. Wie heißt doch der Herr?“ – „Praxiteles“- Sie kramt in ihrer Krokodiltasche nach einem Zettelchen, buchstabiert und schreibt… „Haben Sie vielen Dank. Ich will nachher sofort mir meinem Mann darüber sprechen. Na, nun muss ich gehen. Ich wollte hinten am Stand noch etwas kaufen, man muss die armen Künstler unterstützen. Wir halten sehr auf unsere sozialen Gefühle. Auf Wiedersehen.“-Sprachs und rauschte davon. Stadtblatt Frankfurter Zeitung, Dezember 1923

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1923

Kunstfreunde Erlebnisse vom Weihnachtsmarkt Frankfurter Künstler

Der arme Dichter

„Guten Tag. Ist es erlaubt, in Ihren Arbeiten zu blättern?“ – „Bitte schön.“ – Der hagere Herr mit blassem Gesicht, klugen Augen und abgetragenen Mantel läßt die grafischen Blätter durch seine Hände gleiten. Hier und da verweilt sein Blick länger. Es wird spürbar: ein Mensch der mit Dingen der Kunst vertraut ist, ein „geistiger Arbeiter“, vielleicht selbst Dichter oder dergleichen. Jetzt hält er eine Radierung zwischen die feingeformten Finger geklemmt: „Es erstaunt mich oft, wenn ich spüre, dass selbst heute, selbst in diesem Chaos der Geister, in den vollen Wirrungen und Irrungen der Welt, doch hier und da verborgen ein eindeutiger Zielwille sich auswirkt. Natürlich nicht nur in der Malerei, auch in anderen Künsten. Ich bin sogenannter Schriftsteller; Sie gestatten, Dr. G. – nicht wahr, es ist doch ein Drängen da, eine starke Kraft, die weiß, was sie will. Man merkt, trotz allem, die Vorzeichen einer helleren und sicheren Zukunft.“ „Sie haben recht. Der Wille zum Ausdruck ist da. Der Wunsch den vielen ruhenden psychischen Spannungen und Sehnsüchten Gehalt und Form

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zu geben. Wenn nur auch die Resonanz der als gemeinhin als Laien bezeichneten Menschen da wäre. Die meisten geben sich kaum Mühe, unser Wollen zu erkennen und die Sprache zu verstehen.“ „Ja man darf sich nicht täuschen, die Kunst ist heute mehr denn je isoliert. Ihr fehlt, was glücklichere Zeiten hatten, der lebendige Wiederhall im Volke. Aber wir brauchen darum nicht zu verzagen.“ – das blasse Gesicht beugte sich prüfend über ein neues Blatt. „Ich möchte das wohl kaufen, wenn es nicht zu teuer ist.“ – Der schnell auf die Hälfte ermäßigte Preis wird genannt. „Gut ich kaufe es. Es ist zwar ein bisschen viel für mich, aber es muss schon gehen – Übrigens ich werde Ihnen ein paar reiche Leute herschicken. Sind Sie einverstanden?“ „Aber natürlich. Wir brauchen unbegrenzt viele Käufer und sogar für die Schwachbemittelten haben Stadtblatt Frankfurter Zeitung, Dezember 1923


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1923

Kunstfreunde Erlebnisse vom Weihnachtsmarkt Frankfurter Künstler

Gerti und der Holzschnitt

Zwei Damen, jung, kokett, hübsch, elegant. Gebannt halten Sie vor einem Holzschnitt: „Liebespaar.“ Da sieht man verzückt einen Jüngling sein Mädchen umarmen. Die jungen Damen flüstern sich eifrig zu. Die Blonde im pompösen Mantel schlägt ihre Blauaugen auf: „Haben Sie das gemacht?“ – „Jawohl gnädiges Fräulein.“ – „Ach!“ Fortfahrend: Es interessiert mich furchtbar, wie Sie die Liebe auffassen, das heißt: ich meine, wie Sie den liebenden Mann darstellen. Sehen Sie, es ist so eine Sache mit der männlichen Liebe, ach Gott! Aber Ihre Mannesliebe ist nur sympathisch.“ – Der Angeredete blickt verwirrt in die frühlingshimmelblauen, lächelnden Augen. – „Du Inge,“ – wendet Sie sich an ihre Begleiterin,“ wenn doch der Marcel so wäre, ach ein bisschen so anschmiegsam und so schonend zärtlich!“ Prompt kommt die Antwort: „Aber liebe Gerti, wie oft habe ich Dir schon gesagt, dass Du Dir deinen verehrten Herrn Bräutigam besser erziehen musst.“ Gerti seufzt: „Ach Gott, erziehen….Sagen Sie, ließen Sie sich von einer Frau erziehen?“ –„Naja, wenn ich es für nötig hielte und diese Frau sehr lieb hätte….“ Triumphierend unterbricht Gerti: „Siehst Du Inge - und Marcel schwört mir täglich seine glühende Liebe! Ach Gott, die Männer sind so tyrannisch, so brutal, so kaltherzig, so selbstsüchtig. So… So… Bitte, reservieren Sie mir das Blatt. Ich komme heute Abend mit meinem Bräutigam

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und hole es. Übrigens, darf ich fragen, wo Sie ihr Atelier haben?“ Nach der Antwort: „Ich möchte so gerne Ihre Gemälde sehen. Darf ich? Und wir können dann in Ruhe so nett über die Männer plaudern, Sie scheinen doch einigermaßen unparteiisch zu sein.“ Pünktlich um 5 Uhr erscheint das verlobte Paar. Marcel strahlend am Arm seiner schönen Braut. „So – da wären wir! Bitte – das Liebespaar.“ Das Blatt erscheint „Also mein liebes Männchen. Das da sieh Dir mal gründlich an. Ja, wenn Du so ein Mann wärest. Sieh mal wie schonungsvoll und hingegeben er sein Mädel im Arm hält. Wann wirst Du das lernen? Wann…“ Marcel fällt ihr polternd ins Wort: „Aber bitte meine Liebe, sei nicht so ungerecht. Überhaupt, wie kannst Du mir in Gegenwart dieses Herrn mit solchen doch wirklich delikaten Dingen kommen. Ich verstehe Dich nicht.“ „So, Du verstehst mich nicht? So! Der Künstler da versteht mich aber. Du musst nicht denken, dass alle Männer so sind wie Du. Nee, Gott sei Dank nicht… Bitte, was kostet das Blatt?“ Sie kauft und Marcel muss noch dieses Wort ertragen: „So mein Lieber. Das Bild kommt vom ersten Tag in unser Schlafzimmer. Komm!“ Stadtblatt Frankfurter Zeitung, Dezember 1923


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1924

Die Frankfurter Kunstmesse

„Haben Sie schon Ihre Einkäufe auf der Künstler Weihnachtsmesse gemacht? – Wie Sie wissen gar nicht… haben Sie die hübschen Plakate mit dem Weihnachtsengel nicht gesehen? – Sie haben kein Geld? Haben Sie nicht eben im Delikatessengeschäft eine Bestellung gemacht? Lässt sich die Einladung nicht etwas einfacher, ja! Noch etwas einfacher gestalten? – Wie? Sie haben keine Zeit, Sie reisen in ein paar Tagen nach St. Moritz zum Wintersport.? So, so! Na vielleicht denken Sie dort an die Künstler, die gerne ihre Arbeiten verkaufen möchten, weil sie leben müssen mit ihren Familien. Es wird Sie angenehm kitzeln wenn Sie mit Skiern über die herrlichen Schneeflächen laufen, zu denken, daß… Wie! Sie haben schon Ihre Einkäufe gemacht? Sehr unrecht. Zu ein paar Skizzen reicht es doch noch, es gibt sehr billige andere Dinge. Sie lieben den Expressionismus nicht? Aber bitte gegenüber gibt es Dinge. Sie mögen keine Bilder: Es gibt Graphik. Auch das nicht? Aber sehen Sie die reizende, wirklich qualitätsvolle Kleinplastik, hier gibt es Porzellan, Fayence (was für goldige Dippchen als Geschenk!) Kunstgewerbe, Bücher, Strickarbeiten und sogar eine ulkige Bude mit Künstler-Lebkuchen und riesigen Hampelmännchen hat sich aufgetan. Sagen Sie mir einen Geschmack, der hier nicht irgendwie auf seine Kosten käme!

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Ach: Sie kaufen keinen Kleinkram? Keine Provinzialkunst! Sie sammeln und zwar nur „große“ Kunst. Wer garantiert Ihnen, daß Sie nicht in ein paar Jahren zum alten Eisen geworfen wird? Und selbst wenn es Ihnen nicht wertvoll genug erscheint, an die Wand gehangen zu werden: stecken Sie es in eine Mappe, schenken Sie es einem Freund. Aber kaufen Sie, kaufen Sie. Machen sie den Künstlern ihr schweres Leben wenigstens für ein paar Tage leichter, bringen Sie Freude in mutlose Kreise. Und denken Sie nicht an „Wohltätigkeit“, an Mitleidgaben. Seien Sie überzeugt, dass Sie den Künstler seelisch mindestens ebenso notwendig brauchen, wie der Künstler wirtschaftlich auf Sie angewiesen ist. Ein kleines Stück Kunst – es braucht nicht immer die höchste Meisterschaft oder gar eine von der Mode abgestempelte Kunst zu sein – ein oft unscheinbares Kunstwerkchen kann Ihnen Vergnügen, stille Freude in Ihren Räumen bereiten. Denken Sie daran und gehen Sie auf die Weihnachtsmesse, vergessen Sie aber nicht, dass Sonntag schon Schluss ist. Stadtblatt Frankfurter Zeitung, Dezember 1924


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1933 – 1945

Der Weihnachtsmarkt im Dritten Reich

„Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 wurde der Reichsverband bildender Künstler im Rahmen der Gleichschaltung in die Reichskammer Bildender Künstler überführt. Die Mitgliedschaft war für Künstler gesetzlich verpflichtend. Nur so konnten die Künstler ihren Beruf ausüben und bekamen Zugang zu Materialien und Ausstellungsmöglichkeiten. Neben der Erfassung und Kontrolle ihrer Mitglieder hatte der Reichsverband klassische Aufgaben der Künstlerförderung. Von der Mitgliedschaft waren jüdische, politisch engagierte und als „entartet“ eingestufte Künstler ausgeschlossen. Für sie galt ein Malverbot und bedeutete Ausgrenzung und Berufsverbot. Der Frankfurter Künstlerweihnachtsmarkt, der unter der Schirmherrschaft des NS-Oberbürgermeisters Dr. Krebs stand, fand unter gänzlich anderen Bedingungen statt. Er stand jetzt unter der Kontrolle der „Deutschen Arbeitsfront (DAF)“ und wurde durch die Unterorganisation „Kraft durch Freude“ (KDF) ausgerichtet. Diese übernahm die gesamte Organisation über die

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„rechtzeitige Bereitstellung der Hallen, die Einlieferung mit Ihrer Registratur, die Bewachung, bei Tag und Nacht, Beleuchtung, Verkauf und Abrechnung und was sonst noch alles damit zusammenhängt“. Der Künstlerweihnachtsmarkt entwickelte sich zu einer Verkaufsschau, zu einem „treuem Spiegel der heimischen Kunst, im Dienst des „Freudebereitens“ und der „Beglückung“. Alles, was als „entartete Kunst“ diffamiert wurde, verschwand. Der Kreis der zugelassenen Künstler wurde erweitert und auch die Kronberger Künstlerkolonie sowie Maler und Graphiker aus dem MainTaunus-Kreis konnten sich beteiligen. Auch während des Krieges wurde der Weihnachtsmarkt ausgerichtet, denn „das Schaffen des Künstlers dürfte auch im Krieg nicht geschmälert“ werden. Allerdings waren viele Künstler für den Krieg als Soldaten eingezogen. Nach dem Krieg gründete sich der BBK-Frankfurt e.V. und übernahm bis heute die Organisation des Künstlerweihnachtsmarktes.


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1971

Weihnachtsmarkt in den Römerhallen – Zeitzeugen erinnern sich rückblickend

„Eine gemütliche Teestube lud die Gäste zu längerem Verweilen, und dort fanden sich Publikum und Künstler, die in den Kojen selbst ihre Arbeiten zeigten, zu fruchtbarer Aussprache. Damals stellte Ottilie Roederstein noch aus. Lässig schaukelte Nussbaum auf der Tischkante neben seinen Mappen. Mit seinem guten breiten Lächeln kam Ugi Battenberg den Gang herauf. Rose Steinhausen stand hinter den Mappen mit Arbeiten ihres erkrankten Vaters. Mit Frankfurter Westendmotiven ist Alfred Oppenheim vertreten, Wilhelm Kalb mit bunten Szenen aus dem Zigeuner- und Ateliersleben.“ Trotz Wohlwollen und Unterstützung waren es schwierige Zeiten auch für die Künstler des 3. Weihnachtsmarktes 1924, denn der Geldbeutel

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öffnete sich für den Kunstkauf nur spärlich, wie ein kleines Gedicht zu Beginn eines Artikels des Frankfurter Stadtblatts konstatierte: „Oft trifft man wen, der Bilder malt, Viel seltener wen, der sie bezahlt.“

Und es erging der dringende Aufruf: „Darum Ihre Frankfurter Bürger: Tut Geld in euren Beutel! Fürchtet nicht, mit Silberlingen zu kurz zu kommen, denn die Kunst geht heute mehr denn je nach Brot. In den Römerhallen wartet man nicht auf einzelne Mäcene, hier will man Massen sehen, und dass bestimmt das Angebot“. Frankfurter Rundschau 6.12.1952


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1971

Weihnachtsmarkt 1971, „Kruzifix und Leberwurst“

Skandal um ein Objekt von Wolfgang Klee! Oberbürgermeister Fay hat den Weihnachtsmarkt eröffnet, ist durchgegangen. Als er das Objekt sah, hat er gerufen „Skandal!“ und hat die Polizei geholt. Es kam die Polizei! Drei-vier Polizisten haben auf Geheiß das Objekt abmontiert und beschlagnahmt. Sofort – als das Objekt entfernt wurde – war die „Neue Presse“ da! Jutta Thomasius, bekannt für ihre spontane und engagierte Präsenz, hat die Angelegenheit in die Presse gebracht mit dem Hinweis, sie hätte beim Abtransport die Leberwurst an ihren Hund verfüttert. Das hatte nicht gestimmt: Die Leberwurst kam in die Asservatenkammer Frankfurt. Verschärft hat sich die Lage, weil ein Lehrer aus Bad Homburg Anzeige erstattet hat wegen Gotteslästerung. In den folgenden 14 Tagen haben Stellung bezogen: – Der Dom- und Stadtpfarrer Aus seiner Sicht war es keine Gotteslästerung, weil in Bayern Wurst- und Räucherwaren in der Nähe des Kruzifixes hängen würden.

– Die SPD Frankfurt ... solidarisierte sich mit dem Künstler, mit dem Argument, dass es Kunst sei. – Die Tageszeitungen ... haben Artikel und Fotos gebracht.

Das war ungefähr die Außenreaktion.

Um eine Verurteilung (Gotteslästerung) abzuwenden, hat sich Wolfgang Klee einen Rechtsanwalt geholt (Rechtsanwalt Riemann, auch Anwalt von Baader-Meinhof). Es kam zu einem Prozess. Da die Leberwurst mittlerweile zerfallen war (Zerstörung des Kunstwerks), hatte der Künstler Anspruch auf Schadenersatz. Der Richter beschloss, auf Antrag des Rechtsbeistands, einen Vergleich. Das hieß „Einstellung des Verfahrens: Zerstörte Leberwurst gegen Anklage auf Gotteslästerung“. Verfahren eingestellt! Wolfgang Klee

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1973

Nur harte Brötchen für Künstler

Bei der Jahresausstellung 1973 gab’s gleich am Eingang ein hartes Brötchen für jeden als Erinnerungsstütze: „So hart ist das Brötchen, das die reiche Stadt Frankfurt der Masse der Künstler zu verdienen gibt!“. Ebenfalls am Eingang wurde das Olympia der rechten wie linken Idealisten präsentiert mit Gehaltsangaben. 70.000 Mark ein Polizeipräsident, 50.000 Mark Gehalt für einen, der glaubt, in Kultur zu machen, 6.000 Mark für einen schaffenden Künstler.

An einer Wand stand geschrieben: „Der Mensch stirbt nicht vom Brot allein“, und der Genosse Marx, Leiter des Malersaals der Städtischen Bühne, sagte in seiner Eröffnungsansprache „Wir haben Furchtbare Waffen, dass wir malen und zeichnen können!“ aus: Albers, Erika: „Die Besucher mit Spray vertrieben.“ in: Frankfurter Rundschau, 4.9.1973

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1980

Künstler helfen Künstlern Verkaufsstand Weihnachtsmarkt Frankfurt 1980

Da standen wir dann zusammen auf dem Frankfurter Weihnachtsmarkt, auf dem Römerberg, Künstler und Künstlerinnen, Bekannte, Freunde, Heidi, Ilse, Walter, Inge, Bernhard, Peter, Ruth und viele andere und ich vor dem Eingang Römer im Freien. Kalt war es und wir waren meist nur zu zweit. Machten uns Mut. Der Stand mit Künstlerarbeiten war roh gezimmert, einem französischen Obststand gleich. Plötzlich stand eine junge, blonde Frau vor mir. Ich schaue ihr ins Gesicht, erkannte Erika Wanners. Hinter ihr lehnte an ihr ein wunderschöner Mann. Frau Wanners hatte im Eschenheimer Turm ein Kosmetikstudio, neben dem legendären Studio der Nitribitt. Frau Wanners hielt eine Puppe im Arm. Sie begrüßte mich und wollte eine kleine Radierung

mit dem Motiv einer Puppe erwerben. Sie erzählte mir, sie hätte alle ihre Habe in Frankfurt verkauft und lebe mit ihrem Mann in Posen und bastele zum Verkauf Puppen. Sie wollte eine kleine Puppenradierung von mir erwerben. Als ich ihr die „Radierung in rot“ überreichte, fiel Frau Wanners ihre Puppe aus dem Arm, fiel zu Boden. Der Puppenkopf hatte sich gelöst, rollte davon in Richtung des gut duftenden Hefekloßstandes, unserem Stand gegenüber. Die rote Puppenradierung von mir war dann kostenlos. “Künstler helfen Künstlern“: Auch die Ehefrau von Dürer verkaufte die Grafik ihres Mannes auf dem Nürnberger Weihnachtsmarkt. Irmi Lang Kummer

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1986

An den obersten Kulturbürger

„Der Weihnachtsmarkt ist nicht nur eine Verkaufsausstellung, sondern für 100.000 Frankfurter eine Begegnungsstätte zwischen Kunst – Künstler und Frankfurt. Wir sehen die kostenlos zur Verfügung gestellten Räume nicht als Geschenk, sondern von Seiten der Stadt als Kulturbeitrag zur Ermöglichung der Begegnung und Auseinandersetzung mit Frankfurter Künstlern, die durch ihre Anwesenheit ihren Teil dazu beitragen. Es ist in ihrem Buch „Kultur für alle“ doch eins ihrer wichtigsten Argumente, dass es eine Berührung zwischen Künstlern und

Bürgern geben soll. Der Weihnachtsmarkt ist für 100.000de von Frankfurtern der einzige und oft erste Berührungspunkt mit Kunst, der auf seine Art auch weitere Wege zur Auseinandersetzung eröffnet. Wir bitten Sie, dass das nächste Gespräch unter ihrer Verantwortlichkeit stattfindet, da sie der Oberste Kulturbürger sind.“ Schreiben BuBK an Kulturdezernent Hilmar Hoffmann vom 3.11.1986

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1987

Ein Statement aus dem Rheinland zur Frankfurter Kunst

Kölner Galeristen antworten 1987 auf die Frage, unter welchen Voraussetzungen Frankfurt als Kunststadt ähnlich attraktiv werden könne, wie es heute z.B. Köln ist? Das zusammenfassende Urteil: Man kann mit Geld und Gewalt nicht eine Kunststadt und gleich ein Kunstzentrum zaubern. Das Kostenniveau der Bankenstadt Frankfurt macht die Entwicklung einer gewachsenen Kunstszene unmöglich. Dafür bedarf es Ateliers, Kunstwerke im öffentlichen Raum, Förderung von

Ausstellungen durch Privatinitiative, Fabrikhallen für Ausstellungen von Kunstwerken aus Privatbesitz, Vorträge von Künstlern und ein lebendiges Ambiente, d.h. die richtigen Kneipen, die richtigen Gegenden, in denen Künstler und Kunstschaffende sowie Kunst Vermittelnde leben können. Eine aufgeschlossene Bevölkerung den Künsten gegenüber. Unser Statement: Reiner Neid auf die Paulskirche, weil die Kölner Weihnachten nicht im Dom ausstellen dürfen.

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1987

Rettet den Weihnachtsmarkt

Sie ist in die Jahre gekommen, die Ausstellung Frankfurter Künstler. 65 Jahre ist die traditionsreichste aller Frankfurter Ausstellungen nun alt geworden. Sie hat mitgeholfen, dass der Weihnachtsmarkt der Stadt Frankfurt über die hessischen Landesgrenzen bekannt und geschützt wird. Doch Ihre Tage scheinen gezählt. Während überall in Frankfurt neue Ausstellungshallen entstehen, während Frankfurt in Sachen Kunst unbeherrscht nachrüstet, dass selbst der konservativen Zeitung FAZ Zweifel an der Richtigkeit einer solchen „Retortenkunst“ kommen, bleibt den Frankfurter Künstlern kaum eine andere Möglichkeit sich zu präsentieren als auf der Weihnachtsausstellung. Dort herrscht dann drangvolle Enge. Zumal Jahr für Jahr ein Ausstellungsraum nach dem anderen gestrichen wird. 1984 der Ratskeller, 1987 die Paulskirche! Der Baudezernent Haferkampf ist per Kunstmesse etc. inzwischen zur „grauen Eminenz“ in Sachen Kulturpolitik avanciert. Er sieht eine Ausstellung Frankfurter

Künstler in der Paulskirche überhaupt nicht mehr vor. Frankfurter Künstler passen nicht mehr in seine Vorstellungswelt. Hoffmanns Forderung „Kultur für alle“ ist „Kultur für Reiche“ geworden. Er schämt sich für die Frankfurter Künstler. Lieber verteilt er gönnerhaft „Subskriptionspreise“ in Sachen Kunstmesse an reiche Galerien. Oder er ordert mal eben eine städtisch subventionierte Villa im Westend und beschenkt eines der reichsten der Auktionshäuser der Welt. Fürsten haben sich schon immer gegenseitig beschenkt. Dafür mussten andere bluten. Damals wie heute. Der langsame Tod der Weihnachtsausstellung Frankfurter Künstler, dieses sterben auf Raten, muss aufgehalten werden. (…) Selbst ein Plakat war seitens des Kulturamtes nicht mehr vorgesehen. „Die Künstler sollen sich doch Plakate umhängen und selber werben“... war die Empfehlung des Kulturamtes. Jean Gaston Brühl, BuBK - Extrablatt Dezember 1987

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1988

„Alle Jahre wieder – soll Kunst in den Keller?“

Alle Jahre wieder“, in dieses Lied wird wohl auch der Berufsverband Bildender Künstler (BBK) einstimmen, der seit Jahren mit denselben Schwierigkeiten zu kämpfen hat. Die traditionelle Weihnachtsausstellung des Verbandes, die meist zusammen mit dem Weihnachtsmarkt eröffnet wird hat für die Werke der 350 ausgewählten Künstler nicht genug Platz. „Die Raumnot wird sich auf absehbare Zeit nur noch verschlimmern“, beklagt BBK-Vorsitzender Ulrich Goebbels. Wenn im nächsten Jahr der Römer renoviert wird fallen damit auch die Römerhallen und die Schwanenhalle weg. In der Paulskirche dürfen die Künstler nur noch

in der Paulskirche ausstellen, die Stadt hat die Benutzung des geschichtsträchtigen Festsaals für „marktähnliche Aktionen“ nicht mehr gestattet. Kulturamtsleiter Frank Mußmann weist den Vorwurf des Verbandes, die Stadt würde die Arbeit der bildenden Künstler „missachten“, zurück. Zwar gesteht er ein, dass die Künstler mit weniger Raum auskommen müssen, dafür hätte das Amt noch zusätzlich das Leinwandhaus zur Verfügung gestellt, von Missachtung könne also keine Rede sein. Frankfurter Neue Presse, 25. November 1988

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1995

Der Weihnachtsmarkt, die Berufsverbände und eine Wiedervereinigung

„Leute! Kauft! Kunst“, krakeelt Kollege Enzian Calvados in die Menge, die sich durch den hinteren Teil der Römerhalle drängt. Der Ex-Manager aus der Industrie wandte sich im Alter der Malerei zu und gestaltet wunderbare Bilder mit roten Mohnblumen. Sein Künstlername setzt sich aus seinen Lieblingsschnäpsen zusammen: „Leute! Kauft! Kunst!“ Am großen Tisch inmitten dieser Kunst hockt Edmond und verhandelt mit einem Autohändler. Gegen eine Edition seiner Grafiken will der Künstler aus den Pyrenäen neue Reifen für seinen Reisebus tauschen. Aus Süd-WestFrankreich haben seine Frau Gitti und er ein Fass Wein mitgebracht, das die eher hedonistischen Kunstschaffenden im Laufe des Weihnachtsmarktes ausgluckern werden. Dazu gibt es Käse, Wurst, Obst, alle bringen mal was mit. Wird etwas verkauft, lassen sie eine Glocke ertönen. Vorne im Römer geht es gesitteter zu, alle sitzen brav in ihren Verkaufsständen – doch hinten lebt die Bohème. Die Gruppe um die beiden aus Frankreich zelebriert Mitte der 1980er-Jahre bereits „NongKrong“ auf dem Weihnachtsmarkt, was uns die naseweisen Kuratoren von Ruangrupa auf der documenta fifteen lehren wollten. Verliebt sitzen die Bildhauerin Hannah und der Keramiker Hanswerner einander gegenüber, sehen sich in die Augen, reden über Glasurrezepte und Brenntemperaturen. Aber eigentlich träumen die Turteltauben vom Schmusen und Küssen. Im darauffolgenden Jahr kommen sie endlich zusammen und lieben sich, doch niemand gibt ihnen mehr als ein Vierteljahr: Heute nach 37 Jahren sind sie immer noch zusammen! Im nächsten Jahr wird der Römer umgebaut, ein Teil der Kunstschaffenden muss in den Keller der Paulskirche. Freiwillig geht die Clique dorthin, hier ist mehr Platz und es kann sogar für alle gekocht werden.

Gelegentlich rennen einige aus der Unterwelt – mit Musik, „Wer hat soviel Pinke-Pinke…“ – durch die Römerhallen, verstreuen Monopoly-Geld und machen Werbung für die Kellerkinder. Zum Schluss tauschen die Künstler und Künstlerinnen wie immer ihre übrig gebliebenen Werke untereinander. Sich auch mal im Sommer auf dem Römer zu begegnen, davon träumen Hannah & Hanswerner. Sie stecken die Kolleginnen und Kollegen mit ihren Fantasien an, im Sommer 1986 gibt es den Weihnachtsmarkt tatsächlich auch im Juli. Nur einmal, denn er wird kein großer pekuniärer Erfolg. Um Leute anzulocken, erfinden die beiden Performance: Vor dem Römer bauen sie ein Wohnzimmer auf, schlammen es akkurat mit rotem, flüssigem Ton ein und zuletzt auch sich. Am nächsten Tag können Leute ihren Sperrmüll bringen, einige Kunstschaffende machen Kunst daraus. „Der Tisch“ in den hinteren Römerhallen, mit Wein aus den Pyrenäen, wird auch weiterhin beim Weihnachtsmarkt gepflegt und belebt. Mittlerweile hecken die Kunstschaffenden hier gemeinsame Projekte aus, etwa das makabre Sterbeprojekt: „Nicht drängeln, jeder kommt dran!“ Einige Monate nach dem Markt wird es als Ausstellung mit Performances inszeniert. Immer wieder kommen Kunstschaffende vom anderen Berufsverband (BBK) am Tisch vorbei, trinken Wein und quatschen mit den Kolleginnen und Kollegen. Vor vielen Jahren zerstritt und spaltete sich der BBK – mittlerweile weiß niemand mehr warum. Hannah und Hanswerner gehen fremd und performen bei Ausstellungen des feindlichen Verbandes im Karmeliterkloster. Bei den Begegnungen auf dem Weihnachtsmarkt entsteht die Idee, beide BBKs wieder zusammenzuführen. Dazu muss jedoch der korrupte Vorstand gewechselt werden, Hannah und Hanswerner inszenieren einen Putsch und schaffen es, die Leitung des Vereins zu übernehmen. Auf dem darauffolgenden Weihnachtsmarkt müssen sie die Mitglieder zur Vereinigung bekehren, denn die Bereitschaft zur Fusion ist nicht groß. Aber auch die Stadt Frankfurt drängt dazu, sie will auf Dauer keine zwei BBKs mehr finanzieren. Der Markt wird zur permanenten Mitgliederversammlung, Später gelingt die Wiedervereinigung, zeitgleich mit der deutschen Wiedervereinigung. Hanswerner Kruse und Hannah Wölfel

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1998

Notizbuch von 1998

Vom Weihnachtsmarkt – ja, manchmal ist es auch zum Weinen! Vieles war vergessen – aber ein Notizbuch lässt vieles wieder aufblitzen. Ich sehe die Besucher, wie sie sich durchschieben im herrlich alten Gemäuer der Römerhallen. Sehe meinen Stand und es ist Krieg in Jugoslawien und meine Arbeiten sind wilder! Monotypien in grellen Farben und ein Lebenszyklus in sieben Bildern gefallen einer jungen Hebamme! Wieder ein Eintrag: eine ehemalige Malschülerin besucht mich – große Freude, jetzt ist sie schon längst Großmutter und ich, ich habe jetzt auch erwachsene Enkel. Damals waren sie klein und

ich sehe sie auf meinem Stand brav sitzen und warten, bis es wieder zurück ins warme Zuhause geht. Jetzt bin ich 80jährig und immer noch aktiv und im BBK. Damals schrieb ich in meinem Notizbuch: Unabänderlich – unbedingt – auf jeden Fall 1999 male ich Teufel, Päpste, Engel und dicke Frauen! Tja, vieles ist noch nicht erledigt – dafür Holz und Holzwürmer entdeckt, grandiose Arbeitsmöglichkeiten mit philosophischen Erkenntnissen möglich! Ernestine Kuger-Hoberg

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1998

Erste Erfahrungen beim Weihnachtsmarkt

2004 nahm ich zum ersten Mal am Weihnachtsmarkt im Römer teil. Gespannt wartete ich an meinem Stand in der Schwanenhalle auf Besucher. Ein älteres Ehepaar blieb stehen und schaute sich meine „Bad Homburg Übermalungen“ an. Er schien ja nicht so berührt von meiner Kunst, aber seine Frau war total begeistert. Diese schönen Bilder würden doch fantastisch ins Treppenhaus ihrer Bad Homburger Villa passen. Also natürlich nicht nur eines oder zwei, nein drei oder… das wäre doch eine tolle Idee. Interessiert fragte sie, wie ich denn diese wunderbaren Bilder gemacht hätte, welche Farbe ich nähme…. Also vier Bilder bräuchte sie doch

mindestens… Ob die Farbe wohl gut auf dem Untergrund haften würde. Ich fand es ja prima, dass sie sich so für meine Kunst interessierte und erzählte auch, worauf man besonders achten musste und welche Fehler es zu vermeiden galt. Als ich sie schließlich fragte, welche Motive sie sich denn von mir ausgesucht hätte, lachte sie und sagte: „Nee, Danke schön, jetzt weiß ich ja, wie’s geht und male mir meine Bilder selber“, zog ihren verdutzten Mann von meinem Stand fort und strebte dem Ausgang zu. Marion Dörre

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ein Adventskalender zum Geburtstag

2010

Drei Chinesen ohne Kontrabass

Die Chinesen standen schon länger an meinem Stand, schauten sich die großen Acrylbilder an und unterhielten sich angeregt. Schließlich sprach mich einer auf Englisch an, stellte sich als Galerist vor und äußerte höchste Bewunderung für meine Arbeiten. Ich freute mich natürlich. Wir plauderten eine Weile. Als er fragte, ob er fotografieren dürfe, willigte ich ein. Dann schlug er eine Zusammenarbeit vor und fragte nach meiner Visitenkarte. Klar hatte ich eine dabei. Er leider nicht. Schließlich meinte er, dass er mich wegen einer Ausstellung kontaktieren wolle und wir verabschiedeten uns.

Als ich direkt danach meinem lieben Standnachbarn Oppermann davon erzählte, meinte der: „Du bist ja naiv. Die machen doch überall Fotos, um dann später die Bilder zu kopieren.“ Verdutzt lief ich durch die Halle und entdeckte „meine“ Chinesen, wie sie eifrig an weiteren Ständen fotografierten. Was tun? Die Fotos meiner Bilder hatten sie zwar, aber meine Visitenkarte ließ ich mir zurückgeben und sagte, dass ich mir eine Zusammenarbeit wohl doch nicht vorstellen könnte. Marion Dörre

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ein Adventskalender zum Geburtstag

2015

Ende gut, alles gut.

Eigentlich begann der Besucherstrom des Künstler-Weihnachtsmarktes in der Paulskirche wie jedes Jahr am Beginn der Ausstellungszeit ziemlich zögerlich. Aber nach einer Woche füllten immer öfter gut gelaunte Menschengruppen die Gänge zwischen den einzelnen Standplätzen. Das Wetter war sonnig, nicht so kalt wie in den Wochen zuvor. Es hatte sogar ein wenig Schnee gegeben. Ideal für eine vorweihnachtliche Stimmung voller Erwartungen auf Glühwein, Bratwurst oder auch Flammkuchen und vieles mehr. Auch bei den ausstellenden und aufsichtführenden Künstler-Kollegen:innen gab es ein reges Hin und Her. Ein letztes Geraderücken, Zurechtlegen weiterer Visitenkarten oder Entfernen von vermeintlich überflüssiger Information, zeigten eine allgemeine hoffnungsvolle Unruhe. Auch mit der Folge, dass offensichtlich so mancher Ausstellungsbesucher und manche Ausstellungsbesucherin am Informationsstand eine gewisse Leere vorfand. Eben deshalb machte ein besonders kaufinteressiertes Besucherpaar bereits die dritte Runde auf der Suche nach fachkompetenter Beratung. Ziemlich enttäuscht, ohne „ihr“ Bild, verließen beide zügig die Paulskirche wieder. Sie wollten möglichst ohne Stau auf der Autobahn wieder nach Hause. Erst einige Zeit später, der Künstler-Weihnachtsmarkt war bereits abgeräumt, erhielt ich den Anruf einer Französin, die ein etwas „anderes“

Deutsch sprach: das Alemannisch aus dem Elsass. Sie war mit ihrem Mann in Frankfurt gewesen zu einer großen Klassik-Ausstellung im Städel. Anschließend besuchten beide auch noch den Frankfurter Künstler-Weihnachtsmarkt in der Paulskirche u.a. mit größerem Interesse an einem Bild von mir. Aus den bereits bekannten Gründen mussten sie Frankfurt ohne „ihr“ Bild verlassen, aber mit meinem Info-Material und der festen Absicht, noch nicht aufzugeben. Deshalb erreichte mich irgendwann vor dem 24.12. ihr Anruf. Sie wollten, dass ich „ihr“ Bild so schnell wie möglich an ihre Elsässer Adresse schicke. Das schien mir aber ziemlich umständlich und unsicher. Im Laufe der allgemeinen Transportüberlegungen bot sich eine andere Lösung an. Zufälligerweise hatten wir einen Kurzurlaub über Silvester in der Nähe von Colmar gebucht, ganz dicht bei ihrem Wohnort. Ende gut, alles gut. Ich packte in diesem Urlaub nicht nur meine übliche Tasche, sondern auch „ihr“ Bild ein. Die ziemlich fröhliche Übergabe fand an Silvester an der Bar in unserem Hotel mit den glücklichen Neubesitzern und „ihrem“ Bild, einigen Crement d‘Alsace und Eau de Vie statt. Bärbel Holtkamp

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ein Adventskalender zum Geburtstag

2019

Irritation

Der dünne Besucherstrom im Römer schob sich träge durch die Halle. Abwechslung brachte der Besuch einer Freundin. Ein Ehepaar näherte sich meinem Stand. Der Mann schaute gebannt auf eines meiner Bilder, die ich auf Kaffeesäcken gemalt hatte. Dann gingen beide wieder weg. Nach einer halben Stunde kam das Ehepaar erneut und der Mann schaute wieder gebannt auf das Bild. Nach einer Weile fragte er, was das Bild kosten würde. Es stellte sich heraus, dass er aus der Türkei kam. Der Mann, das Handeln gewohnt, hakte nach „is the best price?“. Naja, ich ging um 50,- € herunter. Wieder fragte er fordernd „is the best price?“. Da ich etwas verkaufen wollte, senkte ich den Preis nochmals um 50,- €, sagte dann aber entschieden, „this is the best price“. Der Mann war zufrieden, holte eine große Rolle mit Geldscheinen aus seiner Manteltasche, zählte die vereinbarte Summe ab und drückte mir die

Scheine in die Hand. Dann bat er mich, das Bild vom Rahmen abzumachen. Er wolle heute noch in die Türkei und das Bild im Koffer mitnehmen. Werkzeuge, um das Bild vom Rahmen zu entfernen, hatte ich nicht dabei. Warum auch? Kollegen halfen mit Messer und Zange aus und ich machte mich ans Werk. Die fragile Juteleinwand vom Rahmen zu lösen, war etwas mühsam. Schließlich hatte ich es geschafft, ohne den Stoff zu beschädigen. Das Bild wurde aufgerollt und verpackt. Nach der vereinbarten halben Stunde kam das Paar wieder vorbei. Der Mann nahm die Rolle mit dem Bild und beide verschwanden in der Besuchermenge. Meine Freundin und ich schauten uns an und begannen zu lachen. Künstlerweihnachtsmarkt 2019. Eva Zinke

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2020

Systemrelevante Kunst in der Pandemie

Ungewöhnliche Wege mussten die Künstlerinnen und Künstler vom BBK Frankfurt in der Zeit der Pandemie 2020 begehen. Der beliebte Weihnachtsmarkt im Römer und in der Paulskirche konnte nicht stattfinden, die Stadt musste den Künstlern absagen, die Räumlichkeiten wurden geschlossen. Eine wichtige Einnahmequelle viel aus. Ausgestorbene Stadt – Menschenleer. Einkaufen ging nur mit Maske, 2 Meter Abstand, Desinfektion und nur in einigen Ketten und Lebensmittelgeschäften. Lockdown in Frankfurt am Main. Da fackelten die Künstlerinnen und Künstler nicht lange und innerhalb weniger Stunden organisierte Jan Heartmann mit Bianca Scheich, Daniela Herbst, Chris Kircher und Eva Zinke einen Weihnachtsmarkt in der Galerie des BBK mit Verkauf über das Fenster, so wie aus einem Kiosk. Die „Small Edition XXL“ Aktion wurde sehr schnell ins Leben geholt, beworben über facebook, instagram sowie der Frankfurter Neuen Presse mit einem halbseitigen Bericht von der Journalistin Alexandra Flieth. Bianca Scheich und Jan Heartmann wurden mit Bildern und Werkzeugkiste auf der Leiter in der Zeitung

abgebildet. Verkauft haben Daniela Herbst und Jan Heartmann mit Maske am Fenster die Kunst der Künstlerinnen und Künstler. Alles unter den berühmten Hygieneregeln mit 2 Meter Abstand und Desinfektionsspray. Als Lockvogel stellten die Künstler eine weibliche Schaufensterpuppe von Eva Zinke, verkleidet als Rapperin mit Sonnenbrille und rotem Nikolausmantel, vor die Galerie auf die Straße. Es kamen dann tatsächlich auch neugierige und interessierte Besucher und Käufer an die Schaufenster der Galerie. Wenn auch das Ganze sehr traurig war und kaum verkauft wurde, so war aber für die Künstler immerhin das Gefühl da, noch präsent sein zu können und sichtbar für das Publikum. Mit ihrer Kunst aus der Corona Zeit stellten aus: Tatjana Mints, Marina Bast, Luc Lainel, Jan Heartmann, Daniela Herbst, Eva Zinke, Barbara Walzer, Michael Bloeck, Michaela Acker, Bianca Scheich, Chris Kircher, Udo Reckmann, Thorsten Frank, Gabriele Bechtel-Scholz, Jürgen Schmidt-Lohmann. Bianca Scheich

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2022

„Alle Jahre wieder“

Der Frankfurter Künstlerweihnachtsmarkt ist längst eine feste Instanz im Kulturleben der Mainmetropole. Bis heute zeigen sich die Künstler seit 1922 jedes Jahr in diesem geschichtsträchtigen Ambiente – im Römer und in der Paulskirche. Ihr bildnerisches Thema ist nicht selten Frankfurt und eine eigne Sicht auf die Dinge dieser Stadt. Damit ist die 100-jährige Tradition des Künstlerweihnachtsmarktes in Frankfurt einmalig in Deutschland. Mit über 300 Mitgliedern zählt der BBK Frankfurt deutschlandweit zu dem größten eingetragenen Künstlerverein. Die Professionalität und Internationalität unserer Mitglieder, die aus allen Kontinenten kommen, ist einzigartig. Es spiegelt die facettenreiche Einwohnerschaft der Mainmetropole wider: Weltoffen und dem kulturellen Austausch verpflichtend – eine Kostbarkeit, mit dem Hessen eine Sonderstellung in unserem Land einnimmt. Der BBK Frankfurt hat nach 1945 die Tradition des Frankfurter KünstlerWeihnachtsmarktes bis heute erhalten können, in ehrenamtlicher Arbeit und mit der finanziellen Unterstützung der Stadt Frankfurt.

Unsere 24 Geschichten geben nicht nur einen kleinen Einblick der vielen Ereignisse wieder, die sich jährlich rund um den Weihnachtsmarkt abgespielt haben, sondern sie sind auch ein Spiegel des Zeitgeschehens der letzten 100 Jahre in Gesellschaft, Politik oder Religion. Denn Kunst ist immer Kommunikation und Begegnung. Und oft – ob in Bildern oder in Worten – sind es wir Künstler, die bei dieser jährlichen Begegnung anstoßen, berühren und neue Inputs geben. Ein Dankeschön an die Gründer des Weihnachtsmarktes, an die Stadt Frankfurt und natürlich unseren vielen Gästen, die uns jährlich besuchen kommen. Wir, die Künstler des BBK Frankfurt e.V., wünschen allen kunstsinnigen Frankfurtern und den Gästen aus allen Teilen der Welt, ein Frohes Weihnachtsfest und die besten Wünsche für das Jahr 2023 Die Künstlerinnen und Künstler des Weihnachtsmarktes BBK Frankfurt e.V.

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