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IMPRESSUM Herausgeber:

Wachbataillon beim BMVg Julius-Leber-Kaserne Kurt-Schumacher-Damm 41 13405 Berlin www.wachbataillon.bundeswehr.de

Projektfeldwebel: Oberfeldwebel Babak Zand Oberfeldwebel Marc Vigansky (stellv.) Redaktion:

Klaus Pokatzky Oberfeldwebel Marc Vigansky Oberfeldwebel Babak Zand Stabsunteroffizier Thomas Gödt

Layout und Grafik: Hauptfeldwebel Mathias Reinhardt Stabsunteroffizier Robert Spichalla Stabsunteroffizier d. R. Oliver Eckstein Druck:

BAWV ZA 9 - Zentraldruckerei Köln/Bonn Intranet: http://zentraldruckerei.twv

Besonderer Dank gilt den Angehörigen des Redaktions­ komitees, die dieser Festschrift Leben eingehaucht haben sowie Karin Weinert, der guten Seele des Bataillons. Außerdem danken wir dem Bataillon für Operative Information 950, der Informations- und Medienzentrale der Bundeswehr, dem Presse- und Informationszentrum der Streitkräftebasis, dem General-Anzeiger Bonn, der Axel Springer AG, der Kreisstadt Siegburg, der Dokumentationsstätte Regierungsbunker, dem Kreisarchiv Rhein-Sieg, dem Bundespresseamt, Herrn Hauptmann Ernst Schüßling, Herrn Günter Christiansen, dem Karnevalskomitee und den Siegburger Musketieren sowie allen weiteren Siegburger Karnevalsfreunden und Karnevalsfreundinnen.


Einleitung „Wahrschau!“ Das ist Marinedeutsch und heißt so viel wie „Achtung!“ – zusammengesetzt aus „wahrnehmen“ und „schauen“. Jetzt bitte: „Wahrschaules!“. Wahrnehmen und schauen und – lesen… Etwa Seite 84, wo sich die Vierte des Wachbataillons präsentiert mit „Takelpäckchen“ und „Seemannssonntagen“ – und deren Berliner Kompaniegebäude in der Julius-Leber-Kaserne natürlich nur auf einen Namen getauft werden durfte: Siegburg. Siegburg, das für die Gardisten 55 Jahre lang „den sicheren Hafen“ geboten hat (Bürgermeister Franz Huhn auf Seite 7). Siegburg – wo beim Umzug der Fünften in die neue, alte Hauptstadt der Hauptgefreite Pitt der Protter lieber zurückblieb: 50 Zentimeter groß und ganz aus Stoff und Plüsch. Weil Pitt nicht von der Sieg an die Spree wollte, bekam er einen jüngeren Bruder: Paul den Protter – das Maskottchen der Fünften (Seite 106). Mittlerweile ist Paul der Protter in einem Alter, wo er sich für Protterinnen zu interessieren beginnt: „Semper talis in der Geschlechterfrage“ (Seite 88). Mit Johanna Pasek, Wencke Sarrach und Bianca Duda aus der Achten, wo es Gipskarabiner gibt für die ausscheidenden Soldaten (Seite 174). Den echten „Karabiner 98 kurz“ gibt es (Seite 28) „Im Wandel der Zeiten“ zu greifen. Die modische Metamorphose des Gardisten darf da nicht fehlen (Seite 114) – und zum Zeitenwandel gehört auch (Seite 136) die „Kleine Geschichte der Wehrpflicht“ von Stephan Nachtigall. Der Garde-Wehrpflichtige Alexander Stumpf kam ins (militärhistorische) Museum (Seite 48) – und wie der Protokolleinsatz mit dem freiwillig Dienenden verläuft, ist im Bildprotokoll (Seite 166) dokumentiert: „Augen auf und durch.“ Überhaupt gibt es – „Wahrschau!“ – Fotos zum Schauen satt und lassen fünfeinhalb Jahrzehnte Garde aufblitzen. Die 1950er Jahre (Seite 10): Bundespräsident Theodor Heuss („Nun fahrt mal schön!“), Bundeskanzler Konrad Adenauer und US-Präsident Dwight D. Eisenhower und auch die Bergziege Moritz aus der Dritten. Preisfrage: Ist hier Moritz I oder Moritz II zu sehen? Überhaupt die Dritte (Seite 64) – deren Feldwebel Alfred Kreuser aus den Händen von Bundespräsident Heinrich Lübke die erste Truppenfahne der Bundeswehr erhielt (Seite 156). Dann die Sechziger (Seite 32): Die Queen oder König Paul I. und Königin Friederike von Griechenland, die auch die „Feuertaufe“ für die Zweite bedeuteten (Seite 42). In den Siebzigern (Seite 54) und Achtzigern (Seite 74) beschauen wir Bundeskanzler Willy Brandt mit Leonid Breschnew sowie Bundespräsident Gustav Heinemann mit gekrönten Häuptern. Oder auch Bundespräsident Richard von Weizsäcker mit US-Präsident George Bush.

Und wir nehmen wahr: „Volksfeststimmung beim Großen Zapfenstreich auf dem Marktplatz in Siegburgs Innenstadt“ – wozu natürlich auch gehört, was jahrzehntelang in Siegburg und um Siegburg herum passierte. Die „Kaserne in Narrenhand“ (Seite 142) – aber auch die Wintex-Übung am Bunker Marienthal (Seite 68). „Die grüne Komponente“ des Wachbataillons verkörperte in besonderem Maße die Neunte (Seite 192), die sich auch durch ihre Tierliebe auszeichnet: Kompaniehund Ducky, „protokolltauglich“ und „geländegängig“, ist leider in diesem Jahr verstorben. Dass auch die anderen Kompanien durchaus grün-geländegängig sind, zeigt die Infanteristische Ausbildung in Hammelburg, wo wir die Mutation des „Protter“ zum „Spotter“ erleben dürfen (Seite 160) und das Fotoprotokoll auf Seite 184. Das gehört zur Jetzt-Zeit, auf die die Fotostrecken der 1990er (Seite 96) und der 2000er (Seite 118) Jahre hinleiten: mit der Verabschiedung der Alliierten aus Berlin – oder wie Bundespräsident Johannes Rau einem Gardisten zum Geburtstag gratuliert. Der gesamten Garde zum 55., den „Boten einer anderen Wirklichkeit“, gratuliert Oberstleutnant Peter Altmannsperger (Seite 176). Zur Berliner Zeit gehören auch die musikalischen Kameraden, ohne die jeder Einsatz nur halb so schön klingen würde (Seite 196). Die Drillteams wissen, was sie an der Militärmusik haben – wie z. B. das der Sechsten damals beim „Royal Nova Scotia International Tattoo“ (Seite 128). Und es gehören dazu die Geschichten der Ersten mit ihrem Engagement für ein Hospiz für schwerstkranke Kinder und Jugendliche (Seite 20) und der Siebten (Seite 152), auf deren Initiative die Kindertagesstätte „Wilde Wiese“ in der Julius-Leber-Kaserne gegründet wurde. Kannten Sie eigentlich schon den „Fall des Gefreiten Nelke vor zwei Präsidenten“ (Seite 110) – wozu auch ein aufgeplatzter Hosenknopf passt oder das Zusammensacken eines Ehrenposten am Schloss Bellevue? Nachzulesen sind solche Geschichten aus dem Dienstalltag des Gardisten auf den Seiten 22, 66, 154 und 194. Semper talis! Oder auch mal: temper salis – als Salz im Gemüt des Gardisten? Diese Festschrift will auch das nicht ausklammern: den Auslandseinsatz mit all seinen Belastungen (Seite 200) – und den Trauereinsatz (Seite 92). Das alles ist das Wachbataillon, dem Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit (Seite 6) verheißt: „Den 60. Geburtstag werden wir gemeinsam in der deutschen Hauptstadt ­begehen.“ „Wahrschau!“: Hoffentlich mit möglichst vielen Siegburgern. Klaus Pokatzky




INHALT



Grußwort des Bundesministers der Verteidigung

4

Grußwort des Regierenden Bürgermeisters von Berlin

6

Grußwort des Bürgermeisters von Siegburg

7

Grußwort des Kommandanten der Burgwache Prag

8

Grußwort des Kommandeurs des Wachbataillons

9

Bildergalerie der 1950er Jahre

10

Vorstellung der 1. Kompanie des Wachbataillons BMVg

20

Kleine Geschichten am Rande... Teil 1

22

Besuch der Familie in Uniform

24

...oder ganz kurz K98k!

28

Bildergalerie der 1960er Jahre

32

Vorstellung der 2. Kompanie des Wachbataillons BMVg

42

Als Graf Eulenburg ein Hoch ausbrachte...

44

Hauptgefreiter Stumpf kommt ins Museum

48

Bildergalerie der 1970er Jahre

54

Vorstellung der 3. Kompanie des Wachbataillons BMVg

64

Kleine Geschichten am Rande... Teil 2

66

„Die Hölle heißgemacht...“

68

Bildergalerie der 1980er Jahre

74

Vorstellung der 4. Kompanie des Wachbataillons BMVg

84

Damit die Schiffe im Hafen sicher sind

86

Semper talis in der Geschlechterfrage

88

Trauereinsatz

92

Bildergalerie der 1990er Jahre

96


Vorstellung der 5. Kompanie des Wachbataillons BMVg

106

Reiben, bis der Geist der Fünften erscheint...

108

So kerzengerade ist noch keiner umgefallen

110

Als die Fünfte noch den Flak-Auftrag hatte...

112

Auf dem Platz der protokollarischen Ehre

114

Bildergalerie der 2000er Jahre

118

Vorstellung der 6. Kompanie des Wachbataillons BMVg

128

55 Jahre Garde im Gespräch

130

Kleine Geschichte der Wehrpflicht

136

Kaserne in Narrenhand – eine Fotostory

142

Vorstellung der 7. Kompanie des Wachbataillons BMVg

152

Kleine Geschichten am Rande... Teil 3

154

Die „Nummer 1“ im zackigen Zugriff...

156

Den Feind abnutzen im Wald von Bonnland

160

Der Protokolleinsatz – eine Fotostory

166

Vorstellung der 8. Kompanie des Wachbataillons BMVg

174

Boten einer anderen Wirklichkeit: Einmal dauern!

176

Gefechtsausbildung – eine Fotostory

184

Vorstellung der 9. Kompanie des Wachbataillons BMVg

192

Kleine Geschichten am Rande... Teil 4

194

Jeder drillt sich selbst

196

„Draußen ist dann halt wirklich draußen“

200

Bildergalerie Heute

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Grußwort von Dr. Thomas de Maizière Bundesminister der Verteidigung

Soldatinnen und Soldaten des Wachbataillons, liebe Ehemalige des Wachbataillons, liebe Leser, das Wachbataillon beim Bundesminister der Verteidigung feiert in diesem Jahr seinen 55. Jahrestag. Am 15. Februar 1957 in Rheinbach aufgestellt, übernahm das Wachbataillon den in den Jahren zuvor durch den Bundesgrenzschutz durchgeführten protokollarischen Ehrendienst. Als einer der ältesten Verbände der Bundeswehr kann das Wachbataillon auf eine erlebnisreiche Geschichte zurückblicken und ist dabei selbst ein Stück Zeitgeschichte. Wiederbewaffnung, Kalter Krieg, Zusammenbruch des Warschauer Paktes bis hin zur Wiedervereinigung Deutschlands, von der Bundeswehr als einer Armee im Kalten Krieg über die Armee der Einheit bis hin zu einer Armee im weltweiten Einsatz, dies sind wesentliche Meilensteine dieser 55 Jahre. Dem Wahlspruch des Verbandes getreu - blieb der Auftrag des Wachbataillons dabei „Semper Talis“ - stets gleich. Das Wachbataillon ist mit derzeit ca. 1800 Soldatinnen und Soldaten nicht nur das größte Bataillon der Bundeswehr, es ist auch der Verband der Bundeswehr mit der ältesten ur-



kundlich verbrieften Tradition. Sie reicht weit in die deutsche und preußische Geschichte zurück. Das Wachbataillon geht mit seinen historischen Wurzeln über das InfanterieRegiment 9 der Reichswehr auf das königlich-preußische 1. Garde-Regiment zu Fuß zurück. Es ist damit der einzige Verband, der mit seiner Tradition auf die Zeit vor Aufstellung der Bundeswehr Bezug nimmt. In diesem Zusammenhang darf das Wachbataillon zu Recht stolz darauf sein, dass Angehörige des Infanterie-Regiments 9, darunter bekannte Namen wie Fritz-Dietloff Graf von der Schulenburg und Henning von Tresckow, aktive Rollen im Widerstand inne hatten. Der militärische Widerstand gegen das verbrecherische Regime des Nationalsozialismus war, ist und bleibt eine der zentralen Traditionslinien der Bundeswehr. In diesem Geiste wird das feierliche Gelöbnis der Rekruten des Wachbataillons stets am Jahrestag des Attentats auf Adolf Hitler am 20. Juli 1944 durchgeführt. Dieser Verband mit seinen durchschnittlich 1000 protokollarischen Einsätzen Jahr für Jahr prägt bis heute entschei-


Heute steht das Wachbataillon für die Verbindung von Tradition und Moderne: der Bundesminister der Verteidigung, Dr. Thomas de Maizière

dend das Bild der Bundeswehr in unserer Gesellschaft mit. Ob als Ehrenwache, Ehrenkompanie, Ehrenbataillon oder beim Großen Zapfenstreich, das Wachbataillon ist für seine Disziplin und Präzision, für seine Kameradschaft und sein Zusammengehörigkeitsgefühl weit über die Bundeswehr hinaus bekannt. Es ist nicht nur ein Aushängeschild des Bundesministeriums der Verteidigung, sondern es ist gleichsam die Visitenkarte der Bundesrepublik Deutschland bei Besuchen ausländischer Würdenträger. In dieser Rolle genießt es national wie international höchste Anerkennung, wie dies unter anderem die Fahnenbänder an der Truppenfahne des Bataillons, deren erstes seinerzeit von Königin Elisabeth II. von England verliehen wurde, ausdrücken. Die Truppenfahne des Wachbataillons ist auch die erste Truppenfahne, die Bundespräsident Heinrich Lübke im Jahr 1965 einem Verband der Bundeswehr verlieh. Heute steht das Wachbataillon für die Verbindung von Tradition und Moderne. Es schaut trotz des demographischen Wandels und der Aussetzung der Wehrpflicht zuversichtlich in die Zukunft.

Den gegenwärtigen Herausforderungen, vor allem dem Bemühen um motivierten Nachwuchs für Ihren traditionsreichen Verband, begegnen alle Angehörigen des Wachbataillons mit beispielgebendem Engagement. Mit der Haltung, der Präzision und nicht zuletzt der Würde in ihrem Auftreten verkörpern die Soldatinnen und Soldaten des Wachbataillons den besonderen Charakter des Soldatenseins und schaffen darüber hinaus mit ihrem Wirken einen Rahmen für die öffentliche Anerkennung der Bundeswehr in unserer Gesellschaft. Der 55. Jahrestag ist daher ein willkommener Anlass, mich ausdrücklich bei allen aktiven und ehemaligen Angehörigen des Wachbataillons zu bedanken. Ich bin mir sicher, dass Sie Ihrer stolzen Tradition auch in Zukunft vortrefflich und „Semper Talis“, gerecht werden.

Dr. Thomas de Maizière Bundesminister der Verteidigung




Grußwort von Klaus Wowereit

Regierender Bürgermeister von Berlin

Den 60. Geburtstag werden wir gemeinsam in der deutschen Hauptstadt begehen: Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit.

Liebe Soldatinnen und Soldaten des Wachbataillons, die deutsche Hauptstadt übermittelt Ihnen anlässlich des 55. Jahrestages der Aufstellung Ihres Verbandes die herzlichsten Grüße und Glückwünsche. Begonnen hat alles 1957 in Rheinbach. Seit über fünf Jahrzehnten ist das Wachbataillon nun in Siegburg stationiert. Aber schon seit nunmehr 17 Jahren sind Sie zu großen Teilen auch an der Spree beheimatet und damit im Leben der Hauptstadt verwurzelt. Als Wachbataillon gehören Sie zu den am meisten in der Öffentlichkeit beachteten Einheiten der Bundeswehr und tragen im Rahmen des Protokollarischen Ehrendienstes wesentlich zum würdevollen Empfangausländischer Gäste in unserem Land bei. Ihre Präsenz in Berlin geht jedoch weit über die unmittelbaren Aufgaben des Wachbataillons hinaus. Mit Ihren Familien sind Sie Berliner geworden, Sie selbst unterstützen die Stadt bei vielen Aufgaben, pflegen feste Patenschaften zu fünf Berliner Bezirken. Dafür gilt Ihnen zum Ehrentag Ihres Bataillons ein herzliches Dankeschön im Namen des Senats von Berlin, der Ihr Wirken in dieser Stadt und für diese Stadt zu schätzen weiß. Sie sind das einzige Bataillon der Bundeswehr, in dem alle drei Teilstreitkräfte vertreten sind. Bei Staatsbesuchen und



anderen protokollarischen Verpflichtungen sind Sie nicht nur die Visitenkarte der Bundeswehr, Sie repräsentieren unser Land in seiner Vielfalt. Und daher freue ich mich, dass Sie seit mehr als anderthalb Jahrzehnten mit dem Standort fest verwachsen sind und bald auch das gesamte Bataillon in Berlin seine Heimat haben wird. Trotzdem sei am 55. Gründungstag nicht vergessen, dass die Geschichte Ihrer Einheit vor allem mit Siegburg verbunden ist. Dort, in jener Stadt, die Jahrzehnte Ihr Standort war, begehen Sie den Festtag. Aus Berlin gehen zu diesem Anlass die besten Grüße nach Siegburg. Allen, die heute noch dort ihren Dienst versehen, sei zugesichert: Sie sind in Berlin herzlich willkommen! Den 60. Geburtstag werden wir gemeinsam in der deutschen Hauptstadt begehen. Bis dahin wünsche ich unserem Wachbataillon, all seinen Kompanien, allen Soldatinnen und Soldaten weiterhin viel Erfolg bei der Erfüllung der Ihnen ­gestellten Aufgaben sowie persönlich alles Gute, Gesundheit und Glück.

Klaus Wowereit


Grußwort von Franz Huhn

Bürgermeister der Stadt Siegburg

Zum Glück gab es Siegburg, den sicheren Hafen, wo die Bürger ihre Soldaten dauerhaft ins Herz geschlossen haben: Bürgermeister Franz Huhn.

Liebe Angehörige und Freunde des Wachbataillons! In diesem Heft schauen wir zurück auf ein beachtliches Kapitel bundesdeutscher Geschichte. Wir schreiben das Jahr 1957. Zwei Jahre zuvor waren die letzten Kriegsgefangenen aus Russland heimgekehrt, gerade erst agierte die neue Bundesrepublik Deutschland als souveräner Staat. Wiederbewaffnung und Wehrpflicht waren höchst umstritten. Mit allem, was an den zurückliegenden Krieg erinnerte, wollten viele Deutsche nichts zu tun haben. Man kann sich vorstellen, wie schwer den Wachsoldaten der ersten Stunde das Repräsentieren fiel – ein fester Schritt auf wankendem Grund wurde ihnen abverlangt. Zum Glück gab es Siegburg, den sicheren Hafen. Die Siegburger schlossen ihre Soldaten dauerhaft ins Herz. Öffentliche Gelöbnisse entwickelten sich schon sehr früh zu Festtagen, an denen Alte wie Junge die „Neuen“ aus der Garnison in Augenschein nahmen. Die Männer in Uniform gewannen durch die Bevölkerung an ihrem Standort das Gefühl, einen essentiellen Dienst für ihr Vaterland zu leisten.

Diese gedeihliche Partnerschaft war und ist der Mentalität der Bürger geschuldet, ihrer Zuversicht, „dass das schon klappen wird“ mit dem demokratischen Deutschland. Ich durfte mir beim Großen Zapfenstreich auf dem Markt vor fünf Jahren eine Melodie wünschen und wählte „Ein Haus voll Glorie schauet“ von Joseph Mohr. Er hatte bei der Komposition die von weither sichtbare Abtei seiner Heimatstadt vor Augen. Ich denke, dass es manchem Leser dieser Festschrift ähnlich gehen wird. Für ihn gleicht die Lektüre einer Zeitreise zurück an den Ort, an dem er einst eine aufregende Zeit verbrachte – die Siegburger Brückberg-Kaserne. Ein rundum gelungenes Jubiläum wünscht Ihr

Franz Huhn




Grußwort des Kommandanten der Burgwache Prag

Oberst Ing Radim Studeny

Sehr geehrter Herr Oberstleutnant, ich sende Ihnen meine herzlichen Grüße aus Prag. In diesem Jahr begeht Ihre Einheit den 55. Jahrestag ihrer Gründung. Und deshalb erlauben Sie mir, auch im Namen der Angehörigen der Burgwache, Ihnen meine aufrichtigen Glückwünsche zu senden. Wir wünschen Ihnen viel Kraft, Elan und steten Optimismus bei der Erfüllung aller Ihrer dienstlichen Pflichten und Aufgaben. Ich schätze unsere Zusammenarbeit sehr, die in der Zeit von Oberstleutnant Marcus Göttelmann begann, aber auch Ihren persönlichen Einsatz und den des Kommandos Ihrer Einheit in der Weiterführung und Vertiefung unserer gegenseitigen Beziehungen. Dies alles trägt zur beiderseitigen Entwicklung des Erfahrungsaustausches bei. Obwohl unsere Abteilungen organisatorisch unterschiedlich sind, so ähneln sie sich doch im Bereich der Erfüllung und Sicherung der protokollarischen Pflichten und in der Ausbildung der Soldaten.

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Deshalb begrüße ich die Weiterentwicklung unserer Zusammenarbeit, die sich sehr positiv auf die dienstlichen wie auch persönlichen Beziehungen auswirkt und ebenfalls zum Verständnis der Kultur unserer Länder beiträgt. Ich wünsche Ihnen und Ihren Kollegen eine schöne Jubiläumsfeier zum 55. Jahrestag der Gründung des Wachbataillons, viel Erfolg im Dienst, eine feste Gesundheit und viel Glück im persönlichen Leben.

Mit freundlichen Grüßen der Kommandant der Burgwacht Oberst Ing. Radim Studeny


Grußwort des Kommandeurs des Wachbataillons 55 Jahre Wachbataillon BMVg

Semper talis: Oberstleutnant Michael Krobok.

55 Jahre Wachbataillon beim Bundesministerium der Verteidigung. Für diesen besonderen Anlass ist es uns allen eine Verpflichtung und Freude, nicht nur eine umfangreiche Festschrift zu erstellen, sondern auch das Jubiläum in einem würdigen Rahmen zu feiern.

Auch wenn zukünftig Berlin der erste und einzige Dienstort des Wachbataillons BMVg sein wird, so bleiben wir im Geiste und natürlich durch die bestehende Patenschaft zur Stadt Siegburg weiterhin eng verbunden.

Ich danke an dieser Stelle allen Soldatinnen und Soldaten sowie allen Freunden des Bataillons, die diese Festschrift mit unterstützt haben. Es ist ein unterhaltsamer Abriss der Geschichte des Wachbataillons BMVg entstanden, der hoffentlich für jeden etwas bereithält.

Ich danke allen Angehörigen, Aktiven und Ehemaligen, besonders meinen Vorgängern im Amt für ihre Leistungen, Einsatzbereitschaft und Treue zum Bataillon. Sie alle haben nicht nur Anteil an der Geschichte des Bataillons, sondern besonders auch daran, dass sie mit Leben gefüllt wird. Semper talis!

Ich freue mich, dass es uns mit freundlicher Unterstützung der Stadt Siegburg gelungen ist, die Feierlichkeiten in Siegburg durchzuführen. Siegburg war lange die Heimat von zahlreichen Soldatinnen und Soldaten des Wachbataillons BMVg. Insofern werden wir die gemeinsamen Stunden mit den Bürgerinnen und Bürgern der Stadt Siegburg bei einem Appell und dem Sommerfest genießen.

Michael Krobok Oberstleutnant und Kommandeur des Wachbataillons BMVg




55 Jahre Wachbataillon Die 1950er Jahre

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Foto: IMZ / GĂźnther Oed

Alles muss sich in einer klaren Linie befinden – und das von Anfang an.

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Foto: Bundesregierung / Georg Munker

„Nun fahrt mal schön!“: Bundespräsident Theodor Heuss und sein Fahrer Otto Maier vor der Villa Hammerschmidt.

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Foto: Archiv Wachbataillon

Das Wachbataillon marschiert 1959 unter den Augen der Bevรถlkerung von Wesel in die Stadt ein.

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Foto: Archiv Wachbataillon

Er hat alles im Blick oder, wie es unter dem Bild vom Juli 1958 in der Chronik des Wachbataillons heißt: „Kleiner Mann – scharfe Kritik“.

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Foto: Archiv Wachbataillon

Oberstleutnant Koch meldet das Wachbataillon bei US-Pr채sident Dwight D. Eisenhower und Bundeskanzler Konrad Adenauer ab.

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Foto: Archiv Wachbataillon

Das Wachbataillon verlegt 1959 zu einer Übung mit seinem Ford LKW, auch bekannt als „NATO-Ziege“

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Foto: Archiv Wachbataillon

Auf dem freien Feld ist jede Deckungsmรถglichkeit wichtig und muss genutzt werden.

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Foto: Archiv Wachbataillon

Die Bergziege Moritz: Es gab Moritz I und Moritz II. Welcher Moritz ist hier zu sehen?

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Foto: Archiv Wachbataillon

Ein Unteroffizieranw채rter geht mit seinem M1Carabine hinter einem Baumstamm in Deckung.

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Kleine Geschichten am Rande... Erinnerungen an kleine Missgeschicke Wenn Luftwaffenblau auf Gebirgsjägergrün trifft In den sechziger und siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts pflegte die „Fünfte“ einen partnerschaftlichen Kontakt mit der Ortsgruppe Köln der ehemaligen Gebirgsjäger. Diese Gruppe hatte wieder einmal Besuch einer Südtiroler Abordnung und ein fröhlicher Kameradschaftsabend mit weiteren Gästen in der Uffz-Bar der Kompanie gehörte zum Programm. Gast war auch der stellvertretende Chef des Stabsmusikkorps, ein Hauptmann, zu dessen Hobbies das Bergsteigen gehörte. Was lag also näher, als sein Kletterseil zu holen und diesem Kreis das Abseilen aus der im 1. Stock gelegenen Bar zu empfehlen. Gesagt, getan. Einer nach dem anderen seilte sich aus dem Fenster ab, welches über dem Dienstzimmer des

Luftwaffenblau voran beim Schah 1967 besuchte der Schah von Persien, Mohammed Resa Pahlewi, Deutschland. Da seine große Vorliebe für die Luftfahrt allgemein bekannt war, machte der damalige Kompaniechef der 5. Kompanie dem Kommandeur Oberstleutnant Carl Ludwig Blumenthal einen Vorschlag, der in der Geschichte des Bataillons einmalig bleiben sollte: Die normale Formationsreihenfolge Heer, Marine, Luftwaffe solle umgekehrt werden. Aus diesem Vorschlag wurde rasch ein Befehl. Antreteplatz eisfrei! – Jawoll, Herr Feldwebel! Wie immer hatten wir damals die Protokollausbildung im IV. Quartal des Jahres. Es war sehr winterlich und vor allem sehr glatt auf den Wegen. Als ich vom Mittagessen zurückkam, hatte einer meiner Feldwebel die gesamte Kompanie vor dem Kompaniegebäude antreten lassen. Plötzlich hörte ich seine sonore Stimme: „In die Unterkünfte wegtreten, Marsch, Marsch!“ Ich traute meinen Augen nicht – und dies bei Glatteis. Die Soldaten verschwanden, wie im Wachbataillon üblich, im Laufschritt in ihren Unterkünften. In meinem Dienstzimmer angekommen, rief ich den Feldwebel zu mir und erklärte ihm, sicherlich etwas lauter, dass ich bei Glatteis so etwas nie mehr sehen möchte – es könnte sich ja einer der Soldaten bei einem Sturz verletzen. Der Feldwebel

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Spießes lag. Dieser selbst kam als einer der letzten an die Reihe und als er die Höhe seines Zimmers erreicht hatte, verlor er ein wenig den Halt und die anderen hörten ein lautes Klirren: er hatte die Fensterscheiben seines Dienstzimmers eingetreten. Aber davon ließ sich an diesem schönen Abend keiner die Laune verderben! Aber am nächsten Morgen stand bei der Parole ein zornentbrannter Spieß vor der Kompanie und erheischte Auskunft darüber, wer es gewagt hatte, in der Nacht die Scheiben seines Dienstzimmers einzuwerfen. Erstaunlicherweise blieben alle Ermittlungsversuche ergebnislos.

Erinnerung von Brigadegeneral a. D. Bodo Blaas, in der Fünften von 1967 bis 1973. Letzte Verwendung: Kompaniechef.

So marschierte die Ehrenformation für den Schah dann in der Reihenfolge Luftwaffe, Marine, Heer auf dem Flughafen Köln-Wahn ein. Nachdem der Einsatz beendet war, musste sich der Kommandeur allerdings der starken Kritik des Protokolls stellen. Es dürfte daher nicht nur das erste, sondern auch das letzte Mal in der Geschichte des Wachbataillons gewesen sein, dass die Luftwaffe eine solche Ehrenfor­mation angeführt hat. Erinnerung von Stabsunteroffizier Thomas Gödt

versicherte mir, dass dies nicht mehr vorkommen werde. Einige Tage später, bei unveränderter Witterung, fand ich die Kompanie wieder zwischen den Unterkünften angetreten vor, die Leitung hatte wieder derselbe Feldwebel. Die erste Reihe der Soldaten war mit Schaufel und Hacken, die zweite und dritte Reihe war mit Kehrblech und Eimern ausgerüstet. Unter Leitung des Feldwebels machte man den Antreteplatz eisfrei. Etwa 20 Minuten später hörte ich wieder das Kommando des Feldwebels: “In die Unterkünfte wegtreten, Marsch, Marsch. Jetzt gibt es kein Eis mehr und deshalb kann wieder gelaufen werden.“ Erinnerung von Oberstleutnant a. D. Jochen Deeg, in der Fünften von 1979 bis 1983. Letzte Verwendung: Kompaniechef.


Foto: Archiv 5. Kompanie

Nicht jeder, der in die Luft geht, ist ein Ăœberflieger.

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Besuch bei der Familie in Uniform

Verteidigungsminister Volker Rühe als Ehrengast zur Unteroffizierverabschiedung: Vom Wachbataillon lernen, heißt Motivation lernen

November 1992, es ist kalt in Siegburg. Plötzlich fahren drei Staatskarossen des Verteidigungsministeriums vor dem Gebäude der 3. Kompanie des Wachbataillons vor. Die Fahrzeuge halten an. Verteidigungsminister Volker Rühe und sein Sicherheitspersonal steigen aus. Was war geschehen?

ernde Absagen und eine Zusage. „Nachdem mein Adjutant mir von der Anfrage durch die Soldaten erzählte, sagte ich spontan zu“, erinnert sich Volker Rühe. „Schließlich gehörte das Wachbataillon für mich ein Stück weit zur Familie“.

Im Wachbataillon werden altgediente Soldaten nach Ende ihrer Dienstzeit mit einem großen Fest aus ihrer Kompanie verabschiedet. Im kalten November 1992 wollten drei Unteroffiziere der 3. Kompanie, die zwischen acht und zwölf Jahre im Wachbataillon gedient hatten, mehr als nur einen Grillabend oder ein gemütliches Beisammensein. Sie wollten sich persönlich bei „ihrem Arbeitgeber“ verabschieden. Es sollte ein Fest werden, bei dem die Vorgesetzten des Wachbataillons aus der Politik anwesend sein sollten, darunter Bundespräsident Richard von Weizsäcker, Bundeskanzler Helmut Kohl – und eben Verteidigungsminister Volker Rühe. Die Einladungskarten wurden verschickt und zur Überraschung der drei Unteroffiziere bekamen sie von allen angeschriebenen Personen eine Antwort: zwei bedau-

Verabschiedung im kleinen Rahmen

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Die drei Unteroffiziere wollten damit nicht ins Fernsehen – sie wollten einfach im kleinen Kreis den „obersten Chef“ zu Kaltgetränk und lockerem Gespräch begrüßen. Volker Rühe war da erst ein halbes Jahr im Amt: „Ich habe in dem Moment auf mein Bauchgefühl gehört und wollte die Gelegenheit nutzen, die Jungs kennenzulernen, die so viel Eigeninitiative zeigten“, erzählt der ehemalige Verteidigungsminister. Die Verabschiedung sollte im Kreis der langjährigen Wegbegleiter im Unteroffizierraum der Dritten stattfinden. „Der Moment rückte näher und die Nervosität stieg“, erinnert sich Stabsfeldwebel Michael Jansen, ehemaliger Kompaniefeldwebel der 3. Kompanie.


Foto: Archiv Generalanzeiger Bonn

„Tag, Herr Minister“: Gemeinsam mit dem Kommandeur des Wachbataillons, Oberstleutnant Hans-Jürgen Sengespeick, schreitet Verteidigungsminister Volker Rühe vorbei an den Gardisten des Wachbataillons in der Brückberg-Kaserne in Siegburg.

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…oder ganz kurz: K98k!

Der Infanteriegriff im Wandel der Zeiten

„Altbacken“, „verstaubt“, „ewig gestrig“ – oder: die „letzte Bastion des preußischen Militarismus“. Das sind nur einige Formulierungen, die manchmal fallen, wenn es um den Ehrendienst des Wachbataillons geht. Warum? Erst einmal unterscheidet sich der deutsche Protokollsoldat mit seinem Gewehr wesentlich von seinen Kameraden anderer Nationen, allein schon in Sachen Bewaffnung. Während die meisten Gardeeinheiten dieser Welt zu einem modernen Sturmgewehr greifen, holt der Angehörige des Wachbataillons einen „Karabiner 98 kurz“ aus seiner Waffenkammer. Oder ganz kurz: „K98k“. Diese Waffe wurde das erste Mal 1934 gefertigt und ist heute aus der weißbehandschuhten Hand des Gardisten nicht mehr wegzudenken. Denn nur mit dem K98k lässt sich der Infanteriegriff durchführen. Der hat seine Wurzeln im siebzehnten Jahrhundert. Als Krone dieses Infanteriegriffes gilt der Präsentiergriff – eine Art Salutieren mit Gewehr. Dieser Präsentiergriff als Ehrbezeugung hat seine Wurzeln in der Kontrolle der Waffen durch den Ausbilder. Der Soldat präsentiert dem direkten

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Vorgesetzten die Waffe, damit dieser sich davon überzeugen kann, dass sie ungeladen ist. Später wurde das auch auf höhere Vorgesetzte übertragen, zum Beispiel den Bataillonskommandeur – als eine besondere Ehrenbezeigung. Über die Jahre hinweg wurde daraus eine Geste des Respekts nicht nur gegenüber den militärischen Vorgesetzten. Zuerst waren es Fürsten und Adelige, dann Könige und Kaiser – und heute sind es Präsidenten, Minister und gekrönte Häupter, die sich vom Ladezustand der Waffe überzeugen können. Heute ist der Präsentiergriff aus dem internationalen Protokoll nicht mehr wegzudenken. Der deutsche Infanteriegriff entstand also aus dem Gewehrexerzieren heraus –mit dem Ziel, seinen Vorgesetzen die entladene Waffe zu zeigen. Angefangen hat das mit einer Muskete und entwickelte sich über den Karabiner 98 bis zu der modifizierten Version, Karabiner 98 kurz. Oder kurz: K98k. Da sich diese Waffen in ihrer Form nicht wesentlich unterschieden, wurde der Infanteriegriff auch über Jahrhunderte hinweg kaum verändert. Man hat das Gewehr am


Foto: Arno Kehrberg

Der erste Schritt zum Präsentiergriff. Vorher hatte der Soldat das Gewehr an der Schulter und schlägt auf das Kommando „Achtung präsentiert das Gewehr“ mit der rechten Hand an den Kolbenhals.

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Foto: Archiv 5. Kompanie

Foto: Bundesregierung / Klaus Lehnartz

Soldaten des Ehrenzuges präsentieren das Gewehr zur Flaggenparade.

Früher wie heute: der Präsentiergriff als Ehrbezeugung für hohe

Foto: Arno Kehrberg

Persönlichkeiten – wie hier für Bundespräsident Heinrich Lübke.

Stilvoll und elegant gegriffen: Hochmotiviert und konzentriert stehen die Soldaten in der Ehrenformation.

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55 Jahre Wachbataillon Die 1960er Jahre

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Foto: Bundesregierung

Staatsempfang vor dem Bonner Bahnhof für König Paul I. und Königin Friederike von Griechenland.

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Foto: Bundesregierung / Gerhard Heisler

Bundespräsident Heinrich Lübke empfängt Königin Elizabeth II. von Großbritannien und Nordirland bei ihrer Ankunft auf dem Flughafen Köln-Wahn mit militärischen Ehren.

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Foto: Bundesregierung / Egon Steiner

Bundeskanzler Konrad Adenauer empfängt US-Präsident John F. Kennedy bei dessen Ankunft auf dem Flughafen Köln-Wahn.

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Foto: Bundesregierung / Gerhard Heisler

Bundeskanzler Ludwig Erhard empfängt den französischen Staatspräsidenten Charles de Gaulle bei dessen Ankunft auf dem Flughafen Köln-Wahn.

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egierung / Ludwig Wegmann Foto: Bu

Theo Burauen, Oberbürgermeister der Stadt Köln, fährt mit Königin Elizabeth II. von Großbritannien und Nordirland im offenen Wagen durch die Stadt.

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Foto: Bundesregierung / Simon Müller

Zivil-militärische Zusammenarbeit: Bundespräsident Heinrich Lübke im Soldatengespräch – vor der Ankunft eines Staatsgastes auf dem Flughafen Köln-Wahn.

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Foto: Bundesregierung / Ludwig Wegmann

„Ich bin ein Berliner“: US-Präsident John F. Kennedy (rechts neben ihm im Wagen der Regierende Bürgermeister von Berlin, Willy Brandt, und Bundeskanzler Konrad Adenauer) wird 1963 von der Berliner Bevölkerung begeistert empfangen.

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Foto: Bundesregierung / Georg Munker

Die noch junge Bundeswehr hat sich erfolgreich in das westliche Verteidigungsb端ndnis eingereiht: NATO-Standarte an einem Dienstwagen.

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Foto: Bundesregierung / Egon Steiner

Die Regeln des Wachbataillons kennt nicht jeder: „Niemand fährt ohne Licht durch die Formation!“

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Als Graf Eulenburg ein Hoch ausbrachte auf das Wachbataillon: „daß es weitergeht…“ Aus dem „Semper talis Nachrichtenblatt“ Nr. 3 (Juli 1961)

Dem Treffen unseres Semper-talis-Bundes am 13. und 14. Mai diesen Jahres kommt eine besondere Bedeutung zu; es war für alle Teilnehmer ein großes und erhebendes Erlebnis. Es begann am 13. Mai, 10.00 Uhr in Siegburg, in der Kaserne des Wachbataillons beim Bundesverteidigungsministerium, mit der Übergabe der Tradition des Ersten Garderegiments zu Fuß an das Wachbataillon. Seit Jahr und Tag hatten Kameraden der Landesgruppe Rheinland, insbesondere der 2. Bundesvorsitzende M. Grimminger, Oberst a. D. v. Westernhagen und Major a. D. Bergmann die Verbindung zum Wachbataillon hergestellt, hatten sie enger und enger gestaltet und schließlich gemeinsam mit dem Kommandeur, Oberstleutnant Koch, den Boden für die Traditionsübergabe bereitet. Das Wachbataillon nutzte die Gelegenheit des „Tages der Offenen Tür“, der befehlsgemäß am Sonntag, dem 14. Mai stattfand, um dem Semper-talis-Bund schon am 13. „die Tür zu öffnen“. 9.45 Uhr trafen rund 180 Kameraden in der Kaserne ein und wurden auf den Appell- und Paradeplatz des Bataillons geleitet, wo sie zwei Glieder tief auf dem linken Flügel und im rechten Winkel zur Front der Truppe Aufstellung nahmen. Der Kommandeur begab sich mit unserem 1. und 2. Bundesvorsitzenden, mit unserem Schirmherrn, S. K. H. dem Fürsten von Hohenzollern, dem Graf zu Eulenburg und dem Oberst v. Westernhagen zur Unterzeichnung der Übergabe-urkunde in das Bataillons-Geschäftszimmer. Währenddessen marschierte die 2. Kompanie des Wachbataillons im Paradeanzug, unter klingendem Spiel des Musikkorps, auf den Paradeplatz. Als Oberstleutnant Koch und unsere

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Herren aus dem Geschäftszimmer kamen, meldete der Chef der 2. Kompanie, Hauptmann Falkenstein, die Kompanie unter präsentiertem Gewehr; und nun schritten Graf Eulenburg und Oberstleutnant Koch, gefolgt von den anderen Herren, die Front der Kompanie ab. – Wie nun unser Graf, geschmückt mit dem Orden Pour le Mérite mit Eichenlaub, langsam die Front abschritt, jedem der jungen Soldaten in die Augen blickte, jeden der eingetretenen Offiziere mit einer leichten Verbeugung grüßte und wie er dann, nachdem die Kompanie Gewehr abgenommen hatte, uns – seine alten Kameraden – begrüßte, das ging uns allen so zu Herzen, dass mancher sich der Tränen nicht erwehren konnte. Und die jungen Grenadiere empfingen von dem 90jährigen, hoch verdienten Offizier und Regimentskommandeur des ersten Weltkrieges einen tiefen Eindruck. Dann traten die genannten Herren in die Mitte des Platzes. Dort richtete zunächst der 1. Bundesvorsitzende, Kamerad Oberstleutnant a. D. v. Alvensleben, ein paar kurze Worte an die vor ihm stehende Kompanie. Sie lauteten: „Meine Kameraden! Es erfüllt mich mit Stolz und Freude, dass ich als 1. Vorsitzender des Semper-talis-Bundes hier vor Ihnen stehen und zu Ihnen sprechen darf. Jahrelang haben wir diese Feierstunde ersehnt und oft um sie gebangt. Heut ist sie nun Wirklichkeit geworden. Der Semper-talis-Bund hat es seit seinem Bestehen stets als seine Hauptaufgabe betrachtet, die Überlieferung unseres stolzen, ruhmreichen Ersten Garde-Regiments zu Fuß in Treue zu bewahren und zu pflegen! Wie lange wir das noch können, steht in Gottes Hand. Es ist aber unser Wunsch und Wille, dass das auch nach uns noch weiterhin geschieht.


Foto: Arno Kehrberg

Ehrendegen des Generals Johann Karl Wolff Dietrich von Mรถllendorf.

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Foto: Arno Kehrberg

Foto: Arno Kehrberg

Der Paradehelm für Mannschaftssoldaten „Garde du Corps“.

Pokal des scheidenden Kommandeurs des

Foto: Arno Kehrberg

5. Westfälischen Infanterieregiments 53.

Originale und nachgefertigte Semper-talis-Mützen und Nachbildungen der Grenadiermütze des königlichen Regiments.

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Hauptgefreiter Stumpf kommt ins Museum

Der HG Stumpf, Alexander Gabriel mit Vornamen und Hauptgefreiter im Dienstgrad, riecht an seinem Feldanzug. Kein Rauch mehr zu erschnüffeln. Das Lagerfeuer vom Biwak im letzten Jahr hat keine nachhaltigen Geruchsspuren hinterlassen. Der HG Stumpf guckt sich an, was der Doktor Berger, Heiko mit Vornamen und wissenschaftlicher Mitarbeiter im Militärhistorischen Museum, so aus dem Magazin herbeigeschafft hat. Da, wo der HG Stumpf jetzt für zukünftige Ausstellungen gelagert ist – mit allem, was er so am Mann getragen hat, als der OLt Szczepanski, Jacub mit Vornamen und Oberleutnant im Dienstgrad, ihn im vorigen Sommer ausgezogen hat: der gesamte Feldanzug. Aber auch, was er damals im Juni nicht am Mann getragen hat, was aber zu einem der letzten Wehrpflichtigen der Bundeswehr gehört hat und irgendwann einmal künftige Generationen im Dresdner Museum besichtigen können: Das Essbesteck und die langen Unterhosen für den Winter, Overalls und T-Shirts, Hosengummis und Kampfstiefel. Der Bataillonscoin, Koppel und ProtokollStiefel. Die komplette Prott-Ausrüstung aller drei Teilstreitkräfte einfach. Nur der Karabiner nicht. Und die Waffen nicht, mit denen der HG Stumpf geschossen hat. Die hätte der Doktor Berger auch noch sehr, sehr gerne – weil sich die Geschichte vom HG Stumpf direkt damit verbindet. Und es müssen schon die Waffen sein, die er selber in der Hand gehalten hat. Da ist der Doktor Berger eisern. Der HG Stumpf probiert, ob der Hosengürtel vom letzten Jahr noch passt. Er passt. Er hat sich gut gehalten, im Wachbataillon, in das er 2011 eingezogen wurde. Er ist kräftiger geworden, aber am Bauch hat er abgenommen. Das Protten hält fit. Die Uniformteile sind genauso ins Magazin gegangen, wie der HG Stumpf sie damals dem OLt Szczepanski übergeben hat. Also ungewaschen. ohne chemische

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­Reinigung. Die sollen genauso so sein wie damals – und dem Forscher die Frage beantworten helfen: hat der Stumpf, Alexander Gabriel, als einer der letzten Wehrpflichtigen eine militärhistorische und zeitgeschichtliche Person, Stress gehabt und wenig Schlaf? „Das ist Sozialgeschichte“, sagt der Militärhistoriker Berger, „Früher hätte man Waffenkunde betrieben – heute fragen wir nicht ausnahmsweise‚ von welchem Hersteller ist die von ihm getragene Unterwäsche?“ Das ist eben nicht egal. Das ist Forschungsmaterial für die Zukunft. Und wenn der Feldanzug nicht nach BiwakLagerfeuer riecht, vielleicht sind ja Tiere, wie Insekten oder Tierhaare dran? Mit bloßem Auge auf jeden Fall jetzt nicht zu erkennen. Die Augen des Soldaten und des Historikers sind jetzt auch auf die Akte Stumpf gerichtet. Da ist die allererste Nachricht vom Kreiswehrersatzamt abgeheftet und das persönliche Schreiben vom Chef der Siebten: er freut sich auf seine letzten Grundwehrdienstleistenden wie den HG Stumpf und sie sollen sich schon auf das Gelöbnis vorbereiten. Da sind Schießbefehle für künftige Historikergenerationen und Museumsbesucher und da ist das ganz persönliche, sehr private Schriftgut, was den HG Stumpf dann doch von den beiden anderen letzten Wehrpflichtigen unterscheidet, die der Doktor Berger damals vom Oberleutnant Szczepanski für die Museumsmagazine einsammeln ließ. Den klassischen Keller gibt es in Dresden übrigens nicht. Da würde man eher die feuchte Luft oder die Mäuse vermuten, sagt der Doktor Berger. Er wacht über spezielle Magazine – Ich arbeite als Museumspädagoge. Die Ausrüstung der drei Soldaten liegt in der Sammlung Uniformen. Also die Ausrüstung eines Panzergrenadiers aus Marienberg, eines Angehörigen des Zentrums Operative Information aus Mayen – und eben die vom HG Stumpf. Uniformen aller drei Teilstreitkräfte hat natürlich nur ein Gardist ans Museum abzugeben.


Foto: Arno Kehrberg

Vor den Ausstellungsst체cken des Milit채rhistorischen Museums. Von links nach rechts: Oberleutnant Jacub Szczepanski, Hauptgefreiter Alexander Stumpf und Dr. Heiko Berger

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Foto: Arno Kehrberg

Dr. Heiko Berger, Oberleutnant Jacub Szypanski und Hauptgefreiter Alexander Stumpf

Vom Biwakplatz in das Militärhistorische Museum.

Foto: Arno Kehrberg

Foto: Arno Kehrberg

schauen sich die Unterlagen, welche den Ausrüstungsgegenständen beiliegen, an.

Ausstellungsstücke für die Zeit nach der Wehrpflicht: Uniformteile des Hauptgefreiten Stumpf.

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Foto: Arno Kehrberg

Foto: Arno Kehrberg

Das Namensschild ist auch noch an der Feldjacke –

der Kampfrucksack, mit Schlafsack – und den restlichen Kleidungsstücken.

genau wie das „Kompaniewappen“ auf dem rechten Oberarm.

Foto: Arno Kehrberg

Alle Ausrüstungsgegenstände sind noch vorhanden:

Klaus Pokatzky im Interview mit dem wissenschaftlichen Mitarbeiter des Militärhistorischen Museums, Dr. Heiko Berger.

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55 Jahre Wachbataillon Die 1970er Jahre

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Foto: Bundesr gierung / Detlef Gräfingholt

Bundeskanzler Willy Brandt empfängt Leonid Breschnew, Generalsekretär der KPdSU, mit militärischen Ehren auf dem Flughafen Köln-Wahn.

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ineke b i Foto: B n

Bundespräsident Gustav Heinemann gemeinsam mit König Gustaf VI. Adolf von Schweden bei dessen Ankunft auf dem Flughafen Köln-Wahn.

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Foto: Bundesregierung

Mit Schirm, Charme und Melone: Bundeskanzler Willy Brandt mit Siaka Stevens, dem Pr채sidenten von Sierra Leone.

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Foto: Bundesregierung / Engelbert Reineke

Bundespräsident Gustav Heinemann empfängt den indonesischen Präsidenten Hadji Mohamed Suharto bei dessen Ankunft auf dem Flughafen Köln-Wahn mit militärischen Ehren.

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Foto: Bundesregierung / Engelbert Reinecke

Bundespräsident Gustav Heinemann schreitet mit Juliana, Königin der Niederlande, bei deren Ankunft auf dem Flughafen Köln-Wahn die Ehrenformation ab.

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Foto: Archiv Generalanzeiger Bonn

Volksfeststimmung beim GroĂ&#x;en Zapfenstreich auf dem Marktplatz in Siegburgs Innenstadt.

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Foto: IMZ / Rademacher

„Im Gleichschritt, Marsch!“

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Foto: Archiv Generalanzeiger Bonn

Wer vergisst, seine Stiefel zu tauschen – der schiebt in Protokollstiefeln Wache.

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Foto: Bundesregierung / Detlef Gräfingholt

Bundespräsident Gustav Heinemann empfängt die dänische Königin Margrethe II. vor dem Schloss Augustusburg mit militärischen Ehren.

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Kleine Geschichten am Rande... Erinnerungen an kleine Missgeschicke „Meine Soldaten sind keine Schneider“ In materieller Hinsicht vollzog sich das Wachstum etwas zügiger, wenngleich auch hierbei so einiges an „Sand im Getriebe“ war – und ich selbst zeitweise als „Handelsvertreter in Sachen militärischer Ausrüstung“ unterwegs sein durfte, vorwiegend beim Führungsstab der Luftwaffe und beim Materialamt der Luftwaffe. Bei letzterem musste ich fast jedem Gesprächspartner erst mal etwas über das Wachbataillon erzählen, und weil die Gesprächspartner davon gar nichts oder nur herzlich wenig wussten, fiel es auch nicht auf, wenn ich mal etwas „dicker“ auftrug, um meine Anliegen zügiger durchzusetzen. Es gab dabei schon einige „Knackpunkte“, von denen ich einen besonders markanten erwähnen möchte. Da ging es zum Beispiel um die Uniform (Blauzeug), die alles andere als einigermaßen ansehbar war. Ich konnte erwirken, dass eine „Experten-Kommission“ aus Uniformierten und Zivilisten in der Kaserne erschien, um sich vor Ort vom Zustand der Bekleidung zu informieren.

Sonderzug aus Baden-Baden: Dirigieren über Bahnsteig 1 Einer meiner ersten Einsätze führte mich auf den Bonner Bahnhof am 31.01.1974 zum Empfang des Staatspräsidenten von Zaire, General Mobutu, mit Sonderzug aus Baden-Baden eintreffend. Soweit ich weiß, der einzige Einsatz des Wachbataillons auf dem Bahnhof überhaupt. Danach waren wir uns einig: nie wieder. Es war sehr eng, sehr laut, sehr farbenfroh,

Truppenübungsplatz – mit Nickerchen auf Stube Bei einem Übungsplatzaufenthalt im Truppenlager Lehnin herrschte nach etwa drei bis vier Tagen eine recht angespannte Stimmung unter den Stammsoldaten. Während einer Übungslage befand sich der IV. Zug in der Streifenausbildung. Der Zugführer, Hauptfeldwebel F., übernahm selbst eine Streife und wurde während des Streifenweges auf den Kompaniefeldwebel aufmerksam gemacht. Dieser befand sich zu einem kleinen Nickerchen, es war gut 15:00 Uhr, auf seiner Stube. Schon leicht bekleidet im Schlafkostüm legte der Kompaniefeldwebel, von den Strapazen der Tage

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Vor diesem erlauchten Kreis ließ sich also eine Art Modenschau inszenieren, wobei ein paar Soldaten natürlich in die „delikatesten“ Uniformstücke gekleidet wurden. Na ja, das ging so eine Weile ziemlich zähflüssig hin und her, bis ein Kommissionsmitglied meinte, schließlich könnten die Soldaten ja auch mal etwas ausbessern oder nähen. Da war für mich der Moment gekommen. Mit den Worten: „Meine Männer sind schließlich Soldaten – und keine Schneider!“ verließ ich abrupt die Stätte unter Zurücklassung einiger verdutzt dreinschauender Kommissionäre. Ich muss gestehen, dass es mir unmittelbar danach nicht so ganz wohl zumute war und ich der Dinge harrte, die da wohl kommen sollten. Und sie kamen sehr bald – in Form recht ansehnlicher Bekleidung in tadellosem Zustand für die gesamte Kompanie!

Erinnerung von Oberstleutnant a. D. Christian Remke, in der Fünften von 1959 bis 1963 erster Kompaniechef.

sehr exotisch bis hin zu einer kongolesischen Musikgruppe, die dem Stabsmusikkorps Konkurrenz machte. Für mich als damals noch junger Chef eine Herausfor­derung, Kompanie und Stabsmusikkorps über Bahnsteig 1 zu „dirigieren“.

Erinnerung von Brigadegeneral a. D. Peter Röhrs, in der Fünften von 1973 bis 1976. Letzte Verwendung: Kompaniechef.

gezeichnet, sich in sein Bett. Schnell noch ein paar Kohlestücke in den Ofen... Doch dann stürmte ein Trupp die Stube des Kompaniefeldwebels und riss diesen aus seinen schönsten Träumen. Vom Überfall gezeichnet, kam der Kompaniefeldwebel zu Sinnen, doch der Trupp war über alle Berge. Geschockt von den Ereignissen, suchte der Kompaniefeldwebel die Störer – doch diese wurden bis heute nicht gefunden. Erinnerung von Hauptfeldwebel Kai Stobbe, in der Fünften von 1997 bis 2008. Letzte Verwendung: Kompanietruppführer.


Foto: Archiv Wachbataillon

Nicht immer kommt alles so, wie man es sich gew端nscht hat...

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„Die Hölle heißgemacht…“

Reportage über die Wintex-Übung am Bunker Marienthal

Laut krächzen die Sirenen im Tunnel des Regierungsbunkers in Marienthal, dem Ausweichsitz der Bundesregierung. Innerhalb von Sekunden schließen sich die schweren Betontore der Schließanlage hinter den Bewohnern des Bunkers. Die Mitglieder des Notparlaments, das im Verteidigungsfall für die Regierungsfähigkeit der Bundesrepublik Deutschland verantwortlich ist, sind bereits nach einem Alarmplan in die Anlage gebracht worden. Nach einem atomaren Angriff ist die Kommunikation mit der Außenwelt so gut wie abgeschnitten. Man versucht, Kontakt zu den Nachbarstaaten aufzunehmen. Der Bundeskanzler bestellt sein Kabinett im Sitzungsraum für eine Krisensitzung ein. Alle führenden Ministerien sind vertreten; gemeinsam wird überlegt, wie der Erhalt der Bundesrepublik gesichert werden kann. So ähnlich dürften die Abläufe während der „Winter Exercise“, kurz „Wintex“, stattgefunden haben. Die NATO-Stabsrahmenübung wurde alle zwei Jahre durchgeführt. Ziel war es, das Szenario eines Atomkrieges so realistisch wie möglich darzustellen, um die Handlungsfähigkeit der Bundesregierung in einem Ernstfall sicherzustellen. Das Szenario war in Zeiten des Kalten Krieges für die meisten eine reale Bedrohung. Man ging davon aus, dass Truppen des Warschauer Paktes in Jugoslawien eingefallen waren. Nach Einmischung der NATO-Streitkräfte eskalierte die politische Lage und es kam zum Einsatz von Atombomben. „Man ging damals davon aus, dass nicht nur der Köln-Bonner Raum angegriffen wurde“, so Heike Hollunder, Leiterin der Dokumentationsstätte Regierungsbunker, „sondern dass nach einem atomaren Angriff in Mitteleuropa in Deutschland nur noch 3000 Menschen hätten überleben können.“ Der Regierungsbunker wurde so konzipiert, dass im Falle eines atomaren Angriffes 3000 Personen 30 Tage lang autark überleben konnten. Doch vieles basierte auf theoretischen Vermutungen. „Der Bunker war ohnehin nie sicher“, erklärt Frau Hollunder, „da die Waffenentwicklung so schnell voranschritt, dass man mit dem Nachrüsten der Bunkeranlage

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gar nicht hinterherkam.“ Anfang der 1960er Jahre gingen die Ingenieure noch von einer atomaren Sprengkraft mit 20 Kilotonnen aus, ähnlich der Nagasaki-Bombe im Zweiten Weltkrieg, auch, wenn die Sowjets damals schon bei der Erprobung einer 50-Megatonnen-Bombe waren, also einem Vielfachen dessen, wofür der Bunker ausgelegt war. Heike Hollunder: „Also hat man sich gesagt, wir glauben nicht, dass der Feind willens und in der Lage ist, uns mit diesen Waffen anzugreifen und den Bunker zu zerstören.“ Für die militärischen Einheiten außerhalb der Bunkeranlage, darunter auch die Kompanien des Wachbataillons beim Bundesministerium der Verteidigung, wäre dies ohnehin nur ein schwacher Trost gewesen. Sie hatten den Auftrag, die Außenanlagen des Bunkers zu sichern. „Die Soldaten des Wachbataillons durften niemals in den Bunker hinein, die waren ja nicht sicherheitsüberprüft“, erinnert sich Paul Groß, der als Techniker mehr als 36 Jahre in Marienthal gearbeitet hat. „Für die innere Sicherheit waren zivile Wachdienste und der Bundesgrenzschutz zuständig, die äußere Sicherheit übernahmen die Soldaten.“ Daran kann sich Günter Christiansen, Stabsfeldwebel a.D. und in jenen Jahren unter anderem Zugführer in der 3. Kompanie des Wachbataillons, gut erinnern. „Wir durften zwar nicht in den Bunker, waren jedoch trotzdem mit unserem Kommandeur drin“, schmunzelt Christiansen heute. „Wir wollten ja wissen, was wir überhaupt da draußen bewachen. Unser Kommandeur hat die Zugführer um sich versammelt, denen Kurierausweise gegeben und ist dann mit allen in das Innere des Bunkers rein.“ Christiansens eigentlicher Auftrag aber war die Sicherung des äußeren Verteidigungsringes – im Schwerpunkt beim Haupteingang Ost des Bunkers. Seit 1966 nahmen Soldaten des Wachbataillons regelmäßig an den NATO-Übungen teil. Ihre erste Übung wurde noch „Fallex“ genannt – für „fall exercise“: Herbstübung.


Foto: Sascha Kelschenbach

Der Regierungsbunker Marienthal bei Ahrweiler war daf체r ausgelegt, bei einem atomaren Angriff das Notparlament zu sichern. Heute ist der Regierungsbunker eine Dokumentationsst채tte.

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Foto: Archiv Generalanzeiger Bonn

Soldaten in der Sicherung bei der Gewässerüberquerung.

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Foto: Archiv Generalanzeiger Bonn

Foto: Archiv Generalanzeiger Bonn

Heeresflieger überwachen das Übersetzen von Teilen des Wachbataillons BMVg im Zuge der Übung „Sicheres Heim“.

Bei einigen Wintex-Übungen waren auch andere NATO-Staaten beteiligt.


Foto: Sascha Kelschenbach

Foto: Sascha Kelschenbach

Innerhalb von Sekunden schlieĂ&#x;en sich die schweren Betontore.

Foto: Sascha Kelschenbach

Ein Teil des Regierungsbunkers wurde zu Ausstellungszwecken erhalten.

Der Regierungsbunker wurde so konzipiert, dass im Falle eines atomaren Angriffs 3000 Personen 30 Tage lang autark Ăźberleben konnten.

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55 Jahre Wachbataillon Die 1980er Jahre

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Foto: Archiv Generalanzeiger Bonn

„Ich gelobe, der Bundesrepublik Deutschland treu zu dienen und das Recht und die Freiheit des deutschen Volkes tapfer zu verteidigen.“

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Foto: Bundesregierung / Ulrich Wienke

Eine Ehrenformation vor der Villa Hammerschmidt anl채sslich eines Staatsbesuchs.

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Foto: Bundesregierung / Engelbert Reinecke

Bundespräsident Richard von Weizsäcker (hinten rechts) und König Carl XVI. Gustaf (links neben ihm) sowie Marianne von Weizsäcker (vorne rechts) und Königin Silvia (links neben ihr) im Hof des Königlichen Schlosses in Stockholm beim Begrüßungszeremoniell.

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Foto: Archiv Generalanzeiger Bonn

Wir haben das Bild – doch uns fehlt die Geschichte... Wer kennt diese Frau?

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Foto: IMZ / Mathias Zins

In Linie angetreten, stehen die Soldaten des Wachbataillons zur Ausbildung bereit.

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Foto: Archiv Generalanzeiger Bonn

Bundespr채sident Richard von Weizs채cker und der Pr채sident der USA, George Bush.

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Foto: Archiv Lokalanzeiger Bonn

Ein trauriger Einsatz: Durchgeführt wird er trotz allem mit größter Sorgfalt.

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Foto: Bundesregierung / Julia FaĂ&#x;bender

Der rote Teppich wird vor der Villa Hammerschmidt eingerollt.

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Foto: Bundesregierung / Wolfgang Lemmerz

Bundespräsident Richard von Weizsäcker und Frederik Willem de Klerk, Präsident der Republik Südafrika, während des Begrüßungszeremoniells vor der Villa Hammerschmidt.

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Damit die Schiffe im Hafen sicher sind – und auf See natürlich auch

Die vierte Kompanie nimmt auch Aufgaben der Marineschutzkräfte wahr

Ein englisches Sprichwort sagt: „Ein Schiff im Hafen ist sicher. Aber dafür werden Schiffe nicht gebaut.“ Damit die Schiffe der Deutschen Marine in ihrem Hafen sicher sind, gibt es die Marineschutzkräfte, kurz MSK. Diese schützen die Einrichtungen der Marine an Land, in den Häfen, auf Reeden und in küstennahen Gewässern. Sie wirken gemeinsam mit anderen See- und Seeluftstreitkräften bei der Abwehr gegen Sabotage, terroristische und militärische Bedrohungen. Dies schließt streitkräftegemeinsame und multinationale Zusammenarbeit mit ein. Nach internationalen Militärstandards gliedert sich der Auftrag der Marineschutzkräfte in drei Elemente. Zum einen gibt es die Mobilen Schutzelemente – „Mobile Protection Element“. Sie werden zum Schutz auf Schiffen und Booten auf See eingesetzt. Ihre Anzahl variiert dabei je nach Schiffstyp. Auf einem Schnellboot werden bis zu vier Soldaten eingesetzt, auf einer Fregatte bis zu zehn. Je nach Auftrag können sie um schwere Waffen wie Maschinengewehre oder Scharfschützen ergänzt werden. Zum anderen gibt es die Schiff-Schutzeinheiten, nach internationaler Bezeichnung „Vessel Protection Detachments“. Sie werden als Schutzteams auf Handelsschiffen eingesetzt. Die von einem Offizier geführte Schutzeinheit wird von einem Rettungsassistenten begleitet und mit Hilfe eines Bordhubschraubers oder Beibootes auf das jeweilige Schiff übergesetzt. Als drittes Element kommen die Hafen-Schutzkräfte zum Tragen. In einer Stärke von 30 bis 40 Soldaten sorgen diese Kräfte für den Schutz von Schiffen und Booten im jeweiligen Hafen. Die Hafen-Schutzkräfte bestehen aus mindestens zwei Gruppen, um einen ständigen Rundum-Schutz des Schiffes zu gewährleisten. Des Weiteren betreiben die

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„Harbour Protection Elements“, so die internationale Bezeichnung, Checkpoints in dem zu schützenden Areal. Der infanteristische Kern wird hierbei durch diverse Spezialisten, wie Kraftbootfahrer oder Sprengstoffspezialisten sowie Taucher, die das Hafenbecken zum Beispiel nach Sprengladungen aufklären, gestellt. Es sei gesagt, dass die erst 2005 wiederaufgestellten Marineschutzkräfte ein eigener Verband sind, der sich mit Haupteilen in Eckernförde befindet. Die 4. Kompanie des Wachbataillons ist neben der Lehrgruppe B der Marineunteroffizierschule und den Spezialisierten Einsatzkräften der Marine die einzige Einheit, die die Aufgaben der Marineschutzkräfte wahrnehmen kann. Momentan nimmt die 4./WachBtl BMVg wie die anderen Kompanien des Wachbataillons die Aufgaben einer klassischen Infanteriekompanie im Wachbataillon wahr. Sprich, sie ist genau wie die beiden Luftwaffenkompanien im Objektschutz eingesetzt. Jedoch ungeachtet dessen spiegeln sich in der 4. Kompanie die Expertise und das Handwerkszeug der Truppengattung der Marineschutzkräfte wider, in denen die Offiziere sowie Unteroffiziere ihren Dienst zum Teil weltweit leisten, indem sie die Marineschutzkräfte bei Auslandseinsätzen mit Personal unterstützen. Derzeit befindet sich ein Infanteriezug der MSK im Rahmen des ISAF-Mandates in Afghanistan. Er bildet dort Polizeikräfte aus. Des Weiteren sind Einheiten der MSK in Zypern, im Libanon und im Kosovo eingesetzt. Sie füllen damit das gesamte Tätigkeitsfeld der Marine aus: von mobilen Schutzelementen über Hafen-Schutzelemente bis hin zu den Boardingteams der Schiffschutzeinheiten. Die 4./WachBtl BMVg zeigt damit, dass ihre Verbundenheit zur Marine nicht nur in der Sprache und Uniform liegt, sondern dass ihre Soldaten auch marinespezifische Aufgaben beherrschen. Kapitänleutnant Chris Schwarze, Stabsunteroffizier Thomas Gödt


Foto: Archiv 5 Kompanie

Marineschutzkr채fte an einem Checkpoint im Hafengel채nde.

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Semper talis in der Geschlechterfrage Drei Frauen im Protokolldienst

Bianca Duda war die Erste. 10. März 2011, abends, Bendlerblock in Berlin: der zurückgetretene Bundesminister der Verteidigung, Karl-Theodor zu Guttenberg, wird mit einem Großen Zapfenstreich verabschiedet. 306 Soldaten sind angetreten: darunter 104 Protokollsoldaten mit dem Karabiner, 60 Musiker, 123 Fackelträger – und eine Fackelträgerin, Bianca Duda. Ein halbes Jahrhundert lang haben nur männliche Soldaten den Karabiner gegriffen und die Fackeln getragen. Nun gibt es im Wachbataillon auch Stabsunteroffizier Bianca Duda, Stabsgefreite Johanna Pasek, Oberleutnant Wencke Sarrach und viele andere Frauen im Wachbataillon. Bianca Duda war die erste Frau, die an einem Großen Zapfenstreich teilnahm – direkt neben dem Podest, auf dem Karl-Theodor zu Guttenberg zwischen seinem Nachfolger Dr. Thomas de Maizière und dem Generalsinspekteur der Bundeswehr, General Volker Wieker, stand. Ihr alltägliches Arbeitsgerät ist aber nicht die Fackel, sondern der Computer. Sie ist die Personalbearbeiterin der 8. Kompanie und bearbeitet die Beförderungen und Weiterverpflichtungen von Soldaten in enger Zusammenarbeit mit der Kompanieführung.

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Sie muss darauf achten, dass alle Personalakten stets aktuell sind. Sie schreibt Befehle, damit die Soldaten pünktlich auf ihre Lehrgänge gehen können und ist Ansprechpartnerin für Kameraden, die versetzt werden sollen. Und sie ist die Gleichstellungsvertrauensfrau für den Bereich des Standortkommandos und somit auch für das gesamte Wachbataillon – das offene Ohr für alle, egal ob Mann oder Frau. Bianca Duda, die Allererste im Protokolldienst, hatte irgendwann genug davon, dass sie immer nur im Büro von den Einsätzen beim Bundeskanzleramt oder dem Bendlerblock mitbekam. Sie wollte selbst dabei sein: „Alle halfen mir, damit ich schnell und gut ausgebildet werden konnte.“ Ihre beiden Brüder sind Kriegsdienstverweigerer – und sehr stolz auf ihre Schwester. Stabsgefreite Johanna Pasek hat bei Einsätzen auch schon selbst den Karabiner gegriffen. Sie ist die erste vollausgebildete Protokollsoldatin der Bundeswehr und steht in der Ehrenformation des Wachbataillons im Bendlerblock, dem Berliner Sitz des Bundesministeriums der Verteidigung und empfängt mit ihrer Kompanie Staatsgäste. Neben dieser Aufgabe unterstützt sie noch den Personalbereich.


Foto: Bundesregierung / Jesco Denzel

Bundeskanzlerin Angela Merkel empf채ngt Doris Leuthard, Bundespr채sidentin der Schweiz, mit milit채rischen Ehren im Bundeskanzleramt.

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Foto: Hauptgefreiter Arno Kehrberg Foto: Marc Tessensohn

Foto: Hauptgefreiter Arno Kehrberg

Waffenausgabe muss sein: Ein fester Griff – und eine Minute später steht Stabsgefreite Johanna Pasek mit ihrem K98k draußen angetreten.

Alles soll perfekt sein – auch die Schuhe von Stabsunteroffizier

Der Staatsgast hat den Flughafen verlassen und somit kann Oberleutnant

Bianca Duda müssen auf Hochglanz poliert werden.

Wencke Sarrach mit ihrem Ehrenspalier wieder abmarschieren.

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Trauereinsatz

Wenn Du das Leid siehst…

Schaue bei der Trauerfeier immer geradeaus. Wenn Du als Protokollsoldat vor dem Schloss Bellevue oder dem Bundeskanzleramt stehst, kannst Du natürlich immer mal links oder rechts blinzeln. Bei der Trauerfeier nie. Da musst Du immer sowas von geradeaus schauen, das glaubst Du gar nicht. Auf keinen Fall darfst Du in die Gesichter der Menschen blicken. Da sitzt ja die Mutter von dem gefallenen Kameraden. Die Mutter, die rechts und links von ihren Kindern gestützt werden muss, weil ihr Sohn da jetzt im Sarg liegt. Oder die Frau, mit ihrem Kind, deren Mann da liegt. Da darfst Du nicht in die Gesichter sehen. Auch nicht dahin blinzeln. Da weinen die Leute und manchmal auch die Soldaten aus der Ehrenformation. Das ist ja ein kollektives Leid. Manchmal finden die Trauerfeiern ja in einer ganz kleinen Kirche statt. Da stehen dann drei Särge vor dem Altar – und Angehörige der Einheit von den gefallenen Kameraden stehen schon als Ehrenwache. Acht Soldaten pro Sarg. Und dann bekommst Du draußen ein Zeichen und marschierst im Gleichschritt zu drei Achtertrupps nach dem Gottesdienst in die Kirche. Dann siehst Du die Totenwache direkt an, da läufst Du ja drauf zu, die haben auch alle Tränen in den Augen. Dann solltest Du vorbei geradeaus schauen, auf den Altar hinten gucken. Ganz stur. Wo der Sarg mit der Flagge steht, mit dem Helm oben drauf. Und Du solltest Dich dann mit Deinem Schritt beschäftigen, für Dich mitzählen, um Dich abzulenken. Am Altar übernehmt Ihr dann den Sarg, innen Ihr Träger und außen die Ehrenwache. Im Hintergrund ist Orgelmusik, die Gäste stehen, beim Reinmarschieren haben sie noch gesessen, es herrscht jetzt absolute Ruhe. Dann kommt das Zeichen von einem von der Ehrenwache: Hebt an. Und jeder zählt mit im Kopf: 21, 22, 23, 24 – und dann ist der Sarg auf der Schulter. Und dann wird es im Saal richtig laut, und alle fangen an zu weinen. Und dann solltest Du Deinen Blick

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ganz heftig oberhalb der Sitzreihen richten. Bloß in kein Gesicht sehen. Und dann schwenkt die Ehrenwache hinter Euch ein und alle marschieren los. Draußen vor der Kirche werden dann die Särge direkt in den Leichenwagen abgelegt. An den großen Fernsehkränen vorbei, denn das Fernsehen ist ja draußen immer dabei. Und die Fahrer der Leichenwagen schließen die Türen und fahren ab. Das Tragen der Särge musst Du natürlich vor der Trauerfeier in der Kirche üben, wenn noch keiner da ist. Und dann hebst Du schon mal die Särge, damit Du Dich an das Gewicht gewöhnst. Das dauert Stunden, damit das klappt, damit die Geschwindigkeit stimmt, die Schritte gleich sind. Das muss immer wiederholt werden. Der Sarg ist ja sehr breit und dann kommen die Träger rechts und links dazu. Du musst den Sarg oft nach unten und oben bewegen, Du musst den Sarg öfter absetzen. Das musst Du unbedingt üben vorher, der Sarg muss ja gerade bleiben. Und dann ist die Tür von der Kirche noch sehr schmal, der Sarg muss runter genommen werden, seitlich gestellt werden, wieder hoch, am langen Arm getragen werden, Du musst Kurve laufen und dann die Kirchentreppe runter zum Leichenwagen. Mittlerweile ist es Standard, dass für Trauereinsätze ausgebildet wird: Sargträger und Kranzträger. Und Du sagst Dir, wenn Du übst: jetzt übst Du für etwas vor, wo Du hoffst, dass es nie stattfinden wird. Und den Kameraden, für den Du das jetzt machst, den kennst Du gar nicht – aber da wird einem erst mal Kameradschaft bewusst. Im Bataillon gibt es drei Übungssärge. Damit kannst Du schon vorher wegen der Schulterhöhe üben, damit der Sarg gerade getragen wird – auch mit Treppe und durch die Tür gehen. Es müssen ja auch alle einheitlich marschieren. Und dann werden da Ketten reingelegt, damit sie auch schwer genug sind. Die Särge nimmst Du dann mit zu dem Ort, wo die Trauerfeier stattfindet und mit denen übst Du dann erst einmal vor Ort,


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Foto: Mohammad Chibli


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Foto: Jacqueline Faller

Foto: Martin Stollberg

Foto: Jacqueline Faller


55 Jahre Wachbataillon Die 1990er Jahre

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Foto: Bundesregierung / Julia Faßbender

Der Ehrenpostenführer bei einem Staatsbesuch im Bundeskanzleramt, im Hintergrund das Reichstagsgebäude.

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Foto: Bundesregierung / Bernd K체hler

Best채ndiger Begleiter der Fahrzeugkolonnen: Eine Polizei-Motorradstaffel wartet vor dem Schloss Bellevue auf den Staatsgast.

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Foto: Bundesregierung / Ulrich Wienke

Bundeskanzler Gerhard Schröder im persönliche Gespräch mit Soldaten der Ehrenformation, die zur Begrüßung des mongolischen Ministerpräsidenten vor dem Palais Schaumburg angetreten sind.

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Foto: Bundesregierung / Engelbert Reineke

Bundeskanzler Helmut Kohl und Russlands Pr채sident Boris Jelzin nach der Kranzniederlegung am sowjetischen Ehrenmal in Berlin-Treptow. Nach 49 Jahren Anwesenheit und vier Jahre nach der Wiedervereinigung werden die letzten russischen Soldaten der GUS-Streitkr채fte in Deutschland verabschiedet.

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Foto: Bundesregierung / Engelbert Reinecke

Bundespräsident Richard von Weizsäcker empfängt den Präsidenten von Costa Rica, Rafael Ángel Calderón Fournier (beide verdeckt) im Schneeregen vor der Villa Hammerschmidt.

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Foto: Bundesregierung / Arne Schambeck

Großbritanniens Premierminister John Major hält vor dem Luftbrückendenkmal in Berlin-Tempfelhof eine Rede. Nach 49 Jahren Anwesenheit in der Bundesrepublik Deutschland und vier Jahre nach der Wiedervereinigung werden die Streitkräfte der Westalliierten verabschiedet.

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Foto: Bundesregierung / Engelbert Reinecke

Bundeskanzler Helmut Kohl und George Bush, Pr채sident der USA, nach ihrer Ankunft auf dem Flugplatz beim Abschreiten des Ehrenspaliers (im Hintergrund: Hubschrauber der US Air Force).

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Foto: Bundesregierung / Bernd K체hler

Wagenkolonne mit Polizeieskorte w채hrend eines Staatsbesuches bei der Vorfahrt zum Schloss Augustusburg.

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Foto: Bundesregierung / Bernd Kühler

Bundespräsident Richard von Weizsäcker empfängt den norwegischen König Harald V. vor Schloss Bellevue mit militärischen Ehren.

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Reiben, bis der Geist der Fünften erscheint… Der Coin des Hauptfeldwebels Marc Zilz

Als Hauptfeldwebel Marc Zilz im Jahr 1995 als Gefreiter mit seinem Ehrenpostenpartner den Protokollbefehl, anlässlich des Geburtstages des stellvertretenden Kommandeurs des Wachbataillons, erhielt und sie sich gemeinsam und nur in diesem Zusammenhang in den Flur des Stabes trauten, entdeckte er die Ehrenwand der Gardenadelträger. Beim Betrachten der Plaketten stellte er fest, dass bisher keine Gardenadel an einen Luftwaffensoldaten verliehen wurde. Seitdem war die Gardenadel des Wachbataillons eines ­seiner Ziele. Nach seiner Erstverpflichtung und im Laufe der Jahre als Protokollausbilder, die maßgeblich von zwei Soldaten, dem heutigen Oberstabsfeldwebel Bendels und dem Oberfeldwebel Stange, geprägt wurden, bildete er mit „seinen“ Unteroffizieren nun selbst von 1999 bis 2007 als verantwortlicher Protokollfeldwebel viele Soldaten aus. „In dieser Zeit halfen mir die Gruppenführer mit großem Engagement zu konstanten, sehr guten protokollarischen Erfolgen“, sagt der Hauptfeldwebel. Konsequenterweise wurde ihm am 02.09.2004 im Rahmen eines Bataillonsappells die Gardenadel mit der Nummer 22 durch den Kommandeur des Wachbataillons verliehen. Somit hatte die Luftwaffe einen Platz an der „Wall of Fame“ des Wachbataillons. Diese Ehrung sah er nie für sich allein, sondern stellvertretend für alle Unteroffiziere der 5. Kompanie.

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Im Oktober 2007 wurde er auf eigenen Wunsch in das Luftwaffenführungskommando nach Köln versetzt. „Im Rahmen meiner Vorbereitungen für die geilste Verabschiedungsfeier seit Menschengedenken überlegte ich mir sehr lange, was ich zum Abschied meiner Fünften hinterlassen sollte. Ich wollte, wie es die gute Tradition vorschreibt, ein persönliches Andenken an meine Person in der Fünften zurücklassen“, sagt Hauptfeldwebel Marc Zilz. So entwarf und beschaffte er gemeinsam mit dem Kompaniefeldwebel einen Unteroffizier-Coin. Der Coin zeigt auf der einen Seite das Wappen der 5. Kompanie und auf der anderen Seite den Gardestern mit der Nummer 22. Die Coin-Verleihung an die Unteroffiziere der 5. Kompanie sollte daran erinnern, dass nur der Zusammenhalt, der Einsatzwille und die Familien zur Verleihung der Gardenadel (22) führten. Er soll an die schöne gemeinsame Zeit erinnern und den jungen Unteroffizieren als Motivation dienen. Der Coin wurde den Unteroffizieren mit den Worten verliehen: „Und wenn es mal in der Ausbildung nicht gut läuft, dann muss man am Coin reiben, damit der Geist der Fünften erscheint. Der reißt euch dann den … auf!“

Hauptfeldwebel Marc Zilz


Der Coin des Hauptfeldwebels

Foto: Archiv 5. Kompanie

mit der Gardenadelnummer 22 .

Erster Gardenadel-Tr채ger im Luftwaffenblau: Der ehemalige Protokollfeldwebel Hauptfeldwebel Marc Zilz bei seiner Arbeit. Hier kontrolliert er die Frisuren und den Sitz des Baretts.

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So kerzengerade ist noch keiner umgefallen… Der Fall des Gefreiten Nelke vor zwei Präsidenten

Waldemar Nelke, heute 52 Jahre alt, war vom 01. Januar 1979 bis zum 30. März 1980 als Soldat bei der 3. Kompanie des Wachbataillons beim Bundesministerium der Verteidigung eingesetzt. Sein „Fall“ hat nicht nur in der Presse für Aufsehen gesorgt, sondern auch einschneidende Veränderungen beim Ablauf für Protokolleinsätze hervorgerufen.

Male umgekippt. Dies liegt an seinem Ruhepuls. Bei langem Stehen schalten sich dann einfach die Lichter aus. Zudem hatte Nelke nach eigenem Bekunden nicht gefrühstückt, was bis dato auch nicht befohlen wurde. Seit dem Fall des Gefreiten Nelke muss nun jeder Soldat vor einem Protokoll­ einsatz frühstücken.

Der Gefreite Nelke war zur Begrüßung des italienischen Staatspräsidenten Alessandro Pertini durch Bundespräsident Karl Carstens mit seiner Kompanie zur Villa Hammerschmidt gereist, dem Amtssitz des Bundespräsidenten. Nach dem Aufmarsch kam die Meldung, dass sich Gast und Gastgeber noch verspäten würden. So stand die Kompanie, darunter der Gefreite Nelke in der ersten Reihe, eine Stunde lang in sengender Hitze im „Rührt Euch“, den Gast erwartend.

Er selber kann sich an seinen Fall nicht erinnern – dafür aber die Presse, seine Kameraden und Vorgesetzten. Die Geschichte des Falls des Gefreiten Nelke wurde in mehreren Zeitungen gedruckt, darunter auch in der „Bild“-Zeitung.

Kurz vor dem Eintreffen passierte es dann. Nelke verließen die Sinne und er fiel kerzengerade aus der Formation auf den Asphalt – mit den Hacken zusammen und dem Karabiner an das Hosenbein gepresst. Nelke erlitt durch den Sturz eine Platzwunde am Kinn, die ihn bis heute an den Fall erinnert. Warum er fiel? Nelke war sportlich sehr engagiert und er war bereits im Vorfeld einige

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Seinen Vorgesetzten gefiel dies natürlich gar nicht. Der damalige Kompaniechef, Hauptmann Stephan Schäfer, ließ den jungen Gefreiten gleich am nächsten Morgen in sein Dienstzimmer bestellen, wo er sich eine ordentliche Belehrung anhören durfte. Der vom Bundespräsidenten angebotene Präsentkorb wurde rigoros vom Kompaniechef abgelehnt. Weitere erzieherische Maßnahmen folgten aber nicht. Und Nelkes ehemaliger Zugführer, Günter Christiansen, konnte der ganzen Sache sogar etwas Positives abgewinnen, denn: „So kerzengerade wie Nelke, so ist noch ­keiner ­umgefallen.“ Oberfeldwebel Babak Zand


Stets voll beweglich

Als die Fünfte noch den Flak-Auftrag hatte – und so manches mehr…

Einer der Aufträge der als Flak-Batterie aufgestellten Kompanie war es, Angriffe und Landungen aus der Luft abzuwehren. Zu diesem Zweck wurde die Fünfte mit 40mmFlugabwehrkanonen ausgerüstet – die der schwedische Hersteller Bofors entwickelt hat. Sie wurden nach 1933 in verschiedenen europäischen Streitkräften eingesetzt. Rheinmetall-Borsig hat das 40mm-Geschütz als L-70 in Lizenz nachgebaut. Die Feuergeschwindigkeit lag bei bis zu 1030 Schuss pro Minute – und das auf eine Entfernung von 1600 Metern gegen Luft- und 2500 Metern gegen Bodenziele. Die Feuerleitung erfolgte über ein optisches Visier oder mit dem Feuerleitgerät „Fledermaus“, das Flugziele auf bis zu 50 Kilometer erfassen konnte.

te. 1969 beschaffte die Bundeswehr insgesamt 1015 Stück dieses Typs für die Objektschutz- und Sicherungsstaffeln der Bundeswehr. Da die verantwortlichen Dienststellen der Luftwaffe ihr Bestes gaben, war die Kompanie schon bald mit allem Zubehör für Ausbildung und Einsatz ausgerüstet – vor allem aber auch mit genügend Fahrzeugen, um stets „voll beweglich“ zu sein. Als einer der Ausbildungs- und Einsatzhöhepunkte galt das jährlich stattfindende Luftzielschießen für Geschützführer und ausgewählte Richtschützen auf der griechischen Insel Kreta, wo die „Fünfte“ auch schon mal das zweitbeste Schießergebnis aller Teilnehmer lieferte. 1976 eröffnete die Kompanie das jährliche Schießen der Luftwaffe in Anwesenheit von Generalität, Industrie und Presse.

Die 5. Kompanie besaß zwölf dieser Flugabwehrkanonen, die wahlweise gegen Luft- oder Bodenziele eingesetzt werden konnten, wobei am Rande zu erwähnen ist, dass die „Fünfte“ immer darauf bedacht war, die Luftverteidigung zu übernehmen. 1965 wurden die 40mm-Geschütze ausgesondert und gegen 20mm-Zwillingsflugabwehrkanonen der Firma Rheinmetall ausgetauscht. Nach der kurzen Übergangszeit, in der die „Fünfte“ mit Bofors-Kanonen ausgerüstet wurde, erhielt die Kompanie zwölf Geschütze der 20mm-Flak. Die so genannte Zwillingsflak-Maschinenkanone 20mm Rheinmetall (Zwillingsflak MK 20 RH 202) war mit zwei Maschinenkanonen ausgerüstet und hatte eine Schussfrequenz von zwei Mal 880 bis zu 1030 Schuss pro Minu-

Die Zeit des Kalten Krieges im geteilten Deutschland wurde durch die Fünfte sehr bewusst und spürbar wahrgenommen. Der Flak-Auftrag, aber auch die damit verbundenen regelmäßigen Kontrollen und Gefechtsübungen, erforderten ein hohes Maß an Flexibilität und Einsatzbereitschaft unserer Kompanie. Die Ausbildung an der Flak wurde ab dem 31. März 1990 eingestellt. Am 01. Januar 1991 ging nach 31 Jahren die Zeit als Flak-Batterie zu Ende – die Zwillingsflak wurde außer Dienst gestellt und an ein Materialdepot in Hamburg-Glinde übergeben. Von dort aus wurden die Geschütze dann in die Türkei verschickt. Die Fünfte wurde im Anschluss zu einer Luftwaffen-Sicherungskompanie ­umgegliedert. Stabsunteroffizier Thomas Gödt

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Foto: Arno Kehrberg

Foto: Archiv 5. Kompanie

Semper virtus: Ausbildung an der Flak 20mm.

Semper habitus: Am 01.09.1990 verabschiedet sich die 5. Kompanie von ihren Flugabwehrkanonen – mit einem Antreten auf dem Protokollplatz der Brßckberg-Kaserne.

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Auf dem Platz der protokollarischen Ehre Die Metamorphose des Gardisten: „Dat is – so schön.“

Es ist ein enttäuschtes „Dat is schade. Ich fand die so schön“, das Konrad Adenauers Mund entfährt, als er den ersten Heeres-General in seiner neuen Hose sieht – ohne die breiten, roten Generalsstreifen, die doch „so schön“ waren. Und wenn man sich den ersten Protokollsoldaten in seiner Heeresuniform ansieht, mit seinem schwarzen Koppel und dunkelgrauem Helm, so war auch das ein sehr nüchternes Bild. Aber 55 Jahre sind eine lange Zeit: mehr als ein halbes Jahrhundert, in dem sich nicht nur die Bundesrepublik Deutschland gewandelt, sondern auch der Protokollsoldat eine Reihe von Veränderungen durchlaufen hat. Kommen Sie mit uns auf die Reise der 55-jährigen Metamorphose des Protokollsoldaten. „Dat is – so schön.“

Die nächste Veränderung lässt nicht lange auf sich warten. Nur weil ein System gut läuft, bedeutet es ja nicht, dass man es nicht weiter verbessern kann. Und so tauscht der Protokollsoldat im Januar 1959 seine ach so kurze Uniformjacke gegen einen viel schöneren Waffenrock. Auch wenn das Feldgrau bleibt, so wirkt der Protokollsoldat doch viel schnittiger damit – gut so: Er soll ja auch hübsch anzusehen sein beim Protokollarischen Ehrendienst.

Zuerst gab es einige „Testläufe“ mit dem Protokollsoldaten der Marke „Bundesgrenzschutz“. Dann fiel aber doch die Entscheidung für eine Neuentwicklung des Typus „Wachbataillon“ – und zwar im Januar 1957. Erster Testlauf neuen Stils: Achter Mai 1957. Getestet werden soll aber erst mal nicht der Griff der Soldaten, sondern ihre Reaktion. Als Bundeskanzler Konrad Adenauer auf seinen Gast wartet, dreht er sich spontan um, geht zu seinen Soldaten und ruft völlig unprotokollarisch: „Guten Morgen, Soldaten!“ Und ohne, dass es befohlen oder gar vorgeübt wurde, schallt aus den Reihen der Protokollsoldaten ein lautes: „Guten Morgen, Herr Bundeskanzler.“ Seit diesem achten Mai 1957 begrüßen die Kanzler und Präsidenten der Republik ihre Protokollsoldaten vor Beginn eines jeden Einsatzes. Und diese grüßen, sehr zackig und gut vernehmbar, zurück.

Keine drei Monate später, im März 1959, übernimmt man dann auch das Traditionszeichen des Berliner Wachregiments: das gotische „W“. Heute trägt er es überall, der Protokollsoldat, am Barett, an der Brust und auf dem Arm. Damals im Jahre 1959 hängt das gotische „W“ nur als Bataillonswappen an den Wänden oder ist auf Briefpapier gedruckt. Erst über die Jahre hinweg erobert sich der 23. Buchstabe seinen Platz an der Jacke des Gardisten. Es ist der vierte April des Jahres 1959, der wohl wichtigste Tag für das Aussehen des Protokollsoldaten. Nachdem der damalige Verteidigungsminister Franz Josef Strauß auf einer NATO-Parade die herrlich schimmernden Uniformen der NATO-Partner sieht, steht sein Entschluss fest. Die Bundeswehr muss nachziehen, Mausgrau alleine ist so nicht präsentabel. Dat is nicht schön! Und so kleidet sich der Gardist nach diesem vierten April mit dem heut so legendären weißen Koppel, mit weißen Handschuhen und Fangschnüren. Jetzt kommt so langsam der Glanz an die Uniform und aus dem Prototypen Protokollsoldat ist ein ausgereiftes Endprodukt geworden – ein wahrer Gardist eben. Schön…

Die erste Weiterentwicklung des Prototypen „Protokollsoldat“ findet schon zehn Monate nach seiner Indienststellung statt. Die Bewaffnung im Protokollarischen Ehrendienst wird geändert. Marschierte der Gardist vorher noch mit einem amerikanischen „M1 Carabine“ auf den Platz der Protokollarischen Ehre, so präsentiert er sich am ersten September 1957 stolz mit einem „Karabiner 98 kurz“ aus dem Hause Mauser.

Der nächste Schritt findet weniger visuell statt, sondern hörbar. Am dreizehnten Mai 1961 lernt der Protokollsoldat das Schreien – und zwar laut. Kein Zivilist, der es je gehört hat, wird vergessen, wenn die Soldaten des Wachbataillons ein lautes „Talis!!“ auf den Ausruf „Semper!“ ausbringen. Seit diesem Tag, mit der Übernahme der Tradition des Ersten Garde-Regiments zu Fuß, schallt das „Semper! – Talis!!“ über die Exerzierplätze der Nation.

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Foto: Arno Kehrberg

Heute trägt der Protokollsoldat es überall: Im März 1959 übernimmt das Wachbataillon das Traditionszeichen – das gotische „W“.

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Foto: Archiv 5. Kompanie

Man war an dem Kopf des Soldaten: Fackelträger

Foto: Arno Kehrberg

Foto: Archiv 5. Kompanie

beim großen Zapfenstreich mit dem neuen Paradehelm.

Man muss an den Kopf des Soldaten:

Das ist schick und das lässt Luft an den Kopf: Seit 1978

Ehrenposten mit dem alten Paradehelm.

trägt das Wachbataillon als Kopfbedeckung das Barett.

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55 Jahre Wachbataillon Die 2000er Jahre

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Foto: Bundesregierung / Julia Faßbender

Bundeskanzlerin Angela Merkel empfängt Jacques Chirac, Präsident Frankreichs, mit militärischen Ehren zum deutsch-französischen Ministerrat im Bundeskanzleramt.

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Foto: Bundesregierung / Andrea Bienert

Bundespräsident Horst KÜhler und seine Frau Eva Luise erwarten vor dem Gästehaus der Bundesregierung in der Pacelliallee einen Staatsgast.

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Foto: Bundesregierung / Christian Thiel

Zeremoniell nach der Ăœbergabe des Beglaubigungsschreibens zum Dienstantritt des vietnamesischen Botschafters: Ehrenposten hissen vor dem Gästehaus der Bundesregierung im Beisein des neuen Botschafters die Nationalflagge.

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Foto: Bundesregierung / Bernd Kühler

Bundespräsident Johannes Rau beglückwünscht einen Soldaten der Ehrenformation anlässlich seines Geburtstages.

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Foto: Bundesregierung / Andrea Bienert

Bundespräsident Horst Köhler begrüßt Soldaten der Ehrenformation in der Pacelliallee zur Übergabe der Beglaubigungsschreiben neu akkreditierter Botschafter.

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Foto: Bundesregierung / Bernd K端hler

Probe f端r den Staatsbesuch: Vor dem Bundeskanzleramt wird die Bundesdienstflagge gehisst.

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Foto: Bundesregierung / Jesco Denzel

Bundeskanzlerin Angela Merkel empf채ngt Abdelaziz Bouteflika, Pr채sident Algeriens, mit milit채rischen Ehren im Bundeskanzleramt.

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Foto: Bundesregierung / Andrea Bienert

Staatsbankett vor dem Schloss Bellevue zu Ehren eines Staatsgastes.

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Foto: Bundesregierung / Klaus Lehnartz

Das Licht der Fackeln gibt dem Abend einen w端rdigen Rahmen.

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55 Jahre Garde im Gespräch „Junge, hier ist alles anders!“

Wachbataillon – Die Erste: Damals, das erste Mal im Wachbataillon. Mit der Personalakte unter dem Arm, durch die Wache gegangen – und da marschierte ein Zug vorbei, mit eingesetztem Karabiner. Mein Gott. Erstens: falsche Waffe. Zwotens: falsche Trageweise. Junge, hier ist alles anders! Eine kleine Anekdote? Anfang 1988 in Paris, vier Tage lang. Tolle Betreuung durch die Franzosen: für jeden eine Tüte vom Stadtkommandanten von Paris mit Postkarten und Kugelschreiber, Ticket für die Metro und Eintrittskarte für den Eiffelturm. Nach dem ersten Mittagessen war das geplante Vorüben nicht mehr so richtig möglich: Rotwein, Weißwein, Wasser. Der normale Franzose trinkt natürlich Wasser und Wein in geringen Maßen gemischt. Nicht so der deutsche Soldat, der glaubt: jetzt werde ich hier verwöhnt, jetzt ist er Gott in Frankreich. Der Wein musste dann beim Abendessen weggelassen werden – sonst hätte es gar kein richtiges Vorüben mehr gegeben. Der ideale Protokollsoldat: Der muss eine hohe gesundheitliche Eignung mitbringen, eine körperlich hohe Leistungsfähigkeit und er muss abschalten können. Er muss, zumindest in der Protokollausbildung, blinden Gehorsam an den Tag legen. Und Gelassenheit braucht er! Er muss absolut gelassen sein; er muss eine dreiviertel Stunde auf einem Flughafen im Pulverschnee aushalten können, ohne sich zu bewegen. Abschalten können muss er, völlig abschalten. Sich konzentrieren können, total konzentrieren. Dafür weiß der ideale Protokollsoldat, dass er an tollen Sachen teilnimmt und kann am Wochenende in der Kneipe oder zu Hause der Oma sagen: „Hier ist der Bundespräsident und hier ist der König von Spanien und hier – das bin ich.“ Das Wachbataillon ist einzigartig – weil: Weil es den protokollarischen Auftrag hat, den gibt es sonst nirgendwo in der

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Bundeswehr - hochkarätige Gäste für die Bundesrepublik Deutschland begrüßen. Es ist die militärische und friedfertige Visitenkarte aller Deutschen. Auge in Auge mit Präsidenten und Königen stehen und sie durch das Verhalten der Gardisten denken lassen: „Donnerwetter das muss aber ne Armee sein“. Und einen deutschen Papst auf deutschem Boden hat man ja auch nicht so oft. Noch eine kleine Anekdote? In Heide damals gab es den längsten Protplatz der Welt. Weil es nämlich keinen Protplatz gab, musste auf einem Waldweg geübt werden, aber immer nur höchstens mit einem Zug. Und wenn die Kompanie übte, musste der Kompaniechef ständig in den Wald treten, damit er ein bisschen Abstand von der Crew hatte – aber es war eine wunderschöne Zeit. Und da gab es dann den Kompaniechef aus altem Adel. Der wohnte auch da, genau gegenüber seiner Kompanie in einem kleinen Häuschen. Einmal hat sich der Bataillonskommandeur aus Siegburg zur Dienstaufsicht angemeldet. Morgens früh gleich. Das war damals so üblich, dass vorher anstandshalber angerufen wurde. Das war um 07:30 Uhr und der Kommandeur hatte sich schon auf den Weg gemacht nach Heide. Der Kompaniefeldwebel, der den Anruf aus Siegburg entgegennahm, wusste aber, dass sein Kompaniechef nie vor 9:00 Uhr zum Dienst erschien. Also hat er seinen Gefreiten aus dem Geschäftszimmer im Laufschritt gegenüber ins Wohnhaus vom Hauptmann von B. geschickt: der Kommandeur nähere sich, er möge doch bitte kommen. Doch der Hauptmann frühstückte gerade und sagte nur zum Gefreiten: „Ein Hauptmann von B. kommt nie vor 9:00 Uhr.“ Das wurde dem Kommandeur so mitgeteilt und der hat das akzeptiert. Ein Lieblingseinsatz: Die Festung Ehrenbreitstein zum Volkstrauertag. Immer am Ehrenmal des Heeres. Antreten mit einem Ehrenzug für alle gefallenen Soldaten.


Foto: Babak Zand

Ein Tag und sieben Köpfe, die Generationen der Dritten im Gespräch: Dietmar Eckhart, Peter Wallraf, Klaus Pokatzky, Stephan Schäfer, Günther Harmsen, Thomas Stahl, Radoslaw Lejczak (v.l.n.r.)

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Foto: Babak Zand Foto: Babak Zand

Im Gespr채ch wird schnell die Neugierde geweckt und selbst altgediente Kameraden erfahren interessante Details.

Jedes Wort ist wichtig, deshalb wird jede Silbe von G체nther Harmsen und Dietmar Eckhart aufgezeichnet.

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130, 140 Generale waren mit dabei. Dann das „Lied vom guten Kameraden“ auf der Trompete solo – ganz oben, hinten irgendwo auf der Mauer. Das läuft einem wirklich kalt den Rücken runter. Der ideale Unteroffizier: Der ist ein Phänomen. Der muss tagtäglich bei der Protausbildung acht Stunden am Tag, bei jedem Wetter draußen stehen. Wenn es heiß ist, wenn es kalt ist und wenn es schneit und wenn es dunkel ist, noch früh am Morgen und spät abends. Unter einem Schleppdach, in einer Halle, auf einem Exerzierplatz. Und er muss immer wieder die gleichen Kommandos geben. Jahrelang – jahrelang! Immer weiter, immer weiter. Zum fünfhundertsten Mal zum Gefreiten Müller sagen: „Linkes Ohr tiefer! Müller in der Schulter nach rechts einknicken! Rechtes Ohr tiefer, Schulter nach vorne!“ Wochenlang, wochenlang immer wieder, ohne dem Gefreiten Müller irgendetwas Böses zu wollen, der kann ja nichts dafür. Und in der sechsten oder siebten Woche dann sehen: Mensch, der Gefreite Müller, der steht! Das sind die Erfolgserlebnisse. Da färbt einfach eine starke äußere Disziplin das Innere ab. Die Unteroffiziere und Feldwebel des Wachbataillons – die sind das Rückgrat, da können die Offiziere tun und machen was sie wollen, die können das nie so gut wie die Unteroffiziere. Die Unteroffiziere und Feldwebel bestimmen den Wert der Ausbildung und das Auftreten der Protokollsoldaten. Das Wachbataillon ist einzigartig – weil: Weil es das nur einmal gibt – jedes Bataillon hat eine Nummer, das Wachbataillon nicht. Und weil wir das gotische „W“ am Barett tragen und unser Ärmelband haben, zumindest am Ausgehanzug und am Paradeanzug – das macht stolz. Und wenn die Jungs im Drill-Team sind, dann treten sie in der ganzen Welt auf – und üben und üben und üben mit dem K98, auch abends noch, solange, bis es passt. Noch eine Anekdote? Biwak im Wald für 14 Tage. Es war in den frühen achtziger Jahren, im März und eisig kalt mit Schnee. Viele Zelte: Mannschaftszelte und die Gefechtszelte der Kompanieführungsgruppe. Und um den Komfort für die zwei Wochen etwas zu erhöhen, brachte der Kompa-

nietruppführer einen bequemen Campingtisch von daheim für sein Zelt mit. Und als er einmal auf Kontrolle fuhr, die mehrere Stunden dauerte, stellte er seinen Ölofen auf volle Pulle, damit es im Zelt auch schön warm ist, wenn er zurückkommt. Und unten am Boden im Zelt ist es dann natürlich zwei Grad über Null und in der Höhe unter dem Zeltdach ist es 70 Grad über Null. Und als der Kompanietruppführer zurückkam, war der schöne bequeme Campingtisch kein Tisch mehr, sondern sah aus wie Eifel-Hunsrück und Rheintal zusammen. Der war geschmolzen. So heiß ist das gewesen. Das Wachbataillon ist einzigartig – weil: Weil es schon Streitkräftebasis war, als noch kein Mensch die Abkürzung SKB kannte: Heer, Luftwaffe, Marine – alle Teilstreitkräfte unter einem Dach. Weil es im Wachbataillon einen besonderen Geist gibt: uns stehen auch die angetretenen Zweisterneoder Dreisterne-Generale Auge in Auge gegenüber. Und wenn wir dann gemeinsam schon 20 oder 25 Minuten auf den Staatsgast warten, machen selbst die hohen Generale ein Späßchen mit – und wir sehen: das sind ja auch nur Soldaten. Eine Anekdote? Nochmal Biwak im Wald im März. Fünfzig Meter entfernt war eine Kreuzung mit einem Bilderstock mit Kreuz und Jesus und Mutter Maria. Und in der ersten Woche kommt abends ein Zivilauto angefahren, der Fahrer hält am Bilderstock und stellt eine Kerze auf. Und dann hat er erzählt, dass seine Tochter im Krankenhaus operiert werden soll und, wie im Rheinland üblich, will er nun für diese Operation eine Kerze aufstellen. Die Soldaten: „Okay, das ist kein Problem, wir passen darauf auf, dass die Kerze nicht aus geht.“ Und da hat er gleich noch mehrere Kerzen dagelassen. Und einen Tag später kommt das gleiche Auto wieder angefahren und im Kofferraum sind drei Riesentabletts mit geschmierten Brötchen für die Soldaten: Dankeschön für die Kerzenwacht am Hain! Der ideale Politiker: Der zum Wachbataillon ausgesprochen freundlich ist. Der immer, egal ob es donnert, blitzt oder schneit – der immer die Kompanie begrüßt, die angetreten ist. Der sich einfach die Zeit nimmt.

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Foto: Babak Zand

Am Runden Tisch der 3. Kompanie sind Gardisten mit Klaus Pokatzky und Stephan Sch채fer im Gespr채ch 체ber vergangene Tage.

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Und früher, als die Minister noch auf der Hardthöhe in diesem kleinen Bungalow gewohnt haben, innerhalb des Areals: wenn die Ministerfrau am Sonntag Kuchen gebacken hat für die Soldaten des Wachbataillons an der Wache und der Minister den Kuchen zur Wache gebracht hat. Eine Anekdote? Am schlimmsten war früher immer die Wachwoche während der Karnevalszeit. Ganz schlimm! Das war ein Drama! Eine Zitterpartie für den Spieß, der dann den Wachplan erstellen musste. Jeden Morgen beim Frühstück: Hoffentlich sind sie alle da. Und wenn das Telefon ging, wusste man schon Bescheid: „Herr Hauptfeldwebel...“ Der ist nicht gekommen und der ist nicht gekommen und der auch nicht. Da musste man den Wachzug dauernd neu zusammenstellen. Und abends waren die Kasernen trotzdem voll, am Wochenende auch. Damals gab es noch keinen Freifahrtschein für die Bahn. Und ein Auto hatte auch nicht jeder. Jeden Abend war dann in der Karnevalszeit High-Live in der Kaserne. Und wenn das dann auch noch kurz vor der Entlassung war, dann ließ der Kantinenwirt um viertel vor zehn unter größtem Trara die Rollläden runter und rief den Spieß an. Der hatte dann den Schwarzen Peter – und musste die Kantine räumen von 150, 180 Wilden. Da war nichts mehr mit Befehl und Gehorsam. Da konnte der Spieß nur auf den Tisch klettern: „Kommt Jungs, wir singen noch einen zusammen, ich trink mit euch auch noch ein Bier. Das letzte Abschlussbier und dann machen wir hier einen Abflug gemeinsam.“ Und das klappte in der Regel auch. Ein Lieblingseinsatz: Die Verabschiedung der Westalliierten aus Berlin – die Souveränität Deutschlands. Große Parade am Denkmal der Luftbrücke, wo erstmals ein deutscher Offizier ausländische angetretene Truppenteile kommandiert. Abends der Große Zapfenstreich am Brandenburger Tor. Da war der Gardist stolz darauf, dass das Wachbataillon an diesem historischen Tag dabei war. Eine Anekdote? Bundespräsident Richard von Weizsäcker ist in seinen letzten Amtstagen. Anruf vom Bundespräsidialamt an Kommandeur Wachbataillon BMVg: Donnerstag Nachmittag in der Villa Hammerschmidt melden. Kommandeur fährt vor – eine halbe Stunde vor der Zeit ist des Gardisten Pünktlichkeit. Doch: kein anderes Auto da und es kommt auch kein anderes Auto. Kommandeur ganz alleine beim Bundespräsidenten? Kommandeur macht Kontrollanruf im

Büro des Bundespräsidenten: „Bin ich denn hier richtig?“ – „Ja, ja, das ist schon richtig und der Termin stimmt.“ Also Villa Hammerschmidt, Foyer. Bundespräsident von Weizsäcker begrüßt Kommandeur: „Folgen Sie mir, jetzt gehen wir ins Empfangszimmer, wo sonst immer die Staatsgäste sitzen, da können Sie sich jetzt hinsetzen. Was wollen Sie denn trinken?“ – „Was trinken Sie denn, Herr Bundespräsident?“ – „Ja, ich trinke Tee.“ – „Ja das ist ja mein Lieblingsgetränk!“ Kommandeur trinkt ganz allein eine Stunde lang mit dem scheidenden Bundespräsidenten Tee. Mit einem tollen, ­lockeren Gespräch. Das Wachbataillon ist einzigartig – weil: Weil es so leicht in der sonstigen Bundeswehr unterschätzt wird. Da sagen einige andere Soldaten gerne: „Tja, Paradehaufen. Keine Ahnung, nur Griffe kloppen und im Warmen sein.“ Das sind die, die das Wachbataillon noch nie selbst erlebt haben. Und beim Tag der deutschen Infanterie stehen dann auf einmal Fallschirmjäger am Stand des Wachbataillons und sagen fassungslos: „Ja, das gibt es doch gar nicht; das kann ja gar nicht wahr sein, das sollen Wehrpflichtige sein? Donnerwetter, das ist ja super.“ Und dann sagen sie plötzlich: „Das ist unser Wachbataillon. Das ist unser Aushängeschild der Bundeswehr – nicht nur der Bundeswehr, der Bundesrepublik Deutschland.“ Und dann sind auch die Fallschirmjäger stolz auf das Wachbataillon. Auf ihr Wachbataillon. Wachbataillon – Die Letzte: Du gehst vielleicht mit falschen Vorstellungen in Deine Verwendung beim Wachbataillon. Mein Gott. Erstens: Paradesoldaten. Zwotens: nur Griffe kloppen. Junge, hier ist alles anders! Aber Du wirst dann selber geprüft: körperlich, geistig und vom Charakter her. Und wenn Du die Prüfung bestehst, wirst Du zum Gardisten befunden. Das prägt Dich Dein Leben lang und bringt Dich auch weiter – in der Armee, aber auch privat. Wenn Du mal die alt gedienten Feldwebel, besonders die Kompaniefeldwebel betrachtest: da ist ja fast jeder Oberstabsfeldwebel geworden. Jeder Kompaniechef ist ja mindestens Oberstleutnant, Oberst, sogar General geworden. Und das macht das Wachbataillon so anders, so besonders – es bleibt bei Dir, Dein Leben lang. Klaus Pokatzky* *Mit Dank an eine Gesprächsrunde ehemaliger und jetziger Angehöriger des Wachbataillons: Dietmar Eckhart, Günther Harmsen, Radoslaw Lejczak, Stephan Schäfer, Thomas Stahl, Peter Wallraf.

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Kleine Geschichte der Wehrpflicht

„Die allgemeine Wehrpflicht ist das legitime Kind der Demokratie, seine Wiege stand in Frankreich.“ (Theodor Heuss)

Die Entwicklung der Allgemeinen Wehrpflicht ist eng mit der europäischen Geschichte und im Besonderen mit der deutschen Geschichte verbunden. Viel zitiert wird in diesem Zusammenhang der Satz von Theodor Heuss, der als Abgeordneter des Parlamentarischen Rates zu den Vätern unseres Grundgesetzes gehört und später der erste Bundespräsident wurde. Doch was steckt hinter diesem Satz, der auf den ersten Blick die Wehrpflicht auf den Punkt zu bringen scheint? Die Wiege der allgemeinen Wehrpflicht stand in der Tat in unserem Nachbarland Frankreich. Als ein Gegenentwurf zu den stehenden Heeren der Neuzeit entpuppte sich das Modell der „Levée en masse“ des nachrevolutionären Frankreichs. Durch diese frühe Form der allgemeinen Wehrpflicht beteiligte sich das Volk nun selbst am militärischen Handeln des Staates. Beseelt vom emanzipatorischen Streben – militärisch gleichberechtigt – gegen die Auswüchse des Absolutismus und damit gegen die stehenden Heere der feindlichen europäischen Herrscher zu kämpfen, wurde so erstmals die Trennung von Zivilem und Militärischem aufgehoben. Was Frankreich in den Koalitionskriegen mitunter zum Sieg verhalf, schien dem geschlagenen – und nun zu reformierenden Preußen – nur billig zu sein: Die preußischen Heeresreformer um die Generale Scharnhorst und Gneisenau herum, gaben die einst absolutistische Trennung zwischen Zivilem und Militärischem auf und strebten die Aussöhnung zwischen Bürgertum und Armee an. Nun sollten alle Bewohner des Staates auch die geborenen Verteidiger desselben sein. Es sollte nicht mehr der Untertan, sondern der mündige Bürger, unabhängig von seiner gesellschaftlichen Stellung, den Kriegsdienst leisten. Die Befreiungskriege gegen das napoleonische Frankreich brachen den Ideen der Heeresreformer Bahn. Als Preußen sein Volk zu den Waffen im Befreiungskampf rief, sollten – zumindest im Krieg – alle Standesschranken überwunden sein.

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Aus der Not Preußens und mit den Ideen aus der Französischen Revolution entstanden mit der Allgemeinen Wehrpflicht nunmehr die Verantwortung und die Teilhabe des Bürgers am Gemeinwohl und an den Angelegenheiten des Staates. Nicht zuletzt wegen der Einführung der Wehrpflicht und den damit verbundenen militärischen Erfolgen, erlangte Preußen im europäischen Konzert der Mächte wieder Bedeutung, wenn auch die Restauration vieles wieder einschränkte und eindämmte, was die Reformer im Sinne einer bürgerlichen Beteiligung ersonnen hatten. Die Idee, mit der Allgemeinen Wehrpflicht bürgerliche Rechte und Pflichten um Teilhabe und Verantwortung zumindest im Militärischen verwirklichen zu können, blieb vorerst nur Theorie. Dennoch sahen die europäischen Mächte in der Wehrpflicht einen wesentlichen Faktor, der zu der neuen militärischen Stärke Preußens und zur staatlichen Einheit Deutschlands führte. Es war weniger die emanzipatorisch-bürgerliche Dimension der Wehrpflicht, die sie zu einem „Exportschlager“ machte. Die Möglichkeit, das Volk unter Waffen zu bringen und damit riesige Armeen zu mobilisieren, den Krieg zu einer Angelegenheit des gesamten Volkes zu erheben, scheint den Ausschlag gegeben zu haben. Genauso, wie die Geschicke und die gesamtgesellschaftliche Verantwortung nicht mehr in den Händen einiger weniger lagen, entwickelten sich auch die kriegerischen Auseinandersetzungen hin zum „Nationenkrieg“. Das Moment der Teilhabe des Einzelnen ist Wohl und Wehe der Wehrpflicht. Ermöglichte doch ihre Anwendung erst, verbunden mit Mangel an demokratischem Geist beziehungsweise mit einem ideologischen Unterbau, die beiden verheerenden Weltkriege, die Europa im vorigen Jahrhundert in den Abgrund rissen. Gleichwohl öffnete aber das Verbot der Allgemeinen Wehrpflicht, durch den Versailler Vertrag, in der Zeit der zerbrechlichen Weimarer Republik dem Dämon vom „Staat im Staate“ Tür und Tor.


Foto: Archiv 5. Kompanie

40 Tage Ausbildung im Wachbataillon und aus dem Struwwelpeter wird ein Vorzeigesoldat.

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Foto: Arno Kehrberg Foto: IMZ

Foto: Bundesregierung / Bernd Kühler

Richt Euch! Disziplin lernen die Soldaten bei jeder Ausbildung.

Vollgepackt und mit hohen Erwartungen traten mehr als fünf Jahrzehnte

Sie hielten die Augen der Öffentlichkeit auf die „Parlamentsarmee“ gerichtet:

Rekruten ihren Grundwehrdienst im Wachbataillon an.

Die Ehrenposten des Bundespräsidenten stehen am Schloß Bellevue.

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Foto: Bundesregierung / Engelbert Reineke

Rekruten des Wachbataillons waren lange Zeit auch eine Visitenkarte f端r die Wehrpflicht.

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55 Jahre Wachbataillon Kaserne in Narrenhand

Seit den Anfängen der 1960er findet man einmal im Jahr auf den Dienstplänen des Wachbataillons in Siegburg zwischen Februar und März den Begriff „Brauchtumspflege“. Diese Brauchtumspflege bezeichnet unter anderem die ­ Kasernenerstürmung zwischen Weiberfastnacht und Aschermittwoch. Die Erstürmung der Brückberg-Kaserne findet seitdem immer freitags nach Weiberfastnacht, in der fünften Jahreszeit des Rheinlandes, statt. Stabsunteroffizier Fabian Blum

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Foto: Archiv 3. Kompanie Foto: Archiv 3. Kompanie

Da hilft kein Betteln und keine Bestechung.

Die Tore bleiben zu...

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Foto: Archiv 3. Kompanie Foto: Archiv 3. Kompanie

Nur durch harte Verhandlungen gelangt der Prinz mit seinem Gefolge in die Br端ckberg-Kaserne.

Ein guter Verhandlungsf端hrer hat auch direkt den B端rgermeister zur Unterst端tzung mit dabei...

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Foto: Archiv 3. Kompanie

Ist das Tor erst offen, kรถnnen die Spiele beginnen.

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Foto: Archiv 3. Kompanie

Für so manchen gibt es jetzt kein Halten mehr.

Foto: Archiv 3. Kompanie

Foto: Archiv Generalanzeiger Bonn

Egal, ob rhythmische Bewegungen zwischen Hindernissen...

…oder Sieben-Meter-Schießen mit übergroßen Torwarthandschuhen…

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Foto: Archiv 3. Kompanie

‌der SpaĂ&#x; stand stets im Vordergrund.

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Foto: Archiv 3. Kompanie

Meist hieĂ&#x; der deutliche Sieger Karnevalsprinz – vielleicht auch wegen des besseren Autos.

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Foto: Archiv Generalanzeiger Bonn c

neralanzeiger Bonn

Damals ging es vorbei an Soldaten in Uniform…

…doch das änderte sich schnell – und die Soldaten wurden zu Jecken.

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Foto: Archiv Generalanzeiger Bonn Foto: Archiv 3. Kompanie

Am Ablauf der Zeremonie hat sich sonst nicht viel ge채ndert.

Die Soldaten des Wachbataillons werden auch in Zukunft mit ausgefallenen Kost체men zu einem berauschenden Fest beitragen.

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Kleine Geschichten am Rande... Erinnerungen an kleine Missgeschicke

Präsentiert das Gewehr – nicht! Für die geleisteten Dienste in der Bundeswehr sollte ein Oberfeldwebel der 5. Kompanie besonders belobigt werden: Er sollte ein Ehrenspalier am Flughafen Tegel führen. Allerdings mangelte es dann an der Durchführung. Der Oberfeldwebel parkte mit dem Bus samt Protokollsoldaten direkt auf dem Rollfeld – und nicht, wie üblich, vor dem Vorbereitungsraum. Als der Kompanieeinsatzfeldwebel dies

„Danach schwieg die Generalität“ Im Jahr 1977 freute ich mich sehr, dass ich anlässlich eines Kompanieeinsatzes auf der Hardthöhe erstmals dem Bundesminister der Verteidigung Georg Leber melden durfte. Vor lauter Freude vergaß ich nach der Meldung beim anschließenden Abgriff „Augen gerade aus“ zu kommandieren. Bei meinem „Das Gewehr – über“ rührte sich nichts. Falsche Kommandos wurden (Gott sei Dank!) nicht ausgeführt. Mir blieb nur laut zu rufen: „Neues Kommando“. Sofort gab es hinter dem Minister und mir Kommentare der anwesenden Generale, die ich akustisch nicht verstand, aber bestimmt keine lobenden Äußerungen enthielten. Die restlichen Kommandos und Griffe waren wieder perfekt. Auch der Abmarsch blieb „unfallfrei“. Mit bangem Herzen

Zusammensacken am Schloss Bellevue Wie stets bereitete der Ehrenpostenführer Oberbootsmann R. seine beiden Ehrenposten auf ihren Einsatz am Schloss Bellevue gewissenhaft vor. Sie waren auch, wie stets und mit eingesetztem Karabiner, auf ihren Positionen oben an der Treppe des Haupteingangs aufmarschiert – und erwarteten nun den nächsten Botschafter, der sich beim Bundespräsidenten akkreditiert hatte. Wie stets bildete sich eine interessierte Menschentraube aus Zuschauern. Dann war nichts mehr wie stets. Heiße Witterungsbedingungen – oder vielleicht auch eine schlechte Tagesform eines der beiden Ehrenposten – ließen diesen Einsatz zu

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bemerkte, stellte er den Oberfeldwebel unverzüglich zur Rede. Dies verunsicherte den Oberfeldwebel so sehr, dass er beim Einsatz vergaß, das Gewehr präsentieren zu lassen. Der Einsatz wurde mit der Note Fünf bewertet, zur Sechs hätte nur noch ein rauchender Soldat gefehlt. Erinnerung von Oberfeldwebel Marc Vigansky, in der Fünften seit 2005.

(Anschiss oder gar Versetzung?) meldete ich mich hinterher sofort beim Referatsleiter des Protokollreferates und bat um „milde Bestrafung“. Dieser antwortete mir schmunzelnd: „Hauptmann Kirleis, Sie haben Glück und nichts zu befürchten, denn der Minister hat sofort den Anwesenden gesagt, dass er sich darüber gefreut hat, dass außer ihm auch mal ein anderer einen Fehler auf der Hardthöhe macht. Danach schwieg die Generalität.“ Es ergab sich für mich leider keine Möglichkeit, mich beim Minister zu bedanken, da er dann im Februar 1978 bereits verabschiedet wurde. Erinnerung von Oberst Rolf Kirleis, in der Fünften von 1976 bis 1979. Letzte Verwendung: Kompaniechef.

einem besonderen werden. Nach einiger Zeit vernahm der Ehrenpostenführer ein leichtes Schwanken des Ehrenpostens an seiner Seite. Zunehmend entwich dem Körper jede Spannung und der Ehrenposten sackte in sich zusammen, angelehnt an die Kante direkt neben dem Vordereingang des Schlosses. Ein Bild wie in der Zeitlupe: Sitzend an der Tür, mit hängendem Kopf, aber natürlich noch halb eingesetztem Karabiner, sollte dies die zukünftige Mitnahme eines Ersatzmannes für jeden Ehrenposteneinsatz bedeuten. Erinnerung von Oberbootsmann Nico Nimmergut, in der Vierten seit 2005.


Foto: Bundesregierung / Guido Bergmann

Vorbei ist erst, wenn ich das sage – KEHRT!!!

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Die „Nummer 1“ im zackigen Zugriff der weißbehandschuhten Fäuste Die Truppenfahne und ihre Fahnenbänder

„Oberstleutnant James Hirschfeld-Skidmore, Protokollchef des Verteidigungsministeriums, stemmte mit beiden Händen die Fahne hoch. Bundespräsident Heinrich Lübke, Reserveleutnant im Weltkrieg I, legte die Rechte um den Fahnenstock.“ So beschrieb das Hamburger Nachrichtenmagazin Der Spiegel eine Zeremonie am 7. Januar 1965, die bis heute das Selbstverständnis des Wachbataillons prägt: die Übergabe der ersten Truppenfahne der Bundeswehr. „Mit zackigem Zugriff der weißbehandschuhten Fäuste des Feldwebels Alfred Kreuser, 26, der das bunte Seidentuch künftig dem Wachbataillon vorantragen soll, eroberte die Bundeswehr am Donnerstagmittag letzter Woche auf der Bonner Hardthöhe wieder ein Stück deutscher Militärtradition zurück.“ Und neben dem Feldwebel Alfred Kreuser steht als Fahnenbegleitoffizier Leutnant Gerd Backens, 26: „Ich war sehr bewegt und ergriffen in dem Moment, als Heinrich Lübke dem Fahnenträger die Truppenfahne überreichte“, erinnert sich der Oberstleutnant a.D. fast ein halbes Jahrhundert später. „Immer, wenn ich heute die Truppenfahne im Fernsehen oder bei Kommandoübergaben sehe, muss ich an diesen Tag zurückdenken.“ Die Truppenfahne ist für die Soldaten ein Zeichen des Zusammenhaltes, ein Wir-Gefühl für die Streitkräfte, so der Spiegel damals weiter. Vorbei die Zeiten, da 1959 bei einer NATO-Truppenparade in Koblenz das deutsche Kontingent mit einer eigenmächtig gefertigten Fahne auftrat, wie der Spiegel berichtete: „Die Offiziere hatten sich geniert, ohne

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das ihnen teure Tuch vor den Truppenabordnungen der Verbündeten zu erscheinen.“ Der Heeresfeldwebel Alfred Kreuser hat sich „direkt gemeldet“, als im Bataillon nachgefragt wurde, wer die Fahne entgegen nehmen wolle: „Und ich bin es dann auch geworden.“ Gerd Backens vertrat die Luftwaffe und die Marine wurde von Oberleutnant zur See Saeser aus der Marineunteroffizierschule in Plön repräsentiert. Heute, rund 47 Jahre später, steht diese Truppenfahne im Zimmer des Kommandeurs des Wachbataillons – und einmal im Jahr, im September, schreitet eine Fahnenabordnung mit der „Truppenfahne Nummer 1“ die Front des Wachbataillons ab. Inzwischen wurden ihr 73 internationale und nationale Fahnenbänder, von denen 62 gültig sind, verliehen - das erste am 18. Mai 1965 von Königin Elizabeth II. von Großbritannien und Nordirland und das bislang letzte am 10. Juni 2010 vom ungarischen Botschafter. Das Fahnenband ist ein ca. 100 Zentimeter langer und ca. 6 Zentimeter breiter Stoffstreifen, auf dem in der Regel der Name der Nation, des Staatsoberhauptes oder der Teilstreitkraft gestickt ist. Es ist eine besondere Ehrung und wird mit einem Karabinerhaken an der Lochscheibe unterhalb der Fahnenspitze an der Truppenfahne angebracht. Bei einem protokollarischen Einsatz werden die Fahnenbänder der am Einsatz beteiligten Teilstreitkräfte (Heer: grün, Marine: blau, Luftwaffe: goldgelb) und, wenn vorhanden, des Gastlandes geführt.


Foto: IMZ / Rademacher

Ein Wir-Gefühl für die Streitkräfte: Bundespräsident Heinrich Lübke übergibt die erste Truppenfahne der Bundeswehr feierlich an das Wachbataillon.

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Foto: Arno Kehrberg

Foto: Archiv 5. Kompanie

Alle Fahnenb채nder h채ngen im Zimmer des Kommandeurs.

Foto: Archiv Wachbataillon

Heute ist die Truppenfahne nicht mehr aus der Bundeswehr wegzudenken.

Die bis dato letzte Verleihung eines Fahnenbandes durch den ungarischen Botschafter in der Julius-Leber-Kaserne, Berlin.

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Den Feind abnutzen im Wald von Bonnland Wenn der Protter zum Spotter wird: Infanteristische Ausbildung in Hammelburg

Wir schreiben den 14. Februar des Jahres 2001, das Schneetreiben der letzten Wochen hat langsam aufgehört. Auf zwei Steinen sitzen der Gefreite Horn und der Gefreite Nerbe, sie rauchen und warten auf ihren Truppführer. Ihre Moral ist schlecht. Hier in Bonnland, Hammelburg, stehen die Dinge für sie nicht gut. Erst vor ein paar Stunden haben sie mehrere feindliche Scharfschützen aufgeklärt und haben feststellen müssen, dass deren Ausstattung bei weitem besser ist als die vom Gefreiten Horn und vom Gefreiten Nerbe. Als Oberfeldwebel Kruschewski aus seinem Fahrzeug steigt, machen sie ihm Meldung. Der Oberfeldwebel nimmt sie aufmerksam zur Kenntnis, einen echten Infanteristen bringt nichts so schnell aus der Fassung. Er war hier schon öfter – Bonnland, Hammelburg, kennt er wie seine Westentasche, es ist seine zweite Heimat. Das macht jede Ausstattung von feindlichen Scharfschützen wett. Die Gefreiten Horn und Nerbe schauen in ein unbewegtes Gesicht: „Ausrüstung aufnehmen, wir gehen in den Wald. Ab sofort sind die Kippen aus.“ Die Kippen sind aus. Sofort. Gemeinsam mit dem zweiten Zug der 7. Kompanie des Wachbataillons rückt der dreiköpfige Scharfschützentrupp aus – Auftrag: „Vom II. Zug absetzen, vom Feind überrollen lassen – und ihn dann von hinten abnutzen.“ In der Mittagszeit hat der Oberfeldwebel mit seinen beiden Soldaten auch schon die geeignete Position gefunden, in ihren Scharfschützentarnanzügen sehen die drei aus wie lebendige Büsche. „Macht es euch gemütlich Männer, abwechselnd Wache. Morgen beziehen wir eine neue Position.“ Die Gefreiten Horn und Nerbe blicken sich an, mehr als Waffen und Munition haben sie nicht dabei; also muss ein Baum als Höchstmaß an Bequemlichkeit herhalten.

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Während die Sonne hinter den Hügeln verschwindet, lehnt Oberfeldwebel Kruschewski an seinem Baum und schaut aus dem Wald heraus auf die grasbedeckte Ebene vor dem Dörfchen Bonnland – morgen also geht es los. Gegen sieben Uhr werden die drei aus ihrer Ruhe gerissen, ein Schuss hallt durch den Wald. Nein, das kann nicht sein, ist der Feind schon so nah an uns herangekommen? „Stachel – hier Bär: Bleiben sie auf ihrer Position. Feuer von eigenen Kräften. Zugführer BRAVO hat es erwischt, irgendein Idiot aus seinem eigenen Zug war das. Bär Ende“, rauscht es aus dem Funkgerät des Oberfeldwebels. Die Gefreiten Horn und Nerbe blicken sich an: ob das wohl ein Versehen war? Das Gesicht des Oberfeldwebels bleibt regungslos: alles ganz normal, bei den Soldaten nur die übliche Nervosität vor einem Gefecht. Nach drei Stunden des Wartens aber packt es ihn, es ist zu ruhig – der Feind muss schon längst an uns rangekommen sein. „Ich gehe auf Erkundung, ihr beide bleibt in Wartestellung.“ Die beiden Gefreiten werden eins mit der Umgebung, während der Oberfeldwebel sich so leise wie nur möglich durch den Wald bewegt. Die kleinen Äste, die Kienäpfel und die Schneereste machen eine lautlose Fortbewegung fast unmöglich. Während der Oberfeldwebel sich darauf konzentriert, nicht zu viel Krach zu machen, bemerkt er gar nicht den feindlichen Spähtrupp, der seinen Weg kreuzt. Knapp 15 Meter vor einem der feindlichen Soldaten hält er inne, ihre beiden Blicke treffen sich. Ein Bruchteil einer Sekunde, der beiden wie eine Stunde vorkommt. Zeit und Raum verschwinden, alles besteht nur noch aus diesem Blickkontakt. Wer reagiert schneller?


Foto: Arno Kehrberg

Wenn man direkt vor ihm steht, erkennt man ihn – aus zehn Metern Entfernung sieht das schon wieder anders aus.

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Foto: Archiv Wachbataillon

Foto: Archiv Wachbataillon

H채userkampf in Bonnland: mit der Empfangseinheit

wird verbissen um jeden Zentimeter gek채mpft.

des AGDUS an den Helmen der Soldaten.

Foto: Archiv Wachbataillon

Nachdem der 2. Zug sich auf seine dritte Linie hat zur체ckfallen lassen,

Marschpause unweit von Bonnland: zwei leichte Sp채hpanzer Wiesel und ein Fuchs.

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Foto: Arno Kehrberg

Foto: Arno Kehrberg

Blick durch das Zielfernrohr des G22: Die Welt des Scharfschützen

Scharfschützengewehr G22.

ist ziemlich klein, ohne seinen Beobachter wäre er fast blind.

Foto: Arno Kehrberg

Der Scharfschütze trägt seinen Tarnanzug – und ein

Der Atem ist ruhig, der Blick konzentriert: An Scharfschützen werden besonders hohe Ansprüche gelegt.

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Der Protokolleinsatz Eine Fotostory

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Foto: Arno Kehrberg

Foto: Arno Kehrberg

Foto: Arno Kehrberg

Als erstes empfängt der Soldat sein Arbeitsgerät, den Karabiner K98k.

Die Sachen sind fertig gepackt, jetzt noch den Vorübeanzug

Das Prot-Barett darf nicht vergessen werden. Da der

Prot anlegen – und dann geht es auch schon raus.

Soldat es nur im Einsatz trägt, sieht es aus wie neu.

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Foto: Arno Kehrberg

Foto: Arno Kehrberg

… heißt es aufsitzen und zum Einsatzort verlegen. Es steht ein Bataillons-

nochmal die Sachen kontrolliert und dann…

einsatz zur Amtsübernahme von Bundespräsident Joachim Gauck an.

Foto: Arno Kehrberg

Vor der Kompanie antreten, dann werden von den Gruppenführern

Auf dem Weg zum Schloss Bellevue, dem Amtssitz des Bundespräsidenten, fahren die Soldaten am Bundeskanzleramt vorbei, dem zweiten von drei Standard-Einsatzorten in Berlin.

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Foto: Arno Kehrberg

Foto: Arno Kehrberg

Bussen an die Soldaten ausgegeben.

Foto: Arno Kehrberg

Die Karabiner K98k werden aus den

Soldaten; er braucht viel Kraftaufwand, um sie anzuziehen.

Foto: Arno Kehrberg

Die berühmten weißen Handschuhe sitzen eng an der Hand des

Eine kleine Armada an Helfern sorgt dafür,

…und das weiße Koppelzeug richtig sitzen. Der Protokollsoldat

dass der Hosensitz…

muss immerhin gut aussehen, dafür…

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Foto: Arno Kehrberg

Foto: Arno Kehrberg

…und die Uniform. Alles muss sitzen und sauber sein.

Foto: Arno Kehrberg

…gehen die Helfer mit der Bürste über die Stiefel…

Kurz, bevor die Gardisten vor dem Schloss aufmarschieren, greift der Protokollfeldwebel die Formation nochmal warm.

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Foto: Arno Kehrberg Foto: Arno Kehrberg

Aufmarsch vor dem Schloss Bellevue: das Stabsmusikkorps vorneweg – und dann in den Teilstreitkräften Heer, Marine und Luftwaffe.

Augen auf und durch: Während die Soldaten am Schloss Bellevue auf den Bundespräsidenten warten, steht die Sonne genau über dem Dach und blendet den Gardisten die Augen. Die Augen offen und den Blick frei gerade aus – das wird dann zu einer besonderen Herausforderung.

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Foto: Arno Kehrberg

Nach dem Abschreiten der Front folg die Abmeldung: „Herr Bundespräsident, ich melde die Ehrenformation ab!“

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Foto: Arno Kehrberg

Nach dem Einsatz ist vor dem Einsatz. Je sorgsamer der Soldat seine Uniform nachbereitet, desto weniger hat er vor dem nächsten Protokolleinsatz zu tun.

Foto: Arno Kehrberg

Nach der Rechtsumwendung folgt der Ausmarsch. Ein weiterer Einsatz geht zu Ende – doch der Nächste kommt bestimmt…

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Boten einer anderen Wirklichkeit: Einmal dauern! Der Große Zapfenstreich verbindet Zuschauer und Soldaten mit unserer Werteordnung

Wer den Großen Zapfenstreich im Fernsehen kommentiert, darf an exponierter Stelle militärische Tradition mit herrschendem Zeitgeist verbinden. Dieser geistige Brückenschlag zwischen Bürgern in Zivil und Staatsbürgern in Uniform erfordert Sensibilität für eine Erwartungshaltung beim zivilen Bürger, die vorauseilt, wenn das Militärische in aller Öffentlichkeit erscheint. Der Fernsehmoderator in Uniform empfindet zugleich tiefe Freude: die beiden Welten, die hier aufeinandertreffen, liegen in Wahrheit ganz dicht beieinander.

men, weil der Zuschauer dem Zeremoniell mit einer hohen Erwartungshaltung begegnet. Der Betrachter setzt voraus, dass „alles klappt“, wenn die Ehrenformation mit Waffenzügen und dem Stabsmusikkorps zusammenwirkt. Es wird einfach erwartet, dass jeder seinen Platz kennt, ihn zum Zwecke des Marschierens an rechter Stelle einnimmt, dass die Fackeln dort leuchten, wo sie gebraucht werden und dass eine pfeilgerade Linie weißer Handschuhe beim Präsentieren beweist, dass hier wirklich jeder weiß, was er tut.

Der Moderator will dem Zuschauer nichts vorspielen, sondern das authentische Bild des Soldaten präsentieren. Insofern fühlt sich der Moderator ein klein wenig wie der Garde-Soldat selbst: Er muss auf Zack sein, damit das stolz präsentierte Bild auch unfallfrei in die Seele des Betrachters gelangt. Und er muss sich also die Frage stellen, wie die Begleitung des Zapfenstreichs der Würde des Ereignisses gerecht werden kann. Eine Aufführung des Großen Zapfenstreichs fällt ja in einer Zeit austauschbarer Erlebnisse aus dem Rahmen. Sie fällt aus dem Rahmen, indem sie erst einmal einen Rahmen setzt. Aus diesem vermeintlichen Paradoxon ergibt sich bereits eine Sonderstellung, die nicht nur Kritiker, sondern sogar Neider hervorbringt. In erster Linie jedoch erfährt der Große Zapfenstreich bei dem überwiegenden Teil der Bevölkerung Zustimmung. Warum ?

Ein funktionierender Ablauf ist wohltuend. Er legt sich wie Balsam auf die Seele der Menschen, die – jenseits des Ereignisses – eine Wirklichkeit erleben, in der fortwährend relativiert und hinterfragt wird. Alles hat seine Zeit. Dies spürt der Betrachter an kaum einem anderen Ort so intensiv wie beim Aufmarsch des Wachbataillons. Am Abend des Großen Zapenstreichs ist die Zeit der Form. Es ist die Stunde des flackernden Lichts und der klaren Gedanken, die auf das Wesentliche, ja man möchte sagen, auf das Eigentliche, konzentriert sind, anstatt unruhig hin- und herzuflattern. Wenn Konzentration auf das Wesentliche einen Ort hat, an dem es sich sozusagen subkutan auf den Zuschauer überträgt, also unter seine Haut geht – dann liegt er auf diesem Platz, der in geraden Reihen beschritten wird, zu siebt nebeneinander: Ganz schön viele sind das, denkt man sich und keiner bleibt vor oder zurück.

Zunächst fällt auf, dass sich Soldaten geordnet bewegen. Diese Beobachtung ist keineswegs banal. Sie gibt Aufschluss über Themen wie Disziplin und geistige Orientierung, also über Werte, die hinter dem Sichtbaren stehen. Haarrisse im Fundament des „immer gleich guten“ Erscheinungsbildes werden nicht geduldet. Über die Akribie, welche die verschiedenen Stadien bis zum fertigen Protokollsoldaten begleitet, ist schon Ausreichendes gesagt worden. An dieser Stelle wird dieser Faden nur deshalb noch einmal aufgenom-

Die Soldaten sind nun angetreten und bewegen sich nicht. Das ist faszinierend. In einer Umgebung, in der die Dinge in Bewegung sind, ständiger Veränderung unterworfen, herrscht für absehbare Zeit Unbeweglichkeit. Wir sollten dieses Phänomen positiv besetzen und von Standhaftigkeit sprechen. Für die Kritiker sind die strammen Männer in der Formation so unbeweglich wie Zinnsoldaten. Man braucht sie nur anzutippen und sie fallen um. Wer so denkt, hat die Rechnung ohne die Truppe gemacht.

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Foto: Archiv 5. Kompanie

Der Große Zapfenstreich bringt Licht ins Dunkel – wie hier am 06. Mai 2004 in Würzburg.

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Foto: IMZ / Detmar Modes

Ministerempfang und Serenade f체r den ausscheidenden Staatssekret채r Ludwig-Holger Pfahls.

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Foto: EinsFüKdoBw / PIZ / Janin Kuhle

Keine Armee der Kasernenhöfe: Die Bundeswehr feiert ihr 50-jähriges Bestehen mit einem Großen Zapfenstreich vor dem Reichstag in Berlin.

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Foto: Bundesregierung / Rademacher

Die Fackeln beleuchten den einzelnen Soldaten – und der einzelne Soldat erleuchtet den GroĂ&#x;en Zapfenstreich.

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Gefechtsausbildung Eine Fotostory

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Foto: Arno Kehrberg

Foto: Arno Kehrberg

Foto: Arno Kehrberg

Ausrüstung gepackt? Alles am Mann?? Jetzt heißt es warten, bis der Zugführer antreten lässt.

Eine schwere Last, die der Soldat tragen muss: Bis zu

Der weiße Bus des Wachbataillons ist zwar kein Wunderwerk der Tarnung,

30 Kilogramm schwer ist der Rucksack des Infanteristen –

jedoch bringt er den Infanteristen sicher in das Gelände und bietet ein letztes

und dazu kommen noch Waffe und Munition.

Mal einen Hauch von Bequemlichkeit.

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Foto: Arno Kehrberg

Foto: Arno Kehrberg

Tarnen und Täuschen ist angesagt:

Am Anfang steht der Aufbau, denn der Soldat sorgt

die Soldaten eins mit der Umgebung werden.

Leben mit dem, was der Wald und die Bundeswehr hergeben:

Foto: Arno Kehrberg

Nachdem der auffällige Bus verschwunden ist, müssen

errichten, das auch als „Dackelgarage“ verschrien ist.

Foto: Arno Kehrberg

selbst für sein Heim. Als erstes muss er sein Ein-Mann-Zelt

Auch ein Soldat friert nicht gerne:

Da muss man den Ast eben mit dem Bundeswehr-Taschenmesser zersägen –

Nachdem alles aufgebaut ist, wird am

funktioniert besser, als man denkt.

Platz der Gruppe Feuer gemacht.

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Foto: Arno Kehrberg Foto: Arno Kehrberg

Tarnen und Täuschen gilt auch für das Gesicht des Soldaten: Der helle Teint würde sonst alle Blicke auf sich ziehen.

Mit leerem Magen übt sich´s schwer und so verpflegen die Soldaten nach getanem Aufbau erst mal.

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Foto: Arno Kehrberg Foto: Arno Kehrberg

Der Soldat kriecht nicht oder robbt. Nein: Er gleitet – und das muss erst mal geßbt werden.

Mit dem Zielfernrohr alles im Blick: der Soldat mit seinem Gewehr G36 auf Alarmposten.

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Foto: Arno Kehrberg Foto: Arno Kehrberg

Die Alarmpostenausbildung ist im vollen Gange und das Maschinengewehr unterbricht die Stille des Waldes.

Nach dem Alarmposten folgt das Durchk채mmen: Eine Gruppe bewegt sich in Linie durch den Wald.

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Foto: Arno Kehrberg

Foto: Arno Kehrberg

Wie aus einer anderen Welt: Bei der ABC-Ausbildung fühlt

Orientierungsmarsch – auf dem Rücken eines Kameraden.

man sich auch, als käme man von einem fremden Planeten.

Foto: Arno Kehrberg

Sieht schlimmer aus, als es ist: Standortbestimmung beim

Es kann noch so kalt sein: Mit dem ABC-Schutzanzug verwandelt sich der Körper innerhalb von Minuten in eine Sauna.

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Foto: Arno Kehrberg

Gardisten bewegen sich immer im Auge der Öffentlichkeit – auch bei der Geländeausbildung…

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Kleine Geschichten am Rande... Erinnerungen an kleine Missgeschicke „Gute Idee, Herr General. Wir sehen uns dann später.“ Es war an einem schönen Tag irgendwann im Winter. Das Jahr ist mir entfallen. Wir übten in mehreren kleinen Szenarien die Grobziele Patrouille, Checkpoint und Haupteinfahrt. Der Kommandeur Standortkommando Berlin hatte sich zur Dienstaufsicht angekündigt, was mich aber nicht weiter störte. Da die Ausbildung gut lief und die Männer motiviert waren, konnte ja nichts schief gehen. Als er kam, lief gerade ein Szenario an der Haupteinfahrt an. Ein simulierter Auffahrunfall vor dem Tor sollte eskalieren, so dass die Wachmannschaft zum Eingreifen gezwungen war. Beide Fahrzeuge näherten sich der Haupteinfahrt, ich schilderte alles dem Herrn General, das erste Fahrzeug bremste, kam zum Stehen und das zweite Fahrzeug... bremste auch, kam

„Scheiße – mein Hosenknopf ist aufgeplatzt“ Nachdem das Ehrenspalier am Flughafen Tegel zur Begrüßung des Gastes aufmarschiert war und sich bereits – nach sauberem Abgriff – ausgerichtet hatte, vernahm ein Protokollsoldat leises, aber panisches Murmeln seines rechten Nebenmannes: „Scheiße, mein Hosenknopf ist aufgeplatzt.“ – Protokollsoldat: „Und jetze?“ Es sollten noch ein schneidiger Präsentiergriff für den Gast und ein schönes „Rechts um“ nach dem Wiederaufgriff für den Ausmarsch folgen. Bis hierher hätte der Einsatz zumindest eine anständige Bewertung bekommen können, weil sich die rechte Hand des Nebenmannes noch mit Druck an der Hose befand. Doch nun folgte das Unvermeidbare:

Trauerfeier auf dem Fliegerhorst Hohn Ein Einsatz fand am 14.02.1975 auf dem Fliegerhorst Hohn statt: die Trauerfeier für die auf Kreta verunglückten 42 Soldaten und einen Feuerwehrmann. Das war für mich der schlimmste Einsatz überhaupt. Die an diesem Tag entstandenen Bilder geben einen Eindruck von den Trauergästen – angefangen vom Bundespräsidenten über Bundeskanzler, Verteidigungsminister und viele mehr – und dazu mehr als 400 Angehörige der Toten. Von der Kompanie und dem Stabsmusikkorps gibt es – Gott sei Dank – keine Bilder aus der Nähe. Ich weiß

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aber nicht zum Stehen. Es gab einen vernehmlichen lauten Knall. General: „Das klang aber täuschend echt, Herr Hauptmann.“ Ich: „Ja Herr General, dafür haben wir auch sehr lange ausgebildet und geübt. Realitätsnah ausbilden, heißt meine Devise.“ Wir näherten uns den beiden Fahrzeugen und sahen das Desaster. Die Spießpritsche hatte den Zweitonner gerammt und war vorne völlig zerstört. General: „Na, Herr Hauptmann, Sie haben hier ja wohl erstmal was zu tun. Ich gehe schon mal alleine zur nächsten Station weiter.“ Ich: „Gute Idee, Herr General. Wir sehen uns dann später.“

Erinnerung von Major René Grigat, in der Fünften von 2003 bis 2006. Letzte Verwendung: Kompaniechef.

Auf das Kommando „Ehrenspalier, Marsch“ begann, bei hartem Handabzug und hohem Kurztreten bis zum Ende des Stiefelschaftes, die Hose zu rutschen. Bis in die Kniekehlen hinab, so dass nun auch die blanken Beine zu erkennen waren, bahnte sich die Hose ihren Weg in die Blamage. Der Hintermann fühlte sich verpflichtet, seinem verzweifelten Vordermann bei geschultertem Karabiner die Hose hochzuziehen und ihn anzuweisen, er solle „die Hose festhalten und auf den Handabzug scheißen“. Die spätere Aus- und Bewertung des Einsatzes und das anschließende Getuschel im Bataillon sollen hier nicht weiter beschrieben werden. Erinnerung von Oberbootsmann Nico Nimmergut.

nicht, ob es noch einmal einen Einsatz gegeben hat, bei dem Chef Stabsmusikkorps, Chef 5./ und die Soldaten der Ehrenformation geweint haben. Wir alle konnten uns der besonderen Atmosphäre dieser Trauerfeier nicht entziehen. Und mit Abspielen des „Saul“ ist, das weiß jeder, der eine Trauerfeier begleiten „durfte“, sowieso der emotionale ­Höhepunkt erreicht. Erinnerung von Brigadegeneral a. D. Peter Röhrs, in der Fünften von 1973 bis 1976. Letzte Verwendung: Kompaniechef.


Foto: Archiv 3. Kompanie

Wie klein der Fehler auch ist – einer wird ihn immer bemerken...

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Jeder drillt sich selbst

Elite zu Gast bei Elite: Der gemeine Protokollsoldat besucht den gemeinen Musiksoldaten

Alltag des Protokollsoldaten: Es passiert in der Regel so gegen 10:00 Uhr in der Seitenstraße am Bundeskanzleramt. Während der gemeine Protokollsoldat schon seine gefühlte hundertste Serie mit dem Karabiner gegriffen hat und sich darüber freut, dass der Protokollfeldwebel eine Knieschüttel-Pause gewährt, rollen drei Busse vor. Sie sehen aus wie Bundeswehr – aber sind sie Bundeswehr? Nachdem sich die Türen geöffnet haben, entsteigen den Öffnungen der Busse Soldaten, die auf den gemeinen Protokollsoldaten recht lässig wirken. Aus den Gepäckfächern der Fahrzeuge greifen sie sich Trommeln und Flöten. Greifen? Der gemeine Protokollsoldat schüttelt seine Knie. „Die Musiker sind da“, tönt es vom Protokollfeldwebel. Wer den Karabiner greift, nimmt sie als Künstler wahr, die Kameraden vom Spielmannszug. Er sieht sie als Wesen aus einer anderen Welt, die er so nie kennenlernen wird – sie kommen als Letzte und rauchen als Erste. Der Kamerad vom Spielmannszug sieht die Welt ganz anders. Er ist dem Soldaten des Wachbataillons ebenbürtig – nur eben nicht so stumpf und steif. Es sind Welten, die zwischen den Trägern des Karabiners und den Trägern der Trommel liegen. Welten? Für den Außenstehenden ergibt sich ein Bild perfekter Harmonie, wenn beide zusammenarbeiten. Der eine greift den Karabiner mit Perfektion, der andere den Trommelstock nicht minder. Das schätzen beide an sich und am anderen: das Professionelle. Doch zum Soldaten gehören Sticheleien – und der Respekt. Wie bei Stabsfeldwebel Christian Richter, dem Chef des Spielmannszuges, der gleich nach seiner Übernahme der Dienstgeschäfte den aktiven Austausch mit dem Wachbataillon suchte – die Drillteams haben davon profitiert. Und auch beim Vorüben von Einsätzen kann sich der gemeine Protokollsoldat auf seinen Musikerkameraden verlassen.

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Dasselbe Lächeln, mit dem der Stabsfeldwebel auf das Wachbataillon zuging, empfängt auf dem Flur des Stabsmusikkorps den gemeinen Protokollsoldaten; mit seinen fünf weißen Blättern und einem Kugelschreiber – und einem Dutzend Fragen. Noch vor der ersten Frage fängt der Tambourmajour schon mit leuchtenden Augen an zu erzählen, zeigt Bilder an den Wänden, erzählt die dazugehörigen Anekdoten und beschreibt seinen Weg zur Bundeswehr. Das erste Blatt bleibt nicht lange weiß: Dieser Stabsfeldwebel, ist zu notieren, übt seinen Beruf aus Leidenschaft aus und das überträgt er auf seine Soldaten. Wie auf den Stabsunteroffizier Ali-Eba Balli, der schon im Büro auf den gemeinen Protokollsoldaten und viereinhalb weiße Blätter wartet – ein Ziehsohn des Stabsfeldwebels. Vor sechs Jahren ist Ali-Eba Balli als Wehrpflichtiger nach der Grundausbildung in der Sicherungskompanie des Wachbataillons zum Stabsmusikkorps gekommen. Dahin wollte er unbedingt. Er unterrichtete an der Deutsch-Türkischen Musikakademie in Berlin; mit Militärmusik hatte er allerdings noch nie zu tun gehabt, geschweige denn eine Flöte in der Hand gehalten. Stabsfeldwebel Richters Ehrgeiz erwachte. „Den will ich zum Spielmannflötisten ausbilden.“ Und Ali-Eba Ballis Ehrgeiz war schon da und er wollte sich zum Spielmannflötisten ausbilden lassen. Die Einstellungsprobe absolvierte er noch mit seiner Langhalslaute, einem orientalischen Musikinstrument. Dann wurde er ein Soldat des Spielmannszuges, zwei Jahre später dann dort auch einer der ersten Unter­ offiziere. Jetzt ist er Soldat auf Zeit für zwölf Jahre und kann sich gar nichts anderes mehr vorstellen als den Beruf des Militärmusikers: „Ich habe dem Stabsfeldwebel Richter eine ganze Menge zu verdanken, ich konnte mein Abitur in der Abendschule machen und wurde gleichzeitig zum Tambourmajor


Foto: Arno Kehrberg

Der Spielmannszug marschiert immer vorn – er wird gefßhrt von Stabsfeldwebel Christian Richter, dem Mann mit dem Stab und dem strengen Blick.

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Foto: Arno Kehrberg

Stabsunteroffizier Ali-Eba Balli im Flur des Stabsmusikkorps, wo zahlreiche Fotos die Wände zieren – so wie das im Hintergrund,

Foto: Arno Kehrberg

wo Stabsunteroffizier Ali-Eba Balli dem türkischen Ministerpräsidenten Abdullah Gül die Hand schüttelt.

Stabsfeldwebel Christian Richter und (Ziehsohn) Stabsunteroffizier Ali-Eba Balli im Proberaum des Stabsmusikkorps.

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„Draußen ist dann halt wirklich draußen“ Wenn Gardisten vom Auslandseinsatz erzählen… Wenn die Soldaten der dritten Kompanie vom Auslandseinsatz träumen, was hin und wieder vorkommt, dann kommen Tote in den Träumen vor. Aber auch immer wieder taucht der „Bäcker des Vertrauens“ in den Träumen auf. Den afghanischen Bäcker des Vertrauens gibt es überall. Den gibt es in den großen deutschen Feldlagern. Den gibt es aber auch da, wo die Soldaten des Wachbataillons etwa bei der afghanischen Armee in einem Infanteriebataillon eingesetzt sind. Fünf deutsche Soldaten – 350 Kilometer entfernt von den nächsten deutschen Kameraden; mitten in einer afghanischen Kompanie mit 120 Mann. Und wenn dann – irgendwann wieder daheim, viel später mal – der Soldat auf Stube in der heimischen Brückberg-Kaserne nächtens von seinem Afghanistan träumt, sind das nicht unbedingt Alpträume. Da taucht dann der Kühlschrank wieder auf, den der Spieß doch tatsächlich über die 350 Kilometer zu seinen Deutschen in den afghanischen Außenposten geschafft hat: fast zwei Meter hoch und prall gefüllt mit Käse und Salami. Was der Spieß nicht bedacht hatte, war, dass es dort in der Einöde kein stabiles Stromnetz gab. Bei Temperaturen von 55 Grad im Schatten. Und wenn die Soldaten dann vom Außeneinsatz zurück kamen und das Stromnetz wieder ausgefallen war, dann musste der ganze Kühlschrank eben schnell leer gegessen werden: „Jetzt müssen wir aber alle hier im Feldlager verpflegen, weil der Käse und die Salami sonst vergammeln.“ Wenn der Strom aber normal lief und der Kühlschrank funktionierte, gab es ein schönes Ritual: die Vorbereitung der Käse-Salami-Wurstplatte. Die einen sind Brot holen gefahren zum Brotbäcker des Vertrauens in das nächstgelegene Dorf und haben sich mit ihm mit Händen und Füßen verständigt. Und in der Zeit hat einer, nach einem bestimmten Ritus, die Salami vorbereitet, so wie sie geschnitten werden musste. Den Brotbäcker des Vertrauens gibt es aber eben auch in den deutschen Feldlagern. 350 Kilometer weiter, wo viele deutsche Seelen wohnen. Man ist ja irgendwann die reguläre Verpflegung etwas Leid und freut sich auch mal über etwas, das nicht aus der Dose oder einer Plastiktüte kommt. Und das afghanische Brot ist schon echt lecker. Man kann es sehr gut kombinieren mit deutschen Wurstwaren. Und wenn dann ein Hauptgefreiter im Trupp ist, dessen Eltern

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eine Landschlachterei und Metzgerei im Schwarzwald besitzen, dann kommen natürlich regelmäßig die Pakete aus Deutschland: mit Schwarzwurst und Leberwurst, mit Blutwurst, Schinkenspeck und den verschiedensten Salamisorten. Und damit harmoniert das afghanische Brot vom Bäcker des Vertrauens ganz hervorragend – besonders mit frisch geschnittenem afghanischen Knoblauch. Das wird dann schnell zum Standard-Ritus im deutschen Feldlager. Und davon träumt man doch gern – viel später mal, irgendwann wieder daheim – auf Stube in der Brückberg-Kaserne. Es gibt aber daheim in Deutschland auch die dunklen Träume. Von dem Gefecht etwa, in dem damals drei Kameraden gefallen sind. Und der Soldat des Wachbataillons, der einen Trupp im Feuergefecht führte, hat im Traum auf einmal seine Tochter auf dem Arm und kann deswegen mit dem G36 nicht richtig zielen. Und das regt ihn tierisch auf und so flucht er im Traum die ganze Zeit vor sich hin: „was die verdammte Scheiße jetzt soll, weil ich kann ja so nicht richtig kämpfen, das kann ja nicht wahr sein.“ Das lässt den Soldaten eben nicht mehr los, diese Fragerei, die in den Träumen kommt: Ist etwas falsch gelaufen, hätte ich irgendwo schneller reagieren können, was hätte ich besser machen können? Es ist schlimm, wenn der Soldat die drei Gefallenen besonders gut gekannt hat. Sie waren auf dem TPz (Transportpanzer Fuchs). Und der Soldat, der jetzt von ihnen träumt, wurde damals bei dem Feuergefecht mit seinem Trupp aus drei Richtungen beschossen, auf kurze Distanz. Er und seine Männer waren der letzte Trupp, der abgesessen noch gekämpft hat. Sie saßen in einer gefährlichen Position fest und kamen nicht mehr raus aus dem Feuergefecht – standen unter Kalaschnikow-Feuer, intensiv, aus mehreren Richtungen. Der Rest des Zuges war schon weg, aber ein TPz hat dann noch einmal gewendet und dem kleinen Trupp Deckungsfeuer gegeben, damit er aufschließen konnte zu den anderen abgesessenen Kameraden. Und dabei hat es dann den TPz erwischt. Und der Soldat muss denken: Ohne die drei, die da gefallen sind auf dem TPz, wäre ich vielleicht jetzt nicht mehr hier. Er redet viel mit anderen Kameraden von damals darüber. Und er weiß dann immer, dass sie damals alles Hundertprozent richtig gemacht haben. Doch im Traum ist es halt immer so, dass man denkt: Hätte man irgendetwas anders machen können? Hätte man...?


Foto: Archiv 3. Kompanie

Es geht auch mal etwas brenzliger zu, wie hier bei der zweiten Operation im Raum Almalek.

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Foto: Archiv 3. Kompanie Foto: Archiv 3. Kompanie

Blick über das MG3 auf eine Hügelkette in Darzab. Von diesem Hügel aus wurde einen Monat später ein anderes OMLT-Team beschossen.

Einer von vielen Gegensätzen in Afghanistan: Während links Bäume und Felder blühen, erheben sich rechts Berge aus Geröll und trockenem Sand.

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Foto: Archiv 3. Kompanie

Foto: Archiv 3. Kompanie

Das Barett mit dem gotischen „W“ darf nicht zuhause bleiben –

Post aus der Heimat – am besten von der Frau oder Freundin.

ab und zu hat man ja die Möglichkeit, es zu tragen.

Foto: Archiv 3. Kompanie

Der höchste Grad an Motivation für die deutschen Soldaten ist

Wo der Soldat kann, legt er sich schlafen. So wie hier in der Forward Operation Base in Sheberghan. Daheim in Deutschland kommen dann auch die dunklen Träume.

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Foto: Archiv 3. Kompanie Foto: Archiv 3. Kompanie

Auf einer Marschpause probieren Soldaten vom OMLT die lecker-fruchtigen Wildweintrauben aus einem Tal im OP Kuhestanat.

Die Soldaten des OMLT beziehen Nachtaufstellung auf einem H端gel im OP Almalek.

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55 Jahre Wachbataillon Heute

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Foto: Bundesregierung / Guido Bergmann

Dunkel ist es über dem Sitz des Bundespräsidenten – nur die Fackelträger erhellen die Nacht.

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Foto: Archiv 3. Kompanie

Ein historischer Augenblick: Symbolisch 체bergibt der erste Fahnentr채ger des Wachbataillons, Alfred Kreuser, die Truppenfahne an den heutigen Fahnentr채ger, Hauptfeldwebel Thomas Stahl.

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Foto: Bundesregierung / Steffen Kugler

Immer ein Lächeln auf den Lippen: Bundeskanzlerin Angela Merkel mit dem französischen Staatspräsidenten Nicolas Sarkozy.

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Foto: Marc Tessensohn

Oberleutnant Wencke Sarrach ist der erste weibliche Zugf端hrer im Bataillon und f端hrt, wie hier, das Ehrenspalier am Flughafen Berlin-Tegel.

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Foto: Bundesregierung / Ole Kr체nkelfeld

Bundespr채sident Christian Wulff empf채ngt Papst Benedikt XVI. mit milit채rischen Ehren im Innenhof von Schloss Bellevue.

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Foto: Archiv 5. Kompanie

Die infanteristische Ausbildung gehรถrt genauso zum Handwerk eines jeden Soldaten im Wachbataillon, wie der Protokollarische Ehrendienst.

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Foto: Archiv 5. Kompanie

In der letzten Deckung vor dem Feind bekommen die Soldaten die aktuellsten Informationen von ihrem Truppf端hrer.

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Foto: Bundesregierung / Bernd Kühler

Freundschaftlich empfängt Bundeskanzler Gerhard Schröder Scheich Abdullah bin Chalifa Al Thani, den Premierminister von Katar, im Bundeskanzleramt.

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Foto: Bundesregierung / Engelbert Reinecke

Das Kapitol spiegelt sich auf dem Dienstwagen des Bundeskanzlers.

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Festschrift 55 Jahre Wachbataillon BMVg  

Anläßlich des 55. Jahrestages des Wachbataillon beim Bundesministerium der Verteidigung wurde durch ein Autorenteam eine Festschrift erstell...

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