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Ufer. Man muss sich den Männlichkeitswahn dieser Schur­ ken ansehen. Da geht es um Stringenz, das Ende der Durch­ lässigkeit, Strenge, Glaube, Nation, um ein künstliches Ich. Alles, was weich ist, wird mit dem Weiblichen gleichgesetzt. Das Weibliche ist eine Gefahr für den hartleibigen Mann, der Blut vergießt und Kriege führt und einen Feind imaginieren muss, damit er sich spürt. Ich habe nie verstanden, wie man nur dann lieben kann, wenn man etwas oder jemand anderen entwertet. Ich liebe meine deutsche Heimat. Dafür muss ich aber nicht irgendwelche Mongolen entwerten. Patriarchat ist ein Fremdwort, aber wenn man genauer hinschaut, sieht man die hässliche Fratze männlicher Wahnverstrickungen. Dieser Mann kann sich nur über die Entwertung des anderen konstituieren. Ich gebe Ihnen also recht: Das Völkische ist eine männliche Geistesgestörtheit. MJ: So gerne ich zustimmen will: Das klingt nun aber leider auch etwas gefällig. Ist denn das Matriarchat wirklich die Antwort? FZ: Selbstverständlich! Seit Jahrhunderten regieren Män­ ner. Und ist diese Welt so toll? Nein! Ich sehe Psychopa­ then, Ideologen, Völkische, Kriegstreiber, Sektenführer – alles Männer! Diese Welt ist von Männern gemacht. Ich bin nicht besser als andere Männer, aber ich habe Augen im Kopf. Wer sagt, Frauen seien auch nicht besser, denen setze ich entgegen: Wieso denn? Was soll der Blödsinn? Wo es versucht wurde, floss weniger Blut, verdammte Scheiße! Es ist so ein widerwärtiges Geschwätz, ein ekel­ haftes Gerücht der Männer, um von ihrem eigenen Elend abzulenken. Der einzige vernünftige Blick auf die Welt ist der feministische. Alles andere ist Dreck und muss über­ wunden werden. Und das geht manchmal nur über mili­ tanten Feminismus. MJ: Rutschen wir dann nicht einfach nur von einem Extrem ins nächste? FZ: Der erste Schritt zu einer besseren Welt ist sicher nicht, dass ein Mann den Frauen erklären muss, was der richtige Feminismus ist. Als Mann habe ich die Schnauze zu halten. Aber ich will sagen: Ich bin gegen Gleichmache­ rei. Weibliche Gewalt ist nicht gleich männliche Gewalt. In 400 Jahren können wir dann mal vergleichen. MJ: Sie haben vorhin vom Lieben gesprochen. Wäre das vielleicht eine Antwort: eine neue Tradition der Nächstenliebe? FZ: Ich bin eher bei den Seligpreisungen: „Selig sind die Armen, denn ihnen gehört das Himmelreich.“ Die Armen erben den Besitz, das ist es. Liebe ist ein sehr allgemeiner Begriff, Seligpreisung ein religiöser. Aber das Religiöse ist in viele Utopien eingeflossen. Sicher, Religion bedeutet In­

trigen, Päpste, Kreuzzüge, Mord und Totschlag – in der christlichen wie in der islamischen Tradition. Es wäre gut, auf den abendländischen Geist hinzuweisen, denn das ist es, was uns alle verbindet, den jüdischen Gläubigen ebenso wie den Christen und den Muslim: Nächstenliebe und die Seligpreisung. Das ist in Europa nicht irgendeine Bürokra­ tensprache, sondern etwas Gewachsenes, zu dem man sich bekennen kann. MJ: Das schließt dann aber natürlich auch viele aus, Atheisten zum Beispiel. FZ: Atheisten werden echt dumm aus der Wäsche gucken! Das gönn ich ihnen aber. Weil sie mich immer ärgern und Onkel Horst nennen, weil ich gläubig bin. MJ: Sie halten nicht viel vom Gedanken der europäi­ schen Identität. Stattdessen haben Sie sich mal als „Wanderameise zwischen den Kulturen“ beschrieben. Aber wenn Sie von etwas Gewachsenem sprechen, impliziert das nicht ein gemeinsames europäisches Bewusstsein? FZ: Was meinen wir, wenn wir von Identität sprechen? Eigenheiten, die jeder für sich definiert? Besonderheiten als gewachsene Tradition? Europa ist mittlerweile ein ab­ gelatschtes Wort. Man möchte es nicht mehr in den Mund nehmen. Weil es mit den eigenen Verhältnissen herzlich wenig zu tun hat. Man geht zur Wahl oder schaltet den Fernseher ein und sieht Politiker, aber man hat ganz ande­ re Sorgen. „Europa“ ist ein Fremdwort. Man versucht es zu übersetzen mit „die Vielheit der Besonderen“. Aber mit so einem Worgedrechsel kommen wir nicht weiter. Wir haben eine gemeinsame Geschichte, mal sind wir miteinander ausgekommen, mal nicht. Man kann eine europäische Iden­ tität auf die Länder beziehen, aber nicht auf Personen. Das ist ein gefälschter Ausweis. MJ: Was ist Ihre Hoffnung, wenn Sie an Europa den­ ken? FZ: Dass es nicht zum Rassenwahn kommt. Als Moslem halte ich viel vom europäischen Islam, nur in Europa kann ein guter Islam entstehen im Gegensatz zu den National­ kirchen islamischer Länder. Aber vor allem bin ich ein alt­ modischer Humanist. Menschenliebe muss hochgehalten werden, manchmal auch gegen die eigene Population. MJ: Der Autor Robert Menasse hat zuletzt einen Europa­Roman veröffentlicht. In einem Essay hat er sich danach gefragt, welche Bedeutung unsere euro­ päischen Werte noch haben. Verkaufen wir sie, wenn wir knapp sechs Milliarden Euro für Waffenlieferungen an Saudi­Arabien kassieren? Oder brauchen wir einen neuen Kanon als Grundlage des europäischen

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