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„Mir fehlt die Beschäftigung mit den Händen. Wenn wir Sänger am Abend singen, bleibt von den Tönen nach der Vorstellung nichts. Wenn ich meine Oliven ernte, habe ich danach Öl und freue mich an dem Ergebnis. Das ist wie Applaus aus der Natur.“

Salome Oscar Wildes auf Französisch geschriebenes Drama, kongenial ins Deutsche übersetzt von Hedwig Lachmann und von Richard Strauss selbst als Operntext eingerichtet, war ein Geniestreich des Fin de Siècle. Gleichzeitig war es ein Wurf des Musikdramatikers und ein Schlag ins Gesicht des wohlgesitteten Bürgertums, radikale Neuheit zum einen und andererseits im Trend, ein künstlerischer Skandal und ein finanzieller Erfolg, von dem sich der Münchner Komponist seine Villa in Garmisch bauen konnte. Mit der Uraufführung 1905 in Dresden veränderte der knapp eineinhalbstündige Einakter die Opernwelt der Zeit. Den Kopf des Propheten Jochanaan, der sie abgewiesen hat, wünscht sich Salome von ihrem lüsternen Stiefvater – und er kann ihr, da ihn sein Schwur bindet, den Wunsch nicht abschlagen. So stirbt der eifernde Mahner, und mit ihm geht auch die Prinzessin zugrunde: „Man töte dieses Weib!“

Sie bauen dort Ihre eigenen Oliven an. Was gibt Ihnen das? MP Es ist ein wunderbares Gegengewicht zur Kunstwelt, die sehr flirrend und luftig ist. Mir fehlt die Beschäftigung mit den Händen und mit der Erde. Wenn wir Sänger am Abend singen, bleibt von den Tönen nach der Vorstellung nichts. Wenn ich meine Oliven ernte, habe ich danach Öl und freue mich an dem Ergebnis. Das ist wie Applaus aus der Natur. MJ Wie wichtig ist Ihnen echter Applaus? MP Es macht Freude, wenn man merkt, dass von Herzen Begeisterung aufkommt. Es kann einem auch anders gehen, wenn nach einer schwierigen Inszenierung Buhrufe kommen. Aber selbst die Buhs finde ich immer noch besser als neutrales, nettes Geklatsche. Neutralität ist etwas, womit ich nicht gut klarkomme. MJ Wie haben Sie sich der Salome-Partie musikalisch genähert? MP Zunächst rein mathematisch: Tonhöhen, Intervalle, Rhythmus, Instrumentierung. Bei Strauss ist das ein komplexer Defragmentierungsprozess, bevor sich alles wieder zu einem großen Ganzen zusammenfügt. Dann beginnt die Musik, einen mitzureißen. Wenn Salome eine Phrase singt und sich Strauss mit dem Orchesterklang zum Fortissimo aufschwingt, gibt es kein Halten mehr! Ich hatte Glück, dass ich meine Partie frühzeitig mit Wolf-Michael Storz, dem Solo-Repetitor und stellvertretenden Studienleiter der Bayerischen Staatsoper, studieren konnte. Er ist ein erfahrener Strauss-Kenner, und wir haben viel ausprobiert, vor allem auch bei den Atemphrasierungen. Musikalisches Atmen ist für mich ein großer Teil der Interpretation. Wie lang ist eine Atempause? Wo wird sie gesetzt? Atmet man, um vor einer wichtigen Phrase innezuhalten, oder um den Ton am Ende so lange zu halten wie noch niemand zuvor? Das sind musikalische Entscheidungen, die man im Vorfeld für sich trifft, um sich die Rolle emotional anzueignen. MJ Durch Ihre Partien in Elektra, Ariadne auf Naxos, Der Rosenkavalier und Arabella kennen Sie Strauss und seine rhythmischen Überlagerungen bereits sehr gut. Auch seine Lieder singen Sie regelmäßig. Was genau sagt Ihnen bei dieser Musik zu? MP Meine Stimme hat seinen unverkennbaren Stil inzwischen wohl inhaliert. Ich liebe seine farbige und oft gigantische Wucht. Bei Salome kann ich mich auf so manch üppigen Klang draufsetzen. Wenn wir dann in den letzten Probentagen gemeinsam mit dem Orchester das synkopische Ineinander erspüren und uns unter Petrenkos Händen aufschwingen dürfen, dann ist das Strauss-Nirwana erreicht. MJ

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MAX JOSEPH 4/2019 | Die Münchner Opernfestspiele 2019