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berichten wusste. So habe sie befohlen, ihr den Kopf der ermordeten Lollia Paulina zu bringen. Da sie die Tote nicht erkannt habe, so der Historiker Cassius Dio, „öffnete sie mit eigener Hand deren Mund und überprüfte die Zähne, welche gewisse Eigentümlichkeiten aufwiesen“. Bei dieser Geschichte ausgesuchter Grausamkeit erinnerte sich der Leser an Fulvia, die Frau Mark Antons, die einst den Kopf des ermordeten Cicero im Schoß gehalten haben soll, die Zunge des berühmten Redners aus dem Mund zog und mit Haarnadeln durchbohrte. Antike Leser liebten solche erfundenen Sinnbilder ekelhafter Gewalt. Sie konterkarierten offizielle Darstellungen, wie sie etwa anlässlich der Heirat Agrippinas mit Claudius verbreitet wurden. Tacitus berichtet, ein Senator habe betont, Agrippina besitze eine erlauchte Abkunft, Beweise ihrer Fruchtbarkeit und einen lauteren Lebenswandel. Es sei geradezu eine Vorsehung der Götter, dass sie bei Wiederverheiratung des Claudius gerade Witwe gewesen sei. Die Stadt Rom, so Tacitus, sei jedoch wie verwandelt gewesen. Agrippina habe nicht wie ihre Vorgängerin Messalina, die den Palast in ein Bordell verwandelt hätte, durch weibliche Zügellosigkeit mit dem Staatswesen gespielt. Nein, schlimmer! Agrippina habe „gleichsam männlich“ agiert und öffentlich Strenge und Hochmut gezeigt. In seiner Sicht ähnelte sie ihrer Mutter, die für ihre „männlichen Bestrebungen“ die „weiblichen Schwächen“ abgelegt habe. Solche Einzelheiten zur Familie und deren Selbstverständnis hat Tacitus der Autobiographie Agrippinas entnommen – einem heute verlorenen, aber offenbar eindrucksvollen Zeugnis der Bildung wie der Ambitionen dieser Frau. Wie viele Senatoren beanspruchte sie offenbar die Deutungshoheit über ihr Leben wie das ihrer Familie – vergeblich, wie sich nach ihrem Tod zeigen sollte. Die Anspielungen auf männliches Verhalten spiegeln den politischen Erfolg Agrippinas, mit dem sie die führenden Männer Roms brüskierte. Die recht vagen Formulierungen des Tacitus, in ihrem Haus habe es keine Sittenlosigkeit als Selbstzweck gegeben, keinen Sex nur zum Spaß, sondern nur solchen, welcher ihrer Herrschsucht dienen konnte, zeigen eines deutlich: Agrippina hatte eine derart große Präsenz auf den politischen Bühnen des öffentlichen Raums, dass es schwierig war, sie allein mit Gerüchten über ihr Sexleben zu diskreditieren. Doch das galt nur zu Lebzeiten. Nach ihrer Ermordung hatten die Männer Roms leichtes Spiel, diese Episode weiblicher Machtokkupation mit traditionellen Fantasien zu erledigen. Nero behauptete im Senat, ihre Tötung habe einen von ihr geplanten Anschlag auf ihn selbst verhindert. Seneca verfasste als ehemaliger Günstling der Agrippina für den Kaiser eine Liste aller Gräueltaten, die sie angeblich verübt hatte. Der junge Kaiser trug sie im Senat vor, der daraufhin beschloss, sie aus der Erinnerung Roms zu tilgen. Zur Damnatio memoriae, also der Verdammung ihres Andenkens, gehörte der Sturz ihrer Statuen, die Streichung ihres Namens aus allen Dokumenten, die Erklärung ihres Geburtstags zum Unglückstag und die Einrichtung von jährlichen Feiern an ihrem Todestag. Agrippina kann nicht rehabilitiert werden. Zu viele Morde hat sie tatsächlich verantwortet. Es gilt nur den Blick darauf zu richten, in welcher Form die bei den Männern der Zeit durchaus übliche politische Praxis bei einer Frau, die sich „quasi virile“, also männlich benahm, in männlicher Fantasie mit sexueller Enthemmung bis hin zum versuchten Inzest mit dem eigenen Sohn bebildert wurde. Und damit wurde sie in eine Galerie verwerflicher Frauen eingereiht, zu denen auch jene junge Tänzerin am Königshof des Herodes gehören sollte, der man fortan den Namen Salome gab. Martin Zimmermann ist Professor für Alte Geschichte und Dekan der Fakultät für Geschichts- und Kunstwissenschaften an der LMU München. Er hat zur Repräsentation von Herrschaft in der Antike, zu Formen von Gewalt in Bild und Text sowie zur Geschichte der antiken Stadt geforscht. Aktuell befasst er sich mit verlassenen Städten als Kulturphänomen.

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SALOME Musik-Drama in einem Aufzug Von Richard Strauss Premiere am Donnerstag, 27. Juni 2019 Nationaltheater STAATSOPER.TV: Live-Stream der Vorstellung am Samstag, 6. Juli 2019 www.staatsoper.tv

AGRIPPINA Dramma per musica in drei Akten Von Georg Friedrich Händel Premiere am Dienstag, 23. Juli 2019 Prinzregententheater Weitere Termine im Spielplan ab S. 207

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MAX JOSEPH 4/2019 | Die Münchner Opernfestspiele 2019