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Agrippina war als Mitglied der Kaiserfamilie des Augustus und seines Nachfolgers Tiberius in einer Konstellation groß geworden, in der alle Formen von Rücksichtslosigkeit, Intrige, Gewalt und Herrschsucht üblich waren. Mit ihren acht Geschwistern war sie in ein Geflecht von Familienprestige und wechselnden politischen Koalitionen verwoben. Sie erlebte als Kleinkind den frühen, gewaltsamen Tod ihres Vaters Germanicus, den erzwungenen Selbstmord einzelner Geschwister, aber auch die Schreckensherrschaft ihres Bruders Caligula. Bereits als Zwölfjährige wurde Agrippina mit einem reichen Senator verheiratet, eine Ehe, aus der acht Jahre später ihr Sohn Nero hervorging. Nach dem Tod dieses ersten Mannes im Jahr 40 fasste sie als junge Frau mit klarem Blick für Machtspiele sofort eine neue Eheschließung ins Auge. Nach kurzer zweiter Ehe beteiligte sie sich im Jahr 48 an der von Höflingen betriebenen Wiederverheiratung des Kaisers Claudius, ihres Onkels. Mithilfe des mächtigen kaiserlichen Freigelassenen Pallas gelang es ihr, Claudius’ Frau zu werden, obwohl römische Gesetze die Ehe zwischen Onkel und Nichte als Inzest verboten. Wie keine Frau zuvor baute Agrippina ihre Stellung am Hof konsequent aus. Sie verheiratete nicht nur ihren zwölfjährigen Sohn Nero mit seiner zehnjährigen Stiefschwester Octavia und bewegte Claudius dazu, ihren Sohn zu adoptieren. Sie erstritt zudem Ehrentitel und Rechte. Der Beiname Augusta (die Erhabene), das Recht der Wagenfahrt in der Stadt (ein Privileg jungfräulicher Priesterinnen der Vesta) und eine eigene Leibgarde gehörten dazu – Privilegien, die das männliche Establishment provozierten. Immer wieder kam es zum Eklat, da Agrippina in Gegenwart des Kaisers das Protokoll mit kleinen Gesten derart strapazierte, als teile sie mit ihm die Herrschaft. Im Jahr 54 vergiftete sie – darin waren sich antike Autoren einig – ihren Gatten. Mit der Ernennung des 17-jährigen Neros zum Nachfolger war sie am Ziel. Sie ließ keinen Zweifel daran, dass sie selbst fortan die Zügel der Macht in den Händen halten wollte. Erste Münzbilder zeigten den neuen Kaiser gemeinsam mit seiner Mutter. Nero gab als Tageslosung an die Prätorianergarde die Losung „Optima Mater!“ aus: „die beste aller Mütter!“ Schon ein Jahr später folgte die Wende. Um allein herrschen zu können, wandte Nero sich von seiner Mutter und Ehefrau Octavia ab und begann eine Beziehung zu der Freigelassenen Acte. Er entließ den bis dahin einflussreichen Pallas vom Hof, nahm Agrippina die Leibwache und verbannte sie aus dem Palast. Der Konflikt spitzte sich weiter zu, als Nero gegen den Willen Agrippinas beschloss, Poppaea Sabina zu heiraten. Unter dem Einfluss der neuen Liebe und des mächtigen Erziehers, des Philosophen Seneca, beschloss Nero die Ermordung seiner Mutter. Der tölpelhaft ausgeführte Plan, sie bei einer Bootsfahrt zu töten, schlug fehl und Agrippina konnte sich retten. Wenige Stunden später wurde sie jedoch in ihrer Villa unweit der Küste von Soldaten niedergemetzelt. Die Beschreibung der folgenden Szenen verdeutlicht, wie in von einflussreichen Männern geschriebenen Geschichtswerken versucht wurde, Agrippinas politische Begabung durch sexuelle Anspielungen zu leugnen. Als die Soldaten ihre Villa betraten, soll sie ihnen ihren Unterleib entgegengehalten und sie aufgefordert haben, in jenes Körperteil zu stechen, das Nero geboren hatte. Es gab ferner Berichte, Nero habe den toten Leichnam betrachtet und erstaunt bemerkt, welch schönen Körper seine Mutter gehabt habe. Die Reduktion auf die Rolle als Gebärerin und das Motiv der sexuellen Anziehungskraft des mütterlichen Leichnams gehören zu Berichten, in denen Agrippina machtgierig alle Register moralisch abscheulicher Taten zog. Als Nero sich Acte und schließlich Poppaea zuwandte, soll Agrippina sich ihrem Sohn als Geliebte angeboten haben, um nicht ihren Einfluss auf ihn zu verlieren. Immer wieder ist davon die Rede, dass sie neben ihren Ehemännern mit Senatoren und Pallas das Bett teilte. Weibliche Konkurrenten am Hof trieb sie in den Tod, wovon man Schauriges zu

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