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„Es geht eigentlich um die Frage: Funktioniert diese Partie gut mit meiner Stimme oder nicht? Natürlich wird ein Countertenor niemals klingen wie ein Mezzosopran! Wenn ich Sesto singe, dann singe ich meine Version davon.“

Agrippina

Franco Fagioli

„Wie verschlagen sie ist!“, „wie schlau und listig!“ Während Agrippina

Franco Fagioli wurde in San Miguel de Tucumán in Nordargentinien

ihrem Gatten Claudius, dem römischen Kaiser, eine atemberaubende

geboren. Er erhielt zunächst Klavierunterricht am dortigen Musikinstitut

Lügengeschichte erzählt, können Narciso und Pallante – selbstredend

und studierte anschließend Gesang, zunächst in seiner Heimatstadt

a parte flüsternd – ihre Bewunderung kaum verbergen. In Georg Friedrich

und später am Instituto Superior de Arte, dem Ausbildungszentrum des

Händels zweiter italienischer Oper ist Agrippina, die von den Geschichts­

Teatro Colón in Buenos Aires. Den Durchbruch erzielte er 2003 als

schreibern Sueton und Tacitus zahlreicher Intrigen und zumindest zweier

Preisträger des 10. Internationalen Gesangswettbewerbs „Neue Stimmen“

Giftmorde bezichtigt wird, eine durchaus faszinierende Figur: Der

der Bertelsmann­Stiftung. Seit 2005 verkörperte er weltweit die Titelrolle

(wahrscheinliche) Librettist Vincenzo Grimani, Kardinal und Vizekönig

in Händels Giulio Cesare, zuletzt 2017 am Teatro Colón. Weitere

von Neapel, zeichnet sie als intelligente Strippenzieherin, der jedes Mittel

Händel­Partien wie Andronico in Tamerlano und die Titelrollen in

recht ist, um ihrem Sohn Nero den römischen Thron zu sichern. Die

Ariodante, Rinaldo und Riccardo Primo zählen zu seinem Repertoire,

Uraufführung 1709 in Venedig geriet zum Triumph für den Komponisten. Es

ebenso wie Kastraten­ und Hosenrollen in Werken von Rossini und

folgten 27 Vorstellungen und alsbald auch Aufführungen in verschiedenen

Mozart, etwa Sesto (La clemenza di Tito) und Arsace (Semiramide).

europäischen Metropolen. Der Erfolg war kein Zufall: Die atemberaubende

Regelmäßig ist er zu Gast bei renommierten Festivals wie den Salzburger

Kriminalgeschichte um Agrippina, Poppea, Nerone und Claudius, in welcher

Festspielen und an allen führenden Opernhäusern der Welt. Mit der

der Librettist seine Erfahrungen als habsburgischer Botschafter am

Partie des Nerone (Agrippina), die er im Mai 2019 in Madrid, Barcelona

päpstlichen Hof verarbeitet haben soll, bietet einen vollendeten Spannungs­

und Paris gesungen hat, gibt er 2018 / 19 sein Hausdebüt an der

bogen, den Händel genial in Musik setzte.

Bayerischen Staatsoper.

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Text Regine Müller

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MAX JOSEPH 4/2019 | Die Münchner Opernfestspiele 2019