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House of Cards. Ich mag diese Art von kalter, blonder Fassade in einem Kleid, das von exquisitem Geschmack zeugt, mit raffiniertem Make-up und tadelloser Erscheinung. Das entspricht überhaupt nicht dem, wie meine Produktionen sonst aussehen, doch in diesem speziellen Fall ist das wichtig, weil diese römische Familie über Codes des Auftretens verfügt, die auch Ehefrauen an den Tag legen, die im Privatjet ihres Bankiersgatten zu einem Gipfeltreffen in Davos anreisen. Kalt und auf zarte Weise schön – doch mit einem Innenleben, das das Fieber zahlloser unerfüllter Wünsche ausschwitzt. Doch auch wenn meine Figuren sich schlecht verhalten, verurteilt Händel sie nicht. Und für mich ist interessant, dass der Karneval von Venedig solche Entgleisungen zuließ. Auch wenn nicht in Frage kommt, den Karneval auf die Bühne zu bringen, ist er doch ein Element, das man im Hinterkopf behalten muss, um diese Geschichte zu erzählen. Bei Agrippina liegt die Schwierigkeit darin, eine Reihe von Lücken und Ungereimtheiten in der Handlung ausgleichen zu müssen und das mit den Sängern zu erarbeiten. Auch wenn der Kontext dieses Werks nicht der eines Vaudevilles ist, so kann man die Beziehungen zwischen den Figuren doch auch mit einer gewissen Portion Humor sehen. Aus den überhitzten Ambitionen und Figuren habe ich das Bild einer sehr kalten Welt geschaffen. Sie könnten Insekten in einer brütend heißen Wüste sein, die man plötzlich auf eine eisige Metallplatte setzt. Mit dem Barock ist es wie bei Mozart: Die Gedankenwelt der Figuren ist sehr lebendig. Rezitative und Arien müssen sich ohne Pause aneinanderreihen. Wie eine Überdosis Koffein! Von Agrippina wird gesagt, sie trage eine alma di fiera in sich – die Seele eines wilden Tieres –, sie sei ein mostro, ein Monster. Auch bei Salome ist von ihrem „monströsen Verhalten“ die Rede.

MJ:

Diese Monstrosität fesselt mich nicht mehr als der Kuss auf den Mund eines Toten. Was mich eher inspiriert, ist dieser Moment in Il portiere di notte, nachdem die von Charlotte Rampling gespielte jüdische Gefangene auf Befehl getanzt hat und ihr Peiniger ihr ein Paket überreicht. KW:

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MAX JOSEPH 4/2019 | Die Münchner Opernfestspiele 2019