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Hier muss man sich mit der Biographie von Strauss beschäftigen, damit, was sein Besuch in Theresienstadt bedeutet hat, als er versuchte, die deportierten Angehörigen seiner Schwiegertochter zu besuchen. Ein Film wie Liliana Calvanis Il portiere di notte (Der Nachtportier, 1974) versetzt den Zuschauer in die Zeit der Vernichtungslager. In eine Welt also, die deutlich macht, was für Gewalttätigkeiten gegenüber dem Menschen erlaubt sein können. Die Amerikaner haben diesen Film über die sadomasochistische Beziehung zwischen einer jüdischen Inhaftierten und einem SS-Mann sofort auf den Index gesetzt. Il portiere di notte ist für mich in Bezug auf Salome – diese dekadente Welt, in der einer dem anderen den Tod bringt – wie ein Vergrößerungsspiegel. Und plötzlich scheint es mir möglich, sich diese biblische Geschichte in der Wirklichkeit der Völkermorde des 20. Jahrhunderts vorzustellen, die uns historisch näher ist. Und wenn sich dieser Zusammenhang derart leicht herstellen lässt, habe ich zu allem, was Salome sonst erzählt, nichts mehr zu sagen: nichts über das Biblische, nichts, was mit der Kirche zu tun hat. Ich kann nur versuchen, die Welt zu diesem Zeitpunkt zu rekonstruieren, an dem die Gefährdung ihren Ausgang nimmt, an dem die Störungen Sinn und Richtung gewinnen, an dem eine Beleidigung etwas bedeutet.

BK: Für mich ist es so, dass ich für manche Rollen unbedingt vor Probenbeginn eigene Entscheidungen treffen muss. Als ich Die Meistersinger von Nürnberg in Bayreuth inszeniert habe, mussten wir sehr früh Ideen entwickeln, was die Figuren Hans Sachs und Sixtus Beckmesser betrifft. Agrippina ist im Grunde ein Kammerstück, das auf sieben Figuren ohne Chor konzentriert ist. Eine radikal andere Welt als die in Salome, die für sich allein ein ganzer Kosmos ist. Für Agrippina hatte ich noch nichts bestimmt, bis sich Alice Coote im Probenraum befand. Und auch da habe ich ihr nur die Richtung erläutert, in die sich diese Figur meiner Meinung nach entwickeln könnte: eine Manipulatorin, grausam, extrem sarkastisch, ironisch. Agrippina will die Macht, natürlich, aber in ihrem Fall ist das sehr einfach, denn sie

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MAX JOSEPH 4/2019 | Die Münchner Opernfestspiele 2019