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Herr Warlikowski, Herr Kosky, bei den Opern, die Sie beide in München auf die Bühne bringen, stehen zwei weibliche Hauptfiguren im Zentrum: Salome und Agrippina. Handelt es sich dabei um Archetypen starker Frauen?

Max Joseph:

Ich glaube nicht, dass Salome stark ist. Im Gegenteil, sie ist eine Frau, die dem Einfluss ihrer Umwelt und deren Zwängen unterliegt. Salome reiht sich in eine lange Tradition dämonisierter Frauenfiguren ein, von Lilith bis Lulu. Im Bibeltext wird sie als ein sehr junges Mädchen beschrieben. Das allein unterscheidet sie bereits stark von Agrippina, die vor allem eine Mutter ist. Salomes adoleszentes Alter stellt für die Aufführungspraxis der Oper übrigens eine enorme Schwierigkeit dar, denn so jung die Sängerin in ihrer Rolle idealerweise wirken muss, so sehr muss sie doch das Wunder vollbringen, diese dramatische Partie zu singen – und das ist schließlich keine Kleinigkeit. Krzysztof Warlikowski:

Agrippina ist an historische Ereignisse im antiken Rom angelehnt. Gleichzeitig wird die Geschichte von einem Geistlichen erträumt, sie wurde von einem Kardinal geschrieben, einem Mann des Vatikans. Dieser Autor hat kein dokumentarisches Zeugnis des alten Rom geschaffen, sondern ein Unterhaltungswerk, das für den Karneval von Venedig gedacht war, es wurde von einem Prälaten ersonnen, der einen jungen deutschen Komponisten von 24 Jahren gebeten hat, die Musik zu schreiben. Salome wiederum Barrie Kosky:

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MAX JOSEPH 4/2019 | Die Münchner Opernfestspiele 2019