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Foto: Wilfried Hösl, Courtesy Galerie Sperling, München. Alle Fotografien der Kunstwerke: Björn Siebert

ART N MORE: POOL, 2016

Editorial

Als Friedrich Schiller im Sommer 1785 seine Ode An die Freude schrieb, war er unzufrieden. Jahrelang überarbeitete er Fassung um Fassung der heutigen Hymne der Europäischen Union, mit der er dem Freimaurer Christian Gottfried Körner poetisch seine Freundschaft erklären wollte. Doch nachdem das revolutionäre Hochgefühl der 1790er Jahre verflogen war, gab er sich in einem Brief vom 21. Oktober 1800 an Körner kritisch: „Deine Neigung zu diesem Gedicht mag sich auf die Epoche seiner Entstehung gründen: Aber dies gibt ihm auch den einzigen Wert, den es hat, und auch nur für uns und nicht für die Welt, noch für die Dichtkunst.“ Wie falsch Schiller damit doch lag. Zugegeben, mit der Freude tun sich viele gerade etwas schwer. Zumindest mit der unbändigen, ausgelassenen, hedonistischen Götterfunken-Freude. Zu voll sind die Köpfe – von den Meldungen über ein bröckelndes Europa und aufstrebende Rechtspopulisten bis zum Schwanengesang auf das Klima weltweit. Lässt man das Spielzeitthema ALLES WAS RECHT IST vor diesem Hintergrund noch einmal widerhallen, ist irgendwie gar nichts recht. Bis man wieder bei Schiller nachliest: „Freude heißt die starke Feder / In der ewigen Natur / Freude, Freude treibt die Räder / In der großen Weltenuhr.“ Freude als gemeinschaftsstiftendes, alles verbindendes Moment, an dem alles hängt, das alles antreibt? Freude ist aber auch das, was Sie nach einer gelungenen Opernpremiere, nach einem erfüllenden Konzertabend mit Ihrem Sitznachbarn versöhnt, der den gesamten Abend die Armlehne zwischen Ihnen in Anspruch genommen hat. Oder denken wir in größeren Dimensionen, wie Feridun Zaimoglu: Im nachdenklichen Gespräch über Europa schlägt der Schriftsteller vor, lieber die Augen der Menschen zum Leuchten zu bringen, als sich andauernd gegenseitig zu bekriegen. Die junge Prinzessin Salome hat in Richard Strauss’ Oper zwar solch leuchtende Augen, nur verheißt ihr Blick nichts Gutes. Mit welcher Spielfreude sich jedoch Sopranistin Marlis Petersen in diese Titelpartie wirft, ist köstlich. Und auch Franco Fagioli schwebt in höheren Sphären, nicht nur wegen seiner außergewöhnlichen Stimmlage: Der Countertenor singt den Nerone in Agrippina. Besondere Freude bereitet uns, dass das Zusammentreffen von Krzysztof Warlikowski und Barrie Kosky zu einem so originellen Gedankenaustausch über die skandalösen Frauenfiguren ihrer beiden Inszenierungen von Salome und Agrippina führte. Die Bayerische Staatsoper dankt der Gesellschaft zur Förderung der Münchner Opernfestspiele für die großzügige Unterstützung dieser Ausgabe sowie ihrem langjährigen Partner BMW, der die Veranstaltung Oper für alle bei freiem Eintritt auf dem Max-Joseph-Platz möglich macht mit Generalmusikdirektor Kirill Petrenko. Freuen wir uns also gemeinsam auf ein facettenreiches Festspielprogramm!

Nikolaus Bachler, Intendant der Bayerischen Staatsoper

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MAX JOSEPH 4/2019 | Die Münchner Opernfestspiele 2019