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Das Konzept der Erbsünde des Menschen im Islam gibt es nicht. Gott verbannt den Menschen zwar auf die Erde, aber er verzeiht ihm vorher. Somit ist die Frau auch nicht die Schuldige für die Vertreibung aus dem Paradies, wie es die Kirchenväter einst lehrten.

Der Koran lehrt, dass beide gleichzeitig davon essen. Das Motiv von Eva als Verführerin spielt in der islamischen Theologie somit keine Rolle. Noch viel gravierender aber: Das Konzept der Erbsünde des Menschen im Islam gibt es nicht. Gott verbannt den Menschen zwar auf die Erde, aber er verzeiht ihm vorher. Somit ist die Frau auch nicht die Schuldige für die Vertreibung aus dem Paradies, wie es die Kirchenväter einst lehrten.

EVA UND ADAM, Studien für Bühnenbild: Valerie Dziki

Zweifel an der „Rippen-Theorie“ Gläubige Muslim*innen orientieren sich neben dem Koran an dem als vorbildlich begriffenen Leben Mohammeds. Sie ahmen Handlungen von ihm nach, lauschen seinen Worten. Diese Prophetentradition ist die zweitwichtigste Quelle im Islam. Doch auch sie weiß uns über Eva nichts zu berichten. Immerhin finden sich Hinweise auf die Thematik. Nach einer der wichtigsten Sammlungen von Berichten über den Propheten – dem Sahih al-Bukhari zufolge – lautet die wohl bekannteste Aussage Mohammeds zur Eva-Frage: „Die Frauen wurden aus einer Rippe geschaffen.“ Dass Eva angeblich aus der Rippe Adams geformt und damit nachrangig erschaffen worden sei, ist aus der christlichen Theologie wohlbekannt. Mohammeds Äußerung indes steht seltsam isoliert, sie wirkt beinah artifiziell. Im Koran findet die Rippen-Erzählung ebenso wenig Niederschlag wie der Name Eva, der letztlich auch ein Produkt des Alten Testaments ist. Zweifel an der „Rippen-Theorie“ scheinen im Islam mithin erlaubt, allzumal die Prophetentradition aus quellenkritischer Perspektive diverse Fallstricke birgt. Im Laufe der männerdominierten Geschichte wurden Berichte über den Propheten – teils interessengeleitet – erfunden, verändert oder unvollständig tradiert.

Feministische Lesart der Schöpfungsgeschichte Der islamische Feminismus lenkt die Aufmerksamkeit folglich lieber auf den Koran, in dem an unterschiedlichen Stellen die Rolle starker Frauen als Vorbilder für die Gläubigen erwähnt wird. Der Koran erzählt von Balqîs, der weisen Königin von Sâba, die einen eigenen Rat für ihre Macht installierte, oder von der Frau des Pharaos, die in der Tradition Asya heißt und durch ihre Empathie und Fürsorge den kleinen Mose als Findelkind im Nil gegen den Willen des Pharaos annahm. Die wohl beeindruckendste Frauenfigur im Koran ist sicherlich Maryam (Maria), die Mutter von ʿIsâ (Jesus). Da Maryam bekanntlich ohne Zutun eines männlichen Partners mit ʿIsâ schwanger war, spricht der Koran von „Jesus, der Sohn Marias“ (arab. ʿIsâ ibn Maryam), was die bedeutende Position dieser Frau ganz besonders hervorhebt, denn Namen werden in der arabischen Welt nach väterlicher Linie vergeben.

Text Lamya Kaddor

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