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Karsten Wittke geboren 1958 in Wuppertal, lebt als freischaffender Künstler mit seiner Familie in Baruth/Mark. Er ist Gründungsmitglied des Instituts zur Entwicklung des ländlichen Kulturraums und des Netzwerks Raumumordnung. Die künstlerische Arbeit bewegt sich in den vielfältigen Grenzbereichen von Farbe, Licht, Malerei und Architektur sowie angewandter Raumgestaltung. Als Konsequenz seines Lebensentwurfs und Alltags beschäftigt er sich in Theorie und Praxis mit der Situation und den Handlungsmöglichkeiten von Kunst und Kulturprojekten im ländlichen Raum.

Das Gespräch mit Karsten Wittke führte Richard Steger.

Die Stadt Baruth/Mark liegt eine Bahnstunde südlich von Berlin, dennoch ist die Nähe zur Hauptstadt nicht zu spüren. Die Stadt besteht aus zwölf Ortsteilen, erstreckt sich über eine ungewöhnlich große Fläche von 234 Quadratkilometern und weist mit 18 Einwohnern je Quadratkilometer eine äußerst geringe Bevölkerungsdichte auf. Zu DDR-Zeiten war Baruth vorwiegend durch industrielle Landwirtschaftsproduktion geprägt. Seit den 1990er-Jahren nutzen einige Holzindustriebetriebe und ein großer Mineralwasserproduzent die lokalen Ressourcen Wald und Wasser und entwickelten sich zu den größten Arbeitgebern in der Region. Das Problem des demografischen Wandels mit geringen Geburtenraten und Überalterung der Gesellschaft ist eine evidente Herausforderung für die Stadt Baruth und ihre Dörfer. Die Stadt engagiert sich für eine gute Baukultur, die Bevölkerung wird bei Bauvorhaben in der Vorplanung wie auch während der Umsetzung durch das Bauamt eingebunden und es gibt einige vorbildliche öffentliche sowie private Bauprojekte (Brücken im Lenné-Park, Neugestaltung ErnstThälmann-Platz, Kindertagesstätten in Baruth und Groß-Ziescht, die neue Sporthalle in Petkus, einzelne Bushaltestellen, Sanierung von Fachwerkhäusern, Neubau von Einfamilienhäusern etc.), die vorzugsweise mit den Baustoffen aus der lokalen Holzindustrie umgesetzt wurden. Mit dem Museumsdorf im Ortsteil Glashütte, dem Künstlerhof im Ortsteil Klasdorf und dem Kunst- und Kulturverein Alte Schule Baruth gibt es ungewöhnlich viele Kunst- und Kulturschaffende und eine lebendige Kunst- und Kunsthandwerksszene in der Stadt. Eine der interessantesten Initiativen ist das I-KU (das Institut zur Entwicklung des ländlichen Kulturraums), dessen Mitglieder soziale und kulturelle Gegenwartsprozesse im ländlichen Raum zum Anlass unterschiedlicher Aktionen nehmen. Mit ihrer langjährigen Arbeit möchten die Künstlerinnen und Künstler des I-KU auf die Gestaltung ihres Lebensraums auf dem Land unmittelbar und universell Einfluss nehmen, der gemeinschaftliche Nutzen steht dabei immer im Vordergrund. Neben einer Vielzahl an kulturellen Projekten wurden auch einige land(wirt)schaftliche Arbeiten umgesetzt, wie z. B. das Projekt Streuobstwiesen, die Brücken im Lenné-Park oder die Reaktivierung des Weinbaus. Die Bedeutung landwirtschaftlicher Themen hat nicht zuletzt auch damit zu tun, dass dieser Bereich in Strukturförderprogrammen im ländlichen Raum fest verankert ist (z. B. Kulturland Brandenburg etc.). Das I-KU organisiert die sogenannten Baruther Gespräche, eine Informations- und Diskussionsplattform zu gesellschaftspolitisch-kulturellen Themen auf dem Land, wie z. B. Symposien über neue Perspektiven durch lokales Handeln1, kreatives Wirtschaften2 auf dem Land oder neue Potenziale durch die Energiewende.3 Die Initiative des I-KU zeigt vorbildlich, wie eine Kleinstadt durch langjähriges und kontinuierliches Engagement profitieren kann. Gute Baukultur ist hier nicht vordergründiges Ziel der Arbeiten, jedoch ein reales Ergebnis. Sie sind in der ehemaligen BRD aufgewachsen und 1997 nach Baruth übersiedelt. Warum gerade Baruth? Karsten Wittke: Das war keine bewusste Entscheidung, sondern eher ein Zufall. Kollegen von meiner Frau und mir hatten das Immobilienprojekt mit der Alten Schule in Baruth, da hat es sich ergeben, dass wir auch dort hingehen. Wir sind aufs Land gezogen, es hat uns gefallen und wir sind geblieben.

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Baukultur in ländlichen Räumen  

Perspektive statt Abgesang: Der ländliche Raum ist längst nicht mehr nur ein Raumtypus der Landwirtschaft, des Tourismus oder der Naherholun...

Baukultur in ländlichen Räumen  

Perspektive statt Abgesang: Der ländliche Raum ist längst nicht mehr nur ein Raumtypus der Landwirtschaft, des Tourismus oder der Naherholun...

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