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Baukultur in ländlichen Räumen Marta Doehler-Behzadi, Anca Cârstean

Der ländliche Raum gehört auch im 21. Jahrhundert zu den wichtigsten Raumkategorien in Deutschland und Europa. Mit ca. 70 Prozent der Flächen prägen diese Regionen das Landschaftsbild Deutschlands1 und bieten den Menschen attraktive Orte zum Wohnen und Leben. Außerdem spielen sie heute eine Schlüsselrolle, wenn es darum geht, den Wirtschaftsstandort Deutschland nachhaltig zu stärken, Arbeitsplätze zu sichern und Herausforderungen wie dem demografischen Wandel, dem Klima- und Energiewandel und dem Verlust der Biodiversität zu begegnen. Doch gerade deswegen stehen ländliche Räume auch vor besonders schwierigen demografischen, strukturellen und ökologischen Herausforderungen. Debatten in den peripher gelegenen ländlichen Räumen werden von folgenden Schlagwörtern dominiert: Bevölkerungsverluste, geringe Zahl an Zuwanderung, alternde Bevölkerung, Fremdenfeindlichkeit, Landflucht, Rückbau von sozialer Infrastruktur, Abnahme dörflicher Funktionen, landwirtschaftliche Industrialisierung und vor allem der Verlust historisch wichtiger Kulturlandschaft. Das wirft einen pessimistischen Blick auf die Entwicklung des ländlichen Raums und lenkt von einer qualitativen und differenzierten Bewertung des ländlichen Raums ab. Auf der anderen Seite erfreuen sich Zeitschriften zum Thema des Dörflichen und Ländlichen wachsender Beliebtheit. Rem Koolhaas hat unlängst darauf verwiesen, dass der ländliche Raum in extremer Weise auseinanderfällt zwischen einer sozio-ökonomischen Realität und einem sentimentalen Vorstellungsbild traditioneller Kulturlandschaften und Dorfbilder.2 Doch was ist der „ländliche Raum“? Die verschiedenen Definitionen des ländlichen Raums spiegeln verschiedene Zielsetzungen wider. Der ländliche Raum wird häufig negativ definiert, indem er lediglich als Kategorie des „Nicht-Städtischen“ aufgefasst wird. Wesentliche Indikatoren hierfür sind die geringe Bevölkerungsdichte oder ausbleibende Zentralitätsmerkmale. Durch diese dichotomische Definition entsteht – zumindest unterschwellig – der Eindruck, dass sich die Lebensrealität der deutschen Bevölkerung vor allem in den beiden polaren Raumtypen Stadt und Land abspiele und eine Diskussion um die Gleichwertigkeit der Lebensverhältnisse daran festmache. Gleichzeitig wird aber vielfach betont, dass es „den“ ländlichen Raum als einheitliche Raumkategorie nicht gibt. Damit wird auf die Notwendigkeit einer differenzierteren Betrachtung der ländlichen Räume verwiesen, um die Vielfalt räumlicher Funktionen und Entwicklungen zu berücksichtigen. Um die Frage nach den ländlichen Räumen in Zukunft einheitlich zu beantworten, hat in Deutschland das Bundesinstitut für Bau-, Stadtund Raumforschung (BBSR) seit 2011 eine feste Definition vorgelegt: Alle kreisfreien Großstädte sowie die städtischen Kreise bilden den städtischen Raum, alle ländlichen Kreise bilden den ländlichen Raum. Das BBSR hat eine Raumtypisierung entwickelt, die im Wesentlichen auf der Betrachtung dreier Siedlungsstrukturmerkmale beruht: Bevölkerungsanteil in Groß- und Mittelstädten, Einwohnerdichte der Kreisregion sowie Einwohnerdichte der Kreisregion ohne Berücksichtigung der Groß- und Mittelstädte. Auf diese Weise können vier Gruppen unterschieden werden: kreisfreie Großstädte, städtische Kreise, ländliche Kreise mit Verdichtungsansätzen, dünn besiedelte ländliche Kreise.3

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Baukultur in ländlichen Räumen  

Perspektive statt Abgesang: Der ländliche Raum ist längst nicht mehr nur ein Raumtypus der Landwirtschaft, des Tourismus oder der Naherholun...

Baukultur in ländlichen Räumen  

Perspektive statt Abgesang: Der ländliche Raum ist längst nicht mehr nur ein Raumtypus der Landwirtschaft, des Tourismus oder der Naherholun...

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