Page 49

Wie kann sich Baiersbronn bei der Standortwahl profilieren? Patrick Schreib: Ein entscheidender Faktor für die Standortentscheidung ist, welche besonderen Qualitäten wir anbieten können. Das erreichen wir mit einem klaren Profil der Gemeinde, woran wir ja arbeiten. Wofür steht Baiersbronn, was ist Baiersbronn und was kann ich hier erwarten? Und hier ist Baukultur für mich ein ganz wichtiger Faktor. So ein kollektives Selbstverständnis ist aber nicht einfach zu definieren. Vor allem auch, weil die Entstehungsgeschichten der einzelnen Ortsteile innerhalb von Baiersbronn sehr unterschiedlich sind. Der älteste Ortsteil Klosterreichenbach hatte mit der Klostergründung und mit Lehensbauernhöfen eine ganz andere Entwicklung als Schönmünzach mit seinen Glashütten in Randlage an der Grenze zu Baden oder Tonbach als eine reine Streusiedlung ohne Ortskern. Nach Hinterlangenbach, wo es ein großes Hotel gibt, fährt man elf Kilometer durch Wald und dann gibt es dort ein paar wenige Häuser. Gerade dieser Punkt ist eine spannende Herausforderung bei „Baiersbronn 2020“. Baukultur ist eine Querschnittmaterie, die viele Aspekte berührt. Auch unausgesprochen spürt man, wenn das Zeitgenössische keinen Platz hat, dann haben im übertragenen Sinn auch die Zeitgenossen keinen Platz. Früher gingen Handwerker auf die Walz und konnten das auswärts Gelernte wieder zu Hause einbringen. Wenn heute junge Menschen für das Studium in eine Stadt gehen, was erwartet sie dann im Heimatort?

Der 1750 erbaute Hof Reichenbachtal wurde 1997 behutsam restauriert und zur heutigen Nutzung als Wohnhaus mit Ferienwohnungen und Seminarbereich umgebaut.

Mathias Walter: Das ist ein wichtiger Punkt. Als Architekt hat man hier viel Gegenwind, wenn man etwas tun oder verändern will. Das wird auch ganz offen ausgesprochen: „Nein, wir wollen die Veränderung nicht, wir brauchen keine neuen Ideen.“ Mit dem Gestaltungshandbuch wollen wir genau hier anknüpfen. Einerseits die Suche nach der Historie anzugehen, was haben wir, wer sind wir, wo kommen wir her, aber andererseits das Erlernte daraus auch als Werkzeug benützen, um Neues zu machen und eine zeitgenössische regionale Baukultur zu entwickeln. Ist nicht oft der Tourismus auch Verhinderer von Baukultur? Die Gäste kommen nach Baiersbronn, weil es ihnen hier gefällt, deshalb soll auch alles so bleiben, wie es ist, damit sie nächstes Jahr auch wiederkommen. Mathias Walter: Die Sache mit dem Bewahren und mit dem Verändern wurde im Zuge von „Baiersbronn 2020“ intensiv diskutiert. Die goldenen Zeiten mit 1,7 Millionen Nächtigungen pro Jahr, die sind einfach vorbei. In dieser Zeit konnte jeder seinen Hausbau finanzieren, indem zusätzlich noch Ferienwohnungen oder Gästezimmer errichtet und vermietet wurden. Jetzt muss man für den Tourismus neue Konzepte finden und vor allem auch dafür, dass die Baiersbronner nicht auf der Strecke bleiben und auch die Jungen wieder im Ort bleiben oder sogar zurückkommen. Patrick Schreib: Dieser Tourismus, der hier auch Massentourismus war, war kein qualitativ hochwertiger. Gäste kamen z. T. mit Sonderzügen aus Köln. Und das hat viele, auch Junge, hier im Ort davon abgeschreckt, in der Tou-

49

Baukultur in ländlichen Räumen  

Perspektive statt Abgesang: Der ländliche Raum ist längst nicht mehr nur ein Raumtypus der Landwirtschaft, des Tourismus oder der Naherholun...

Baukultur in ländlichen Räumen  

Perspektive statt Abgesang: Der ländliche Raum ist längst nicht mehr nur ein Raumtypus der Landwirtschaft, des Tourismus oder der Naherholun...

Advertisement