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gen, und leiden unter den daraus resultierenden steigenden Baulandpreisen. (Zu diesen gehören zum Beispiel die hier vorgestellten Gemeinden Weyarn und Biberach a. d. Riß.) Die anderen haben große Mühe, nicht weiter an Einwohnern zu verlieren und die vorhandene Infrastruktur und den baulichen Bestand überhaupt erhalten zu können, und müss(t)en sich mit den komplexen Aufgaben des demografischen Wandels und des damit einhergehenden Um- und Rückbaus auseinandersetzen.4 (Dazu zählen etwa die Kleinstadt Luckenwalde und die Gemeinde Körner, zu der das Dorf Volkenroda gehört.) Dort, wo die Gestaltung der gebauten Umwelt überhaupt als relevante Aufgabe wahrgenommen wird, wird sie zunehmend als Aufgabe mit widersprüchlichen Interessen erlebt, der gerade ländliche Gemeinden immer weniger gewachsen sind. Besonders schwierig ist dabei der Paradigmenwechsel von einer Planung zu bewältigen, die auf stetiges Wachstum ausgerichtet ist, zu einer Planung, die sich verstärkt dem Umbau bzw. sogar Rückbau des Bestands widmet. Denn nicht nur bedingt durch den demografischen Wandel, sondern auch aufgrund der rasanten Zunahme der Bauproduktion seit 1945 rückt der Umgang mit dem Vorhandenen immer mehr in den Vordergrund. Beschlüsse für Ortserweiterungen werden daher zumindest in den Gemeinden, denen die Tragweite dieser Entscheidungen bewusst ist, weniger leichtfertig getroffen als noch vor einigen Jahrzehnten. Bei der Beschreibung des Wandels ist die Ungleichzeitigkeit zivilisatorischer Prozesse im Auge zu behalten; dynamischen Metropolregionen in stürmischer Gärung stehen ausgereifte und denkmalgeschützte historische Stadtkerne, reglose Kleinstädte und verbrauchte Entleerungsräume gegenüber. Aus unharmonischen Entwicklungsdisparitäten, etwa zwischen Zentrum und Peripherie, ergeben sich nicht nur abschöpfbare Wertgefälle, sondern auch Nährböden für destruktive politische Regionalismen und problematische Wanderungsanreize.5

Die Bedeutungsvielfalt ländlicher Räume Dass es das Land nicht gibt, sondern stattdessen eine Vielfalt ländlicher Räume mit jeweils sehr spezifischen Eigenschaften, zeigt schon allein die Bandbreite der für den vorliegenden Bericht ausgewählten Beispiele. Sowohl die Bedingungen sind jeweils sehr unterschiedlich als auch die Bedeutungen und Funktionen, die den Räumen zugeschrieben werden, und beides muss bei der Bewertung auch immer mitberücksichtigt werden. Denn welche spezifischen Funktionen Gemeinden und Regionen erfüllen (z. B. als vorwiegender Wohnstandort, Kur-, Erholungs- und Tourismusregion bzw. Industrie- oder Bildungsstandort oder als Versorgungsraum), hat unmittelbare Auswirkungen auf die baulichen Strukturen und auch darauf, ob und wie Baukultur als Aufgabe wahrgenommen wird. Die These von der Vielfalt ländlicher Räume vertreten auch die meisten aktuellen Publikationen, die sich mit dem ländlichen Raum beschäftigen. Während in der Kategorisierung des Bundesinstituts für Bau-, Stadt- und Raumordnung (BBSR) vor allem die Bevölkerungsdichte und die Lage ausschlaggebend sind6, spielen in der Definition der Österreichischen Raumordnungskonferenz (ÖROK) auch funktionale Kriterien eine Rolle: Sie unterscheidet in ländliche Gebiete in urbanisierten Regionen, durch Intensivtourismus geprägte ländliche Gebiete und periphere ländliche Gebiete.7 Ein weiteres Beispiel ist die viel beachtete Publikation „Landraum“, in der

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Baukultur in ländlichen Räumen  

Perspektive statt Abgesang: Der ländliche Raum ist längst nicht mehr nur ein Raumtypus der Landwirtschaft, des Tourismus oder der Naherholun...

Baukultur in ländlichen Räumen  

Perspektive statt Abgesang: Der ländliche Raum ist längst nicht mehr nur ein Raumtypus der Landwirtschaft, des Tourismus oder der Naherholun...

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