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Die Weyarner Bodenpolitik Die Gemeinde Weyarn bekam in den letzten Jahren abgesehen von der Bürgerbeteiligung auch wegen ihrer eigenwilligen und konsequenten Bodenpolitik sehr viel Aufmerksamkeit. Ein wesentlicher Punkt ist, dass Weyarn eine der wenigen Gemeinden in Deutschland ist, die gezielt auf das Erbbaurecht9 setzen als ein Mittel, bezahlbares Wohnen im Eigentum für Einheimische zu ermöglichen. Als Jurist beschäftigte sich Michael Pelzer mit der Geschichte von Boden- und Landnutzungsrechten und er bemühte sich, bestehende Formen des Erbbaurechts für seine Gemeinde weiterzuentwickeln.10 In Weyarn wird es als eine Form des „Einheimischen-Modells“ angewandt, das auch in anderen bayerischen Gemeinden üblich ist, in denen die Grundstückspreise sehr stark angestiegen sind. (In Weyarn zahlt man derzeit circa 300 Euro pro Quadratmeter für Bauland und etwa fünf Euro pro Quadratmeter für Grünland.) Das „Einheimischen-Modell“ dient zur Förderung junger Familien bzw. auch zur Förderung ortsansässiger Gewerbetreibender. Die wichtigsten Vergabekriterien, um davon profitieren zu können, sind die bisherige Wohndauer (man muss als Bewerberin oder Bewerber mindestens zwölf Jahre ortsansässig gewesen sein oder mindestens 16 Jahre seinen Hauptwohnsitz in Weyarn gehabt haben), der Grundstücksbedarf (man ist ausgeschlossen, wenn man bereits Eigentümer eines baufähigen Grundstücks ist) und das Familieneinkommen, das einen gewissen Betrag nicht übersteigen darf.11 Die jährlichen Zahlungen für das Grundstück betragen circa zwei Euro pro Quadratmeter, das Recht gilt für 99 Jahre und kann um weitere 50 Jahre verlängert werden. (Bei einer Pacht über 150 Jahre käme man in etwa auf die gegenwärtig üblichen Grundstückskosten, muss allerdings keinen Kredit aufnehmen.) „Bisher wurden etwa 70 Grundstücke im Erbbaurecht ausgewiesen. Nach mehreren Jahren Praxis hat sich gezeigt, dass die Familien in den Erbbaurechtshäusern im Vergleich zu den anderen durchschnittlich mehr Kinder haben (nämlich 2,8 im Vergleich zu 1,2), wahrscheinlich nicht zuletzt, weil sie sich nicht so hoch verschulden mussten“, berichtet der Bürgermeister.

Wie geht Weyarn bei der Baulandentwicklung konkret vor? Seit etwa Mitte der 1980er-Jahre versucht die Gemeinde landwirtschaftliche Flächen zu erwerben, um sie als Tauschflächen für ortsnahe Lagen und Ansiedlung von kleinen Gewerbebetrieben oder Schaffung von bezahlbarem Wohnraum zu nutzen. Zudem wurden im Außenbereich bei ortsplanerischer Eignung nur angebotene Grundstücke baureif gemacht, wenn der Eigentümer zwei Drittel des Grundes für den doppelten landwirtschaftlichen Preis an die Gemeinde verkaufte. Kurz nach der Einführung des Erbbaurechts war aber die Skepsis derart hoch, dass es über ein paar Jahre überhaupt keinen Grundstücksverkehr gab. Während der Ankauf von landwirtschaftlichen Flächen bis vor einigen Jahren noch sehr leicht möglich war, ist es jetzt wieder zunehmend schwieriger, da viele Landwirte nicht mehr verkaufen wollen und auch einige wenige Bauern sehr viel Land erwerben. Baugebiete werden nur noch ausgewiesen, wenn die Grundstücke der Gemeinde gehören. Um Bauland zu mobilisieren, kann die Gemeinde Weyarn Flächen ausweisen, wenn der Eigentümer 2/3 der Bruttofläche an die Gemeinde zum doppelten landwirtschaftlichen Grundstückspreis verkauft.12

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Das neue Gebäude der Freiwilligen Feuerwehr in Holzolling, das auch den örtlichen Schützenverein beherbergt, wurde 2004 fertiggestellt und unter Mitarbeit der Dorfgemeinschaft errichtet. Engagierte beteiligten sich mit über 6.000 ehrenamtlichen Stunden, wie auf der Homepage stolz berichtet wird. Der Baufortschritt wurde fotografisch dokumentiert und die Eröffnung mit einem großen Fest gefeiert.

Baukultur in ländlichen Räumen  

Perspektive statt Abgesang: Der ländliche Raum ist längst nicht mehr nur ein Raumtypus der Landwirtschaft, des Tourismus oder der Naherholun...

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