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Baukultur ist mehr als Architektur LandLuft

Herangehensweise Warum sollen sich Gemeinden zusätzlich zu ihrem umfangreichen Aufgabenprofil ausgerechnet auch noch für Baukultur interessieren? Die Schwierigkeit, eine Antwort auf diese Frage geben zu können, und ein Gefühl von Ohnmacht und Vergeblichkeit, wie in den vergangenen Jahrzehnten im ländlichen Raum gebaut wurde, hat unsere Initiative LandLuft – Verein zur Förderung von Baukultur in ländlichen Räumen zu einem Strategiewechsel bewogen: nämlich anstatt der üblichen Formate bewusstseinsbildender Maßnahmen, die sich ausschließlich an Expertinnen und Experten richten, in der Kommunikation mit allen, die tagtäglich mit der baukulturellen Entwicklung in ihren Gemeinden zu tun haben, einen sehr „direkten“ Zugang zu wählen. Denn was nützt der bestinformierte Architekt, wenn die Bauaufgabe im Dorf ohne ihn umgesetzt wird? Konkret bedeutet das, auf praxisnahe Weise die Erfahrungen der zentralen Akteure aus Politik, Planung und Bürgerschaft in den Mittelpunkt zu stellen, die baukulturelle Prozesse angeregt, konzipiert, unterstützt und professionell begleitet haben, und anstatt gebauter Einzelobjekte den gesamten Entwicklungsprozess zu porträtieren. Die Herangehensweise an das vorliegende Forschungsprojekt „Baukultur in ländlichen Räumen“ beruht in einem hohen Maße auf den Erfahrungen in der Arbeit auf kommunaler Ebene, die wir in den letzten zehn Jahren ausgehend von Österreich, insbesondere in der Entwicklung des Baukulturgemeinde-Preises1 gewonnen haben.

Baukultur ist mehr als Architektur Wenn die Entwicklung menschlicher Kulturen und Gesellschaften quer durch die Geschichte dokumentiert wird, geschieht dies in einem beträchtlichen Maße anhand von baukulturellen Errungenschaften bzw. Hinterlassenschaften. Je weiter die Epochen zurückliegen, umso stärker ist der Fokus auf Baukultur gerichtet. Zu bauen zählt zu den Grundkonstanten menschlichen Seins. Dort, wo Entwicklung stattfindet, schlägt sich diese immer in der gebauten Umwelt nieder. Es gibt unterschiedliche Wege, um Baukultur zu definieren. Der deskriptive Zugang versteht Baukultur als das koordinierte System des Wissens, der Regeln und der Prozesse, das von den Menschen geteilt wird, die an Bauaktivitäten beteiligt sind, und das die Form von Gebäuden und Städten determiniert.2 In diesem Verständnis ist Baukultur der Teil einer Kultur, der mit Bauen zu tun hat. Dem steht der normative Ansatz gegenüber, der einen Qualitätsanspruch an die Herstellung und den Umgang mit der gebauten Umwelt stellt und in der Formulierung politischer Empfehlungen zentral ist. Der Begriff Baukultur umfasst dabei nicht nur die Architektur, sondern gleichermaßen die Ingenieurbauleistungen, die Landschaftsarchitektur sowie die Stadt- und Regionalplanung.3 Als erweiterter Kulturbegriff stützt sich die Identität der Baukultur dabei auf die Geschichte und Tradition eines Landes oder einer Region. Baukultur reicht über die handwerkliche und formale Ebene der Architektur weit hinaus, weil zwangsläufig mit dem Begriff „Kultur“ auch soziale, geschichtliche und wirtschaftliche Aspekte verbunden sind. Baukultur betrifft alle Menschen, da sie permanent mit der gebauten Umwelt konfrontiert sind und vielfach sogar an deren Gestaltung aktiv beteiligt sind. Ein weiterer wesentlicher Faktor dieser Definition von Baukultur berührt das Thema Verantwortung. Eine Kulturleistung wie das Bauen lässt sich nicht

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Baukultur in ländlichen Räumen  

Perspektive statt Abgesang: Der ländliche Raum ist längst nicht mehr nur ein Raumtypus der Landwirtschaft, des Tourismus oder der Naherholun...

Baukultur in ländlichen Räumen  

Perspektive statt Abgesang: Der ländliche Raum ist längst nicht mehr nur ein Raumtypus der Landwirtschaft, des Tourismus oder der Naherholun...

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