bauhaus #02

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Ausgabe 2 N o v . 2 011 — 8 E u r o

bauhaus Die Zeitschrift der Stiftung Bauhaus Dessau Th e B a u h a u s D e s s a u Fo u n d at i o n’s m a ga z i n e

israel Zvi Efrat, Arieh Sharon, Hannes Meyer, Sharon Rotbard, Galia Bar Or, Yuval Yasky, Dov Khenin, Gideon Ofrat, Mordecai Ardon, Udi Katzmann, Selman Selmanagic´ , Max Bill, Ludwig Mies van der Rohe, Heidi Specker Generisch/generic, Weißwaschen/whitewashing, Besiedelung/ settlement, Kibbuz/kibbutz, Utopie/utopia, Düne/dune, Interieur/ interior, Jeckes/jeckes, Migration/migration


Au s g a b e 2 N o v . 2 011 — 8 E u r o

bauhaus Die Zeitschrift der Stiftung Bauhaus Dessau Th e B a u h a u s D e s s a u Fo u n d at i o n’s m a ga z i n e

liebe leserinnen und leser, liebe freunde des bauhauses dessau,

keine stadt außerhalb deutschlands ist so sehr mit dem namen bauhaus verbunden wie tel aviv. doch hält dieser mythos einer historischen betrachtung nicht stand. wie sharon rotbard in diesem heft aufzeigt (s. 34), hat die moderne architektur der weißen stadt nur wenig mit dem bauhaus zu tun. der mythos der bauhausstadt ist scheinbar eher der sehnsucht der israelis geschuldet, neben dem furchtbaren auch das positive im deutschen zu sehen. doch warum dann ein heft zu bauhaus und israel? vom mythos befreit lässt sich das bauhaus in israel ganz neu entdecken. in den wohnungen deutschsprachiger einwanderer, der jeckes, kann man zum beispiel materielle spuren der migration finden, die auf die europäische moderne und zuweilen sogar auf das bauhaus selbst verweisen. (s. 56) weitaus prägender freilich war das wirken von über zwei dutzend ehemaligen bauhausschülern in palästina, später dann in israel — darunter fotografinnen und filmemacher, bildhauer und weberinnen, grafiker und spielzeugdesigner, vor allem aber die bekannten architekten und stadtplaner. in den dreißigerjahren vom bauhaus dessau nach palästina ausgewandert oder dorthin zurückgekehrt, haben sie die formung des neuen staates in der entscheidenden phase vor und nach seiner gründung im jahr 1948 mitgeprägt. dies reicht von der neukonzeption der zentralen kunsthochschule des landes, der bezalel academy of arts and design in jerualem, durch den weimarer bauhausschüler mordecai ardon (s. 48) bis hin zum masterplan für die besiedlung des ganzen staates (s. 12), der unter leitung von arieh sharon entstand. am bedeutsamsten aber war wohl die mitwirkung der bauhausschüler shmuel mestechkin, arieh sharon und munio weinraub bei der gestaltung der kibbuzim (s. 24) in den dreißiger- bis siebzigerjahren. dieser gebauten gesellschaftsutopie ist auch die zentrale ausstellung am bauhaus dessau gewidmet, die mit dem erscheinen des heftes eröffnet wird. in den basisdemokratisch organisierten, sozialistischen siedlungen realisierten jüdische migranten aus mittel- und osteuropa zusammen mit den bauhäuslern zentrale ideen und ideale der europäischen moderne. ihr gemeinsames ziel war der neue mensch und die funktionale gestaltung von dessen lebenswelt. dabei folgten sie einem gebrauchsorientierten architekturverständnis, das vor allem der zweite bauhausdirektor hannes meyer geprägt hatte. diese visionen wurden in den kibbuzim wie nirgendwo sonst real — und zeigten ihre überzeugungskraft ebenso wie ihre schwächen. die landesweiten proteste in israelischen städten zeigten im vergangenen sommer, wie aktuell meyers motto «volksbedarf statt luxusbedarf» noch immer ist, auch wenn heute ganz andere lösungen gesucht werden (s. 42) . mit der jüdischen wiederbesiedlung palästinas im geist der moderne offenbart diese allerdings auch fragliche seiten: hier trafen die projekte der avantgarde eben nicht auf freie dünen, sondern auch auf die ansässige arabische bevölkerung. die sich daraus ergebenen spannungen, die schon damals sichtbar waren (s. 68), sind bis heute ungelöst. p h i l i p p o s w a l t , herausgeber [ links ] Arieh Sharons Entwurf für das Haus des Arbeiterrates in Jerusalem …

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Inhaltsverzeichnis

bauhaus — Ausgabe 2

ti te l t h e m a : israel staat

einführung Bauhausbauten ohne Bauhaus

6

Der große Traum

gemeinschaft 12

Die Neuerfindung von Utopia

individuum 24

über die Entstehung Der Bauhäusler Arieh Sharon R e g i n a B i t t n e r und W e r n e r einer generisch modernen Ar- plante die Besiedelung des ge- M ö l l e r skypen mit G a l i a B a r lobten Landes im Sechseck, ver- O r und Yu v a l Ya s k y über die chitektur in Israel Zukunft der Kibbuz-Bewegung rät J o a c h i m T r e z i b

Zv i E f rat

Gibt es jüdische Architektur?

22

… wollte Hannes Meyer einst von Arieh Sharon wissen. Ihm antwortet 74 Jahre später der Architekt Z v i E f r a t

Weiße Stadt, schwarze Stadt

34

Tel Aviv erfindet sich eine Geschichte aus Bauhaus und Moderne — und vergisst seine arabischen Wurzeln, meint S h a r o n

Ein zionistisches Bauhaus

48

Wie Mordecai Ardon die berühmte Bezalel Academy in Jerusalem samt Vorkurs neu erfand, erzählt G i d e o n O f r a t Mit dem Bauhaus leben

56

Der Fotograf Udi Katzmann hat die Jeckes in ihren Wohnungen besucht — und die Moderne im Alltag entdeckt

Rotbard

Eine Stadt für alle

42

kämpft mit seiner Bewegung Ir Lekulanu gegen die Gentrifizierung der israelischen Metropolen. Mit ihm sprach P h i l i p p O s w a l t Dov Khenin

Wege ins gelobte Land

64

Wie die jüdischen Bauhäusler mit dem Dessauer Diplom im Gepäck nach Palästina kamen Ein kommunistischer Muslim im Lande Israel

68

Der bosnische Bauhausschüler Selman Selmanagi´c baute in Jerusalem — und nahm sich von den Religionen, was er brauchte, wissen A i d a A b a d ž i c´ H o d ž i c´ und I n e s S o n d e r

magazin Zurück bei Max Bill

77

Vom Silicon Valley zum Hauptschlachtfeld

78

Das HfG-Ulm-Archiv kehrt heim

Von der Rolle

90

Vorschau

92

Lesermeinung

95

Stiftung Bauhaus Test bewertet Tapeten

Sachsen-Anhalt als Land der Moderne

Marcel Breuer und das Wohnen in der Levittown

Mies van der Rohe und Gropius: ein heikles Nicht-Verhältnis 82 Zum 125. Geburtstag des dritten Bauhaus-Direktors

bauhaus, Ausgabe 1: Künstler

Wer im Glashaus sitzt …

84 Rundschau

96

The problem only begins when you’re trying to land

87

98

Das Profil des Bauhauses

88

Das Bauwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit

89

Das Fagus-Werk ist UNESCO -Weltkulturerbe — eine Polemik

Was macht das Bauhaus in der Welt?

Tomás Saraceno baut Wolkenstädte in Dessau

Review

Wilhelm Wagenfeld, Prager Quadriennale und Farbfest

Neue Fenster für die Ikone der Moderne

Fünf Fragen an …

103

Wie viel Bauhaus steckt in Ihnen, Heidi Specker?

Kann man die Moderne rekonstruieren? Oder sollte man es lassen?

… Er entstand 1929, als Sharon ‹stud. arch.› am Dessauer Bauhaus war, und wurde in Heft 1/1929 der Bauhauszeitschrift vorgestellt

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6 —7

Moderne Rundungen im Tel Aviv der Dreißigerjahre — aber das Bauhaus hat an diesem Sonnenplatz keinen Anteil

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bauhaus — Ausgabe 2

Titelthema: Israel — Einführung

bauhausbauten ohne bauhaus wie die weiße moderne zum israelischen von:

zvi ef rat

volksgut wurde — und langsam ergraute

Bis heute gibt es keine umfassende Darstellung der zionistischen Architektur. Und doch kann man zwischen den Zeilen der wenigen veröffentlichten Dokumentationen und Interpretationen eine schlichte und zugleich tragfähige Chronologie herauslesen, die folgende Phasen unterscheidet: die Eklektische Periode von 1900 bis 1920, die Weiße Periode in den Dreißiger- und Vierzigerjahren und die Graue Periode der Fünfziger- und Sechzigerjahre. (Die Architektur in Israel nach 1967 wird nicht erwähnt; sie ist in vielerlei Hinsicht auch schlicht nicht erwähnenswert.) Der Begriff Eklektische Periode beschreibt die Anfänge einer kleinbürgerlichen Laune, ausgedrückt im Hang zur Verzierung und Stilisierung der Gebäudehülle. In dieser jugendlichen Phase entstanden außergewöhnliche Hybride aus orientalischen Motiven, biblischen Allegorien und osteuropäisch-neoklassizistischem Geschmack. Heute werden die Überbleibsel dieser Periode als Zeugnisse der ersten Versuche, eine architektonische Muttersprache zu formulieren, bewahrt. Die Weiße Periode ist ein Sprachbild, das die Migration aus Europa stammender, abstrakter Modernismen in das Land Israel beschreibt und deren beispiellose Verbreitung in den verschiedenen Bereichen der jüdischen Diaspora in Palästina umfasst. Diese Periode durchlief einen kurzen Prozess der Kanonisierung und wurde unter der Dachmarke ‹Bauhaus› zur einheimischen Klassik. Jedoch wurde sie — durch wissenschaftliche und museologische Automatismen sowie städtische Verordnungen für Verputzarbeiten — zu ewiger faustischer Jugend verdammt. Die Graue Periode ist ein Spottbegriff für den generischen Bestand der ‹Staatsarchitektur›, die mit der neuen Souveränität entstand und sich als Begleiterscheinung des Wohlfahrtsstaates in ganz Israel ausbreitete. In dieser Periode entstanden quasi schmucklose, exponierte, serienmäßig hergestellte ‹Gebäude ohne Eigenschaften›. Diese Bauwerke, die die kritische Masse der Bausubstanz in Israel darstellen, sind heute fast gänzlich dem Abriss preisgegeben und werden als wenig mehr denn bloße Möglichkeitsfelder der Stadterneuerung betrachtet. Ein solcher Trend zum buchstäblichen ‹Weiß-Waschen› einer Periode und zur Auflösung einer anderen ist keinesfalls auf einen Ort begrenzt oder ungewöhnlich. Vielmehr wurde bis vor wenigen Jahrzehnten auf ebendiese Art und Weise die Architekturgeschichte von maßgeblichen Wissenschaftlern und Kritikern geschrieben, die sich pädagogisch berufen fühlten, das Auf und Ab von Fortschritt und Niedergang zu beschreiben und dabei hierarchische Wissensstrukturen zu definieren. Eine von dieser Art von Geschichtsschreibung definierte ‹Periode› ist dabei gewöhnlich eher ein Anzeichen für das Leugnen von Unterschieden, indem man Begriffe und Definitionen so lange verändert, bis sie im Lauf der Zeit synonym werden, bis die tautologische Verwischung zum Allgemeinplatz wird. Dadurch werden ‹Die Moderne›, ‹Das Neue Bauen›, ‹Bauhaus› und ‹Neue Sachlichkeit› zum semantischen Klumpen, der das Formelle

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12 —13

der große traum von:

joachim trez i b

der bauhäusler und architekt arieh sharon wurde 1948 mit einem masterplan zur entwicklung israels beauftragt: er entwarf das gelobte land im sechseck

[ oben ] So illustrierte der Sharonplan den Bau Israels: ‹Tournalayer›-Maschine zur seriellen Produktion von einoder zweigeschossigen Beton-Fertighäusern in Migdal Gad (Ashkelon). [ rechts ] Das System der zentralen Orte in einer in Israel veröffentlichten Illustration des Architekten und Planers Artur Glikson aus dem Jahr 1952

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bauhaus — Ausgabe 2

Titelthema: Israel — Staat

Für die Heroen unter den Architekten der Moderne verband sich das architektonische Schaffen nicht selten mit dem Anspruch, die Konkretion zum Bau einer besseren Welt im Gesamten zu liefern. Allerdings ist es im 20. Jahrhundert nur selten vorgekommen, dass sich ein solcher Anspruch auch im Maßstab eines utopischen Staatswesens hat verwirklichen lassen. Der ‹große Wurf› setzt einen Bauherrn voraus, der über die Ressourcen und Machtmittel verfügt, die sozialräumlichen Bedingungen des menschlichen Zusammenlebens im Maßstab ganzer Völker und Territorien verändern zu können. Es war jedoch genau diese Konstellation, die eintrat, als die provisorische Regierung Israels — nur wenige Wochen nach der schicksalsträchtigen Proklamation des Staates — den Architekten Arieh Sharon im Sommer 1948 mit dem Entwurf für einen Masterplan zur Entwicklung des Landes beauftragte. Was von dem damals noch nicht ganz 50 -jährigen Sharon verlangt und was in der Folge unter der Bezeichnung Sharonplan bekannt wurde, war keineswegs der bloße Entwurf von Straßen, Infrastruktureinrichtungen und Landschaftsparks, keineswegs die bloße Vorgabe von Landnutzungen, Administrationsgrenzen und Leitlinien zur wirtschaftlichen Entwicklung, keineswegs die bloße Projektierung und Realisierung von buchstäblich Hunderten neuer Siedlungen und ganzer neuer Städte — es war die Konkretion des ‹Zionist Dream›, des real existierenden Gelobten Landes schlechthin. Es mag in diesem zeithistorischen Szenario überraschen, doch führt die Spurensuche nach den intellektuellen Bezugspunkten des Sharonplans zunächst ans Bauhaus Dessau, jenem Inkubationsraum der Architekturmoderne. Tatsäch-

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24 —25

the pattern is stronger than geography.

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bauhaus — Ausgabe 2

Titelthema: Israel — Gemeinschaft

die neuerf ndung von utopia

[ links] Kulturzentrum im Kibbuz Ga’aton, 2011 [ rechts] Kulturzentrum im Kibbuz Givat Brenner, 2011

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Vor genau einhundert Jahren wurde in Israel die Kibbuz-Bewegung gegründet. Ihr Programm nahm Dinge vorweg und, ab den Zwanziger- und Dreißigerjahren, andere auf, die auch das historische Bauhaus beschäftigten. Das Wohnen und Arbeiten in Gemeinschaft, am Bauhaus zum Grundbestand einer Hochschule gemacht, ist im Kibbuz bis heute der Rahmen, in dem das Leben abläuft. Und auch direkte Einflüsse gibt es, etwa durch die Bauhäusler, die nach dem Studium in Deutschland nach Palästina gelangten und dort den Aufbau eines israelischen Staates als Architekten und Planer mitgestalteten. Die Kulturwissenschaftlerin und stellvertretende Direktorin der Stiftung Bauhaus Dessau, Regina Bittner, und Werner Möller, Kurator der Ausstellung Bauhaus und Kibbuz, die im Winterhalbjahr 2011/12 am Dessauer Bauhaus gezeigt wird, in einem Skype-Gespräch mit Galia Bar Or und Yuval Yasky über die Bedeutung der Kibbuzim für die israelische Gesellschaft — und die Perspektiven dieser Inseln in einer immer schnelleren Zukunft. Die begleitenden Bilder stammen von der Künstlerin Stephanie Kloss und der Politikwissenschaftlerin Antonia Blau. Sie haben 40 Kibbuzim besucht und das dortige Leben in Fotografien und Interviews dokumentiert. Die Bilder sind ebenfalls Teil der Dessauer Ausstellung.

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34—35

weiĂ&#x;e stadt, schwarze stadt von:

sharon rotbard

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architektur und krieg in tel aviv und jaffa

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bauhaus — Ausgabe 2

Titelthema: Israel — Gemeinschaft

Mit seinem 2005 erschienenen Buch White City, Black City hat der israelische Autor und Architekt Sharon Rotbard für einiges Aufsehen gesorgt. Seine Dekonstruktion der Bauhauslegende Tel Avivs war ebenso brisant wie umstritten. «Rotbard schlachtet hier eine besonders heilige Kuh: die ‹Tel Avivness›», schrieb Tom Segev in Haaretz.1 Und in der Tat: Rotbard zertrümmert die — wie sich herausstellt ziemlich schwachen — Grundmauern der urban legend der ‹Bauhausstadt› Tel Aviv mit dem analytischen Vorschlaghammer — das gefiel nicht jedem. Vor allem aber sind es seine politischen Schlussfolgerungen, die den Text und seine Position so brisant machen. Die muss man nicht unbedingt teilen, doch formuliert der streitbare Autor dabei einen überraschenden Blick auf die Geschichte, vor allem aber auf die Vorgeschichte Tel Avivs, der vieles, was man über die Weiße Stadt aus den Dünen zu wissen glaubte, Lügen straft.

«Es hieß, die Stadt sei weiß. Sehen Sie hier weiß? Ich sehe nichts Weißes.» 2 [ J e a n «Wenn Du es willst, ist es kein Traum.»3 [T h e o d o r

Ein arabischer Friedhof in Tel Aviv

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Nouvel]

Her z l]

Eine Stadt wird genau so gebaut, wie Geschichte abläuft — immer vom Sieger, und immer von der Geschichte des Siegers. Wer den physischen Raum beherrscht, ist immer auch Herr über den kulturellen, und nie die Partei, die die Schlacht um die Geschichte verloren hat. Und um eine Stadt zu ändern, muss man zuweilen ihre Geschichte selbst abwandeln. Tel Aviv, die vielleicht einzige nach einem Buch benannte Stadt auf der Welt, 4 hat seit Langem ihren Platz in der Geschichte als die Weiße Stadt. Seit der Ersterscheinung des lange vergessenen Romans The Riddle of the Land (Das Rätsel des Landes) von Aharon Kabak 1915 begleitet der Beiname Weiße Stadt das Wachstum von Tel Aviv. 1960 wurde sogar ein Lied daraus: White City, geschrieben von Naomi Shemer, erschienen auf Arik Einsteins erstem Soloalbum. Es verpasste zwar den Status der offiziellen Hymne von Tel Aviv, wurde aber zumindest einer ihrer bemerkenswertesten Soundtracks. 1984 erhielt die Weiße Stadt historische und kulturelle Unterstützung in einer von Michael Levin kuratierten Ausstellung gleichen Namens. Auf sehr subtile, bescheidene und nüchterne Weise half White City 5 der israelischen Öffentlichkeit bei der Entdeckung der Architektur internationalen Stils, in dem Tel Aviv während der Dreißigerjahre entstanden war. Anschließend wurde das Thema von Nitza Metzger-Szmuk, der Denkmalschutzarchitektin der Stadtverwaltung von Tel Aviv, und dem Künstler Dani Karavan aufgegriffen und weiterentwickelt. Das Projekt wurde zu einer gigantischen historiografischen Kampagne, die ein ebenso groß angelegtes und ehrgeiziges Denkmalschutzprojekt begleitete. Dabei wurde die Geschichte der Weißen Stadt mit ihren Gebäuden im ‹Bauhausstil›, die sich ‹aus den Dünen› erheben, über eine lange Reihe von Aktionen, Projekten, Events, Konferenzen, Shows und Büchern entwickelt. Zuerst veränderte diese Geschichtsentwicklung nur den Blick der Tel Aviver auf ihre Heimatstadt. Die neue Wahrnehmung prägte lokale Geografien, beeinflusste den Immobilienmarkt und hatte Auswirkungen auf die Denkmalschutzpolitik der Stadtverwaltung von Tel Aviv. Trotz einiger Ungenauigkeiten (Tel Aviv war nie wirklich weiß; nur eine Handvoll israelische Architekten hatten, meist nur ein Semester, am Bauhaus studiert und die hatten nur wenig Anteil am Tel Aviver ‹Bauhausstil›; ein derartiger Stil wurde von nirgendwo sonst

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42—43

eine stadt für alle wie die linksintellektuelle bewegung ir lekulanu der gentrifizierung tel avivs einhalt gebieten will. ein gespräch mit dem gründer dov khenin

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bauhaus — Ausgabe 2

Titelthema: Israel — Gemeinschaft

[ Hier und im Folgenden ] Zeltstädte auf den Straßen Tel Avivs: Der israelische Sommer in Bildern des Fotografen Eyal Dinar

2011 war das Jahr des Israelischen Sommers. Überall gingen in den großen Städten des Landes die Menschen auf die Straßen und demonstrierten gegen soziale Ungerechtigkeit, absurde Mieten und zunehmend untragbare Lebensbedingungen. Weniger bekannt ist, dass die Bewegung, die vor allem von jungen Menschen getragen wurde, bereits eine längere Vorgeschichte hat. Unter dem Namen Ir Lekulanu, Stadt für alle, trat bei der Bürgermeisterwahl 2008 eine linksintellektuelle Bewegung an, die sich den gleichen Zielen verschrieben hatte und Transparenz und soziale Ausgeglichenheit fördern wollte. An ihrer Spitze der Knesset-Abgeordnete Dov Khenin, der prompt einen phänomenalen Erfolg einfuhr. Der israelische Bestsellerautor Etgar Keret nennt ihn ‹unseren Barack Obama›. Mit ihm sprach Philipp Oswalt.

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mit dem bauhaus leben ein fotoessay von :

u d i k atz m a n n

die jeckes haben in ihren wohnungen ein stück vom erbe der moderne bewahrt — und möbel, die von ihrer deutschen herkunft erzählen Wer in Israel eine deutschsprachige Einwandererfamilie, sogenannte Jeckes, besucht, ahnt schon, was ihn dort oft erwartet: eine Wohnungseinrichtung mit alten ‹Bauhausmöbeln›, Perserteppichen, einer Chagall-Reproduktion an der Wand und vielleicht noch einer Kollwitz-Figur auf dem Schreibtisch. Als sie in den Dreißigerjahren aus Europa flohen, konnten viele von ihnen kein Geld mehr, manche aber noch einen Container mit Hausrat in die neue Heimat mitnehmen. Bei den weniger konservativen Jeckes verriet oft schon die Zusammenstellung aus Möbeln die Herkunft aus dem liberal-aufgeklärten Milieu des jüdischen Bildungsbürgertums. Hier sind die Ideen der Moderne bis heute zu Hause. Freilich ist nicht alles, was modern aussieht, auch wirklich Bauhaus. Oft handelt es sich schlicht um dekorlose Möbel aus den Zwanzigerjahren, die es durchaus nicht nur vom Bauhaus gab. Vieles davon landete im Übergang auf eine neue Generation inzwischen längst auf dem Sperrmüll, doch allmählich wächst auch in Israel das Bewusstsein für dieses Erbe moderner Alltags- und Designkultur. Fünf Jeckes haben wir in Israel besucht — ih[Ph i l ipp O s wa lt] re Wohnungen erzählen ihre Geschichten.

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bauhaus — Ausgabe 2

Titelthema: Israel — Individuum

D a v i d F r e n k e l ist der Sohn des Bauhäuslers und Architekten Chanan Frenkel. Seine Wohnung ist voller originaler Bauhausmöbel, die sein Vater nach Palästina mitgebracht hatte — von Mies’ Freischwingern bis hin zum Breuer-Hocker, wie er auch heute noch in der Kantine des Dessauer Bauhauses steht.

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ein kommunistischer muslim im lande israel wie der bauhäusler selman selmanagi c´ nach jerusalem kam und zum wanderer zwischen den welten wurde

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Titelthema: Israel — Individuum

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von:

aida abadžić hodžić ines sonder

[ links ] So entspannt war das Leben in Jerusalem nicht immer: Selman Selmanagi´c galt in Richard Kauffmanns Büro als besonders eifrig und zuverlässig — die Liste seiner Projekte spricht für sich

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magazin

nachrichten aus der bauhauswelt

Tomàs Maldonado und andere HfG-Studenten vor den Hochschulgebäuden

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bauhaus — Ausgabe 2

zurück bei max bill

Magazin

Das HfG-Archiv Ulm ist in das ehemalige Hochschulgebäude auf dem Oberen Kuhberg umgezogen

Die Sanierung des von Max Bill entworfenen Gebäudes für die ehemalige Hochschule für Gestaltung in Ulm schreitet weiter voran. In diesem Frühjahr konnte das HfG-Ulm-Archiv, eine Abteilung des städtischen Museums, nun endlich auf den Oberen Kuhberg umziehen. Trotz aller Probleme bei der Sanierung und deutlich zu kleiner Räume war das für das Archiv ein großer Moment: Die vorzügliche Sammlung, die unter anderem die Nachlässe von Otl Aicher und Walter Zeischegg sowie die ehemaligen Hochschulbibliothek umfasst, ist nun zurück am historischen Ort. Über Jahrzehnte war das vormalige Schulgebäude von der Ulmer Universitätsklinik genutzt worden. 1.200 Quadratmeter stehen der Sammlung nun zur Verfügung, ein Ausstellungsbereich mit Schaudepot soll sich ebenfalls hier wiederfinden. Eine kleine Dauerausstellung ist bis Ende 2012 geplant. Ab Ende November zeigt das HfG-Ulm-Archiv eine Ausstellung, die schon einmal im Jahr 1958 zu sehen war und eine Bilanz des fünfjährigen Bestehens der Schule zog. Für die Eröffnung hat sich das HfG-UlmArchiv außerdem für eine Schau mit Fotografien von Sisi von Schweinitz entschieden, die bis 18. März 2012 zu sehen ist. Die Künstlerin, die mit Tomás Maldonado verheiratet war und auf dem Kuhberg lebte, begleitete die ersten Jahre der Ulmer Hochschule mit der Kamera. In sehr persönlichen Bildern und Momentaufnahmen entstand eine faszinierende Chronik des frühen Ein Anfang ist somit gemacht. Die Ulmer Hochschullebens. Chronik des angekündigten Ulmer Neubeginns weist indes deutliche Parallelen zur Wiedereröffnung des Dessauer Bauhauses in den Siebzigerjahren auf. Damals fand das Wissenschaftlich-Kulturelle Zentrum Platz in einem kleinen Teil des Werkstattflügels, während die übrigen Räumlichkeiten von einer städtischen Berufsschule genutzt wurden. Mit dem Anwachsen der Aufgaben wurde mehr und mehr Platz für die Arbeit der Dessauer Bauhausinstitution benötigt, zugleich wurde mehr und mehr von Geschichte und kulturellem Erbe für eine zunehmende Zahl von Besuchern zugänglich. Vielleicht steht Ulm heute dort, wo Mit großer Spannung darf deshalb sich Dessau 1976 befand. erwartet werden, wie sich Konzeption und Programm des künftigen Veranstaltungsforums im HfG-Gebäude ausnehmen werden. Denn neben der Vermietung von Räumen an das Ulmer Archiv und an Firmen aus der Gestaltungsbranche soll dies eine wesentliche Säule des neuen Nutzungskonzeptes sein.

[ oben ] Walter Gropius und Max Bill 1955 auf dem Ulmer Hochschulgelände. [ unten ] Das HfG-Gebäude im Bau, 1954/55

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vom silicon valley zum hauptschlachtfeld Die Entwicklung der Moderne in Mitteldeutschland soll Thema einer großen Landesausstellung werden

[ oben ] Gropius billig, seidenmatt. Die Technologie aus der längst vergangenen Filmfabrik Wolfen gehört zum Erbe der Region. [ rechts ] Bauhaus und Junkers — markante Symbole der aufstrebenden Industriestadt Dessau

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Der Chauvinismus Weimars, dem bereits ein expressionistisches Gemälde als ‹undeutsch› galt, vertreibt 1925 das Bauhaus nach Anhalt, dem Kernland des heutigen Sachsen-Anhalt. Die Gestaltungsschule wird dort nur ein Jahr später Agent der Formierung eines modernen Milieus, das sich in den urbanen Kulturen von Theater, Kinos Halle, Magdeburg und Dessau konstituiert. und Kaufhäuser sind in Halle die Orte der Moderne, die den stadtprägenden Angestelltenschichten kulturelle Modernität vermitteln. Das Moritzburg-Museum mit seiner herausragenden Sammlung zeitgenössischer Kunst ist das Haus für die bürgerliche, der Volkspark die Adresse für die proletarische Kultur. In Magdeburg avanciert das Stadtplanungsamt unter Bruno Taut zu einer innovativen Institution, die die Stadterweiterung mit avantgardistischen Künstlern und Architekten des Neuen Bauens umsetzt. In Dessau forscht und experimentiert Hugo Junkers in seinen Werkstätten für Leichtmetall, um Fluggeräte für den Weltverkehr zu konstruieren — finanziert durch die Produktion und den Verkauf von Haushaltsgeräten für moderne Wohnungen. In prototypischen Bezügen auf solche Elemente von moderner Kunst und Technik befreit sich das Bauhaus aus dem klein-

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bauhaus — Ausgabe 2

Magazin

städtischen Rahmen Weimars und öffnet sich der urbanen Weltkultur. Die große Industrie bietet hier die Grundlage, in die moderne Gesellschaft hineinzuwirken. Die elektrochemischen Fabriken im Chemiedreieck zwischen Bitterfeld und Halle, die Energielandschaften mit Braunkohlekraftwerken sowie die Metallund Flugzeugindustrien machen Mitteldeutschland zwischen 1914 und 1945 zur innovativen Industrieregion. Lage und wesentliche Innovationen der leitenden Chemieindustrien sind im Streben nach nationaler Autarkie begründet: Die mitteldeutsche Industrie konzentriert sich in staatsmonopolistischen Betrieben wie der IG Farben und produziert kriegsbedingt Ersatzrohstoffe und Waffen, während sie selbst für feindliche Kräfte unerreichbar Begleitet wird diese nationale Abschottungsposein sollte. litik durch die Reregionalisierung der Kultur. Bereits vor 1933 radikalisiert sich der Heimatschutz als Reaktion auf die kosmopolitische Moderne, deren industrielle Kulturen als bindungslose Lebensformen denunziert werden: Weltverkehr der internationalen Kultur versus innere Kolonisierung der regionalen Heimat lautet nun die Kontroverse, in der sich die reaktionären Kräfte des revanchistischen Regionalismus eines Paul SchultzeNaumburgs durchsetzen. Nach dem Gutachten dieses nationalsozialistischen Gegenspielers von Walter Gropius werden die Nachfolgeschule in Weimar und auch das Bauhaus selbst in DesIm Zweiten Weltkrieg wird der militäsau geschlossen. risch-industrielle Komplex Mitteldeutschlands zu einem Hauptschlachtfeld der Alliierten, die Reparationen an die Sowjetunion geben der Region nach 1945 den Rest. Im Zuge der industriellen Restrukturierungen der Siebzigerjahre entdeckt die nationale Politik das urbane, in die Welt verstreute Bauhaus wieder und restauriert das zerstörte Dessauer Hauptgebäude. Der sozialistische Massenwohnungsbau in der Nähe der Industriebetriebe verspricht Konsum und Kultur, während die verlassenen Altstädte veröden. Diese Strategie des betrieblichen Werkssiedlungsbaus verstärkt die historische Unterurbanisierung dieser Region, was das Schrumpfen der Städte nach 1989 noch beschleunigt. Die Region reagiert auf den Strukturwandel mit dem weitgehenden Rückbau industrieller Kapazitäten in allen Bereichen. Mit Brüchen umzugehen hat diese Region gelernt. Demzufolge besitzt sie auch die Kompetenzen für den angekündigten Strukturwandel. Projekte wie das Industrielle Gartenreich, die Korrespondenzregion Expo 2000 oder die IBA Stadtumbau 2010 bieten innovative Ansätze zur ökologischen und städtebaulichen Modernisierung. Zur gleichen Zeit erkennt die Region ihre Identität im einsetzenden Globalisierungsprozess. Durch Rückgriffe auf vormoderne Themen wie Aufklärung, Luther oder Kaiser Otto setzt Sachsen-Anhalt seine Geschichte neu in Wert. Die Anerkennung von vier UNESCO -Weltkulturerbestätten zeigt die gelingende Neuerfindung von Traditionen. Diese Geschichtspolitik reflektiert jedoch nicht die prekären ökonomischen und sozialen Bedingungen, unter denen hier Zukunft gestaltet werden muss: Eine große Vergangenheit produziert nicht mehr automa-

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Das Ausstellungsprojekt Land tisch eine positive Zukunft. der Moderne, an dem die Stiftung Bauhaus Dessau in den kommenden Jahren gemeinsam mit anderen Partnern arbeiten wird, setzt an diesem Punkt an. Es erinnert an die Transformationen in den Modernisierungsprozessen des 20. Jahrhunderts, um alternative Zukunftsperspektiven für die Gestaltung der Region aus den gegenwärtigen Modernisierungen heraus zu gewinnen. Dazu wird die Ausstellung auch Zukunftsbilder in der Form von Szenarien bis 2050 für drei Teilregionen Sachsen-Anhalts präsentieren: zum weiterhin schrumpfenden Oberzentrum in Anhalt, zur Versorgung der äußerst dünn besiedelten Altmark und zur Organisation von länderübergreifender Zentralität rund um Wa l t e r P r i g g e den Harz.

Land der Moderne: Sachsen-Anhalt 1900–2050 ist der Titel einer für 2016 geplanten Landesausstellung, an der die Stiftung Bauhaus Dessau gemeinsam mit anderen Partnern arbeitet.

Das Land der Moderne streift auch ein neuer Reiseführer, der erstmals alle Bauhausstätten in Deutschland vorstellt und im Februar 2012 bei DuMont erscheint. Das Bauhausarchiv Berlin, die Stiftung Bauhaus Dessau und die Klassik Stiftung Weimar taten sich zusammen, um eine Grand Tour zu beschreiben, die die historischen Marken der Bauhausgeschichte ebenso berührt wie die Nebenschauplätze, vor allem aber Unbekanntes und Skurriles ins Licht rückt. Das Angebot für Bauhaus-Pilger gibt es auf Deutsch und Englisch, und wer ein iPhone besitzt, kann sich obendrein die dazugehörige App kostenlos herunterladen. (Das Bauhaus. Weimar. Dessau. Berlin, DuMont, 220 Seiten, Hardcover, 16,95 Euro)

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mies van der rohe und gropius: ein heikles nicht-verhältnis Der erste und der letzte Bauhausdirektor konkurrierten ein Leben lang miteinander — ein Vortrag zum 125. Geburtstag Mies van der Rohes

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«Ich brauche Ihnen nicht zu sagen, daß Gropius einer der größten Architekten unserer Zeit ist. […] Aber […] was Sie vielleicht nicht wissen, ist, daß er immer ein tapferer Streiter war in dem Die Schlussniemals endenden Kampf für die neue Idee.»1 worte zu Mies van der Rohes Ansprache aus Anlass von Gropius’ 70. Geburtstag, gehalten in Chicago am 18. Mai 1953, zeugen von menschlichem Respekt und kollegialer Anerkennung, weniger von tief empfundener Freundschaft. Nur anfangs klingt eine etwas persönlichere Note an. Mies van der Rohe erinnert hier an eine Geburtstagsfeier, die die Mitarbeiter von Peter Behrens am 18. Mai 1910 für den ausgeschiedenen Gropius gegeben hatten. Nie habe er «Gropius so glücklich gesehen», meint Mies.2 Ob dessen Heiterkeit mit seinem frisch errungenen Status als freischaffender Architekt zusammenhing, sei dahingestellt. Jedenfalls hatte Gropius die Konsequenzen aus den Querelen mit Behrens Hintergrund scheinen Divergenzen gewesen zu gezogen. sein, wie sie immer dort zu beobachten sind, wo eine talentierte Künstlerpersönlichkeit aus dem Schatten des Lehrers herauszutreten sucht oder sich gar gegen einen starken Konkurrenten zu profilieren genötigt sieht. Denn dass dabei auch Mies eine unAndurchsichtige Rolle spielte, ist durchaus naheliegend. fang 1919 hatte sich Gropius, soeben erst zum Präsidenten des Arbeitsrates für Kunst gekürt, auch an Mies gewandt und um Einsendung von Materialien für eine Ausstellung für unbekannte Architekten gebeten. Mies schickte Fotos des Hauses Kröller im Haag. Ein mondäner Landhausentwurf im Behrens’schen Neoklassizismus entsprach jedoch nicht den Ansprüchen einer «glühenden, kühnen, weit vorauseilenden Bauidee»,3 wie sie sich Gropius vorgestellt hatte. Die Antwort fiel entsprechend negativ aus und sorgte für weitere Spannungen. Auf der einen Seite stand Gropius, der Gentleman-Architekt mit (abgebrochenem) Studium aus dem gehobenen Bürgertum, wenn auch ohne jede zeichnerische Begabung, der sich nun plötzlich auf die Seite der radikalen Neuerer schlug. Auf der anderen Seite dagegen Mies, der aus einfachen Handwerker-Verhältnissen kam, wissbegierig und aufnahmefähig, doch ohne jeden höheren Schulabschluss oder eine Berufsausbildung. Dahinter verbergen sich so unterschiedliche Cha raktere, dass jeder Schulterschluss ausgeschlossen scheint. 1922 ist für Mies van der Rohe ein Jahr des Wandels. Seine ersten modernen Projekte entstehen, er trägt jetzt den Namen ‹Mies van der Rohe› und beginnt auch einen privaten Neuanfang. Inwieweit das eine Reaktion auf die Ablehnung durch Gropius ist, sei dahingestellt. Jedenfalls fühlt er sich durch den soeben ernannten Bauhaus-Direktor in Weimar herausgefordert. Doch wieder ist Gropius mit seiner Internationalen Architekturausstellung am Weimarer Bauhaus vorangegangen und bittet Mies um «Ihre besten Arbeiten».4 Diesmal finden die angebotenen Werke Anklang, Mies ist schließlich mit drei Projekten in Weimar vertreten: dem Landhaus in Eisenbeton (1923) und den schon 1922 in Berlin ausgestellten Modellen zum Glashochhaus und zum Bürohaus in Eisenbeton, das Gropius allerdings «als zu

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Magazin

1_ Ludwig Mies van der Rohe: Tischansprache zum 70. Geburtstag von Walter Gropius, gehalten im Blackstone Hotel in Chicago am 18. Mai 1953. Zit. nach Sigfrid Giedion: 2_ Ebd., S. 20. 3_WalWalter Gropius. Mensch und Werk. Stuttgart 1954. S. 22. ter Gropius: Flugblatt zur ‹Ausstellung für unbekannte Architekten› des Arbeitsrats für Kunst. Berlin 1919. Zit. nach Arbeitsrat für Kunst, Berlin 1918–1921. Ausstellungskatalog. Berlin 1980. S. 90 — siehe auch: Ludwig Mies van der Rohe: Antwortschreiben an Walter Gropius vom 11. Februar 1919. Bauhaus-Archiv/Museum für Gestaltung Berlin. 4_Walter Gropius: Brief an Ludwig Mies van der Rohe vom 4. Juni 1923. Mies van der Rohe Papers, Library of Congress, Washington, DC. 5_Walter Gropius: Brief an Ludwig Mies van der Rohe vom 7. Juni 1923. Mies van der Rohe Papers, Library of Congress, Washington, DC. 6_ Ludwig Mies van der Rohe: Brief an Werner Jackstein vom 13. September 1923. Mies van der Rohe Papers, Library of Congress, Washington, DC.

schematisch» erscheint. Mit dieser Kritik wie auch mit dem zuvor erteilten Lob für das «flache Fabrik- oder Bürogebäude» setzt Gropius die alten Hierarchien erneut in Kraft. Hier erfolgt kein Diskurs auf Augenhöhe, hier lobt und tadelt vielmehr der ehemalige Büroleiter immer noch den vermeintlichen Assistenten.5 Mies ist klug genug, sich darauf nicht einzulassen. Zu wichtig ist ihm der Anlass wie auch die 1925 daraus hervorgegangene Publikation. Der gesamte nachfolgende Schriftwechsel verbleibt Bestrebungen, die Weimarer weiterhin höflich distanziert. Ausstellung deutlich erweitert auch in Berlin zu zeigen, gingen wohl auf die Initiative von Hugo Häring und Adolf Behne zurück. Ob Mies daran beteiligt war, lässt sich nicht mehr klären. Der Bauhausdirektor verwahrt sich gegen jede Verwässerung seines Konzepts, bringt die Übernahmepläne zu Fall und Mies Die Episode verdiente van der Rohe in Erklärungsnot. kaum Erwähnung, würden sich hinter dem Konflikt zwischen Gropius, Mies van der Rohe, Behne und Häring nicht gänzlich unterschiedliche Auffassungen von zeitgenössischer Architektur verbergen. Nur Behne sollte es verstehen, den bereits 1923 aufbrechenden Gegensätzen systematisch auf den Grund zu gehen. Doch wird Mies van der Rohe seine Einschätzung der Situation prägnanter auf den Punkt bringen. Im September 1923 schreibt «Gerade der wüste er an Werner Jackstein in Hamburg: konstruktivistische Formalismus den ich in Weimar [sah] und der dort herrschenden künstlerischen Nebel haben mich veranlasst meinen Standpunkt […] erneut zu formulieren. […] Es gibt keine Form an sich; Form als Ziel ist Formalismus und den lehnen wir ab. Das wirklich Formvolle ist bedingt, ist eng mit der

Aufgabe verwachsen, ja ist ihr elementarster Ausdruck. Das hier Gesagte steht in einem krassen Widerspruch zu Weimar und dem was sich sonst modern gebärdet.»6 Mies van der Rohes aphoristische Grundsatzerklärungen zur Architektur wirken einprägsam, entziehen sich aber einer praktischen Umsetzung. Die Jahre nach 1923 bezeichnen eine Konsolidierungsphase des Neuen Bauens. In der unter Mies’ Leitung entstandenen Weißenhofsiedlung von 1927 fand diese ihren symbolträchtigen Niederschlag. Bauten von Behrens und Mies, Gropius und Taut, Oud und Le Corbusier, Häring und Scharoun standen hier in harmonischer Eintracht beieinander, ohne dass selbst den intimsten Gegnern der Moderne in den Sinn gekommen wäre, den unverkennbar heterogenen Charakter der Ansätze zu hinterfragen. So konnte denn auch Mies van der Rohe 1953 die Gropius’schen Stahlversuchshäuser als die besten Bauten der Weißenhofsiedlung herausstellen, die er doch seinerzeit kaum erwähnt hatte. Umgekehrt zeigte sich Gropius souverän genug, Mies 1930 für die BauDie wachsenden Anfeindunhaus-Leitung zu empfehlen. gen aus dem konservativen Lager ließen Gropius und Mies van der Rohe zusammenstehen. Es kam auch später immer wieder zu Berührungspunkten und zu Begegnungen, die jedoch von keiner Seite gesucht waren. Ihr Verhältnis war im besten Sinne Wo l f Te g e t h o f f ein Nicht-Verhältnis.

Die komplette Rede von Wolf Tegethoff lesen Sie unter www.bauhaus-dessau.de

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Das Neue Wohnen war eines der zentralen Themen des Bauhauses. Doch wie befreit und modern wohnten die Bauhausmeister selbst? Von Josef Albers sind jetzt in der Albers-Foundation in B e t h a n y Fotografien [ 1 ] aufgetaucht, die allerlei Stahlrohrmöbel aus der Breuer’schen Werkstatt zeigen — vom Freischwinger bis zum Bett. Klare, sachliche Eleganz bestimmt die Szenerie. Albers selbst haderte etwas mit seinem Dessauer Anwesen. Er schrieb am 10. Dezember 1928 an einen Freund: «Seit den Ferien wohnen wir jetzt in einem Meisterhaus, viel zu groß und zu teuer, besonders wegen der wahnsinnigen Heizung. Tische nur gepumpte. Stühle zu wenig. Aber leere Räume sind eigentlich am schönsten. Haltet Eure Zimmer so hell als möglich und tut hinein so wenig als möglich, das macht frei.» Und, als hätten die Angeschriebenen noch nicht begriffen, formuliert Albers am Ende des Briefes noch mal seine Erwartung: «Nun lebt wohl und macht Eure Bude zünftig, hell, leer. Das meiste bisherige hat man nicht nötig und macht einen klobig.» Schöner ist der Wohnbegriff des Bauhauses wohl nie auf den Punkt gebracht worden. Dokumente wie dieses sollen künftig in einer neuen Ausstellung in den Meisterhäusern zu sehen sein. [ i k e ]

Der chinesischen Stadt H a n g z h o u ist es gelungen, über 7.000 Designobjekte aus dem Besitz des deutschen Sammlers Torsten Bröhan zu erwerben. Darunter sind auch einige wertvolle Stücke aus der Bauhauszeit. Es handelt sich hierbei unter anderem um Möbel, Gefäße oder auch Druckerzeugnisse im Wert von insgesamt angeblich 55 Millionen Euro, die aus der Zeit zwischen 1850 und dem ausgehenden 20. Jahrhundert datieren. Die China Academy of Art plant, anlässlich der Erwerbung bis 2013 ein Museum mit angeschlossenem Forschungsinstitut einzurichten. Dass dies gleich unter dem Label ‹Bauhausmuseum› geschieht, hat auch mit wirtschaftlichen Überlegungen zu tun: Man erhofft sich davon einen neuen Anziehungspunkt für die Kreativindustrien. [ i k e ]

Wer das neue Bauhausmuseum in We i m a r baut, wird am 15. März 2012 feststehen. Bis dahin muss die Jury aus 530 Bewerbern zunächst 30 Büros auswählen, die in die zweite Runde geschickt werden. Über die Qualität der Einreichungen hält sich die Klassik Stiftung Weimar naturgemäß bedeckt. Gesucht werde allerdings nach «packenden Ideen, die die architektonische Gestaltung des Museumsbaus optimal mit Lösungen für seine EinbinAlbers-Ausstellungen, landauf, landab. Die größte Retrospektive, dung in die städtebauliche Umgebung verbinden.» Alle Entwürdie jemals in Italien zu sehen war, wird noch bis zum 8. Januar fe, die die erste Hürde genommen haben, werden ab 16. März 2012 in der Galleria Civica in M o d e n a gezeigt. 175 Arbeiten da- 2012 in einer Ausstellung im Neuen Museum zu sehen sein. Der für stellte die Albers-Foundation aus Bethany (Connecticut) zur Neubau soll im Jahr 2015 eröffnet werden. [ i k e ] Verfügung. Die Schau folgt Albers’ Wirken am Bauhaus, richtet den Blick aber auch auf seine Zeit am Black Mountain College Wie oft in der versprengten Bauhausgeschichte gab es auch vom und an der Yale University. Aus seiner Bauhauszeit sind zwölf Ar- Zeitschriften- und Notenregal [ 2 ] , das Josef Albers 1923 am Weibeiten auf Glas zu sehen. Außerdem werden Fotografien und Col- marer Bauhaus entwickelte, nur noch Fotos. Es hatte einst im lagen ausgestellt sowie ein kleiner Ausschnitt der Holzschnitte Vorraum des Gropius’schen Direktorenzimmers gestanden und und Gouachen. Auch Möbel, die Albers am Bauhaus entwarf, sind muss derart beladen gewesen sein, dass sich noch heute Abdrücke in den Originaldielen nachweisen lassen. Mit archäologischem in Modena zu sehen. [ i k e ]

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Geschick konnten die Maße nun rekonstruiert werden und das Regal wiederentstehen. Die Albers Foundation in B e t h a n y lässt den Klassiker aus Eiche nun in Connecticut nachbauen und vertreibt ihn über die Hamburger Firma Klein & More auch in Deutschland. Allerdings hat das gute Stück einen stolzen Preis: 6.000 Euro muss dem Bauhausliebhaber sein wohlgeordnetes Zeitschriftenarchiv wert sein. [ i k e ] «In A s p e n lernte er [ 3 ] die klare und funktionale Gestaltung der Bauhausbewegung kennen, wie sie von Herbert Bayer in den Gebäuden und Wohneinheiten, in der Sans-Serif-Typografie und in den Möbeln des Aspen Institute umgesetzt worden war. Wie seine Mentoren Walter Gropius und Ludwig Mies van der Rohe glaubte auch Bayer, dass es zwischen Kunst und angewandtem Industriedesign keinen Unterschied geben sollte. Der modernistische internationale Stil, wie ihn das Bauhaus vertrat, lehrte, dass Design einfach, aber expressiv sein solle. Er betonte mit seinen klaren Linien und Formen Rationalität und Funktionalität. Zu den Grundsätzen von Mies van der Rohe und Gropius gehörten ‹Gott liegt im Detail› und ‹Weniger ist mehr›. Wie bei den Eichler-Häusern war hier künstlerische Vernunft mit der Eignung zur Massenproduktion verbunden. Jobs sprach bei einem Vortrag auf der Aspen-Konferenz 1983 über seine Begeisterung für den Bauhausstil. Das Tagungsthema lautete damals: ‹Die Zukunft ist nicht mehr, was sie einmal war.› Und Jobs sagte im großen Konzertzelt des Geländes die Ablösung des Sony-Stils durch die Einfachheit des Bauhausstils voraus. ‹Gegenwärtig beherrscht der Hightechstil von Sony das Industriedesign — metallgrau, vielleicht auch mal schwarz, ziemlich komische Details›, so Jobs. ‹Das ist einfach. Aber es ist nicht großartig.› Die Alternative, die er vorschlug, berief sich auf den Bauhausstil und sollte Funktion und Wesen der Produkte eher entsprechen. ‹Wir wollen, dass unsere Hightechprodukte auch so aussehen, und dafür bekommen sie ein Gehäuse mit klaren Linien. Sie werden kompakt sein, weiß und ansprechend, so, wie die Elektronik von Braun.›» (Walter Isaacson: Steve Jobs: Die autorisierte Biografie des AppleGründers. Aus dem Amerikanischen von Antoinette Gittinger, Oliver Grasmück, Dagmar Mallett, Elfi Martin, Andrea Stumpf, Gabriele Werbeck. C. Bertelsmann Verlag, 704 Seiten, 24,99 Euro) [ a k u ]

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Die ‹Bauhausstadt› Te l A v i v (mehr dazu auf Seite 34 in diesem Heft) hat ihr Kunstmuseum mit einem spektakulären Anbau [ 4 ] ergänzt. Das fünfstöckige Gebäude von Preston Scott Cohen, das sich angeblich an der ‹Bauhaustradition› der Weißen Stadt orientiert, wird mit einer Ausstellung von Werken des deutschen Künstlers Anselm Kiefer eröffnet. Bauhaus ist hier fürs Erste indes nicht zu sehen. Das 1932 im Haus des ersten Bürgermeisters von Tel Aviv, Meir Dizengoff, gegründete Museum blickt auf eine spannende Geschichte zurück — hier hatte am 14. Mai 1948 Premierminister David Ben-Gurion die Gründung des Staates Israel verkündet. Dem New Yorker MoMA verwandt, zeigt das um einen Skulpturengarten ergänzte Haus eine Mischung aus Design, klassischer und zeitgenössischer Kunst. 2004 zeigte man hier die von Nitza Metzger Szmuk kuratierte Schau The White City — Tel Aviv’s Modern Movement, die viel zum Mythos von der Bau hausstadt in den Dünen beitrug. [ a k u ] Sie gehörte zu den bedeutendsten Textilgestalterinnen am Bauhaus: Benita Koch-Otte (1892–1976). Von ihr stammt unter anderem der große Knüpfteppich im Weimarer Direktorenzimmer. Die gebürtige Stuttgarterin, die eigentlich Lehrerin für Zeichnen und Turnen war, kam 1920 nach Thüringen, um in der Weberei und im Vorkurs Johannes Ittens die ersten Bauhaujahre mitzuerleben. Anders als ihre Kommilitonin Gunta Stölzl zog sie 1925 nicht nach Dessau weiter, sondern folgte Gerhard Marcks an die Kunstgewerbeschule Burg Giebichenstein in Halle, wo sie die Handweberei-Werkstatt leiten sollte. Eine gemeinsame Ausstellung des Bauhaus-Archivs Berlin, der Klassik Stiftung Weimar, der Stiftung Moritzburg in Halle und der Burg Giebichenstein Kunsthochschule Halle wird ab 20. April 2012 in We i m a r und ab 16. Juni in B e r l i n an die Künstlerin erinnern. Gezeigt werden zahlreiche Textilentwürfe, farbige Bildideen für Teppiche sowie Blätter, die Einblicke in die textilen Entwurfs- und Herstellungsprozesse geben. [ i k e ]

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