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miss universum

b E KENN T n ISSE

Bastien Girod Nationalrat Grüne

was ich mag

An der Afterparty vom Mos-Def-Konzert im Submercer, Soho: Das Jackett ist von der neuen Calvin-Klein-Kollektion, die jetzt so voll in Neon macht, wurde mir erzählt. Glaube ich. Über den Drink wurde mir auch was erzählt, aber das weiss ich auch nicht mehr genau.

Oh, I love your butt! Amerikaner sind ja gross im Komplimente machen. So gross! Riesengross. Schuhe, Brille, Pulli, meine Sachen sind AWESOME, das awe mehr gestöhnt als gesprochen. Sie LIEBEN!!! meine Sachen. Mit drei Ausrufezeichen. Ich wusste gar nicht, dass ich einen so exquisiten Geschmack habe. In der Umkleide fürs Yoga dann machte eine, Oh, I LOVE your tattoos!!!, und ich dachte mir, ja Mensch, ist ja eigentlich eine schöne Sache, Unbekannten aus dem Nichts heraus Komplimente machen, vielleicht sollte ich auch damit anfangen, und when in Rome, do as the Romans do, und ich sagte: Oh thanks, and I LOVE your butt! (Ich arbeite noch an den finalen zwei Ausrufezeichen.) Denn sie hatte wirklich einen wunderschönen Hintern. Rund, gesund und fröhlich. Ein Hintern, der seinen evolutionären Job mustergültig erledigte, Mitarbeiter des Monats, ein Bild von ihm im Büro der Natur. Eine wahre Freude, hinter ihm Yoga zu machen, ganz im Gegenteil zu dem jener Magersüchtigen, ihr Hintern sieht aus wie ein Altmännermund ohne Gebiss drin, eingefallen, unbrauchbar, ihr ganzer Körper ist bedeckt von feinem Flaum, ein letzter, fast rührender Versuch ihres Organismus, den Laden warm zu halten. Ich sah sie in einem Café, wo sie Milchschaum ass. Ein ganzes Glas voll Milchschaum, sie ass ihn konzentriert, es war eine Mahlzeit. 34 —

Zurück zum schönen Hintern: Es ist ziemlich schwierig, die Reaktion auf mein Kompliment zu beschreiben, es war eine Mischung aus Zusammenzucken, Versteifen, Fluchtweg suchen, Lächeln aufsetzen und Oh, thank you (ohne Ausrufezeichen! Ganz übel!) sagen und flüchtig Hintern anfassen, jedenfalls mit dem eindeutigen, unmissverständlichen Subtext, dass es total inappropriate ist, so etwas zu sagen. In dem Moment begriff ich die Regeln des Komplimentierens in diesem Land: Man darf alles beklatschen, was erworben ist. Käufliches. Zugelegtes. Bloss natürliche Dinge, das geht zu weit, das ist privat und intim. Ich glaube, es ging nicht darum, dass ich einer Frau ein Kompliment für ein sexuell konnotiertes Körperteil gemacht habe. Ich bin sogar ziemlich sicher, dass ich in der Yoga-Umkleide zu einer mit operierten Brüsten sagen könnte, Oh, I LOVE your boobs!!!, und sie würde sie packen und drücken und Oh, thank you!!! jubeln. Wir haben es hier also mit einem seltsam pervertierten Verhältnis zu Konsum zu tun: Erworbenes dient zwar idealerweise auch hier der Darstellung der Persönlichkeit gegen aussen, aber intim ist nur, was naturgegeben ist. Was eigentlich komisch ist, denn mal ernsthaft: Die Tatsache, dass die Frau Uggs und ein HelloKitty-T-Shirt trug, ist ja wohl unendlich viel privater als ihr Hintern. michele.roten@dasmagazin.ch

Da s m ag a z i n 03/2 0 0 9 b ilder Michèle Roten; Dominic Büttner (pixsil.com)

Müesli. Spaghetti Pesto Rosso. Hiltl, Kobal, Rosso. Espresso im Glas. Die leichte Nervosität vor einer Rede. Viermal zehn Klimmzüge zwei- bis dreimal in der Woche. Kampf der Argumente. Die Grösse, anderen manchmal Recht zu geben. Grosse Bäume umarmen. Die Badekultur im Bad Engadina Scuol. Unsere Berge. Amy MacDonalds Stimme. Die Multifunktionalität des iPhone. Mich in Zukunftsstudien vertiefen. Die Dünenlandschaften Hollands. Nur in Holland: Hagelslag auf Weissbrot. Den Nabendynamo und das LEDLicht meines Velos. Die erste Snowboardabfahrt durch den Tiefschnee. «Rosalie» von Bligg. Mit Modellen die Umwelt und die Gesellschaft beschreiben. Diskussionen, die der Sache auf den Grund gehen. Neue praktische Wörter wie natelieren. was ich nicht mag

Wenn man unter die Gürtellinie schlägt. Wenn man die Botschaft meint und den Boten schlägt. Leben nach dem Motto «Nach mir die Sinnflut». Irgendetwas im Kaffee ausser Kaffee. Argumente, die nur zur Verteidigung des eigenen Interesses erfunden wurden. Alle gefährlicheren Waffen als ein Schweizer Sackmesser. Obwohl sie auch zur Natur gehören: giftige Tiere sowie Insekten, die Krankheiten übertragen. Schlechte Stimmung – egal wo.

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